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Margaret Epp

Sarah und die verlorene Freundschaft

Band 3 1


Sarah und die verlorene Freundschaft

Epp, Margaret: Sarah und die verlorene Freundschaft. – Steinhagen: Samenkorn 2012. Englische Ausgaben: Epp, Margaret: The Princess Rides A Panther. – Chicago: Moody Press 1970. Epp, Margaret: Sarah and the Lost Friendship. – Wheaton: Victor Books 1979. Die Rechte auf das Original liegen inzwischen bei Margaret Epps Erben. Die deutsche neue Übersetzung und Publikation im Verlag Samenkorn erfolgte auf freundliche Genehmigung von Gerald und Ruth Epp, Waldheim, Saskatchewan, Kanada. Frühere deutsche Ausgabe: Epp, Margaret: Sarah und ihre Freunde . Übers. von Eva Bornhütter. Neuhausen/Stuttgart : Hänssler 1995. © der vorliegenden deutschen Übersetzung 2012: Samenkorn e. V., Liebigstr. 8, 33803 Steinhagen Die Bibelzitate erfolgen nach der Schlachter Version 2000. Übersetzung: Johanna Wiebe und Naemi Fast Illustrationen: Irina Schulz, teilweise nach Vorlagen von Robert G. Doares Satz: Jakob Penner Titelbild: Irina Schulz Umschlaggestaltung: Jakob Penner, Nelly Hildebrant Druck und Bindung: CPI books, Ulm, Germany

ISBN: 978-3-86203-079-8

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Inhalt 1. 2. 3. 4. 5. 6.

Der erste Schultag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Zwei Briefe für Sarah . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 Ein Ritt und eine Rettung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Von Gänsen und Mrs. Gerrick . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Ein Schatten über dem Murmeltiertag . . . . . . . . 55 Ein Botschafter des guten Willens und ein gefährliches Haustier . . . . . . 69 7. Stuart fasst sich ein Herz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 8. Frühling – und ein Samstagsausritt . . . . . . . . . . . 95 9. Sarah und Susan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 10. Der 31. März . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121

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Sarah und die verlorene Freundschaft

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1. Der erste Schultag

1. Der erste Schultag

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anchmal wünscht man sich sehr, dass etwas Bestimmtes passiert und es geschieht tatsächlich. Und dann wünscht man sich von ganzem Herzen, es wäre nicht passiert. Genau das erlebte Sarah Naomi Scott. Es war der 4. Januar 1926 – der erste Schultag im nagelneuen Jahr. Für Sarah begann der Tag mit einer goldenen Kugel, die sie frech anschien. Sie runzelte die Stirn und verzog das Gesicht: es half alles nichts. Da verwandelte sich die Kugel plötzlich in ihre geblümte Lampe auf dem Nachttisch. Oh! Mutter war wohl schon oben gewesen, um die Lampe anzuzünden und Sarah aufzuwecken. Und sie hatte nichts gemerkt! Da drang Mutters Stimme zusammen mit dem Geruch von kochendem Haferbrei nach oben. „Sarah? Sarah Scott? Bist du wach? Denk dran, die Schule fängt heute an.“ Oooh! Aaah! Sarah gähnte. Sie streckte sich, zuckte aber mit den Armen sofort wieder unter die Decke. Brr! Das Zimmer war eiskalt – und ihre Kleider außer Reichweite. Wie sollte sie sich da anziehen? Schule! Der 4. Januar. Die Ferien waren vorbei. Keine Nachbarn mehr, die zu jeder beliebigen Zeit, sei es zum Mittag- oder 5


Sarah und die verlorene Freundschaft

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1. Der erste Schultag

Abendessen vorbei kommen und stundenlang bleiben. Spiele wie Scharade oder „Taler, Taler, du musst wandern“ spielen, einfach beisammen sitzen, Geschichten erzählen oder um das Harmonium versammelt singen. Die Weihnachtsferien waren die besten Ferien, die Sarah je erlebt hatte, wenn da nicht eine Sache gewesen wäre. Sarahs Schwes­ ter Kathleen war nun verheiratet und lebte im weit entfernten Kalifornien. Sie hatte wegziehen und den ganzen Spaß verpassen müssen. Man stelle sich das vor! Kein Schnee. Kein Eis. Vielleicht konnten Herbie und sie Äpfel kaufen und Popcorn machen, aber es war doch nicht dasselbe. Es war nicht wie Zuhause, wo man den ganzen Tag auf dem Teich Schlittschuh laufen oder im Licht der Millionen funkelnden Sternen auf den Weiden, dem gigantischen Strohhaufen, den Bäumen und Felsbrocken am Bach, den Abhang hinunter rodeln konnte. Und schließlich war diese Weihnachten die ganze Zeit Keith, Sarahs gut aussehender großer Bruder, zuhause gewesen! Er war von Zuhause weggelaufen, als Sarah erst vier Jahre alt gewesen war. Und jetzt war er seit weniger als zwei Wochen wieder da. Manchmal hatte sie den Eindruck, er und sie seien schon ihr ganzes Leben lang Freunde gewesen. Mit ihm hatte man viel Spaß – normalerweise. Sein Husten wurde von Tag zu Tag besser und – „Sarah Naomi Scott! Was ist nur heute mit dir los? Muss ich nach oben kommen und dich anziehen?“, rief Mutter. Oh oh! Mutter meinte es ernst! Sarah sprang aus dem Bett, stürzte sich auf den Kleiderhaufen, schnappte sich ihre Mokassins und hetzte über den knarrenden Boden. Es war so kalt, dass ihre nackten Fußsohlen brannten. Sie blies einmal kräftig in die Lampe. Aus. Dann hüpfte sie aus der Tür und die Stufen hinab, wo ihr Wärme entgegen schlug. Mutter stand am Herd und schüttelte den Kopf über Sarah. Am Küchentisch saß Stuart allein und aß Frühstück. Er musste sich auf den Weg nach Blakely machen. Als Sarah gerade ins Wohnzimmer 7


