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DamarisKofmehl

JOSEF

EinBibel-Thriller

DieautomatisierteAnalysedesWerkes,umdarausInformationeninsbesondere überMuster,TrendsundKorrelationengemäß§44bUrhG(»TextundData Mining«)zugewinnen,istuntersagt.

©2026HänsslerinderSCMVerlagsgruppeGmbH Max-Eyth-Straße41·71088Holzgerlingen haenssler.de

DieBibelversesindfolgenderAusgabeentnommen: NeuesLeben.DieBibel,©derdeutschenAusgabe2002und2006SCMR.Brockhaus inderSCMVerlagsgruppeGmbH,Holzgerlingen

Lektorat:ChristinaBachmann Umschlaggestaltung:JanHenkel,www.janhenkel.com Titelbild:JanHenkel,u.a.mitVerwendungbildgebenderGeneratoren Satz:Satz&MedienWieser,Aachen DruckundBindung:GGPMediaGmbH,Pößneck GedrucktinDeutschland

ISBN978-3-7751-6317-0 Bestell-Nr.396.317

IchwidmediesesBuchallen,dieinihrem LebenSchweresdurchgemachthaben undsichnachHeilungundinnerem Friedensehnen.Ichmöchtedirsagen: Gottsiehtdich.Erkannundwirddein verletztesHerzheilenunddirFrieden schenken.Ichhabeesselbsterlebt.

unbekannt

(7 Söhne)

unbekannt

unbekannt

unbekannt

unbekannt Judit Basemat Asenat

Jiska (6 Söhne)

unbekannt (12 Söhne)

Josef Dan Naftali Gad
Dina
Levi Simeon Ruben Juda Issachar Sebulon Benjamin
Asser Lea

PersonenundNamensbedeutungen

Josef – SohnvonJakobundRahel

Zafenat-Paneach – JosefsägyptischerName,denihmder Pharaogab,Bedeutung:Gottsprichtunderlebt

Jakob – VatervonJosef,seinenelfBrüdernundDina

Rahel – FrauvonJakob,SchwesterLeas,MuttervonJosefund Benjamin

Lea – FrauvonJakob,MuttervonRuben,Simeon,Levi,Juda, Issachar,SebulonundDina

Bilha – RahelsMagd,MuttervonDanundNaftali

Silpa – LeasMagd,MuttervonGadundAsser

SöhneJakobs – (vomältestenzumjüngsten)Ruben,Simeon, Levi,Juda,Dan,Naftali,Gad,Asser,Issachar,Sebulon, Josef,Benjamin(ausdiesenzwölfSöhnengingendie zwölfStämmeIsraelshervor)

Dina – TochterJakobs

Potifar – OberbefehlshaberderköniglichenLeibwachedes Pharaos

Potifera – HohepriestervonHeliopolis,VatervonAsenat

Asenat – TochterPotiferas,FrauvonJosef

Manasse – ersterSohnvonJosefundAsenat,Bedeutung: dervergessenlässt

Ephraim – zweiterSohnvonJosefundAsenat,Bedeutung: doppelteFruchtbarkeit

»LassdichniemalsvondeinerFurchtleiten. VertraudemHerrn. Eristalles,wasdubrauchst. Vergissdasnie,meinSohn.«

1. MOSE 34 / 1. MOSE 37

1.Mose34/1.Mose37

DasGewand

DAS GEWAND

DerBrunnen

Im17.Jahrhundertv.Chr.,inderweitenDothan-Ebene,imzentralenBerglandKanaans

»Holtmichhierraus!Ruben!Simeon!Juda!Bitte!«

MeineverzweifelteStimmehalltevondengrobenSteinen desausgetrocknetenBrunnenschachteswider,aufdessenhartem Grundichhilflosundverkrümmtlag.Allestatmirweh.Mein ganzerKörperzitterte,währendichzubegreifenversuchte,was dageradepassiertwar.Ichwarnichtetwagestolpertundinden Brunnengefallen,nein:MeineBrüderhattenmichhineingeworfen!MeineeigenenBrüder!Wiekonntensienursoetwas Schrecklichestun?

