DER AUFTRAG FÜR BRUDER ANDREW Von Bruder Andrew Verfasser des 10-millionenfach verkauften Buches DER SCHMUGGLER GOTTES zusammen mit Verne Becker
LEUCHTER
EDITION
Leuchter Edition · Erzhausen
„Bruder Andrew möchte dir zeigen, daß Gott auch aus dir einen Weltveränderer machen kann.“ Loren Cunningham
Titel der Originalausgabe: THE CALLING Übersetzung: Franziska Dallmann Umschlaggestaltung: Peter Karliczek, Schorndorf
1. Auflage: Juni 1999 2. Auflage: Januar 2003 . © 1996 by Open Doors International All rights reserved © der deutschen Ausgabe 1999 by Leuchter-Verlag eG ISBN 3-87482-213-3 Bibelzitate, wo nicht anders angegeben, aus: Die Bibel in heutigem Deutsch – Die Gute Nachricht des Alten und Neuen Testaments Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft zu Berlin und Altenburg, 1983 Gesamtherstellung: Schönbach-Druck GmbH, 64390 Erzhausen
INHALTSANGABE Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7.
Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel
8. Kapitel 9. Kapitel 10. Kapitel 11. Kapitel 12. Kapitel
Von innen nach außen . . . . . . . . . . „Das kannst du doch nicht machen!“ Nur ein Leben . . . . . . . . . . . . . . . Aus den Angeln gehoben . . . . . . . . Das passiert bei uns nicht! . . . . . . . Gabriella und Michael . . . . . . . . . . Achtundzwanzig Tassen Tee und achtzehn Schüsseln Reis . . . . . . . . Kinder der Revolution . . . . . . . . . . Frischer Wind . . . . . . . . . . . . . . . Aus Hammer und Sichel werden Hammer und Meißel . . . . . Die moslemische Herausforderung . . Vorwärts . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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. 11 . 29 . 47 . 67 . 83 . 105
. . . . . 121 . . . . . 143 . . . . . 163 . . . . . 183 . . . . . 207 . . . . . 227
Anhang A: Zehn Schritte – zehn Gebete . . . . . . . . . . . 247 Anhang B: Open Doors International und ihre Vision . . 249 Fragen zum Nachdenken und Diskutieren . . . . . . . . . . 251
EINFÜHRUNG Als ich vor vielen Jahren in Osteuropa unterwegs war, diente ich einmal in einer evangelikalen Gemeinde in Ostdeutschland. Ich weiß nicht mehr, worüber ich predigte, aber ich werde nie vergessen, was im Anschluß an meine Ansprache geschah. Der Pastor kam auf das Podium, legte seine Arme um mich und begann zu weinen. Als er sich wieder gefaßt hatte, begann er uns allen die Geschichte von Josef aus dem ersten Buch Mose zu erzählen. Josef blieb zu Hause, während seine Brüder draußen die Schafund Viehherden hüteten. Eines Tages wurde er von seinem Vater Jakob hinausgeschickt, um sie aufzusuchen und festzustellen, wie es ihnen ginge. Als Josef über die Felder lief, kam ein Mann auf ihn zu und fragte ihn: „Was suchst du?“ Josef antwortete: „Ich suche meine Brüder.“ Als der Pastor, dessen Arme noch immer um meinen Hals gelegt waren, zu diesem Punkt in der Geschichte kam, brach er erneut in Tränen aus. „Genau das tut Bruder Andrew!“ rief er. „Er sucht seine Brüder.“ Auch heute noch suche ich in der ganzen Welt nach meinen Brüdern und Schwestern, die um ihres Glaubens willen leiden. Ich suche nach ihnen, nicht nur weil sie mich brauchen, sondern weil ich sie brauche. Wir sind alle Teil der gleichen Gemeinschaft der Gläubigen, die in der Bibel als Leib Christi bezeichnet werden. Wir brauchen einander. Wir sind von Gott dazu berufen, sein Werk zu tun, und zwar gemeinsam. ❖❖❖ Seit meinem ersten Besuch in der kommunistischen Welt im Jahre 1955 hat sich die politische, soziale und geistliche Landschaft der Erde dramatisch verändert. Ich ahnte damals nicht, wie sehr mein Leben als Folge jenes Besuches auf den Kopf gestellt werden sollte. Ich ahnte auch nicht, daß ich später die Bezeichnung „Schmuggler Gottes“ erhalten sollte, die dann 7
später als Titel meines ersten Buches diente. In der Zwischenzeit ist Open Doors (in Deutschland als Offene Grenzen bekannt) über eine Schachtel Bibeln und einen Volkswagen hinausgewachsen und zu einer internationalen Organisation geworden, die in mehr als einhundert Ländern tätig ist. Obgleich wir einen großen Teil unserer Bemühungen darauf richteten, der Gemeinde Jesu in Osteuropa und der Sowjetunion zu dienen, machte mir die Verfolgung der Christen in anderen Teilen der Welt auch sehr zu schaffen, so zum Beispiel im kommunistischen China, im marxistischen Lateinamerika, im turbulenten Afrika und in den islamisch beherrschten Ländern. Ähnlich wie hinter dem Eisernen Vorhang, „suchte ich“ auch in jenen Ländern „meine Brüder“ und half, Teams für den Dienst zu organisieren, die dann vor Ort die Gemeinde Jesu in der Verfolgung unterstützten und ermutigten. Jetzt, nachdem die Berliner Mauer gefallen, der Kalte Krieg beendet und das sowjetische Reich zusammengebrochen ist, freuen wir uns über die dort neu erworbene Freiheit der Christen, die es ihnen ermöglicht, Gott anzubeten und die Frohe Botschaft von Jesus Christus öffentlich weiterzutragen. Wir dürfen jedoch nicht aufhören, für diese Brüder und Schwestern zu beten und sie zu unterstützen. Denn nun gilt es sich einer neuen Herausforderung zu stellen, nämlich den schlechter werdenden wirtschaftlichen Verhältnissen, der politischen Instabilität und den moralischen Versuchungen, die mit der Freiheit einhergehen. Und immer noch leiden sie unter dem großem Mangel an Bibeln und christlicher Literatur. Sie benötigen unser Gebet und unsere finanzielle und materielle Unterstützung mehr denn je. Von Anbeginn an bestand meine Vision und die Vision von Open Doors darin, die Gemeinde Jesu in der Verfolgung in den „verschlossenen“ Gebieten zu erreichen. Nach der offiziellen Öffnung der Sowjetunion haben wir unseren Schwerpunkt auf solche Gebiete verlagert, in denen die Gemeinde unter dem Druck ihrer Regierung leidet. Das gilt besonders für die islamische Welt. Obgleich der Islam zu den am schnellsten wachsenden Religionen der Welt zählt, ist lediglich ein sehr kleiner Prozentsatz christlicher Missionsaktivität auf die islamische Welt gerichtet. Viele Christen schreiben die islamische Welt ab mit der Begründung, sie sei dem christlichen Glauben gegenüber verschlossen. Aber eine kleine, ums Überleben kämpfende Ge8
meinde benötigt ganz dringend unsere Gebete und unsere Hilfe. Die Botschaft Christi breitet sich dort auf erstaunliche Weise aus, wie auch im Laufe dieses Buches berichtet wird. Ihnen stehen jedoch unglaubliche Hindernisse im Weg. Deshalb habe ich es mir zur Priorität gemacht, die Frohe Botschaft von Jesus Christus in eben diese Gebiete hineinzutragen, so wie damals in die Länder hinter dem Eisernen Vorhang. Die Orte mögen anders geprägt sein, unser Missionsauftrag ist aber dennoch derselbe: „Werdet wach und stärkt das, was noch Leben hat, bevor es abstirbt“ (Offenbarung 3,2). ❖❖❖ In Der Schmuggler Gottes, meinem ersten Buch, hat der Leser erstaunliche Geschichten lesen können über Gläubige, die mir in Rußland und in Osteuropa begegnet sind. Jetzt hast du Gelegenheit, Brüder und Schwestern auch aus anderen Teilen der Welt kennenzulernen. Weil viele dieser Heiligen aufgrund ihres Glaubens in beständiger Gefahr stehen, verhaftet, eingekerkert oder getötet zu werden, werde ich einige Einzelheiten im Zusammenhang mit ihrer jeweiligen Situation abändern, um ihre Identität zu schützen. Die authentische Kraft ihres Glaubens und ihrer Hingabe jedoch kann und soll nicht verborgen bleiben. Seit Jahren werde ich gefragt: „Andrew, wie kommt es, daß du so viele verbotene Länder besuchen kannst? Wie lernst du all diese wichtigen Menschen kennen, die du auf den Herrn hinweisen kannst? Und wieso kannst du immer noch aktiv sein und bist nicht in irgendeiner Gefängniszelle eingesperrt?“ Ich verrate dir ein kleines Geheimnis. Ich bin absolut kein außergewöhnlicher Mensch und nicht einmal besonders begabt. Ich habe nie eine höhere Schule oder eine Fachhochschule besucht. Alles, worauf ich zurückgreifen kann, ist meine Ausbildung in einer Missionsschule. Ich sage den Menschen, daß ich ein einfacher Holländer bin, der Sohn eines Schmieds, und daß ich für einen jüdischen Tischler arbeite. Mit anderen Worten, ich bin ein ganz durchschnittlicher Kerl, der in seinem Leben stets versucht, Gottes Ruf zu erkennen und ihm zu gehorchen. Wenn ich jedoch über die vergangenen vierzig Jahre im Dienst nachdenke, dann erkenne ich einen gewissen Entwicklungsprozeß bei allem, was Gott in meinem Leben gewirkt hat 9
und mich zur Förderung des Reiches Gottes hat machen lassen. Außerdem ist mir klar geworden, daß dieses fortschreitende Wirken Gottes an mir nicht auf mich allein beschränkt ist, sondern etwas ist, das er an jedem Christen tun möchte. Deshalb erfährst mit dem vorliegenden Buch nicht nur die allerneuesten Dinge über meine jüngsten Begegnungen mit der Gemeinde Jesu in der Verfolgung, sondern lernst zusätzlich noch diesen Entwicklungsprozeß kennen. Ich habe diese Entwicklung in zehn Abschnitte zerlegt, die ich im Verlauf der Erzählung untergebracht habe, damit du von Zeit zu Zeit innehältst und über deine eigene persönliche Verantwortung als Teil des weltweiten Leibes Christi nachdenkst. (Am Ende des Buches findest du eine Übersicht aller zehn Schritte und der damit im Zusammenhang stehenden Gebete. Das soll dir eine praktische Hilfe für dein Leben sein.) Diese Schritte beschreiben, was passieren kann, wenn du auf den Ruf Gottes in deinem Alltag acht gibst und darauf eingehst – zu Hause, in der Schule, in der Nachbarschaft, auf deiner Arbeitsstelle. Denn genau dort können wir anfangen, die Welt zu verändern. Unser Glaube an Christus muß zu einem Lebensstil werden, ganz gleich, wo wir leben. Wenn das passiert, dann dauert es nicht lange, bis du die ganze Welt und die Rolle, die du darin spielst, mit anderen Augen betrachtest. Du wirst feststellen, daß Gott dir Türen öffnet, damit du ihm auf nie für möglich gehaltene Weise dienst. Bruder Andrew
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1. KAPITEL
VON
INNEN NACH AUSSEN