Sarah und die verlorene Freundschaft

stürmte, kamen Vater und Robbie mit einem Schwall kalter Luft und vier Eimern schäumender Milch zur Küche herein. „Na, du Trödlerin?!“, rief Robbie. „Du solltest dich besser beeilen!“ Sie kicherte und schlug die Wohnzimmertür zu. Ooh! Herrlich war es hier, herrlich und warm. Sie brauchte keine Lampe, weil der Kamin Mica-Türen hatte, durch die der Feuerschein flackerte und sich über Wände und Möbel ergoss. Aber sie hatte keine Zeit zum Bummeln, jedenfalls nicht an einem Schultag. Eines fürchterlichen Tages im letzten Herbst waren Robbie und sie eine ganze halbe Stunde zu spät zur Schule gekommen! Sie wollte überhaupt nicht, dass das jemals wieder vorkam. Also quetschte und zwängte sie sich in ihre Kleider. Das kratzige Kleid – ihr bestes vom letzten Winter – zog sie über die Flanellsachen. Dann die schweren Socken und die elastischen Strumpfbänder – Uh! Waren die eng! Als letztes kamen die Mokassins. Die schnürte sie mit zitternden Fingern, weil sie das Schnurren der Milchschleuder schon langsamer werden hörte. Wenn Vater damit fertig war, sollte sie besser schon ordentlich angezogen auf ihrem Platz sitzen. So lief es nun einmal bei den Scotts. Aber Raulederschnallen durch kleine Löcher zu quetschen war gar nicht so einfach. Da! Endlich war sie fertig! „Fast nicht geschafft“, sagte Robbie streng, als sie auf ihren Stuhl glitt. „Genug, Robbie“, erwiderte Mutter ruhig. Dann flüsterte sie halbleise: „Sarah, dein Haar ist so knotig wie ein Mäusenest!“ Dann wurden alle still, um zuzuhören wie Vater das Morgenkapitel las. Sogar Stuart, der schon halb auf dem Weg nach Blakely war. Er sank auf einen Stuhl nahe der Tür, wo die Jacken und Mäntel an Haken hingen. Eine Lampe stand in der Mitte des Tisches. Ihr Feuer wärmte Sarahs Stirn und Wangen. Sie warf ihr Licht auf Vaters und Mutters Gesichter und auf Keiths Hand, die sein Gesicht abschirmte. 8


1. Der erste Schultag

Vater las einen Psalm. (Sehr gut, dachte Sarah. Die Psalmen waren meistens nicht so lang wie andere Kapitel in der Bibel.) Dieser begann mit „Ich will den Herrn preisen allezeit, Sein Lob soll immerzu in meinem Mund sein“ und ging weiter bis„Als dieser Elende rief, hörte der Herr und half ihm aus allen seinen Nöten.“ Ein Diamant blitzte und rollte langsam Keiths Wange hinunter, fiel auf seine Strickjacke und funkelte Sarah an. Ein seltsames Gefühl überkam sie – es war warm, traurig und glücklich zugleich. Keiths Hand blieb unbewegt und Sarah wusste nicht, ob jemand von den anderen es bemerkt hatte. „Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist; wohl dem, der auf Ihn traut!“, las Vater gerade. Sarah senkte ebenso wie alle anderen den Kopf, als Vater betete. Er betete für jeden von ihnen – für Kathleen und Herbie im fernen Kalifornien, wo Herbie studierte, um eines Tages Prediger zu sein. Er betete auch für alle hier. Seine Stimme klang heiser, als er dafür dankte, dass Gott Keith wieder nach Hause gebracht hatte – am meisten dankte er aber, dass Er ihn zu einem Kind Gottes gemacht hatte! Als sie die Köpfe hoben, war der Diamant verschwunden. Über dem Waschbecken schrubbte Sarah kurz Hände und Gesicht und fuhr mit dem Kamm ein paar Mal durch ihr Haar. Mutter würde die Knoten später heraus kämmen müssen. Keith neckte sie, als er ihr etwas vom Haferbrei gab. Und Mutter brachte Becher voller heißer Milch für Sarah und Robbie. „Esst und dann raus mit euch!“, sagte sie. „Eure Eimer mit dem Mittagessen sind fertig gepackt. Was für eine Schande, wenn ihr das neue Schuljahr mit einer Verspätung beginnt.“ Nachdem das Frühstück gegessen und Mutter ihr Haar in Ordnung gebracht hatte, zwängte Sarah sich in ihren Mantel. Einen Moment lang sah sie verzweifelt an sich herunter. Mutter hatte den Saum erst vor zwei Monaten herausgelassen, aber so sah es gar nicht mehr aus. 9


