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Friedhelm Holthuis

Aufbruch in dein verheißenes Land

Leuchter Edition · Erzhausen


Copyright © 2006 Leuchter Edition GmbH, Erzhausen Umschlaggestaltung: be-sign.net, Bernd Scheurer Coverphoto: Hermann Hick Design, Bad Dürkheim Lektorat: Paul Wagner Gesamtherstellung: Schönbach-Druck GmbH, Erzhausen Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 3-87482-243-5 Bestell-Nr.: 547.243 Leuchter Edition GmbH Postfach 11 61 64386 Erzhausen verlag@leuchter-edition.de www.leuchter-edition.de


Vorwort

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Gott uns so viele Verheißungen für die Zukunft gibt, und warum er nicht stattdessen die Dinge, die er sich vorgenommen hat, einfach tut? Da uns die Bibel einen allmächtigen, souveränen Gott vorstellt, dem kein Ding unmöglich ist, erscheint das auf den ersten Blick doch etwas verwunderlich. Eigentlich ist die Antwort aber ganz offensichtlich: Gott erwartet eine Reaktion von uns. Verheißungen sind Gottes besondere Art, uns auf seine Segnungen, Berufungen und Pläne „heiß“ zu machen, sodass wir anschließend gerne bereit sind, auch auf Gottes Bedingungen einzugehen, die untrennbar zu seinen Verheißungen gehören. Die Allmächtigkeit Gottes darf niemals als Entschuldigung für geistliche Passivität, Lethargie oder Faulheit herhalten, in der irrigen Annahme, dass der Allmächtige ja sowieso täte, was er will. Genau hier setzt Friedhelm Holthuis mit seinem Buch an: Christen müssen wissen, dass Gottes Verheißungen für sie gelten und „abrufbar“ sind. Natürlich geschieht das nicht in einer mechanischen Art und Weise, die Gott zu einer Art „Warenautomat“ degradieren würde, sondern sie werden in der Liebesbeziehung zu unserem himmlischen Vater, dem Geber und Garanten jeglicher Verheißung erglaubt, erbeten und schließlich empfangen.


Seit vielen Jahren kenne ich Friedhelm Holthuis als einen Mann, dem saubere biblische Lehre nicht nur aus Neigung zur theologischen Richtigkeit sehr am Herzen liegt, sondern für den die Bibel vielmehr lebensveränderndes Gotteswort ist. Deshalb wünsche ich dem vorliegendem Buch weite Verbreitung und seinen Lesern den Segen und die Nähe Gottes beim (Neu-)Entdecken seiner Verheißungsschätze. Sola Gratia Pastor Uwe Schäfer Vize-Präses des BFP (Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden K.d.ö.R.)


Einleitung

Jedem Christen hat Gott Verheißungen gegeben. Er möchte, dass wir die Fülle seiner Zusagen erleben. Am Beispiel der Geschichte Israels, das als ganzes Volk aus Ägypten floh und nach einer langen Wüstenwanderung endlich das von Gott verheißene Land einnehmen konnte, möchte ich in diesem Buch Schritte aufzeigen, wie auch du dein persönliches, von Gott verheißenes Land einnehmen kannst. Es reicht Gott nicht, dass wir errettet sind. Genauso wenig hat es ihm auch gereicht, dass Israel aus Ägypten ausgezogen war. Ebenso, wie Israel nach seinem berühmten Zug durchs Schilfmeer jahrzehntelang in der Wüste festsaß, sitzen auch heutzutage viele Christen ein Leben lang als bekehrte Menschen in ihrer persönlichen Wüste fest. Vielen von uns fehlen die geistlichen Perspektiven für ihr Leben, und auch wenn wir fest in einer Gemeinde integriert sind, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass wir ein erfolgreiches und vollmächtiges Glaubensleben führen, in dem das mächtige Wirken Gottes unverkennbar zu spüren ist. Fast alle aus dem Volk Israel starben in der Wüste. Sie waren gerettet und sie erlebten hautnah Gottes Versorgung, Führung und auch seine mächtigen Taten. Dennoch erreichten sie niemals das verheißene Land. Gott möchte nicht, dass auch wir in der Wüste hängen bleiben. Er möchte, dass wir noch in diesem Leben das uns von ihm persönlich verheißene Land einnehmen. Auch wenn Gott immer wieder so genannte „Wüstenzeiten“


