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GLAUBE LIEBE HOFFNUNG CHRISTEN IM EINUNDZWANZIGSTEN JAHRHUNDERT
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ORTMANNRÖSLERSEIBERT
© 2009, by J. G. Oncken Nachf. GmbH, Kassel Yvonne Ortmann, Klaus Rösler und Thomas Seibert Glaube, Hoffnung, Liebe – Christen im 21. Jahrhundert Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen, elektronischen und akustischen Aufzeichnung, Wiedergabe und/oder der Übersetzung nur mit schriftlicher Genehmigung des Oncken Verlages.
Oncken Verlag Postfach 20 01 52 34080 Kassel www.oncken.de Drucklegung und Herstellung: Grafische Werkstatt, Kassel Printed in Germany ISBN 978-3-87939-015-1
Yvonne Ortmann, Klaus Rรถsler und Thomas Seibert
Glaube, Hoffnung, Liebe Christen im 21. Jahrhundert
Oncken Verlag, Kassel
Inhaltsverzeichnis Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 1 Das Mehrgenerationenhaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Gemeinde aus demografischer Perspektive (Michael Freitag) . . . . . . . . . . . . . . . 18 Die Porträts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
2 Multikulturell – vom Umgang mit dem Fremden . . . . . . . . . . . . 24 Wie gelingt die Integration von Aussiedlern und Ausländern in die deutschen Baptistengemeinden? (Michael Kisskalt) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 Die Porträts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
3 Leitbilder – der schwierige Weg, Profil zu entwickeln . . . . . . . . . 49 Auf der Suche nach einem neuen Leitbild (Dietmar Nowottka) . . . . . . . . . . . . . 60 Die Porträts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
4 Das Ehrenamt – Relikt einer vergangenen Zeit? . . . . . . . . . . . . . 72 Das Ehrenamt – ein aussterbendes Modell? (Renate Girlich) . . . . . . . . . . . . . . . 79 Die Porträts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
5 Evangelisation – zwischen Veranstaltung und Lebenseinstellung 95 Sieben Aspekte jesuanischer Evangelisation (Manfred Beutel) . . . . . . . . . . . . . 102 Die Porträts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
6 Diakonie – mitten drin statt nur dabei . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 Botschafter des Erbarmens – zur diakonischen und gesellschaftspolitischen Aufgabe freikirchlicher Gemeinden (Ralf Dziewas) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 Die Porträts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
7 Ökumene – gemeinsam unterwegs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 Gemeindesein in ökumenischer Verbundenheit (Klaus-Peter Voß) . . . . . . . . . . 158 Die Porträts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
8 Theologie – Aufgabe der Gemeinde?! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 Zum Verhältnis von Theologie und Gemeinde (Volker Spangenberg) . . . . . . . 182 Die Porträts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
9 Spiritualität – wie viel Frömmigkeit(en) verträgt eine Gemeinde? 196 Die Vielen – ein Leib (Christian Wolf ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 Die Porträts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216
10 Große Gemeinden sind speziell – kleine auch . . . . . . . . . . . . . . 217 Herausforderung kleine Gemeinde (Peter Dobutowitsch) . . . . . . . . . . . . . . . . 223 Die Porträts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249 Index – Gemeinden nach Alphabet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 284
Vorwort Seit 12 Jahren erscheinen in jeder Ausgabe des Magazins DIE GEMEINDE kurze Porträts von Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden. Über 300 sind es inzwischen geworden. Die meisten hat der Redakteur Klaus Rösler geschrieben. Diese Porträts hatten nicht den Anspruch, ein vollständiges Bild der jeweiligen Gemeinden zu zeichnen. Es sind Momentaufnahmen, manchmal passend zum Thema des Heftes, manchmal fokussiert auf nur ein Ereignis des Gemeindelebens. In diesem Jahr feiern Baptisten zwei Jubiläen. Vor 400 Jahren entstand die erste Baptistengemeinde überhaupt – und vor 175 Jahren die erste Baptistengemeinde in Deutschland. Vor allem das deutsche Jubiläum war für den Oncken-Verlag ein Grund, zu überlegen, die Gemeindeporträts in einem Sammelband zu veröffentlichen. Schließlich spielt sich das wirkliche Leben im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) in den Ortsgemeinden ab. Für den Historiker wäre eine solche Sammlung sicher ein reizvolles Unternehmen gewesen, aber kein Projekt für die (baptistische) Allgemeinheit. Natürlich stellte sich auch die grundsätzliche Frage, ob man diese Momentaufnahmen unkommentiert noch einmal abdrucken kann – wo sich doch manchmal innerhalb ganz kurzer Zeit Verhältnisse stark ändern. In einem längeren Gesprächsprozess hat der erste Impuls sich verändert. Die Theologin Yvonne Ortmann hat die Porträts noch einmal unter der Perspektive gelesen, ob sich in ihnen Themen