Sarah und die verlorene Freundschaft

Auf dem Weg zur Tür grinste Robbie: „Ichabod Crane“, sagte er neckend. Nun war Sarah zwar nicht in der achten Klasse wie Robbie, aber sie wusste alles über Ichabod Crane, den Landschulmeister, über den Washington Irving geschrieben hatte, den, dessen Hände meilenweit aus den Ärmeln heraus baumelten. „Sei du bloß ruhig, Robbie Scott!“, jammerte Sarah. „Ich kann nichts dafür, dass mein Mantel so klein ist.“ Sie hatte gebettelt ihren neuen anziehen zu dürfen – ein Weihnachtsgeschenk von Keith. Er war aus grau meliertem Tweed, mit Kragen und Ärmelaufschlägen aus Fell! Einfach sehr elegant, auch wenn es nur weißes Hasenfell war. Man konnte so tun, als sei es Hermelin, wie bei den Rittern und ihren Damen aus früheren Zeiten. Erwachsene sind schon komisch. Mutter hatte „Nein“ gesagt und nochmal „Nein!“ Sehr streng. Nun aber sah sie Sarah ganz seltsam an. Hinter ihr am Tisch hatte Vater die Hände wie ein Tipi geformt, um dahinter seinen Mund zu verstecken. Seine Augen darüber funkelten und seine Schultern zuckten kaum merkbar. Nur Keith grinste sie offen an. „Du trägst deinen neuen Mantel“, bestimmte Mutter. „Bei diesem muss ich sehen, was ich machen kann. Und beeile dich, Kind. Ist das Robbie am Gatter? Lass Wally nicht in der Kälte warten.“ Sarah wühlte nach ihrem neuen Federkasten, den Schulheften und der Schiefertafel. Sie griff die Sachen mit ihrer behandschuhten Hand und rannte nach draußen, wo Wally, das Schulpferd, schon ungeduldig mit den Hufen scharrte. Sarahs Fäustlinge waren rot und passten nicht zum Mantel. Dasselbe galt für die Mokassins und die Überschuhe. Aber das machte nichts – zumindest nicht so viel. Sarah sprang auf den Schlitten, steckte das Büffelfell um ihre Knie fest und zog den Mantelkragen nah an ihre Wangen. Er war so weich und gemütlich! Innerhalb kürzester Zeit waren ihre Wimpern steif gefroren und als der Wagen sich in den Wind drehte, schlug 10


1. Der erste Schultag

die Kälte ihr scharf ins Gesicht. Aber außer im Gesicht war ihr so warm wie es wärmer nicht hätte sein können. Unterwegs redeten Robbie und sie nicht viel miteinander. Er hatte gepfiffen, als er ihren Mantel gesehen hatte, aber jetzt war sein schwerer Mantelkragen hochgeschlagen und sein Kinn darin vergraben, und sein Gesicht war vom Fahrtwind bläulich rot gefärbt. Breit, spiegelglatt und glänzend von den vielen Schlittenfahrten während der Feiertage lag der Weg vor ihnen. Trotz Wallys schwerfälligem Trott kamen sie ordentlich voran. Wenn man so niedrig saß, kam einem das Tempo fast schnell vor. Und heute bildeten sich an Wallys Hufen kleine Schneebälle, die nach links und rechts wegflogen. An Kurven verfiel er in einen steifen Galopp, und jedes Mal, wenn der Schlitten dann einen weiten Bogen beschrieb, lief Sarah ein Schauer nach dem anderen über den Rücken. Vielleicht hatte Wally einfach genug von faulen Ferientagen und er war froh wieder in die Schule laufen zu dürfen, selbst wenn das bedeutete, dass er dann den ganzen Tag im dunklen Stall stehen musste. Irgendwie war Sarah auch froh. In nur ein paar Minuten würde sie ihre Freundin Susan Gerrick sehen, die gleichzeitig auch Kathleens Schwägerin war. Und es würde eine Lehrerin mit einem neuen Namen geben. Keine neue Lehrerin, aber einen neuen Namen. Miss Haliday war jetzt Mrs. Grant Millar. Während der Ferien hatte sie Grace Millars Bruder in Ontario geheiratet. Das war eine der neuen Sachen. Die andere war Sarahs Mantel. Wenn die Schule nicht gut genug beheizt war am Morgen dieses ersten Schultags, dann würde sie ihn vielleicht, nur vielleicht, die ganze erste Stunde anbehalten dürfen! Sie näherten sich der letzten Kurve vor der Schule und Wally fing an zu galoppieren. Viel zu spät bemerkte Robbie die Schneewehe, die sich hinter dem Tor auftürmte. Und dann ging alles ganz schnell. Eben hatte Sarah noch behaglich eingemummelt mit Tafel und den anderen Sachen in ihren Fäustlingen dagesessen, bereit jeden Moment vom Schlitten zu springen. Und im nächsten Augenblick 11


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1. Der erste Schultag

fiel sie mit dem Gesicht nach unten hustend und keuchend längs in den Schnee. Der Schnee blendete sie. Sie machte verzweifelte Schwimmbewegungen mit den Händen, weil sie immer tiefer in dem Schnee versank. Sie hörte Splittern und Schreie. Etwas krachte gegen sie, stieß sie flach auf den Boden und schürfte über sie. Als sie hustend und spuckend endlich den Kopf heben konnte, sah sie Wally über Schneehügel klettern. Schnee klebte an seinen Flanken und der Schlitten, den er zog, bewegte sich seltsam, weil die Deichsel gebrochen war. Aber das war noch nicht das Schlimmste. Ihre Schiefertafel war in tausend Stücke zerbrochen. Die Schulhefte waren zerrissen und tropfnass. Ihr schöner neuer Federkasten war aufgesprungen und die Buntstifte, Bleistifte, Bleistifthalter und Radiergummis lagen verstreut im Schneedurcheinander. Aber auch das war noch nicht das Schlimmste. Am rechten Ärmel ihres neuen Mantels, da wo es jeder sehen musste, klaffte ein großer dreieckiger Riss. Das kann nicht wahr sein. Das darf nicht wahr sein, dachte Sarah wie betäubt. Mit einem tauben Gefühl kniete Sarah nieder und sammelte die zerbrochenen Buntstifte ein (die neuen, die sie von Robbie zu Weihnachten bekommen hatte). Irgendwie konnte sie nicht mehr klar sehen. Wie sehr sie sich wünschte, ihr Mantel hinge noch im Schrank zuhause. Sicher, neu und schön. Er würde nie, nie wieder aussehen wie früher „Sarah? Sarah, Liebes, hast du dich verletzt?“, hörte sie eine besorgte Stimme. Es war die Stimme der Lehrerin, warm und mitfühlend. „Oh, meine Liebe! Schade um den Mantel. Aber wir werden später sehen, was man mit dem Ärmel machen kann. Komm mit! Bist du sicher, dass du nicht verletzt bist?“ 13


