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Olaf Kormannshaus

Einander Wegbegleiter sein Aspekte der Gemeindeseelsorge

Oncken Verlag, Kassel


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Herausgegeben vom Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, Dienstbereich Gemeindeentwicklung

© 2004 by Oncken Verlag, Medien für Gemeinden, Kassel Olaf Kormannshaus, Einander Wegbegleiter sein. Aspekte der Gemeindeseelsorge 1. Auflage 2004 Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen, elektronischen und akustischen Aufzeichnung, Wiedergabe und/oder der Übersetzung nur mit schriftlicher Genehmigung des Oncken Verlages.

Oncken Verlag Postfach 20 01 52 34080 Kassel www.oncken.de Umschlaggestaltung: frank communication, Andreas Frank, Singen Titelfoto: Frank Radel, Foto Rückseite: Michael Rohde Satz: MEDIEN&DESIGN, Ulrich Edelmann, Villenbach-Wengen Drucklegung und Herstellung: AVM Marco Michaeli, Kaarst Lektorat: Nicola Bourdon M. A., Kassel Printed in Germany ISBN 3-87939-702-3 Best.-Nr. 639 702


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Inhalt Vorwort 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11

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Gegen alle Etikette (n) Einem Menschen gerecht werden Richtig, aber nicht wahr Ich hab’s doch gleich gewusst …! Wirklich geliebt – kaum zu glauben Eine dramatische Beziehung und die (un)heimlichen Mitspieler Den entgegengesetzten Impuls wagen Damit „gut“ wieder gut wird Zu viel des Guten macht träge … Die Entscheidung von heute in der Perspektive von morgen Was mir Angst macht - was Angst mit mir macht - warum Angst Macht hat: Von Panikattacken und Angsterkrankungen „Da hatten sie eine Idee“ Antreiber machen das Leben schwer Zwischen Nähe und Distanz Gemeinde als Familie?

Anmerkungen

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Anhang: 1. Das Institut für Seelsorge und Psychologie 2. Empfehlenswerte Literatur zu Themen dieses Buches 3. Hilfen bei der Suche nach Seelsorgern und Beratern in Ihrer Region 4. Bibelstellenverzeichnis 5. Stichwortverzeichnis

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Vorwort Olaf Kormannshaus ist beides zugleich, Pastor und Diplompsychologe. Die Verbindung beider Aspekte seiner beruflichen Existenz zeichnen ihn aus. Theologie und Psychologiestudium waren für ihn schon als Student keine Alternativen, sondern ergänzten einander. Damit unterscheidet er sich wohltuend von manchen Kollegen, die in einem falschen Entweder-oder der beiden Disziplinen verharren. In seiner Arbeit als Gemeindepastor in Buchholz in der Nordheide haben das die Gemeindemitglieder erlebt. In seiner Tätigkeit als Therapeut konnten Menschen erfahren, dass ihnen ein in geistlichen Dingen bewanderter Partner gegenüber tritt. Olaf Kormannshaus ist aber auch Lehrer. Seit seinem Studium ist er durch den Psychologieunterricht an der Ausbildung von Theologiestudenten beteiligt gewesen, zunächst am Theologischen Seminar des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Hamburg, das heute als Fachhochschule seinen Sitz in Elstal, westlich von Berlin hat. Dort ist er auch als Leiter des Instituts für Seelsorge und Psychologie für die Seelsorgeausbildung ehrenamtlicher Mitarbeiter in Gemeinden verantwortlich. In Seminaren führt er in den verantwortlichen Umgang mit Seelsorge und Beratung ein. Dabei baut er Brücken, indem er hilft, Ängste vor psychologischen Einsichten abzubauen und Vorurteile gegenüber der Theologie zurechtzurücken. Er will durch biblische Impulse dazu beitragen, übliche Denkansätze zu durchbrechen. Wer sich auf den Dialog mit dem Autor einlässt, lernt mit „zwei Augen zu sehen“, mit der Brille der Bibel und der Erfahrung/Psychologie. Seelsorge als Wegbegleitung: Einen eigenen Begriff für das, was wir Seelsorge nennen, gibt es im Alten und Neuen Testament nicht. Der Sache entspricht am besten das griechische Verb „parakaleo“, es weist eine große Bedeutungsvielfalt auf: herbeirufen, rufen lassen; jemanden an seine Seite rufen; ermahnen, ermutigen, bitten, trösten, freundlich zusprechen. Das Bild eines Wegbegleiters beschreibt anschaulich den seelsorgerlichen Prozess: Ein Mensch wird einem anderen im Namen Gottes zum Wegbegleiter. Für eine begrenzte Zeit gehen zwei Menschen eine Wegstrecke gemeinsam, dabei nimmt einer dem anderen nicht die Verantwortung ab, sondern er geht mit ihm. Zwischen Ermutigung und Ermahnung besteht eine positive Spannung, die sich gut im Bild einer Ellipse mit ihren beiden Brennpunkten beschreiben lässt. Mal steht das genaue, ermutigende Verstehen des 5