Ichspürte,wiemirwarmesBlutüberdieSchläferann.Ich hattemirbeimAufpralldenKopfangeschlagenundArmeund Knieaufgeschürft.EinWunder,dassichmirbeidemSturzkein Beingebrochenhatte,dennderBrunnenwarziemlichtief.Ich blicktenachobenzuderkleinenÖffnungderbauchigenZisterne,woicheinStückdesblauenHimmelssehenkonnte.Tränen derOhnmachtliefenmirübersGesicht.Ichwusste:Hierkam ichalleinnichtmehrraus.UmHilfezurufenwürdeauchnichts bringen.DerBrunnenbefandsichirgendwoweitdraußen,irgendwoinderweitenSteppe,aufderichmeineBrüderangetroffenhatte,weitabvondernächstenStadtoderSiedlung.Hier würdeniemandmeinRufenhören.Niemand!NurmeineBrüder – unddiewürdenkeinErbarmenhaben.Ichhatteesin ihrenAugengelesen,alssiemichgepackthatten.Oh,wasfür einHass,wasfüreinabgrundtieferHasshatteinihrenAugen geglüht,alssiemirmeinGewandentrissenundmichzumBrunnengezerrthatten!Hasstensiemichwirklichsosehr?Aberwarum?Warum?!Washatteichihnengetan?Ichkonntedoch nichtsdafür,dassVatermichsosehrliebte!Ichkonntedoch nichtsdafür,dassermirdieseswunderschöneGewandgeschenkthatte.

»Sehtalleher!Ichmöchte,dassalleeshören!Diesistmein geliebterSohn,andemichmichvonHerzenfreue!«

DaswarenVatersWortegewesen,alsermirdaskostbareGewandvordreiMonatenzumeinemsiebzehntenGeburtstaggeschenktundesmirvorderversammeltenSippefeierlichüberreichthatte.IchhörtenochimmerseinekräftigeStimmeüber dasLagerfeuerhallen.IchfühltenochimmerseinewarmeHand aufmeinerSchulter.IchspürtenochimmerdiesesunbeschreiblicheGlücksgefühlinmir,dieseskompletteDurchdrungensein vonVatersLiebe,diesesGefühl,alskönntemirnichtsundniemandindieserWeltjeetwasanhaben,solangeichnurbeimeinemVaterundmeinVaterbeimirwar.

OVater, dachteich,undallesinmirkrampftesichzusammen, alsichanihndachte.Obichihnjemalswiedersehenwürde?Und Benjamin?MeinenkleinenBruder?Obichjewiedermitihmum dieWettelaufenundmitihmlachenundherumalbernkonnte? IchsahseinGesichtvormir,diekleinenGrübcheninseinen Wangen,wennerlachte.IchhörteseinLachen,diesesunbeschwerte,fröhlicheKinderlachen,undeszerrissmirdasHerz. »Vater«,flüsterteichundeinKloßbildetesichinmeinem Hals.»Benjamin … Mutter …«

Ach,Mutter!BeimGedankenanmeineMutterschnürtees mirvollendsdieKehlezu.Ichvermisstesiesosehr!Siewarvor achtJahrenbeiBenjaminsGeburtgestorben.Dochmiteinem Malvermissteichsiesosehr,dassesmichinderBrustschmerzte.Oh,wiesehrwünschteichmir,siewärenochamLeben.Wie sehrwünschteichmir,siewäregeradejetztbeimirundwürde michtrösten,wienureineMuttereinentröstenkann.Oh,wie sehrwünschteichmir,siewürdehiernebenmirsitzen,mirmit ihrenFingerndurchmeinzerzausteslockiges,dunkelbraunes Haarfahrenundmirzuflüstern,eswürdeallesgutwerden.Ich schlossdieAugenundstelltemirvor,ihreliebevolleStimmezu hörenunddieWärmeundZärtlichkeitihrerUmarmungzuspüren.

