Margaret Epp
Sarah und der Pelikan
Band 2
1
Sarah und der Pelikan
Epp, Margaret: Sarah und der Pelikan. – Steinhagen: Samenkorn 2011. Englische Ausgaben: Epp, Margaret: The Princess and the Pelican. – Chicago: Moody Press 1968. Epp, Margaret: Sarah and the Pelican. – Wheaton: Victor Books 1977. Die Rechte auf das Original liegen inzwischen bei Margaret Epps Erben. Die deutsche neue Übersetzung und Publikation im Verlag Samenkorn erfolgte auf freundliche Genehmigung von Gerald und Ruth Epp, Waldheim, Saskatchewan, Kanada. Frühere deutsche Ausgaben: Epp, Margaret: Die Prinzessin und der Pelikan. Übersetzt von Mien Snitselaar. – Wuppertal: Brockhaus 1969. Epp, Margaret: Sarah schlägt sich durch. Übersetzt von Karin Jagemann. – Neuhausen-Stuttgart: Hänssler 1994. © der vorliegenden deutschen Übersetzung 2011: Samenkorn e. V., Liebigstr. 8, 33803 Steinhagen Die Bibelzitate erfolgen nach der Schlachter Version 2000. Übersetzung: Johanna Wiebe Bearbeitung: Naemi Fast Illustrationen: Irina Schulz, teilweise nach Vorlagen von Robert G. Doares Satz: Jakob Penner Titelbild: Irina Schulz Umschlaggestaltung: Jakob Penner, Nelly Hildebrant Druck und Bindung: CPI books, Ulm, Germany
ISBN: 978-3-86203-037-8 2
Inhalt 1. Aufregende Erntezeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 2. Ein widerwilliges Cowgirl . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 3. Linda versteht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 4. Einer nach dem anderen geht . . . . . . . . . . . . . . 37 5. Eine ganz besondere Hochzeit . . . . . . . . . . . . . 48 6. Versteigerung bei Tante Jane . . . . . . . . . . . . . . . 59 7. Eine Kostprobe der Unabhängigkeit . . . . . . . . . 71 8. Schneesturm im Oktober . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 9. Acht Zehen – und ein Willkommen . . . . . . . . . . 94 10. Die Prinzessin als Detektiv . . . . . . . . . . . . . . . 104 11. Die Geschichte des Pelikans . . . . . . . . . . . . . 115
3
Sarah und der Pelikan
4
1. Aufregende Erntezeit
1. Aufregende Erntezeit
D
as war September. Die Brise, die über das Fensterbrett in das Schulgebäude von Braeburn schlüpfte, roch nach Rauch. Das kam von dem Waldbrand im Norden. Und sie hörte sich an wie Summen. Das kam von den Dreschmaschinen, die um die Wette das Getreide mähten. Selbst wenn sie noch meilenweit entfernt und außer Sichtweite waren, konnte man sie deutlich hören. Die spitzbübische Brise wehte herüber zu Sarah Naomi Scotts Platz. Sie zeichnete gerade die Umrisse der Karte von Südostasien. Die Brise hob das Blatt an, Sarahs Feder fiel ihr aus der Hand und schon war es geschehen: China war nur noch ein großer Klecks. Und nun kitzelte die Brise Sarah im Nacken und zerrte ihr an Kleid und Haaren. Komm ‘raus! Komm ‘raus spielen!, schien sie zu flüstern. Oh, wie gerne würde sie! Rastlos ließ Sarah die nackten Füße baumeln, wobei ihre Sohlen die Dielen unter dem Pult leicht streiften. Genauso rastlos wie die ihren waren all die andern nackten Füße im Raum. Keiner arbeitete wirklich. Eine Erstklässlerin – die kleine Stella Thatcher – war sogar eingeschlafen! Ihre rotgoldenen Locken breiteten sich wirr über die molligen Arme, die ausgestreckt auf dem Pult lagen. Robbie, Sarahs 13-jähriger Bruder, sah sehr konzentriert drein. Dabei las er „Die Schatzinsel“. Und das in der Schule! Das war aber in Ordnung, weil es zur Literatur zählte, die 5
Sarah und der Pelikan
6
1. Aufregende Erntezeit
er in diesem Jahr lesen musste. Bertie Gerrick atmete durch den Mund und kaute auf der Zunge, während er lauter Pferdeköpfe auf seine Schiefertafel malte. Johnny Siddons war auch beschäftigt – er schoss nämlich Papierkügelchen mit seinem Lineal durch den Raum. Eines landete – plop! – genau auf Miss Halidays Kopf. Sie korrigierte gerade Klassenarbeiten und schaute nicht einmal auf. „John-ny!“ Ihre Mahnung begann mit einem tiefen Ton und wurden dann ganz hoch. Das reichte völlig. Im Raum kehrte wieder die ruhelos raschelnde, atmende Stille ein. Nur die Uhr an der Wand redete weiter und starrte Sarah dabei unverwandt an: „Die-Schu-le-ist-noch-nicht-aus. Die-Schule-ist-noch-nicht-aus.“ „Hätt-est-Du-wohl-gern. Hätt-est-Du-wohl-gern.“ „Noch-zehn-Mi-nu-ten. Noch-zehn-Mi-nu-ten.