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andern im Zentrum (Empathie), ein anderes Mal der „Blick von außen“, durch den einer den anderen auf die Folgen seiner Einstellung oder seines Handelns aufmerksam macht (Konfrontation). Immer aber bedingen und ergänzen beide Brennpunkte einander. Seit Jahren ist der Autor Kolumnist in der Zeitschrift DIE GEMEINDE. Unter der Rubrik „Leben gestalten“ – „Gemeinde entwickeln“ können die Leser erleben, wie psychologische Einsichten ihren Alltag verändern können. Dabei bringt Kormannshaus immer wieder die Bibel ins Spiel. Hier ist vieles vorgezeichnet, das in der Betrachtungsweise der Psychologie neu formuliert wird. Olaf Kormannshaus zu diesem Buch: „Alle Ausarbeitungen gehen auf Erfahrungen zurück, Gespräche mit Menschen, seelsorgerliche Begleitungen; Erfahrungen, die im Licht der Bibel reflektiert sind. Bestimmte Erfahrungen führen zu Fragestellungen, die bekannte Bibeltexte in anderem Licht erscheinen lassen.“ Die Beiträge wenden sich nicht in erster Linie an Fachleute, auch wenn gerade sie hier lesen können, wie man den Dialog zwischen Bibel und Therapie gemeinverständlich führen kann. Die Artikel werben darum, selbst weiterzudenken und machen neugierig, eigenständig Neues zu entdecken. Erschienen sind sie in den Jahren von 1997 bis 2004. Für dieses Buch sind sie überarbeitet und an verschiedenen Stellen erweitert worden. Jedes Kapitel ist in sich abgeschlossen, auch wenn Querverweise im Text die einzelnen Texte miteinander verknüpfen. Stichwort- und Bibelstellenverzeichnis helfen dabei, das Buch immer wieder einmal zur Hand zu nehmen und es für die Gemeindearbeit fruchtbar zu machen. Die weiterführenden Informationen zum Institut für Seelsorge und Psychologie mit Literaturhinweisen und hilfreichen Internetadressen runden das Buch ab. Frank Fornaçon

