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James V. Schall SJ

DER ISLAM

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DER ISLAM Friedensreligion oder Gefahr fĂźr die Welt?

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Bibliografische Information: Deutsche Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http:// dnb.ddb.de abrufbar.

Die Bibelzitate stammen aus der revidierten Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 2016 Katholisches Bibelwerk, Stuttgart. Die Zitate aus päpstlichen Dokumenten stammen von der Homepage des Vatikans (vatican.va) © Libreria Editrice Vaticana. Der Verfasser dankt den Betreibern der Webseiten Aleteia, Catholic Thing, Catholic World Report, Crisis, Ignatius Insight, MercatorNet, Homiletic and Pastoral Review, Fellowship of Catholic Scholars, Catholic Dossier und Vital Speeches of the Day für die Genehmigung, bis dato unveröffentlichtes Material abzudrucken.

Originaltitel: On Islam A Chronicle Record, 2002–2018 © Ignatius Press, San Francisco 2018 Cover: Fotograf © Guenter Guni, iStockPhoto.com Coverentwurf: John Herreid DER ISLAM Friedensreligion oder Gefahr für die Welt? James V. Schall SJ © Media Maria Verlag, Illertissen 2019 Übersetzung: Dr. Gabriele Stein Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-9479310-2-6 www.media-maria.de

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Inhalt Einleitung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Die sieben Trappistenmönche: die Welt ohne Reue  . . . . . 13  1. Hilaire Belloc über die »augenscheinlich unbekehr­ bare« Religion  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17  2. Über den Islam  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41  3. Märtyrer und Selbstmordattentäter  . . . . . . . . . . . . . . . 45  4. Der elfte September: fünf Jahre später  . . . . . . . . . . . . . 58  5. Politik und Physik: Stanley Jaki über die Wissenschaft im Islam  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74  6. Die Ambivalenz des Islams  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86  7. Eine dschihadistische Eroberung?  . . . . . . . . . . . . . . . . 96  8. Die Brüchigkeit des Islams  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100  9. Noch einmal Regensburg  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 10. Zum »Dialog« mit dem Islam  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 11. »Versuchen Sie zu verstehen«: Mossul  . . . . . . . . . . . . . 126 12. Der Islamische Staat  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 13. Lektionen aus Paris vom 7. Januar 2015  . . . . . . . . . . . . 139 14. Christen, die enthauptet wurden  . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 15. Dialoge ohne Lösungen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 16. Über die »Ursachen des Terrorismus«  . . . . . . . . . . . . . 162 – 5 –

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17. Ein »kriegerischer Akt«: Paris  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 18. Die Schießereien von San Bernardino: ein anderer Blickwinkel  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 19. Gedanken zum Roman Unterwerfung  . . . . . . . . . . . . . 194 20. Realismus und Islam  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204 21. Orlando aus heutiger Sicht  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 22. Noch einmal: die Lehre von den zwei Wahrheiten  . . 227 23. Manchester, London und die Ziele des Islams  . . . . . . 231 24. Die Anschläge in Barcelona waren Teil eines sich ausbreitenden weltweiten Krieges  . . . . . . . . . . . . . . . . 243 25. Über die Zukunft des IS  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252 26. Was ist eigentlich der Koran?  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256 Schluss  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264 Nachwort  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 Bibliografie  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268

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Einleitung Während des Philosophiestudiums hatte ich mich flüchtig mit den muslimischen Philosophen beschäftigt. Die Namen alFārābī, Averroës und Avicenna kamen in den Schriften des Aquinaten häufig vor. Genau genommen setzt sich die ganze Summa contra Gentiles mit der muslimischen Sicht auf Aristoteles, Plato, die Bibel und andere grundlegende Schriften auseinander. In gewisser Hinsicht wirkt es wie eine Ironie der Geschichte, dass der Voluntarismus, der für das muslimische Denken so maßgeblich werden sollte, beinahe identisch ist mit der Willensphilosophie, die dem öffentlichen Leben der westlichen Welt in großen Teilen zugrunde liegt. Der Voluntarismus vertritt die philosophisch-theologische Auffassung, dass es in den Dingen oder in der menschlichen Natur keine rationale Ordnung gibt. Hinter der gesamten Wirklichkeit steht ein Wille, der immer auch anders sein könnte. Er ist an keinerlei Wahrheit gebunden. Von jeder Position kann mit demselben Recht immer auch das Gegenteil gelten. Wenn alles, was existiert, nicht auf der Vernunft, sondern auf einem göttlichen oder menschlichen Willen basiert, dann kann das Böse gut und das Gute böse sein. Benedikt XVI. hat am 12. September 2006 in seiner Regensburger Vorlesung auf den Voluntarismus sowohl im Islam als auch im Säkularismus Bezug genommen. Doch dass man sich in Europa ernsthaft mit der militärischen Kampfkraft der Muslime befasst hätte, schien mir Jahrzehnte zurückzuliegen. Christopher Dawson, Bernard Lewis und Arnold Toynbee allerdings – um nur einige zu nennen – waren sich über die Tragweite dieser Frage im Klaren. Allem Anschein nach hatten sich die Wissenschaft, Philosophie, Theologie, Ökonomie und Literatur der neueren Zeit vor allem mit Fragen beschäftigt, die innerhalb der westlichen – 7 –

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Zivilisation selbst aufkamen. Europa hatte in die übrige Welt einschließlich Chinas, Indiens, Afrikas sowie Nord- und Südamerikas expandiert. Die Schiffe der europäischen Mächte waren um das südliche Afrika herumgesegelt, das heißt, sie hatten die muslimische Welt, die die Landrouten in den Osten beherrschte, ganz einfach umgangen. Rund 200 Jahre lang waren die islamischen Gebiete von den Briten, Franzosen, Niederländern, Italienern, Portugiesen oder Russen kontrolliert gewesen. Die Deutschen hatten Interesse am Nahen Osten und an Teilen Afrikas bekundet und dort ihren Einfluss ausgeübt. Die Muslime galten größtenteils als rückständig, fanatisch und einer umfassenden Reform und Erziehung im westlichen oder gar christlichen Sinne bedürftig. Der intellektuelle Diskurs war weitgehend von den Fragestellungen der deutschen, englischen und französischen Philosophie beherrscht. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war überwiegend von Marx geprägt. Vor diesem Hintergrund geht meine Aufmerksamkeit für den Islam als Weltmacht, mit der man rechnen muss, auf meine erste Lektüre von Hilaire Bellocs 1937 erschienenem Buch The Crusades zurück. Das Ende habe ich nie vergessen. Dort hieß es, dass der Islam, sollte er jemals wieder so mächtig werden wie einst, auch dasselbe tun würde wie damals: im Namen Allahs expandieren. In den ersten zwei Jahrhunderten nach Mohammed eroberten muslimische Armeen Nordafrika, Spanien, den Nahen Osten und Teile Südeuropas und gelangten ostwärts bis nach Indien. Was mich – für manche vielleicht unverständlich – an Bellocs Ausführungen am meisten beeindruckte, war seine Erkenntnis, dass eine tot geglaubte Idee oder religiöse Bewegung jahrhundertelang schlafen und dann zurückkehren kann, um ihre ursprüngliche Mission zu erfüllen. In den Jahrzehnten zwischen Bellocs Buch und den Ereignissen im Vorfeld der Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon (2001) war die Welt mit Kräften wie dem Nationalismus, dem Marxismus, der Demokratie und dem Sozialismus – 8 –

