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Kapitel 1 Vor mir, irgendwo in diesem Dschungel aus hohem, grünwucherndem Bambus-Mais, hing das Leben eines Mannes davon ab, wie schnell ich ihn finden konnte. Das war keine der Virtual-Reality-Simulationen am Computer, mit denen ich so viele Jahre im Labor trainiert hatte. Das hier war echt! Und ich hatte so wenig Zeit gehabt, mich auf diesen Einsatz vorzubereiten, dass ich nicht mehr als ein paar grundlegende Fakten kannte. Der Name des Mannes war Timothy Neilson. Er war ein hochrangiger Medizin-Tekkie – ein Techniker, der den Wissenschaftlern half, ihre Experimente durchzuführen. Seine Aufgabe war, das zu pflegen, was wir hier in der Mars-Kolonie das „Maisfeld“ nannten, eine riesige Anbaufläche in einem Treibhaus außerhalb der Kuppel. Neilsons Notsignal war schon vor fünfzehn Minuten abgerissen und ich war froh, dass ich mit dem Roboter, den ich nun zu steuern hatte, schon einmal eine ähnliche Notfallübung durchgeführt hatte. So konnte ich sofort mit der Suche beginnen. Trotzdem wusste ich nicht, ob die Zeit reichen würde. Timothy Neilson reagierte nicht mehr auf unsere Funksprüche, obwohl der Computer anzeigte, dass Sender und Empfänger seines Funkgeräts einwandfrei funktionierten. Noch eins wusste ich über Timothy Neilson. Das Notsignal, das wir von einem Chip empfingen, der in seinen Raumanzug eingebaut war, zeigte an, dass der


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Anzug so schnell Wärme und Sauerstoff verlor, dass Neilson nur noch etwa 10 Minuten zu leben haben würde. Wenn er überhaupt noch lebte. Die gigantische schwarze Hülle der Kuppel lag etwa fünf Minuten hinter mir. Dazwischen eine Fläche von planiertem rotem Wüstensand. Das bedeutete, dass ich Timothy Neilson innerhalb der nächsten fünf Minuten finden musste, um ihn dann in den verbleibenden fünf Minuten zurück zur Kuppel zu bringen. Insbesondere zwei Hilfsmittel standen mir dabei zur Verfügung. Zum einen ein GPS-Empfänger, mit dem ich den Signalchip in seinem Raumanzug einigermaßen genau orten konnte. Und dann hatte ich noch eine Infrarotkamera, mit der ich, wenn ich in seine Nähe kam, die Wärmeabstrahlung seines Raumanzugs sehen konnte. Doch trotz GPS und Infrarot hatte ich riesige Probleme. Der Bambus-Mais, der überall um mich herum war, war einfach zu hoch. Wir waren zwar auf dem Mars, aber das Grünzeug um mich herum wucherte trotzdem genau so dicht wie in jedem Dschungel auf der Erde. Meine Mutter gehörte zu der Gruppe von Wissenschaftlern, die vierzehn Jahre intensiv daran gearbeitet hatten, die Pflanzen von der Erde genetisch so zu verändern, dass sie auch auf der Oberfläche des Mars überleben konnten. Bis jetzt war das noch nicht vollständig gelungen, aber diese Hybriden hier kamen dem gewünschten Ergebnis schon ziemlich nahe. Diese Pflanzen hatten lange, dünne und sehr stabile Stängel, wie ein Bambus, und großflächige, längliche Blätter wie Maispflanzen. Das ganze Feld – ein dreiviertel Quadratkilometer mit Reihen von Bambus-Mais – war von einem riesigen Treibhauszelt aus durchsichtiger weltraumsicherer Kunststofffolie umgeben, um die Pflanzen einigermaßen vor den ungemütlichen Verhältnissen auf dem Mars zu schützen. Bei Sandstürmen, die mit 160 Kilometer pro Stunde über den halben Planeten jagten, und einer Durchschnittstemperatur von minus 30 Grad war es


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nicht gerade einfach, auf dem Mars zu überleben. Aber meine Mom war überzeugt, dass bereits die nächste Generation dieser Pflanzen in der Lage sein würde, außerhalb des Treibhauses zu gedeihen. Dann würde das MarsProjekt beginnen, zusätzlich zu dem Sauerstoff den die Pflanzen abgeben, weiteren Sauerstoff, in die Atmosphäre zu pumpen. Irgendwann, so hofften die Wissenschaftler, würden dann auch Menschen in der Lage sein, außerhalb des Schutzes der Kuppel auf dem Mars zu leben. Und damit wäre viel gewonnen, um eines der dringendsten Probleme des 21. Jahrhunderts zu lösen: Die Überbevölkerung auf der Erde. Irgendwo mitten in diesem Feld befand ich mich nun und hatte inzwischen nur noch vier Minuten, um Timothy Neilson zu finden. Auf den Rädern meines Roboters rollte ich den Weg zwischen zwei Bambus-Maisfeldern entlang. Die Blätter kitzelten auf meiner Haut aus Titan wie Seide. Durch das Rascheln der Blätter hindurch hörte ich durch kleine Spalten in der Hülle des Gewächshauses den Marswind pfeifen. Im Gegensatz zur großen Kuppel war das Gewächshaus nicht vollkommen dicht gegen die Mars­ atmosphäre abgeschlossen. Das war auch nicht beabsichtigt; denn es sollte sich ja zeigen, ob diese Pflanzen bereits in der Lage waren, nur mit einem notdürftigen Schutz vor dem Marsklima zu überleben. Der Same der Exemplare, die überlebten, wurde aufs Neue gekreuzt und genetisch verändert, sodass die nächste Generation noch widerstandsfähiger würde. Ich lauschte dem Pfeifen des Windes und dem Sand, der raschelnd gegen das Plastik der Außenhaut flog … Nein! Was ich gerade gehört hatte, wollte ich nicht glauben: zwischen den Maispflanzen hatte sich etwas bewegt. Ich konnte nicht sehen, woher die Geräusche kamen, aber es klang, als ob Dutzende Gestalten durch die Reihen von Bambus-Mais liefen.