“ Und so weiter und so fort. Bestimmerische alte Uhr! Warum zogen sich die letzten zehn Minuten in der Schule nur immer so hin? Am manchen Tagen schienen sie Stunden zu dauern. Heute zum Beispiel. Sarahs Gedanken hüpften schon voraus, auch wenn ihre Füße das noch nicht durften. Sie eilten schnurstracks nach Hause. Das Leben war so aufregend, und das aus verschiedenen Gründen. Zuerst einmal war da Linda, Sarahs ganz besondere beste Freundin. Schon seit einem Monat wohnte sie bei den Scotts, seit ihre Tante, Jane Bolton, die Treppe hinuntergefallen war und sich die Hüfte gebrochen hatte. Die Hüfte wurde im Krankenhaus in Paxton behandelt. Und solange hatte Sarah jeden Tag jemanden zum Spielen, der immer da war und aufregende Ideen hatte, was sie zusammen machen könnten. Linda war in so vielen Ländern gewesen. Ihr Vater war ein Diplomat und sie war in Borneo geboren. Das klang wie ein Witz, war es aber nicht. Vor einigen Monaten hatte sie Kinderlähmung 7
Sarah und der Pelikan
bekommen und seitdem hingen ihre Beine schlaff und nutzlos herunter, wie bei einer Stoffpuppe. Aber mit ihr konnte man viel Spaß haben. Wenn man sie erst etwas kannte. Zuerst … nun … Als Linda im letzten Frühjahr bei Tante Jane Bolton eingezogen war, waren die Mädchen eher wie kämpfende Katzen gewesen, die einander anfauchen und kratzen und einen Buckel machen, wenn sie sich nur sehen. Mittlerweile war das anders. Linda überraschte Sarah immer wieder. Aus Stoffresten konnte sie schicke Kleider für die Puppen nähen, die sie aus vielen verschiedenen Ländern mitgebracht hatte. Aus Papphäusern baute sie ganze Dörfer. Und aus Mehl, Salz und Wasser formte sie Heerscharen von Haustieren, die die Häuser dann bewohnten. Das war also der eine Grund. Ein anderer Grund war die Dreschzeit. Seit Tagen schon waren Vater und Stuart – Sarahs großer Bruder – weg von zuhause, weil sie in Mr. Thatchers Dreschmannschaft arbeiteten. Irgendwann in den nächsten Tagen würde das riesige Ungetüm mit seinen glänzenden schwarzen Rädern, das eine Fahne aus Rauch und Dampf hinter sich herzog, den Weg zu den Scotts hinaufstampfen. Nichts jagt einem einen solchen Schauer über den Rücken, wie das Pfeifen der riesigen Maschine. Plötzlich kam Sarah ein erschreckender Gedanke. Was, wenn die Dreschmaschine ankommt, während ich in der Schule bin? Das könnte sie einfach nicht ertragen! „Fertig mit der Karte, Sarah?“ Die Lehrerin schaute ihr über die Schulter. Sarah zuckte zusammen und ihre Feder rutschte über den Golf von Siam. Dabei hinterließ sie einen Pfad, wo gar kein Pfad hingehörte. „Oh nein“, seufzte Sarah. „Habe ich dich erschreckt? Das tut mir leid. Aber du scheinst wieder geträumt zu haben. Nun, die Zeit ist abgelaufen. Nein, tut mir leid, du kannst die Aufgabe nicht noch einmal machen.“ 8
1. Aufregende Erntezeit
Ihr chaotisches Blatt wanderte auf den Stapel der Lehrerin – direkt auf Susan Gerricks fein säuberliche Karte. „Packt die Bücher weg,“, sagte die Lehrerin „und steht auf.“ Die Pulte klapperten und die Schüler standen in vier Reihen – alle außer der kleinen Stella Thatcher. Aber als alle „Nun ist der Tag vorüber ...“ zu singen begannen, schoss der Kopf der Erstklässlerin mit einem Ruck hoch. Mit ihren pummeligen Händen rieb sie sich das Gesicht und versuchte aufzustehen, sank aber sofort wieder auf ihren Platz zurück, so verschlafen war sie. Von den Thatchers war heute sonst keiner in der Schule, also half Sarah Stella mit ihrer Brotdose und dem Schulranzen. Als Robbie mit dem klapprigen alten Einspänner angefahren kam, beschlossen sie, dass es besser wäre, Stella nach Hause zu bringen. Sonst würde sie noch bei der nächsten Gelegenheit am Straßenrand auf das Gras taumeln und weiterschlafen. Und dann würde ihre Mutter ganz krank vor Sorge werden! Aber wenn die Dreschmaschine gerade jetzt kommt und wir sind nicht da, um sie zu sehen? Stella saß zwischen den beiden, lehnte ihren Kopf an Sarahs Schulter, gähnte, blinzelte und schüttelte sich ein wenig und sagte auf der ganzen Fahrt nach Hause kein einziges Wort. Mrs. Thatcher war sehr froh, dass sie Stella gebracht hatten. Das sagte sie ihnen, während sie ihre Taschen voll mit frischen Rosinenkeksen stopfte. „Ich habe sie sowieso für deine Mutter gebacken, weil die Drescher doch als Nächstes bei euch dran sind.“ „Was? Wann denn?“, quietschte Sarah. „Heute. Soweit ich weiß, müssten sie schon da sein. Danke noch mal, dass ihr mein schläfriges kleines Häschen nach Hause gebracht habt.“ Sie warteten nicht länger. Robbie wendete in einem Kreis, der so klein war, dass der Einspänner beinahe umfiel. Er schnalzte mit den Zügeln. „Hü! Leg’ einen Zahn zu, Wally.“ 9