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beschäftigt, die auch in den islamischen Gebieten nicht ohne Wirkung blieben. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nahmen mehrere Kommentatoren Bezug auf das, was Belloc in seinem Buch The Great Heresies geschrieben hatte: dass die christliche Zivilisation weniger als 100 Jahre vor dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg um ein Haar von einer muslimischen Armee überrannt und vernichtet worden wäre. »Wien […] wurde beinahe erobert und nur von der christlichen Armee unter dem Befehl des Königs von Polen gerettet – an einem Datum, das eigentlich zu den berühmtesten in der Geschichte zählen sollte: dem 11. September 1683.«1 Und – für diejenigen, die solche Geschichten mögen – noch einmal gut 100 Jahre früher konnte die Insel Malta einen massiven türkischen Flottenangriff unter dem Kommando von Sultan Süleyman des Prächtigen abwehren. Die berühmten Malteserritter unter Jean Parisot de La Valette hielten stand, töteten den algerischen Admiral Dragut und sahen zu, wie die geschlagene Flotte davonsegelte. Das war am 11. September 1565. Die Anschläge vom 11. September 2001 auf amerikanischem Boden waren schockierend, doch was mich persönlich auf die Vorgänge in der islamischen Welt aufmerksam werden ließ, war etwas, das sich einige Jahre zuvor in einem entlegenen, von französischen Trappistenmönchen bewohnten Bergkloster in Algerien zugetragen hatte. Später ist daraus ein ergreifender französischer Film entstanden (Von Menschen und Göttern, 2010). Auf die schiere Brutalität, mit der diese Männer ermordet worden waren, war ich nicht vorbereitet gewesen. Mittlerweile haben wir uns durch die öffentlichen Enthauptungen von Christen in muslimisch kontrollierten Ländern beinahe daran gewöhnt. Dass sich jeder beliebige Mensch all diese Geschehnisse in ihrer ganzen Grausamkeit bewusst machen kann, wenn er einfach nur hinsieht, ist einer der Gründe, 1 Hilaire Belloc, The Great Heresies, Ignatius Press, San Francisco 2017, 92–93.

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die mich bewogen haben, im Folgenden diese Chronik meiner eigenen Reaktionen und Analysen zu einer Reihe von Ereignissen vorzulegen, die sich zwischen 2002 und 2018 zugetragen haben. Eine Kollegin, mit der ich vor mehreren Jahren in Georgetown zusammengearbeitet habe, war mit dem polnisch-französischen Schriftsteller Laurent Murawiec verheiratet, der die blutige Geschichte des Islams sehr genau verfolgt hat. Ich bin keineswegs der Ansicht, dass die Geschichte des Islams ausschließlich blutig ist. Es ist nur so, dass das Blutvergießen ein Teil seiner Geschichte ist – ein Teil, der gerade jetzt, in unserer Zeit, weitergeschrieben wird und an Bedeutung gewinnt.2 Ich beende diese Einleitung mit einem Artikel, den ich verfasst habe, nachdem ich zum ersten Mal von der Ermordung der guten und unschuldigen Mönche gehört hatte. Die Erinnerung daran soll in die nachfolgende Chronik zu verschiedenen Ereignissen und Fragen einführen, die mit dem erwachenden Selbstbewusstsein des Islams und seiner Erschließung neuer spiritueller und dschihadistischer Energiequellen nach und nach überall auf der Welt akut geworden sind. Das vorliegende Buch ist eine Art Ideengeschichte, die zeigt, wie ich zu der Überzeugung gelangt bin, dass der Islam ein bedeutender Faktor im aktuellen Weltgeschehen ist. Es ist kein »islamfeindliches« Buch. Ehrlich gesagt muss man den Islam als politischer Beobachter geradezu dafür bewundern, wie es ihm gelungen ist, seine expansive Dynamik in unsere Zeit hinüberzuretten. Und man beginnt zu begreifen, weshalb die westliche Welt die volle Bedeutung dieser Dynamik nicht ermisst. Im Grunde denke ich, dass der Islam genau das ist, was er zu sein behauptet: eine Religion, die nach wie vor die Mission hat, alle Menschen der Herrschaft Allahs zu unterwerfen. Mein eigentliches Problem mit dieser Mission – die im Koran 2 William Kilpatrick, »Good Islam vs. Bad Islam«, Crisis Magazine, 4. Mai 2016, http://www.crisismagazine.com/2016/good-islam-vs-bad-islam.

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selbst ihre Wurzeln hat – betrifft nicht den bemerkenswerten Erfolg und die Ausbreitung des Islams. Mein Problem betrifft seine Wahrhaftigkeit. Der praktisch einzige Ort, an dem man heutzutage über solche Dinge sprechen kann, ist ein Buch. Eine öffentliche Diskussion findet nur selten statt, und mit den akademischen Diskussionen sieht es kaum besser aus. Ich behaupte nicht, ein beschlagener Islamwissenschaftler zu sein. Aber ich glaube, dass wir das, was ein Einzelner oder eine Gruppe im Laufe der Zeit tut, mit gesundem Menschenverstand betrachten und beurteilen können. Am Ende bilden wir uns eine Meinung, die am ehesten geeignet ist, das, was wir beinahe täglich sehen und beobachten, zu erklären. Aus einer Reihe von Gründen – angefangen beim Niedergang des Christentums in der westlichen Welt, der sich in Europa und Amerika insbesondere in den rückläufigen Geburtenzahlen äußert, bis hin zum Erfolg der Muslime, die überall in Europa und Amerika Enklaven errichten, die von ihnen kontrolliert werden – sieht der Islam einer glänzenden Zukunft entgegen. Wenn die islamische Expansion ins Stocken gerät oder sich verlangsamt, dann nur vorübergehend. Die Stadt Tours im 8. und Wien im 16. Jahrhundert konnten der muslimischen Invasion in Europa Einhalt gebieten, aber nur zeitweise. New York und Paris sind heute ebenfalls Schauplätze dieser Schlacht, doch auch sie sind nicht die letzten Orte, an denen wir solche Dinge erleben werden. Sprechen wir also – in einem ersten Versuch, die aktuelle Lage zu verstehen – über dieses Blutbad in Algerien. Damals hat es mich wachgerüttelt und mir ist klar geworden, womit die Welt es zu tun hat. 1996 schien das, was den französischen Mönchen in ihrem Kloster in den Atlasbergen widerfahren war, noch ein isoliertes Geschehen zu sein. Heute ist es in ganz unterschiedlichen Gegenden der Welt alltäglich geworden. Wenn ich mir diesen »Zwischenfall« – falls ein so neutrales Wort hier überhaupt angebracht ist – ins Gedächtnis rufe, dann kommt mir in den Sinn, was Robert Royal in seinem – 11 –

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Buch The Catholic Martyrs of the Twentieth Century3 geschrieben hat. Viele dieser Menschen, so Royal, werden im Verborgenen getötet. Niemand nimmt es zur Kenntnis. Sie sind gestorben und haben mit ihrem Tod Zeugnis abgelegt. Ich denke an das 15. Kapitel bei Johannes, wo es heißt: »Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat. Wenn ihr von der Welt stammen würdet, würde die Welt euch als ihr Eigentum lieben. Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, sondern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt. […] Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen.« Dieses Gehasstwerden für das, was man ist, scheint mir genau auf uns zuzutreffen, und zwar nicht nur gegenüber der muslimischen, sondern auch gegenüber unserer eigenen Welt mit ihrer inzwischen weitgehend »verhassten« christlichen Vergangenheit. Das vorliegende Buch ist also eine Chronik, eine Bilanz der Ereignisse und meiner Bemühungen, sie im Licht der Philosophie, im Licht des Islams selbst und im Licht der – christlichen wie muslimischen – Offenbarung zu verstehen.