August 1968. Ich arbeitete gerade oben in meinem Büro, als plötzlich meine Kinder mir hinaufriefen: „Papa! Im Fernsehen kommt etwas ganz Schreckliches!“ Überrascht sprang ich auf und lief nach unten. Das holländische Fernsehen sendete damals zu dieser Tageszeit nicht, so daß es sich um etwas Ernstes handeln mußte, wenn tatsächlich etwas ausgestrahlt wurde. Auf dem Bildschirm waren Panzer zu sehen, die in endlosen Reihen auf die Hauptstadt der Tschechoslowakei, Prag, zurollten, und außerdem Transportfahrzeuge mit Tausenden von Soldaten. Die Invasion der russischen Armee hatte soeben begonnen. Die Fernsehkameras zeigten die Gesichter der verunsicherten Bevölkerung. Die meisten blickten stumm vor sich hin, einige wenige reagierten zornig auf die Präsenz der Russen in ihrem Land. Während ich die Nachrichtensendung verfolgte, fragte ich mich, welche Auswirkungen das auf meine Freunde in den dortigen Gemeinden haben würde; ob die Russen sie vielleicht unterdrücken würden; was sie wohl dringend benötigten und wie ich ihnen helfen könnte. In Windeseile lud ich russische Bibeln und kleinere Schriften in tschechischer Sprache in meinen großen Citroen Kombi und machte mich unverzüglich auf den Weg zur tschechischen Grenze. Da es damals fast keine Geschwindigkeitsbegrenzungen in Europa gab, fuhr ich mit durchschnittlich 160 Stundenkilometern und schaffte die Strecke in nur einem einzigen Tag. Am Grenzübergang angekommen, traute ich meinen Augen nicht. Mir gegenüber stand eine lange Autoschlange so weit das Auge reichte. Tausende von tschechischen Bürgern versuchten, auf der Flucht vor der herannahenden russischen Armee, das Land zu verlassen. Mein Auto war das einzige, das ins Land hineinwollte. Die Grenzbeamten waren sehr bedrückt. Ein uniformierter 11
Soldat kam zu mir herüber und beugte sich durchs offene Fenster zu mir herein. Das Maschinengewehr an seiner Schulter war gefährlich dicht an meinem Kopf. „Wissen Sie, was gerade mit meinem Land passiert?“ fragte er und sah mich traurig und entmutigt an. „Ja“, erwiderte ich. „Ich weiß genau Bescheid.“ „Und Sie wollen trotzdem hinein?“ „Ja, eben aus diesem Grund möchte ich hinein.“ Er zuckte mit der Schulter, stempelte meinen Paß ab – ich hatte nicht einmal ein Visum – und winkte mir zum Weiterfahren. Er war zu sehr mit den Ausreisenden beschäftigt, als daß er sich um mich Dummkopf hätte kümmern wollen. Inmitten des Durcheinanders hatte niemand Interesse daran, mein Gepäck zu kontrollieren. Ich hatte mir nicht einmal die Mühe gemacht, die Schachteln mit den Bibeln zu verstecken. Die tschechischen Bürger in der Schlange der Ausreisenden schauten mich fragend an. Nur wenige Kilometer hinter dem Ende der Schlange wurde ich von der russischen Armee angehalten. Auf den Feldern zu beiden Seiten der Straße waren riesige Lager errichtet worden. Überall standen Panzer, Lastwagen, Truppenverbände und Artillerie. Auf der engen Straße blockierten zwei große grüne Panzer die Durchfahrt. Als sie ihre Kanonen direkt auf meinen Kombi richteten, kam ich mir ganz klein vor. In solchen Augenblicken hat man keine Zeit für längere Gebete. Man verläßt sich auf den Glauben und die Gebete der Partner zu Hause und auf das Wort Jesu. Als mehrere uniformierte Soldaten mit ihren Maschinengewehren auf mich zukamen, reichte mir die Zeit nur knapp, um mein kleines Schmugglergebet zu sprechen: „Herr Jesus, ich habe Bibeln dabei, die ich deinen Kindern in diesem Land bringen möchte. Als du auf der Erde warst, hast du viele blinde Augen sehend gemacht. Jetzt bitte ich dich, sehende Augen blind zu machen.“ Der Soldat streckte ohne Umschweife seine Hand nach meinem Paß aus. Bei der Überprüfung schien er ihn falsch herum zu halten, aber ich war sicher, daß er ihn sowieso nicht lesen konnte. Eine Sekunde später reichte er ihn mir zurück und ließ mich wortlos passieren. Schließlich gelangte ich nach Prag, wo es von Panzern und russischen Truppenverbänden nur so wimmelte. Die großen Panzer ratterten und rasselten auf den Pflastersteinen, wobei sie die 12
Anwohner erschreckten und viele Straßen beschädigten. Sobald sie die ausländischen Autokennzeichen an meinem Auto erblickten, hoben die Menschen die Arme zum Willkommensgruß hoch. Das machte mich etwas nervös, weil die Aufmerksamkeit dadurch auf mich gelenkt wurde. Ich blickte andauernd in den Rückspiegel und machte mir Sorgen, daß der hinter mir fahrende Panzer mich vielleicht wie eine leere Coladose überrollen könnte. Am ersten Sonntag nach der Besetzung predigte ich in der gleichen Gemeinde, die ich in meinem Buch Der Schmuggler Gottes erwähnte. Ich hatte sogar noch den gleichen Dolmetscher, Antonin. Trotz der vorbeirollenden Panzer und dem sporadischen Maschinenfeuer auf den Straßen, war die Kirche brechend voll. Die Menschen trugen die Frage nach dem Warum der Besetzung im Herzen. Zunächst überbrachte ich ihnen Grüße von den Christen im Westen und versicherte ihnen, daß unsere Gebete sie in diesen schweren Zeiten begleiteten und wir sie nicht vergessen würden. Dann fuhr ich trotz klirrender Fensterscheiben damit fort, ihnen zu erklären, weshalb sich meiner Meinung nach dieser Übergriff ereignet hatte. „Wenn wir den Heiden nicht das Evangelium bringen“, sagte ich mit Nachdruck während meiner Ansprache, „dann werden sie uns als Revolutionäre und Besatzer überrollen.“ Diesen Grundgedanken sollte ich in den nächsten drei Jahrzehnten noch oft betonen. Sie begriffen schnell, daß ich über die verpaßte Gelegenheit der Gemeinde sprach, die Russen mit dem Evangelium zu erreichen. Die Tschechen hatten in den vergangenen neun Monaten unter Alexander Dubcek einigermaßen viel Freiheit gehabt. Aber die Christen hatten, anstatt die Gelegenheit beim Schopf zu packen und Bibeln und Prediger nach Rußland zu schicken, den Westen aufgesucht, um neue Kleidung, Schuhe, Fahrräder, Kassettenrecorder, Radios und sogar Autos zu kaufen. Der westliche Materialismus hatte sie gefangengenommen. Und sie hatten ihren großen Bruder im Osten vergessen. Jetzt waren die Russen einmarschiert, und nun war ihre Freiheit dahin. Es fiel mir nicht leicht, ihnen das zu sagen, aber es mußte gesagt werden. Tiefe Reue ergriff die ganze Versammlung. „Was wird jetzt geschehen?“ fragten sie sich laut. Würde Gott sich gegen sie stellen? „Nein!“ rief ich. „Gott liebt euch, und er liebt auch die Rus13
sen. Weil ihr nicht mit Bibeln zu den Russen gegangen seid, hat Gott es in seiner unendlichen Liebe zugelassen, daß die Russen jetzt zu euch kommen. Jetzt habt ihr Gelegenheit, ihnen das Wort Gottes zu geben.“ Diese Idee war für viele von ihnen neu, und Tränen standen in ihren Augen. Nach dem Gottesdienst kamen sie zu mir und sagten: „Andrew, wenn wir es nur gewußt hätten! Wenn wir nur auf die russische Besetzung vorbereitet gewesen wären! Jetzt haben wir keine russischen Bibeln. Wie können wir ihnen helfen?“ „Weshalb bin ich wohl gekommen?“ fragte ich mit einem Lächeln. Dann begann ich meinen Berg russischer Bibeln auszupacken und sie den Menschen beim Auseinandergehen zu überreichen. Überglücklich teilten sie die Bibeln untereinander aus und gingen auf die Straßen, um sie den russischen Soldaten in der ganzen Stadt zu schenken. Man darf dabei nicht vergessen, daß die jungen Soldaten Angst hatten. Es war ihnen gesagt worden, daß die Tschechen sie freudig begrüßen würden, aber statt dessen wurden sie von den Menschen auf der Straße bespuckt. Sie erlebten, wie Fäuste gegen sie erhoben wurden, wie sie angebrüllt, verflucht, mit Steinen und Molotow-Cocktails beworfen wurden. Straßenschilder waren in die falsche Richtung gedreht, entfernt oder überpinselt worden, um sie zu verwirren, und die Tschechen gaben ihnen nicht einmal ein Glas Wasser. Doch dann kamen die Christen, lächelten sie an und sagten: „Gott segne euch! Gott ist Liebe, und er liebt euch. Hier ist eine Bibel. Wollt ihr nicht die Liebe Gottes annehmen und lesen, wie sehr Gott euch liebt?“ Bald darauf waren andere Teams in weiteren Städten der Tschechoslowakei unterwegs, um das gleiche zu tun. Sie brachten den Russen die Liebe Gottes und das Buch Gottes. Und etwas Erstaunliches geschah – etwas, für das wir keinerlei Erklärung haben: Es wurde mir später aus verschiedenen Städten berichtet, daß die sowjetische Führung die gesamte russische Besatzungsmacht zurückrief und durch eine andere ersetzte! Die Soldaten waren völlig demoralisiert. Ich glaube einfach, daß die Liebe und die Bibeln, die die Christen austeilten, eine gewisse Rolle bei ihrem Rückzug spielten. Denn schließlich verändert die Bibel, das Wort Gottes, die Menschen. Durch veränderte Menschen werden Situationen verändert. ❖❖❖ 14
Im Jahre 1961 fuhr ich einmal zu einer Konferenz durch Holland über West- nach Ostdeutschland. Es war damals im Kalten Krieg eine kritische Zeit. Wegen der Stationierung von sowjetischen Trägerraketen auf Kuba herrschte Spannung. In der ganzen Welt fürchtete man einen drohenden atomaren Schlag. Die Christen in Ostdeutschland genossen noch relativ viel Freiheit, was größtenteils dem Dienst der Diakonissen der evangelischen Kirche Ostdeutschlands zuzuschreiben war. Einem protestantischen Nonnenorden gleich trugen die Diakonissen viel zur Verbreitung des Evangeliums und zur Bibelunterweisung bei. Auch leisteten sie im sozialen Bereich Großes zum Wohl der Bevölkerung. Sie sorgten sich um Menschen, für die das System nichts übrig hatte, und bewiesen dadurch ihre Liebe zu Christus. Viele Diakonissen dienten als Krankenschwestern in den Krankenhäusern und sangen oft Kirchenlieder für die Kranken und beteten mit ihnen. Als in einem Krankenhaus die Regierung solche Aktivitäten unterbinden wollte, sagten die Diakonissen, sie würden eher ihren Dienst einstellen als mit dem Singen und Beten aufhören. Es dauerte nicht lange, bis die Behörden nachgaben, weil sie sowohl auf die Fähigkeiten als auch auf die hingebungsvolle Tätigkeit der Schwestern angewiesen war. Ich beschloß, während der Konferenz die Diakonissen aufzusuchen. Unterwegs mit meinem Partner Erik in meinem blauen Volkswagen, hörten wir im Radio von einer überraschenden Entwicklung: Die kommunistische Regierung hatte mit dem Bau einer Betonmauer und der Errichtung von Stacheldrahtzäunen zwischen dem Ost- und Westteil Berlins begonnen. Und tatsächlich, in Westberlin mußten wir den später als Checkpoint Charlie bekannten Kontrollpunkt mit seinen bedrohlich aussehenden Soldaten, Maschinengewehren und Wachtürmen passieren. Damals hatten Erik und ich noch eine recht lässige Haltung der neuen Mauer gegenüber. Nachdem wir ohne Zwischenfälle durchgekommen waren, sagte er sogar: „Andrew, das hat Spaß gemacht! Laß uns noch einmal durchfahren.“ Dieser Kerl ist ein Spinner, dachte ich. Ich war eigentlich der größere Spinner, denn ich wendete tatsächlich den Wagen und fuhr noch einmal durch. Nichts geschah. (Wir hatten keine Bibeln mitgenommen, da die Gemeinden damals noch keinen Bedarf hatten.) 15
