Danksagung Mein herzlicher Dank gilt den vielen Freunden und Kollegen für ihre Rückmeldungen zu diesem Manuskript. Dazu gehören Studierende und ehemalige Studierende sowie Kollegen am Conflict Transformation Program, wo ich unterrichte. Besonders möchte ich Barb Toews Shenk, Jarem Sawatsky, Bonnie Price Lofton, Robert Gillette, Vernon Jantzi, Larissa Fast und Ali Gohar für ihr sorgfältiges Augenmerk und ihre Anregungen danken. Auch wenn diese Vorschläge nicht immer leicht zu hören waren und ich sie gar nicht alle berücksichtigen konnte, haben sie dieses Buch wesentlich verbessert.
H oward Z ehr
Fairsöhnt Restaurative Gerechtigkeit Wie Opfer und Täter heil werden können
NEUFELD VERLAG
Wir danken ComPax — dem Institut fßr Konflikttransformation Bienenberg (www.compax.org) sowie dem Deutschen Mennonitischen Friedenskomitee (www.dmfk.de) fßr ihre Unterstßtzung bei der Herausgabe dieses Buches.
Inhalt 1. Ein Ăœberblick
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Warum dieses Buch?
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Was restaurative Gerechtigkeit nicht ist ...
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Restaurativer Gerechtigkeit geht es um BedĂźrfnisse und Rollen
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Aus dem Englischen ßbersetzt von Andrea Lange, Mainz Die englische Originalausgabe erschien 2002 unter dem Titel The Little Book of Restorative Justice bei Good Books. Š Good Books, Intercourse, Pennsylvania/USA
NEUFELD VERLAG
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet ßber www.dnb.de abrufbar Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbild: Š ShutterStockŽ Lektorat: Frieder Boller, CH-Liestal Satz: Neufeld Verlag Herstellung: Bercker Graphischer Betrieb GmbH & Co. KG, Kevelaer Š 2010 Neufeld Verlag Schwarzenfeld ISBN 978-3-937896-96-0, Bestell-Nummer 588 747 Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages www.neufeld-verlag.de
2. Restaurative Prinzipien
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Die drei Säulen der restaurativen Gerechtigkeit
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Das ÂťWerÂŤ und das ÂťWieÂŤ sind wichtig
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Restaurative Gerechtigkeit zielt auf Wiedergutmachung
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Die restaurative Brille
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Eine Definition restaurativer Gerechtigkeit
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Die Ziele restaurativer Gerechtigkeit
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Die Leitfragen restaurativer Gerechtigkeit
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Die Wegweiser restaurativer Gerechtigkeit
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3. Restaurative Praxis
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Die maßgeblichen Modelle beinhalten meistens eine Begegnung
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Modelle unterscheiden sich durch das »Wer« und »Wie«
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Modelle unterscheiden sich in ihren Zielen
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Ein restauratives Kontinuum
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4. Ist es ein Entweder – oder?
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Strafende Gerechtigkeit kontra restaurative Gerechtigkeit?
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Strafrecht kontra Restaurativrecht?
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Restaurative Gerechtigkeit ist ein Fluss
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Anhang: Grundlegende Prinzipien der restaurativen Gerechtigkeit
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Zum Autor
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Weiterführende Informationen
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1. Ein Überblick
W
ie sollten wir als Gesellschaft auf Unrecht antworten? Was muss geschehen, wenn ein Verbrechen oder Unrecht begangen wurde? Die Dringlichkeit dieser Fragen hat sich für Nordamerikaner durch die traumatischen Ereignisse vom 11. September 2001 noch verstärkt. Doch die Debatte an sich ist alt und international. Ob wir von Verbrechen oder anderen Vergehen betroffen sind, unser Denken über diese Themen ist tief vom westlichen Rechtssystem geprägt – nicht nur im Westen, sondern in einem großen Teil der Welt. Das westliche Rechtssystem oder die Strafjustiz hat bedeutende Stärken. Dennoch wächst auch das Bewusstsein bezüglich seiner Grenzen und seines Versagens. Opfer, Täter und Mitglieder der Gemeinschaft (community)1 empfinden oft, dass die Justiz mit ihren Bedürfnissen nicht angemessen umgeht. Justizfachleute wie Richter, Anwälte, Staatsanwälte, Bewährungshelfer und Gefängnisbeamte äußern
1 Der im Folgenden häufig gebrauchte Begriff Gemeinschaft ist im Sinne eines sozialen Umfeldes oder lokal unabhängigen Beziehungsnetzes, der bürgerlichen Gemeinschaft oder auch kommunale Gemeinde zu verstehen, siehe auch Seite 25f (Anmerkung des Lektors).