3 Robert Royal, The Catholic Martyrs of the Twentieth Century, Crossroad Publishing Co., New York 2000.

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Die sieben Trappistenmönche: die Welt ohne Reue4 Eines Abends – ich verbrachte gerade einige Einkehrtage in einem alten Jesuitennoviziat – las ich in der englischen Ausgabe der Zeitung L’Osservatore Romano vom 12. Juni 1996 einen unvergesslichen Brief. Darin schrieb Dom Bernardo Olivera, der Generalabt der Zisterzienser der strengen Observanz, auch Trappisten genannt, über die brutale und völlig willkürliche Ermordung von sieben Trappistenmönchen im alge­ rischen Atlasgebirge durch die muslimische Gruppierung ­Groupe Islamique Armé (GIA). Dom Bernardo erinnerte daran, dass sich die Gründung von Cîteaux 1998 zum hundertsten Mal jährte. Er erwähnte die vielen Mönche seines Ordens, die in diesem Jahrhundert getötet worden waren: die sieben in Algerien ermordeten Mönche und die anderen katholischen Brüder und Ordensschwestern, die man dort und an anderen Orten aus demselben Grund massakriert hatte. Er erwähnte, was Johannes Paul II. in Tertio millennio adveniente über das Zeugnis des Martyriums in der Kirche schrieb. »Dieses Zeugnis darf nicht in Vergessenheit geraten«, betonte Dom Bernardo. Der Artikel erzählt die unmittelbare Vorgeschichte dieser sieben Mönche, die ohne Zweifel sehr gute und demütige Menschen waren. Sie wussten, dass sie in einer gefährlichen Region lebten. Der apostolische Delegat, der Erzbischof und ein Beamter der muslimischen Behörden vor Ort hatten ihnen 4 James V. Schall, »Goodbye without Regret«, Crisis, 1. November 1996, 58, http://www.crisismagazine.com/1996/sense-and-nonsense-goodbye​ -without-regret.

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für den Fall, dass sie in eine sicherere Unterkunft umziehen würden, ihren Schutz angeboten. Doch bei den Trappisten gibt es das Gelübde der Ortsgebundenheit. Mehrere Jahre lang hatten sie alle Optionen in Erwä­gung gezogen, sich aber jedes Mal zum Bleiben entschieden. Am 29. Dezember 1993 schrieb einer der Trappisten, Pater Christophe, einen Brief an den Anführer des GIA-Kaders, der dem Kloster an Heiligabend einen bedrohlichen Besuch abgestattet hatte: »Bruder, erlaube mir, Dich so anzusprechen, von Mensch zu Mensch, von einem Glaubenden zum anderen. […] Im gegenwärtigen Konflikt […] scheint es uns unmöglich, Partei zu ergreifen. Die Tatsache, dass wir Ausländer sind, verbietet uns dies. Unser Stand als Mönche bindet uns an die Wahl, die Gott für uns getroffen hat und die in einem einfachen Leben, körperlicher Arbeit, Gastfreundschaft und darin besteht, mit allen, insbesondere den Armen, zu teilen. […] Diese Gründe für unsere Lebensweise sind für jeden von uns eine freie Entscheidung. Sie binden uns bis zum Tod. Ich glaube nicht, dass es Gottes Wille ist, dass dieser Tod durch Euch über uns kommt.« Im Frühjahr dieses Jahres, im März 1996, nahm der GIA, der inzwischen einen neuen Anführer hatte, die Mönche gefangen. Die Anklage: Evangelisierung. Dagegen gab es keine Berufung. Der Emir erklärte: »Mönche, die bei der Arbeiterklasse leben, dürfen von Rechts wegen getötet werden.« Mit ihrer Gefangennahme änderte sich die rechtliche Situation der sieben Mönche: Es war nun legitim, sie wie nicht muslimische Kriegsgefangene zu behandeln, das heißt, sie zu ermorden, sie zu versklaven oder sie gegen muslimische Gefangene auszutauschen. Die Franzosen hatten einen Gefangenen, den der Emir gegen die Mönche austauschen wollte. Er schickte Warnungen – 14 –

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an das französische Auswärtige Amt, dass die Mönche hingerichtet werden würden, wenn der Austausch nicht zustande käme. Der Emir brachte die Angelegenheit auf eine einfache Formel: »Es ist Ihre Entscheidung. Wenn Sie ihn freilassen, werden wir sie auch freilassen; wenn Sie sich weigern, werden wir ihnen die Kehlen durchschneiden. Gepriesen sei Gott.« Am Ende entschied der französische Präsident, dass man sich mit solchen Terroristen nicht auf einen Handel einlassen könne. Mit dem Ergebnis, dass die Mönche um den 21. Mai 1996 herum auf die erwähnte, grausame Weise umgebracht wurden. Dom Bernardos Brief, dem ich diese Darstellung der Ereignisse entnommen habe, überlässt kaum etwas der Fantasie und doch schwingt beinahe etwas Mystisches darin mit. Unwillkürlich kommt uns der unerwartete Abschnitt über das Martyrium in der Enzyklika Veritatis splendor von Johannes Paul II. in den Sinn. Gläubige, friedfertige Menschen werden um einer juristischen Spitzfindigkeit willen und zur »Ehre Gottes«, wie die Mörder behaupteten, getötet. Die Geschichte liest sich wie eine klassische Tragödie oder eher noch wie der Tod des heiligen Thomas Morus, der, glaube ich, gemeinsam mit ein paar Mönchen und einem Bischof ermordet wurde. Der älteste der ermordeten Mönche war Bruder Luc, der während der Einkehrtage des Ordens im Januar 1994 achtzig Jahre alt geworden war. Dom Bernardo erinnerte sich in seinem Brief an eine Nonne in Angola, die als Lesung für die Messe anlässlich ihrer ersten Profess die Stelle über die Feindesliebe ausgesucht hatte. Dieses Empfangen und Vergeben schien ihm der Schlüssel zum Leben dieser Männer zu sein. Beim Abendessen zum Abschluss der Einkehrtage hatte Bruder Luc eine Kassette abgespielt, die er für seine Beerdigung aufbewahrte. Es ist kaum zu glauben, aber das Lied, das er abspielte, war Edith Piafs Je ne regrette rien. Für mich ist die Vorstellung, dass ein alter Trappistenmönch von einem Mitglied des GIA ermordet wird, mehr als – 15 –

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erschütternd. Der herzlose Gläubige gehorcht seinem Gesetz und schneidet einem freundlichen alten Mann die Kehle durch, der an seinem achtzigsten Geburtstag im Refektorium das Lied von Edith Piaf hatte singen hören, das auf seiner Beerdigung gespielt werden sollte. Ich habe diese CD mit Edith Piafs Je ne regrette rien. Immer wenn ich sie höre, bete ich für die sieben Trappistenmönche – und für die Muslime, die sie getötet haben.

