Pater Andreas Pohl SCJ
Vorwort
Wenn jemand ein gutes Wort für dich gefunden hat, geht es dir besser. Du fühlst dich angenehm berührt, sogar gerührt. Wenn jemand ein Bild für dich gefunden hat, fühlst du dich erkannt und angesprochen. Seine Botschaft belebt dich und du findest darin sogar Antworten auf manche Fragen deines Lebens. Jesus sprach zu den Menschen oft direkt und frontal. Manchmal sprach er aber etwas verschlüsselt in Form von Bildern und Gleichnissen. Damit wollte er ihre Seele in einer ganz besonderen Weise zum Staunen und zum Nachdenken bewegen. Bei vielen Menschen ist es damals angekommen. Gott spricht weiter in Bildern: in Bildern des Alltags, in Bildern der Natur, in Bildern der Kunst. In allem, was das Auge sieht, können Weisheiten verborgen sein, die 6
unseren Alltag entscheidend beeinflussen. Die vorliegenden Meditationen wollen eine Inspiration sein, in den gewöhnlichen und einfachen Bildern des Alltags mehr zu sehen als das, was sie auf den ersten Blick zeigen und die spirituelle Dimension darin zu entdecken. Von dem Evangelisten Johannes wird gesagt: „Er sah und glaubte“. Der Glaube kommt nicht nur vom Hören, sondern auch vom Sehen. Hab Mut zum Schauen und nimm dir Zeit dafür. Es ist keine verlorene Zeit. Möge dir Gott den Blick dafür schenken!
Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen; seinen Jüngern aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war. Markus 4,34 7
Sich erheben
Manchmal genügt es, sich etwas über den Alltag zu erheben, ihn von oben, aus der Vogelperspektive anzuschauen, und für eine gewisse Zeit die täglichen Sorgen hinter sich zu lassen. Du entdeckst dabei Reserven, die dir bis dahin verborgen waren. Manchmal genügt es, die Perspektive zu wechseln, die Probleme von der anderen Seite zu sehen, hinter die Kulisse zu schauen. Du findest eine Lösung, die du nicht für möglich gehalten hättest. Manchmal genügt es, die eigene Vergangenheit aus der Distanz der Zeit zu betrachten, alles stehen zu lassen wie 8
es ist und zu warten, bis manche Episoden zu Ende gegangen sind. Du wirst manche Steine in deiner Biographie zu Diamanten oder zu Perlen erklären. Manchmal lohnt es sich, das Leben aus der Entfernung zu betrachten, über die Grenzen des Vertrauten hinauszugehen, einen neuen Blick auf die Realität zu werfen. Dann wirst du dein Leben in neuen Farben entdecken und deinen oft so grauen Alltag wieder lieb gewinnen. Manchmal braucht man dazu wirklich nicht viel: nur etwas Abstand gewinnen zu dem, was ist, – und schon verändert sich etwas. 9
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Herr, zu Elija, der in der Wüste eine Krise durchmachen musste, sagtest Du: „Steh auf und iss …!“ Und es ging mit ihm wieder aufwärts. Zu Mose sagtest Du: „Steh auf und geh zum Pharao!“ Und er ging und überzeugte ihn davon, seine Leute gehen zu lassen. Zu dem Gelähmten sagtest Du: „Steh auf, nimm deine Bahre und geh!“ Und er stellte fest, dass er wieder gehen konnte. Immer, wenn Du zu uns sagst: „Steh auf!“, geschieht etwas. Deine Worte stellen uns manchmal buchstäblich auf die Beine. Lass mich dieses Wort hören, dann schaffe ich es, mich von dem Gewöhnlichen zu erheben und es als ungewöhnlich schön wieder zu entdecken. Amen.