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Fairsöhnt – Restaurative Gerechtigkeit
ebenfalls oft ihre Frustration. Viele finden, dass der Strafprozess gesellschaftliche Wunden und Konflikte vertieft, statt zu Heilung und Frieden beizutragen. Restaurative Gerechtigkeit 2 befasst sich mit einigen dieser Bedürfnisse und Defizite. Seit den 1970er Jahren sind vielerorts und in verschiedenen Ländern der Welt Verfahren und Lösungsansätze für diese Probleme entstanden. Oft werden sie als Möglichkeiten innerhalb des Rechtssystems oder daneben angeboten. Seit 1989 hat Neuseeland die restaurative Gerechtigkeit zum Mittelpunkt seines ganzen Jugendstrafrechts gemacht. An vielen Orten wird restaurative Gerechtigkeit heute als Hoffnungszeichen und als wegweisend für die Zukunft betrachtet. Ob sie diesen Erwartungen entsprechen kann, muss sich noch zeigen. Restaurative Gerechtigkeit begann als Versuch, anders mit Einbruchs- und Eigentumsdelikten umzugehen. Diese werden ja gerne (und oft unberechtigt) als vergleichsweise kleinere Vergehen betrachtet. Heute stehen an einigen Orten außergerichtliche Ansätze für die schlimmsten Formen krimineller Gewalt zur Verfügung: Tod durch Alkohol am Steuer, Körperverletzung, Vergewaltigung, sogar Mord. Aufbauend auf den Erfahrungen der »Wahrheits- und Versöhnungskommission« in Südafrika ist man sogar bemüht, Maßnahmen restaurativer Gerechtigkeit für Situationen von Massengewalt zu entwickeln. Diese Ansätze und Praktiken verbreiten sich auch über das Rechtssystem hinaus in Schulen, am Arbeitsplatz und in religiösen Institutionen. Einige befürworten den Gebrauch
1. Kapitel: Ein Überblick
außergerichtlicher Methoden wie zum Beispiel die sogenannten »Kreise« (circles); ein besonderes Verfahren, das von den Gemeinschaften der Ureinwohner in Kanada stammt. Solch eine Zusammenkunft der Betroffenen dient dazu, Konflikte durchzuarbeiten, zu lösen und zu verwandeln. Um die Gemeinschaft aufzubauen und zu heilen, knüpfen andere an Kreis-Verfahren oder »Konferenzen« an, die methodisch aus Neuseeland und Australien sowie aus dem Täter-Opfer-Ausgleich stammen. Kay Pranis, eine herausragende Verfechterin des außergerichtlichen Ausgleichs, nennt derartige Kreis-Zusammenkünfte eine Form partizipativer Demokratie, die sich jenseits der einfachen Mehrheitsregel bewegt (siehe Seite 66f für eine ausführlichere Darstellung davon, wie solche Kreise im Zusammenhang mit restaurativer Gerechtigkeit verstanden werden). Gesellschaften, in denen westliche Rechtssysteme die traditionellen Rechts- und Konfliktlösungsprozesse ersetzt oder unterdrückt haben, liefert die restaurative Gerechtigkeit einen Ansatz, um wieder nach diesen Traditionen zu fragen und sie manchmal sogar neu zu beleben. Obwohl der Begriff »restaurative Gerechtigkeit« eine Vielfalt von Verfahren und Maßnahmen umfasst, besteht er im Kern aus einer Reihe von Prinzipien, einer Philosophie und einigen Leitfragen. Letztlich bietet die restaurative Gerechtigkeit eine alternative Grundlage für den Umgang mit Unrecht. Diese Grundlage werde ich auf den folgenden Seiten untersuchen, um dann auch zu zeigen, wie sie angewendet werden kann. Warum dieses Buch?