Auf der ostdeutschen Seite sah ich jedoch später ein weitaus finsteres Bild von den Auswirkungen der Mauer. Die Menschen waren völlig vor den Kopf gestoßen. Ohne Vorwarnung waren sie von Freunden, Geschäftspartnern, Verwandten und sogar Familienmitgliedern, die zufällig auf der freien Seite wohnten, abgeschnitten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten viele, die nicht unter dem kommunistischen Regime Ostdeutschlands leben wollten, die Chance wahrgenommen und das Land verlassen, doch jetzt gab es keine bzw. nur wenig Hoffnung. Ich hörte viele Berichte von Menschen, die sich das Leben nahmen. Die Bibelkonferenz verlief gut, und Hunderte von gläubigen Menschen versammelten sich allmorgendlich auf dem weiten Konferenzgelände zum Gebet. Erik und ich verbrachten eine wunderbare Zeit bei den Diakonissen. Als ich jedoch von der großen Verzweiflung unter den Menschen, sogar unter den Christen, hörte, beschloß ich, das Land bald wieder zu besuchen. Einige Monate später kamen ein anderer holländischer Kollege, Jan, und ich wieder an die Mauer. Dieses Mal starrten die Augen aller im Westen auf uns, denn die Nachrichtenmedien hielten ihre Kameras auf Checkpoint Charlie gerichtet. In jedem Haus und jedem Gebäude mit Blick auf den Checkpoint schauten Kameras aus geöffneten Fenstern und von Dächern herab, um ja keine dramatischen Fluchtversuche zu verpassen. Einige Menschen im Ostteil der Stadt ließen sich unter Autos oder Lastwagen anseilen oder nahmen andere gewagte Manöver auf sich, um das Land unentdeckt zu verlassen. Sie riskierten dabei Gefangennahme oder Erschießung. Es gab einige Erfolgsgeschichten, aber auch viele mißglückte Versuche, die alle großes Medieninteresse hervorriefen. Wieder gelangten wir ohne Schwierigkeiten über die Grenze und reisten zu Veranstaltungen im ganzen Land. In einer Stadt kam mir der Bericht eines Pastors zu Ohren, eines gläubigen Mannes, der Selbstmord begangen hatte. Die Mitglieder seiner Gemeinde waren völlig verstört, viele am Rande der Verzweiflung. Der junge Prediger und Nachfolger des Pastors war zu unerfahren, um die Situation in den Griff zu bekommen, weshalb er mich bat, ihn zu besuchen. „Eine ältere Schwester in unserer Gemeinde will sich umbringen“, sagte er mir am Telefon. „Gestern sagte sie mir, der 16
Teufel sei stärker als Jesus. Kannst du so schnell wie möglich kommen?“ Aus seiner Stimme war die Dringlichkeit der Situation zu hören. „Gut, ich komme!“ erwiderte ich. „Ich bin abends in KarlMarx-Stadt zu einer Versammlung, aber wir können unsere Fahrt für einige Stunden unterbrechen.“ Vorher wollte ich noch in einer nahegelegenen Stadt einen kurzen Besuch machen, ehe ich den Pastor aufsuchte. Eine Familie, bei der ich bereits mehrere Male gewesen war, hatte angeboten, unsere Wäsche zu waschen. Normalerweise machte ich meine eigene Wäsche, aber da mein Zeitplan eng war, hielt ich es für das Beste, unseren Sack schmutziger Wäsche dort abzugeben und am nächsten Tag wieder abzuholen. Als wir das Haus erreichten, lud uns die freundliche Frau zu einer Tasse Kaffee ein. „Es tut mir leid“, sagte ich, „aber heute bleibt uns keine Zeit dafür. Vielleicht auf dem Rückweg.“ „Aber ich brauche euch auch“, sagte sie bittend. „Ich möchte mit euch über einige Dinge reden. Ich brauche euer Gebet.“ Und so ließen wir uns auf ein kurzes Gespräch ein. Bald darauf merkte ich, daß es zu spät werden würde, um den jungen Pastor auf dem Weg zu unserer Versammlung aufzusuchen. Ich rief ihn an und sagte: „Es tut mir leid, aber wir können erst morgen früh kommen, gleich als erstes.“ An jenem Abend hatten wir eine gesegnete Versammlung in Karl-Marx-Stadt. Das Thema war geistliche Kampfführung. Am nächsten Morgen trafen wir den jungen Pastor und fuhren mit ihm zusammen zu dem Haus, in dem die betroffene Schwester im zweiten oder dritten Stock eines großen Wohnhauses wohnte. Jan und ich warteten unten, während er hinaufging, um unseren Besuch bei den Frau anzukündigen. Nach nur wenigen Sekunden kam er kreideweiß im Gesicht zu uns zurück und stammelte: „Es ist zu spät! Sie ist tot!“ Wir liefen in die Wohnung hinauf. Dort lag sie leblos auf dem Boden, zusammengekrümmt zwischen Herd und Ofen. Die Tür des Herdes stand offen, und die ganze Wohnung roch nach Gas. Mir war sofort klar, daß sie tot war. Jan eilte auf sie zu, ergriff ihre Hand und begann zu beten, daß Gott doch ein Wunder tun und sie zum Leben wieder erwecken möchte. Einen Augenblick lang stand ich unter Schock 17
da und versuchte zu begreifen, was geschehen war. Dann legte ich meine Hand auf seiner Schulter. „Jan, hör auf“, sagte ich kopfschüttelnd. „Dieses Gebet wird Gott nicht erhören. Wir müssen für uns beten. Wir hätten gestern abend hier sein müssen. Wir hätten ihr Leben retten können. Wir brauchen Vergebung.“ Dann hörte Jan auf zu beten. Es war ein sehr trauriges Erlebnis, doch es diente mir zur Warnung: Verspäte dich nicht. Wenn Gott ruft, oder wenn sein Volk in Not ist, dann sei da. Diese Begebenheit überzeugte mich noch mehr von der Notwendigkeit, andere Menschen zu finden, die bereit wären, gemeinsam mit mir unsere Brüder und Schwestern in Not zu stärken. Weil ich persönlich Zeuge war, welchen Schmerz und welches Leid diese Berliner Mauer für so viele Menschen mit sich brachte, begann ich sie zu hassen, genauso wie ich alle Mauern hasse, die von Menschen errichtet werden, um Menschen voneinander zu trennen. Als diese Mauer fast dreißig Jahre später zusammenbrach und Bruchstücke davon als Andenken weiterverkauft wurden, hatte ich keinerlei Verlangen danach, auch nur ein Stückchen davon zu besitzen. Ich hatte die andere Seite der Mauer gesehen, und das reichte mir. Und doch weiß ich, daß Gott auf geheimnisvolle Weise diese Mauer benutzt hat, um seine Gemeinde zu stärken. An einem Eisernen Vorhang kann auch etwas Gutes sein, besonders dann, wenn er die Menschen in die Arme eines liebenden Gottes treibt. Er schränkt wohl die Freiheit ein, aber er schützt auch vor einigen schädlichen Dingen, die die Freiheit mit sich bringen kann, wie zum Beispiel Materialismus und Sittenverfall. Er hilft uns zu erkennen, was wirklich wichtig im Leben ist, nämlich der Glaube an Jesus Christus. Als die Mauer schließlich fiel, erhielt Ostdeutschland seine Freiheit zurück. Aber weißt du, was noch geschah? Der Verkauf von Bibeln ging fast augenblicklich zurück, und der Einfluß der Gemeinde auf die Gesellschaft nahm beträchtlich ab. Was für die ostdeutschen Gemeinden eine Zeit des Mobilmachens hätte sein können, wurde statt dessen zu einer Zeit, in der man sich zurücklehnte und sich selbst beglückwünschte. ❖❖❖ Ungefähr zu der Zeit, als Der Schmuggler Gottes auf den Markt kam, machte ich eine weitere bedeutungsschwere Reise. Ich 18
sprach und schrieb nicht darüber, weil damals alle Augen auf Rußland gerichtet waren. Diese Reise weckte mein Interesse für jenen Teil der Welt, der jetzt zu meiner primären Leidenschaft geworden ist – die islamische Welt. Während eines Seminars auf einer Missionsschule in der Nähe von Lausanne, Schweiz, begegnete mir ein großer Engländer, der in einem Haus am Genfer See wohnte und ein Buch über die Lage des wahren Berg Sinai schrieb. Eines Tages fragte er mich unvermittelt, ob ich ihn nicht auf eine Expedition nach Saudi-Arabien begleiten wolle, wo er weitere Forschungen durchzuführen habe. Ich kannte den Mann, dessen Name ausgerechnet Lawrence war, überhaupt nicht, und war noch nie zuvor in Saudi-Arabien gewesen, aber da schon in mir ein vages Interesse an der Welt des Islam bestand, sagte ich natürlich ja. Doug Sparks von Jugend mit einer Mission sollte uns begleiten. Ich hätte wissen sollen, daß Saudi-Arabien sich als Ausgangspunkt für etwas Neues nicht eignet, auch heute nicht, weil es äußerst schwer ist, in dieses Land vorzudringen. Nichtsdestoweniger trafen wir drei uns einige Monate später im Baptistenseminar in Beirut, Libanon, wo wir uns einige Tage aufhielten. Mein englischer Freund kaufte dort einen gebrauchten grauen Geländewagen, rüstete ihn um für die Fahrt und belud ihn mit den Schachteln arabischer Bibeln, die ich mitgebracht hatte. Dann ging es los. Zuerst ging es ostwärts nach Damaskus, Syrien, dann südwärts auf der Hauptstraße nach Amman, Jordanien. Mein Rücken bereitete mir während dieser Zeit erhebliche Probleme, und so mußte ich den Großteil der Fahrt auf dem Gepäck liegend auf dem Rücksitz verbringen. Auf halbem Wege zwischen der syrischen Grenze und der Stadt Amman wurde ich vom Geräusch kreischender Bremsen aus dem Schlaf gerissen und dann zu Boden geschleudert. Wir waren in einen großen Mercedes gerast. Niemand hatte sich verletzt, wofür ich dankbar war, aber der Besitzer des Autos war verständlicherweise sehr aufgebracht. Er rief die Polizei. Da er ja wußte, daß wir Ausländer waren, verlangte er auf der Stelle Schadenersatz. Ich hatte den Aufprall nicht beobachtet, aber anscheinend waren wir an dem Unfall schuld. Während ich die Männer im heißen Gespräch miteinander beobachtete, beschloß ich, nicht auf die Polizei zu warten. Wer 19
