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Jan Kern

Ein Buch aus der Serie „LIVE FREE“

Eine Reise aus der Selbstverletzung

Wunden die verletzen Wunden die heilen


Wunden, die verletzen – Wunden, die heilen Eine Reise aus der Selbstverletzung

Jan Kern


Ajoke Harewood

Jan Kern

Gilgal Publishing Eine Reise aus der Selbstverletzung

Wunden, die verletzen Wunden, die heilen


Wunden, die verletzen – Wunden, die heilen Englischer Originaltitel: Scars that wound: Scars that heal Published by Standard Publishing, Cincinnati, Ohio Copyright © 2007 by Jan Kern www.standardpub.com ISBN 978-0-7847-2104-9

Deutsche Ausgabe: © 2009 Gilgal Publishing, Ajoke Harewood CH-5728 Gontenschwil/AG www.gilgalpublishing.ch ISBN : 978-3-9523094-9-0

Die Bibelzitate wurden der Schlachter Übersetzung entnommen – Version 2000. © Genfer Bibelgesellschaft, CH-1211 Genf 3

Übersetzung: Ajoke Harewood Korrektur: Rosi Heidler Satz: Nicole Wiederkehr

Printed in Germany


Jeder Teenager, der sich selbst verletzt, sollte dieses Buch lesen. Wunden, die verletzen – Wunden, die heilen, ist ein Kompass, der im Sturm die Richtung weist. Und wer Teenagern beisteht, die sich selbst Verletzungen zufügen, dem wird dieses Buch Antworten auf seine wichtigsten Fragen geben: Wieso tun sie das? Was kann ich tun, um ihnen zu helfen? – Christian Hill, MA: Alpine Connection Counseling Colorado Springs

Wunden, die verletzen – Wunden, die heilen ist eine packende Geschichte, die nützliche Ratschläge gibt, wie man vom unheilvollen Zwang zur Selbstverletzung freikommen kann. Jeder, der in dieses Spinnennetz verstrickt ist, sollte dieses Buch lesen. Es könnte sein Leben positiv verändern! – Megan Hutchinson, Autor des Acht-Schritte Programms «Life Hurts, GOD HEALS» (Das Leben tut weh, GOTT HEILT); Student Ministries, Saddleback Church

Ritzen – in der heutigen Zeit ist dies leider eine schreckliche Realität, die auf viel zu viele junge Erwachsene, Teenager und Kinder zutrifft. Solche Schnittwunden sind Schreie nach Befreiung; sie sind äußerliche Zeichen eines tiefen Verlangens nach Ganzheit und Heilung. Jan nimmt die Leser mit auf eine zweifellos schwierige Reise, die jedoch notwendig ist, wenn man das Ritzen verstehen will, und sie zeigt auch konkret auf, welche Schritte man gehen muss auf dieser trotz allem lohnenswerten Reise, die das Schreien der verletzten Seele beantwortet. – Dr. Walt Mueller, President, The Center for Parents / Youth Understanding, Elizabethtown, Pennsylvania

Jan hat ein überaus sensibles Thema aufgegriffen, das viel häufiger auftritt als dies den meisten Erwachsenen bewusst ist. Selbstverletzung wird von einer Vielzahl massiver Schmerzen ausgelöst. Diese wahre Lebensgeschichte einer verletzten jungen Frau lässt den Leser nicht mit einem Gefühl der Ohnmacht allein – im Gegenteil: Diese Geschichte macht Hoffnung und zeigt konkrete Möglichkeiten der Hilfe auf. Sie zeigt zum einen die versteckten


Verletzungen vieler heutiger Teenager in erschreckenden, bisweilen sogar schaurigen Bildern und Geschichten, die niemanden unberührt lassen werden, zum Nachdenken bringen und manchmal sogar zu Tränen rühren. Andererseits zeigt das Buch aber auch Strategien zum Umgang mit verletzten Teenagern auf. Ich empfehle dieses Buch Studenten, Eltern und Jugendleitern gleichermaßen. – Dr. Les Christie, Chairman, Youth Ministry, William Jessup University; Youth Specialties Core Team