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1. Gegen alle Etikette(n) Wenn wir Menschen begegnen, geschieht es fast wie von selbst: Wir vergleichen sie blitzschnell mit anderen, versuchen Typisches über sie zu erkennen, ordnen sie ein, machen uns ein Bild von ihnen und verpassen ihnen ein Etikett. Das haftet ihnen lange an. Manche wissen, was auf dem Etikett steht, weil man ihnen gesagt hat: „So einer bist du!“ Andere haben keine Ahnung, wundern sich höchstens, dass man ihnen immer in der gleichen befremdlichen Weise begegnet. Bei der Verarbeitung der vielen Eindrücke, die uns täglich erreichen, lassen sich gewisse Zuordnungen kaum vermeiden. Um einigermaßen mit der Flut der Worte, Gedanken und Meinungen zurechtzukommen, und um uns bei den vielen Begegnungen mit Menschen überhaupt orientieren zu können, müssen wir ordnen. Ordnen heißt in diesem Fall, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu suchen sowie die Meinungen der Gesprächspartner oder auch die Menschen, die uns begegnen, bekannten Gruppen zuzuordnen. So wird das Leben überschaubarer. Doch eine Gefahr ist mit solchem Ordnen verbunden. Allzu oft reduzieren wir einen Menschen auf ein Etikett und werden ihm nicht mehr gerecht. Ich erinnere mich noch ganz genau an ein Erlebnis. Vor vielen Jahren saß ich wegen einer kleinen Verletzung in der chirurgischen Ambulanz eines Krankenhauses. Plötzlich ertönte es durch den Warteraum: „Der Oberschenkel bitte!“ Damit war nicht ich gemeint, umso amüsierter konnte ich dann aber sehen, wie „der Oberschenkel“ angehumpelt kam, eine recht stattliche Erscheinung von Mensch. Im Krankenhaus werden Menschen häufiger – zumindest dem Sprachgebrauch nach – auf ihre Krankheit reduziert: „Hast du schon nach der Galle in Zimmer 17 geschaut?“ Natürlich weiß jeder, dass die „Galle in Zimmer 17“ ein lebendiger Mensch mit Hoffnungen und Ängsten, mit Gedanken und Gefühlen ist. Aber eben diesem konkreten Menschen will man gar nicht immer begegnen. „Mit 17 habe ich auch so gedacht, so ist das in diesem Alter.“ Ein Teeny wird auf sein Alter und die dazugehörigen „typischen“ Probleme reduziert. Nicht wahr-genommen wird, wie es ihr oder ihm persönlich geht: mit der Suche nach Anerkennung und Selbstwert; mit der ganz großen oder der tief enttäuschten Liebe; mit dem Gefühl, nicht verstanden zu werden oder mit den Selbstzweifeln bei den ständigen Gefühlschwankungen. 7


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Eine junge Frau, die seit dem dritten Lebensjahr an jugendlichem Diabetes erkrankt war und schon unter zahlreichen körperlichen Schädigungen zu leiden hatte, sagte einmal am Anfang einer Gesprächsreihe: „Ich weiß, dass Sie mir nicht helfen können, ich meine, dass Sie mir nicht meine Krankheit abnehmen können. Aber ich sehne mich so sehr danach, dass mich jemand wenigstens einmal zu verstehen versucht. Die Ärzte, die ich regelmäßig aufsuchen muss, sehen immer nur die Diagnose und sagen: ‚So ist das nun mal, wenn man Diabetikerin ist!’ Wie es mir persönlich damit geht, dass ich nur sehr eingeschränkt leben kann, sehen sie gar nicht.“ Sehr groß war ihre Sehnsucht nach Begegnungen, in der nicht das „Etikett“ schon alles über sie sagte, sondern sie mit ihren Gefühlen und Gedanken, Ängsten und Hoffnungen wahrgenommen wurde. In den Gesprächen mit ihr habe ich sehr intensiv erlebt, wie nahe Fragen des Glaubens und des Lebens einander sind. Empathie, also Einfühlung und genaues Verstehen, haben eine theologische und eine psychologische Seite. Um Hoffnung zu vermitteln, braucht es Gottes Wort und eine menschlich zugewandte Haltung. Lukas erzählt in seinem Evangelium sehr anschaulich von zwei Männern, die derselben Frau begegnen und sie doch völlig verschieden sehen oder geradezu entgegengesetzt „einordnen“: Lukas 7,36–50. Simon, der Gastgeber, sieht in ihr „die Sünderin“. Dieses Etikett war ihr – von wem auch immer – verpasst worden. Was Simon von ihr wahrnimmt, ordnet sich diesem Etikett zu, offenbar ist diese Zuordnung nicht „falsch“. Gegen alle Etikette betritt sie ungebeten sein Haus und lässt es - weil sie „Sünderin ist“ - unrein werden. Sie löst in einer Männergesellschaft ihr Haar, was zumindest als unschicklich galt; berührt, salbt und küsst gar zärtlich Jesu Füße (Vers 39). „Unmöglich, diese Frau! Die Sünderin!“ Simon reduziert die Frau ohne Namen auf ihr Etikett und ihr äußeres Verhalten und ist fertig mit ihr. Jesus, der Freund der Sünder (Lukas 7,34), lässt sie gewähren und nimmt völlig anderes bei ihr wahr: Ihre Sünde und ihre Liebe, sicher auch ihre Suche nach Leben und ihre Verzweiflung. Ihre Kreativität „Wie schaffe ich es, zu Jesus zu kommen?“ und ihr unkonventionelles Vorgehen. Ihren Mut, in eine Männerdomäne einzudringen; ihren finanziellen Einsatz. Kostbares Parfumöl, das man später verkaufen konnte, war in jener Zeit ohne gesetzliche Rentenversicherung eine Form der Altersvorsorge. Und Jesus erkennt schließlich ihre Sehnsucht, einmal von einem Menschen nicht verurteilt, sondern angenommen zu werden: Einfach eine tolle Frau! 8