widerspiegeln, die auch für die Zukunft freikirchlicher Gemeinden in Deutschland relevant sind. Man könnte es einen induktiven Ansatz nennen, der den meistens gewählten Weg, Gemeinden durch ein von außen erstelltes Raster zu beleuchten und zu beschreiben, verlässt, und nach dem fragt, was Gemeinden bewegt. Bei diesem Verfahren sind wir auf zehn Themenkomplexe gestoßen. Zehn Themen – zehn Kapitel. Jedes Kapitel beginnt mit einer Einführung von Yvonne Ortmann. Sie gibt einen Überblick, wie sich die Themen in den Porträts spiegeln. Für diese Darstellung hat sie die Gemeinden noch einmal befragt. Was hat sie im Zusammenhang mit dem Thema damals bewegt – und wie stehen sie heute dazu? Ein spannendes Unterfangen, da ihre Nachfragen in einigen Gemeinden dazu führten, dass vor allem die leitenden Mitarbeiter selbst über das Thema und seine Relevanz für die Gemeinde ins Gespräch kamen. Die Darstellungen von Yvonne Ortmann werden durch Expertenbeiträge ergänzt. Wir haben einige Fachleute gebeten, ihre Perspektive zu dem jeweiligen Thema aufzuschreiben. Dabei ging es nicht darum, die Porträts zu bewerten, sondern eine eigene Sicht zum Thema zu formulieren. Den Abschluss jedes Kapitels bilden einige 4
Gemeindeporträts, die beispielhaft für den Umgang mit dem Thema stehen. Diese Gemeindeporträts haben wir unverändert nachgedruckt, aber um eine Aktualisierung der Fakten ergänzt. Aktuelle Fotos der porträtierten Gemeinden finden sich im Anhang, außerdem ein Index, um gezielt nach einzelnen Gemeinden suchen zu können. Lange haben wir über den Titel dieses Buches nachgedacht. Es ist ein biblisches Motto geworden. Glaube – Liebe – Hoffnung – diese Trias beschreibt im Neuen Testament den Kern des christlichen Glaubens. Die Beiträge dieses Buches zeigen, wie diese Trias heute gelebt wird. Dieses Buch ist keine Festschrift – das sollte es auch nicht werden. Wir legen ein „Lesebuch“ im besten Sinne vor: zum Lesen von vorn bis hinten oder auch zum gezielten Stöbern. Zu danken haben wir den Gemeinden, die einer Neuveröffentlichung ihrer Porträts zugestimmt haben und den Männern und Frauen, die sich die Zeit genommen haben, ihre je eigene Perspektive beizusteuern. Wir hoffen, dass sich in diesem Buch nicht nur Vergangenes spiegelt, sondern auch Perspektiven erkennbar werden, auf welchen Feldern Christen ihren Glauben, ihre Liebe und ihre Hoffnung im 21.Jahrhundert bewähren müssen. Yvonne Ortmann, Klaus Rösler und Thomas Seibert Kassel, im Mai 2009
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2 Multikulturell – vom Umgang mit dem Fremden „Spätaussiedler deutscher Abstammung aus den ehemaligen Sowjetrepubliken sind seit einem Jahrzehnt ein Reizthema in der deutschen Öffentlichkeit.“, heißt es im Mai 2006 in der 3sat-Abendsendung „delta“.1 „Dabei waren sie doch angeblich in Deutschland willkommen und privilegiert, ihre Eingliederung in die neue alte Heimat wurde mit großem Aufwand betrieben.“ Entspricht dieses öffentliche Meinungsbild auch dem Bild in evangelisch-freikirchlichen Gemeinden? Zumindest, so die Erfahrung der letzten Jahre, ist es kein unbelastetes Thema. Viele Gemeinden und ebenso viele Aussiedler haben die Erfahrung gemacht, dass die Integration von Aussiedlern in deutsche Baptistengemeinden nicht funktioniert hat – nicht funktionieren konnte? Nach dem Ende des kalten Krieges hatten viele Aussiedler den Weg nach Deutschland und oftmals in Baptistengemeinden gefunden. Aber zahleiche Aussiedler haben diese Gemeinden auch wieder verlassen und haben eigene Gemeinden gegründet oder sich anderen Bünden angeschlossen. Pastor Dr. Hermann Hartfeld führte im August 2003 mehrere Gründe dafür an. Viele Aussiedler hätten Probleme mit der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK). Hartfeld: „Für viele von ihnen ist der Papst der Antichrist.“ Auch die Frauenordination sei ihnen unbegreiflich. Das Theologische Seminar des BEFG in Elstal sei „für viele russlanddeutsche Baptisten die Brutstätte der Bibelkritik“. Die Aussiedler seien von der Verbalinspiration der Bibel überzeugt. Jede andere Ansicht werde als Angriff gegen Christus wahrgenommen.“2 Von deutscher Seite fordert er Verständnis für die Theologie russlanddeutscher Baptisten. „Man kann die Tradition der deutschen Baptisten keineswegs den zugewanderten Baptisten aufzwingen.“ Auch müsse man davon abgehen, die russlanddeutschen Baptisten abschätzig zu behandeln. „Sie haben eine andere Geschichte und Tradition durchlaufen. Ihre Treue zur Bibel und ihr Bekenntnis haben sich unter dem Kommunismus bewährt.“3 Allerdings gibt es auch andere Erfahrungen. Abram Esau, selbst Spätaussiedler und seit 01.02.2008 Pastor der Gemeinde Hückelhoven-Baal, weiß: „Viele fanden auch eine Heimat – In fast jeder deutschen Gemeinde gibt es heute auch Aussiedler!“ Esau schätzt die Zahl der Aussiedler im BEFG auf ca. 6000. 1 www.3sat.de/delta/91830/index.html 2 Dr. Hermann Hartfeld, zitiert aus: Die Gemeinde, 25.08.2003. 3 Ebd.