2 Das englische Restorative Justice wird hier mit »restaurativer Gerechtigkeit« wiedergegeben. Der im deutschen Sprachraum eingeführte Begriff »Täter-Opfer-Ausgleich« (Schweiz: Strafmediation) ist ein Teil des Konzepts (Anmerkung der Übersetzerin).
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Ich versuche hier nicht, für restaurative Gerechtigkeit zu werben. Ich gehe auch nicht den vielen Anwendungsmöglichkeiten dieses Ansatzes nach. Vielmehr soll dieses Buch kurz und bündig beschreiben, was restaurative Gerechtigkeit 11
Fairsöhnt – Restaurative Gerechtigkeit
bedeutet. Obwohl ich in dieser kurzen Zusammenfassung einige Maßnahmen und Abläufe restaurativer Gerechtigkeit skizzieren werde, konzentriere ich mich auf die Prinzipien bzw. die Philosophie der restaurativen Gerechtigkeit. Manchen ist der englische Begriff »restorative justice«3 bekannt. Dieses Buch wurde für diejenigen geschrieben, die neugierig sind, worum es dabei geht. Es wendet sich aber auch an die, die auf diesem Gebiet tätig sind und dabei vielleicht unsicher werden oder den Überblick verlieren. Ich hoffe Klarheit zu schaffen in Bezug darauf, wohin der »Zug« der restaurativen Gerechtigkeit fahren sollte. Und ich hoffe in einigen Fällen helfen zu können, diesen Zug wieder aufs Gleis zu bringen. Sich darum zu bemühen, ist gerade jetzt wichtig. Wie alle in Veränderung, Entwicklung und Verbreitung begriffenen neuen Ansätze hat restaurative Gerechtigkeit manchmal ihre Spur verloren. Die wachsende Zahl von Verfahren unter dem Etikett »restorative justice« verwässert oder vernebelt die eigentliche Bedeutung der »restaurativen Gerechtigkeit«. Wenn man unter realistischen Bedingungen arbeitet, gerät sie unweigerlich so unter Druck, dass ihre Prinzipien außer Acht gelassen werden. Die Fürsprecher der Opfer haben sich hierüber besonders besorgt gezeigt. Restaurative Gerechtigkeit nimmt für sich in Anspruch, die Opfer in den Mittelpunkt zu stellen. Aber trifft das wirklich zu? Viel zu oft, so befürchten Fürsprecher von Opfern, wird die restaurative Gerechtigkeit vor allem darauf ausgerichtet, positiver mit den Tätern umzugehen. Wie das Strafrechtswesen will sie verbessernd oder abgeltend wirken,
3 Die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika gründet auf Prinzipien von »restorative justice«. Auch die Praxis des Täter-Opfer-Ausgleichs oder der Strafmediation sind von »restorative justice« inspiriert (Anmerkung des Lektors).