wußte denn, was sie vorhatten oder wie lange man uns aufhalten würde?! Mir war klar, daß Lawrence und Doug zurückbleiben mußten, aber da ich geschlafen hatte und somit ein schlechter Zeuge war, wollte ich mich entfernen. Ich sagte ihnen, ich werde versuchen, nach Amman zu kommen, und gab ihnen den Namen einer dortigen Kontaktperson von der Hospital Christian Fellowship (Christliche Krankenhausmission). Sie sollten mich abholen, wenn mit dem Auto alles geregelt worden war. Dann ließ ich alle zurück und versuchte per Anhalter weiterzukommen. Wir befanden uns irgendwo im Nichts, aber da Amman nur ungefähr eine Stunde entfernt lag, hatte ich nicht weit zu laufen, bis mich jemand per Anhalter mitnahm. Am gleichen Abend noch predigte ich zweimal in einer Gemeinde in Amman und hatte eine sehr gute Gemeinschaft mit den Gläubigen. Es war mir eine Freude, eine Anzahl Freunde wiederzutreffen, die ich bei einem vorherigen Besuch kennengelernt hatte. Meine Reisegefährten stießen erst zwei Tage später zu mir. Man hatte sie zur Polizeistation gebracht und in eine Gefängniszelle gesperrt! Sie sollten erst nach Bezahlung des gesamten Schadens freigelassen werden. Also holte der Besitzer eine Schätzung des Schadens ein, woraufhin Lawrence den Transfer des Geldes mit seiner Bank vereinbarte. Erst dann ließ man sie frei. Als ich die Geschichte erfuhr, mußten wir alle drei darüber lachen. Schließlich konnten wir Amman in unserem verbeulten Geländewagen verlassen. Als wir uns Richtung Süden auf die saudische Grenze zu bewegten, wuchs meine Spannung. Es war für mich das erste Mal seit meiner Soldatenzeit in Indonesien, daß ich die Zivilisation, wie ich sie kannte, hinter mir ließ. Das trockene, dürre Land um uns herum war allerdings so völlig anders wie jenes tropische Paradies. Akaba, ein kleiner Ort unmittelbar an der Spitze des Golfs von Akaba, war unser letzter Stop vor der Grenze. Irgendwann nach Einbruch der Dunkelheit erreichten wir die winzige Grenzstation. Wir wurden zwar in das Land hineingelassen, erfuhren jedoch dann, daß man unser Auto durchsuchen wolle. Wir beobachteten, wie sämtliche Gegenstände aus dem Auto herausgeholt und inspiziert wurden. Natürlich fanden sie die Bibeln und Schriften in arabischer Sprache, die ich gar nicht 20
erst versteckt hatte. Obgleich die Einfuhr christlicher Schriften verboten war, sagten sie kein Wort dazu und legten statt dessen alles ins Auto zurück und baten uns ins Büro. Wenige Augenblicke später ging ich zum Auto zurück, um mich auf dem Rücksitz auszuruhen, während Lawrence und Doug mit den Beamten verhandelten. Als ich in der Dunkelheit dalag, hörte ich draußen Geräusche. Dann öffneten zwei Beamte leise die Hecktür und begannen das Gepäck zu durchsuchen. Entweder hatten sie mich auf dem Rücksitz nicht gesehen, oder sie meinten, ich sei eingeschlafen. Gleich wie, ich hatte zu viel Angst, um mich bemerkbar zu machen. Ich glaubte, sie wollten einfach noch einmal das Auto unter die Lupe nehmen, doch nachher stellte ich fest, daß einige kleine Gegenstände und Vorräte gestohlen worden waren. Bald darauf schloß ich mich den anderen wieder an. Der zuständige Beamte hatte uns etwas zu sagen. „Ich muß Ihnen leider mitteilen, daß Sie unser Land nicht betreten dürfen, da Sie ein Militärfahrzeug fahren“, eröffnete er uns. Scheinbar benutzte die saudische Regierung damals solche Geländewagen zu militärischen Zwecken. Vielleicht wollte er uns ein Stichwort geben. Ich weiß es nicht. Statt die Bibeln zu konfiszieren, wollte er vielleicht uns auch nur die Einreise erschweren. „Nun“, sagte ich, „können wir dann umkehren und zurückfahren?“ „Nein, das dürfen Sie auch nicht“, lautete die Antwort. „Sie haben kein Ausreisevisum.“ War das aber ein verschlossenes Land! Man benötigte nicht nur ein Visum für die Einreise, sondern ein weiteres für die Ausreise! Wir befanden uns in einer sehr schwierigen Lage. Die Beamten hießen uns ins Auto steigen und begleiteten uns dann einige Kilometer weit die Straße hinunter bis zu einem mit elektrischem Draht umzäunten Gebiet. Es sah wie ein Gefangenenlager aus, nur daß man uns nicht einschloß und auch nicht befragte. Wir wurden einfach dort hineinbeordert. Wenn wir wollten, konnten wir gehen, hieß es, das Auto müßten wir aber dortlassen. In jener Nacht schliefen wir unruhig im Auto. Die meiste Zeit verbrachten wir mit Nachdenken und Gebet, um herauszufinden, was wir tun sollten. Am nächsten Morgen machte ich mich früh auf den Weg in die Stadt Tabuk, die meiner Meinung 21
nach nicht weit entfernt sein konnte. Ein Mann in einem vorbeifahrenden Lastwagen nahm mich mit. In der Stadt angekommen, suchte ich als erstes die Bank auf, um Geld in die örtliche Währung umzutauschen. Unglücklicherweise hatte ich nur einen Tausendguldenschein mit, den, wie es sich herausstellte, die Bankangestellten dort noch nie zu Gesicht bekommen hatten. Sie boten mir deshalb lediglich den Gegenwert von siebenhundert Gulden in saudischen Riyal, also etwas mehr als dreihundert Mark. Ich konnte nichts machen, und so nahm ich das Geld und suchte nach einem Taxi, das uns nach Jidda, der zweitgrößten Stadt, fahren sollte. Der Fahrer fuhr erst mit mir zu dem Gelände zurück, wo meine Partner auf mich warteten. Dann stellten wir als nächstes einen Plan auf. Doug sollte mit mir nach Jidda kommen, und Lawrence würde in seinem Auto bleiben, das sonst vermutlich gestohlen worden wäre. Doug und ich holten alle kleinen Bibeln und Johannesevangelien aus unserem Gepäck hervor und verstauten sie in große Tüten, die wir dann mitnahmen. Wenn wir unser Auto nie wieder zu Gesicht bekommen würden, dann hätten wir wenigstens, so dachte ich, den Großteil der Schriften gerettet. Dann verabschiedeten wir uns von Lawrence, sprangen in das Taxi und fuhren gen Süden. Die Fahrt nach Jidda dauerte einen ganzen Tag. Sechs Stunden später näherten wir uns Medina, einer der zwei Städte, in denen der Prophet Mohammed im siebten Jahrhundert gelebt hat. Mekka, sein Geburtsort, ist der andere Ort. Diese Städte sind den Mohammedanern so heilig, daß NichtMuslime sie nicht betreten dürfen. Um das zu gewährleisten, sind am Rande der Stadt Schilder aufgestellt, auf denen zu lesen ist: FÜR UNGLÄUBIGE VERBOTEN. Ein Schauer lief mir über den Rücken, als wir die Hauptstraße verließen und einen Umweg fuhren. Spät am Abend gelangten wir nach Jidda und suchten das internationale Hotel auf. Damals waren nur einige wenige Hotels geöffnet, und da der Ölrausch noch einige Jahre auf sich warten ließ, waren die Preise noch erschwinglich. Den darauffolgenden Tag verbrachten wir bei einem meiner Freunde, den ich in Verbindung mit der Hospital Christian Fellowship kennengelernt hatte. Heute ist diese Mission bekannt als Healthcare Christian Fellowship (Christliche Gesundheitsmission). Dieser Christ, Besitzer einer Apotheke, kannte keine anderen 22
Gläubigen in der Stadt. Sicherlich gab es einige, wir konnten sie jedoch nicht ausfindig machen, da Kirchen, Gemeinden oder Versammlungshäuser verboten waren. Unser Besuch ist wahrscheinlich für den Apotheker die einzige Gelegenheit des Jahres gewesen, Gemeinschaft mit Christen zu haben. Doug und ich gingen anschließend zum örtlichen Bazar und verteilten Bibeln an die neugierigen Menschen, die dort einkauften. Zu unserer Überraschung wurden wir von niemandem daran gehindert. Es war möglicherweise das erste und letzte Mal, daß irgend jemand unbehelligt in aller Öffentlichkeit Bibeln in Saudi Arabien verteilte. Nach einem weiteren Tag, an dem wir von Behörde zu Behörde pilgerten, gelang es uns, Ausreisevisa zu erhalten und einen Flug nach Beirut zu buchen. Wir hatten zwar vorgehabt, uns eine Weile lang im Land aufzuhalten und alles auszukundschaften, aber weil wir auf solche Schwierigkeiten stießen, beschlossen wir nach drei Tagen abzureisen. Wenigstens hatten wir hineingeschnuppert in die arabische und islamische Kultur und hatten die extremen Schwierigkeiten kennengelernt, dort als Christ zu leben. Früh am nächsten Morgen trafen wir am Flughafen von Jidda ein, noch ehe die Bücherkioske und Zeitungsstände geöffnet hatten. Doug und ich nutzten die Gelegenheit und legten die leeren Regale fein säuberlich mit sämtlichen übriggebliebenen Bibeln aus. Dann bestiegen wir unser Flugzeug. Kurz vor dem Abflug ertönte über Lautsprecher eine Durchsage: Alle Passagiere sollten augenblicklich das Flugzeug verlassen. O nein, sie haben unsere Bibeln gefunden und suchen nach uns! war meine erste Reaktion. Es stellte sich jedoch heraus, daß es sich um ein technisches Problem handelte. Kurze Zeit später konnten wir das Flugzeug wieder besteigen und nach Beirut zurückfliegen. Was wurde aus unserem englischen Freund mit dem Geländewagen? Lawrence mußte eine Tagesreise zur Hauptstadt Riad in Kauf nehmen, wo er sehr viele Formulare ausfüllen mußte. Schließlich erhielt er ein Ausreisevisum, sein Auto durfte er jedoch nicht mitnehmen. Erst acht Monate nach seiner Rückkehr erhielt er schließlich doch noch sein Auto zurück. Außer einigen kleineren Gegenständen, die gleich zu Anfang gestohlen worden waren, fehlte absolut nichts. 23
Diese Erlebnisse bei meinem ersten Besuch in der islamischen Welt blieben mir unvergessen. Ich begann zu beten, ob Gott nicht die Türen für mich und andere öffnen würde, damit wir mehr Bibeln hineinbringen und die verstreut lebenden Christen unterstützen konnten. Als der Ölboom im Jahre 1973 begann und der Preis pro Barrel Öl von sechs auf dreißig Dollar stieg, wurde mehr und mehr ausländischen Investoren die Einreise erlaubt. Auch hatten die Saudis viel mehr Geld zum Ausgeben. Ein massiver Wandel trat in der arabischen Welt ein. Die Auswirkungen davon verspüren wir noch heute und werden sie auch noch lange Zeit verspüren. Es sollte noch geraume Zeit dauern, ehe es dazu kam, daß ich den Großteil meines Lebens damit verbrachte, den Mohammedanern das Evangelium zu bringen. Damals hatte ich jedoch bereits das deutliche Empfinden, daß die Zeit kommen würde. ❖❖❖ Seit den frühen Anfängen meines Dienstes, sei es in Osteuropa oder im Nahen Osten, habe ich immer und immer wieder die Kraft der Bibel verspürt, mit der Menschen von innen her verwandelt werden. Sie ist eine weit effektivere Waffe gegen den Kommunismus und andere anti-christliche Philosophien als alle politischen oder militärischen Aktionen. Wer weiß, welche Veränderungen Menschen durch die Berührung mit den Exemplaren der Bibel erlebten, die wir in Saudi-Arabien zurückließen? Die Kraft des Wortes Gottes ist einfach, aber wirkungsvoll. Wenn wir totalitäre Regime politisch und militärisch bekämpfen, treten wir ihnen als Feind gegenüber. Wir schenken ihnen Märtyrer, denen sie huldigen können. Wir heizen ihren Zorn an und bestärken sie in ihrer Entschlossenheit, ihre Sache voranzutreiben. Das Ergebnis ist, daß wir unserer eigenen Sache Schaden zufügen. Ein böses System kann auf Dauer nur von innen her zu Fall gebracht werden, nämlich indem wir die Gemeinde Jesu durch Gebet unterstützen, ihr helfen und sie durch das Wort Gottes auferbauen. Dazu bedarf es keiner besonderen Berufung. Das ist schlicht und einfach unser Auftrag als Christen.