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1. Hilaire Belloc über die »augenscheinlich unbekehrbare« Religion5 I Eine der schwierigsten Übungen in politischer Klugheit besteht meiner Meinung nach darin, das Regime eines Ortes, den man besucht, an dem man lebt oder an dem man einen ernst zu nehmenden Gegner antrifft, philosophisch akkurat zu beschreiben. Denn um ein Regime korrekt darzustellen, benötigen wir ein Urteilskriterium, anhand dessen wir entscheiden können, ob ein beliebiges Regime gut oder schlecht ist. Ohne einen solchen Maßstab – mit anderen Worten: ohne eine universale Philosophie – beschränken wir uns darauf, substanzlose Namen zu vergeben. Diese Möglichkeit, Regime so zu beschreiben, wie sie sind, setzt zweierlei voraus: erstens eine universale politische Philosophie, deren Grundlagen zwar durchaus auf gegenwärtige Regime bezogen, aber von ihnen unabhängig sind; und zweitens ausreichend staatsbürgerliche Freiheit, um solche Prinzipien zu artikulieren, ohne Gefängnis oder Tod befürchten zu müssen. Ein solcher Versuch, das Wesen eines Regimes zu ergründen, kann – das haben uns die Philosophen, angefangen bei Sokrates, gelehrt – ein gefährliches Unterfangen sein. Normwidrig agierende Fürsten und Machthaber oder wie immer wir sie nennen wollen, sind nicht erpicht darauf zu erfahren, 5 James V. Schall, »Belloc and the ›Apparently Unconvertible‹ Religion«, ­Vital Speeches of the Day 69, 1. April 2003, 375–382.

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was sie wirklich sind. Und Bürger sind nicht erpicht darauf, die Dinge beim Namen zu nennen, weil sie oft selbst mit den Prinzipien des Regimes übereinstimmen – eine Wahrheit, die Plato uns schon vor langer Zeit gelehrt hat, als er über den Zusammenhang zwischen unseren Seelen und unseren Regierungsformen sprach. Fürsten und Volk hören es lieber, wenn man ihnen sagt, dass sie ohnehin schon die höchsten moralischen Normen repräsentieren, Gottes Willen tun oder die »beste aller möglichen Regierungen« haben – unabhängig davon, was diese nach klassischen philosophischen Maßstäben tatsächlich verkörpern. Doppelt schwierig wird dieses Unterfangen, ein gegebenes politisches System zu identifizieren, wenn das Regime sich zudem direkt oder indirekt als das Ergebnis oder Werkzeug von Normen definiert, die in einer Offenbarung oder Religion wurzeln. In diesem Fall haben wir es nicht länger mit einem Regime im Sinne einer rein politischen Größe, sondern mit einer Regierungsform zu tun, die transzendente Ursprünge oder Legitimationen für sich in Anspruch nimmt. Damit stellt sich unweigerlich die Frage nach der Wahrheit der jeweiligen Offenbarung. Wie Leo Strauss gezeigt hat, zogen es muslimische Philosophen im Mittelalter vor, ihre Philosophie im Privaten zu betreiben, weil ihnen bewusst war, welche Probleme es nach sich ziehen konnte, wenn sie öffentlich über die theoretischen Grundlagen des Regimes spekulierten, in dem sie selbst lebten. Nach außen hin tat der Philosoph, was in puncto Frömmigkeit und religiöser Praxis von ihm erwartet wurde. Doch auch wenn er in der Öffentlichkeit so tat, als wäre er religiös, gab er der privaten Philosophie als einer Erklärung für die Wahrheit der Dinge den Vorzug vor der Religion. Diese Entscheidung für den privaten Raum war für einen Philosophen im Islam tatsächlich der einzig gangbare Weg, weiterhin – wenn auch mit Vorsicht – Philosophie zu betreiben und dennoch am Leben zu bleiben. Strauss zufolge bedeutete diese Hinwendung zur Philosophie, dass der Philosoph eine Theorie ausarbeiten musste, in der die angebliche Offenbarung, die die öffentliche Ordnung – 18 –

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beherrschte, sich ihrerseits der Philosophie unterzuordnen hatte. Die Philosophie urteilte über die Offenbarung, das heißt, der Philosoph hatte den Zweck und den Inhalt der Offenbarung nach rein rationalen Maßstäben zu erklären. Die Fundamente, auf denen die Glaubwürdigkeit der Religion erklärtermaßen beruhte – mit anderen Worten: die politische Theologie der Religion –, waren intellektuell unhaltbar, weil sie von der Philosophie nicht gänzlich verstanden werden konnten. Die Vorstellung etwa, dass der Text des Korans Mohammed direkt und ohne Mittler auf Arabisch mitgeteilt wurde, ist – auch ohne dass man den Inhalt des Buchs auf widersprüchliche oder falsche Lehren überprüft – nach rationalen Begriffen schlichtweg unglaublich. Diese Aufgabe, sich – auch wenn man selbst nicht daran glaubte – mit einem muslimischen öffentlichen Leben abzufinden, bewältigten die Philosophen, indem sie die im Koran geschilderte Lebensweise als einen »Mythos« behandelten, der eigens und kunstreich entworfen worden war, damit die Herrschenden die uneinsichtigen Massen auf Kurs halten konnten. Dieses Mythosverständnis ist sehr alt und reicht mindestens bis in die Zeit Epikurs zurück. Schon Aristoteles hatte gesagt, dass ein Tyrann, wenn er an der Macht bleiben will, die örtlichen frommen Gebräuche respektieren solle; er solle die Massen beschäftigen, erschöpfen und unterhalten, aber nicht dulden, dass irgendetwas im Privaten gesprochen werde. Eine ähnliche Position wurde im spätmittelalterlichen Europa von einer Denkrichtung vertreten, die man unter dem Namen »Lateinischer Averroismus« kennt. Ihr zufolge gab es zwei »Wahrheiten«: eine Wahrheit der Offenbarung und eine Wahrheit der Vernunft. Beide durften einander widersprechen – was immer dies letztlich für die Einheit der menschlichen Seele bedeuten mochte. Wir müssen sie nicht miteinander »versöhnen«. Im Rahmen dieser Theorie konnte, wenn alle sie mittrugen, der Philosoph philosophieren und der Gläubige glauben, ohne dass einer von ihnen sich wegen der offensichtlichen Widersprüche zu sorgen brauchte. – 19 –

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Der Mythos der Religion war also politisch nützlich, aber weder wahr noch mit der Philosophie kompatibel. Der Philosoph führte ein geheimes oder zurückgezogenes Leben wie es, seinen eigenen Worten in der Apologie zufolge, auch Sokrates geführt hat, um nicht schon zu einem früheren Zeitpunkt getötet zu werden. Es gilt als sicher, dass kein Philosoph, der sich öffentlich äußert und vor einem mythisch-religiösen Gemeinwesen angeklagt wird, überleben kann. So sind die Spielregeln. Und deshalb war es ausgeschlossen, dass mehr als nur ein paar Philosophen den Mythos, der die jeweilige Offenbarung erklärte, als falsch durchschauten und um die Schwierigkeit wussten, die Wahrheit darüber zu erkennen, ob wir dem, was wir – mit oder ohne die Vorstellung vom Sündenfall – über die Opazität (Trübung, das Gegenteil von Transparenz, Anm. d. V.) der menschlichen Natur wissen, mehr oder weniger entsprechen.6 An der Oberfläche würde alles ruhig bleiben. Die Religion war in der Tat ein nützliches Mittel, den unvermeidlichen Aufruhr der Massen, denen es an Selbsterkenntnis oder Selbstbeherrschung mangelte, in Schranken zu halten. Die Philosophie und die Wahrheit sind nicht für jedermann gedacht. Bezeichnenderweise musste der heilige Thomas zuallererst mit der Vorstellung aufräumen, dass Offenbarung und Philosophie einander widersprächen, ehe sich die Auffassung durchsetzen konnte, dass die Wahrheit der Offenbarung und die Wahrheit der Vernunft ein und derselben übereinstimmenden Wahrheits- und Wirklichkeitswelt zuzurechnen sind. Und damit war es auch nötig geworden, in der Frage nach der Wahrhaftigkeit der jeweiligen Offenbarungen Stellung zu beziehen.