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1. Kapitel: Ein Überblick
und so könnte restaurative Gerechtigkeit dafür herhalten, sich hauptsächlich mit den Tätern zu beschäftigen. Andere fragen sich, ob auf diesem Gebiet die Bedürfnisse der Täter genügend beachtet werden und man sich ausreichend um Wiedergutmachung bemüht. Unterstützen die Verfahren der restaurativen Gerechtigkeit die Täter hinreichend, damit diese ihre Auflagen erfüllen und ihre Verhaltensmuster ändern? Beachten die Programme in angemessener Weise die von den Tätern selbst erlittenen Verletzungen, durch die sie wurden, wer sie sind? Bemänteln sie vielleicht nur eine neue Art von Strafe? Und was ist mit der Gesellschaft? Wird sie im Allgemeinen angemessen dazu ermutigt, sich zu beteiligen und ihre Verpflichtungen gegenüber Opfern, Tätern und Mitgliedern des Gemeinwesens wahrzunehmen? Unsere bisherigen Erfahrungen mit Veränderungsbemühungen im Bereich des Rechtssystems warnen uns, dass trotz bester Absichten Kursänderungen und Abweichungen vom Konzept der restaurativen Gerechtigkeit unvermeidbar sind. Wenn aber die Veränderungsbefürworter das nicht erkennen und sich nicht damit befassen wollen, könnten ihre Anstrengungen etwas Anderes bewirken als das, was sie beabsichtigten. Tatsächlich besteht die Gefahr, dass sie die Verhältnisse, die sie reformieren oder ersetzen sollten, nur »verschlimmbessern«. Vor unerwünschten Ergebnissen schützen wir uns am besten, indem wir die Kernprinzipien restaurativer Gerechtigkeit beachten. Denn wenn wir uns über diese Prinzipien im Klaren sind, entwickeln wir von ihnen her unsere Verfahren und lassen uns daran messen, so dass wir mit höherer Wahrscheinlichkeit in der Spur bleiben. Anders ausgedrückt, das Gebiet der restaurativen Gerechtigkeit ist so schnell und in so viele Richtungen gewachsen, dass manchmal unklar ist, wie wir sie kreativ und glaubwürdig weiterentwickeln können. Nur klare Prinzipien und Ziele 13
Fairsöhnt – Restaurative Gerechtigkeit
können uns mit dem erforderlichen Kompass ausstatten, um den Pfad entlang einer steilen und unübersichtlichen Wegstrecke zu finden. Dieses Buch ist der Versuch, das Konzept der restaurativen Gerechtigkeit in einfachen Worten zu beschreiben. Ich räume ein, dass meine Darlegungen ihre Grenzen haben, auch wenn ich oft als einer der Begründer und Befürworter dieses Konzepts bezeichnet werde. Obwohl ich mich bemüht habe, selbstkritisch und offen zu bleiben, bin ich doch von diesem Konzept überzeugt. Trotz aller Bemühungen um Neutralität schreibe ich mit meiner eigenen »Brille«, und die ist dadurch geprägt, wer ich bin: männlich, weiß, Angehöriger der Mittelschicht, Amerikaner europäischer Herkunft, Christ und Mennonit4. Dieser lebensgeschichtliche Hintergrund wie auch andere Interessen prägen zwangsläufig meine Stimme und Sichtweise. Obwohl es innerhalb des Fachgebiets so etwas wie einen Konsens über die groben Prinzipien der restaurativen Gerechtigkeit gibt, ist nicht alles unwidersprochen. Was Sie hier lesen, ist mein Verständnis der restaurativen Gerechtigkeit. Es muss sich der Auseinandersetzung mit anderen Stimmen des Fachgebiets stellen. Schließlich habe ich dieses Buch im nordamerikanischen Kontext geschrieben. Die Terminologie, die behandelten Themen, sogar die Art, wie das Konzept formuliert ist, spiegeln in gewissem Maß die Realität meiner Umgebung wider. Ich hoffe, dass dieses Buch auch für Andere nützlich sein wird, doch es könnte eine Anpassung an andere Kontexte nötig sein.
4 Mennoniten sind eine in der Reformationszeit in Europa entstandene evangelische Freikirche, die zu den sogenannten historischen Friedenskirchen gezählt wird (Anmerkung des Lektors).