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ERSTER
SCHRITT
Höre heute auf das prophetische Wort Gottes Wer die Welt für Gott verändern will, muß auf sein Wort hören, so wie es in der Heiligen Schrift steht. Im Alten Testament habe ich oft gelesen: „Und das Wort des Herrn erging an“ einen bestimmten Propheten. Aufgabe der Propheten war es, auf das zu hören, was Gott sagte, um es dann durch Wort und Tat dort zu verkünden, wohin Gott sie sandte. Die meisten Propheten in der Bibel waren nicht besonders gebildete oder ausgebildete Männer, die im Laufe ihres letzten Semesters auf einem Bibelseminar einen bestimmen Ruf erhielten. Es handelte sich durchweg um ganz einfache Menschen wie du und ich, die in ihrem Alltag für Gott lebten. Und doch geschah es, wenn sie Gottes Botschaft verkündeten, daß sie ganze Königreiche aufrichten bzw. zu Fall bringen konnten. Ihr Dienst hinterließ eine mächtige Wirkung. Um heute prophetisch zu sein, müssen wir nicht zu einer Audienz bei weltpolitischen Größen erscheinen. Wir müssen lediglich den großen Auftrag Jesu erfüllen, der lautet: „Geht nun zu allen Völkern der Welt und macht die Menschen zu meinen Jüngern!“ (Matthäus 28,19). Das tun wir und gehen damit ein auf das Drängen des Heiligen Geistes in der Heiligen Schrift. Um es anders auszudrücken: Wir handeln prophetisch, indem wir 1. durch das Lesen der Bibel Gott und seinen Charakter kennen; 2. eine Botschaft haben, die das Leben der Menschen verändern kann; 3. diese Botschaft irgendwo weitergeben. Da die alttestamentlichen Propheten ja keine Bibel kannten, mußten sie ihre Botschaft direkt von Gott erhalten. Heute können wir in seinem geschriebenen Wort seinen Willen für unser Leben erkennen. Je mehr wir uns in die Schriften vertiefen und im Gebet auftanken, desto tiefer wird unsere Beziehung zu 25
Christus. Durch die Bibel wird er uns dann zeigen, wie und wo er die Botschaft durch uns weitergegeben haben möchte. Auf meiner ersten Reise in die kommunistische Welt sprach Gott durch einige Verse aus Offenbarung 3 zu mir. „Stärkt das, was noch Leben hat“, sagte er in Vers 2 der sich abmühenden Gemeinde zu Sardis. Und in Vers 8 sagte er der Gemeinde in Philadelphia: „Ich habe euch eine Tür geöffnet, die keiner mehr zuschließen kann.“ In keinem der beiden Verse heißt es: „Andrew, du sollst für mich Bibeln nach Rußland schmuggeln.“ Weil ich jedoch meine Bibel unter viel Gebet las und meinen Glauben mit denen um mich herum teilte und weil ich auch wirklich bereit war, dort hinzugehen, wohin Gott mich sandte, wurde ich durch diese Verse aufmerksam gemacht auf die große Not der Christen hinter dem Eisernen Vorhang. Das war der Anfang von Open Doors (Geöffnete Türen bzw. Offene Grenzen). Wir sollten beim Lesen der Bibel und beim Beten keine Zeit darauf verwenden, herauszufinden, ob wir tatsächlich eine Berufung von Gott erhalten haben oder ob wir einen klaren Hinweis darauf haben, daß wir den Willen Gottes bereits erfüllen. Das akribische Analysieren lähmt und macht uns handlungsunfähig. Die meisten von uns haben die Vorstellung, daß Gott eine bestimmte klare Berufung für unser Leben hat, ein besonderes Ziel, auf das wir hinarbeiten müssen, und das wir genau herausfinden müssen. Wenn wir keinen derartigen Ruf von Gott erhalten haben, dann hat er uns eben zu keinem besonderen Dienst erwählt, meinen wir. Folglich können wir unser Leben nur noch als Drohnen in seinem Reich verbringen und einen eintönigen und unbedeutenden Tag nach dem anderen durchleben. Das ist unsere Vorstellung, aber nicht Gottes. Unsere Träume von Erfolg und Gelingen sollten wir nie mit Gottes Absicht für unser Leben verwechseln; seine Absichten könnten vielleicht genau das Gegenteil sein. Gottes Ziel, Gottes Absicht für uns ist der Weg dorthin. Gottes Wille ist es, daß wir unser Augenmerk auf das Heute richten. Oswald Chambers hat es einmal gut formuliert, indem er sagte: „Gott bildet uns jetzt aus, nicht irgendwann einmal. Für diesen Augenblick beabsichtigt er etwas, nicht für etwas Zukünftiges. Was nach dem Gehorsam kommt, hat uns nicht zu interessieren; wir liegen falsch, wenn wir an das Nachher denken. Was wir Menschen 26
als Ausbildung und Vorbereitung bezeichnen, ist für Gott das eigentliche Ziel . . . Wenn uns klar wird, daß der Gehorsam das Ziel ist, dann ist jeder Augenblick nur etwas, was darauf hinführt.“ Jemand trug dem großen Prediger Charles Spurgeon sein Problem vor. „Es gibt einen Vers in der Bibel, der mich plagt, weil ich ihn nicht verstehe“, sagte er. „Wenn das dein Problem ist“, entgegnete Spurgeon, „dann sei froh. Mich plagen alle jene Verse in der Bibel, die ich sehr wohl verstehe!“ Gott hat uns in der Schrift eine volle Offenbarung seines Wesens und seines Charakters gegeben. Und er hat uns auch ein unmißverständlich klares Mandat gegeben, ihn und sein Wort an diejenigen weiterzugeben, die noch nichts davon gehört haben. Was wollen wir mehr? Wenn wir uns darauf konzentrieren, ihm im Alltag zu gehorchen, ganz gleich, wo wir uns befinden, dann wird er uns dorthin führen, wo er uns haben möchte, um die Menschen zu erreichen, die wir erreichen sollen. Wenn wir uns ein wenig genauer damit befassen, woher die Propheten in biblischen Zeiten ihre Botschaft nehmen sollten, dann bekommen wir ein besseres Verständnis dafür, was es heißt, prophetisch zu wirken. In den meisten Fällen wurden sie in Situationen hineingestellt, in denen ihre Botschaft nicht mit Wohlwollen aufgenommen wurde, in denen sie den kulturellen Gegebenheiten zuwiderhandeln mußten, in denen sie wegen ihrer Verkündigung der Botschaft Gottes oft schlimme Konsequenzen auf sich nehmen mußten. Wir sollten uns alle fragen: Bin ich willig, Gottes Botschaft in solch eine Situation hineinzutragen? Bin ich mir darüber im klaren, daß mein Büro, meine Schule oder vielleicht mein eigenes Zuhause ein solcher Ort sein könnte? In London habe ich die sogenannten Sandwich-Männer gesehen, Männer, die vor der Brust und hinten am Rücken Schilder mit Bibelversen tragen. Das ist nicht unbedingt die von mir bevorzugte Methode, aber beachtet wird man auf jeden Fall. Ein Sandwich-Mann trug einmal vorne den Vers: „Ich bin ein Narr um Christi willen.“ Wer ihn so betrachtete, stimmte sicherlich mit ihm überein. Aber diejenigen, die vorbeigingen und auf die Rückseite schauten, lasen: „Um wessen willen sind Sie ein Narr?“ 27
Jeder Mensch ist ein Narr um einer Person willen, sei es nun Marx, Mao, Mohammed oder ganz einfach um seiner selbst willen. Warum also nicht um Christi willen?
GEBET Herr, hilf mir heute, dein prophetisches Wort für mein Leben zu hören. Führe mich dorthin, wo Menschen dieses Wort brauchen, selbst wenn man mich für einen Narren hält. Amen. 28
2. KAPITEL
„DAS
KANNST DU DOCH NICHT MACHEN!“
Wenn es etwas gibt, das den Heiligen Geist zu dämpfen vermag, dann sind es wahrscheinlich diese Worte: „Das kannst du doch nicht machen!“ Wir müssen dieser Haltung bewußt entgegentreten, wenn wir dorthin gehen wollen, wohin uns Gott haben möchte, und wenn wir das tun wollen, was er von uns will. Mein ganzes Leben hindurch haben mir Menschen das gesagt, sogar bevor ich von der Gemeinde Jesu in der Verfolgung wußte. Als ich 1953 die Missionsschule der Worldwide Evangelism Crusade (WEC) in Glasgow besuchte, mußte ich mir für die Weihnachtsferien eine Unterkunft suchen. Aus finanziellen Gründen konnte ich nicht nach Holland zurück, und auf dem Seminargelände durfte niemand bleiben. Während des Herbstsemesters hatte ich wegen meiner Rückenprobleme viel Zeit im Bett verbringen müssen und Trost in den Schriften des verstorbenen Oswald Chambers gefunden, besonders in seinem Klassiker Mein Äußerstes für sein Höchstes. Ich schrieb seiner Frau Biddy, um ihr zu sagen, welch ein Segen das Buch ihres Mannes für mich war. In ihrem Antwortschreiben lud sie mich ein, sie irgendwann einmal in Südengland zu besuchen. Als nun die Weihnachtsferien nahten, rief ich sie an, und sie sagte mir, ich dürfe sie gern besuchen und dort bleiben. Ich erzählte niemandem davon, sondern fuhr einfach dorthin. Als ich Anfang Januar wieder auf die Schule zurückkam und abends beim Essen mit den anderen zusammensaß, sagte der Schulleiter zu mir: „Na, Andrew, wo warst du während der Ferien?“ Ich antwortete, ich sei bei der Familie von Oswald Chambers gewesen. „Was?“ sagte er, „Das kannst du doch nicht machen!“ 29
„Vielleicht nicht,“ erwiderte ich lächelnd, „aber ich habe es gemacht.“ Für mich war das nichts Besonderes. Für sie was es befremdend. Man besucht nicht einfach die Familie eines großen geistlichen Führers, wie es Oswald Chambers war. Und man fährt nicht einfach in ein Land, das sich offiziell für die Botschaft Christi verschlossen hat. Aber warum eigentlich nicht? Ich habe mein Leben lang so etwas getan. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, stelle ich fest, daß die Bibel voller gewöhnlicher Menschen ist, die unmögliche Orte aufsuchten und ganz einfach wunderbare Dinge taten, weil sie sich entschlossen hatten, Gott zu gehorchen, selbst dann, wenn andere sagten: „Das kannst du doch nicht machen!“ Sie waren nicht besser ausgerüstet für ihre Aufgaben als wir. Sie vertrauten jedoch Gott, daß er die Türen öffnen und ihnen die Kraft geben würde, die sie für die jeweilige Situation benötigten. Josef sollte als Sklave nach Ägypten gehen und dort zur zweitwichtigsten Person im Lande avancieren? „Das kannst du doch nicht machen!“ Mose sollte das Rote Meer teilen? „Das kannst du doch nicht machen!“ David sollte nur mit einer Schlinge und einigen kleinen Steinen Goliath besiegen? „Das kannst du doch nicht machen!“ Jona sollte in die dekadente Stadt Ninive reisen und mit einer einzigen Predigt die gesamte Bevölkerung zur Umkehr bewegen? „Das kannst du doch nicht machen!“ Vielleicht nicht, aber mit Gottes Hilfe taten sie es. Und wir können es auch tun, ganz gleich, wo wir uns befinden und wohin Gott uns führt. Die Türen mögen verschlossen scheinen, sie sind jedoch nur so verschlossen, wie es die Türen eines Supermarktes sind. Sie bleiben verschlossen, wenn man sich in einer gewissen Entfernung befindet, aber wenn man auf sie zugeht, erkennt das magische Auge oberhalb der Tür, daß jemand kommt, und dann öffnen sich die Türen. Gott wartet darauf, daß wir im Gehorsam vorwärtsgehen, damit er dann die Türen für uns öffnen kann und wir ihm dienen können. ❖❖❖ 30
Zwei weitere Ereignisse haben mein Leben sehr beeinflußt. Beide stehen im Zusammenhang mit Gedrucktem. Das erste Ereignis trug sich im Jahre 1956 zu, unmittelbar nach meinem Abschluß an der WEC-Schule. Als ich im Untergeschoß des Schlaftraktes meinen Koffer holen ging, sah ich oben auf einer alten Schachtel eine Zeitschrift liegen. Es handelte sich um eine gut aufgemachte Zeitschrift mit Farbfotos von begeisterten jungen Menschen, die durch die Straßen von Prag, Warschau und Peking marschierten. Die Jugendlichen, so wurde berichtet, gehörten zu einer weltweiten, 96 Millionen Menschen umfassenden Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, sich für eine bessere Welt und eine strahlendere Zukunft einzusetzen. Das Wort Kommunist tauchte nicht ein einziges Mal auf, das Wort Sozialist sprang mir jedoch einige Male ins Auge. Am Ende des Berichtes befand sich eine Einladung zu einer Großveranstaltung in Warschau. Gott gebrauchte diese Zeitschrift, um mich an einen Ort zu bringen, an dem ich die Gemeinde Jesu in der Verfolgung kennenlernte. Das hatte ich mir nie vorstellen können, da ich von ihrer Existenz noch nicht einmal gehört hatte. Ich besuchte jene Großveranstaltung als Vertreter Jesu, und anschließend war mein Leben nie mehr das gleiche. Das zweite Ereignis stellte die Veröffentlichung meines Buches Der Schmuggler Gottes im Jahre 1967 dar. Der Widerhall übertraf alle Erwartungen. Innerhalb weniger Jahre beliefen sich die Verkaufszahlen in die Hunderttausende, später in die Millionen. (Das Buch wird heute noch gedruckt und hat bereits 10 Millionen Exemplare überstiegen.) Die Tantiemen des Buches, sowie viele Spenden, haben es uns ermöglicht, Büro- und Lagerräume zu erwerben, christliche Schriften und Bibeln zu drucken oder zu kaufen, etliche Fahrzeuge für den Transport zu erstehen und Mechaniker anzustellen, die sie für unsere Zwecke umrüsten und warten. Die Veröffentlichung meines Buches hatte eine Kehrseite, die mich jedoch nicht überraschte: Ich konnte für etliche Jahre nicht mehr in die sowjetischen Länder einreisen, ohne meine Kontakte unter den Christen (oder mich selbst) in große Gefahr zu bringen. Zunächst war ich entmutigt, doch dann wurde mir klar, daß Gott mir damit etwas sagen wollte. Hatten denn nicht meine Frau Corry und ich nach diesem Buch darum gebetet, daß unser Team von zwei auf zwölftausend Mitarbeiter an31