Sarah und der Pelikan
Wenn er musste und wenn er wollte, konnte Wally sogar mehrere Zähne zulegen. Und heute wollte er. Während sie den Weg entlang holperten, suchte Sarah die Straße zwei Meilen westlich von ihnen mit den Augen ab. Wahrscheinlich würde die Dreschmaschine der Thatchers eben diese Straße nehmen, wenn sie von den Siddons zu den Scotts kamen. Das Summen in der Luft, die flüsternde Brise und die klappernden Räder des Einspänners machten es nicht leicht, die Geräusche der vielleicht nahenden Dreschmaschine auszumachen. Das Einzige, das Sarah ihm Moment sah, waren die Hügel nördlich des Saskatchewan River. Sie wirkten heute durch den Rauchschleier ganz blau. Da sah sie plötzlich einen Strahl Rauch und Dampf, der wie eine Fahne im Wind wehte. „Da ist sie! Da ist sie! Schau nur!“, rief sie. Und sie würden noch vor ihr nach Hause kommen. Als sie noch eine Viertelmeile von Zuhause entfernt waren, kam Spencer, ihr Collie, ihnen entgegengerannt. Das tat er immer. Er rannte neben ihnen her, als der Einspänner eine halbe Minute später den Weg zu den Scotts hinaufschaukelte. Auf dem Hof sahen sie den Wagen, vor den Prince und Captain gespannt waren. Und ihre große Schwester Kathleen stand daneben, die Zügel in der Hand. „Warum seid ihr so spät?“, rief sie, noch bevor der Einspänner zum Halten kam. Und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort „Die Dreschmannschaft der Turners fängt morgen auf Tante Jane Boltons Feldern an. Das heißt, sie sind heute zum Abendbrot hier. Robbie, du sollst ...“ „Die Turner-Mannschaft?“, fragte Sarah. „Aber … aber was ist dann mit den Thatchers?“ „Wie wäre das denn!“, krähte Robbie. „Zwei Trupps auf einmal. Vierzig Männer zum Abendbrot. Oha! Das wär’s doch!“ „Die Thatcher-Mannschaft? Oh nein!“, sagte Kathleen. „Aber Vater hätte uns bestimmt Bescheid gesagt, wenn ... das muss ein Missverständnis sein.“ 10
1. Aufregende Erntezeit
Also erzählten sie ihr, was Stellas Mutter ihnen gerade gesagt und was sie selber gesehen hatten. Die Thatcher-Mannschaft war zwar noch vier Meilen entfernt, aber sie war auf dem Weg zu ihnen. „Oh nein!“, rief Kathleen erneut. Dann wirbelte sie herum und rannte zum Haus, während sie nach Mutter rief. Kathleen rannte! Erwachsene Damen rannten so gut wie nie. Zehnjährige Mädchen dagegen schon. Mit einem Satz hüpfte Sarah über das Wagen-Rad und landete auf dem Boden. Sie tätschelte Spencer nur ein paar Mal den Rücken und flog dann den Weg hinauf in die Küche. Eine halbe Minute später stand Robbie auch herein. Ausnahmsweise sagte heute niemand was dagegen, dass jeder mit den Türen knallte. Mutter war zu sehr damit beschäftigt, die Kurbel des Telefons zu drehen. Die Zentrale antwortete nicht! Und Mutter konnte kein Rufzeichen hören. Irgendetwas stimmte mit dem Telefon nicht. Kein Wunder also, dass Vater sie nicht hatte vorwarnen können. Alle plapperten durcheinander: „Seht, es wäre besser, wenn ... Lasst uns planen ...“ „In Ordnung, es reicht!“, Mutter bedeutete ihnen zu schweigen. Sie hätten genug selbst Eingemachtes für heute Abend, sagte sie. Kein Grund zur Panik also. Das würde im Handumdrehen servierfertig sein – und es war genug für alle da. „Aber morgen sind sie alle noch einmal zum Essen da“, gab Kathleen sorgenvoll zu bedenken. „Stimmt. Das bedeutet, dass wir alle mithelfen müssen. Robbie, Kathleen hat den Wagen schon fertig. Du fährst hinüber zu Tante Jane und siehst nach, ob der Kornspeicher soweit vorbereitet ist. Ich meine, Papa hätte gesagt, es sei alles fertig, aber du schaust besser nach. Mr. Heathe wird dir sicher gerne helfen. Und dann melkst du heute Abend Tante Janes Kühe. Keine Widerrede, junger Mann! Kathleen und ich werden alle Hände voll zu tun haben. Nun zur dir, Sarah Naomi. Du wirst in die Stadt fahren ...“ „Nach Blakely? Alleine?“ 11
Sarah und der Pelikan
12
1. Aufregende Erntezeit