Sarah und die verlorene Freundschaft

Als sie aufzutreten versuchte, bemerkte sie, dass sie verletzt war – ein bisschen. Ein Knie war aufgeschürft. Es fing an, fürchterlich zu brennen, und Sarah war froh, dass sie eine Entschuldigung für ihre Tränen hatte, als sie die Stufen hinauf hinkte. Miss Haliday – nein, Mrs. Millar – war sehr nett zu ihr. In der Mädchengarderobe legte sie einen Wattebausch mit kühlender Salbe auf ihr Knie, damit der Strumpf nicht über die wunde Stelle reiben konnte. Aber Susan Gerrick – Sarahs Freundin – sagte: „Warum trägst du überhaupt deinen guten Mantel? Mutter erlaubt mir das nie. Sie sagt, eine gute Hausfrau würde das nie zulassen.“ „M-meine M-Mutter kü-kümmert sich g-gut um u-uns“, sagte Sarah und ihre dunklen Augen funkelten durch die Tränen. „S-so g-gut wie d-deine, Susan Gerrick! D-da ha-hast du‘s!“ „Schschschsch, Liebes“, sagte die Lehrerin beruhigend.„Susan, läutest du bitte die Glocke für mich?“ Als sie wieder allein in der Garderobe waren, lächelte sie Sarah an und flüsterte: „Er wird wirklich wieder wie neu aussehen. Ich meine das ernst. Glücklicherweise ist er aus Tweed und glücklicherweise ist meine Mutter eine professionelle Kleiderflickerin-“ „Aber-aber sie ist doch weit weg, in Ontario!“ Mrs. Millar lachte. „Sie hat sich große Mühe gemacht, mir ihre Kunst beizubringen. Vertrau mir. Warte ab und du wirst sehen.“ Die Glocke läutete. Die Mädchen strömten die Treppe von unten hinauf und die Jungen kamen von draußen herein gerannt. Sie streiften die Jacken und Mäntel ab und warfen die Überschuhe auf ihren Platz. Klappernd landeten die Henkelmänner an den Haken und die Bücher polterten auf die Pulte. Dann wurde es still und die Braeburner Schüler standen aufgereiht in den Gängen, die Achtklässler hinten und die anderen Klassen vorne. Wie vier unregelmäßige Trittleitern standen sie der Lehrerin gegenüber. „Guten Morgen, Jungen und Mädchen“, sagte sie. „Guten Morgen Mrs. Millar!“, kam die Antwort im Chor. 14


1. Der erste Schultag

Manche sahen verlegen drein. Einige grinsten. Einige dachten nicht mit und sagten „Miss Haliday -“, wurden rot und kicherten verlegen. Sarah stand auf dem linken Fuß, den rechten leicht angewinkelt, und war mit ihren besorgten Gedanken ganz bei ihrem Mantel. Würde die Lehrerin ihn wirklich flicken können? So gut wie neu, hatte sie gesagt. Aber Sarah traute sich nicht zu hoffen. In der ersten Stunde war es schwer sich zu konzentrieren, obwohl Lesen ihr Lieblingsfach war. In der Pause war der Mantel aus der Garderobe verschwunden. Weil Sarah nicht draußen spielen konnte, bat die Lehrerin sie, die Bücher und Regale in der Bibliothek abzustauben. Das war etwas ganz besonderes. Gewöhnlich wurden nur die Achtklässlerinnen von der Lehrerin gebeten das zu übernehmen. Im Raum war es still. Sarah konnte das Rufen und Schreien vom Schulhof hören, wo die Schüler Räuber und Gendarm spielten. Und sie hörte die Lehrerin leise am Telefon reden. „Bitte, Liebling“, hörte Sarah sie betteln. Man stelle sich vor, Grant Millar „Liebling“ zu nennen! „Ich weiß, dass du das kannst.“ Grace Millar sagte immer, dass ihr Bruder wunderbar nett und schlau wäre, dass er einen Haufen Bücher las und sooo einen Haufen Sachen über die Natur wusste. Aber er war irgendwie schüchtern und hatte buschige Augenbrauen, die über der großen Nase zusammenwuchsen. Die Leute hatten ihn nie für voll genommen – bis Miss Haliday gekommen war und ihn geheiratet hatte! „Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann“, hörte Sarah sie sanft sagen. Als die zweite Schulstunde begann, erlebten sie alle eine Überraschung. Eigentlich war es in Wirklichkeit mehr ein Schock. Grant Millar war in die Schule gekommen! Mit geröteten Wangen stellte die Lehrerin „meinen Ehemann“ den Schülern vor und ging aus dem Raum. Sarah, die halb ahnte, was passieren würde, hörte das 15


