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Magdalena Paulus
Das Erbe der 68er Mein langer Weg zur Freiheit
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Inhalt Kapitel 1 Aufbruch in eine neue Zeit – die 68er und ich . . . . . . . . . . . Die Kölner Demo 1966 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Chancengleichheit: Bildung und Wohlstand für alle!. . . . . Die Ständegesellschaft lässt grüßen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Aufbruch in die Freiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Kalte Krieg und die Bundesrepublik im Jahr 1968 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Notstandsgesetze und die APO . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Radikale Gesellschaftskritik und Rudi Dutschke . . . . . . . . Gewalt und Gegengewalt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wurzeln des Jugendprotestes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 2 Die Aufklärung: Abschied von der Fremdbestimmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ständeordnung: Gott gibt jedem seinen Platz in der Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Reformation: Die Idee von der Verantwortlichkeit des Fürsten .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Ende des Untertanen: Die Rechte des Bürgers. . . . . . Der Absolutismus: Machtmissbrauch und der Ruf nach Mitbestimmung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Fürst als »erster Diener des Staates«: Der aufgeklärte Absolutismus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von John Locke nach Amerika: »We, the people« . . . . . . . . Die Aufklärung: Der Kampf für die Freiheit . . . . . . . . . . . . . Von der Aufklärung zu den 68ern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
9 9 11 12 15 21 23 26 29 31
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Kapitel 3 Die Frauen und die Freiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine Frau darf nicht lehren oder leiten . . . . . . . . . . . . . . . . . Frauenrolle: Haushalt, Kinder, Ehemann . . . . . . . . . . . . . . . Die Frau ist minderwertig! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19. Jahrhundert: Der Kampf um Gleichberechtigung beginnt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Frau im Ehe- und Familienrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Sieg des Grundgesetzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 4 Europa ohne Gott: Der Glaube an die Wissenschaft. . . . . . Religion? Nein danke! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Fortschritt ersetzt Gott . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Entthronung Gottes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von Darwin zu Hitler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das europäische Haus ist zerbrochen . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 5 Toleranz oder Gleichgültigkeit? Das Ende der Wahrheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Sinn von Religion: Anstand und Ordnung? . . . . . . . . . . Wahrheit und Nützlichkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Dreißigjährige Krieg: Im Namen Gottes! . . . . . . . . . . . . Toleranz: Im Namen der Vernunft! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Ringparabel: Schlüsseltext der Toleranzidee . . . . . . . . Die Irrtümer der Ringparabel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Christentum ist keine Morallehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine neue Religion: Der intolerante Humanismus . . . . . . . Die Wahrheit unter Fanatismusverdacht. . . . . . . . . . . . . . . . Wenn alles gleich gültig ist, ist alles gleichgültig . . . . . . . .
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Kapitel 6 Im Supermarkt der Religionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . »Wir glauben doch alle dasselbe!«?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Spiritualität ist cool: Harmonie mit dem Universum und dem Selbst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Esoterik-Boom: Geschäft, Gesundheit, Lebenshilfe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Esoterik: »Heilender« Glaube, wissenschaftlicher Humbug. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Postmoderne: Abschied vom Rationalismus . . . . . . . . . . . . Gott als Supermarkt-Artikel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Mensch als Gott: Die Religion der »Ich-Pflege«. . . . . . Es geht um Wellness, nicht um die Welt . . . . . . . . . . . . . . . . Die Kirchen: Verpasste Chancen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 7 Auf der Suche nach dem Glück und der Stress der Selbstverwirklichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fremde Welt Gymnasium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die multioptionale Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Moderne Erfolgsgeschichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von Performern, Expeditiven und Hedonisten . . . . . . . . . . . Gewinner der Postmoderne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . »Du sollst schauen! Ich bin einmalig!«: Das Leben als Castingshow . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Schattenseiten der multioptionalen Gesellschaft . . . . Kapitel 8 Das grenzenlose Ich: Die Freiheit in Gefahr . . . . . . . . . . . . . Wo ist mein Platz in der Welt? Selbst-Test USA . . . . . . . . . Wer bin ich? Die Frage nach der Identität . . . . . . . . . . . . . . . Die bedrohte Freiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Der missbrauchte Mensch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204 Die Zukunft der Freiheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
