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Das innere Gebet Jeanne Guyon

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Das innere Gebet Seine Natur sowie eine kurze Anleitung dazu

von

Jeanne Guyon

VIS Medien Bibliothek christlicher Klassiker Band 2 3


In der „Bibliothek Christlicher Klassiker“ erscheinen Werke der christlichen Literatur, deren geistliche Botschaft auch heute noch aktuell ist, die jedoch zeitweise in Vergessenheit geraten sind. Als Christen des 21. Jahrhunderts schöpfen wir auch aus dem reichen Erbe dessen, was Männer und Frauen, die uns voran gegangen sind, an geistlicher Botschaft hinterlassen haben. Die vorliegende Ausgabe beruht auf einem Druck des Verlagshaus der Deutschen Zeltmission Geisweid (Westf.), 13. Auflage, ohne Jahresangabe. Hierzu wurde der Text dankenswerter Weise von Maria Sadewasser neu erfasst. Das Buch wurde sprachlich leicht überarbeitet. Stellen, die aufgrund veränderten Sprachgebrauchs heute unverständlich wären, wurden angepasst. © VIS Medien, Verlag Ingo Schreurs 2009 Umschlaggestaltung: be-sign.net, Bernd Scheurer Satz: Jens Wirth Gesamtherstellung: Schönbach-Druck, Erzhausen Best-Nr.: 567408 ISBN: 978-3-932994-08-1 VIS Medien Mödlareuth 1 07926 Gefell verlag@vis-medien.de www.vis-medien.de

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Inhalt

Das innere Gebet

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Über das „Beten ohne Unterlass“

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Ich will dich immer treuer lieben

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Das innere Gebet Einladung zum Gebet Alle, die dem Herrn nachfolgen wollen, sind zum Gebet berufen. Doch ist damit nicht das Wortgebet gemeint, welches seiner Natur nach nicht andauern kann, sondern ein lautloses inneres Gebet. Dieses besteht in der fortwährenden Neigung des Herzens zu Gott und in der Übung der Liebe zu ihm. Es ist diese Art des Gebets an die Paulus denkt, wenn er 1. Thessalonicher 5, 17 sagt: „Betet ohne Unterlass,“ und Jesus spricht im Blick darauf in Markus 13,33: „Sehet zu, wachet und betet,“ und Vers 37: „Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!“

Des Herrn Gebote sind nicht schwer. Es ist viel leichter zu diesem inwendigen Gebet zu gelangen, als die meisten denken. O kommt, ihr hungrigen Seelen, die ihr unter innerem Druck 7


steht, ihr sollt erquickt werden. Fürchtet euch nicht, alle eure Schmach und Schande dem großen Arzt bloßzulegen. Ihr sollt gerettet werden. Kommt zu eurem Vater, der euch mit den Armen seiner Liebe umfangen will. Kommt, ihr Einfältigen und Unwissenden, die ihr glaubt, dass ein solches Gebet für euch unerreichbar wäre, gerade ihr seid ganz besonders dazu berufen. Dieses Gebet führt uns dazu, ständig in der Gegenwart Gottes zu wandeln, ihn anzuschauen, zu genießen, sodass alles, was er für uns getan hat, auf diesem Weg unser Besitztum wird. Deswegen muss es ein Gebet sein, das jederzeit und von jedem geübt werden kann und das durch keinerlei äußere Beschäftigung unterbrochen wird. Wir sprechen hier also nicht von dem Gebet des Kopfes, sondern des Herzens, nicht des Verstandes, der so beschränkt ist in seiner Tätigkeit, dass er sich nur mit einem Gegenstand auf einmal beschäftigen kann. Das inwendige Gebet kann weder durch den Verstand noch durch irgendetwas anderes unterbrochen werden, es sei denn durch unordentliche Neigungen des Herzens. Wer jedoch einmal auf diesem Wege Gott und die Süßigkeiten seiner Liebe zu schmecken bekommt, der findet es unmöglich, sein Glück noch an einer anderen Quelle zu suchen. 8


Es ist leicht und natürlich Gott zu lieben und zu besitzen; denn „in ihm leben, weben und sind wir“. Er sehnt sich mehr nach uns, als wir nach ihm. Es kommt nur darauf an, wie du ihn suchst. Ihn recht suchen ist leichter und einfacher als das Atemholen. Du magst noch so sehr von deiner Unfähigkeit überzeugt sein, so sage ich dir doch, dass du mit und in Gott leben kannst mit derselben Leichtigkeit, mit der der Vogel sich durch die Luft schwingt.