Ich habe soeben das ganze Buch durchgelesen und muss sagen: «Es ist unglaublich!». Ich denke, dass jeder ein wenig von sich selbst in Jackie erkennen wird. Vielleicht hat man sich nicht gerade durch Ritzen und Verbrennungen verletzt – es gibt nämlich unzählige andere Arten von Verletzungen, die von den meisten Menschen oft gar nicht bewusst wahrgenommen werden… Allzu oft fühlen Jugendliche die Liebe eines Elternteils nicht so, wie sie es benötigen würden. Vielleicht sind sie in Drogen verwickelt oder benutzen ihren Körper als Spielzeug, statt ihn als Tempel zu sehen. Wunden, die verletzen – Wunden, die heilen führt sie in Bereiche, von denen in anderen Büchern nichts geschrieben steht. Für mich war dieses Buch so bedeutungsvoll, weil es meinen Schmerz, mich selbst zu verletzen, widerspiegelte und zugleich in Worte fasste, in denen ich mich nicht ausdrücken konnte. Als Jackie sich mit ihrem Vater stritt, konnte ich nicht anders als darüber nachzudenken, was diese massiven Kämpfe auch für mich, ebenso wie für viele andere Jugendliche, tagtäglich bedeuten. Genau wie Jackie sah ich keinen anderen Weg, meinen Schmerz anderen mitzuteilen, als mich selbst zu ritzen. Ich dachte, ich sei eine Versagerin und verdiene Schmerz, weil ich ein schreckliches Etwas sei und mehr Gnade benötige, als Jesus mir geben könne, auch wenn Er für mich am Kreuz gestorben war. Mir wurde einmal gesagt: «Es gibt nichts, was du tun könntest, um Gott dazu zu bringen, dich weniger zu lieben.» Diese Aussage kommt in diesem Buch auf verschiedene Weise zum Ausdruck, damit möglichst viele Menschen dies auch wirklich verstehen. – Jessica, eine ehemalige Ritzerin

Wunden, die verletzen – Wunden, die heilen eröffnet neue Dimensionen, die helfen, die Gedanken und das Herz der Menschen zu verstehen, die sich selbst verletzen.


Mit der Hoffnung auf Heilung, wo es nichts mehr zu hoffen gab, hat sich Jan Kern mitten in die Welt dieser verzweifelten Kinder hinein begeben. Jeder Abschnitt zieht uns als Leser immer tiefer in die Abgründe aus Schmerz und Verlust, in denen die Menschen, die sich selbst verletzen, leben. Doch dann, wenn der tiefste Punkt erreicht ist, führt uns Jan zu Jesus – denn Er war bereits dort. – Mike Petrillo, marriage and family therapist: executive director, Christian Encounter Ministries

Ich habe in ambulanten Diensten, Gefängnissen und Strafanstalten mit jungen Männern und jungen Frauen zusammengearbeitet, die sich, sei es durch Ritzen, Knochenbrechen, Haare Ausreißen oder Drogenmissbrauch, selbst geschadet hatten oder aber unter Essstörungen litten. Gerade diese verletzten Menschen möchte Jan mit sanfter Behutsamkeit, Liebe und Ehrlichkeit erreichen … Wunden, die verletzen – Wunden, die heilen wird dazu beitragen, die Ketten deiner Gefangenschaft zu brechen und dich in die Gegenwart Gottes zu erheben, wo du Heilung, überfließende Freude und Frieden empfängst. Wenn du jemanden kennst, der sich selbst verletzt, wird dir Jan helfen, ihn oder sie zu verstehen und dich mit Leidenschaft und Glauben nach dem heilenden Gott auszustrecken. – Yvonne Ortega, LPC, LSATP, CCDVC; Author, Hope for the Journey Through Cancer: Inspiration for Each Day


INHALTSVERZEICHNIS

Danksagung .............................................................................................. 10 Vorwort ...................................................................................................... 11 Ein Anfang ................................................................................................. 14 EINS .......................................................................................................... 17 ZWEI .......................................................................................................... 31 DREI .......................................................................................................... 43 VIER .......................................................................................................... 57 FÜNF ......................................................................................................... 67 SECHS ....................................................................................................... 77 SIEBEN ..................................................................................................... 89 ACHT ......................................................................................................... 99 NEUN ....................................................................................................... 111 ZEHN ....................................................................................................... 121 ELF .......................................................................................................... 133 ZWÖLF ..................................................................................................... 143 DREIZEHN ............................................................................................... 155 VIERZEHN ............................................................................................... 167 Ein Brief von Jackie .................................................................................. 177 Ein Brief von Jan ...................................................................................... 179 Über die Autorin ...................................................................................... 180