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Ich schwenkte den Roboter herum und scannte meine Umgebung. Aber da waren nur die lautlosen, hohen grünen Stängel, die mich wie Gitterstäbe umringten. Plötzlich huschte etwas in meinem Blickfeld vorbei. Aber die Bewegung war so schnell vorüber, dass ich mir selbst einredete, es sei nur Einbildung gewesen. Aliens, versuchte ich mir einzuhämmern, um der Angst nicht nachzugeben, gibt es einfach nicht. Ich bewegte mich vorwärts und fragte mich unwillkürlich, ob diese Kreaturen, die es nicht gab, mich vielleicht angreifen würden. Da – endlich – sprach mein GPS-Empfänger an. Laut und deutlich. Wenn ich nicht auf Rädern unterwegs gewesen wäre, wäre ich vor Freude in die Luft gesprungen. Das GPS-Signal wurde lauter und lauter und zeigte damit an, dass ich mich Neilson näherte. Plötzlich sah ich vor mir Pflanzen, die nach allen Seiten umgeknickt waren, so als wäre jemand geradewegs in das Feld hineingerannt. Ich schwenkte herum und folgte dem Zick-Zack-Kurs. Dort, wo der Mann die großen Blätter an der Basis der Pflanzen im Laufen weggerissen hatte, war es leicht, die Fußspuren auszumachen. Ich rollte weiter. Es war, als folgte ich der Spur eines Tieres, das in heller Panik geflohen war und dabei einen Pfad der Zerstörung zurückließ. Während ich mich auf dem verschlungenen Pfad immer weiter vor wagte, kam mir ein Gedanke, den ich zuerst zu verdrängen versuchte: Irgendjemand – oder irgendetwas – hatte Timothy Neilson verfolgt. Unmöglich, sagte ich mir. Dies war der Mars. Die Wissenschaftler sagten immer wieder ganz deutlich, dass es hier keinerlei Leben gab, das uns hätte gefährlich werden können. Und Aliens gibt es einfach nicht. Schnell scannte ich noch einmal die Umgebung, aber der Bambus-Mais verhinderte, dass ich weiter sehen konnte, als mein Arm aus Titan reichte. Ich schaltete auf Infrarot um, sodass ich nun nicht 10


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mehr das sichtbare Licht, sondern die Wärmestrahlung wahrnehmen konnte. Die grünen Silhouetten der Stängel und Blätter vor dem pinkfarbenen Hintergrund des Marshimmels verschwanden vor meinen Augen. In der Infraroteinstellung sah ich ein warmes Orange (die Stängel) auf einem tieferen, intensiveren Orange (der von der Sonne erwärmte Boden), umgeben von einem sehr hellen Orange (die kühlere Luft). Durch das warme Orange der Pflanzen hindurch versuchte ich die roten Umrisse lebendiger Wesen auszumachen. Dann wurde mir klar, was für ein Quatsch das ist. Selbst wenn es Aliens gäbe, was ich ja nach wie vor ausschließen wollte, wie könnte ich davon ausgehen, dass sie die gleiche Körpertemperatur wie Menschen hätten? Das Signal des GPS-Empfängers leitete mich. Ich bemühte mich, so schnell wie möglich vorwärts zu kommen. Nur Sekunden später nahm meine Infrarotkamera die roten Umrisse eines Raumanzugs auf. Hellrote Schlieren zeigten an, dass dieser Anzug sehr schnell an Temperatur verlor. Timothy Neilson. „Sind Sie o.k.?“, fragte ich mit der tiefen Stimme des Roboters. Keine Antwort. Ich schaltete wieder auf Normalsicht um und stellte die Kameras auf das weiße Material des Raumanzugs ein. Er lag dort, wo er gefallen war, auf dem Bauch, die Beine verschränkt. Sein Helm wurde von den Blättern der Pflanzen, die auf ihn gefallen waren, verdeckt. Ich hob ihn auf und war ausgesprochen froh, dass in diesen Gliedern aus Titan solch eine Kraft steckte. Ohne Zeit zu verlieren rollte ich zur Kuppel zurück. Ich hatte jetzt noch genau sechs Minuten und fünfundzwanzig Sekunden, um Timothy Neilson in ärztliche Behandlung zu bringen. Falls er überhaupt noch lebte. Falls 11


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ich – von was immer ihn angegriffen hatte – nicht selbst angegriffen würde. Denn wenn ich mich nicht täuschte, dann hatten Zähne und Klauen die Löcher in seinen Raumanzug gerissen.

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