Die Betrachtung Um dich in das innere Gebet einzuführen, ist die Betrachtung von wesentlicher Bedeutung. Diese verbindet man anfangs am besten mit dem Lesen, z.B. eines Schriftworts oder eines anderen zweckentsprechenden Buches. Fange nun an, über eine Wahrheit, die dir besonders wichtig geworden ist, zu lesen. Nimm dir nur einen kurzen Abschnitt und versuche, den inneren Gehalt davon in dich aufzunehmen, einen Anteil zu gewinnen an der Lebenskraft, die darin verborgen liegt. Gehe nicht weiter, bis sich dir alles erschlossen hat, was gegenwärtig in diesem Wort für dich liegt. Dann magst du weitergehen, aber beschränke dich, denn nicht das viele Lesen tut es, sondern nur die Art, wie du liest, bestimmt 9


dir den Segen. Wenn eine Biene nur flüchtig über die Blumen dahin schweben wollte, würde es ihr wenig nützen. Sie muss tief in die Blüten eindringen, um den süßen Honig zu gewinnen.

Es ist auch gar nicht nötig, dass du bei der Betrachtung stets ein Buch zur Hand habest. Du wirst bald spüren, dass deine Seele auch dann innerlich in die Gegenwart Gottes gezogen wird, wenn du z. B. bei der Arbeit bist oder des Nachts still auf deinem Lager liegst. Doch brauchst du auch nicht immer zu warten, bis du diesen Trieb fühlst, sondern versuche dich, so oft du kannst, während du deiner Beschäftigung nachgehst, durch einen lebendigen Glaubensakt in die Nähe Gottes zu versetzen. Bewege ein Wort in deinem Herzen. Gebrauche dabei nicht den Verstand, sondern lass dein Gemüt dadurch eine innere Sammlung und Stille gewinnen. Dies bewahrt dich vor aller Zerstreutheit, diesem Grundübel, durch das so viele nicht weiterkommen. Du wirst Gott nur in deinem tiefsten Innern finden, so wie er auch in der Stiftshütte nur in dem Allerheiligsten wohnte. „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.“ (Johannes 14,23). 10


Diese stille Sammlung und innere Einkehr mag dir zuerst als etwas sehr schweres vorkommen, weil die Seele so sehr daran gewöhnt war, ständig nicht zu Hause zu sein, sondern umherzuschweifen. Aber lass dich nicht entmutigen, sei beharrlich und tapfer, dann wird die innere Stille dir bald zum Lebensbedürfnis werden. Sobald du Zerstreutheit bei dir beobachtest oder irgendetwas dich erregen will, kehre dich einfach sanft nach innen in die heilige Gegenwart Gottes. Dies ist die beste Weise zu kämpfen. Sieh, Gott sehnt sich danach, dass du ihn auf diesem Wege suchst, und du wirst ihn finden.

Fortschritt in der Betrachtung Wenn sich die Seele einige Zeit in dem gerade beschriebenen Wege geübt hat, wird sie finden, dass es ihr leichter wird, sich Gott zu nahen. Die innere Sammlung ist mit weniger Schwierigkeit verbunden. Das Gebet wird lieblich und leicht. Wir wissen, dass wir auf dem rechten Wege sind. „Sein Name ist uns wie eine ausgeschüttete Salbe“ (Hoheslied 1,3).