im Leben des gläubigen Menschen einrichtet, ist es dennoch nicht seine Absicht, dass unser gesamtes Leben lediglich ein Überleben, ein Dahinvegetieren sein soll. Die Bibel sieht uns dazu berufen, „Überwinder“ zu sein. Ein Überwinder aber ist jener, der Gottes Bestimmung folgt und siegreich ist. Manchem von uns mag die Wüste sicherer oder auch bequemer erscheinen als jener Furcht einflößende Kampf, auf den wir unweigerlich zusteuern, wenn wir uns aufmachen, die Verheißung für uns einzunehmen. Manch einer ist durch frühere Rückschläge vielleicht bereits verzweifelt und hat den Gedanken, das Verheißene Land jemals betreten zu können, schon vor langer Zeit frustriert aufgegeben. An all diese Menschen richtet sich dieses Buch. Wir sind Kinder des Höchsten, und die Wüste ist nicht der Ort, der uns bestimmt ist. Unsere Bestimmung ist eine größere. Deshalb wollen wir es nicht zulassen, dass Ungehorsam, Murren und Rebellion uns davon abhalten, die Geschenke Gottes entgegenzunehmen. In diesem Buch wollen wir uns mit dem Erbe Gottes beschäftigen, das uns für das hiesige Leben verheißen ist. Möge es all seinen Lesern helfen, sich wie Israel schließlich im von Gott verheißenen Land niederzulassen.


Du hast eine Zukunft – Gottes Zusagen

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s war wieder einmal Samstagabend. Diese unseligen Samstagabende! Es waren die Abende, an denen ihr Sohn großspurig die Wohnung zu verlassen pflegte, um sich mit seinen Kumpels in irgendeiner Disco zur üblichen Sauftour zu treffen. Dabei war er doch fast noch ein Kind! Unter der Woche ging er dann auf Diebestour: Zigaretten, Zeitschriften, alles, was er sich sonst nicht leisten konnte, wurde dabei „organisiert“. Sie war mit ihrem Latein am Ende. Eines Mittwochs – der Pastor ihrer Gemeinde war gerade zu Besuch – klingelte es plötzlich eindringlich an der Haustür. Sie öffnete. Draußen stand mit betretenem Gesicht ihr Sohn, und dahinter ein mürrisch dreinblickender Mann, der sich ohne zu fragen sofort unwirsch an ihr vorbei in die Wohnung drängte und sich dort erbost als Geschäftsführer eines Ladens in der Nachbarschaft zu erkennen gab. Und während der Pastor am Tisch saß und schweigsam die Szenerie beobachtete, während der Kaufmann lautstark ihren Sohn des Diebstahls bezichtigte, stieg die Schamesröte in ihr auf und brannte auf ihrem Gesicht. Ihr Mutterherz war gebrochen. Hatte sie ihren Sohn nicht von Geburt an dem Herrn geweiht?! Doch schon im zarten Kindesalter von zehn Jahren hatte er sich strikt geweigert, am Sonntagnachmittag mit in die Kirche