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Das Thema wirft viele Fragen auf. Oberflächlich betrachtet müsste die Integration von Aussiedlern leichter gelingen als die von Ausländern: immerhin verbindet uns eine gemeinsame deutsche Kultur, wenn auch viele Jahre in unterschiedlichen Kontexten gelebt. Oder ist dieser unterschiedliche Kontext mit den damit verbundenen Prägungen letztlich doch entscheidend? Hat ein Baptismus, der sich unter den Repressalien des Kommunismus bewähren musste, nichts mehr gemein mit einem Baptismus, der sich unter demokratischen Bedingungen entwickelte? „In der Sowjetunion litten wir unter Verfolgung, hier in Deutschland leiden wir unter Verführung“ ist ein Satz, den man so oder ähnlich immer wieder von russlanddeutschen Christen zu hören bekommt. Welche Erfahrungen haben deutsche Baptistengemeinden mit der Integration von Aussiedlern gemacht? Das Beispiel „Verden“ steht für die Gemeinden des Bundes, in denen die Integration von russlanddeutschen Baptisten mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden war. Ab 1989 kamen immer wieder Aussiedler in die Gemeinde, ein großer Strom folgte zwischen 1990 und 92. Dies veränderte das Gemeindeleben stark: die kleine Gemeinde mit 65 Mitgliedern verdoppelte sich in den Folgejahren. „Im Gottesdienst wurde nun manches länger und etwas Rücksicht mussten wir auf die andere Art zu feiern nehmen“, erinnert sich Eugenie Lohe, damals mit einer halben Stelle für die Integration von Aussiedlern in Verden angestellt. Anfangs habe es auch keine Schwierigkeiten gegeben, zumindest seien keine Beschwerden laut geworden. Aber mit der Zeit zeigten sich dann doch etliche Differenzen. Kritik habe es zum Beispiel an den „hiesigen“ Frauen gegeben: sie hätten zu wenig Kinder und zu kurze Haare. Und sie sollten „von vorne“ nichts sagen. Einen Aufschrei unter den Aussiedlern gab es, als man neben den großen auch kleine Abendmahlskelche einführte – sie erinnerten zu sehr an „Schnapsgläser“. Ein weiterer Skandal folgte, als man bei Jugendlichen Skatkarten – „Teufelskarten“ – fand. In verschiedenen Austrittswellen verließen die meisten der russlanddeutschen Geschwister die Gemeinde wieder. Eine Gruppe hatte für sich von Anfang an festgelegt, dass sie in dieser Gemeinde nicht bleiben wolle – sie hatten pfingstlerische Wurzeln und wollte längerfristig in eine Gemeinde dieser Prägung zurückkehren. Schließlich verließ mit einem Male rund die Hälfte der Russlanddeutschen die Gemeinde. Doch mit der anderen Hälfte baute man 1996 ein neues Gemeindehaus. Vielleicht etwas voreilig: einige Zeit später gab es eine erneute Austrittswelle, obwohl man noch einen hohen Schuldenberg abzutragen hatte. Vor allem diese Tatsache hat in der Gemeinde tiefe Wunden und auch Verbitterung hinterlassen: „Die Gemeinde hat sich bis heute nicht davon erholt“, so Bernd Ehle. Er war von 1997 bis 2008 Pastor der Gemeinde und erinnert sich noch genau an jene Zeit. Die Gemeinde habe sich damals sehr um die Aussiedler bemüht. Dass sie so plötzlich und unerwartet 7
gegangen waren, habe viele Gemeindemitglieder sehr verunsichert. Manche fragten sich, ob man doch „auf dies oder das hätte verzichten sollen“ oder „ob man um des lieben Friedens willen auf manche Forderungen hätte eingehen sollen“. Was waren die Gründe für den Weggang? Bernd Ehle ist sich sicher: Es gab zwar eine vordergründige, theologische Schicht für den Weggang der Aussiedler, aber die wirklichen Ursachen lagen tiefer. Neben seelsorgerlichen Gründen seien es vor allem kulturelle gewesen. Begründungen auf theologischer Ebene seien nur nachgeschoben worden. Für ihn liegen die Gründe für das Scheitern der Integration in der fehlenden Integrationsbereitschaft der Aussiedler: „Sie schafften es nicht, ihre alte Kultur abzulegen und sich einer neuen Kultur anzuvertrauen.“ Dass ihre Situation nicht einfach war, ist Bernd Ehle klar: dort waren sie Deutschrussen, hier in Deutschland ebenfalls. In ihrem alten Lebenskontext habe man nicht differenziert gedacht, sondern schwarzweiß. Weil man nicht mit Alkohol umgehen konnte, war Alkohol eben verboten. Und es herrschte das Denken, dass man nicht nur biblische Theologie, sondern auch biblische Kultur übernehmen müsse: Kleiderordnung, Kopftuchfrage usw. Ehles Erfahrungen mit ehemaligen Aussiedlergeschwistern ist, dass sich ihr Glaube sehr „in der Vordergründigkeit des Lebens“ abspielte: nahm man ihnen diese „Äußerlichkeiten“, wurden sie unsicher. Hätte man als Gemeinde Dinge anders machen können, um die Integration der Aussiedler zu erleichtern? Ehles Antwort überrascht: „Man hätte an manchen Stellen härter mit ihnen umgehen müssen.