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1. Kapitel: Ein Überblick
Vor diesem Hintergrund und unter diesen Vorbehalten steht nun die Frage: Was ist restaurative Gerechtigkeit? Um diesen Begriff sind so viele Missverständnisse entstanden, dass ich es wichtig finde, erst einmal zu klären, was es nicht ist. Was restaurative Gerechtigkeit nicht ist ... Bei restaurativer Gerechtigkeit geht es nicht in erster Linie um Vergebung oder Versöhnung Manche Opfer oder Opfervertreter reagieren negativ auf restaurative Gerechtigkeit. Sie nehmen an, das Ziel solcher Verfahren sei, sie aufzufordern oder gar zu zwingen, Tätern zu vergeben oder sich mit ihnen zu versöhnen. Wir werden sehen, dass Vergebung oder Versöhnung nicht das primäre Prinzip oder Ziel restaurativer Gerechtigkeit ist. Es stimmt, dass restaurative Gerechtigkeit einen Kontext bereitstellt, in dem das eine oder andere geschehen kann. Tatsächlich kommt es auch viel öfter zu einem gewissen Grad von Vergebung oder sogar Versöhnung, als das in der auf Gegnerschaft beruhenden Struktur des Strafrechts der Fall ist. Jedoch ist dies immer eine Entscheidung, die allein den Beteiligten überlassen bleibt. Es sollte kein Druck ausgeübt werden, zu vergeben oder Versöhnung zu suchen. Restaurative Gerechtigkeit ist keine Mediation Wie Mediationsprogramme sind viele restaurative Gerechtigkeitsprogramme so konzipiert, dass es im Rahmen eines moderierten Treffens eine Begegnung zwischen Opfern, Tätern und vielleicht Mitgliedern der Gemeinschaft gibt bzw. geben kann. Aber nicht immer wird eine Begegnung gesucht und manchmal erscheint sie auch nicht angemessen. Die Ansätze der restaurativen Gerechtigkeit sind aber selbst 15
Anhang Grundlegende Prinzipien der restaurativen Gerechtigkeit Von Howard Zehr und Harry Mika21 1.0 Verbrechen sind grundsätzlich eine Verletzung von Menschen und von zwischenmenschlichen Beziehungen. 1.1
Opfer und die Gemeinschaft sind geschädigt worden und benötigen Wiederherstellung. 1.1.1 Die primären Opfer sind die unmittelbar von einer Straftat Betroffenen, doch gehören dazu zum Beispiel auch Familienmitglieder der Opfer und Täter, Zeugen und Mitglieder der beeinträchtigten Gemeinschaft. 1.1.2 Die durch das Verbrechen beeinträchtigten (und entstandenen) Beziehungen müssen angesprochen werden.
21 Howard Zehr and Harry Mika, Fundamental Principles of Restorative Justice, The Contemporary Justice Review, Vol. 1, No. 1 (1998), S. 47–55.
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1.1.3 Wiederherstellung erwächst aus kontinuierlichen ineinander greifenden Reaktionen auf die ganze Bandbreite der Bedürfnisse und Schäden, die Opfer, Täter und die Gemeinschaft erfahren haben. 1.2 Opfer, Täter und die beeinträchtigte Gemeinschaft sind die wichtigsten Interessenvertreter im Rechtsverfahren. 1.2.1 Ein Prozess der restaurativen Gerechtigkeit erweitert den Einfluss und die Beteiligung dieser Parteien – besonders die der primären Opfer wie auch der Täter – bei ihrer Suche nach Wiederherstellung, Heilung, Verantwortung und Prävention. 1.2.2 Je nach Art des Verbrechens werden die Rollenfunktionen dieser Parteien unterschiedlich sein, ebenso ihre Belastbarkeit und Präferenzen. 1.2.3 Der Staat hat genau definierte Rollenfunktionen, zum Beispiel die Untersuchung der Fakten als Voraussetzung für den Prozess, doch der Staat ist nicht in erster Linie Opfer. 2.0 Verletzungen schaffen Verpflichtungen und Verbindlichkeiten. 2.1 Täter sind verpflichtet, die Dinge so weit wie möglich wiedergutzumachen. 2.1.1 Da die Verpflichtung zuerst gegenüber den Opfern besteht, stärkt ein Prozess der restaurativen Gerechtigkeit die Opfer, damit sie sich an der Erarbeitung von Verpflichtungen wirksam beteiligen können. 84