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Wer Menschen auf ihre Sünde, aber auch auf ihre theologische oder politische Einstellung, auf ihr Geschlecht, Alter, ihren Beruf oder ihre Konfession reduziert, macht sein Etikett oft an durchaus richtigen Beobachtungen fest. Ob er damit einem Menschen gerecht wird (siehe Kapitel 2, Einem Menschen gerecht werden, Seite 11), ihm hilft, zurechtzukommen und ob dieses Etikett im biblischen Sinn wahr ist, ist eine ganz andere Frage. Denn Wahrheit, die sich auf Jesus beruft, reduziert einen Menschen niemals auf seine Sünde, legt ihn nicht fest, sondern macht frei, verhilft zum Leben und eröffnet Zukunft (siehe Kapitel 3, Richtig, aber nicht wahr, Seite 14). In einer psychiatrischen Klinik wurden in einem Forschungsprojekt den neu eingelieferten Patienten ganz willkürlich psychiatrische Diagnosen zugeordnet. Darüber informierte man die betreffenden Mitarbeiter, nicht aber die Kranken selbst. Bald begannen die Patienten, genau die Symptome zu entwickeln, die zu dem jeweiligen Krankheitsbild gehören. Daraufhin wurde das Experiment vorzeitig abgebrochen. Unsere Meinung über einen anderen Menschen, unser schnelles oder unser begründetes Urteil, auch unsere bloße Vermutung beeinflusst unser Verhalten einem anderen gegenüber und steuert indirekt sein Verhalten uns gegenüber (vergleiche „Was du denkst, erwartet dich“ am Anfang von Kapitel 4 „Ich hab’s doch gleich gewusst ...! “ auf Seite 18). Die anfangs genannten Einordnungen helfen uns zur Orientierung – und sie sind gefährlich, wenn wir nicht mehr den konkreten Menschen sehen und uns von ihm und seiner Situation berühren lassen. Was war denn nun die Sünde dieser Frau? In vielen Kommentaren und modernen Bibelübertragungen wird die Frau ganz selbstverständlich als Prostituierte bezeichnet. Anhaltspunkte für diese Einschätzung sind ihr öffentlicher Bekanntheitsgrad, ihr offensichtlicher Reichtum und ihr zärtlicher Umgang mit Jesus. Belegt ist diese Vermutung nirgends. Der Text selbst schweigt über die Art ihrer Schuld. Der ehrwürdige Bibelausleger Adolf Schlatter verweist in seinem Kommentar zum Lukasevangelium darauf, dass die Sünderin als Ehebrecherin gesteinigt worden wäre und führt weiter aus: „Am häufigsten kam eine Frau dadurch in den Ruf, sie sei Sünderin, wenn ihr Mann ‚Sünder’ war, weil er das Gesetz öffentlich übertrat und die Frau zu ihrem Manne hielt. Wenn die Frau eines frei denkenden Juden wie ihr Mann den synagogalen Gottesdienst mied, den Rabbi hasste und verlachte und die pharisäische Satzung absichtlich missachtete, war sie ‚Sünderin’.“1 Was also besagt das Etikett „Sünderin“ über einen Menschen? Es macht sich an konkretem, beobachtbarem Verhalten fest. Doch Sün9


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derinnen und Sünder sind wir alle. Somit ist solch ein Etikett für einen einzelnen Menschen hinfällig. Alle müssten es tragen. Wenn es einzelnen Menschen trotzdem verpasst wird, erfüllt es oft den Zweck, von der eigenen Sünde abzulenken. Gut, dass Jesus diese Frau nicht auf ein Etikett festgelegt, sondern ihr Zukunft eröffnet hat. „Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden!“ (Vers 50). Wenn wir in der Haltung Jesu den Menschen begegnen, die in der Gemeinde oder in unserer Gesellschaft als „reduzierte“ Menschen herumlaufen, wird es überraschende Begegnungen geben. Wir erkennen den Menschen hinter dem Etikett, und er kann aufatmen, sich aufrichten und wieder leben.