Kapitel 9 Kirche im Milieugetto. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Christentum und Kultur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kampfplatz Universität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Postmoderne: Die Christen in der Minderheit . . . . . . . . . . . Die »normale« bürgerliche Mitte und die Postmoderne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gemeinden: Zeitinseln der Vormoderne . . . . . . . . . . . . . . . . Ist das biblische Christsein vormodern? . . . . . . . . . . . . . . . . Christen als Verhinderer und Blockierer. . . . . . . . . . . . . . . . Die Gemeinde Jesu: Gefangen im Milieugetto. . . . . . . . . . . Schwimmen oder untergehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 10 Kirche als Avantgarde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche. . . . . . . . . . Die Kontextualisierung des Evangeliums . . . . . . . . . . . . . . . In der Welt – und zum Dienst berufen an der Welt . . . . . . . Die Gemeinde als Avantgarde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 11 Die verlorenen Söhne. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der christliche Glaube und die Freiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . Der jüngere Sohn: Rebellion und grenzenlose Freiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der ältere Sohn: Die bürgerlich Anständigen. . . . . . . . . . . . Der dritte Bruder: Jesus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Bewahrung der Freiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Anmerkungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293
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KAPITEL 1
Aufbruch in eine neue Zeit – die 68er und ich Die Kölner Demo 1966 Es war im Oktober 1966. In Köln fand die erste Großdemonstration statt – und ich war dabei! Die Straßen waren schwarz vor jungen Menschen. Tausende Schüler und Studenten zogen durch die Innenstadt und riefen spöttisch: »Wir sind eine kleine, radikale Minderheit.« Das war die Verharmlosung, mit der ein Regierungspolitiker die anwachsende Unruhe der Jugend verniedlicht hatte. Ganz Köln war blockiert. Der Verkehr brach zusammen, Busse und Straßenbahnen waren lahmgelegt, denn auf den Schienen kam es zu den ersten Sitzstreiks. Vordergründig ging es um den öffentlichen Nahverkehr, um Busse und Straßenbahnen: Es war der große Streik gegen die Fahrpreiserhöhung der Kölner Verkehrsbetriebe. Die Studenten hatten sich mit den Schülern der Gymnasien vereint, und die geballte 9
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Frauenpower des städtischen Mädchengymnasiums Genovevastraße war mit dabei. Wir protestierten! Am Abend gab es Straßenkämpfe zwischen der Polizei und den Studenten. Ich wollte bleiben, doch meine Freundin zerrte mich in eine überfüllte Straßenbahn und nach Hause. »Leider«, dachte ich damals. Denn endlich tat sich was! Ich wollte mich doch einsetzen im Kampf für eine bessere Welt und Chancengleichheit für alle. Und natürlich sollte sich auch politisch und sozial einiges ändern – das hoffte ich! Ich hatte meine eigenen, ganz persönlichen Gründe für den Protest. Deutschland war damals ein ganz anderes Land. Die GesellIch fühlte eine unbändige Wut gegen eine Gesellschaft der Bevormundung und Ausgrenzung.
schaft war in mindestens zwei Schichten geteilt, jedenfalls aus der Sicht meiner Familie und der Leute in unserer Straße, einer Reihenhaussiedlung am Rand von Köln: Es gab die Klasse der Studierten, der Akademiker, die die
leitenden Stellen in der öffentlichen Verwaltung und in Wirtschaft und Politik besetzten. Wer Abitur und ein Studium hatte, war vorgesehen für eine Führungsposition. Wer das nicht hatte, konnte kaum aufsteigen. Und dann gab es Leute wie uns, Arbeiter und kleine Angestellte. Anfang der 60er-Jahre wohnten in unseren Reihenhäusern keine Akademiker. Niemand war auf dem Gymnasium gewesen, keiner hatte Abitur, niemand hatte ein Auto und alle hatten viele Kinder. Ohne es deutlich benennen zu können, fühlte ich eine unbändige Wut gegen eine Gesellschaft der Bevormundung und Ausgrenzung. Angeblich lebten wir ja in einer neuen Zeit, in der die Begabung und nicht die Herkunft über den Zugang zu Bildung entscheiden sollte. Doch als Familie waren wir zunächst auf die alten Strukturen geprallt.