“ Da der Machtfaktor bei den Aussiedlergeschwistern wichtiger war als bei den Deutschen, habe man liebevolle Kompromisse teilweise als Schwäche ausgelegt. Ehle hat gelernt, dass fast alles an den handelnden Personen liegt. Sie entscheiden letztlich darüber, ob der Rest der Gruppe mitzieht oder nicht. Sind sie liebevoll und kompromissbereit (nicht meinungslos!), kann die Integration funktionieren. Sind sie jedoch verunsicherte Persönlichkeiten, die ein festes Regelwerk brauchen, kann die Integration kaum gelingen. Hätte man da manches nicht durchgehen lassen, hätte man die Entwicklung eventuell anders gestalten können. Besonders schwierig sei es, wenn man russlanddeutsche Älteste habe, die bereits in Russland schon Älteste waren. Da herrsche nämlich das Prinzip „ältester Bischof auf Lebenszeit“. Aus der Zeit, als man intensiven Kontakt zu Aussiedlern hatte, ist manche Verletzung zurück geblieben. Eugenie ist mit ihrer Hilfe etwas vorsichtig geworden, gibt sie zu. Man habe damals so viel in die Aussiedler investiert an praktischer Hilfe und Aufnahme – und es sei nicht geschätzt worden. Trotzdem: dies sei zum Glück nicht die einzige Erfahrung gewesen, die man mit Aussiedlern gemacht habe, räumen Bernd Ehle und Eugenie Lohe ein. Einige seien auch zurückgekehrt, und ein Teil war der Gemeinde auch immer treu geblieben: allerdings die, die erst in Deutschland getauft worden waren oder hier einen radikalen Neuanfang gemacht hatten. 8
Diese Erfahrung steht nicht für die Erfahrung aller Gemeinden im BEFG. Immer wieder gelingt es auch, dass Aussiedler und einheimische Christen in Gemeinden zusammenleben, ohne dass es zu Spaltungen und Austritten ganzer Gruppen kommt. Ein Beispiel dafür ist die Gemeinde Hückelhoven-Baal, in der Abram Esau Pastor ist. Er kam 1989 nach Deutschland und studierte in Brake Theologie. Dass es oftmals große Schwierigkeiten zwischen russlanddeutschen Baptisten und den „hiesigen“ gab, erklärt er sich damit, dass der russische und der deutsche Baptistenbund sehr unterschiedlich waren.4 Weil man da nicht auf einen gemeinsamen Nenner kam, wurden in Deutschland zahlreiche kleinere Bünde gegründet, denen sich die Aussiedler anschlossen. Eine Differenz war, dass die russischen Prediger im Gegensatz zu den deutschen fast alles Laienprediger waren. Manche hatten ein Fernstudium am Moskauer Bibelseminar absolviert, das aber mit einem deutschen Theologiestudium nicht vergleichbar sei. Auch in der Kommunikation habe es große Probleme gegeben, als sich russische Baptisten den deutschen Gemeinden anschlossen. Trotzdem: In Hückelhoven-Baal sei die Integration gelungen. Man habe sehr viel darin investiert, aufeinander zuzugehen und den anderen zu verstehen. „Die Vergangenheit bleibt – aber man muss darüber reden.“ Das „Darüber reden“ ist Esau ein großes Anliegen. Und eine Sache, die oft besser im kleinen als im großen Kreis klappt. In einem Zweiergespräch fragte er bei einer älteren Frau nach, ob sie glaube, dass sie ohne Kopfbedeckung verloren ginge. „Nein“, musste diese nach längerem Nachdenken bekennen. „Gemeinsam kommt man auf neue Gedanken!“, freut er sich. Und: „Man muss zuerst die Menschen gewinnen, dann kann man auch etwas vermitteln: z. B. dass nicht die Kopfbedeckung Grundlage des Heils ist, sondern Jesus Christus.“ Natürlich könne man das nicht allen Aussiedlern vermitteln. Doch mit dieser Tatsache geht Esau gelassen um. Denn laut Paulus sollen „etliche“ gewonnen werden: „nicht alle Aussiedler und nicht alle Hiesigen.“ Und dass gewisse Spannungen bestehen bleiben, müsse man auch akzeptieren. Denn Konservative und Progressive werde es immer geben. Laut Esau ist es „gut, dass beide da sind.“ Wie für Bernd Ehle so sind auch für Esau die „Schlüsselfiguren“ der Gemeinde entscheidend: wenn sie nicht radikal sind und die Menschen auch nicht überfordern, könne vieles gelingen. Es brauche Schlüsselfiguren, die nicht nur ein „theologisches, sondern auch ein soziales Gefühl“ haben. „Mittler“ nennt Karl Grabenstätter diese Personen, die entscheidenden Einfluss auf eine ganze Gruppe nehmen können. Dass es auf Seiten der Aussiedler Mittler gab, die die „eigenen Leute überzeugten“, und auf deutscher Seite Mittler, die für Verständnis warben, ist für ihn ein wesentlicher Grund für die gelungene Integration in 4 Anmerkung zum russischen „Baptisten“bund