Anhang: Grundlegende Prinzipien
2.1.2 Den Tätern wird Gelegenheit gegeben, den angerichteten Schaden ihrer Opfer und der Gemeinschaft zu verstehen, und es wird ihnen geholfen, Vorgehensweisen für eine angemessene Verantwortungsübernahme zu entwickeln. 2.1.3 Die Chancen auf eine freiwillige Teilnahme von Tätern werden vergrößert; Zwang und Ausgrenzung verringern sich. Doch kann durchaus von Tätern verlangt werden, dass sie ihre Verpflichtungen annehmen, wenn sie es nicht von selbst tun. 2.1.4 Verpflichtungen, die durch den zugefügten Schaden entstehen, sollten auf Wiedergutmachung ausgerichtet sein. 2.1.5 Verpflichtungen können sehr wohl als schwierig und sogar schmerzhaft empfunden werden, doch ist ihre Intention nicht Schmerz, Strafe oder Rache. 2.1.6 Verpflichtungen gegenüber den Opfern, wie zum Beispiel Schadensersatz, haben Priorität vor anderen Sanktionen und Verpflichtungen gegenüber dem Staat, wie zum Beispiel Bußgeldern. 2.1.7 Täter sind verpflichtet, aktiv teilzunehmen und ihre eigenen Bedürfnisse anzusprechen. 2.2 Die Verpflichtungen der Gemeinschaft bestehen gegenüber Opfern und Tätern sowie dem allgemeinen Wohl ihrer Mitglieder. 2.2.1 Die Gemeinschaft hat die Verantwortung, Opfer von Verbrechen zu unterstützen und zu helfen, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. 85
Fairsöhnt – Restaurative Gerechtigkeit
Anhang: Grundlegende Prinzipien
2.2.2 Die Gemeinschaft trägt Verantwortung für das Wohl ihrer Mitglieder sowie für die sozialen Verhältnisse und Beziehungen, die Verbrechen oder Frieden fördern.
3.2.1 Begegnungen von Angesicht zu Angesicht sind in einigen Fällen angemessen, während sich in anderen alternative Formen des Austausches besser eignen.
2.2.3 Die Gemeinschaft ist verantwortlich dafür, alle Bemühungen zu unterstützen, Täter in das Gemeinwesen zu integrieren. Sie hat sich bei der Erarbeitung der Verpflichtungen für Täter aktiv zu engagieren und Möglichkeiten zu ihrer Besserung zu gewährleisten.
3.2.2 Opfer spielen die Hauptrolle, wenn es darum geht, die Bedingungen eines Austauschs zu definieren und zu regeln.
3.0 Bei restaurativer Gerechtigkeit geht es darum, zu heilen und Unrecht wiedergutzumachen. 3.1 Die Bedürfnisse der Opfer nach Information, Bestätigung, Zeugenaussagen, Strafe, Wiederherstellung, Sicherheit und Unterstützung sind die Ausgangspunkte der Gerechtigkeit. 3.1.1 Die Sicherheit der Opfer hat unmittelbare Priorität. 3.1.2 Der Rahmen des strafrechtlichen Verfahrens fördert die Bemühungen um Erholung und Heilung des Opfers – was letztlich immer dem betreffenden Opfer vorbehalten bleibt. 3.1.3 Opfer werden gestärkt durch die Erweiterung ihres Einflusses und ihre Teilnahme an der Feststellung von Bedürfnissen und dem Weg zu Lösungen.
3.2.3 Gegenseitiges Einverständnis hat Vorrang vor auferlegten Ergebnissen. 3.2.4 Es wird Gelegenheit geboten für Reue, Vergebung und Versöhnung. 3.3 Bedürfnisse und Befugnisse der Täter werden benannt. 3.3.1 In der Erkenntnis, dass Täter selbst oft Verletzte sind, werden deren Heilung und Integration in die Gemeinschaft betont. 3.3.2 Täter werden unterstützt und im Rechtsprozess mit Respekt behandelt. 3.3.3 Entfernung aus der Gemeinschaft und strenge Auflagen für Täter werden auf das notwendige Mindestmaß beschränkt. 3.3.4 Gerechtigkeit schätzt persönliche Veränderung höher als angepasstes Verhalten. 3.4 Das strafrechtliche Verfahren ist Sache der Gemeinschaft.