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Chancengleichheit: Bildung und Wohlstand für alle! In meiner Familie war ich das einzige Mädchen unter drei Brüdern, die Dritte von vieren. Für meine Eltern und uns bedeutete Freiheit Chancengleichheit: die Möglichkeit des Aufstiegs in eine höhere soziale Schicht. Die Voraussetzung dafür war ein Zugang zur Bildung, wie er lange nur Kindern von Akademikern oder Bessergestellten vorbehalten gewesen war. Mein Vater war Handwerker, gelernter Schneider, und wie meine Mutter hatte er »nur« einen Volksschulabschluss. Zu mehr hatten ihre Kreise damals keinen Zugang gehabt. Dabei konnten sich beide in Sprache und Schrift hervorragend – und fehlerlos – ausdrücken, anders als viele Menschen heute in den Zeiten der SMS. Beide waren sehr belesen und gaben ihre Lesekultur an uns Kinder weiter. Sie verschlangen alle Neuerscheinungen der »Büchergilde Gutenberg«. Das Haus war immer voller Bücher, und für Bücher war immer Geld und Zeit da. Täglich wurde der »Kölner Stadtanzeiger« von vorne bis hinten durchgelesen – und ich las ihn auch. Wie viele Nachkriegseltern wollten sie, dass ihre Kinder vorankamen – und Bildung war für sie der Schlüssel zum gesellschaftlichen Aufstieg. Obwohl Geld bei uns immer knapp war, ging es ihnen nicht ums Geld. Vielmehr sollten wir die Bildung bekommen, zu der sie nie eine Chance gehabt hatten. »Wer eine gute Ausbildung hat, findet immer Arbeit«, hieß es. Wir sollten die Möglichkeit haben, das zu verwirklichen, was in uns angelegt war – unser Potenzial zu entfalten. Wir sollten die gleichen Möglichkeiten haben wie die Kinder der Gebildeten. Und auch ich als Mädchen unter drei Brüdern sollte gleiche Chancen haben. Da in unserer Gesellschaft die Gleichberechtigung der Frau noch nicht voll durchgesetzt sei, bräuchten Mädchen in der Ausbildung deshalb einen Startvorteil, meinten meine Eltern. 11
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Die Ständegesellschaft lässt grüßen Folglich planten meine Eltern, dass mein ältester Bruder aufs Gymnasium gehen sollte. In den 50er-Jahren kam es dabei auf die Empfehlung des Klassenlehrers an. Doch der Rektor der katholischen Volksschule verweigerte ihnen diesen Weg mit einer fadenscheinigen Begründung: Es sei doch auch wichtig, dass es gute Handwerker gebe, nicht wahr? Hinzu kam die perfide Frage, ob sie meinem Bruder Nachhilfeunterricht geben könnten, wenn er in Mathematik oder Fremdsprachen nicht mitkäme. Natürlich nicht. Und so kam es, dass sie sich nicht wehrten, sondern sich fügten. Aber meine Eltern waren empört und fanden das ungerecht: Sollte der Zugang zum Gymnasium vom Bildungsstand der Eltern abhängig sein oder davon, ob sie sich Nachhilfeunterricht leisten könnten? Heute würde man vor dem Verwaltungsgericht klagen. Doch ein solcher Schritt war für sie undenkbar, schon wegen des finanziellen Risikos. Ich war noch viel zu jung, um diesen Konflikt aus erster Hand mitzuerleben. Aber meine Mutter kränkte er nachhaltig. Aus ihren Erzählungen darüber erfuhr ich später, wie sehr sie es als Demütigung empfanden, dass man uns, nur weil wir nicht aus den richtigen Kreisen kamen, die gleichen Chancen verweigerte – ebenjener Bildungsaufstieg, der ihr Lebenswunsch für uns war. In einer Zeit angeblich ohne Klassenschranken hatte der Volksschulrektor selbstherrlich über unseren Kopf hinweg entschieden, dass die Welt Handwerker, natürlich ohne Abitur, bräuchte, und unserer Familie den gesellschaftlichen Aufstieg verweigert. Statt der Freiheit und dem Fall der Klassenschranken erlebten wir die Fremdbestimmung durch den Schulleiter. Die alte Ständegesellschaft ließ grüßen: Er nahm sich heraus, für uns zu entscheiden, dass unsere Familie, jedenfalls mein Bruder, in dem Stand zu bleiben hätten, in den wir 12
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hineingeboren waren. Dabei hatten die Verfassungsväter und -mütter 1948 ins Grundgesetz geschrieben: »Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.«1 Folglich propagierten auch die öffentlichen Verlautbarungen von Politik und Werbung gleiches Recht für alle. Uns wurde also etwas verweigert, auf das wir ein Recht hatten. »Wir sind denen nicht gut genug«, diese Zurückweisung wurde zu einer empfindlichen Stelle und schmerzenden Wunde, die nie wirklich verheilte. Dies war kein Einzelfall. Nach einem Vortrag über dieses Thema erzählte mir eine Kölnerin, dass ihr in den 60er-Jahren die Oberstudiendirektorin eines Kölner Gymnasiums ins Gesicht gesagt habe: »Ein Arbeiterkind gehört nicht aufs Gymnasium.« Diese Ausgrenzung wiederholte sich für mich auf einem anderen Schauplatz. Ich war vielleicht fünfzehn Jahre alt und ging schon aufs Gymnasium, als ich mich in unserem Vorort auf den Weg zum Arzt machte. Ich hatte eine schwere Erkältung. Mir ging es nicht gut. Damals gab es keine Computer und keine Krankenversicherungskarten in Kreditkartenformat. Wenn man als abhängiges Familienmitglied krank wurde, dauerte es fast zwei Tage, bis man den Arzt aufsuchen konnte. Krankenscheine wurden nicht auf Vorrat, sondern nur bei aktueller Erkrankung ausgehändigt. Man musste den Vater bitten, bei der Personalabteilung einen Krankenschein abzuholen. Erst am übernächsten Tag betrat ich also eine neue Arztpraxis in unserem Vorort. Während ich vor der Empfangstheke wartete, studierte ich nichts Gutes ahnend das Schild, das an der Wand dahinter hing: »Bewohner des ›Springborn‹ werden nicht behandelt.« Oh je, »Am Springborn«, das war meine Straße! Und ich kombinierte sofort, wen das Schild meinte: Unsere Straße zog sich von unseren Reihenhäusern an Kleingärten vorbei unter der Autobahn durch. 13