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2. Einem Menschen gerecht werden Der gerechte Vater Ein junger Mann war bei einem älteren Freund zu Gast, dessen Gerechtigkeitssinn gerühmt wurde. Er sah, wie der ältere mit seinen Kindern umging, und wunderte sich sehr. „Du sagst, dass du jedes deiner Kinder so liebst wie das andere. Nun sehe ich aber, dass du sie unterschiedlich behandelst. Wo bleibt da die Gerechtigkeit?“ „Sie besteht darin“, antwortete der Ältere, „dass ich mich bemühe, jedem Kind gerecht das zuzuteilen, was es braucht. Würde ich sie alle gleich behandeln, wäre ich wohl sehr ungerecht.“2

Als Begriff klingt „Gerechtigkeit“ in unserer Sprache mitunter recht hart. Wir unterscheiden zwischen austeilender und ausgleichender Gerechtigkeit, denken an Belohnung, häufiger noch an Bestrafung, und sagen gar „Das geschieht ihm ganz recht“. Mancher hat das Bild der römischen Göttin Justitia vor Augen: Die Waagschale in der linken, das Schwert in der rechten Hand spricht sie mit verbundenen Augen Recht und schmückt noch heute manches Eingangsportal eines Gerichtsgebäudes. Ohne Ansehen der Person soll Gerechtigkeit hergestellt, das heißt durch eine gerechte Strafe die Waagschale ausgeglichen werden. In einer Zeit, in der Ansehen und Geld die Rechtsprechung beeinflussten, war solche Gleichbehandlung aller ein enormer Fortschritt. Für viele Eltern ist Gerechtigkeit ein wichtiges Ideal für die Erziehung ihrer Kinder. Doch sollten sie nicht so schnell diesem juristischen, um Objektivität bemühten Verständnis folgen. Es lohnt sich, dem biblischen Verständnis von Gerechtigkeit nachzuspüren. Gerechtigkeit in der Bibel beschreibt keine Tugend oder Eigenschaft wie in der Antike. Sie ist keine abstrakte Rechtsnorm und hat auch nichts mit dem modernen Gleichheitsbegriff zu tun, wie er später im Zuge der Französischen Revolution proklamiert wurde: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Auch Chancengleichheit im modernen Sinn zählt nicht zu ihr, wie Gleichnisse Jesu zeigen. Die „Arbeiter im Weinberg“ (Matthäus 20,1-16) bekom11