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zu gehen. Nicht nur zeigte er mittlerweile nicht einmal mehr das geringste Interesse am Evangelium; noch dazu hatte er im Laufe der Jahre begonnen, die Einzigartigkeit des Evangeliums vehement in Frage zu stellen. Ob denn nicht in allen Religionen ein wahrer Kern stecke, pflegte er spitzfindig zu fragen. Alles was ihn in letzter Zeit noch bewegte, waren Alkohol, Drogen und Sex. Weit davon entfernt, für solch „spießige“ Dinge wie eine Zukunftsperspektive Verständnis aufzubringen, hatte er für die Schule seit mittlerweile zwei Jahren keine Hausaufgaben mehr gemacht. Sie hatte sich das doch nicht alles nur ausgedacht: Gott hatte doch in einem Traum auf übernatürliche Weise zu ihr gesprochen und ihr verheißen, dass ihr Sohn eines Tages ihm, dem großen König, dienen würde. Doch stattdessen driftete er seit Jahren weiter und weiter vom Glauben ab und geriet zunehmend auf die schiefe Bahn. Hatte sie denn nicht fest auf die Zusage Gottes vertraut? Sollte Gottes Reden nicht mehr gelten? Was hatte sie nur falsch gemacht? So war es für sie ein Schlüsselerlebnis, als Gott ihr schließlich klar machte, dass es ihre Aufgabe sei, die Verheißung, die er ihr gegeben hatte, konsequent im Gebet einzunehmen. Von da an änderte sich ihr Gebetsleben. Wenn ihr Sohn jetzt auf Tour ging, dann ging sie in sein Zimmer und betete dort anhaltend. Um es kurz zu machen: Der Gedanke an eine Bekehrung war so ziemlich das Letzte, was ihren Sohn damals bewegte. Aber schließlich gelang es Gott doch, die Aufmerksamkeit des jungen Mannes für sich zu gewinnen, und deshalb steht dieser heute im vollzeitlichen geistlichen Dienst. Unter anderem hat er auch das Buch geschrieben, das Sie im Augenblick in Ihren Händen halten. Es ist meine eigene Geschichte. Mit diesem Buch möchte ich Menschen ermutigen, auf Gottes Zusagen zu vertrauen, auch wenn es mitunter lange dauert, bis sie eingelöst sind. Denn das Schlimmste, was einem wiedergeborenen Menschen passieren kann, ist der Verlust seiner Hoffnung auf die Einlösung der Zusagen Gottes. Wir müssen wissen, dass jeder Christ ein Erbe anzutreten


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hat, und dass jeder Christ Verheißungen und Zusagen Gottes für sein Leben bekommt. Gott hat ebenso einen Plan mit einzelnen Menschen, wie mit Familien und ganzen Gemeinden. Als Christen sollten wir uns deshalb bewusst sein, dass wir seit unserer Bekehrung als neue Geschöpfe Gottes nicht nur aus besonders edlem Hause stammen, sondern dass uns ebenso ein besonders beeindruckendes Erbe erwartet. Machen wir uns das nachhaltig bewusst! Kein Mensch ist in ein Nichts hineingeboren. Er wird von seinen Eltern geprägt, die ihrerseits von ihren Großeltern geformt wurden, welche selbst wiederum von deren Eltern beeinflusst sind und so weiter. Nicht nur trägt der Mensch die Gene seiner Ahnen in sich, vielmehr saugt er auch die Traditionen und die Kultur, in die er hineingeboren ist, wie mit der Muttermilch in sich auf. Letztlich kann kein Mensch sich selbst aus dem Nichts heraus erschaffen. Und wenn all das für jeden einzelnen Menschen gilt, dann umso mehr für uns Kinder Gottes. Denn neben unserer biologischen Herkunft sind wir darüber hinaus Teil einer weiteren Familie: der Gemeinde. Sowohl der großen universalen Gemeinde, die die ganze Welt umspannt, als auch der vielleicht kleinen Ortsgemeinde in der Nähe unserer Haustür, die wir im Alltag erleben. Nun hat uns Gott also in eine neue Familie hineingeboren, und es ist unsere Aufgabe, unseren Platz in dieser Familie zu finden und auszufüllen. Du hast dich sicherlich auch schon gefragt, worin dieser Platz bestehen mag, wie deine Rolle in dieser Familie gegenwärtig aussieht und wie sie nach Gottes Willen eigentlich aussehen sollte. Welche Aufgabe hat Gott dort für dich? Was möchte er durch dein Leben bewirken, und wie ist dieses Vorhaben Gottes in die Tat umzusetzen? Wir lesen davon in Büchern und sehen in Filmen, welch großartige Dinge in früheren Zeiten vollbracht worden sind, bevor wir diese Erde betraten: Städte wurden erbaut und Reiche gegründet; Männer und Frauen Gottes bewegten die Welt. Und wir wissen, dass in Zukunft, wenn wir eines Tages diese Erde wieder verlassen haben, auch weiterhin Großes vollbracht werden wird.