Die Betrachtung wird sich von selbst allmählich verändern. Wenn sich die Seele jetzt Gott im Glauben nähert zum Gebet, wird sich alsbald ein 11


heiliges, ehrfürchtiges Schweigen auf sie legen. Spürt sie dann die Gegenwart Gottes, so soll es ihr ernstes Anliegen sein, sich durch nichts ablenken zu lassen. Gott selbst, liebe Seele, wird dich zum Gegenstand deiner Betrachtung führen. Bleibe aber nicht völlig untätig, sondern mit ganzem Willen halte, wenn du ein Nachlassen spürst, in dir die Neigung des Herzens zu Gott aufrecht; aber tue nichts mehr, sobald Gott zu wirken anfängt. Nach dem Gebet verharre noch eine Weile in stiller Ehrfurcht. Es sei eine reine, uneigennützige Liebe in dir, der es nur darum geht, Gott zu gefallen. Sei nicht ein Knecht, der nur fleißig ist, weil er auf Belohnung hofft. Widme dich dem Gebet nicht um der geistlichen Segnungen willen, sondern damit Gott mit dir tue, was ihm gefällt. Dies wird dir eine innere Gleichmäßigkeit einbringen, die sich nicht verunsichern lässt, auch wenn Zeiten der Dürre kommen.

Geistliche Dürre Gott wartet gleichsam darauf, sich der ihn liebenden Seele mitzuteilen; dennoch verbirgt er sich manchmal, damit sie lerne, die ihr noch anhaftende Trägheit abzustreifen und ihn mit Ausdauer und Treue zu suchen. In solchen Zeiten sind wir nur zu 12


geneigt, diesen Zustand durch eigene Kraft und Tätigkeit zu überwinden. Nein, teure Herzen, das ist ganz falsch, strengt euch nicht an, sondern in geduldiger Liebe, in tiefer Beugung und Demut, mit dem stillen Seufzer der Sehnsucht erwartet ehrfürchtig die Rückkehr des Geliebten. So nur beweisen wir, dass wir ihn allein suchen und nicht die Süßigkeit des Genusses. Durch ein solches Benehmen erfreuen wir ihn, der uns dann doppelt erquickt zu seiner Zeit. In einem Ausspruch eines Heiligen heißt es: „Sei nicht ungeduldig in den Zeiten der Dunkelheit und Dürre! Dulde den Verzug der Tröstungen Gottes! Bleibe vor ihm, harre auf ihn, so wird dein Leben wachsen und neu werden.“

Völlige Hingabe an Gott Jeder Augenblick in unserem Leben und was er mit sich bringt, ist nach Gottes Willen und Zulassung eingerichtet, und zwar gerade so, wie unser gegenwärtiger Zustand es erfordert. Diese Überzeugung soll in uns bewirken, dass wir uns in allen Dingen vollkommen Gott überlassen. Hast du dich einmal so an Gott ausgeliefert, so wisse, dass du dich nicht wieder zurücknehmen darfst. Denn wenn eine Gabe einmal überreicht ist, so steht sie nicht länger zur Verfügung des Gebers. Lass dich durch die Stimme der Vernunft nicht beirren. 13


Je größer dein Glaube, desto größer die Hingabe. Lege all deine äußeren und inneren Angelegenheiten ganz in Gottes Hände, vergiss dich selbst und sei nur mit ihm beschäftigt. Dann bleibt das Herz frei, unverwickelt und in Frieden. Verliere deinen eigenen Willen in den göttlichen. Wer dies recht versteht, wird bald zur Vollkommenheit gelangen. Sobald eine Neigung aufsteigen will, die nicht von Gott stammt, muss sie sofort verleugnet werden. Die Vergangenheit bleibe vergessen, die Zukunft ruhe in Gottes Hand. Die Gegenwart sei Augenblick für Augenblick ihm geweiht. Dein Leben entwickelt sich nach einem bestimmten göttlichen Plan. Sieh deswegen nicht auf die äußeren Umstände, auf Menschen und Dinge, sondern blicke tiefer, auf Gottes Walten, das sich dahinter verbirgt. Dann wird auch alles Leiden einen eigenen Glanz gewinnen. Gehöre nicht zu denen, die immer auf Tabors Höhen wandeln wollen und die, wenn es heißt, auf das Kreuz einzugehen, kläglich ihre Hilfe bei den Geschöpfen suchen! Nein, ihr lieben Seelen, Gottesliebe und Kreuzesliebe müssen zusammengehen. Sonst verdienten wir den Vorwurf Jesu: „Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ (Matth. 16, 23). 14