„Das hast du doch schon einmal gemacht.“ Das hatte sie tatsächlich – ein einziges Mal. An dem Tag, als Tante Jane die Treppe hinunter gefallen und sich die Hüfte gebrochen hatte. Sarah war diejenige gewesen, die sie gefunden hatte. Linda hatte neben ihr auf dem Boden gekauert und war nicht in der Lage gewesen, ans Telefon zu gelangen, weil es zu hoch hing. Damals hatte sie in Blakely Ersatzteile für Vater besorgen müssen. Dieses Mal sollte sie Lebensmittel einkaufen, und die braune Einkaufsliste war ungefähr einen Meter lang! „Du und Wally müsst euch aber beeilen, damit ihr noch rechtzeitig vor Ladenschluss in der Stadt seid. Kathleen, lass uns das Abendessen planen.“ Sarah spähte kurz in das Wohnzimmer. „Wir sehen uns später. Muss in die Stadt“, rief sie wichtig und schwenke dabei die Einkaufsliste. Wally war an einem Zaunpfosten angebunden. Es gefiel ihm gar nicht, dass sie ihn vom Hof trieb und nach Westen lenkte. Blakely lag von ihrer Farm gesehen eigentlich südöstlich. Aber wegen des Baches, der sich durch das untere Ende des scottschen Weidelands wand, musste man zuerst westlich fahren, dann nach Süden und schließlich nach Osten. Lustlos zuckelte Wally den Weg entlang. Sie kamen gerade an der Auffahrt der Slocums vorbei, als Sarah eine gewagte Idee in den Kopf kam. Nun, nicht alle ihre Ideen erwiesen sich immer als gut. Manchmal brachten sie sie bis über beide Ohren in Schwierigkeiten. Aber diese – nun, diese schien wirklich gut zu sein. Mrs. Slocum mit ihren wirren Haaren und der dröhnenden Stimme hatte ein Herz so groß wie die ganze Welt – das sagte Mutter zumindest immer. Und die Slocums hatten einen Ford! „Nun, Süße“, rief Mrs. Slocum, nachdem Sarah die Situation erklärt hatte,„du hast genau das Richtige getan. Und jetzt hör zu. Du und ich, wir werden in die Stadt flitzen und diese ------ Lebensmittel besorgen. (Manchmal benutzte Mrs. Slocum Worte, die bei den Scotts 13
Sarah und der Pelikan
zuhause nie benutzt wurden). Dann flitzen wir durch die Gegend und werden organisieren. Deine Ma braucht Hilfe und die soll sie kriegen – oder ich will nicht mehr Mabel Slocum heißen. Binde also dein Pferd an und hüpf’ in die Blechkiste. Ich bin gleich da.“ Also flitzen sie beide zusammen. Sarah grinste den ganzen Weg lang. Schließlich sauste sie nicht jeden Tag mit 35 Meilen pro Stunde herum! Außerdem machte sie Mrs. Slocum glücklich, indem sie sie helfen ließ. Und in Jensens Laden erledigte die stämmige Dame ganz pfiffig den gesamten Einkauf. Mr. Jensen wurde immer gemächlicher, weil er so alt war. Außerdem schwatzte er gerne mit seinen Kunden. Heute gab Mrs. Slocum ihm deutlich zu verstehen, dass ihr Einkauf große Eile hatte. Aber – sie änderte so vieles! Das machte Sarah Sorgen. Vater war nicht so reich, wie andere Leute. „Eingemachte Bohnen mit Schweinefleisch – hmmmmmmmm – sechs große Dosen? Mach’ zwölf daraus, Ralph. Eine Kiste Äpfel – gib mir lieber zwei ...“ Und so ging es in einem fort. Zwei Kisten Zwetschgen, zwei Pfund Kokosraspeln, zwei Pfund Walnüsse, fünf Pfund würziger Cheddarkäse, hundert Pfund Zucker, zweihundert Pfund Mehl. Wenn das so weiterging, würde der Kofferraum bis oben vollgestopft sein! Sechs Dutzend weißer Porzellantassen und Untertassen, ein halbes Dutzend Lampenglocken, Streichhölzer, zwei Laternen, neue Dochte für alle Lampen, fünf Gallonen Petroleum, Cornflakes, gleich ein Dutzend Packungen auf einmal! Für die Tische würden sie meterweise Wachstischdecken brauchen. (Aber wo sollten all die Tische stehen? Im ganzen Haus der Scotts war kein Platz für vierzig Männer auf einmal!) „Welches Fleisch will deine Ma machen?“, fragte Mrs. Slocum plötzlich. „Sie und Kathleen wollten ein paar Hühner schlachten“, sagte Sarah. 14
2. Ein widerwilliges Cowgirl
„Leg’ noch zwei Schinken dazu – die größten, die du hast, Ralph“, sagte Mrs. Slocum leichthin. Und das war noch nicht alles! Nachdem die Rechnung fertig war, nahm sie ihre Handtasche und bezahlte alles bis auf den letzten Cent selber. „Aber ...“, stammelte Sarah nervös. „Jetzt mach dir keinen Kopf deswegen“, dröhnte Mrs. Slocum. „Deine Pa und Ma haben ihren Teil an nachbarschaftlicher Arbeit schon erledigt, indem sie die täglichen Arbeiten auf Jane Boltons Farm übernommen haben. Das machen sie schon seit einem Monat. Wird Zeit, dass wir anderen auch unseren Teil dazu beitragen.“ Nach Hause zu flitzen war ein noch größerer Spaß. Etwa alle fünf Minuten hielten sie an einem Hof, der am Weg lag. Mrs. Slocum war mitten am Organisieren. Fast alle Frauen versprachen etwas zu backen, zu kochen oder zu kommen und einen halben Tag oder so zu helfen. Trotz all der Aufregung war Sarah ein kleines bisschen traurig. Sie würde die Ankunft der Dreschmaschine verpassen. Aber schließlich hatte man nicht jeden Tag die Gelegenheit zu einer Fahrt in einem Ford!