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Und in dieser Zeitspanne zwischen den Heldentaten der Vergangenheit und jenen der Zukunft leben wir. Das Heute, dieser Augenblick, in dem du hier sitzt und diese Zeilen liest, gehört uns. Jetzt sind wir es, die hier leben! Wir sind Gottes Kinder, und wir haben von Gott ein Erbe bekommen. Natürlich liegt jenes große Erbe im Himmel für uns bereit, das wir bekommen werden, wenn wir eines Tages zu Jesus gehen, und auf das wir uns selbstverständlich heute schon freuen. Aber dann gibt es da noch dieses andere Erbe, jenes Erbe, das uns für unser Leben hier auf dieser Erde verheißen ist. Und dieses Erbe gilt es noch in diesem Leben einzunehmen. Das ist die große Aufgabe, vor der wir als Christen stehen! All dies fasst Paulus wunderbar in seinem Brief an die Galater zusammen: „Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr Abrahams Same und nach Verheißung Erben.“ (Gal 3,29) In diesem Vers können wir unser Leben aus der Perspektive Gottes betrachten: Als Christen sind wir eingebettet in jahrtausendealte Verheißungen und Traditionen, während das Ziel unseres Lebens das Erbe ist, das uns zusteht. Deswegen erkennen wir in diesem Vers Gottes Plan für uns, für unsere Gemeinde, und auch für unsere Familie. In diesem Buch wollen wir uns mit dem Erbe beschäftigen, das uns für das hiesige Leben verheißen ist.


Mose ist tot!

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ie Gestalt des Mose entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Ein Drittel seines Lebens hatte der hochbegabte und überaus gebildete Mann als Schafhirte verbracht. Schließlich war er von Gott berufen worden, das Volk Israel, das zu jener Zeit in ägyptischer Knechtschaft lebte, aus Ägypten herauszuführen, es in der Wüste Sinai zu einem Volk zusammenzuschweißen und es anschließend in das Verheißene Land zu führen, das wir heute Israel nennen. Allerdings scheitert der erste Versuch an der Widerborstigkeit des aus der Sklaverei geretteten Volkes, und so muss Mose auf Gottes Wort hin mit diesem Volk weitere vierzig Jahre lang in der Wüste umherziehen. Als er nach dieser Zeit als alter Mann erneut vor den Grenzen des Landes steht, stirbt er. Es ist eine tragische Geschichte. Und nach seinem Tod spricht Gott zu Josua, dem Nachfolger des Mose: „Mein Knecht Mose ist gestorben; so mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gegeben habe. Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe. Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang,


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Aufbruch in dein verheißenes Land das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein. Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen.“ (Josua 1, 1-5)

Doch bleiben wir zunächst noch einen kurzen Augenblick bei den Großtaten Moses! Jener Mose, der noch heute – nach Jahrtausenden – als Gründer des Judentums selbst von Atheisten geachtet wird, war ein Gigant unter den Persönlichkeiten der Weltgeschichte: Ohne Zweifel gehört er bis heute zu den bekanntesten Menschen aller Zeiten. Als einer der wenigen Menschen konnte er für sich in Anspruch nehmen, die Stimme Gottes leibhaftig gehört zu haben. In einer waghalsigen Aktion hatte er sein Volk unter dramatischen Wundertaten aus der Sklaverei in Ägypten befreit und es in einer mehr als waghalsigen Flucht über das von ihm zerteilte Meer in die Freiheit geführt. Als Anführer des Volkes waren ihm auf seinem Weg durch die Wüste Aufsehen erregende Wunder gefolgt. Er hatte durch vollmächtiges Gebet mitten in der Wüste genug Nahrung und Trinkwasser für ein ganzes Volk beschafft, und als Gott das Volk Israel voller Zorn für dessen Sünden, Unglauben und ­Götzendienst auslöschen wollte, war Mose in die Bresche gesprungen und es war ihm tatsächlich gelungen, den Weltenschöpfer durch Fürbitte von seinem Vorhaben abzubringen. Dabei war er trotz solcher Großtaten stets der demütigste Mann seiner Zeit geblieben (vgl. 4. Mose 12,3). Seit Menschengedenken war Mose die alles bestimmende Instanz im Volk Israel gewesen. Er hatte Recht gesprochen und Streit geschlichtet, Gott befragt und die Marschrichtung vorgegeben. Er war es gewesen, der das Volk ein ums andere Mal an seinen Gott erinnert und unermüdlich dafür gesorgt hatte, dass sie das Ziel ihrer Wanderung, das Verheißene Land, niemals aus den Augen verloren. Menschlich gesprochen war Mose vierzig Jahre lang die Radnabe gewesen, um die sich ein ganzes Volk gedreht hatte.