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Danksagung In vielerlei Hinsicht begann dieses Buch nicht mit mir. Jede Erzählung entfaltete sich lange, bevor ich darauf aufmerksam wurde. Die Erzählung von Jackie war die erste, die ich erfahren durfte. In Gottes Plan entstand daraus ein Buch. Irgendwann fand ich heraus, dass ich das Abenteuer, dieses Buch zu verfassen, in Angriff nehmen sollte. Jackie: Du wolltest deine Geschichte und deine Tränen mit mir teilen, damit auch andere das Wirken der Liebe Gottes erkennen können. Ich weiß, es war nicht leicht. Ich kann es kaum erwarten zu sehen, was daraus wird. Jackies Familie – Fred, Betty und Nikki: Die Aufrichtigkeit, mit der Ihr von Euch und Eurem Familienleben mit seinen Höhen und Tiefen erzählt, ist schon erstaunlich. Ihr seid wunderbare Vorbilder, an denen man sehen kann, wie Gott in real existierenden Menschen wirkt. Jackies Freunde und ihre geistlichen Eltern der ‚Christian Encounter Ministries’: Alle habt ihr «Ja!» zu Gott gesagt und dadurch Veränderung bewirkt. Alle, die ihr eure eigene Geschichte in diesem Buch zur Verfügung gestellt habt: Ihr lebt in Hingabe, und dies erfordert sehr viel Mut. Ihr seid wirklich bewundernswert! Tom, mein Ehemann: Wenn die Dinge, außer Kontrolle geraten, bist du da, um sie zu ordnen. Meine Kinder, Danny und Sarah: Eure Telefonanrufe und Gebete bedeuten mir außerordentlich viel. Wendy von ‚Books & Such’: Von Anfang an hast Du an dieses Projekt geglaubt. Du warst nicht nur eine fantastische Agentin, sondern auch eine richtige Freundin und große Stütze. Ich schulde dir großen Dank. Bob Irvin und die Angestellten von Standard Publishing: Danke, dass ihr die Vision dieses Buches erfasst habt und sie habt Wirklichkeit werden lassen. Ich habe für den richtigen Verlag gebetet – und habe nie daran gezweifelt, dass ich ihn gefunden habe. Viele andere haben sich diesem Abenteuer durch Gebet und Ermutigung angeschlossen. Danke, dass ihr mir dabei geholfen habt, meine Augen auf Jesus Christus zu richten. Er ist der Schöpfer und Vollender unseres Glaubens, und in mancher Hinsicht auch dieses Buches. Nicht ein Wort hätte ohne Ihn geschrieben werden können.

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WUNDEN, DIE VERLETZEN – WUNDEN, DIE HEILEN


VORWORT Wenn du dieses Buch liest, weil sich jemand, der sich um dich sorgt, darum gebeten hat, dann glaube mir: Du bist mit etwas Einzigartigem in Berührung gekommen! Gott spricht zu deinem Herzen. Nimm eine Erwartungshaltung ein, wenn du dieses Buch liest, und sei gespannt, was Er in deinem Leben bewirken kann. Wenn du dich selbst verletzt und den Eindruck hast, dass dich niemand versteht, dann sei dir gewiss: Du bist nicht der oder die einzige – du bist einer oder eine von zwei Millionen Amerikanern (und etlichen Europäern), die sich absichtlich Verletzungen zufügen. Es gibt sehr viele Menschen, die einen unbeschreiblich schlimmen Schmerz empfinden, der ihre Gedanken benebelt und sie in einen Zustand der Hilflosigkeit versetzt. Lass dich von diesem Buch auf die Reise zur Heilung und zum Sinn deines Lebens mitnehmen. Vielleicht liest du dieses Buch ja auch deshalb, weil du jemanden kennst, der sich selbst verletzt. Aus welchem Grund auch immer du dieses Buch liest, du wirst feststellen, dass Jan Kern durch die persönliche, wahre Geschichte von Jackie eine Botschaft der Hoffnung vermittelt. Jackie war gefangen in einem Netz von schmerzvollen Erinnerungen der Vergangenheit und überwältigenden Gefühlen der Hoffnungslosigkeit, als sie im Alter von 14 Jahren anfing, sich selbst zu verletzen. In ihrer tiefen Verzweiflung wünschte sie sich zwar sehnlichst, ihr nahe stehenden Menschen ihre Gefühle mitzuteilen, konnte sie aber einfach nicht in Worte fassen. Sie dachte, als einziger Ausweg, all die Gefühle, die sich tief in ihrem Inneren aufgestaut hatten, zum Ausdruck zu bringen, bliebe nur die Selbstverletzung. Hast du jemals das Gefühl gehabt, dass du deine innersten Gefühle gar keinem Menschen mitteilen kannst? Dass dich niemand versteht? Genauso hatte sich nämlich Jackie gefühlt, bis sie schließlich jemandem begegnete, der ihr die Ursache ihrer Schmerzen aufzeigte. Bedenke jedoch: Heilung verlangt eine persönliche Festlegung auf eine positive Handlung. Triff deshalb als Erstes eine einfache, aber wesentliche und wichtige Entscheidung: Nämlich die, dass du überhaupt geheilt werden willst. Zweitens: Überlege dir, ob du dich vielleicht dafür entscheiden solltest, die professionelle Hilfe eines Therapeuten, der auf diesem Gebiet Spezialist ist, in Anspruch zu nehmen. Drittens: Finde fürsorgliche Menschen, die dich während deines Heilungsprozesses unterstützen. Und schließlich die