Sarah und die verlorene Freundschaft

Klirren der Zugketten, als die Lehrern weg fuhr und ihre Schüler dem großen, schüchternen Farmer überließ. Aber er hielt sich wacker. Wenn die großen Jungen vorgehabt hatten, ihn zum Narren zu halten, dann hatten sie es bald wieder vergessen. Grant Millar konnte über fünfzig Vogelstimmen nachmachen! Und er konnte Geschichten von Kojoten und Bibern, von Eulen und Falken erzählen – wahre Geschichten – und jede einzelne davon hatte sich auf seiner Farm zugetragen! Die Mädchen und Jungen saßen da und wagten sich kaum zu bewegen, bis jemand plötzlich bemerkte, dass es schon zwei Minuten nach zwölf war. Zeit für das Mittagessen! Einige streckten die Arme und schüttelten die Beine. Grant Millar erhob sich vom Platz auf dem Pult und blickte die Straße entlang, die zu seiner Farm führte. In dem Moment hörte Sarah die Zugketten klirren. Oh, lieber Herr, lass den Mantel wieder ganz sein!, betete sie und ihr Herz zog sich seltsam zusammen. Die Lehrerin stand in der Tür. „Danke, Liebling“, sagte sie atemlos. Vor allen! Dann fügte sie hinzu: „Ihr könnt jetzt gehen.“ Pultdeckel knallten und die Schüler stürmten auf den Gang, um ihre Henkelmänner zu holen. Sarah stand wie angewurzelt da. Die Lehrerin legte ihr den Mantel in die Arme, doch Sarah brauchte den Ärmel nicht anzusehen. Die Augen der Lehrerin funkelten – und das sagte Sarah genug. Der Ärmel war wieder ganz. Nur wer von dem Riss wusste und genau hinsah, konnte ihn noch schwach erkennen! Das war alles. Sarah wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Sie umklammerte den Mantel fest und wünschte, sie hätte den Mut, die Lehrerin zu umarmen. „Sie sind wundervoll! Sie sind die Beste auf der ganzen Welt!“, rief sie aus. „Da kann ich nicht widersprechen, Sarah Scott“, sagte der große Farmer lächelnd. 16


2. Zwei Briefe für Sarah

2. Zwei Briefe für Sarah

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er Westwind blies immer noch, als an diesem Tag die Schule aus war. Das einzig Gute daran war, dass Wally den Weg nach Hause nicht gegen den Wind laufen musste. Grant Millar hatte die Hälften der zerbrochenen Deichsel notdürftig zusammengebunden, sodass sie bis nach Hause halten sollten. Dann würde Vater sie reparieren. Und Sarahs Mantel war wieder so gut wie neu. Aber warum war sie trotzdem nicht glücklich? Es lag weder an der Dunkelheit noch am Schnee, der über die Fahrspur fegte. Wally trottete in der linken Spur. Von hinter seinem Rumpf konnte man nicht mehr viel erkennen. Um sie herum erstreckten sich düster weiße Felder mit verschwommenen schwarzen Flecken, wo kahle Büsche standen. Schwach erkennbare gewundene Pfade führten zu den Farmen. Man konnte im Dunklen die dicht zusammengedrängten Farmgebäude erkennen, und vielleicht ab und zu einen winzigen Lichtschimmer. Und natürlich konnte man die Hunde bellen oder vielleicht ein Kalb muhen hören. Das war ganz gewöhnlich. So war es jeden Tag. Warum war Sarah denn heute so traurig? Robbie hatte gerade ein vom Mittagessen übrig gebliebenes gefrorenes Sandwich zu Ende gekaut. 17


Sarah und die verlorene Freundschaft

„Willst du meins auch?“, fragte Sarah teilnahmslos. „Klar, wenn du es wirklich nicht willst. Hey, alles in Ordnung bei dir?“ Wie hätte sie es ihm erzählen können? Es war so eine Kleinigkeit – eine dumme Sache – eine Mädchensache. Noch nicht mal ein echter Streit. Während der Mittagspause hatte sie alleine in der Garderobe gesessen und glücklich den Ärmel befühlt als sie hörte, wie die großen Mädchen mit Susan sprachen. Sie ärgerten sie mal wieder. Man konnte Susan sehr leicht ärgern, weil sie alles furchtbar ernst nahm. Plötzlich rief Violetta Siddons: „Hey, Sarah Scott, hast du das gehört?“ Die Siddons besaßen nicht viel, nicht mal eine eigene Farm. Ihre war nur gepachtet. Sie waren wahrscheinlich die ärmste Familie in Braeburn. Doch Mrs. Siddons war ziemlich gut darin ausgefallene Namen für ihre Babys auszusuchen. Sarah fand, dass Violetta ein sehr eleganter Name war. Aber als sie heute auf Violettas Rufen in das Schulzimmer gehüpft kam, dachte sie nicht darüber nach, wie gewöhnlich ihr eigener Name klang. Das erste, was sie bemerkte, war, dass Susan Gerrick versuchte, Violetta den Mund zuzuhalten. Das größere Mädchen kämpfte ihr Kinn frei, lachte und rief: „Hast du gehört, Sarah? Susan sagt, Kathleen ist mehr ihre Schwester als deine.“ „Hab ich nicht gesagt.“ „Hast du wohl!“ „Habe ich nicht! Ich habe gesagt, dass ich fast genauso sehr ihre Schwester bin wie Sarah – irgendwie. Das habe ich gesagt.“ „Das ist doch das Gleiche“, sagte Violetta und lachte noch mehr. Sarah lachte nicht. „Wie meinst du das?“, fragte Sarah herausfordernd. „Also, sie ist eine Gerrick. Genau wie ich. Du bist eine Scott und sie ist Mrs. Herbie Gerrick. Deshalb.“ 18