»Esgehtallesgutaus,Josef.MachdirkeineSorgen,eswird allesgut,meinJunge.«

OMutter, dachteich,unddieTränenliefenmirinStrömen überdieWangen,alsihreErinnerungallmählichverblassteund dienackteRealitätmichwiedereinholte:Ichwarallein.Mutterseelenallein.Mutterwartot.Vaterwarnichthier,undvermutlich würdeernieerfahren,wasausmirgewordenwar.Nichtswürde gutwerden,garnichts!IchwargefangenineinemBrunnenschacht,ausdemichnichtmehrlebendherauskam.Ichwürde hieruntensterben!Ichspürteestiefinmir:DassmeineBrüder michindenBrunnengeworfenhatten,warkeineihrerüblichen Lektionen,diesiemirimmererteilten,wennichVaterwieder einmalerzählte,wieschlechtundlieblossiemitdenSchafen undZiegenumgingen,diewirgemeinsamhüteten.Nein,diesmal wolltensiemeinenTod.EsdrehtemirdenMagenum:Siewollten,dassichhieruntenelendiglichkrepierte,ich,ihrleiblicher Bruder,ihreigenesFleischundBlut!Sosehrhasstensiemich, weilVatermichmehrliebtealssie.SogroßwarihreEifersucht aufmich,weilVatermichzuseinemHaupterbenernannthatte. Oh,ichhättemirdenkenkönnen,dassalldaseinNachspiel habenwürde.Ichhättemirdenkenkönnen,dassmeineBrüder esnichtaufsichsitzenlassenwürden,dassVatermichübersie alleerhobenhatte.KeinWunder,dasssiedasFestwütendverlassenhatten,alsVatermeineVorrangstellungdurchdasGewandoffiziellgemachthatte.Jederhattegewusst,wasdiesesedle Gewandbedeutete,nochbevorVateresaussprach.Jederhattees gewusst.DiesesGewandwareinesKönigswürdig.DasGewand sprachfürsichselbst,unddieReaktionmeinerBrüdersprach ebenfallsfürsich.

UnddannhatteichihnenauchnochvonmeinenTräumen erzählt.Warumhatteichdasbloßgetan?Wiekonnteichnurso naivsein?DenerstenTraumhatteichnurwenigeTagenach meinemGeburtstagsfest.MeineBrüderundichhattendieViehherdenmeinesVatersaußerhalbvonHebrongehütet.Fröstelnd, inunserewarmenHirtenmäntelgehüllt,hattenwirumeinkleinesFeuergelegenundgeschlafen.UnddahatteichdenmerkwürdigstenTraum,denichjegeträumthatte.Ichträumte,dass ichmitmeinenBrüdernaufdemFeldwarundwirdasGetreide

zuGarbenzusammenbanden.PlötzlichrichtetesichmeineGarbeaufundbliebaufrechtstehen,unddieGarbenmeinerBrüder bildeteneinenKreisdarumherumundwarfensichvormeiner GarbeniederwievoreinemKönig.DaswarderTraumgewesen, solebendigundeindrücklich,dassichschweißgebadetaufgewachtwarundsofortallegeweckthatte.

»Leute,ihrglaubtnicht,wasichsoebengeträumthabe!«,war esausmirherausgesprudelt,unddannhatteichihnenaufgeregt undunbedachtvonmeinemTraumerzählt.Zuersthattekeiner einWortgesagt,bisSimeonmichwütendangeschrienhatte:»Du selbstherrlicher,arroganterAngeber!WillstduetwaKönigwerdenunddichalsHerrscherüberunsaufspielen?«

MitfinsterenMienenhattensiemichangesehen,unddaerst warmirklargeworden,dassichdenTraumwohlbesserfürmich behaltenhätte.AbereshattemirsoaufderZungegebrannt,ihn zuerzählen!

KurzdaraufhatteicheinenzweitenTraum,genausoseltsam wiedererste:InmeinemTraumsahich,wiedieSonne,der MondundelfSternesichtiefvormirverneigten,soalswäreich irgendeinmächtigerHerrscherundmeineFamiliewürdevormir niederknien.WarumumallesinderWeltträumteichsolche merkwürdigenDinge?Washattedaszubedeuten?Diesmalhatte ichdenTraumfürmichbehaltenwollen,umnichtnochmehrÖl insFeuerzugießen.AbermeineBrüderhattenmirwohlangesehen,dassichschonwiederetwasgeträumthatte,undbestürmten michdenganzenTagüber,ihnendenTraumzuverraten,obwohlsieihnjagarnichthörenwollten.Unddann,amAbend,als wirvonderWeidenachHausekamenundunsvorVatersZelt zumEssenniederließen,hatteJudamichpraktischdazugezwungen,denTraumzuerzählen.