In dem selben Maße, wie du dich nach dem Kreuz sehnst, sehnst du dich auch nach Gott. Gott gibt das Kreuz und durch das Kreuz begegnen wir Gott. Darum können wir sicher sein, dass jeder Fortschritt auf dem Kreuzweg einen Fortschritt im inneren Leben bedeutet. Wenn sich das Kreuz dir naht und du spürst Abneigung dagegen, so beuge dich sofort unter Gottes Hand und lege dich ihm auf den Altar. Du wirst dann finden, dass das Kreuz nicht so unerträglich ist, wie du dachtest. Du wirst es allerdings fühlen, sonst wäre es kein Kreuz. Sieh, wie Jesus es in seiner ganzen bitteren Schärfe zu kosten bekam, und trage es so willig und gleichmäßig wie er, Tag für Tag, weil du weißt, dass Gottes vollkommener Wille in dir geschehen muss.

Kundgebungen des Geistes Ich habe bis hierher versucht, einen leichten, einfachen Weg zu zeigen, um in eine dauernde Lebensgemeinschaft mit Gott einzutreten. Wer treu und kindlich darauf eingeht, in dem kann sich Gott einen Boden bereiten, der fähig ist, seine göttlichen Geheimnisse aufzunehmen.

In dieser Stille vor Gott kann sich Jesus der Seele mitteilen und seinen Charakter, wesenhaft 15


in Kraft und Wahrheit, stufenweise immer mehr in uns einprägen. Das ist etwas ganz anderes, als nur darüber zu sprechen. Es ist die Aufgabe des Heiligen Geistes, uns Jesus zu verklären. „Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden.“ (Johannes 16, 14) So werden wir Jesus auf die unterschiedlichste Weise kennenlernen. Lasst uns diese Offenbarungen mit demütigem Dank hinnehmen und prüfen, was wir durch sie lernen können. Aber dränge dich nicht zu diesem Schauen. Unsere Aufgabe ist es nur, uns im Glauben mit ihm zu verbinden, ein Nichts zu sein vor ihm und aus seiner Hand zu nehmen, was er für gut hält, sei es Dunkelheit oder Licht, Süßigkeit oder Schmerz, Anfechtung oder Freuden. Nichts, nichts sollte uns in unserem Glaubenslauf aufhalten. Lass dich auch nicht irre machen, wenn andere in deiner Umgebung gesegnet werden und du nicht. Dann erst recht halte deine Seele fein still zu Hause, damit sie nicht etwas an sich reiße, das ihr nicht zukommt und das ihr nur Bitterkeit und Qual bereiten würde. Werde auch nicht ängstlich, wenn du Unordnung in den geistlichen Kundgebungen anderer 16


beobachtest. Dann ist wiederum deine Weisung, dich allein an das Haupt, Jesus, zu halten. Er ist des Leibes Heiland! Seine Aufgabe ist es, Ordnung zu schaffen, nicht die deine, es sei denn, dass du einen persönlichen Auftrag erhältst. Gibt Gott dir persönlich eine Offenbarung, so genieße sie still, solange es ihm gefällt. Doch hänge dich nicht daran, damit du in der Ruhe bleiben kannst, wenn alles wieder schwindet. Mache dir keine Gedanken, wenn du eine bestimmte Kundgebung, nach der du dich sehnst, nicht empfängst. Die liebende Neigung des Herzens zu Gott allein schließt alles andere in sich. Wer in Frieden und Stille mit seinem Herrn verbunden ist, hat alles, auch wenn er nichts hat.