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Ohne Zweifel war er eine Gestalt von epochalem Ausmaß. Und nun stand das Volk Israel nach vierzig Jahren endlich vor den Grenzen des lang ersehnten Verheißenen Landes. Es war bereits eine neue, junge Generation, die Ägypten nur noch aus Erzählungen kannte und deren ganzes Leben aus der Wüstenwanderung unter Mose bestanden hatte. Und da stirbt Mose unerwartet und plötzlich. Das Volk ist entsetzt. Wir können uns lebhaft die Trauerfeier vorstellen, über die wir in der Bibel lesen, sie habe dreißig Tage lang gedauert. Man trauerte um einen Mann, der Weltgeschichte geschrieben hatte, und man besang sein Leben und seinen Tod, man betete zu Gott, man aß und trank im Gedenken an ihn. Wir können die Tränen in den Augen des Volkes und die plötzliche Leere in den Herzen der Menschen nachempfinden, die ihr Leben lang von Moses Fürsorge begleitet worden waren, denn „der Mann Gottes war gestorben“. Die letzte Träne ist noch nicht getrocknet, immer noch tragen die Menschen Trauer, da spricht Gott zu Josua, dem jungen und intelligenten Diener des verstorbenen Mose, auf den nun die schwere Bürde fällt, das Volk in die Zukunft zu führen, und Gott eröffnet seine Rede an Josua ausgerechnet mit dem Satz: „Mose ist tot.“ Ich male mir aus, wie manch einer an Josuas Stelle wohl spontan darauf geantwortet hätte: „Ach nein! Was du nicht sagst, Herr!“ Die Aussage Gottes scheint auf den ersten Blick derart unsinnig, weil allzu offensichtlich, zu sein, dass ich mich frage, weshalb er seine Rede ausgerechnet mit diesem einen Satz eröffnet hat. Hatte das Volk nicht soeben einen ganzen Monat lang getrauert? War Josua nicht bereits zu Moses Nachfolger erkoren worden? Hatte er als Diener des Mose nicht zum Kreis der engsten Vertrauten dieses großen Mannes gehört? Wenn es also etwas gab, was Josua mit Sicherheit wusste, dann war das der Umstand, dass Mose tot war. Warum also teilt ihm Gott so etwas Selbstverständliches mit? Die Erklärung dafür ist überraschend einleuchtend: Für Jo-


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sua war ein Leben ohne Mose genauso wenig vorstellbar wie für den Rest des Volkes. Mose hatte sie durch alles Unheil geleitet, er hatte ihnen ein Ziel gegeben, er hatte ihnen Sinn vermittelt. Ihr ganzes Leben war geprägt von der Fürsorge dieses einen Mannes. Und nun war er nicht mehr da, und in Josuas Herz brannte die Frage: „Was sollen wir denn jetzt machen? Wo sollen wir denn jetzt hingehen? Und Gott antwortete darauf lapidar: „Mose ist tot.“ Im Herzen dieser Menschen war Mose noch nicht völlig gestorben. Etwas in der Tiefe ihrer Seele rechnete noch immer mit seinem Eingreifen. Sie konnten sich ein Leben ohne seine Fürsorge einfach nicht vorstellen. Und über genau diese Haltung sprach Gott, als er sagte: „Mose ist tot.“ Es ging ihm dabei darum, ein Problem aufzuzeigen, das für den modernen Christen des einundzwanzigsten Jahrhunderts ebenso aktuell ist wie für den Israeliten anderthalb Jahrtausende vor Christus. Es ist ein Problem, das man vor allem im Zusammenhang mit gewaltigen Männern Gottes immer wieder beobachtet: entweder sie wirken in fernen Erdteilen, oder sie lebten in vergangenen Zeiten, und alles, was ich von ihnen habe, ist eine packende Biografie, die ich in aller Regel natürlich auch mit großem Gewinn lese. Und während ich dann in meinem Sessel sitze und schmökere, denke ich oft: „Wenn wir nur solche Männer Gottes heutzutage noch hätten! Was wäre das für eine Gemeinde!“ Hast du auch schon mal so gedacht? Aber es gibt sie doch auch heute noch, die Reinhard Bonnkes dieser Welt, und wie sie alle heißen. Man liest in christlichen Zeitschriften über sie und denkt: „Das sind wahre Helden des Herrn! Aber warum nur wohnt keiner von ihnen in der Nähe!“ Es sieht fast danach aus, als bräuchten Männer dieses Formats nur einen verborgenen Knopf zu drücken, um atemberaubende Wundertaten zu vollbringen, Menschen zum Glauben zu bringen und den Segen Gottes landauf, landab auf die Gemeinden herabzurufen.