6 Vgl. Leo Strauss, Persecution and the Art of Writing, Greenwood, Westport, Conn. 1973, 11–24; Ralph Lerner, Muhsin Mahdi, Medieval Political Philo‑ soph, Cornell University Press, Ithaca 1978, 1–21.

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II Wenn man bedenkt, dass der Islam in vielerlei Hinsicht der älteste und hartnäckigste Gegner des Christentums gewesen ist – ein Gegner, der nur selten einen Rückweg offenlässt, wie die Situation in den Ländern beweist, die einst, in welchem Jahrhundert auch immer, von muslimischen Armeen oder Kaufleuten erobert worden sind –, dann ist es verwunderlich, wie wenig die Amtskirche bislang über den Islam hat verlauten lassen. Nach wie vor ist offenbar die Summa contra Gentiles des heiligen Thomas die größte von christlicher Seite unternommene Anstrengung zu definieren, was der Islam ist. Obwohl der Islam ein enormes historisches Faktum ist – die am schnellsten wachsende Religion in der Welt von heute, der mindestens ein Fünftel der Weltbevölkerung angehört und die in schöner Regelmäßigkeit überall dort, wo man es ihr erlaubt, neue Moscheen errichten lässt –, gibt es zum Beispiel keine Enzykliken mit dem Titel »Was ist der Islam?«. Wir haben nichts, das sich etwa mit Rundschreiben wie Mit brennender Sorge oder Divini Redempto‑ ris vergleichen ließe, keinen Syllabus errorum und keine Canones, wie sie auf dem Trienter Konzil formuliert worden sind. Fast könnte man meinen, die Kirche hätte den Wahrheitsansprüchen des Islams niemals Bedeutung beigemessen. Wir setzen uns in unseren Dokumenten unter theologischen Gesichtspunkten mit zahlreichen christlichen Irrlehren, nicht aber mit dem Islam auseinander, der in gewisser Hinsicht selbst einmal eine christliche Irrlehre war. Oberflächlich betrachtet scheint dieser Mangel merkwürdig: beinahe als wäre der Islam nicht wichtig genug gewesen, um ihn ernst zu nehmen – oder als wäre damit eine gewisse Gefahr einhergegangen. Was wir allerdings haben, sind neuere Verlautbarungen über unsere Gemeinsamkeiten mit dem Islam und anderen Religionen. Unsere zeitgenössische Herangehensweise ist liberal und irenisch (friedliebend, Anm. d. V.): ein Dialog, wenn und wann immer möglich, und niemals Konflikt, auch dann nicht, wenn er provoziert wird. Probleme – einschließlich der – 21 –

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vielen im letzten Jahrhundert in islamischen Ländern getöteter Christen – sprechen wir nur sehr ungern und wenn, dann nur auf denkbar allgemeine Weise an, sodass der Eindruck entsteht, nicht der Glaube oder die Praxis des Islams, sondern die westliche Ideologie sei die Ursache aller Probleme. Wir wenden die Analysemethoden westlicher Philosophien oder Ideologien auf islamische Länder an und erwarten uns davon eine Formel, die ihr inneres Ethos erklärt. Wir benutzen wissenschaftliche Methoden, die uns blind machen für das, was vor sich geht. Kurz, wir führen keinen echten Dialog mit den Muslimen, sondern reden mit uns selbst. Es erschreckt uns, wenn Muslime uns aufgrund dessen, was wir über Gott und Christus glauben, als »Ungläubige« bezeichnen. Und das ist nicht einfach eine rhetorische Übertreibung, sondern nennt das beim Namen, was dem Islam als Bedrohung erscheint: ein anderes Gottesbild oder, genauer, die Vorstellung der Dreifaltigkeit und der Menschwerdung. Die Anziehungskraft des Islams scheint zu einem großen Teil direkt von der Leugnung dieses komplexen Gottesbildes abzuhängen, das hochzuhalten und zu verbreiten wir verpflichtet sind. Das 21. Jahrhundert wird, so viel scheint klar, nicht wie noch das 20. Jahrhundert von der Auseinandersetzung mit den Weltideologien, sondern eher von der Auseinandersetzung mit den Weltreligionen geprägt sein. Das haben nur wenige Intellektuelle erwartet. In puncto Moral und Lebenskraft befindet sich der Westen bereits im Niedergang. Roger Scrutons Bemerkung trifft ins Schwarze: »Dass die Medien sich ins Kampfgeschehen eingeschaltet haben, hatte eine zerrüttende Wirkung auf die Wahrnehmung des Krieges. Und angesichts der rückläufigen Geburtenraten und der zunehmenden Langlebigkeit der Bevölkerung sind die westlichen Gesellschaften noch weniger bereit, ihren schwindenden Vorrat an Söhnen in der Schlacht aufs Spiel zu setzen.«7 Der Islam hingegen hat 7 Roger Scruton, The West and the Rest: Globalization and the Terrorist Threat, ISI Books, Wilmington 2002, 59.

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einen reichlichen Vorrat an Söhnen, von denen offenbar viele bereit sind, für seine Verteidigung oder Ausbreitung ihr Leben hinzugeben. Muslimische, hinduistische, chinesische und buddhistische Bewegungen scheinen im Laufe des vermeintlich so skeptischen 20. Jahrhunderts nicht schwächer, sondern stärker geworden zu sein. Die christlichen Bevölkerungen stehen in Indien, China, in buddhistischen und in muslimischen Ländern unter Druck. Viele Christen verlassen diese Länder freiwillig, meist werden sie jedoch dazu gedrängt. Die meisten der Christen, die früher in arabischen Ländern gelebt haben, leben heute im Westen. Sie haben mit ihren Füßen abgestimmt. Die Muslime andererseits sind – zum Teil aufgrund ihres beträchtlichen zahlenmäßigen Wachstums – zusammen mit Chinesen, Hindus, Buddhisten und anderen Vertretern verschiedener Weltreligionen überall in Europa und Amerika präsent. Der moderne Säkularismus wirkt geradezu wie eine kulturelle Kuriosität, die sich auf kleine akademische Enklaven in kleinen Winkeln der Welt beschränkt. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass große Teile der modernen politischen Philosophie von der Vorstellung ausgegangen sind, die Bedeutung der Religion müsse verringert werden, um Religions- und Bürgerkriegen vorzubeugen. Angesichts der strikten Abschottung dieser Religionen an ihren historischen Orten und ihres mangelnden Sinns für eine echte, auf der Würde der Person basierende religiöse Freiheit wirkt der Skeptizismus oder Atheismus, verglichen mit diesen Ländern, aus denen es – außer vielleicht nach innen wie im Fall der mittelalterlichen muslimischen Philosophen – kein Entrinnen gibt, geradezu wie eine gesunde Alternative.

III Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht hilfreich, sich noch einmal näher mit den Gedanken über die Zukunft des Islams zu befassen, die sich Hilaire Belloc in den 1930er-Jahren – 23 –

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gemacht hat. Bellocs Kommentare über den Islam sind aus heutiger Sicht deshalb so bemerkenswert, weil er die Fähigkeit hatte, historische Entwicklungen vor dem Hintergrund einer spirituellen Kraft oder Macht zu beurteilen. Obwohl er Soldat und Militärhistoriker war, der großen Wert auf die Fakten, auf Daten und Namen von Schlachten und Schlachtfeldern, Generälen und Soldaten legte, hat Belloc nie geglaubt, dass letztlich die materielle Macht darüber entscheidet, was zwischen Menschen und Zivilisationen geschieht. »Kulturen entspringen aus Religionen; die Lebenskraft, die jede Kultur aufrechterhält, ist letztlich ihre Philosophie, ihre Einstellung zum Universum; der Niedergang einer Religion zieht den Niedergang der Kultur nach sich, die ihr entspricht – was der derzeitige Zusammenbruch des Christentums mit allergrößter Deutlichkeit beweist.«8 Ihm war bewusst, dass die muslimischen Länder in den rund 300 Jahren seit der Schlacht von Wien am 11. September 1683 nach und nach aus dem modernen Szenario der ernst zu nehmenden Bedrohungen herausgefallen waren. Sie galten als rückständig und waren es auch. Und das ist trotz der Ölvorkommen, mit deren Wert sie wenig oder gar nichts zu tun hatten, noch immer weitgehend der Fall. Belloc war sich darüber im Klaren, dass der jahrhundertelange Einfluss des Westens den Islam nicht verändert hatte. Was die Grundlagen anging, war der Islam von der westlichen Besetzung gänzlich unberührt geblieben. Wie Belloc in Survi‑ vals and New Arrivals schreibt: »Wir stellten uns seine Religion [die des Islams] als eine Art Fossil vor, dessentwegen wir uns nicht zu beunruhigen hätten. Das war fast sicher ein Fehler. Es ist so gut wie sicher, dass wir in naher Zukunft mit dem Islam zu rechnen haben werden. Vielleicht wird er aufsteigen, wenn wir unseren Glauben verlieren. Denn nachdem diese Unterjochung der islamischen Kultur durch dem Namen nach christliche 8 Hilaire Belloc, The Great Heresies, Ignatius Press, San Francisco 2017, 99.

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Nationen bereits abgeschlossen war, begannen die politischen Eroberer dieser Kultur an ihr zwei beunruhigende Merkmale festzustellen: erstens, dass ihr spirituelles Fundament sich als unerschütterlich erwies; und zweitens, dass ihr Einflussbereich nicht etwa kleiner, sondern im Gegenteil langsam größer wurde.«9 Heute – so viel sei gesagt – rechnen wir mit dem Islam. Europa und große Teile Amerikas haben den Glauben weitgehend verloren, wie Belloc es schon vor dem Zweiten Weltkrieg hatte kommen sehen, und der Islam ist dort auf dem Vormarsch. Und auch in Afrika und Asien expandiert der Islam. Belloc war beeindruckt von der Kompaktheit des Islams, seiner inneren Geschlossenheit – was auch immer deren Ursache sein und mit welchen Methoden sie auch aufrechterhalten werden mochte. Wie er im selben Buch schreibt: »Der Islam würde keinerlei missionarischen Bemühungen des Christentums je tatenlos zusehen. Die sogenannten christlichen Regierungen, die zu ihm Kontakt hatten, hat er in spiritueller Hinsicht stets verachtet. Die glühenden und aufrichtigen christlichen Missionare wurden in der Regel höflich empfangen und in einigen Fällen erbittert attackiert, erhielten jedoch nie die Gelegenheit, den Islam zu beeinflussen. Ich halte die Aussage für zutreffend, dass der Islam die einzige spirituelle Quelle auf Erden ist, die sich dem Katholizismus als uneinnehmbare Festung entgegengestellt hat. Seine Anhänger bilden die einzige religiöse Gemeinschaft, aus der es keine nennenswerte Anzahl von Konversionen gibt.«10

9 Hilaire Belloc, Survivals and New Arrivals, MacMillan, New York 1929, 252. 10 Ebd.

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Eine ähnliche Beobachtung formuliert Belloc in The Great ­Heresies: »Der Islam ist augenscheinlich unbekehrbar. Die missionarischen Anstrengungen der großen katholischen Orden, die seit annähernd 400 Jahren mit dem Versuch beschäftigt sind, aus Mohammedanern Christen zu machen, sind überall nahezu vollständig gescheitert. An einigen Orten haben wir den mohammedanischen Herrscher aus dem Land gejagt und seine christlichen Untertanen von der mohammedanischen Kontrolle befreit, aber bei der Bekehrung einzelner Mohammedaner haben wir fast keine Ergebnisse er­zielt.«11 Belloc erkannte an, dass der Islam florierte, weil er grundlegende Wahrheiten über Gott beinhaltete, wie auch immer diese interpretiert wurden. »Der Mohammedanismus hat dauerhaft Wurzeln geschlagen, ein Eigenleben entwickelt und ist schließlich so etwas wie eine neue Religion geworden«, schrieb er in The Great Heresies. »Wie alle Irrlehren lebte der Mohammedanismus von den katholischen Wahrheiten, die er bewahrt hatte. Sein Festhalten an der persönlichen Unsterblichkeit, an der Einheit und unendlichen Majestät Gottes, an seiner Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, an der Gleichheit der menschlichen Seelen im Angesicht ihres Schöpfers – darin bestand seine Stärke.«12 Die Stärke des Islams waren in Bellocs Augen seine Tugenden. Doch allein schon aus diesem Grund – weil der Islam für den Katholizismus uneinnehmbar ist – muss die Kirche dieser wachsenden Kraft in der Welt größere Beachtung schenken. Es genügt nicht, Gewalt im abstrakten Sinne zu verurteilen. »Geht hin und lehrt alle Völker« ist nur möglich, wenn die Völker es zulassen, dass man ihnen predigt. Die westlichen Theorien von der Religionsfreiheit haben sich, ganz gleich, ob 11 Hilaire Belloc, The Great Heresies, 73. 12 Ebd., 96.

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von weltlicher oder religiöser Seite formuliert, im Islam nicht durchgesetzt, und diese Tatsache wird nur selten kritisiert. Die wenigen Christen oder Angehörige anderer Religionsgemeinschaften müssen sich in den meisten muslimischen Ländern in der Praxis mit einem Status als Bürger zweiter Klasse zufriedengeben und stehen unter dem ständigen Druck, zum Islam konvertieren zu sollen.

IV Bellocs These zufolge begann der Islam als eine christliche Irrlehre, die an den jüdischen Elementen des christlichen Glaubens – der Einheit und Allmacht Gottes – festhielt, aber sämtliche christlichen Aspekte, also die Menschwerdung und die Gottheit Christi verneinte, was zur Folge hatte, dass Christus nur mehr als Prophet betrachtet und auch die Kirche, das Priestertum und die Sakramente geleugnet wurden. Der Islam war so erfolgreich, weil er, wie er selbst von sich sagt, eine einfache Religion ist. Es war nicht schwierig, seine wenigen Lehrinhalte und Frömmigkeitsregeln zu verstehen und zu befolgen. Die Ausbreitung des Islams erfolgte fast immer mit Waffengewalt; nach jeder Eroberung übernahmen muslimische Kalifen oder Sultane die Herrschaft. Sie waren intolerant, aber mehr oder weniger bereit, die politische Unterwerfung gegen Abgabenzahlungen zu akzeptieren. Mindestens zweimal in der Geschichte des Westens wurde Europa beinahe vom Islam überrannt: einmal im achten Jahrhundert in Poitiers und einmal im 17. Jahrhundert in Wien. Interessanterweise feiert die Kirche seit damals bestimmte Feste, um dieser Siege zu gedenken. Das bekannteste ist das Rosenkranzfest, das der hl. Pius V. am 7. Oktober 1571 zur Erinnerung an den Sieg in der Seeschlacht von Lepanto eingeführt hat. »Der Name Lepanto sollte allen Menschen mit einem Sinn für Geschichte als einer von etwa einem halben Dutzend großer Namen in der Geschichte der christlichen Welt in – 27 –