2. Ein widerwilliges Cowgirl
A
ls Mrs. Slocum und Sarah an Tante Janes Auffahrt vorbeituckerten, ließ Robbie gerade die Kühe aus dem Stall. Als Nächstes musste er die Milch durch die Zentrifuge laufen lassen, dann die Maschine auswaschen und die Sahne ins Kühlhaus bringen. Dann würde er noch die Kälber füttern müssen ... Also verpasste auch er die ganze Aufregung zuhause. Und er hatte noch nicht einmal eine Autofahrt als Trost. Armer Robbie. Von allen Aufgaben, die 15
Sarah und der Pelikan
auf einer Farm anfallen, fand er das Kühemelken am Schlimmsten. Das sei Mädchenarbeit, sagte er. An der Auffahrt der Slocums kletterte Sarah aus dem Auto und lief den Weg zu Wally und dem Einspänner hoch. Mrs. Slocum brauste flitzte mit den Lebensmitteln und anderen Einkäufen zu den Scotts. Sarah lauschte auf das Geräusch der Dreschmaschine. Zuhause war nur eine halbe Meile von hier entfernt und eigentlich müsste man diesen Riesenmotor deutlich hören können. Aber ihr Herz hämmerte laut vom schnellen Laufen und der ganzen Aufregung. Vielleicht konnte sie deshalb nichts anderes hören. Wally trabte jetzt bereitwillig vorwärts. Spencer musste das Klappern seiner Hufe und das Rattern der Räder gehört haben, denn er jagte ihnen jaulend und mit seinem buschigen Schwanz wedelnd entgegen. Sarah konnte ihr Zuhause schon sehen. Sie konnte den Bach und den vor sich hin modernden alten Strohhaufen sehen. Da sollten jetzt eigentlich die Dreschwerkzeuge stehen. Taten sie aber nicht. Ein mulmiges Gefühl überkam sie. Wenn das nun alles ein Missverständnis war – wenn Mrs. Thatcher sich nun geirrt hatte – oder wenn Robbie und sie selber Mrs. Thatcher falsch verstanden hatten – wenn Mrs. Slocum nun alle Hilfe organisiert hatte, aber keine Dreschmannschaft würde kommen! Vielleicht die ganzen nächsten Tage nicht! Sarahs Finger zitterten, als sie Wally ausspannte und auf die Weide laufen ließ. Beim Gartentor stand Mrs. Slocums Wagen. Die Lebensmittel waren alle noch darin – der ganze kleine Berg. Sarahs Herz rutschte ihr noch tiefer. Sie rannte am Auto vorbei und den Weg nach oben. In einer Minute würde sie es wissen. In der Diele stand sie still und lauschte atemlos. „Mach dir ja keine Sorgen, Sheila Scott“, dröhnte Mrs. Slocums laute Stimme. „Alles ist unter Kontrolle.“ „Nun, das ist sehr nett ...“, setzte Mutter an. 16
2. Ein widerwilliges Cowgirl
„Was wir jetzt noch entscheiden müssen – ist es einfacher, einmal für alle vierzig oder zweimal für jeweils zwanzig Männer zu kochen?“, sagte Mrs. Slocum. Sarah atmete erleichtert auf. Es war kein Missverständnis. Die Dreschmaschine würde kommen. Aber warum war sie nicht schon da? Sie schlitterte in die Küche, auf dem Linoleum, das sich kühl und glatt unter ihren Füßen anfühlte. „Einige Frauen“, sagte Mrs. Slocum gerade, „dachten, dass du vielleicht einverstanden wärest, dass sie für die Turner-Mannschaft drüben in Jane Boltons Küche kochen ...“ Eine nachdenkliche Stille breitete sich im Raum aus. Sarah zweigte sich ein winziges Stück Keksteig ab und lutschte daran. Sie wusste genau, wie Mutters Gedanken gerade rasten. Es würde einfacher sein, wenn nur ein Trupp zu ihnen käme. Aber Tante Jane war etwas eigen mit ihren Sachen. Andere Frauen vielleicht nicht. Aber sie würde sich ärgern, wenn ihre Sachen in Unordnung gerieten. „N-nein“, sagte Mutter. „Ich denken, wir schaffen es hier. Wir haben uns entschieden, die Klapptische draußen aufzustellen und auf gutes Wetter zu hoffen. Das Mittagessen und das Abendbrot können wir draußen servieren, das Frühstück für die ThatcherMannschaft hier drinnen und für die Turner-Mannschaft auf dem Feld bei der Maschine. Es ist so nett von euch Fra-“ In diesem Augenblick bemerkte sie Sarah. „Nun, Sarah! Du hast wohl gedacht es sei Zeit für eine deiner Sarah-eilt-zur-Hilfe-Aktionen, was?“ Aber Mutter klang nicht ärgerlich. „Beeil dich jetzt mit dem Waschen und dem Abendessen, bis die Dreschmaschine ankommt.“ „Was ist de-g“, begann Sarah. „Dieses Kind hat ein helles Köpfchen“, flüsterte Mrs. Slocum laut. Sarah war so geschmeichelt, dass sie ganz vergaß zu fragen, warum die Maschine sich verspätet hatte. Hauptsache, sie war nicht gekommen, während sie weg war! 17
Sarah und der Pelikan
18