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Die Augen öffnen Seit der Stunde deiner Geburt schreibt Gott mit dir zusammen ein Buch und jeder Tag deines Lebens ist wie eine neue Seite darin. Manche Seiten verstehst du gut und bist stolz auf sie, aber einige möchtest du am liebsten ausreißen, sie für immer vernichten, weil sie dich an die schmerzhaften Episoden deines Lebens erinnern. Wenn aber das Buch deines Lebens die Handschrift Gottes trägt – glaubst du, dass Gott sich vertan oder falsch geschrieben hat? Den Aposteln hat er erst nach der Auferstehung die Augen für das „Verständnis der Schrift“ geöffnet. Erst danach sahen sie, dass es den Karfreitag in ihrem Leben geben musste. Ohne ihn wäre der Ostermorgen nicht möglich gewesen. 12
Bitte Gott, dass er dir die Augen öffnet für das Verständnis deiner Biographie, des Buches deines Lebens, in dem mancher Karfreitag seine Spuren hinterlassen hat. Dann wirst du erkennen, dass auch deine Karfreitagserfahrungen seine Handschrift tragen. Es kann sein, dass einmal der Tag kommt, an dem du im Buch deines Lebens keine Seite bereust. Was die Handschrift Gottes trägt, kann nie schlecht sein. Lass dir von Gott die Augen für das Buch deines Lebens öffnen und du wirst es jedem Bestseller vorziehen.
Darauf öffnete er ihnen die Augen für das Verständnis der Schrift. Lukas 24,45 13
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Herr, wenn ich das Buch meines Lebens nur mit meinen Augen betrachte, bin ich schnell mit der Deutung am Ende: Das Schöne und Erbauende verdanke ich Dir und die Kleckse, die ich darin finde, schreibe ich mir selber zu. Manchmal mag ich dieses Buch, manchmal wiederum möchte ich gar nicht hineinschauen, weil ich mich für die Kleckse schäme. Wenn ich aber das Buch meines Lebens mit Deinen Augen betrachte, brauche ich immer viel Zeit, denn ich beginne zu staunen. Auch dann sehe ich, dass ich das Schöne und Erbauende Dir verdanke, aber nicht alle Kleckse schreibe ich mir selbst zu. Hast Du nicht manche zugelassen, um mir zu zeigen, dass Du es bist – und nur Du –, der sie wirklich entfernen kann? Herr, ich danke Dir, dass Du mir die Augen für das „Verständnis der Schrift“ geöffnet hast, meiner Lebens-Schrift, die meine und Deine Handschrift trägt. Darin zu lesen ist spannend. 15
Die Bühne Eines Tages hast du die Bühne des Lebens betreten, der Vorhang ging hoch und jeder Tag wurde dir zu einer Premiere. Du bewegst dich auf dieser Bühne manchmal unsicher, ohne Vorprobe, ohne Generalprobe, ohne Masken, Schminke und Kostüme. So kommt es vor, dass dir nicht alles gelingt. Aber auf der Bühne des Lebens sind Schwächen und Fehler erlaubt. Ohnmacht und Fiasko darf es dort geben. Obwohl das Leben manchmal wie eine große Bühne ist, ist es kein Theater und du bist kein Schauspieler, der nur für ein paar Stunden eine Rolle spielt und dann wieder ein 16
privater Mensch ist. Im Theater darfst du dir keine Fehler erlauben, sonst kannst du deine Rolle verlieren. Auf der Bühne des Lebens muss dir nicht alles gelingen und du bist trotzdem wertvoll. Irgendwann wird sich auf dieser Bühne der Vorhang wieder senken und du wirst dich von der Bühne des Lebens verabschieden müssen. Du wirst es dankbar tun – dankbar für Menschen, die mit dir zusammen auf dieser Bühne gestanden haben, die du geliebt hast und die dich geliebt haben. Ohne sie wärest du nicht du. Und du wirst dem Regisseur Gott dankbar sein, dass er dich auf diese Bühne gestellt hat, so wie du bist, und dir nach jeder Niederlage immer ein „happy end“ bereitet hat. Von ihm bekommst du den schönsten Applaus.
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