3.1.4 Täter sind so weit wie möglich an der Wiedergutmachung des Schadens beteiligt.
3.4.1 Mitglieder der Gemeinschaft wirken mit, um den Beteiligten und Umständen gerecht zu werden.
3.2 Das strafrechtliche Verfahren schafft Gelegenheiten für den Austausch von Informationen, zur Beteiligung, zum Dialog und zu gegenseitigem Einvernehmen.
3.4.2 Das strafrechtliche Verfahren hängt von den Möglichkeiten der Gemeinschaft ab und trägt im Gegenzug zum Aufbau und zur Stärkung der Gemeinschaft bei.
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3.4.3 Das strafrechtliche Verfahren soll Veränderungen innerhalb der Gemeinschaft fördern, die zum einen verhindern, dass Ähnliches erneut geschieht, und zum anderen eine frühzeitige Intervention ermöglichen, um den Bedürfnissen der Opfer und der Rechenschaft der Täter Rechnung zu tragen. 3.5 Gerechtigkeit bedenkt die beabsichtigten oder unbeabsichtigten Auswirkungen eines Verfahrens im Blick auf Verbrechen und Viktimisierung (zum Opfer werden). 3.5.1 Gerechtigkeit verfolgt das Einhalten von Vereinbarungen und ermutigt dazu, weil auf diese Weise die Chancen auf Heilung, Erholung, Rechenschaft und Veränderung steigen. 3.5.2 Fairness wird zugesichert, nicht durch Uniformität der Ergebnisse, sondern indem alle Parteien die notwendige Unterstützung und Chancen erhalten und indem jegliche Diskriminierung aufgrund von Volkszugehörigkeit, Klasse oder Geschlecht vermieden wird. 3.5.3 Schlussfolgerungen, die hauptsächlich abschreckend oder disqualifizierend sind, sollten als letztes Mittel verwandt werden. Dagegen sollten die am wenigsten restriktiven Interventionen gewählt und gleichzeitig die Wiederherstellung aller beteiligten Parteien gesucht werden. 3.5.4 Unbeabsichtigten Folgen wie der Nutzung restaurativer Prozesse zum Zweck von Zwangs- und Strafmaßnahmen, ungebührender Täterorientierung oder der Erweiterung sozialer Kontrolle wird entgegen gewirkt.
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Zum Autor Dr. Howard Zehr, Jahrgang 1944, ist Professor of Restorative Justice am Center for Justice and Peacebuilding der Eastern Mennonite University in Harrisonburg, Virginia/ USA (www.emu.edu/cjp). 1978 war er Gründungsdirektor des ersten US-amerikanischen Täter-Opfer-Versöhnungsprogramms und bis 1996 unter dem Dach der Hilfsorganisation Mennonite Central Committee tätig. Howard Zehr gilt als der »Großvater« restaurativer Gerechtigkeit und beschäftigt sich seitdem mit der Theorie und Praxis dieses alternativen Konzepts. Inzwischen hat er es weltweit in über 25 Ländern vorgestellt und seine konkrete Umsetzung begleitet, darunter in Japan, Nordirland, Großbritannien, der Ukraine oder Neuseeland, wo die generelle Umstellung des Jugendstrafrechts auf einen restaurativen Ansatz einen dramatischen Rückgang der Jugendkriminalität bewirkte. Schon früh hat sich Howard Zehr dafür eingesetzt, den Bedürfnissen von Opfern zentrale Bedeutung beizumessen. Gleichwohl ist der Respekt gegenüber der Würde aller Menschen und Völker ein roter Faden in seiner Arbeit. Das vorliegende Buch wurde inzwischen in zwölf Sprachen übersetzt. Howard Zehrs zweite Leidenschaft gilt der Fotografie; er arbeitete als Fotograf und Fotojournalist und hat mehrere Fotobildbände veröffentlicht (www.howardzehr.com). www.emu.edu/blog/restorative-justice
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