2. Ein widerwilliges Cowgirl
Da Linda auch nicht mit den anderen zur normalen Abendbrotzeit gegessen hatte, aßen die beiden Mädchen nun zusammen. Aber nicht am Küchentisch, denn dort lagen bereits zwölf kahl gerupfte Hühner. Sie aßen am Küchenschrank auf dem ganz ausgezogenen Brotbrett. Das war ein Spaß! Linda wollte alles über die Fahrt in die Stadt wissen. Außerdem hatte sie eine Menge Fragen über die Dreschzeit. „Das klingt alles so aufregend – und – und – so zusammen. Ich meine, ihr verrichtet alle Arbeiten irgendwie füreinander, alle wichtigen Arbeiten jedenfalls. Ich schätze mal, so ist das auf dem Land eben. Wie eine große Familie.“ Haargenau so ist es, dachte Sarah stolz und nahm einen Halbmond aus der Rosinenkeksdose. Im Moment warteten eine Menge Arbeiten darauf erledigt zu werden. Die Dreschmaschine war deswegen noch nicht gekommen war, weil sie unterwegs angehalten hatte, um noch den Hafer für Mr. Siddons zu dreschen. Sobald sie damit fertig waren, würden sie weiterziehen – und die Männer würden zum Abendbrot kommen. Gerade als Sarah und Linda mit dem Essen fertig waren, kam Robbie nach Hause. Er stopfte sich einen Apfel in die Tasche und schnappte sich zwei große Stullen – Brotscheiben mit dicken Stücken gebratenen Schinkens dazwischen. Kauend machte er sich daran, Kathleen beim Aufstellen der langen Tische zwischen Wäscheleine und Fichtenhain zu helfen. So würden sie bei Sonnenschein im Schatten stehen, und wenn es dunkel wurde, konnte man Laternen an der Wäscheleine aufhängen. Sarahs Aufgabe war es, die Laternen mit Öl zu füllen, die Lampen zu putzen, neue Dochte einzuspannen und diese zurechtzuschneiden. Gerade als sie die letzte Laterne an der Leine festgeschnürt hatte, kam Mr. Heathe die Auffahrt herauf. Mitten auf der Heuraufe in seinem Wagen thronte einsam ein riesiger alter Küchenofen! Mit Robbies und Kathleens Hilfe stellte er den Ofen in der Nähe der Tische auf. Sarah fand es lustig, wie der Herd 19
Sarah und der Pelikan
aussah, wie zusammengekauert mit dem einsamen Ofenrohr, das steil in die Höhe zeigte. Robbie brachte eine Schubkarre voll gespaltenen Holzes für das Feuer. Dann füllte er gemeinsam mit Sarah einen großen Kessel mit Quellwasser. Das war für Kaffee, Tee und zum Geschirrwaschen. So! Alles war soweit fertig, bis auf das Essen – Uuuups! Eines hätte Sarah beinah vergessen. Sie sollte die Bank aus Vaters Schmiede zur Veranda schleppen, die Waschbottiche darauf stellen und ein paar Handtücher über das Geländer hängen, damit die Männer der Dreschmannschaft dort ihre Hände waschen konnten. So mussten sie nämlich nicht alle erst ins Haus laufen, und die Frauen hatten mehr Platz. Mittlerweile kam alle paar Minuten ein Auto oder ein Einspänner die Auffahrt hinauf. Frauen kamen, um entweder Essen zu bringen oder bei den Vorbereitungen zu helfen. Die Sonne war bereits untergegangen. Die Nacht breitete sich nun wirklich aus. „Sie kommt“, johlte Robbie. Sarah wusste sofort, wer„sie“ war. Nicht eine weitere hilfsbereite Nachbarin. Das musste die Dreschmaschine sein. Sie folgte Robbies Stimme und seinen davoneilenden Schritten. Zur Leiter hinter dem Stall, die Sprossen hinauf, die sich in ihre Fußsohlen drückten, auf das raue aber gemütliche Schindeldach. Das war ihr Lieblingsausguck. Ein dünner heller Streifen war im Westen noch erkennbar. Stampfende Pferdehufen, klirrende Ketten, ratternde Wagen, rufende Männer – das war nun wirklich die Dreschmannschaft. Die Männer und die Pferde waren hungrig nach dem langen, arbeitsreichen Tag. Ihnen folgte das rhythmische Klopfen der Maschine, im gleichen Takt, in dem auch Sarahs Herz schlug. Und dann sah sie den großen schwarzen Schatten am Horizont entlang kriechen. Tuuuuuuuuuut! Die Klappe der Pfeife öffnete sich weit und Sarah zuckte zusammen, obwohl sie auf das Tuten gewartet hatte. 20
2. Ein widerwilliges Cowgirl