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wichtigste Entscheidung: Verstehe, wie sehr Jesus dich liebt und sich wünscht, dass du Seinem Plan, den Er für dein Leben hat, folgst. Wenn du diese Schritte beherzigst, dann wirst du sicher auf dem Weg der Heilung voranschreiten. Aber gleich wie Jackie Rückschläge erlitt, von denen du hier lesen wirst, so darfst auch du nicht erwarten, dass sich deine Situation über Nacht ändern wird. Um von jahrelang währenden Verletzungen und emotionalen Schmerzen geheilt zu werden, wirst du Zeit und Geduld aufbringen müssen. Heilung ist nie eine einfache Reise. Aber es ist eine Reise, die sich lohnt. Mit diesem Buch hat Jan eine wunderbare Arbeit geschrieben, in der sie denjenigen eine Vision der Hoffnung und Heilung bietet, die einen Ausweg schlichtweg für unmöglich halten. Wenn du der Meinung bist, dass die Schmerzen, die du durchlebt hast, niemals heilen können, dann denke doch bitte einmal nach und ruf dir bewusst eine schwierige Situation aus der Vergangenheit ins Gedächtnis zurück; und dann erinnere dich daran, wie du sie schließlich bewältigt hast. Vielleicht gab es auch damals schon Momente, in denen du daran gezweifelt hast, dass du diese Tortur überstehen würdest? Mag sein, dass es sich um den Todesfall einer dir nahe stehenden Person handelte oder um eine traumatische Begebenheit innerhalb deiner Familie, um einen Umzug verbunden mit einem Schulwechsel, um die Scheidung deiner Eltern, um einen Selbstmord oder um irgendeine andere extrem schwierige Situation. Wie hast du sie bewältigt? Du hast, ohne es vielleicht zu merken, deine eigene Kraft eingesetzt. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Kraft schon immer da gewesen ist, dass sie dir von Geburt an gegeben wurde. Erinnere dich daran, wie sie Dir bereits in der Vergangenheit geholfen hat, Herausforderungen zu bewältigen. Und nun bedenke, wie diese Kraft dir auch in der jetzigen Situation helfen kann. Es ist gut möglich, dass du die Unterstützung anderer erhieltest, die dir in diesen Schwierigkeiten zur Seite standen; jeder benötigt solch eine Art der Ermutigung. Um den ersten Schritt in diesem Heilungsprozess zu tun, kann es auch hilfreich sein, wenn du dich einer positiv eingestellten Gruppe Gleichaltriger anschließt. Vielleicht hast du ja schon einmal anderen Menschen geholfen, Dich in einer Organisation für Obdachlose engagiert oder ehrenamtlich im Tierheim gearbeitet? Oder du hast dich irgendeines verwahrlosten Hundes oder einer Katze erbarmt? Weißt du noch, wie du dich dabei gefühlt hast? Das größte Geschenk, das du dir selbst machen kannst, ist nämlich dies, dass du deine von Gott gegebenen Gaben, anderen

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zu helfen, auch praktisch einsetzt. Wenn du bereit bist, anderen Menschen zu helfen, die ebenfalls schmerzvolle Erfahrungen im Leben gemacht haben, dann wirst du herausfinden, welchen Sinn dein Leben haben kann. Du kannst heute schon damit anfangen, deinen Schmerz einem Menschen mitzuteilen, der dir nahe steht und dem du vertraust. Dieses Buch wird dir dabei eine große Hilfe sein. Während du in diesem Heilungsprozess Schritt für Schritt weiter gehst, wird Gott dir Seinen Plan für dein Leben offenbaren. Vergiss nicht: Sein Sohn war es ja, der sagte: «Mit GOTT ist kein Ding unmöglich.» – Susan Bowman, EDS, LPC; Author, See My Pain and Co-Piloting