wachsen würde? Ich sah mich gezwungen, andere Menschen zu finden, die meine Arbeit hinter dem Eisernen Vorhang fortsetzten. Und so holten wir zwei neue Mitarbeiter in unser Team, denen die Gemeinde Jesu in der Verfolgung am Herzen lag. Sie griffen die Kontakte auf, die ich geschlossen hatte, und organisierten Teams, um Bibeln oder Schulungsmaterial hinüberzubringen sowie Unterstützung für die in Not geratenen Gläubigen. Aber was hatte Gott speziell mit mir vor? Ich verstand sein Anliegen so: „Andrew, meine Gemeinde leidet hinter dem Eisernen Vorhang. Doch auch in anderen Ländern der Welt leidet sie. Sieh dich um! Dorthin solltest du auch gehen.“ Und so kam es, daß ich weitere Unruhegebiete der Welt aufsuchte wie China, Afrika, Mittelamerika, den Nahen Osten; denn auch dort wird das Volk Gottes um seines Glaubens willen verfolgt. Auch das wurde nur möglich durch die Tantiemen aus dem Verkauf des Buches und die Hilfe der Spenden unserer Freunde. So sehr ich mich auch über den Erfolg meines Buches freute, so sehr beunruhigte mich einer der Gründe des Erfolges: Diese Geschichte wurde deshalb herausgebracht, weil ich einer der wenigen Menschen war, der die große Not in diesem Gebiet kennengelernt hatte. Was wäre geschehen, wenn Tausende von Christen damals ihre Gefangennahme riskiert hätten, um ihre leidenden Brüder und Schwestern hinter dem Eisernen Vorhang aufzusuchen? Wahrscheinlich wäre dann kein Buch gedruckt worden, weil der Inhalt ja allzu bekannt gewesen wäre. Aber die Gemeinde weltweit wäre dann viel stärker geworden. Ich wünsche mir sehnlichst, daß sich viele Christen aufmachen und dorthin gehen, wo sie von Gott gebraucht werden. Dann wird es nicht mehr nötig sein, ein Buch darüber zu schreiben! Du und ich wären zwar dann nicht berühmt, aber wenigstens würden wir der Welt zeigen, was echtes Christentum ist. ❖❖❖ Unser erster Schritt in ein Land, in dem Christen strengen Einschränkungen unterliegen oder sogar verfolgt werden, sieht ganz einfach aus. Wir fahren dorthin und suchen die Gläubigen auf, ganz gleich, wo sie sich befinden. Wir bieten ihnen Ermutigung an seitens ihrer Brüder und Schwestern in der freien 32
Welt und verteilen einige Bibelteile in ihrer Sprache. Wir beten mit ihnen und besuchen ihre Gottesdienste. Unsere eigentliche Aufgabe ist es jedoch, ihnen zuzuhören, um zu erfahren, auf welche Weise wir sie am besten unterstützen können. Wir fragen sie direkt: „Was können wir für euch tun? Wie können wir euch helfen? Was braucht ihr?“ Die Antwort lautet jedesmal unweigerlich, daß sie am nötigsten Bibeln brauchen. Während des Kalten Krieges waren in den meisten Teilen der kommunistischen Welt Bibeln Mangelware. In der ehemaligen Sowjetunion war es nicht ungewöhnlich, wenn in einer Gemeinde mit Hunderten von Gläubigen nur eine einzige Bibel für die ganze Gemeinde existierte, wenn überhaupt. Wenn Verwandte oder Freunde hin und wieder einmal ein Exemplar ins Land brachten, dann war diese Bibel ein kostbarer Besitz. Das kam jedoch nur äußerst selten vor. Auf dem Schwarzmarkt konnte man für eine Bibel leicht einen Monatslohn ausgeben, und einige verzweifelte Christen sparten monatelang, ja manchmal sogar jahrelang, um sich eine leisten zu können. Andere Christen legten ihr Geld zusammen, um gemeinsam ein Exemplar zu kaufen. Dieses wurde dann in Teile zerschnitten und untereinander herumgereicht, damit jeder einen kleinen Teil der Schrift lesen und auswendig lernen konnte. Geistliche verwendeten eventuell ihren zwei- bis dreiwöchigen Urlaub darauf, sich bei jemandem aufzuhalten, der eine Bibel besaß, so daß sie sich diese dann von Hand abschreiben konnten. Sie hofften, auf diese Weise über mehrere Jahre hinweg zu einer kompletten Bibel zu kommen. Nur wenige von diesen Berichten reichten, um uns klar zu machen, wie groß der Bedarf an Bibeln war. Wir arbeiteten mit Bibelgesellschaften, Missionsorganisationen, Verlagshäusern und Druckern zusammen, um solche Bibeln herzustellen, die man leicht transportieren und verteilen konnte. Wenn die Bibel in der betreffenden Landessprache nicht vorrätig bzw. die vorliegende Übersetzung überholt war, dann arbeiteten wir mit Übersetzern zusammen, die eine neue oder revidierte Version erstellten. Auch probierten wir verschiedene Größen, unterschiedliche Formate und Teile, um das Gedruckte möglichst kompakt und verstaubar zu bekommen. Wenn wir dann mit einer Ladung Bibeln ein Land erneut aufsuchen konnten, erlebten wir immer und immer wieder das Erstaunen und die Dankbarkeit auf den Gesichtern unserer 33
gläubigen Freunde. Tränen traten in ihre Augen, wenn sie dann eine Bibel zur Hand nahmen und dicht an ihr Herz drückten. Vor einigen Jahren hörte ich eine Geschichte aus Rußland, die es deutlich macht, wie kostbar eine Bibel in einem Land ohne Bibeln sein kann. Ich sprach in der Calvary Church in Denver, deren Pastor Charles Blair war. Er hatte kurz zuvor die Sowjetunion besucht. Als er mich der Gemeinde vorstellte, erzählte er von einem Pastor und seiner Frau, die er in einer winzigen Stadt in Sibirien kennengelernt hatte. Weil das Ehepaar Charles unter vier Augen sprechen wollte, nahmen sie ihn in ihrem Auto mit, um nicht von der Polizei beobachtet zu werden. Während ich dieser Geschichte lauschte, kam mir das Ehepaar bekannt vor. In den sechziger Jahren, als Der Schmuggler Gottes noch nicht erschienen war und ich noch die Möglichkeit hatte, in die Sowjetunion zu reisen, hatte auch ich einen Pastor und dessen Frau in Sibirien besucht. Sie hatten damals jedoch nur ein altersschwaches Motorrad besessen, da ein Auto für sie absolut unerschwinglich war. Charles fuhr mit seiner Geschichte fort. Der Mann und die Frau bettelten um die russische Bibel, die er bei sich trug. Charles konnte sie nicht lesen, aber er hatte sie auf seine Reise mitgenommen, um den Christen, die er überall im Land aufsuchte, zu zeigen, daß er das Wort Gottes liebte und alle unterstützte, die der Gemeinde Jesu in der Verfolgung Bibeln brachten. Als das Ehepaar ihn um dieses einzige Exemplar anflehte, zögerte er, in erster Linie deshalb, weil er noch mehr Stationen auf seiner Reise vor sich hatte. Er wollte diese Bibel emporhalten, wenn er Grüße an die Gläubigen ausrichtete. Die Frau war jedoch hartnäckig. „Bitte, überlaß uns die Bibel“, flehte sie ihn an. „Meine Tochter heiratet bald, und sie zieht in einen sehr entfernt gelegenen Teil von Sibirien, wo es keine Gemeinde und keine Pastoren gibt. Sie sieht diese Möglichkeit als Chance an, den Menschen in ihrer neuen Heimatstadt das Evangelium zu bringen. Wenn sie doch nur eine einzige Bibel hätte, dann könnte sie so viel mehr tun.“ Von ihrem Anliegen bewegt, betete Charles im stillen darum, was er tun solle. Aber die Frau war noch nicht am Ende. „Vor einigen Jahren“, erzählte sie, „kam ein anderer Missionar zu uns. Er war der erste, der jemals zu uns kam. Ich bat ihn um eine Bibel. Ich sei Ärztin, erzählte ich ihm, und werde zu 34
Menschen gerufen, die weit von der Stadt entfernt wohnen; ich besuche viele sterbende Menschen und wolle ihnen aus der Bibel vorlesen und von Jesus erzählen. Dieser Mann gab mir seine letzte Bibel, und ich habe sie noch heute in Gebrauch.“ Sie zog eine alte, sehr abgegriffene Bibel hervor und zeigte sie Charles. Sie war ganz offensichtlich überall hin mitgeschleppt und immer und immer wieder gelesen worden. Während er sie durchblätterte, stieß er auf der Innenseite des Umschlags auf eine Widmung. Seine Augen wollten es kaum glauben, aber da stand die Unterschrift „Bruder Andrew“. Und da wußte Charles augenblicklich, was Gott von ihm wollte. Während ich dasaß und der Geschichte lauschte, füllten sich meine Augen mit Freudentränen. Wer weiß, wie viele Menschen durch jene Ärztin und jene Bibel zu Jesus gekommen sind! Und wer weiß, wie viele Menschen durch das Leben ihrer Tochter zu Jesus hingeführt werden, die nun ein eigenes Exemplar der Bibel besitzt! ❖❖❖ Ich könnte eine Geschichte nach der anderen vom wunderbaren Wirken Gottes unter unseren Bibelteams in Rußland und Osteuropa erzählen. Manchmal reisten unsere Mitarbeiter als Touristen, manchmal als Geschäftsleute, manchmal als Erzieher oder Sozialarbeiter. In fast allen Fällen hat Gott in irgendeiner Form Wunder getan, die es ihnen ermöglichten, die wertvolle Fracht sicher ins jeweilige Land zu befördern. Manchmal war es ein Ratespiel für uns, weil wir uns fragten: „Wie wird Gott dieses Mal helfen?“ Ein Team aus zwei jungen Männern fuhr einmal in einem unserer besonders präparierten Lieferwagen mit siebenhundert Bibeln über Jugoslawien nach Bulgarien, wo sie ihre Fracht abzugeben hatten. Laut der Reisepapiere waren sie Touristen. In Jugoslawien hielten sie an, um in einem See zu baden. Sie packten ein aufblasbares Kanu aus, das ich einige Zeit zuvor gekauft hatte, und nahmen es mit ins Wasser. Als sie fertig waren, ließen sie die Luft nicht wieder heraus, sondern schoben das Boot in den Lieferwagen hinein und schlugen die Tür fest zu. 35
Als sie die bulgarische Grenze erreichten, kamen zwei Beamte auf den Wagen zu. Einer prüfte die Papiere, während der andere zur Rückseite des Wagens ging, um sich das Gepäck anzusehen. Als der Beamte die rückwärtige Tür des Wagens öffnete, sprang das aufblasbare Boot heraus und hopste ihm an den Kopf! Eine Minute lang stand er verwirrt da, während die beiden jungen Männer aus dem Auto sprangen und ihm zu Hilfe eilten. Sie entschuldigten sich überschwenglich und halfen ihm, das Boot wieder in das Auto hineinzubugsieren, ehe sie dann die Tür fest zudrückten. Und damit war auch schon die Inspektion abgeschlossen. Das kann man natürlich nicht vorher so einplanen oder ein zweites Mal wiederholen. So etwas „geschieht“ ganz einfach von alleine. Bei einer anderen Gelegenheit befand sich eines unserer holländischen Teams auf dem Weg in die Tschechoslowakei. Ehe sie die Grenze erreichten, hielten sie an, um zu beten und, wie es sich für einen guten Holländer gehört, eine starke Tasse Kaffee zu trinken. Einer von ihnen öffnete eine Tüte Dosenmilch für seinen Kaffee, vergaß aber hinterher sie wieder zu verstauen. Es stellte sie auf einen Karton, der Bibeln sowie einige Werkzeugteile enthielt. Während sie an der tschechischen Grenze im Häuschen der Grenzbeamten darauf warteten, daß ihre Papiere abgefertigt wurden, ging ein Beamter hinaus, um den Inhalt des Wagens zu überprüfen. Er hatte kaum mit der Inspektion begonnen, da stieß er zufällig gegen die vergessene Milchtüte, die umkippte und ihren Inhalt auf den Boden des Wagens leerte. Der Beamte lief ins Häuschen, holte ein Handtuch, ging zum Auto zurück und putzte die verschüttete Milch auf. Dann entschuldigte er sich bei den Männern und schickte sie unverzüglich auf ihren Weg. Ein weiteres Team von zwei jungen Frauen, die sich als Urlauberinnen verkleidet hatten, gelangten an die tschechische Grenze. In ihrem Wagen befand sich eine größere Lieferung Bibeln. Als der Beamte auf sie zukam, setzten sie eine sorgenfreie, fröhliche Miene auf. Doch dann stellte er ihnen eine direkte Frage, eine, die sie nicht ausweichend beantworten konnten: „Haben Sie Bibeln mitgebracht?“ Im Bruchteil einer Sekunde mußten sie ihre Antwort parat haben. Lügen wollten sie nicht, weil sie das nicht für den gött36