Mose ist tot!

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Aber interessanterweise gab Gott dem Josua nicht den Auftrag, eine Biografie über Mose zu kaufen, sie in die Glasvitrine zu stellen und jeden Tag an die gute, alte Zeit zu denken. Sondern heute genauso wie damals lautet die Botschaft Gottes an dich und an die ganze Gemeinde: „Mose ist tot.“ Er ist nicht hier; er ist schon lange gestorben. Er kann nichts mehr für dich tun. Und nachdem er das noch einmal klargestellt hat, gibt Gott dem Josua den Auftrag, den Blick nach vorne zu wenden, zu neuen Ufern aufzubrechen, das Volk hinter sich zu scharen und endlich das Verheißene Land einzunehmen. Und ganz egal, welchen Glaubenshelden du persönlich bewundern magst: „Keiner von denen ist hier“ lautet Gottes Botschaft an dich. Da ist kein Mose, der deine Verheißungen für dich entgegennehmen könnte. Sondern Gott ruft dich persönlich, damit du dir selbst seine Geschenke bei ihm abholst. Gott ruft unsere Familien und unsere Gemeinden. Er will, dass wir als sein Leib vor Ort, genau da, wo er uns hingestellt hat, die Verheißungen verwirklichen, die er uns gegeben hat. „Mose ist tot. Jetzt bist du gefragt, der Held der Stunde zu sein.“ – Das ist die Botschaft Gottes.


Sei geduldig!

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braham hatte sich grandios vertan! In jenen Tagen, in denen er noch Abram hieß, da hatte Gott ihm großherzig versprochen: „Fürchte dich nicht, Abram! Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn.“ „Ach“, hören wir Abram seufzend antworten: „Was willst du mir denn geben? (…) Mir hast du keine Nachkommen gegeben; und siehe, einer von meinen Knechten wird mein Erbe sein.“ (1. Mose 15,1-3) Wir spüren den Leidensdruck in seinen Worten. Nach der Vorstellungswelt jener Tage lebte der Vater in seinen Söhnen fort. Ohne einen Sohn zu sterben bedeutete für einen Mann praktisch das Todesurteil für alle Ewigkeit. Abrams Leben schien seine Sinnhaftigkeit verfehlt zu haben. Händeringend suchte er deshalb nach einer Lösung. Erstaunlicherweise ist es ausgerechnet seine Frau Sarai, die im folgenden Kapitel die Schuld auf sich nimmt, indem sie gesteht, unfruchtbar zu sein, und die ihrem Mann die Idee unterbreitet, den ersehnten Nachkommen einfach mit der ägyptischen Magd Hagar zu zeugen. Sicherlich wird Sarai ihren Mann geliebt haben. Umso bemerkenswerter ist es also, dass sie selbst es ist, die ihren Mann zu einer anderen Frau schickt. Offensichtlich muss das Problem der Kinderlosigkeit für das Ehepaar eine echte Belastung gewesen sein.