VORWORT

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EIN ANFANG … Du hältst dieses Buch in Händen, weil du dich möglicherweise selbst verletzt oder jemanden kennst, der dies tut. Du bist nicht der oder die einzige. Viele haben sich auf die eine oder andere Art und Weise der Selbstverletzung zugewandt, um mit den schwierigen Umständen in ihrem Leben fertig zu werden. Solltest du dich selbst verletzen, dann hoffe ich, dass die folgenden Seiten – vor allem die wahre Geschichte, die Jackie hier weitergibt – dir helfen, dich dessen bewusst zu werden, wie sehr Gott in deine einzigartige Lebensgeschichte mit einbezogen werden möchte – eine Lebensgeschichte, der du aber eine ganz neue Richtung geben kannst: Heraus aus der Selbstzerstörung und näher zu Ihm hin. Deine Gründe, dich selbst zu verletzen, und deine Schmerzen der Vergangenheit, die sich dahinter verbergen, sind nicht unbedeutend. Rede dir nicht selbst ein, dass all das niemanden kümmert. Gott sorgt sich, und Er wird dir dabei helfen, andere Menschen zu finden, die sich auch um dich sorgen. Ich betrachte dieses Buch nicht als ein «Selbst-Hilfe Buch», weil du diese Sache nicht alleine in den Griff bekommen kannst. Es ist sehr wichtig, dass du dich jemandem öffnest, dem du vertraust. Vor allem aber solltest du zu Gott beten und Ihm deine Gefühle mitteilen. Er wird dir mehr über Seine Liebe zu dir offenbaren und dir Wege aufzeigen, wie du mit der Gewohnheit, dich selbst zu verletzen, brechen kannst. Wenn notwendig, dann zögere auch nicht, jemanden darum zu bitten, dir behilflich zu sein, wenn du eine christliche Gruppe bzw. Kirche oder einen Menschen suchst, wo du weitergehende Unterstützung erhalten kannst. Wenn du dich nicht selbst verletzt, aber jemanden kennst, der dies tut, dann hilfst du ihr oder ihm am Besten, wenn du für diese Person betest und dich ihr bzw. ihm gegenüber als treuer Freund erweist. Sehr oft wirst du den Eindruck haben, dass du den Grund der Selbstverletzung nicht verstehen kannst und dass du nicht die geringste Ahnung hast, wie du sie bzw. ihn auch nur ansatzweise unterstützen kannst. Aber Gott kann dich mit deiner Liebe und Geduld gebrauchen: oft genügt es, wenn du einfach ein guter Zuhörer bist oder Ermutigung gibst, mit Emotionen, Erinnerungen und Stresssituationen anders umzugehen. Ich bin mit Leib und Seele in einem Dienst tätig, wo Teenager kommen und um Hilfe bitten. Eben hier machte ich auch die

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Bekanntschaft von Jackie, als sie gerade 18 Jahre alt war, und mit der Zeit wurden wir dann auch gute Freunde. Es war ihr fester Wunsch, dass ich ihre Geschichte erzähle, damit du erkennst, dass Gott größer ist als alle Selbstverletzung, Angst und Sorge. Durch ihre Geschichte wirst du erkennen, dass du in Jesus Christus Hoffnung und Gewissheit darüber erlangen kannst, dass du nicht alleine bist. In stundenlangen Gesprächen und durch ihre blut- und tränenverschmierten Tagebücher erzählte mir Jackie ihre Geschichte. In ihrer Erzählung möchte sie aber die richtigen Namen der Menschen, mit denen sie eine Beziehung hatte und die sie in irgendeiner Weise missbraucht haben, nicht nennen. Wir haben uns nach Kräften bemüht, alle für diese Geschichte relevanten Ereignisse in Jackies Leben möglichst so zu berichten, wie Jackie sie in Erinnerung hatte. Die Namen der Personen sind authentisch, nur die Namen der Teenager ihrer Jugendgruppe wurden geändert. Was am meisten hervorstach, wenn wir auf vergangene Tage zurückblickten, war das Wirken Gottes durch andere Menschen, die Er in ihr Leben geführt hatte. Auch wenn die Reaktionen und das Verhalten dieser Menschen nicht immer fehlerlos waren, so brachte doch jede Beziehung ein bisschen mehr Heilung und Offenbarung der tiefen Liebe und des Heils, das Gott für Jackie vorbereitet hatte. In der zweiten Hälfte eines jeden Kapitels, im Anschluss an Jackies Geschichte, findest du einen Abschnitt mit Kommentaren und Erlebnissen anderer Menschen, die Ähnliches wie Jackie erlebt haben und nun die Möglichkeiten entdecken, die Gott für ihre Heilung bereithält. In den meisten Fällen wurden die Namen der Einzelnen, die ihre Geschichte erzählten, geändert. Ich habe bewusst nicht bis ins letzte Detail beschrieben, wie sich Menschen selbst verletzten; jedoch ist es in einigen Fällen unumgänglich, manche Einzelheiten zu erwähnen, weil sie ein wesentlicher Teil der Geschichte sind. Wenn du den Eindruck hast, dass einige Begebenheiten in diesem Buch dich dazu verleiten könnten, dich selbst zu verletzen, dann lies dieses Buch nicht alleine, sondern ziehe eine Person hinzu. Es könnte ohnehin besser sein, dies zu tun, damit du dich während der Zeit, in der du dich mit dieser Thematik befasst, mit einer anderen Person unterhalten und beten kannst. Ich möchte dich dazu ermutigen, nie aufzugeben – wo auch immer du dich momentan auf deiner Reise befindest. Gott wird dich niemals aufgeben. Wenn du dies nicht bereits tust, dann fange