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der Gemeinde Rastatt. Karl Grabenstätter war früher Gemeindeleiter der Gemeinde und findet, auf Aussiedler treffe zu, was auch auf die Gesamtgemeinde zutreffe: „Gemeindearbeit ist Beziehungsarbeit.“ Interessant ist, dass Aussiedler hier nicht die „Dazugekommenen“ sind, sondern dass die Gemeinde aus einem Hauskreis von Aussiedlern heraus entstand. Sukzessive kamen dann Deutsche hinzu, v.a. seit Ende der Siebziger Jahre, als aus dem Hauskreis eine Gemeinde wurde. Dies mag umso mehr verwundern, als zu dieser Zeit viele Traditionen der Aussiedler – z. B. das Tragen von Kopftüchern – noch gepflegt wurden. Die deutschen Gemeindeglieder verstanden, dass es diese Traditionen gab, und gingen rücksichtsvoll und tolerant mit ihnen um. Auch gingen sie an bestimmten Punkten auf die Aussiedler ein: darauf, dass man beim Abendmahl „angemessen“ angezogen ist beispielsweise. Auch die Tradition, dass man beim Beten aufsteht und nicht sitzen bleibt, fand man gar nicht so schlecht. „Die Aussiedler sahen, dass die Einheimischen auf sie zugingen und sich nicht einfach durchsetzten – das half ihnen“, meint Karl Grabenstätter rückblickend. Man arbeitete sich langsam aufeinander zu. Und so kamen die Aussiedler nach und nach zu der Erkenntnis, dass man auf alte Eigenheiten verzichten könne und müsse. Zuerst wurden die Differenzen als theologische Fragestellungen angesehen, doch im Austausch wurde zunehmend klar, dass es Fragen der Traditionen waren und keine biblischen Forderungen. Und während das Schlagzeug für die russlanddeutschen Gemeindeglieder vor einigen Jahren noch eine große Anfechtung war, ist es heute kein Problem mehr. Wichtig für den Prozess der Integration sei auch die Rolle der Gemeindeleitung gewesen. Sie war vermittelnd und konnte flexibel mit den „Sektionen“ umgehen. „Sektionen“: das meint Personen sowohl vom deutschen Teil der Gemeinde als auch von den Aussiedlern. Positive Erfahrungen hat man auch in der Gemeinde Nordhausen gemacht, in der Nora Praetorius Älteste und Ansprechpartnerin für die russlanddeutschen Gemeindeglieder ist. Allerdings: die Aussiedler in der Gemeinde haben sich fast alle in Deutschland bekehrt, was eine besondere Situation darstellt. „Wenige von ihnen waren schon in Russland Christen: für sie war es schwierig“, gibt sie zu. Ein Ehepaar habe die Gemeinde verlassen, weil es zu „weltlich“ zuging. Dass man so viele Aussiedler hat, die sich erst in Deutschland bekehrten, hat mit einem Arbeitsschwerpunkt der Gemeinde zu tun: sie hält intensive Kontakte zu einem Aussiedlerwohnheim. Die Arbeit wurde der Gemeinde praktisch vor die Füße gelegt, als nach der Wende eine ältere Frau mit drei erwachsenen Kindern zur Gemeinde kam. Sie hatte weder Wohnung noch Möbel, so dass sich Nora Praetorius und andere um sie kümmerten. Dies sprach sich schnell im Aussiedlerwohnheim herum, auch bei den nichtchristlichen Bewohnern. Immer mehr von ihnen schauten sonntags vorbei. In der Folgezeit besuchten viele Gemeindeglieder die Aussiedler im Heim, holten sie zum 10
Gottesdienst ab. Schließlich wurden sogar Deutschkurse angeboten, denn damals bekamen laut Praetorius viele Aussiedler keinen Deutschkurs finanziert. So kam es, dass in den 90ern die Aussiedler ein Drittel der Gemeinde darstellten. Sie zu integrieren sei kein großes Problem: „Sie tragen kein Kopftuch, für sie sind Lobpreislieder nicht tabu, es gibt keinen Rockzwang – sie passten sich schnell an, brachten keine Gewohnheiten mit.“ Ein bisschen Umdenken vom deutschen Teil der Gemeinde war allerdings schon erforderlich. Am Anfang sagten noch viele, dass die Aussiedler jetzt doch auch Deutsch sprechen sollten, wo sie in Deutschland leben. Aber dann habe man sich gefragt, wie es einem selbst im Ausland gehen würde, und kam zu dem Schluss: „Sprache ist Herzenssache.“ Also übersetzte man in der Folgezeit die Gottesdienste ins Russische. Momentan baut die Gemeinde gerade an und es ist keine Frage, dass dabei auch an eine Übersetzerkabine gedacht wird. Viele Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Integration von Aussiedlern finden sich auch da wieder, wo es um die Integration von „Menschen mit Migrationshintergrund“ geht. Längst ist es kein Thema mehr, das nur die deutschen Großstädte betrifft. Finden Menschen anderer Kultur einen Platz in deutschen Baptistengemeinden? Oder ist es für alle Beteiligten besser, wenn Ausländer Gemeinden ihrer Sprachfamilie und Kultur gründen? Die Gemeinde Fulda, in der Sabine Cornitius seit 1997 Gemeindeleiterin ist, musste es praktisch über Nacht lernen. Denn von einem Tag auf den anderen kamen 15 Sinti in die Gemeinde. Und brachten eine Kultur mit, die durch Medien und Gesellschaft längst nicht so im deutschen Bewusstsein verankert ist wie andere Kulturen. Sie sogen das Evangelium förmlich in sich auf, denn bisher gehörten sie zum „Abschaum der Gesellschaft“ – dass Gott sie annimmt war für sie viel ergreifender, als viele Deutsche es nachempfinden