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Erinnerung bleiben.«13 Fragt sich nur, ob in der heutigen Zeit, da man sich praktisch für alles entschuldigt, nicht irgendein Papst dieses Fest zum Zeichen seines guten Willens wieder abschaffen wird. Ein Zyniker würde vielleicht hoffen, dass wir zunächst einmal abwarten, ob sich der Islam für die Eroberungen christlicher Länder von Spanien bis hin nach Afrika und Asien und die Massaker dort entschuldigt, mit denen er seine anfängliche Expansion vorangetrieben hat. Diese früheren Päpste jedenfalls wussten, dass sie einen Feind und dass sie großes Glück gehabt hatten, nicht unter muslimische Militärherrschaft geraten zu sein. Der Kreuzzugsaufruf Urbans II. kann, obwohl oft missverstanden, im Großen und Ganzen als der verspätete und weitgehend erfolglose Versuch der europäischen Christen betrachtet werden, sich gegen den Islam zu verteidigen. Belloc war der Ansicht, dass das Kreuzfahrerheer von Anfang an unterbemannt und der Heroismus seiner Anführer oft größer war als ihre strategischen Fähigkeiten – und dass die Niederlage bei Hattin 1187 gegen Saladin eine der bedeutendsten Schlachten der Weltgeschichte war, weil sie die Herrschaft des Islams über weite Weltgegenden bestätigte, die noch heute großenteils islamisch kontrolliert sind. Anders als Stanley Jaki war Belloc nicht der Auffassung, etwas in der islamischen Theologie selbst hindere den Islam daran, sich jemals zu einer industriell oder militärtechnologisch irgendwie bedeutenden Macht zu entwickeln. Das Ausbleiben einer solchen Entwicklung war für Belloc reiner Zufall, während es für Jaki in der Vorstellung von einem absoluten göttlichen Willen und der daraus folgenden Verneinung stabiler Sekundärursachen wurzelte. Jaki führte die Wut im modernen Islam zu einem Großteil darauf zurück, dass es ihm nicht gelungen oder er nicht dazu in der Lage war, sich aus eigener Kraft zu modernisieren.14 In den meisten 13 Hilaire Belloc, The Great Heresies, 92. 14 Stanley L. Jaki, The Road of Science and the Ways to God, University of ­Chicago Press, Chicago 1978, 35–36.

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Fällen stammen Waffen und Equipment der muslimischen Staaten nach wie vor aus ausländischen Produktionen, sind in der Regel von minderer Qualität und mit Ölgeld bezahlt. Die »neue« Waffe, die der Islam am 11. September 2001 präsentierte, ging mit einer Art fanatischer Entschlossenheit einher, jede nur denkbare Methode des Terrors einzusetzen – auch dann, wenn dabei Einzelne ihr Leben lassen, die, weil sie Ungläubige getötet haben, landläufig oft als »Märtyrer« betrachtet werden. Für diese Methode benötigt man nur wenig an Technologie. Und der Westen verfügt über eine allenfalls minimale moralische Ausrüstung, um auf derartige Taktiken zu reagieren. Denn wer nicht um sein eigenes Leben fürchtet, ist nur sehr schwer aufzuhalten – das wussten schon Aristoteles und Machiavelli. Doch keiner der beiden hatte dabei die Vorstellung im Sinn, dass jemand sein Leben zu diesem speziellen Zweck opfert. Genau genommen hat der Islam schon immer in der Geschichte des Westens in den Herzen derer, die unter seiner Herrschaft oder an seinen Grenzen lebten und für die unmittelbare Zukunft mit einem Angriff rechnen mussten, so etwas wie Terror ausgelöst. Belloc spielt auf dieses Phänomen an: »Da diese Dinge so sind, scheint ein Wiederaufflackern des Islams, scheint die Vorstellung abwegig, dass dieser Terror, unter dem wir jahrhundertelang gelebt haben, wiederkehrt und unsere Zivilisation erneut gegen die Macht um ihr Leben kämpft, die tausend Jahre lang ihr schlimmster Feind gewesen ist. Wer in der heutigen muslimischen Welt wäre imstande, das komplizierte Gerät der modernen Kriegsführung herzustellen und zu warten? Wo ist die politische Maschinerie, auf die sich die islamische Religion stützen müsste, wenn sie in der modernen Welt eine gleichberechtigte Rolle spielen wollte?«15

15 Hilaire Belloc, The Great Heresies, 98.

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Heute scheint diese Frage weniger rhetorisch, denn am Ende zählen Zahlen und es zählt die Entschlossenheit von Menschen, beim Einsatz moderner Maschinen – zum Beispiel ganz gewöhnlicher Flugzeuge – und in Ausführung dessen zu sterben, was für sie ein verbriefter religiöser Auftrag ist, während wir uns alle Mühe geben, es als schlichten und grundlosen »Terrorismus« zu klassifizieren. Hinzu kommt, dass dieser Terrorismus oder die von ihm ausgehende Bedrohung inzwischen allgegenwärtig ist. Aufseiten des Islams selbst sind bislang keine großen Bemühungen zu beobachten, seine eigenen »Terroristen« unter Kontrolle zu bringen oder jenen ihre Sympathie zu bekunden, die unter ihnen zu leiden haben oder sich vor ihnen schützen müssen. Die Unbekehrbarkeit des Islams führt uns zu mehreren, womöglich radikalen Überlegungen. Unter Christen ist das Diktum verbreitet, dass das Blut der Märtyrer die Saat des Glaubens sei. Es hat im Laufe der Jahrhunderte viele, viele Christen gegeben – und es gibt sie noch immer –, die von muslimischer Hand das Martyrium erlitten haben. Wie im Fall des türkischen Massakers an den Armeniern ist eine Rechtfertigung immer zur Hand: dass die Christen Allah gelästert hätten. Allein schon die Existenz des Christentums ist nach muslimischen Begriffen eine Lästerung, solange wir an der Wahrheit der Inkarnation – dass Gott Mensch geworden ist – festhalten. Diese historischen Martyrien scheinen – im Hinblick auf etwaige Konversionen oder auch nur im Hinblick auf eine gewisse Aufmerksamkeit unsererseits – wenig oder gar nichts bewirkt zu haben. Überdies haben wir es mit dem Parallelphänomen des muslimischen Märtyrers zu tun: des Menschen, der im Namen Allahs tötet – ob er nun in einer Kirche auf den Philippinen einen Sprengstoffgürtel detonieren lässt, französische Trappistenmönche in Algerien enthauptet oder Flugzeuge ins World Trade Center steuert. Solche Mörder werden in einem irgendwie fundamentalen Sinn als Märtyrer dargestellt. Und auch die Vorstellung von einem »Heiligen Krieg« ist dem Islam nicht – 30 –