2. Zwei Briefe für Sarah

Sarah sah die großen Mädchen einander zublinzeln. Einige schlugen sich auf Susans, andere auf Sarahs Seite. Nicht, dass es sie wirklich interessiert hätte, sie wollten nur ein bisschen Spaß haben. Also überraschte Sarah sie. Sie humpelte einfach weg. Keine großen Mädchen würden sie dazu bringen, mit jemandem zu streiten. Trotzdem, dachte sie, als sie auf ihren Platz schlüpfte. Trotzdem sollte Susan lieber aufpassen, was sie sagt. Die Lehrerin hatte ihr neue Schulhefte statt der zerrissenen, schmutzigen gegeben. Sarah fuhr mit der Hand über die glatten, sauberen Seiten und seufzte ein wenig. Sie mochte ordentliche Sachen, warum also konnte sie ihre Schreibsachen nicht so ordentlich halten wie Susan ihre? Diese Susan! Gerade las sie einen Brief laut vor – einen Brief von Kathleen. Sarah hatte ihn bereits gelesen. Er war nichts anderes als ein netter Schwägerinnen-Brief. Es hatte Sarah vorher nicht das Geringste ausgemacht. Aber jetzt hatte sie plötzlich dieses prickelige Gefühl unter der Haut. Susans Stimme wurde höher und irgendwie leiernd, so wie immer, wenn sie in der Klasse vorlas. Sie hatte nie einen besonderen Ausdruck. „Meine liebe, kleine Schwester“, las sie. „Wie geht es dir heute? Herbie und ich haben uns sehr über deinen Weihnachtsbrief gefreut. Herbie möchte wissen, ob die Hennen diesen Winter gut legen. Und wie viele Kühe gekalbt haben und wie viele Eimer Milch ihr im Schnitt am Tag melkt. Sind die Preise für Eier und Sahne stabil? Denk dran, wir sind an jedem Detail interessiert ...“ Langsam wurde Sarah ungeduldig. Da kam die Lehrerin und scheuchte alle Mädchen nach draußen, bis auf Sarah, die wegen ihres aufgeschürften Knies drinnen bleiben durfte. Sie humpelte in die Bibliothek und verbrachte den restlichen Nachmittag fröhlich mit Jo March und ihren Schwestern. Es war jetzt schon das zweite Mal, dass sie„Betty und ihre Schwestern“ las. 19


Sarah und die verlorene Freundschaft

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2. Zwei Briefe für Sarah

Sie konnte sich nicht recht entscheiden, wen von den vier sie am liebsten mochte. Meg auf keinen Fall – sie war zu erwachsen und gesittet. Amy auch nicht – sie war irgendwie eingebildet. Beth musste man einfach lieben, und Jo war diejenige, über die man lachen konnte. Eigentlich war Sarah in recht guter Stimmung gewesen, so lange sie in der Schule war. Warum war sie jetzt so schlecht gelaunt? Sarah wünschte, Wally würde sich beeilen, aber er blieb bei seinem schläfrigen Trott. Plötzlich klang ein vertrautes Bellen scharf durch die Luft. Spencer! Sie waren fast zuhause. Der Hof war erfüllt von grauer Dunkelheit, verschwommenen Umrissen, die sich bewegten, und leisen, vertrauten Geräuschen. Da war das Quietschen der Windmühle, der Wasserschwall, der sich in den Trog ergoss, das Knarren der Kuhhacken und das Knirschen des Schnees unter ihren Hufen, das Klirren der Zugketten und das Schnauben der Pferde. Vater war gerade von Blakely gekommen. Sarah sah, wie er Prinz und Kapitän zum Stall führte. Sarah hüpfte vom Schlitten – sie vergaß beinahe zu humpeln – und hüpfte über den Hof zum Haus. Das warme, gelbe Licht aus der Küche schien ihr willkommen heißend die Arme entgegen zu strecken. Wie Sarah geahnt hatte, war Mutter entsetzt, als sie vom Unfall und dem gerissenen Mantelärmel hörte. Als sie die geflickte Stelle sah, konnte sie nicht glauben, wie schlimm es wirklich gewesen war – bis sie den Ärmel herausdrehte und die Flickarbeit untersuchte. Sie schüttelte ihren Kopf auch über Sarahs aufgeschürftes Knie und meinte, es sei wohl das Beste, wenn Sarah heute Abend im Haus blieb. Aber das passte Sarah überhaupt nicht. Sie liebte die gemütliche Zeit mit Keith. „Vater hat dir zwei Briefe aus der Stadt mitgebracht“, sagte Mutter beinahe bittend. 21


Sarah und die verlorene Freundschaft

Zwei? Der eine musste von Linda Bolton und der andere von Kathleen sein! Sarahs Finger zitterten, als sie den zweiten Briefumschlag aufriss. „Meine liebe, kleine Schwester“, lautete der Anfang. Genau wie bei Susan, dachte Sarah dumpf. Dann liebt sie Susan vielleicht genau so sehr wie mich. Vielleicht sogar mehr. Ach, nein. Aber sie würde vielleicht Susans Briefe lieber mögen, denn Sarah würde nicht einmal im Traum daran denken, davon zu schreiben wie viel Milch sie bekamen und über die Preise von Eiern und Sahne. Das waren überhaupt nicht die Dinge, von denen sie Kathleen erzählen wollte! Sarah steckte den Brief ungelesen weg und öffnete den zweiten. Sie überflog die Seite. Linda lernte gehen. Ganz wirklich! Linda war ihre beste Freundin, die jetzt in Ontario lebte. Sie war vor einigen Jahren an Kinderlähmung erkrankt und hatte seitdem schlaffe Stoffpuppen-Beine. Nun, jetzt also nicht mehr! Sarah vergaß von ihrem wunden Knie. Mit dem Brief in der Hand wirbelte sie im Kreis und rief: „Linda kann laufen – sie kann laufen – sie kann laufen!“ „Bist du dir sicher?“, fragte Mutter. Vater, der gerade herein kam, sagte: „Preist den Herrn!“ „Sie ist zwei Schritte gelaufen“, erklärte Sarah stolz. Linda hatte hinzugefügt, dass sie flach auf ihr Gesicht gefallen war, als sie versucht hatte, den dritten Schritt zu machen, aber sie schrieb es so, dass es sich wie ein Scherz anhörte. Und bald würde sie wirklich laufen können. Sarah wusste es einfach. Sie war so glücklich wegen Linda, dass sie den ganzen Weg zur Scheune mit Keith darüber schnatterte. Die Laterne schaukelte zwischen ihnen beiden. Sie erzählte ihm von dem Mädchen, das bei Tante Jane Bolton auf der benachbarten Farm gelebt hatte. Vielleicht hatte Keith das alles schon gehört, aber manchmal kann man nicht anders, als alles noch einmal zu erzählen. Das Laternenlicht fiel auf den grauen, fest getretenen Pfad im Schnee, auf Sarahs Glockenrock, der aus Vaters abgetragenen 22