können. Die Gemeinde versuchte ihr Bestes, um den neuen Gemeindegliedern den Einstieg zu erleichtern. Kurzerhand wurde die Bibelstunde ins Wohnzimmer der Sinti-Großfamilie verlegt, damit alle Familienglieder daran teilnehmen konnten. Und als die Sinti von ihrem eigenen Volk verstoßen wurden, versuchte man zu begleiten und aufzufangen. „Sie waren wie Frischgeborene, die in der neuen Welt Schwierigkeiten hatten“, schmunzelt Sabine Cornitius. Doch nach einer ersten Hochphase zeigten sich bald auch Probleme, vor allem kultureller Art. Einiges war äußerlich und erst einmal interessant. Bei der neuen Familie durfte nicht nach der „Toilette“ gefragt werden, sondern nach einer „Möglichkeit zum Händewaschen“. Ihr Wesen war extrovertierter als das der meisten Deutschen, stillsitzen fiel ihnen schwer und Zeugnisse von vorne waren lang und laut. Gebete wurden mit „Pathos und Zittern“ gesprochen, „Halleluja“ und „Amen“-Rufe begleiteten die Gottesdienste. „Bisher waren wir keine Pfingstgemeinde gewesen, aber 11
jetzt ...“, beschreibt Cornitius die Entwicklung. Diese Veränderungen waren nicht für alle leicht zu ertragen. Manche Älteren besuchten nun lieber den Gottesdienst im nahe gelegen Hünfeld, wo die Gemeinde Träger eines Seniorenheimes ist. Für die im Glauben wachsenden Sinti hingegen waren die Gottesdienste zunehmend zu „gemäßigt“. „Ihr dämpft den Geist!“, war der Vorwurf an die deutschen Geschwister. Auf beiden Seiten zog man sich etwas zurück. Die Gemeindeleitung sah sich in der Rolle, immer wieder auf beiden Seiten um Verständnis zu werben. Man vermittelte der Gemeinde, dass man neue Kinder dazu bekommen habe, die eine Aufgabe darstellten: „Da geht halt auch manches daneben, sie müssen sich noch finden, das muss man in einer Familie durchstehen!“, so Cornitius. An vielen Stellen bereicherte man sich gegenseitig. So brachte beispielsweise ein Sinti, der vier Jahre lang in der Gemeindeleitung war, bereichernde prophetische Worte ein. Umgekehrt lernte er hier etwas über Strukturen und Zeitempfinden. Letztendlich waren die Differenzen aber zu groß, als dass die Sinti geblieben wären. Nachdem zwei von ihnen in einer Pfingstgemeinde eine Schulung zu Gemeindegründung machten, gründeten sie einen eigenen Hauskreis – mit dem Ziel, eine eigene Gemeinde aufzubauen. Momentan ist man in der Phase, sich gegenseitig loszulassen – obwohl die Kontakte nach wie vor sehr herzlich sind. Aber Cornitius ist sich sicher, dass man in einer späteren Phase viel voneinander lernen wird. Da die Sinti „eher Evangelisten als Leiter“ sind, werden sie in dieser Hinsicht gute Impulse von den Deutschen erhalten können, wenn es an die eigentliche Gründung geht. Für Cornitius ist die Trennung keine Entwicklung, die Wunden hinterlassen hat. „Wir haben in Fulda oft Leute gepäppelt, die dann in andere Aufgaben gegangen sind. Wir waren Geburtshelfer und Bezugsperson für die ersten Lebensjahre.“ Immer wieder machen Gemeinden mit Zielgruppenarbeit die Erfahrung, dass man bestimmte Projekte oder Gruppen irgendwann wieder loslassen muss. So war es auch in der Gemeinde Erlangen, in der Frank Wegen seit August 2003 Pastor ist. Über viele Jahre hinweg arbeitete die Gemeinde intensiv mit Iranern. Vor zwei bis drei Jahren musste man aber einsehen, dass die Arbeit zu kräftezehrend und problematisch geworden war. Es gab zu viele Baustellen, die man kaum noch bewältigen konnte. Die unterschiedliche Kultur, in der Stolz und Ansehen eine große Rolle spielen, machte das Miteinander schwer. Manche Iraner vermittelten der Gemeinde: „Unterstützt mich, aber pfuscht mir nicht in meine Angelegenheiten!“, so Frank Wegen. Unter der Gruppe selbst gab es Misstrauen, und da die Iraner weder Deutsch noch Englisch oder Französisch sprachen, war man immer auf Dolmetscher angewiesen. Das führte zu neuen Missverständnissen. (...)
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Michael Kisskalt:
Wie gelingt die Integration von Aussiedlern und Ausländern in die deutschen Baptistengemeinden? Durchschnittlich jeder fünfte Bürger in Deutschland hat einen „Migrationshintergrund“; er selbst oder die Eltern sind aus dem Ausland nach Deutschland gekommen, um hier eine neue Existenz aufzubauen. Die meisten kommen aus den EULändern und aus der Türkei. Die ersten Wellen der Zuwanderung von Gastarbeitern aus der Türkei und aus Südeuropa in den 1960er und 70er Jahren wurden von den Kirchen, auch von den Gemeinden des BEFG, nicht besonders wahrgenommen. Das änderte sich in den 1980er und 90er Jahren, als Millionen von deutschen Aussiedlern aus Osteuropa, und zunehmend auch Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien und aus anderen