EshatteineinereinzigenKatastrophegeendet.VaterundmeineBrüderwarensichübelstindieHaaregeraten,undschließlich hattenmeineBrüderdieRundewütendverlassenundwarenam nächstenTagmitdenHerdenRichtungNordengezogen.FinsternisundpureVerachtunghatteninihrenAugengeglüht,alssie michvorihremAufbrucheinletztesMalangesehenhatten.Sie

hattenmichangestarrt,alswolltensiemichamliebstenerwürgen.Dochichhattegedacht,siewürdensichwiederberuhigen. Niehätteichgedacht,dassihrHassaufmichsogroßwäre,dass siemirtatsächlichetwasantunwürden.NichtimTraumwäre ichaufdieIdeegekommen,dassmeinLebeninGefahrsein könnte,alsVatermichzweiMonatespäterlosgeschickthatte, umnachihnenzusehen.

Dochhierwarich,vonmeineneigenenBrüdernineinen Brunnengeworfen,umzusterben!Tränenüberströmthobich meinenKopf,blicktenachobenundschrieausLeibeskräften.

»Ruben!Simeon!Levi!Juda!Estutmirleid!Bitteholtmich hierraus!Bitte!!!«

Dochkeinerantwortete.Ichzitterteundweinte.Ichhatte furchtbareAngst.Ichwolltenichtsterben!Warumhattensie dasgetan?Daskonntensiedochnichtmitmirmachen!Ach, warumwarichbloßnichtdavongerannt,alsichnochgekonnt hatte!Warumhatteichnichtgemerkt,dassetwasnichtstimmte, alsichihnenfröhlichwinkendentgegenlief?Ichhattedochgesehen,wiesiedieKöpfezusammengestecktundmiteinandergetuscheltundimmerwiederinmeineRichtunggeschauthatten,als würdensieetwasimSchildeführen.IchkanntedochmeineBrüder!Warumwarichsonaivgewesenzuglauben,eswäreallesgut zwischenuns?Nichtswargut!Garnichtswargut!Oh,waswar ichdochfüreinNarrgewesen,ihnenmeineTräumezuerzählen! UndwaswarichdochfüreinNarrgewesen,aufderSuchenach meinenBrüdernausgerechnetdasschöneGewandzutragen,das Vatermirgeschenkthatte,obwohlichdochwusste,wiesehres sieprovozierte.Aberichhattemirnichtsdabeigedacht.Ichhatte mireinfachnichtsdabeigedacht.IchhatteinmeinerUnbedarftheitsogargeglaubt,siewürdensichfreuen,michzusehen.

Unddannwarespassiert.Kaumhatteichsieerreicht,waren siezuzehntübermichhergefallenwieeinblutrünstigesWolfsrudelundhattenmirmeinGewandentrissen.

»Dasbrauchstdunichtmehr,Angeber!«,hatteSimeongeschrienundmichangespuckt.Erhattemichtatsächlichangespuckt!

DannhattensiemichzumBrunnengezerrtundüberden Brunnenrandgehievt.DienacktePanikhattemicherfasst,als ichdieLeereuntermirgefühlthatteundmirklarwurde,was sievorhatten.IchschlugummichwieeinwildesTierund versuchte,michausihreneisernenGriffenzuwinden.Vergeblich.

»Nein!Bittenicht!Tutdasnicht!«

»Undwaswillstdudagegentun?ZuVaterrennenunduns verpetzen?«

»Bitte,Levi!Issachar!Bitte,hörtauf!«

»SovielzudeinenTräumen!«,spotteteJuda.»VielleichtfindestduindemLocheinpaarKäferundSkorpione,diesichvor dirverneigen!«

»Nein!Nein!Ruben!Ruben!Sotudochetwas!«

DochRubenhattenichtsunternommen,umdieBrüdervon diesemWahnsinnabzubringen.ErhattemitverschränktenArmendanebengestandenundgeschwiegen,währendmeineBrüdermichüberdenAbgrundrolltenundlosließen.KeinMitleid hatteinihrenBlickengelegen,alsichmiteinemlautenSchreiin dieTiefestürzte.

»Ruben!«,schrieichverzweifeltindemBrunnenschacht.»Ruben!Bittehilfmir!Simeon!Levi!Juda!Bittelasstmichhierraus! Bitte!«

Ichlauschte,umzuhören,obsichirgendjemanderbarmte unddemBrunnennäherte.Dochichhörtenichtsaußerdem hohlenKlangmeinereigenenStimme,dievondenSteinenzurückgeworfenwurde.MeinFlehenwarumsonst.Niemandkam, ummichzuretten.Niemand.