EIN ANFANG …

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gleich jetzt damit an, jeden Tag zu Ihm zu beten. Hier ist ein Gebet, das du, wenn du möchtest, nachsprechen kannst: Gott, ich bin innerlich so verletzt, und nun sieht man es auch an meinem Äußeren: Überall Narben und Spuren von Verletzungen, die ich mir selbst zugefügt habe. Ich will nicht mehr glauben, dass ich diesen Schmerz, den ich fühle, zu Recht verdiene, und dass alles außer Kontrolle geraten ist. Hilf mir stattdessen, jeden Tag zu glauben, dass ich dein Kind bin und dass du mich mehr liebst, als ich mir je vorstellen kann. Hilf mir in meinem Schmerz, wenn ich wieder von Traurigkeit, Angst und Sorge überwältigt werde. Hilf mir, jeden Tag der Freiheit ein Stück näher zu kommen und mich vom Wunsch der Selbstverletzung abzuwenden. Heute, wenn ich dieses Gebet gesprochen habe und mich erhebe, werde ich versuchen, meinen Blick beständig auf dich zu richten. Auch wenn ich heute mehr oder weniger versage, werde ich mich nicht davor scheuen, morgen wieder zu beten. AMEN. Ich bete für Neuanfänge in deinem Leben.

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EINS Ich habe den Eindruck, dass ich etwas getan habe und diese Strafe verdiene. Ich will einfach nur wissen, wann es vorüber sein wird. Jackies Tagebuch

Jackie griff nach der tränengetränkten Bettdecke, in die sie sich eingehüllt hatte, und zog sie fester an sich. Ein Teil von ihr wollte sich tief in die Decke verkriechen, der andere wollte davon rennen. Aber wohin sollte sie um 11:00 Uhr nachts laufen? «Ich will eine Zigarette.» Jackie schlüpfte unter ihrer Decke hervor, rollte zum Bett hinaus und durchstöberte die Haufen, die sich auf dem Fußboden türmten, um dann schließlich nur ein Feuerzeug zu finden. Sie knallte ihre Faust auf die Matratze, während sie das Feuerzeug fest in ihrer Hand hielt. Eine erneute Welle Tränen erschütterte ihren Körper, und sie schleppte sich zum Bettrand hinüber. «Wieso ist alles so schwierig?» Jackie spielte mit dem Feuerzeug in ihrer Hand herum. Ihr Daumen rollte den Anzünder nach unten und drückte auf den Riegel. Die Flamme loderte für einen Moment auf, bevor Jackie sie erlöschen ließ. Einige Male schnippte sie den Anzünder, um dann den Riegel wieder loszulassen. Jede dieser Flammen erleuchtete ihr dunkles, vollgestopftes Schlafzimmer. Ein Aufleuchten: Kleider waren auf dem ganzen Fußboden verstreut. Ein weiteres Mal: Bilder von ihrer Familie und ihren Freunden sowie Poster von ihren Idolen, Stars aus der Musikszene, schmückten die Zimmerwände. Und noch ein Mal: zwei Türen. Jackies Schlafzimmer war ein Durchgangszimmer, das ursprünglich als Büro vorgesehen war. Dieses Jahr, im Alter von vierzehn, war sie aus dem Zimmer, das sie mit ihrer jüngeren Schwester geteilt hatte, ausgezogen. Sie genoss es, ihr eigenes Reich zu haben, auch wenn es nur dieses kleine Zimmerchen war. Nebenbei hatte es einen direkten Zugang zur Hintertür – eine großartige Möglichkeit, den Spannungen zuhause zu entkommen. Und wieder zündete sie das Feuerzeug. Nach einigen zittrigen Atemzügen hörte Jackie langsam auf zu weinen. In letzter Zeit war sie ständig verärgert. Wieso eigentlich? Sie ließ den Drücker am Feuerzeug los. Der Raum versank in Dunkel. Ihr Vater war nach Hause gekommen und, wie üblich, über irgendetwas verärgert. Als sie ihn so herum stampfen hörte, floh sie