Krisengebieten der Welt nach Deutschland drängten. Besonders im Hinblick auf die häufig baptistisch geprägten Aussiedler aus Osteuropa bemühte sich der BEFG, Strukturen zu schaffen, um die Glaubensgeschwister im deutschen Baptismus willkommen zu heißen und sie in Bund und Gemeinden zu integrieren. Diese Integration gelang nur ansatzweise; die Russlanddeutschen waren in ihrer Lebensart, in ihrer Kultur und in ihrem Glauben ganz anders geprägt als die Menschen, die in der Bundesrepublik aufgewachsen waren. Es entstand eine Reihe von unabhängigen baptistischen Aussiedlergemeinden, die sich in Abgrenzung vom BEFG etablierten und sich bis heute nur widerwillig zu Dachverbänden und Bünden zusammenschließen. In den Städten und Gemeinden, in denen sich nur wenige baptistische Glaubensgeschwister aus Osteuropa vorfanden, gelang es eher, diese in die bestehenden BEFG-Gemeinden zu integrieren. Wie in der Beziehung zu afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Christen gilt es auch in der Begegnung mit baptistischen Aussiedlern „den langen Atem“ zu lernen. 1. Man muss die kulturellen Unterschiede wahrnehmen, verstehen, respektieren und den kulturellen Eigenheiten und Glaubensstilen Raum geben. Natürlich haben Christen über ihre Kulturen hinaus vieles gemeinsam. Dennoch leben und denken sie ihren Glauben recht unterschiedlich. Das wird vor allem dort deutlich, wo Christen aus verschiedenen Kulturen zusammen kommen. Weil Christen auch kulturell geprägte Menschen sind, müssen diese Unterschiedlichkeiten wahrgenommen und respektiert werden. Schwarzafrikanisch geprägte Christen lieben Bewegung und Emotion in ihrem Gottesdienst und fühlen sich wohl, wenn Predigten klar ausdrücken, was zu tun ist oder auch nicht. Orientalische Christen, die ihren Glauben im Umfeld der islamisch strengen Kultur entwickelt haben, leben ihren Glauben sehr ernsthaft, nehmen die Bibel sehr wörtlich und legen Wert auf 13
den Gehorsam gegenüber Gottes Wort. Für tamilische Christen, geprägt von der buddhistisch-hinduistischen Welt, spielen das Gebet und die Erwartung des übernatürlichen Eingreifens Gottes eine große Rolle. Russlanddeutsche Christen, aufgewachsen in der Situation der Ausgrenzung und Verfolgung in der Sowjetunion, misstrauen übergeordneten Strukturen, die sie zu stark kontrollieren könnten und ihre Freiheit beschneiden. Sie haben gelernt zu überleben, indem sie sich von der sie umgebenden sowjetisch-antichristlichen Gesellschaft abgrenzten, und nehmen diese Grundhaltung gegenüber ihrer Umgebung auch in ihre deutsche Wahlheimat mit. Man könnte diese Beispiele weiter fortführen um zu zeigen, dass sich Christen mit solchen Lebens- und Glaubenserfahrungen nicht ohne weiteres in die deutschen Gemeinden integrieren lassen. Wer hier zu viel verlangt oder zu schnell vorangeht, blockiert die Integrationsbewegung eher, als dass er sie fördert. Zwanzig bis dreißig Jahre Erfahrung mit Migrantengemeinden in Deutschland lehren, dass es nur verständlich und förderungswürdig ist, wenn christliche Migranten in der ersten Generation ihre jeweils kulturell geprägten Gemeinden und Gruppen gründen. Sie suchen dort nicht nur geistlichen Anschluss, sondern auch ein vertrautes kulturelles Nest in der Fremde. Von daher ist das Entstehen monokultureller oder internationaler Gemeinden in Deutschland wohlwollend zu fördern und zu begleiten. Diese Gemeinden können sich als Gruppen innerhalb von Gemeinden organisieren, als deren Tochtergemeinden oder als selbstständige Gemeinden neben ihnen. Dass sich fremdsprachige Gemeinden und Aussiedlergemeinden neben den bestehenden deutschen Gemeinden gegründet haben, ist keineswegs negativ, sondern eine Folge der Menschlichkeit und Leibhaftigkeit von Gemeinde. 2. Um der Einheit der Kirche Jesu willen bemühen sich der BEFG und die Gemeinden vor Ort darum, dass zwischen den kulturell verschiedenen Gemeinden Brücken gebaut werden. Damit sich Deutschland in sozialer und in wirtschaftlicher Hinsicht gut entwickelt, muss man sich um die Integration der Migranten in die Gesellschaft bemühen. Dabei geht es erst einmal darum, Begegnungsebenen zwischen den Menschen zu schaffen, einander zu verstehen und gemeinsame Wege zu finden. Auch im christlichen Sinne ist nicht das Nebeneinander der kulturell unterschiedlich geprägten Gemeinden das Ziel, sondern das Miteinander. Die verschiedenen Glieder bilden den einen Leib Christi (1. Kor.12). Dass man zusammen den Leib Christi bildet, muss nicht bedeuten, dass man institutionell verschmilzt, sondern vielmehr, dass man Gemeinschaft und Beziehungen miteinander pflegt, die zur umgebenden Gesellschaft hin auch deutlich werden. (...)