2. Zwei Briefe für Sarah

Overalls gemacht war. Ihre glänzenden Gummiüberschuhe blinkten im Licht während sie den Weg entlang schritt. Ihr Knie schmerzte noch, aber nicht mehr so sehr. Wie immer zur Melkzeit war es in der Scheune dämmrig, warm und feucht. Fleckchen, die Henne, saß – ebenso wie immer – auf Brindles Rücken. Die Kuh war sozusagen ihr Fußwärmer! Die beiden waren Freunde. Zweimal hatten die Scotts versucht, Fleckchen mit den anderen Hennen im Hühnerhaus einzusperren. Aber sie hatte sich den ganzen Tag so nah wie möglich an die Tür gekauert, traurig klagende Laute von sich gegeben und sich geweigert Eier zu legen. Auch Brindle war ganz rastlos ohne sie gewesen. Also hatte Vater beschlossen, dass Freunde zusammen gehörten. Jeden Abend saß Fleckchen auf Brindles Rücken und jeden Tag legte sie ihr Ei in Brindles Futterkrippe. Sarah beeilte sich immer das Ei herauszufischen, bevor Robbie die Krippe mit Kuhfutter füllte. Warme Scheunen sind besonders gemütlich an Winterabenden. Man hört die Pferde mit den Hufen stampfen, während sie die Hafergarben auseinander scharren und mit starken Zähnen die Halme zermalmen. Und da sind das leise Muhen des neugeborenen Kalbes in seiner Box, und der schwere Atem der Kühe und das Zischen der Milchstrahlen, die auf den Schaum treffen. Sarah wurde mit der Zeit richtig gut im Melken. Aber Brindle ließ sich auch gut melken, sie gab ihre Milch ganz leicht. Leise pfeifend trug Vater Häcksel zu den Pferden. Stuart, der gerade aus der Schule in Blakely zurückgekommen war, schirrte Hyazinthe ab. „Nun, Prinzessin“, sagte Keith. (Außer Vater war er der einzige, der sie so nannte.) „Womit bist du beschäftigt?“ „Ich? Beschäftigt? Ich – ich – melke ...“ Er lachte. „Ich meinte eigentlich, worüber du nachdenkst. Du bist so still.“ Dann seufzte er. „Weißt du was, Schwesterchen? Ich wünschte, ich wäre wieder so alt wie du.“ 23


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2. Zwei Briefe für Sarah

„Zehn Jahre? Aber warum, Keith?“ Als er nach einer Weile antwortete, war der lachende Ton aus seiner Stimme gewichen. „Dann hätte ich diesmal meine Zeit nicht verschwendet. Glaub mir, diesmal würde ich die Schule fertig machen.“ „Aber ...“, sagte Sarah, von der Idee gleichzeitig verwirrt und fasziniert, „aber es gibt nicht mehr als ein diesmal, oder?“ „Du hast Recht! Und was bedeutet das für mich? Dass ich eine Niete bin, ein Versager!“ Oh nein, dachte Sarah. „Ich war schon fast fertig mit der Schule – und dann habe ich alles weggeworfen. Und jetzt ist es zu spät“, sagte Keith. Zu spät – was für ein trauriger Gedanke. Da durchfuhr Sarah eine aufregende Idee. Es war noch nicht zu spät! Nicht wirklich. Es musste nicht zu spät sein. Schließlich war er immer noch am Leben und konnte lesen! Und aus Büchern konnte man alles lernen! „Nun ...“, sagte Keith und stand auf. „Das wär‘s dann hier. Ich bin fertig, und du?“ „Fertig.“ Von der Idee schwirrte ihr der Kopf so sehr, dass sie den Hocker so kräftig stieß, dass er in die Abflussrinne fiel. Sie selbst und der volle Milcheimer wären beinahe hinterher gefallen. Aber Keith fing sie auf und hielt sie fest. „Na sowas. Alles in Ordnung?“ Sie vergaß ganz Danke zu sagen. „Keith, könntest du sie jetzt beenden, oder? Ich meine die Schule. Alles, was du wissen musst, steht doch in den Büchern, nicht wahr? Warum ...“ Keith lachte auf.„In meinem Alter? Wo sollte ich da anfangen?“ „Also ...“, sie sah ihn hilflos an. „Einfach hier ... Jetzt.“ Er stand da, mit zwei Eimern schäumender Milch in den Händen und dem Laternenlicht, das sich in seinen Augen spiegelte, und starrte sie an. Da bemerkte Sarah Vater, der hinter ihnen aufgetaucht war. Er hatte angefangen, ihre Mütze zu streicheln, 25