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in ihr Zimmer. Sie war seines Herumschreiens müde und konnte es nicht ausstehen, wenn er sie als Dummerchen bloßstellte. Sie war seiner Raucherei und Trinkerei müde. Sie war es müde mit anzusehen, wie Mutter immer traurig und ausgelaugt dreinschaute. Und dann gab es da noch etwas anderes – etwas, das sie nicht verstehen konnte. Sie wischte sich die Tränen vom Gesicht. Ein weiterer Druck ihres Daumens am Feuerzeug ließ die Flamme flackern, um dann das Zimmer für einen kurzen Moment wieder aufleuchten zu lassen. Sie sah nach unten auf ihre Kleider, die über das ganze Zimmer verstreut waren. Diese herumliegenden Kleider erinnerten sie an den Tag nach Weihnachten, als sie anfing, ihr Zimmer aufzuräumen. Sie war versehentlich auf eine der Weihnachtsdekorationen getreten, die dann unter dem Druck zerbrach. Während sie die scharfen Stücke zusammenlas, dachte sie an einen Artikel, den sie in einem Teen-Heft gelesen hatte – eine Geschichte über ein Mädchen, das sich Verletzungen zufügte, um mit ihren intensiven Emotionen fertig zu werden. Jackie hatte nie zuvor von Menschen gehört, die sich absichtlich verletzten oder Brandwunden zufügten. Sie las eines der Scherbenstücke auf und kratzte damit eine Linie auf ihren Arm – nur um festzustellen, wie sich dies anfühlte. Ihre Haut wölbte sich, wie wenn sie von einer Katze gekratzt worden wäre, doch tat es nicht weh und blutete auch nicht. Jackie ließ die Flamme am Feuerzeug ausgehen und zündete es gleich wieder an. Ob sie sich wohl jemals so tief kratzen könnte, bis es zu bluten anfing? Ob sie sich wohl selbst Brandwunden zufügen könnte? Vielleicht, wenn sie wütend genug war. Gerade jetzt nahm ihre Wut an Intensität zu. Ja, sie war frustriert wegen ihrem Vater, aber es war mehr als das. Sie hatte schon seit Wochen … Monaten … vielleicht sogar seit Jahren diese Wut in sich. Vor einigen Jahren war ihre Mutter so in Sorge um sie gewesen, dass sie Jackie einfach zu einer Kirche gebracht hatte, damit sie dort an einer der Jugendgemeinschaften teilnahm. Es gefiel ihr, dort herumzuhängen, und so besuchte sie die Gruppe weiterhin, aber es half nicht. Die Wut in ihr nahm zu. Vor allem dann, wenn sie die anderen Kinder beobachtete und es den Anschein hatte, dass sie in perfekten Familien aufwachsen durften. Weshalb herrscht eigentlich nur in meiner Familie so ein totales Durcheinander? Und weshalb bin ich derartig durcheinander?

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Wieder schossen ihr Tränen in die Augen, und sie starrte in die Flamme des Feuerzeugs. Sie schloss ihre Augen und schluckte. Die Wut wurde immer größer. Sie fühlte einen schrecklichen Schmerz im Inneren, den sie nicht beim Namen nennen konnte. Der Schmerz kam tief aus ihrem Bauch heraus und drohte, sie zu überwältigen. Angst überkam sie. Sie schrak auf und öffnete ihre Augen. Sie wollte rennen. Sie atmete schneller, und ihr Herz pochte. Was konnte sie nur tun, damit diese Gefühle endlich aufhörten? Das Feuerzeug. Sie neigte die Flamme, um den oberen Metallrand des Feuerzeugs zu erwärmen, und presste das heiße Metall gegen ihr Handgelenk. Es schmerzte, und sie rang nach Luft, aber die Panik wurde zunehmend leichter und der Zorn kühlte ab. Erneut brannte sie ihren Arm. Und wieder und immer wieder. Alle ungewollten Emotionen schienen zu verschwinden. Papa machte ihr nichts mehr aus. Die schreckliche Angst verflog. Sie entspannte sich. Jackie saß eine Zeitlang im Dunkel, bevor sie ihre Hand ausstreckte, um das Licht anzudrehen. U-Markierungen zeichneten sich auf ihren Armen ab. Sie zählte jede einzelne Brandwunde. In nur fünf Minuten hatte sie sich einundzwanzig Brandwunden zugefügt. Die Bläschen, die sich nun aus den Verbrennungen bildeten, stachen wie Feuer. Sie wusste, dass sie sich um diese Wunden kümmern sollte, aber wie? Ihr Zimmer zu verlassen war kein Ausweg. Das Letzte, was sie nun wollte, war, ihre Eltern aufzuwecken. Sie griff nach Nasstüchern, die sie auf die Verbrennungen presste, und krabbelte zurück unter ihre Bettdecke. Die Brandwunden schmerzten – und doch zog sie diesen Schmerz den aufwallenden Emotionen, die sie nicht kontrollieren konnte, vor. Was habe ich nur getan? Der stechende Schmerz, den die Wunden verursachten, hatte die außer Kontrolle geratenen Gefühle erträglicher werden lassen; sie wollte es ja eigentlich nur ein einziges Mal versuchen. Während sie zunehmend ruhiger wurde, hatte sie den Eindruck, das Feuerzeug dabei nur noch ein paar wenige Male an ihren Arm gepresst zu haben. Wie hatte sie da bloß die Kontrolle darüber verlieren können? Jackie schauderte. Es war verrückt. Sie wollte sich nie mehr auf diese Art Schmerzen zufügen. Wie würde sie sich wohl das nächste Mal verhalten, wenn sie wieder von diesen Gefühlen übermannt würde? Sie musste unbedingt mit jemandem darüber reden – bloß nicht mit ihren Eltern. Sie würden aufbrausen und wütend werden. Auf