lichen Weg hielten. Wenn sie mit ihrer Antwort zögerten, würden sie sich verdächtig machen. Was also taten sie? Sie lachten laut los. „Natürlich“, sagte die Fahrerin des Fahrzeugs kichernd. „Unser Auto ist voll von Bibeln.“ Der Grenzbeamte hielt ihre Antwort für einen Scherz und gab das Zeichen zur Weiterfahrt. Diese Wunder scheinen vielleicht unbedeutend, aber ich glaube ganz einfach, daß es keine kleinen Wunder gibt. Jedes Wunder ist groß. Jedes Wunder ist ein Akt Gottes und beruht auf seiner Wahrheit und ist dazu gedacht, seinen Willen auszuführen. ❖❖❖ Unsere bevorzugte Methode, um Bibeln zu den Gemeinden hinter den Eisernen Vorhang zu bringen, war, Teams zu senden, die sie persönlich einer uns bekannten und vertrauenswürdigen Kontaktperson innerhalb der Gemeinde überbrachten. Dieser Weg gab uns in erster Linie die Sicherheit, daß wir die Bibeln direkt in die Hände von Christen gaben, die sie benötigten. Und außerdem konnten wir dann noch Gemeinschaft mit unseren Brüdern und Schwestern haben, mit ihnen Gottesdienst feiern und beten, selbst wenn dieses im Verborgenen zu geschehen hatte. Das Kuriersystem funktionierte recht gut, so daß Menschen, die nach dem Wort Gottes hungerten, mit vielen tausend Bibeln versorgt werden konnten. Wir hatten keinerlei Gewissensbisse im Hinblick darauf, daß wir etwas verbergen bzw. schmuggeln mußten. Dort, wo die Gesetze der Menschen es uns verbieten, unseren Glauben miteinander zu teilen oder die Bibel an andere Gläubige weiterzugeben, fühlen wir uns nicht daran gebunden, diesen Gesetzen Folge zu leisten. Wir müssen Gott mehr als den Menschen gehorchen. Ich glaube jedoch nicht, daß es richtig ist zu lügen, um Gottes Pläne durchzuführen. Das ist nicht der königliche Weg. Wir haben es statt dessen gelernt, nach Matthäus 10,16 klug zu sein wie die Schlangen, und doch ohne Hinterlist wie die Tauben. Um alle Fragen zu beantworten, die mir im Hinblick auf die ethische Richtigkeit des Schmuggelns gestellt wurden, schrieb ich ein kleines Büchlein, das später in mein Buch Is Life So Dear? mit hineingenommen wurde. 37
Im Laufe der vielen Grenzübergänge wurde ich manchmal gefragt: „Haben Sie irgendwelche Bücher religiösen Inhalts in Ihrem Auto?“ Darauf antwortete ich sofort: „Nein, keinerlei.“ Denn die Bibel betrachte ich nicht als ein Buch über Religion. Sie handelt von einer Lebensform, nämlich vom Leben im Überfluß, das uns Christus schenkt, wenn wir ihm Raum in unserem Herzen geben. Einer der Gründe für das Funktionieren des Kuriersystems ist, daß es sich eigentlich gar nicht um ein bestimmtes System handelte. Um nicht entdeckt zu werden, taten wir alles so wahllos wie möglich. Reisen und Grenzübergänge wurden zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Plätzen vorgenommen. Die Teams änderten sich ständig. Es reisten Einzelpersonen, Freunde, kleinere Reisegruppen oder Ehepaare in den Urlaub. Niemand trug irgend etwas bei sich, das ihn oder das Team als Mitarbeiter von Open Doors identifizierte oder über unsere Arbeit informiert hätte. Die meisten Kontaktpersonen, mit denen wir zusammenarbeiteten, wußten nicht einmal etwas über die Organisation, obgleich einige von ihnen mich von früheren Besuchen her kannten. Wenn wir herausfanden, daß eine unserer Kontaktpersonen von irgendeiner anderen Gruppe ebenso benutzte wurde, dann vermieden wir weiteren Kontakt zu ihr und stellten neue Kontakte her. Wir wollten so wenig Anknüpfungspunkte wie möglich bieten, damit unsere Operationen nicht von der Polizei aufgespürt werden konnten. All unsere Arbeit wäre natürlich umsonst gewesen, hätten wir nicht jede einzelne Person und jeden einzelnen Vorgang unserer Operation in Gebet eingehüllt. Totale, absolute Abhängigkeit von Gott war und ist der einzige Weg, auf dem wir auch nur das Geringste für ihn erreichen können. Gleichzeitig trugen wir ununterbrochen neue Ideen zusammen und versuchten neue Wege herauszufinden, um die gute Nachricht über verschlossene Grenzen hinweg ins Land zu bringen. Wir arbeiteten mit Missionsgruppierungen zusammen wie Trans World Radio, die Radiostation HCJB und die Far Eastern Broadcasting Company, die Evangeliumsbotschaften nach Osteuropa und in der ganzen Sowjetunion ausstrahlten. Viele Zuhörer schrieben an die Radiostationen, um ihnen von ihrem Leiden und ihrer großen Not zu berichten. Wir lieferten dann manchmal Schriftenmaterial für die Nacharbeit, die wir ihnen dann durch unsere Kanäle zukommen ließen. 38
Eine besondere Möglichkeit bot sich uns dadurch, daß wir Freunde von Open Doors dazu anregten, sich Reisegruppen nach Rußland anzuschließen. Wir gaben ihnen Bibeln, die sie dann in ihrem Gepäck mitnahmen. Ich kann mich an einen Mann namens John erinnern, der vor Jahren einen gewissen Übereifer für diese Idee entwickelte, allerdings jedoch auf eine wunderbare Gelegenheit stieß. Da er sieben Sprachen fließend beherrschte, einschließlich Tschechisch und Russisch, buchten wir ihm ein Ticket für die Teilnahme an einer Reisegruppe, die zusammen mit einigen Kommunisten und anderen Touristen nach Rußland fuhr. Er war so begeistert von der Idee, daß er so viele Bibeln wie möglich mitnehmen wollte. Er stopfte seine Kleidung buchstäblich von oben bis unten voll mit russischen Bibeln und erschien schließlich am Amsterdamer Flughafen Schiphol rundum gepolstert und mit breitbeinigem Gang. Er hatte sich sogar vierzig Taschen in seine Unterhose nähen lassen, um sie mit Bibeln vollstopfen zu können. Er muß unglaublich komisch ausgesehen haben. Am Flughafen erfuhr er, daß viele ihre Teilnahme an der Reise abgesagt hatten. Es war das Jahr 1968, und russische Truppen hatten gerade wenige Wochen zuvor die Tschechoslowakei besetzt. Politische Spannungen waren aufgetreten, und die Touristen wollten kein Risiko eingehen. Als er sich eincheckte, stellte sich heraus, daß wegen der Absage zahlreicher Reiseteilnehmer sogar die Reiseleiter ihre Reise storniert hatten. Als der Angestellte des Reisebüros feststellte, daß John fließend Russisch sprach, ernannte er ihn zum Reiseleiter. Als Leiter der Gruppe hatte er viel mehr Freiheiten als die anderen Reiseteilnehmer, und so ergaben sich für ihn ungeahnte Möglichkeiten. Aber da war ja noch die Sache mit all den Bibeln, die er am Leibe mit sich herumtrug. Auf dem Flug nach Leningrad mußte er wegen der intensiven „Wärmedämmung“ durch die Bibeln derart schwitzen, daß ihn die Zollbeamten bei der Landung für einen Gesundheitscheck herauspickten. Es gelang ihm mit der Hilfe Gottes, sich irgendwie herauszureden und die Untersuchung zu umgehen, aber es war für ihn eine beängstigende Erfahrung mit knappem Ausgang. Im Land selbst verteilte er die Bibeln, erlebte interessante Versammlungen und machte andere Menschen auf die Gemeinde aufmerksam. Das waren Dinge, die er nicht hätte tun können, wenn er nicht zum Reiseleiter ernannt worden wäre. 39
Du kannst dir nicht vorstellen, auf welche Ideen wir manchmal kamen. Wir kamen einmal auf den Gedanken, Heißluftballons hochzusenden, die dann über die Grenzen fliegen und Schriftenpakete abwerfen sollten. Doch es stellte sich heraus, daß sie nicht leicht zu handhaben waren. Wir prüften den Plan, mit einem ultraleichten Flugzeug in niedriger Höhe unterhalb der kommunistischen Radarkontrollen zu fliegen und eine Bibelfracht abzuwerfen. Dieser Gedanke fesselte mich so sehr, daß ich sogar einen Probeflug mit solch einem Flugzeug unternahm, um zu sehen, wie leicht es zu handhaben war. Wir kamen zu dem Schluß, daß die Sache zu riskant und ineffizient war. Aber warum nicht ein ultraleichtes Flugzeug ferngesteuert über die Grenze fliegen lassen? Möglich wäre das vielleicht schon gewesen, aber dann hätten wir keine persönlichen Kontakte knüpfen können. Außerdem hätten wir das Flugzeug gern vernichtet, sobald etwas schieflief. Das hätte Dynamit erfordert, und darauf wollten wir uns eigentlich nicht einlassen. Wir kamen einmal an den Punkt, daß wir mit Hilfe eines U-Bootes Bibeln unter Wasser versenden wollten. Durch einige russische Gläubige hatten wir von einem buchstäblich unbewachten Strand in einem der baltischen Staaten gehört. Man hätte ein kleines U-Boot, ähnlich den von Wissenschaftlern zur Beobachtung des Meeresgrundes eingesetzten kleineren U-Booten, verwenden können. Es wäre in Strandnähe aufgetaucht, wo ortskundige Christen dann mit wenigen kleinen Booten hinausgerudert wären, um die Fracht zu übernehmen. Aus verschiedenen Gründen gaben wir jedoch diese Idee auf. Einige Jahre später kamen wir darauf zurück, als wir mit unseren Planungen für das „Projekt Perle“ begannen, wo wir auf dem Seeweg eine Million Bibeln nach China hineinschmuggelten, wie später zu lesen sein wird. Unsere Einstellung lautete, wenn du etwas wirklich tun willst, dann tu es. Dann finde Wege. Es fand sich immer ein Weg, und wir machten uns ständig auf die Suche nach neuen Wegen. Ich glaube, der Herr hat diese Einstellung gesegnet. ❖❖❖ Im Laufe der Jahre des Kalten Krieges gelang es unseren Teams, Bibeln in fast jeden sowjetischen Machtblock hineinzubringen. Jugoslawien erwies sich als nicht allzu schwierig, 40
Rumänien hingegen als wesentlich schwieriger. Ein bestimmtes Land erwies sich als eine unglaublich harte Nuß: Albanien, bekannt für äußerst starke Repression. Albaniens unbeugsamer stalinistischer Führer Enver Hoxha ging so weit, daß er sämtliche Beziehungen zur Sowjetunion und später zu China abbrach, weil die jeweiligen Regierungen seiner Meinung nach zu nachgiebig waren. Im Laufe der sechziger Jahre versuchte er, sämtliche Religion im Land zu unterdrücken und auszulöschen, und im Jahre 1967 erklärte er unverdrossen Albanien zum ersten wahrhaft atheistischen Staat der Welt. Ich hatte meine Mitarbeiter zu Hause aufgefordert, dieses Land nicht aufzugeben. „Wenn ihr die Welt für Christus gewinnen wollt“, sagte ich ihnen, „dann müßt ihr es dort fertigbringen, wo die Aufmerksamkeit der ganzen Welt erreicht wird. Ich schlage Albanien vor.“ Einige unserer Mitarbeiter hatten das Land besucht, aber, wie in China auch, war es dort unmöglich, „zufällig“ seine Bibel im Hotelzimmer liegen zu lassen. Sie wurde einem sofort zurückgegeben. Anfang der siebziger Jahre sprach ich in der Schweiz auf einer Jüngerschaftsschule von Jugend mit einer Mission. Ich forderte die jungen Menschen heraus, über Albanien nachzudenken. Einige junge Frauen fühlten sich geleitet, dort hinzugehen und das Evangelium mit aller Vorsicht weiterzugeben. Eine von ihnen, namens Reona Peterson, wurde während ihres Aufenthaltes dort schwer krank und mußte in ihrem Hotelzimmer von einer Krankenschwester versorgt werden. Sie glaubte, im Gesicht der Schwester etwas Jesusähnliches zu erkennen. Sie meinte daher, ihr vertrauen zu können und überreichte ihr ein Exemplar des Johannesevangeliums in albanischer Sprache. Sie hatte sich geirrt. Die Krankenschwester informierte sofort die Polizei. Reona Peterson wurde daraufhin verhaftet, vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt, bloß weil sie ein einziges Exemplar des Johannesevangeliums weitergegeben hatte. An dem Tage, an dem die Todesstrafe ausgeführt werden sollte, fuhr man mit ihr an die jugoslawische Grenze und setzte sie dort aus. Wir beschlossen daraufhin, nichts zu übereilen und lediglich einige Leute als Reisende hinüberzuschicken. Dann eröffneten wir dort ein Geschäft und besuchten das Land, um Klappstühle zu kaufen, in der Hoffnung, uns dort Freunde zu schaffen und Brücken zu bauen. Es funktionierte nicht. 41
Später wurden die Türen einen kleinen Spaltbreit geöffnet, um in sehr eingeschränkter Form Touristen ins Land zu lassen. Wir Open-Doors-Mitarbeiter beschlossen, Gebetsteams zu organisieren, die lediglich das Land bereisen und beten sollten. Kein Zeugnisabgeben, keine Bibeln, keine Schriften, lediglich Beten über den Städten und Ortschaften. Das war ein absolut biblisches Konzept. In Josua 1,3 heißt es: „Jeder Fleck Erde, den ihr betreten werdet, gehört euch.“ Und so reisten die Teams durch das Land und beteten. Ich habe keinen Zweifel, daß Gott alle und alles benutzte, jeden einzelnen in diesen Teams und auch jedes einzelne Gebet, um dieses repressive System in Albanien zu Fall zu bringen. Selbst dort, wo wir nicht über unseren Glauben reden oder Bibeln und Schriften verteilen können, können wir anwesend sein. Das ist etwas ganz Wichtiges, das wir nicht vergessen sollten, vielleicht eines der wichtigsten Dinge überhaupt.