Sarah und die verlorene Freundschaft

weil er ihr Haar nicht streicheln konnte! Und das tat er nur, wenn er mit ihr zufrieden war. Als er anfing zu sprechen, sprach er jedoch mit Keith: „Das könnte die Antwort sein, Keith. Stuart hat noch alle seine Bücher und er würde dir gern die schwierigen Dinge erklären. Der Rektor auch – oder sogar deine Mutter. Wenn man nicht zu stolz ist...“ „Zu stolz zum Lernen?“, fiel Sarah ihm erstaunt ins Wort. Keith sah lächelnd zu ihr herunter. „Lernst du gern?“ „Ich würde alles am liebsten – ich würde es gern verschlingen“, sagte sie. „Ich möchte mit dem Lernen nicht aufhören. So lange ich lebe!“ Vater lachte. „Gut gesagt“, sagte er, nahm die Laterne vom Haken und gab der Schiebetür einen Schubs mit dem Ellenbogen. Auch das Quietschen der Rollen gehörte zu den vertrauten allabend­lichen Geräuschen. Dann gingen sie zum Abendessen ins Haus. Die Küche war vollgestopft, weil Mutter genäht hatte. Das heißt, Mutter hatte einen von Großvater Murrays Übermänteln herausgekramt und die Nähte von Sarahs altem Mantel aufgetrennt, um ihn als Vorlage zu verwenden. Aber es schien nicht so gut zu gelingen. Großvaters Mantel bot zwar genug Material, aber irgendwie passte es trotzdem nicht. Zum einen sah es nicht wie ein Kleidungsstück für ein kleines Mädchen aus. Und dann sagte Mutter, dass die Taschen und Knopflöcher alle an der falschen Stelle wären. Plötzlich stöhnte sie, raffte das ganze Zeug zusammen, stopfte es in einen Karton und klopfte sich den Staub von den Händen. „Ich gebe auf“, sagte sie. Es schien Sarah, als würden alle ein wenig aufatmen. Sobald Mutter eine knifflige Nähaufgabe in den Händen hielt, schienen die Dinge Zuhause nicht mehr ganz so gut wie sonst zu laufen. Und es würde Tage über Tage dauern, den Mantel zu nähen! „Bedeutet das, dass ich den neuen Mantel anziehen darf?“, fragte Sarah hoffnungsvoll. (Der alte war ja ganz auseinander getrennt!) 26


2. Zwei Briefe für Sarah

„Das nehme ich wohl an“, sagte Mutter. „Aber mach ihn nicht morgen gleich wieder kaputt.“ „Aber das war doch nicht ihre Schuld“, meinte Robbie großzügig. „Wenn einer ausgeschimpft werden muss, bin ich das. Ich habe die Schneewehe nicht rechtzeitig gesehen – und schon sind wir drüber gefahren.“ Es wurde keiner geschimpft. Vater wechselte das Thema indem er fragte, was Kathleen geschrieben hatte, so dass Sarah nicht drum herum kam, den Brief zu lesen. Er war gar nicht so schlecht! Nicht ein einziges Wort von Sahne - oder Eierpreisen im ganzen Brief. Obwohl Kühe schon darin vorkamen: „Weißt du noch, wie wir an meinem Hochzeitsmorgen die Kühe zusammengetrieben haben? Ich denke oft daran. Wir haben darüber gesprochen, wie man dem Herrn Jesus folgt, wohin Er uns auch führt. Erinnerst du dich? Nun, Er hat Herbie und mich an diese Schule geführt und wir sind sehr glücklich. Natürlich tut es uns leid, dass wir Keith nicht wieder kennenlernen können. Umarme unseren großen Bruder fest von mir, ja?“ Es war ein reizender Brief, drei Seiten lang und voller „Weißt du noch?“. Während des Abendessens – es gab Rindereintopf mit Röstkartoffeln und eingemachten Tomaten – sprachen sie über den Brief und über die neueste Idee, dass Keith wieder zur Schule gehen sollte. Eigentlich würde er nicht zur Schule gehen, sondern Zuhause lernen. Stuart war wie elektrisiert. Er würde helfen und der Rektor ebenso, da war er sich sicher. Vielleicht sogar noch andere – so wie Louise Thatcher ihm während der Aussaatzeit letzten Frühling geholfen hatte! Sarah hatte den Eindruck, dass heute Abend alle besonders fröhlich waren. Vielleicht weil alle ein bisschen besorgt wegen Keith gewesen waren, weil es nichts Wirkliches gab, womit er sich beschäftigen konnte. Außer die Bibel zu lesen – und das tat er viel. Aber er war noch nicht kräftig genug um Vater beim Holzhacken zu helfen. Das Leben war jetzt so anders für ihn. 27


Sarah und die verlorene Freundschaft

Einmal hatte Sarah zufällig mit angehört, wie Vater Mutter von dem Tag erzählte als Keith Christ wurde. Er war direkt aus seinem Bett aufgestanden, so schwach wie er war, war zum Ofen gegangen und hatte die Zigarettenpackung ins Feuer geworfen. Seitdem hatte er kein einziges Mal mehr geraucht. Doch zwei Mal in dieser Woche war Sarah aufgewacht und hatte gehört, wie er zum Wassereimer tappte und in langen Zügen das kalte Wasser trank. Vater und Mutter waren ebenfalls aufgewacht und Sarah hatte Stimmengemurmel gehört bis sie wieder eingeschlafen war. Als sie Vater danach gefragt hatte, hatte er geseufzt und gemeint, dass schlechte Gewohnheiten nicht einfach zu brechen seien und dass sie alle für Keith beten müssten, damit er siegreich bleibe. Er kämpfte einen guten Kampf. Als Sarah an diesem Abend in ihr raschelndes Strohbett krabbelte, konnte sie den Rest der Familie in der Küche miteinander reden hören. Glücklich ging sie in Gedanken den Tag durch. Es war ein langer, langer Tag gewesen. Sie war fast zu spät aufgestanden (ein Morgenmuffel zu sein, war wohl ihre schlechte Gewohnheit, nahm sie an) – und hatte in letzter Minute den neuen Mantel angezogen – und der fürchterliche Moment, als sie den zerrissenen Ärmel sah – und die freundliche Lehrerin, die den Riss so schön geflickt hatte – und Grant Millar, der so viel Interessantes über die Natur erzählte – und Susans Brief – Plötzlich waren alle fröhlichen Gedanken wie weggeblasen. Diese Susan Gerrick! Wie konnte sie denken, dass Kathleen mehr ihre Schwester war, nur weil sie denselben Familiennamen trugen! Sarah seufzte. Susans Brief von Kathleen war nicht einmal annähernd so schön wie ihrer. Mit angenehmen Gedanken an den „Weißt du noch“- Brief schlief Sarah schließlich ein.

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