Es war so laut, dass sie fast taub davon wurde, aber es jagte ihr gleichzeitig wohlige Schauer über den Rücken. Da kamen sie um die Biegung, die Straße hinauf. Von Sekunde zu Sekunde wurden sie größer. Jetzt ging Vater ihnen entgegen. Man konnte genau erkennen, wo er gerade war – wegen der Laterne, die an seiner Hand baumelte. Die Erntezeit war da. Ganz wirklich. Und dieses Jahr würde alles doppelt so aufregend werden, wie sonst. Erst als Sarah wieder in die erleuchtete Küche zurück schlüpfte, fiel ihr Linda wieder ein. Es musste schrecklich sein, bei dem ganzen Spaß und der Aufregung nicht dabei sein zu können. Aber die Wohnzimmertür war geschlossen. Mutter sagte, dass Linda wie sonst auch auf der Couch schlafen gegangen sei. Es würde wohl das Beste sein, wenn Sarah es ihr gleichtun würde. Mutter bestand aber nicht darauf. Es machte Spaß, die Teller und Schüsseln voller Essen durch das offene Fenster nach draußen zu reichen, und zu beobachten, wie Kathleen umherwirbelte, hier Kaffee und dort Tee ausschenkte, während Mrs. Darnley die Teller am Herd mit Essen belud. Die Laternen, die leicht im Wind schaukelten, warfen ihr warmes rötliches Licht auf die zwanzig Gesichter am Tisch – lange Gesichter, runde Gesichter, quadratische Gesichter, die meisten mit Staubrändern um Augen und Nase. Das runde Gesicht mit dem blonden Haarwirbel gehörte Herbie Gerrick. Kathleen beugte sich gerade über seine Schulter und sagte etwas – und dann lachten sie beide. In ein paar Wochen würden sie verheiratet sein und sich auf den Weg nach Kalifornien machen! Herbie würde ein Prediger werden. Er sah gerade gar nicht danach aus, mit Streu im Haar und dem vielen Staub auf seinem Overall. Die Männer aßen, redeten, erzählten sich Witze und lachten. Und morgen würden vierzig von ihnen da sein! Sarah hatte eigentlich vorgehabt, zum Frühstück um fünf Uhr auf zu sein. Sie schlief bis um sieben. 21
Sarah und der Pelikan
Linda Bolton schlief immer noch. Also beeilte Sarah sich mit dem Essen. Sie häufte sich Cornflakes in eine Schüssel! Die bekam man in diesem Haus so gut wie nie. Die gebratenen Kartoffeln waren kalt, also nahm sie sich keine davon. Aber sie aß sie ein großes Stück frischen Kaffeekuchen, der mit saftigen, würzigen Äpfeln und Zuckerstreuseln bedeckt war. Und dann ging sie nach draußen, um den Morgen zu begrüßen. Jedes Jahr zur Erntezeit machte sie das gleiche, bevor sie zur Schule ging. Sie rannte zum Bach hinunter, ging um die große Maschine mit glänzenden Rädern herum, lief hinüber zum Kastenwagen, kletterte über das große Rad und schaukelte auf dem schmalen Trittbrett auf und ab. Von hier aus konnte man alles sehen und hören. Man konnte die Heuwagen sehen, wie sie sich über das weite Feld bewegten und hier und da anhielten, um Weizengarben zu verschlingen. Und man konnte die vollgeladenen Wagen sehen, wie sie den Hügel herunter zur Dreschmaschine fuhren, je zwei und zwei zusammen. Und die Männer, wie sie die Weizenbündel auf das Laufband warfen. Und wie die Dreschmaschine die Weizenbündel kaute und bald danach die raschelnden Weizenkörner über die Rinne in den Tank flossen, und wie das die Spreu durch das Rohr auf den wachsenden Haufen geblasen wurde. Man konnte die Maschine tuten hören, weil sie Wasser brauchte oder nach Weizengarben verlangte. Und – das war das Geheimnisvolle – wenn man die Augen schloss, verschwanden die Männer, die Pferde, die Wagen und die Dreschmaschine. Stattdessen hörte man Musik! Hundert Geigen etwa, und ein Dutzend Trommeln und ungefähr fünfundzwanzig Gitarren und Mandolinen. Sarah klammerte sich mit beiden Händen an die Kante des Kastenwagens. Die Stahlverkleidung der Kante lag glatt und kühl unter ihren Händen. Sie war gerade weit weg, schwebte auf einer Wolke und lauschte der Musik. Mit geschlossenen Augen wiegte sie sich im Takt, wie das Sumpfgras, wenn der Wind darüber strich. 22
2. Ein widerwilliges Cowgirl
Plötzlich riss sie erschreckt die Augen auf. Zwei Hände hatten sich um ihre Knöchel gelegt. Ahhh! Sie schaute hinter sich nach unten. Vater! Da stand er und lächelte zu ihr hoch. Seine Lippen bewegten sich, aber sie konnte kein einziges Wort verstehen, das er sagte. Dann streckte er ihr die Arme entgegen. Kichernd ließ sie sich hineinfallen. Das war ein Sturzflug, beinahe bis zum Boden! Aber Vater fing sie sicher auf. Er stellte sie auf die Füße und führte sie von der lärmenden Maschine weg. Er hatte Neuigkeiten für sie. Heute musste sie nicht in die Schule. (Prima!) Und – sie sollte die Kühe hüten. Die Kühe hüten!!?? „Unsere und die von Tante Jane“, sagte Vater sachlich. So als wäre das eine ganz normale Arbeit für ein Mädchen während der Erntezeit. „Wir haben für heute auf beiden Weiden die Zäune abgebaut. Wir dürfen nicht riskieren, dass die Kühe in die Kornfelder gehen.