Die Gegenwart Gottes Dein König hat noch mehr für dich, liebe Seele, als geistliche Segnungen und Süßigkeiten. Bleibst du ihm im Glauben treu, so wirst du zu deinem Erstaunen merken, dass Gott nach und nach von deinem ganzen Wesen Besitz ergreift. Du wirst ein ständiges Bewusstsein seiner Gegenwart erhalten und sie wird dir völlig natürlich werden, ebenso wie das innere Gebet. Beides entspringt aus der Übung. 17


Die Seele spürt, wie eine stille, heitere Ruhe alle ihre Fähigkeiten durchdringt. Sie liegt schweigend im Gebet vor Gott, der nun anfängt, seine Liebe in ihr Herz zu gießen, und damit beginnt ein Zustand unaussprechlicher Seligkeit. Ich darf jetzt nicht viel davon sagen. Die Seele, die es erfährt, wird merken, wie wenig Worte hier ausdrücken können. Sei nur darauf bedacht, dass deine eigenen Anstrengungen und deine Selbsttätigkeit aufhören. „Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin.“ (Ps. 46, 11). Aber das Geschöpf ist gewöhnlich so durchdrungen von der Liebe zu seiner eigenen Wirksamkeit, dass manche glauben, es geschehe nichts, wenn sie davon ablassen. So jemand weiß nicht, dass Gottes Tätigkeit darin besteht, die des Geschöpfes aufzuheben. Ehe die Sonne aufgeht, sind die Sterne deutlich zu sehen; aber sie verblassen, je mehr das Licht des großen Gestirns zunimmt. Sie haben wohl noch Licht, aber die größere Lichtquelle absorbiert alles. Es entsteht also in der Seele eine scheinbare Untätigkeit, die wahrhaft nicht die Folge von Mangel und Trägheit ist. Es gibt nämlich zwei Arten von Menschen, die stillschweigen; die einen, weil sie nichts zu sagen haben, die an18


dern, weil die in ihnen wohnende Fülle keinen Ausdruck findet. So ist es mit Seelen, in denen die überströmende Gnade das Selbstleben aufhebt. Wie nötig ist also das Stillwerden vor Gott! Sieh dir das Kind an der Mutter Brust an! Es bewegt zuerst die Lippen ein wenig, um die Milch zu saugen, aber wenn diese fließt, so trinkt und trinkt es nur. Würde es wieder anfangen, selbst etwas zu tun, so würde die Milch verschüttet werden, und es könnte nicht weiter trinken. Lerne davon! Du selbst musst die Tat tun, dich im Glauben an das Herz Gottes zu legen. Dort bewege die Lippen deiner Liebe, aber wenn die Milch der göttlichen Gnade frei fließt, so hast du nichts zu tun, als sie in ehrfürchtiger Stille in dich aufzunehmen, und das Tag für Tag. Wer es anders machen wollte, würde keinen rechten Segen erlangen. Die Gnade soll die Seele in die Stille der göttlichen Liebe einführen, heraus aus der Vielfältigkeit des menschlichen Ich. Sehen wir uns das Kind weiter an! Je friedlicher es seine Milch trinkt, desto besser gedeiht es. Sanft legt es sich in seiner Mutter Arm zurück und schläft ein. So geht es der Seele, die im stillen Frieden die göttliche Nahrung zu sich 19


nimmt. Auch sie wird öfter in einem geheimnisvollen Schlummer sinken, in dem alle Kräfte zur Ruhe gebracht sind. So wächst die Seele heran zu immer größerer Vollkommenheit, ohne jeden Zwang und künstliches Studium. Unser Inneres ist keine Festung, die mit Gewalt erstürmt, sondern ein Königreich des Friedens, das durch Liebe gewonnen wird. Gott verlangt ja nichts schweres von uns. Je kindlicher und einfältiger wir sind, desto mehr kann sein Wohlgefallen auf uns ruhen. O wenn du nur einmal einen Versuch machen wolltest! Du würdest bald merken, dass alles, was ich dir gesagt habe, noch hinter der Wirklichkeit zurücksteht. Es ist nur Furcht, die dich abhält, dich sofort in die liebenden Arme zu werfen, die sich am Kreuz so weit dir entgegenstrecken. Warum fürchtest du dich? Glaubst du Schaden zu nehmen, wenn du dich deinem Gott völlig überlässt? Er wird dich nicht enttäuschen, oder nur insofern, dass er dir weit mehr geben wird, als du je geahnt hast. Wer dagegen von sich selbst noch etwas erwartet, der irrt, den trifft der Vorwurf: „Du bist müde geworden von der Menge deiner Wege, hast aber nicht gesagt: es ist vergeblich.“ (Jes. 57,10). 20


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