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Als die Magd daraufhin schwanger wird, entbrennt sofort eine heftige Konkurrenz zwischen Sarai und ihr. Zwischen Abrams Ehefrau und der Mutter seines Sohnes spielen sich unschöne Szenen ab, es kommt zum Eklat, der Familienfrieden ist dahin. Vierzehn missgünstige und zänkische Jahre später – Abram ist bereits hundert Jahre alt – wird er abermals Vater. Diesmal bringt seine rechtmäßige Ehefrau trotz ihres hohen Alters und wider alle menschliche Vernunft als legitimen Nachfolger einen gesunden Knaben zur Welt, welcher fortan der Träger der Verheißungen Gottes sein wird. Dieses Beispiel zeigt uns zweierlei: Zum einen können wir an ihm sehr gut verfolgen, dass zwischen dem Empfang einer Verheißung und ihrer Erfüllung mitunter quälend viel Zeit verstreichen kann. Zum anderen hält es uns dazu an, stets auf der Hut zu sein und nicht vor lauter Ungeduld und inneren Zweifeln selbst nach unserem eigenen menschlichen Ermessen an der Erfüllung der Verheißung herumzubasteln. Im besten Fall wird das Ergebnis unserer Bemühungen kläglich sein, sehr oft aber Leid hervorbringen. Wenn wir also Gottes Verheißungen einnehmen wollen, dann ist Geduld eine der wichtigsten Tugenden, die wir für diese Unternehmung benötigen. Die Bibel teilt uns dies sehr klar mit: „Damit ihr nicht träge werdet, sondern Nachfolger derer, die durch Glauben und Geduld die Verheißungen ererben.“ (Hebr 6,12) Geduld ist nicht eine Gabe Gottes, die wir einmal für alle Zeiten empfangen. Vielmehr wird sie in Galater 5,22 neben Liebe, Freude und Treue unter die Früchte des Geistes eingereiht. Wie auch die anderen Früchte ist die Geduld eine Eigenschaft, die im gläubigen Menschen in langen Reifeprozessen wie eine Pflanze heranwächst. Und genauso wie jede Pflanze optimale Bedingungen für ihr Wachstum braucht, braucht auch die Geduld solche optimalen Bedingungen, um möglichst ungestört ausreifen zu können. Aus diesem Grund wollen wir uns in den folgenden Kapiteln einigen


Sei geduldig!

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grundlegenden Fragen in diesem Zusammenhang zuwenden und dabei ein besonderes Augenmerk auf unser spezielles Verhältnis zur Zeit richten. • Gott kann nicht lügen Es ist eine Grundlage des christlichen Glaubens, davon auszugehen, dass Gott nicht lügt. Mehr noch! Gott kann nicht einmal lügen. Diese Aussage hat im Laufe der Jahrhunderte immer wieder für hitzige Diskussionen unter den Gelehrten gesorgt. Zu viele theologische Fragstellungen sind damit verknüpft. Im Moment soll uns die theologische Tiefe hinter dieser Aussage allerdings eher weniger interessieren, und auch die Heiligkeit Gottes, die ihn von der Lüge abhält, ist im Augenblick nicht unser Thema. Genauso möchte ich die aus akademischer Sicht sicherlich hochinteressante Fragestellung nach der Freiheit Gottes beiseite lassen. Nichts von all dem soll für uns im Augenblick von Belang sein. Für unser Thema ist es einzig und allein wichtig, zunächst einmal die ganz und gar einfache Aussage festzuhalten, dass unser Gott definitiv nicht lügen kann: Gott kann nicht lügen! Mir ist klar, dass ich hier über wirklich grundlegende Dinge spreche, die jeder kennt und jeder weiß. Aber unser Leben wird immer wieder auch durch simple Wahrheiten bereichert, und es sind so oft gerade diese einfachen Dinge, die wir so schnell aus den Augen verlieren, obwohl sie doch so sehr auf unser persönliches Leben einwirken. Deshalb ist es mir wichtig, diese Aussage noch einmal ganz neu vor Augen zu führen: Gott kann nicht lügen. Dieser Umstand ist eine gute Sache. Denn Gott ist allmächtig. Wenn zum Beispiel ich selbst persönlich etwas verspreche, dann bedeutet das nicht zwangsläufig, dass es auch eintrifft. Natürlich bemühe ich mich, mein Versprechen zu halten. Aber was ist,


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