“ „Aber – Vater!“ „Früher hat Robbie diese Aufgabe übernommen. Aber jetzt brauchen wir ihn woanders. Ich weiß, dass du das schaffen wirst. Ich zähle auf dich, Prinzessin.“ „Aber – aber – Vater!“ „Kein aber mehr, Sarah, bitte.“ Etwas überkam sie. „Ich – werde – das – nicht – tun.“ Sie erschrak über ihre eigenen Worte. Und Vater, der schon im Begriff war wegzugehen, drehte sich wieder zu ihr um und sah ihr ins Gesicht. „Was habe ich da gehört?“ Man sagte nicht einfach „Ich werde nicht.“ Nicht zu Vater. Sarah wiederholte es nicht. Aber sie dachte immer noch genauso, und vielleicht hatte ihr Gesicht immer noch diesen „Ich-willnicht“-Ausdruck. „Kein Unsinn mehr, verstanden?“, sagte Vater fest. 23
Sarah und der Pelikan
24
2. Ein widerwilliges Cowgirl
Sie hatte sehr wohl verstanden. Statt im ganzen Trubel dabei zu sein, musste sie langweilige alte Kühe über eine halbe Meile Stoppeln treiben und zur Weide bringen! Etwas später brachte Robbie die Kühe von Tante Jane auch noch dazu. Insgesamt achtzehn Kühe, ein Dutzend Jährlinge, fünfzehn Kälber. Und ein unglückliches Cowgirl. Eigentlich war die Weide ein angenehmer Ort. Der gewundene Bach war an dieser Stelle weit und flach, mit viel Gras und wilden Blumen an den Ufern. Amseln mit gelben Flügeln zwitscherten, während sie auf dem Schilfrohr schaukelten, das die sumpfigen Gebiete bedeckte. Sanfte Hügel erhoben sich zu beiden Seiten des Baches, über und über bedeckt mit leuchtend orangefarbenen Prärielilien, bronzefarbenen Sonnenblumen und lila Astern, die sich im leichten Wind bogen. Hier und da standen Pappeln in kleinen Gruppen zusammen. Eigentlich war dies ein Lieblingsplatz an glücklichen Tagen. Und Kühe hüten war genau die richtige Aufgabe für einen Tag, an dem man viel zu denken hatte. Das Einzige, das man hörte, war das Kauen der grasenden Kühe. Und hin und wieder das Krächzen einer Krähe oder das übersprudelnde Lied einer Lerche. Aber heute war alles anders. Eine riesige Dampfmaschine eine halbe Meile weiter nördlich – und eine stampfende, klobige ölbetriebene Maschine eine halbe Meile weiter südlich – Wie konnte Sarah da noch irgendetwas anderes hören? Sogar Spencer hatte sie verlassen. Nachdem er ihr geholfen hatte die Kühe zusammenzutreiben, hatte er kurz ihre Hand geschleckt und war mit heraushängender Zunge und vor Aufregung wedelndem Schwanz davongetrottet. Und sie war allein geblieben – mit einem Schwarm von brodelnden Gefühlen innen drin. Die Kühe fingen an, auf die Hügel an beiden Seiten des Baches hinauf zu trotten. „Hey ihr! Kommt zurück!“, schrie Sarah. 25
Sarah und der Pelikan
Wenn man auf den Hügeln stand, konnte man Dinge sehen – und wenn sie schon nicht dabei sein konnte, wo die Dinge heute passierten, dann wollte sie auch nicht daran erinnert werden, was sie verpasste. Also marschierte sie den Hügel hinauf und achtete genau darauf, dass sie nirgendwo hinguckte. Sie lief geradewegs zur Salzlecke. Ein Schubs – und der Block rollte den Hang herunter. So! Das sollte die Kühe nahe am Wasser halten. Dann warf sie sich ins Gras und brütete finster über all die Gründe zum Unglücklich-Sein, die sie heute hatte. Es war unfair von Vater, sie hierher zu schicken mit niemandem zur Gesellschaft außer ein paar Kühen. Vielleicht sollte sie davonlaufen – zwei Tränen tropften auf das Gras und schreckten ein paar Ameisen auf. Normalerweise hätte sie gekichert bei dem Anblick, wie die Ameisen von dieser salzigen Dusche wegliefen. Aber nicht heute. Heute gab es für nichts anderes Raum, außer für Unglücklich-Sein. Sie würde davonlaufen – dann würde es ihnen leidtun. So wie bei Keith ... Als sie vier Jahre alt gewesen war, hatte ihr gut aussehender großer Bruder sein Zuhause verlassen. Er war eines Tages wütend auf Vater geworden und hatte die Tür hinter sich zugeknallt! Und seitdem hatte niemand etwas von ihm gehört. Jeden Tag betete Vater für „unseren geliebten Abwesenden“, und jedes Mal klang er dabei traurig und bedauernd. Er würde es auch bedauern, wenn sie erst mal weg war!
26