»Bitte,Brüder,bitte!«,winselteichmittränenerstickterStimme.»Bitte!«

Dochichwusste,dassesnichtsbrachte.IchhattedieVerachtunginihrenBlickengesehen.IchwarmeinenBrüdernaufGedeihundVerderbausgeliefert.Wahrscheinlichwürdensiemich

hieruntenliegenlassen,bismeineSchreieirgendwannverstummtenundicheineslangsamenundqualvollenTodesstarb. DaswarihrgrausigerPlan.

»IchwillnachHause.ZumeinemVater.Bittelasstmichgehen …«MeinWeinenwurdezueinemWispern.IchwurdeheiserundPanikschnürtemirdieKehlezu.DieStilleübermirwar erbarmungslos.Irgendwanngabichesauf,nachihnenzurufen. WahrscheinlichwarensieohnehinnichtmehrinderNähedes Brunnens,damitsiemeinWeinenundBettelnnichtlängerhörenmussten.Odersieignoriertenesganzeinfachundwarteten darauf,dassichvonselbstaufhörenwürde.Ichsankinmich zusammen,eineinzigesHäufchenElend,vondeneigenenBrüdernzumSterbenzurückgelassen.IchzogmeineBeineanmeinennacktenOberkörper,schlangmeineaufgeschürftenArme darumundwimmerteundschluchzte.Niezuvorhatteichmich soalleingefühlt.WürdemeinLebentatsächlichsoenden?War dasdasEndevonJosef,demSohnJakobs,demEnkelIsaaks,dem UrenkelAbrahams?Würdeichtatsächlichhieruntensterben? MitgerademalsiebzehnJahren?

WielangeichdortamGrunddesBrunnenssaß,wussteich nicht.JedeStundeerschienmirwieeineEwigkeit.Allmählich färbtesichdaskleineStückchenHimmelübermirvonAzurblau zuViolett.DerTagneigtesichdemEndezuundnochimmer warichhieruntengefangen.

IchhatteDurstundmeinMagenknurrteunaufhörlich.Ich hatteseitSonnenaufgangnichtsmehrgegessenundnureinpaar SchluckeWassergetrunken.Ichwarfrühaufgestandeninder Hoffnung,meineBrüdernochvordemAbendzufinden.Tags zuvorhatteichinSichemsämtlicheWeidennachihnenundden Tierenabgesucht,bisicheinemMannbegegnetwar,dergehört hatte,meineBrüderwärennachDothanweitergezogen.Wares wirklicherstvierTageher,dassVatermichlosgeschickthatte, umnachmeinenBrüdernzusehen?Eskammirviellängervor. VaterhattesichSorgenumsiegemacht.IhrüberstürzterAufbruchmitdenHerdenhatteeinenbitterenNachgeschmackbei unsallenhinterlassen.SiewürdenmitdenHerdennachSichem

ziehen,dortgäbeesdiebesserenWeiden,sohattensiegesagt. Aberichwusstegenau,dassdasgelogenwar.Siewollteneinfach soschnellundsoweitwiemöglichvonunsfort,umnichtlänger daranerinnertzuwerden,dassVatermichzuseinemNachfolger bestimmthatte.Vaterhattegedacht,ichkönntesieversöhnlich stimmenunddazubewegen,nachHausezurückzukehren.Nun, erhattesichgetäuscht.DieMonatederTrennunghattendie KluftzwischenunsnurnochtiefergegrabenunddenHassauf michinpureBosheitverwandelt.DafürwürdeichjetztmitmeinemLebenbezahlen.

»Ichwillnichtsterben«,flüsterteichwieinTrance,während ichmeineangewinkeltenBeineumklammerteundmichvorundzurückwiegte.»Ichwillnichtsterben,bitte,ichwillnicht sterben.Bittehilfmir,Herr!Hilfmir!«

EswareinverzweifeltesGebet,undesvermochtemeinaufgewühltesHerznichtannäherndzuberuhigen.ZugroßwarmeineAngstvordem,wasmirbevorstand.Ichfühltemicherbärmlichkleinundnichtig,undgenausoschwachwarauchmein Gebet.Ichglaubtekaumselbstdaran,dassGottmirhelfenwürde – oderkönnte.MeinGlaubeanihnwarnichteinmalannäherndsostarkwiedermeinesVaters,derGotteinfachalles zutraute,oderwiedermeinesGroßvaters,dessenunerschütterlichesGottvertrauenichimmerbewunderthatte.Vonmeinem Urgroßvaterganzzuschweigen,dessenBeziehungzuGottso intensivgewesenwar,wieeseigentlichnurzwischenbesten Freundenmöglichist.FreundGotteshattemanihngenannt. FreundGottes.IchhattekeineAhnung,wiesoetwasüberhaupt möglichwar.ImVergleichdazuwarmeinGlaubeeherso krummunddünnwieeinDocht,dernichteinmalstarkgenug glomm,umauchnureinFlämmchenvonZuversichtinmiraufflackernzulassen.Aberanwenhätteichmichsonstwenden solleninmeinerNot?