ZWEITER SCHRITT
Handle schriftgemäß Als ich vor einigen Jahren einmal Halsschmerzen hatte, trank ich einen Kräutertee aus Kalifornien. Auf den Teebeuteln hingen bei diesem Tee Schilder mit Sprüchen. Einer von ihnen lautete: „Nur für einen Leithund ändert sich die Landschaft.“ Nun gut, das mag vielleicht etwas frech klingen, aber dennoch schien mir in dieser Aussage eine Wahrheit zu stecken, die sich auch auf das Geistliche übertragen läßt. Jesus befahl seinen Jüngern, und damit auch uns, in alle Welt zu gehen und Zeugen zu sein (Apostelgeschichte 1,8). Du darfst dabei nicht vergessen, daß zu Jesu Zeiten die Menschen der Frohen Botschaft gegenüber sehr feindlich gesinnt waren, und zwar so sehr, daß sie Jesus sogar töteten. Jerusalem, Judäa, Samarien – das sind alles Orte, die damals genau so verschlossen waren wie manche Länder heute. Und doch forderte Jesus seine Jünger auf, dorthin zu gehen. 42
Sie sollten Pioniere werden, sozusagen „Leithunde“. Ein Pionier muß wissen, wohin er kommt und muß dementsprechend planen. Wenn wir nicht neue Missionsgebiete erschließen und dorthin gehen, wo wir gebraucht werden, statt dahin, wo wir sicher sind, dann bleiben wir bei der gleichen geistlichen Landschaft stehen, halten an den gleichen alten Theorien fest und tun die gleichen Dinge auf die gleiche Weise, wie sie immer getan wurden. Wir werden der Erfüllung unseres großen Auftrages, der Welt von Jesus zu erzählen, keinen Deut näher kommen. Jesus sagte seinen Jüngern: „Seht euch die Felder doch an! Das Korn ist schon reif für die Ernte“ (Johannes 4,35). Wenn ein Landwirt nicht sorgfältig, d. h. oft Jahre im voraus plant, dann wird er nie eine Ernte einbringen können. Die Landwirtschaft ist eine Wissenschaft, bei der jeder Schritt, angefangen vom Pflügen bis hin zum Ernten, genau bedacht und angemessen geplant sein muß. Das gleiche gilt für unser Zeugnis von Jesus Christus. Seht euch die Felder an! Sieh dir China an! Sieh dir die islamische Welt an! Sieh dir Kuba an! Sieh dir einige der Länder Afrikas, Lateinamerikas und Südamerikas an! Sieh dir die Menschen in deinem Büro, deiner Nachbarschaft, deiner Schule an! Sie sind reif zur Ernte, aber wenn wir dort für Christus wirksam sein möchten, dann müssen wir planen. Wir müssen planen, auf das prophetische Wort hin zu handeln, so wie wir es im „Ersten Schritt“ gesehen haben. Jesus sagte auch zu seinen Jüngern: „Ich habe euch zum Ernten geschickt“ (Johannes 4,38). Wir in den Gemeinden sind zwar bereit auszusäen, wenn es jedoch ans Ernten geht, dann gebrauchen wir ausweichende fromme Phrasen und sagen: „Das ist nicht meine Berufung.“ „Die Ernte ist Gottes Sache.“ Dabei ist die Welt so voll Verlangen, so offen, so bereit! Laut Hebräer 10,7 war die Fleischwerdung Jesu das Resultat einer Planungssitzung im Himmel. Jesus kam mit einem Plan in die Welt: Er wollte die Werke des Teufels zerstören, die Welt mit Gott versöhnen. Und wie sollte das geschehen? Indem er starb und von den Toten auferstand. Das Gebet Jesu in Johannes 12,27 fasziniert mich. „Mir ist jetzt sehr bange. Was soll ich tun? Soll ich sagen: ,Vater, laß diese Stunde an mir vorbeigehen‘? Aber ich bin doch gekommen, um sie durchzustehen.“ Der feste Entschluß Jesu, den Willen Gottes zu tun, hatte seine Wurzeln in seiner entschlossenen Planung. 43
Wie schrecklich, daß so viele Christen keinen Plan für ihr Leben haben! Ich meine damit nicht einen rigorosen Zeitplan für alle Ereignisse des Lebens, sondern ein aktives Eingehen auf das prophetische Wort Gottes, wie im „Ersten Schritt“ beschrieben. Ob wir nun einen Ruf für den afrikanischen Busch oder den Dschungel des südamerikanischen Kontinents verspüren, so müssen wir darauf eingehen, indem wir planen, wohin wir gehen, und auch planen, wie wir diejenigen erreichen können, die wir erreichen sollen, im Bewußtsein, daß jeder, der erreichbar ist, auch gewinnbar ist. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich 1955 meine erste Reise zum Treffen der sozialistischen Jugend machte, hatte ich keinen spezifischen Plan für mein Leben. Ich hatte noch nie zuvor von Bibelschmuggel gehört. Damals wußte ich nur, daß ich Missionar werden wollte. Welche Art Missionar? Wo? Das war Gottes Sache. So kam es, daß ich das allgemeine Ziel so gut ich konnte verfolgte, indem ich die WEC-Missionsschule in Schottland besuchte und Gott vertraute, daß er mir den nächsten Schritt auf dem Wege offenbaren werde Und so kam es auch. Er war es, der die sozialistische Zeitschrift im Keller meines Schlaftraktes deponierte, wo ich darüber stolpern mußte. Der Rest ist Geschichte. Nach dieser Reise gab es kein Zurück mehr. Von jenem Moment an plante ich mein Leben im Dienst für die Gemeinde Jesu in der Verfolgung. Was ist der Sinn deines Lebens? Und welchen Teil spielt dieser Sinn in der Erfüllung des großen Auftrages? Genau da setzt die Planung ein. Auf der geistlichen Ebene bedeutet Planen, die Initiative ergreifen. Es geht nicht an, daß man herumsitzt, bis man absolut sicher ist, daß man den Ruf Gottes für eine besondere Aufgabe, Ausrichtung oder ein besonderes Land oder einen besonderen Dienst hat. Auch bedeutet es nicht, daß man auf offene Türen wartet, durch die man leicht hindurchschreiten kann. Planen bedeutet, im Glauben handeln. Jesus sagte seinen Jüngern nie, sie sollten auf eine besondere Einladung warten. Er sagte, sie sollten gehen. Wohin und wann das sein wird, ergibt sich oft innerhalb der Zeit, die du mit der Heiligen Schrift verbringst. Es geht ja schließlich, wie es D. L. Moody formulierte, nicht darum, wie oft du durch das Wort Gottes gegangen bist, sondern wie oft es durch dich gegangen ist. 44
Auf der praktischen Ebene bedeutet Planen: Nachforschungen anstellen. Ehe ich ein Land betrete, muß ich folgendes wissen: Wie sind die politischen, wirtschaftlichen und geistlichen Verhältnisse an dem Ort, an dem ich sein werde? Wie viele Christen gibt es dort? Können sie ihren Glauben öffentlich ausüben und anderen mitteilen? Wie und wo kann ich mit anderen Gläubigen zusammentreffen? Welche besonderen Bedürfnisse hat die Gemeinde? Braucht sie Bibeln, Schriften, Schulung, schwer erhältliche Ausrüstung, Geld? Wie kann ich ihr am besten helfen, an diese Dinge heranzukommen? Bedeutet meine Arbeit dort eine Wiederholung oder eine Ergänzung dessen, was andere vor mir getan haben? Eine hervorragende Quelle für die Nachforschungen ist Patrick Johnstone’s Buch Operation World, ein regelmäßig auf den neuesten Stand gebrachtes Nachschlagewerk über sämtliche Länder der Welt vom Standpunkt christlicher Mission. Neben wertvollen Statistiken für jedes Land, listet das Buch geistliche und materielle Bedürfnisse auf und schlägt Vorschläge für das Gebet vor. Dieses Werk ist wirklich ein weltoffenes Werkbuch. Eine weitere Möglichkeit, Nachforschungen anzustellen, könnte es sein, mit Missionaren (wenn es sie denn gibt) aus dem jeweiligen Land zu sprechen, ob sie nun heute noch dort tätig sind oder einmal dort tätig waren, oder auch mit solchen Christen, die heute noch Bürger jener Länder sind bzw. es einmal waren. Auch gibt es die Möglichkeit, viel zu erfahren, wenn man sich hier bei uns mit ausländischen Studenten unterhält. Selbst ein kurzer Urlaub im jeweiligen Land könnte eine wertvolle Informationserfahrung sein. Außerdem müssen wir unbedingt mit Hilfe der Nachrichtenmedien politisch auf dem laufenden sein. Das bedeutet jedoch nicht, daß die einzigen Missionsfelder weit entfernt liegen. Wir sollten uns jeden Morgen, von dem Augenblick an, wo unsere Füße den Boden berühren, bewußt machen, daß wir die Gegenwart Jesu in unsere alltäglichen Beziehungen hineintragen können und wollen. In den Umschlag meiner Bibel habe ich ein interessantes Zitat hineingeklebt: „Der Mensch will entweder herausgefordert oder unterhalten werden.“ Gottes Wort ist nicht dazu da, uns zu unterhalten. Es ist auch nicht dazu da, uns glücklich zu machen. Vielmehr soll es andere Menschen durch uns glück45
lich machen, wenn wir die Herausforderung Gottes annehmen, daß wir den großen Auftrag erfüllen, ganz gleich, wie unsere Umstände sind. Das Fazit davon? Wenn du eher passiv als aktiv bist und lieber darauf auf offene Türen wartest anstatt im Glauben hinauszugehen, dann hast du wohl nicht vor, die Welt für Jesus Christus zu gewinnen.
GEBET Herr, hilf mir, dein prophetisches Wort heute anzunehmen und mein Leben dementsprechend zu planen. Hilf mir, die Initiative zu ergreifen, um dein Reich voranzutreiben und diese Initiative selbst im Feindesland aufrechtzuerhalten. Amen. 46