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men alle den gleichen Lohn, einen Denar, was dem üblichen Tageslohn entsprach. Da aber einige den ganzen Tag, andere nur eine Stunde gearbeitet haben, ist die Entlohnung, nicht nur aus Gewerkschaftssicht, höchst „ungerecht“. Gerecht ist sie aus der Perspektive der Güte Gottes, der jedem gibt, was er für einen Tag zum Leben braucht. Im „Gleichnis vom anvertrauten Geld“ (Matthäus 25,14–30) vertraut ein Gutsherr seinen Dienern sein Vermögen an, er teilt aber nicht jedem dieselbe Menge Geld als Startkapital aus, sondern gibt jedem nach seinen Fähigkeiten (Vers 15). Ist das gerecht? Nicht im Sinn unseres modernen Verständnisses von Chancengleichheit, sehr wohl aber im jüdischen Sinn, nach dem individuell ein jeder bekommt, was zu ihm passt. Keiner ist überfordert, niemand unterfordert. Der Gedanke einer „strafenden Gerechtigkeit“ schließlich ist dem Alten Testament fremd. Das, was wir damit meinen, wird „Zorn Gottes“ genannt. Gerechtigkeit hat nicht die Strafe, sondern die Rettung zum Ziel. Gerechtigkeit, hebräisch „zedaka“, ist in der alttestamentlich-jüdischen Tradition kein Norm-, sondern ein Beziehungsbegriff. Gerechtigkeit ist nicht absolut einer Objektivität verpflichtet wie es in der Rechtssprechung unabdingbar ist, sondern beschreibt das Handeln Gottes. Ihm geht es nicht darum, Recht festzustellen, sondern Recht herzustellen. Gott steht treu zur Gemeinschaft mit dem Menschen und stellt trotz dessen Untreue Gemeinschaft wieder her. Aufgrund seiner „Gemeinschaftstreue“ (zedaka) können dann auch Menschen wieder in Gemeinschaft leben. „Zedaka“ ist ein Tun, in dem ein Einzelner so handelt, dass er der Gemeinschaft dient. Nicht der Analyse der Situation, sondern der Heilung der Gemeinschaft gilt Gottes Leidenschaft. Sie schließt immer die Parteinahme für den unterdrückten, benachteiligten oder in Schuld verstrickten Menschen mit ein. Sie sieht ihn ganz individuell an. Mit einer Augenbinde wäre das nicht denkbar. Das An-Sehen der Person und das Berührt-Werden im Herzen gehören schon dazu, um einem Menschen gerecht zu werden. So sind auch Gerechtigkeit und Barmherzigkeit nicht etwa Gegensätze so wie in unserer Formulierung: „Der Richter lässt Gnade vor Recht ergehen.“ Sie sind wesensmäßig eins. Gottes Gerechtigkeit ist ihrem Wesen nach barmherzig. Gott stellt Recht her und macht uns durch Christus gerecht, weil er ein Herz hat, eben barmherzig ist. Sehr schön zeigt das die Kanzel der St. Severin-Kirche in Keitum auf Sylt von 1580: Neben den Symbolen für Glaube und Mäßigung steht die Gerechtigkeit, doch Justitia trägt statt Augenbinde, Waage und Schwert ein blutendes Herz. 12


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Martin Luther hat mit seiner Formulierung „Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“ genau diese Unterscheidung zur Justitia ausdrücken wollen. Gerechtigkeit ist nicht eine Eigenschaft, in der Gott auf den Menschen reagiert, sondern etwas, das Gott dem Menschen grundlos schenkt: die neue Beziehung zwischen Gott und Mensch. Was bedeutet das für unsere Lebensgestaltung? Einem Menschen zurechtzuhelfen, verlangt weit mehr Herz, Kreativität und Engagement als in sicherer Distanz vermeintlich objektiv Recht und Unrecht zu analysieren. Es reicht nicht, bei den abendlichen Nachrichten von seinem Sessel aus „das schreiende Unrecht“ festzustellen. Das alleine stellt noch keine Gerechtigkeit her. Um einem Menschen gerecht zu werden, sind Liebe, ein sehendes Herz, oft genügend Zeit und mitunter auch Parteinahme für ihn nötig. Wer sich angesichts der zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit „neutral“ verhält, steht damit schon auf Seiten der Unterdrücker. Das ist eine Lektion, die ich vor vielen Jahren von schwarzen Christen in Südafrika gelernt habe. In der Kindererziehung wird man Geschwister nicht länger nach ihren Leistungen vergleichen und sie mit „besser“ oder „schlechter“ bewerten. Stattdessen lernt man ihre je eigene Individualität verstehen und wertschätzen. „Anders als“ wird einem Menschen mehr gerecht als „schlechter oder besser als“ und eröffnet einen liebevollen Blick für Begabungen, Unterschiede und Bedürfnisse. Gleiches gilt für den Umgang mit Mitarbeitern, Kollegen oder Freunden. In der Seelsorge wie überhaupt in der Gemeindearbeit wird man mit einer gesunden Portion Skepsis allen Methoden und gleichmachenden Rezepten begegnen. Sicherheit erlange ich nicht durch noch so gute Gesprächstechnik, Methodik oder durch Wissen über einen Menschen. Ich möchte die Augenbinde ablegen, die Waagschale und vor allem das Schwert beiseite tun. Sie haben ihren Wert und ihre Notwendigkeit in der staatlichen Rechtsprechung. In der Gemeinde sind wir aufgefordert zu spüren: Wie können wir einem konkreten Menschen gerecht werden, ihm zurechthelfen? Wir tun das im Namen Gottes, der sich auf seine Seite stellt, ihn gerecht macht und in die Gemeinschaft einlädt. Dieser Blick eröffnet einen spannenden Weg voller Entdeckungen.

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