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unvertraut. So sehr sich die Kirche auch bemüht und aufzuzeigen versucht, dass solche Taten durch nichts zu rechtfertigen sind, werden die, die solche Taten verüben, doch noch immer zumindest in einigen maßgeblichen muslimischen Kreisen als echte Märtyrer betrachtet, die Allahs würdig, weil bestrebt sind, die Religion zu verteidigen oder auszubreiten. Wenn wir versuchen, dieser Position auf, nun sagen wir, naturrechtlicher Basis zu widersprechen, dann stellen wir fest, dass dieser Diskurs dem Selbstverständnis des Islams in vieler Hinsicht völlig fremd ist. Die Grundlage unserer Argumentation wird gar nicht als gültig anerkannt. Belloc war der Ansicht, dass der Islam als Irrlehre begonnen und sich später, als er Verantwortung übernehmen und seine Erfolge auf dem Schlachtfeld erklären musste, auf kultureller Ebene zu einer neuen Religion entwickelt habe. Die erstaunlichen Erfolge auf dem Schlachtfeld mussten verwaltet werden. »Der Mohammedanismus war eine Irrlehre: Das ist der wesentliche Punkt, den wir festhalten müssen, ehe wir auch nur einen Schritt weitergehen. Er hat als Irrlehre begonnen, nicht als neue Religion. Er war kein heidnisches Gegenstück zur Kirche: Er war kein fremder Feind. Er war eine Verkehrung der christlichen Lehre. Seine Lebenskraft und Ausdauer ließen ihn schon bald als eine neue Religion erscheinen, doch die, die seinen Aufstieg miterlebten, sahen ihn als das, was er war – keine Leugnung, sondern eine Adap­tation und Fehlanwendung des Christlichen.«16 Wie die meisten Wissenschaftler anerkennen, stammt das, was der Islam aus der Offenbarung übernommen hat, großenteils eher aus dem Judentum als aus dem Christentum. Der Islam hat vieles von dem bewahrt, was Christentum und Judentum gemeinsam haben: die Transzendenz Jahwes, die Schöpfung, 16 Hilaire Belloc, The Great Heresies, 59–60.

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die göttliche Gerechtigkeit und Bestrafung, die besondere Beziehung des Volkes zu Gott. Dennoch war der Islam anders als der Arianismus und andere frühe Irrlehren. Er entstand außerhalb der antiken christlichen Welt. Für ihn war Christus nicht Gott, sondern ein menschlicher Prophet. Damit leugnete er den wichtigsten Grundsatz des christlichen Glaubens. »Mit dieser Leugnung der Menschwerdung war auch die gesamte sakramentale Struktur hinfällig. Er [der Muslim] wollte nichts von der Eucharistie mit ihrer Realpräsenz wissen; er setzte dem Messopfer und damit auch der Institution eines besonderen Priestertums ein Ende. Mit anderen Worten, er gründete seine Irrlehre wie so viele weniger bedeutende Irrlehrer auf Vereinfachung.«17 In Saudi-Arabien ist es – auch wenn nicht oft darüber gesprochen wird – selbst im privaten Bereich verboten, die Messe zu lesen. In anderen muslimischen Ländern ist die Messfeier unter Einschränkungen erlaubt und wird ständig durch die verschiedensten formellen und informellen Praktiken erschwert. Die Religionsfreiheit ist kein Begriff, der gleichsam natürlich aus dem muslimischen Denken hervorginge, sondern eine westliche Vorstellung, ja eine weitgehend westliche Idee. Die Religionsfreiheit zu praktizieren gilt im Islam im Grunde als mangelnde Unterwerfung gegenüber Allah – und das auch dort, wo nicht muslimische Kultformen erlaubt sind. Belloc war der Meinung, dass der Islam sich vor allem aus einem guten Grund so rasch ausbreitete: weil er Schlachten gewann. Dieser Erfolg sollte moderne Pazifisten nachdenklich stimmen, was jedoch meist nicht geschieht. Doch den Islam als eine Religion der Einfachheit zu bezeichnen, ist für Bellocs Begriffe eher ein Kompliment. Er weist darauf hin, dass er viele Menschen aus der Zwickmühle des Zinswuchers und vor 17 Hilaire Belloc, The Great Heresies, 61–62.

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dem Richter gerettet habe. Er befreite Sklaven, wenn sie konvertierten, und machte sie innerhalb des Systems zu Brüdern. Die Bruderschaft im Glauben hat Vorrang vor allen anderen Beziehungen. Belloc unterscheidet zwischen der anfänglichen Ausbreitung des Islams im Nahen Osten und seiner Expansion in persisches und mongolisches Gebiet – von Mesopotamien bis nach Indien und ins Oströmische Reich. »Der typische Gleichmut der asiatischen Gesellschaft fühlte sich sofort von dieser neuen Idee einer sehr einfachen, persönlichen Regierungsform angesprochen, die durch die Religion geheiligt war und mit theoretisch absoluter Macht von einem Zentrum aus regierte.«18 Durch diese Eroberungen lernte der Islam die griechische Philosophie und andere Kulturen kennen und legte so den Grundstein für einen Großteil seiner wissenschaftlichen und künstlerischen Errungenschaften. »Der Islam war die eine Irrlehre«, so Belloc, »die das Christentum durch seine frühe materielle und intellektuelle Überlegenheit um ein Haar vernichtet hätte.«19 Um die »Toleranz« des Islams insbesondere den Buchreligionen gegenüber ist viel Aufhebens gemacht worden. In vielen Fällen war diese Toleranz jedoch schlicht der Tatsache geschuldet, dass bei großen eroberten Völkern nicht binnen Kurzem ein Gesinnungswandel herbeigeführt werden konnte. Belloc vertrat die Auffassung, dass »das muslimische Temperament nicht tolerant« gewesen sei. »Es war im Gegenteil fanatisch und blutrünstig. Es empfand keinerlei Respekt und nicht einmal Neugier gegenüber jenen, von denen es sich unterschied. Es war auf absurde Weise selbstgefällig und blickte voller Verachtung auf die christliche Hochkultur seiner Umgebung herab. Und diese Verachtung hat es sich bis heute bewahrt.«20 Der praktische Kompromiss bestand in dieser Situation darin, dass die Christen bleiben durften – aber nur 18 Hilaire Belloc, The Great Heresies, 66. 19 Ebd., 68. 20 Ebd., 69.

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innerhalb sehr eng umrissener Grenzen und Beschäftigungen. Sie mussten Abgaben zahlen. Und viele wurden nach und nach vom Islam absorbiert, weil sie keine Chance sahen, ihm zu entkommen.

V Dieser historische Befund – die Beständigkeit des Islams, seine Geschlossenheit, seine Treue zu sich selbst – verdienten, so Belloc, nähere Betrachtung. Der Islam war »die gravierendste aller Irrlehren« gewesen. Nun stellte sich die Frage: Warum hatte er überlebt? »Millionen moderner Menschen der weißen Zivilisation – das heißt der Zivilisation Europas und Amerikas – haben den Islam vollständig vergessen.«21 1938 konnte man das noch schreiben – 2003 nicht mehr. Die Frage, die sich heute stellt, lautet nicht einfach: »Warum hat er überlebt?«, sondern: »Warum war er erfolgreich?«. Man kann nicht umhin anzuerkennen, dass Belloc das Problem vorhergesehen hat: »Er ist de facto der gravierendste und ausdauerndste Gegner, den unsere Zivilisation je gehabt hat, und kann jederzeit in der Zukunft zu einer ebensolchen Bedrohung werden, wie er es in der Vergangenheit gewesen ist.«22 Eine solche Offenheit erlaubt uns weder unsere moderne Kultur noch die moderne Kirche. In der Regel, glaubte Belloc, erzielen Irrlehren gewisse Anfangserfolge, ehe sie abebben und schließlich verschwinden. Beim Islam war das nicht so. Der Islam blieb, was die Zahl seiner Gläubigen und die Kraft seiner Überzeugungen anging, auch dann noch stark, als er bereits besiegt war. Inwiefern ist der Islam also anders als die anderen Irrlehren? Weil er einfach sei, sich auf die Gerechtigkeit gründe und dem Christentum gegenüber eine Verbesserung darstelle, meinen einige 21 Hilaire Belloc, The Great Heresies, 71. 22 Ebd.

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