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Die Porträts Verden – Die „Jesus“-Gemeinde Eigentlich könnten die Verdener Baptisten ein bisschen stolz auf ihre Vergangenheit sein: Denn die Wurzeln der Gemeinde reichen weit zurück. Immerhin war unter den Christen, die zusammen mit Johann Gerhard Oncken 1834 in der Elbe getauft wurden und damit den Baptismus auf dem europäischen Festland begründeten, auch ein Mann aus Verden. Doch Auswirkungen bis in diese Behördenstadt mit einer weltweit bekannten Pferdezucht hatte das Ereignis seinerzeit nicht. Bis heute kann man mit dem Stichwort „Baptisten“ in Verden nicht allzu viel anfangen. Als ich nach der „Baptistengemeinde“ an der Tankstelle frage, erhalte ich nur ein Achselzucken. Gemeindeleiter Werner Rohde meint später: „Wir sind die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde und als solche in der Stadt bekannt.“ Die meisten der heutigen Mitglieder hätten keine baptistische Tradition, sondern stammten aus verschiedenen Kirchen – vor allem aus der hannoverschen Landeskirche. Seit 1937 gibt es regelmäßige baptistische Gottesdienste. 1970 wurde die frühere Station der Gemeinde Bremen-Kreuzkirche selbstständig. Bis in die 80er Jahre hinein hatte die Gemeinde drei Stationsgemeinden: Achim, Rotenburg und Zeven. Rotenburg und Achim sind inzwischen ebenfalls selbstständig geworden, doch die Gemeinde Zeven hat sich aufgelöst. Licht und Schatten liegen dicht beieinander. Die 20 Geschwister aus Zeven haben sich der dortigen Freien evangelischen Gemeinde angeschlossen. Als die Verdener 1996 ihr neues Gemeindezentrum in unmittelbarer Nähe zur Stadtmitte bauten, war das beinahe eine Sensation. „Seit Jahrzehnten sind wir die einzige Gemeinde in der Stadt, die gebaut hat“, erinnert sich Werner Rohde. „Das ist schon für sich alleine gesehen ein Zeichen.“ Zuvor hatte sich die Gemeinde in einer älteren Villa versammelt, die aber zu klein geworden war. Das Gemeindezentrum hat eine 1-A-Lage, so dass viele Menschen immer wieder am Gotteshaus vorbeigehen. Die Gemeinde wünscht sich natürlich, dass viele Passanten einmal vorbeischauen. Doch von sich aus kommt selten jemand. Anders ist das bei den missionarischen Gottesdiensten, die von den Mitarbeitern zusammen mit Pastor Bernd Ehle organisiert werden. Tatsächlich nutzen die Gemeindemitglieder die Gelegenheit, um Freunde und Bekannte einzuladen. Ein junges Musikteam sorgt für die musikalische Ausgestaltung der Gottesdienste und Bernd Ehle predigt über ein Thema, das möglichst viele Menschen anspricht. Dass dabei Glaubens- und Taufentscheidungen gefasst werden, ist für die Mitarbeiter immer wieder Freude und Ansporn zugleich. Auch die Möglichkeit zum Gespräch und zwanglosem Kennenlernen wird bei der sich anschließenden „Coffeebar“ gerne genutzt. 15
Wie viele andere Gemeinden unseres Bundes erreicht auch die Gemeinde Verden zahlreiche Aussiedler. 1991 gab es ein starkes Wachstum durch Zuzug von Baptisten aus der damaligen Sowjetunion. Doch diese Phase endete ziemlich abrupt schon nach einem Jahr, als rund die Hälfte der Aussiedler überraschend austrat, um eine eigene Gemeinde zu gründen. Lockere Kontakte gibt es bis heute, doch die Wunden sind letztlich noch nicht vernarbt – zumal durch verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen die Themen, die zur Spaltung geführt haben, immer wieder mal auftauchen. Aus den Erfahrungen hat die Gemeinde jedoch gelernt. So möchten sie versuchen, ihr gottesdienstliches Leben so zu gestalten, dass sich auch einheimische Fremde wohl fühlen können. Auch das bewusste Herausarbeiten der neutestamentlichen Theologie über Erlösung, Heiligung, Gemeinde, Diakonie und Mission in Predigten, Bibelstunden, Seminaren und Hauskreisen ist den Ältesten und dem Pastor ein wichtiges Anliegen. Durch den missionarischen Infostand, der mehrmals im Jahr in der Fußgängerzone aufgebaut wird, möchten die Mitarbeiter besonders die einheimische Bevölkerung mit dem Evangelium erreichen. Das Gesicht der Gemeinde hat sich in den Jahren verwandelt. „Jüngere Familien bilden jetzt vor allem den Kern.“ Was verheißungsvoll klingt, hat auch Schattenseiten. Eltern bleibt neben der Familie und dem Beruf oft nicht mehr genug Zeit für ein Gemeinde-Engagement. So gibt es auch in Verden immer wieder mehr Arbeit als Mitarbeiter. Die Gemeindeleitung möchte deshalb gerne jene Gemeindeglieder, die ihren Platz noch nicht gefunden haben, zur Mitarbeit ermutigen. Für die anderen hat sie ein dickes Lob: „Was die Mitarbeiter in den Bereichen wie Kindergottesdienst, Jugend- und Teenagerkreisen, Frauenstunde leisten, ist ganz enorm.“ Vieles in der Gemeinde Verden ist auf einem guten Weg. Eine Andacht „Moment mal“ erscheint jede Woche in der örtlichen Zeitung. Die Verantwortung für diese Kolumne liegt bei der örtlichen Evangelischen Allianz. Und so greifen immer wieder auch Baptisten zur Feder. Wer im Mittelpunkt der Gemeinde steht, wird bereits beim Betreten des Gottesdienstraumes deutlich. An der Stirnwand neben der Kanzel hängt ein ungewöhnliches Kreuz: Beim genauen Hinsehen entpuppt es sich als ein Jesus-Schriftzug, wobei das mittlere S so groß geschrieben ist, dass es den senkrechten Balken des Kreuzes beschreibt. Bernd Ehle: „Das ist unser Wunsch: Dass viele Verdener bei uns Jesus kennen lernen und dass wir als Gläubige Jesus immer ähnlicher werden.“ Erschienen: 2000 Verden heute • Im Juni 2008 hat Bernd Ehle seinen Dienst in Verden beendet und wurde zum 01.07.08 in die EfG Bünde/Westfalen berufen • Heinz Zündorf ist seit November 2007 Gemeindeleiter der EFG Verden (...) 16
Anhang
Gemeinde Verden
Gemeinde HĂźckelhoven-Baal
Das Buch „Glaube, Hofffnung, Liebe“ erscheint am 18 Mai 2009 im Oncken Verlag, Kassel