Früherwaresandersgewesen.AlskleinerJungehatteicheinensofesten,sokindlichenundsoreinenGlaubengehabt,dass ichmichheuteselbstdarumbeneidete.EinmalhatteichGott sogargespürt,wirklichgespürt,vonKopfbisFuß!Ichwarsechs

Jahrealtgewesen.WirwarengeradeerstausMesopotamien nachKanaangekommen,nachdemmeinVaterzwanzigJahre languntermeinemGroßonkelLabangeschuftethattewieein SklaveundnunalsfreierMann,zusammenmituns,seinerFamilie,ausderFremdeinseineHeimatzurückgekehrtwar.Kurz nachunsererAnkunftinSichemhattemeinVaterGottseinen erstenAltargebaut,umdemHöchstenseinLebenunddasseiner ganzenFamiliezuweihen.NachalldenJahrensahichdieSzene nochimmervormir,wieVaterplötzlichaufdenAltargestiegen war,dieArmeausgebreitetundbegonnenhattezusingen.Zu singen!EtwasEindrücklicheresundFeierlichereshatteichnie zuvorundseitherniewiedererlebt.EswardasersteMalinmeinemjungenLebengewesen,dassichdieheiligeGegenwartGottesgespürthatte,mitallmeinenSinnen.Eshattesichangefühlt wieeinFeuer,dasdurchmeinenKörperschossundmichmitten inmeinHerztraf.IchspürteGottesGegenwart,ichspürtesieso stark,dassichmeinte,ichmüsstedarinverglühen.Eswar … überirdischgewesen,jakauminWortezufassen.

EswarinjenemMomentgewesen,imgoldenenLichtderaufgehendenMorgensonne,dieAugenaufmeinenVateraufdem Altargerichtet,alsichinmeinemkindlichenHerzendieEntscheidunggetroffenhatte,diesemGottmeinLebenzugeben undihmzudienen,sowiemeinVaterestat.Kaumetwasanderes hattemeinenGlaubensosehrgeprägtwiedieseseineErlebnis, alsichsechsJahrealtgewesenwar.Unddennoch,alsichälter wurde,verblasstedieErinnerungdaranimmermehr,undaus meinemkindlichen,einfachenGlaubenvondamalswareher einFesthaltenandenüberliefertenTraditionenunsererSippe geworden.IchsahGottdurchdieAugenmeinesVaters,nicht durchmeineeigenen,undahmteeinfachnach,wasVateruns lehrteundvorlebte.IchglaubeanGott,vonganzemHerzen,aber meinGlaubehatteirgendwieseineKraftverloren.Manchmal sehnteichmichdanachzurück,wiederjenerkleinesechsjährige Jungezusein,undwünschtemir,Gottwürdemirerneutsoeindrücklichbegegnenwiedamals.Dochdaswarleiderniewieder geschehen.

EinSeufzenvollerSehnsuchtentfuhrmeinenLippenunderneutkamenmirdieTränen.Wowarernurhin,meinGlaube vonfrüher?WarumkonnteichGottnichtmehrsospürenwie damals?Warumfühlteichnicht,dasserbeimirwar,sowieiches damalsgespürthatte?Wowarerhin?Warumhalfermirnicht? Warumgriff ernichtein?Warumließerdasalleszu?Warum?! »Wobistdu,Herr?Wobistdu?«,wimmerteich,währendich immerstärkervor-undzurückwippteundeinbeklemmendes GefühlvonOhnmachtmirbeinahedenAtemnahm.»Bittelass michnichtallein!Bittehilfmir!Sohilfmirdoch!Bitte!« InmeinemganzenLebenhatteichmichnochniesoverlassen gefühlt.Esfühltesichan,alsobzweigewaltigeMühlsteinemich undmeingesamtesbisherigesLebenlangsamundqualvollzwischensichzermalmten.UndniemandkammirzuHilfe,um michzuretten.Niemand.NichteinmalGott.

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