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keinen Fall durften sie es erfahren. Sie würde die Brandwunden vor ihnen verbergen. Vielleicht konnte sie während des Frühstücks in der Jugendgruppe mit irgendeinem Jugendgruppenleiter sprechen. Am nächsten Morgen, einem Samstag, trafen Jackie und ihr Vater zusammen, als ob nichts zwischen ihnen vorgefallen wäre. «Typisch für unsere Familie», dachte sie. Sie zupfte an den langen Ärmeln ihres Pullovers, um sicher zu sein, dass die roten Bläschen darunter verborgen blieben. Sie vermied jegliche Unterhaltung mit ihrer Familie, bevor sie in Richtung Gemeinde loszog, um dort am Frühstück teilzunehmen. Während Jackie mithalf, die Pfannkuchen zu servieren, suchte sie nach einer Gelegenheit, ihr Problem mit einem der Jugendpastoren zu besprechen. Endlich war die letzte Person an der Reihe, die Jackie bedienen musste. Als sie quer durch den Raum ging, erblickte sie Debbie, die sie um ein Gespräch bat. Sie begaben sich in den Hinterhof der Kirche, wo sie es sich auf einer Sitzbank bequem machten. Zuerst brachte Jackie kein Wort über ihre Lippen, obwohl Debbie für sie wie eine zweite Mutter war. Ganz egal, was es war – sie sorgte sich um sie. Zögernd kamen die ersten paar Worte heraus. Jackie gestand ihr, dass sie sich Brandwunden zugefügt hatte; dann zog sie ihre Ärmel hoch und zeigte ihr die frischen Brandwunden. Immer noch konnte sie den stechenden Schmerz spüren. Die Erinnerungen an ihre außer Kontrolle geratenen Gefühle waren genauso frisch. «Eigentlich wollte ich mich nur ein einziges Mal brennen, aber ich war so wütend und verängstigt und ich … ich machte einfach weiter.» Debbie drückte Jackies Hand. «Was hat dich denn so wütend gemacht?» «Papa! Alles Mögliche. Ich weiß es doch selbst nicht.» Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Nichts ergab mehr einen Sinn – wie sollte sie also diese ganze Sache erklären? Was Papa getan hatte, war eigentlich kein Grund, so wütend zu werden. «Ich weiß es nicht», wiederholte sie. «In dir geht einiges vor.» Debbie wischte Jackie eine der Tränen weg, die ihr die Wange herunter kullerten. «Ich denke, du solltest mit Melody darüber sprechen. Du hast doch schon so viele Gespräche mit ihr geführt. Sie wird sicher gerne darüber Bescheid wissen wollen.» «In Ordnung», versprach Jackie. Melody war die Jugendpastorin und für Jackie wie eine gute Freundin. Sie würde schon sehr bald versuchen, mit ihr darüber zu sprechen.

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Am nächsten Morgen saß Jackie im Gottesdienst neben Melody. Es gelang ihr während des Lobpreises, die Aufmerksamkeit von Melody zu gewinnen. Jackie schob ihren Ärmel nach hinten, so dass ihre Verbrennungen sichtbar wurden. Tränen stiegen Melody in die Augen. Behutsam legte ihr ihre Jugendpastorin die Hand auf die Blasen. Im Anschluss an den Gottesdienst wandte sich Melody Jackie zu. «Deine Mutter und dein Vater müssen darüber informiert werden.» «Ich kann es ihnen nicht sagen.» «Sie müssen es wissen.» Ich … ich kann nicht.» «Ich werde sie anrufen, einverstanden? Wir organisieren ein Treffen hier bei uns in der Kirche – nur du, ich und deine Eltern.» Toll. Es war nicht allzu schlimm gewesen, die Sache Debbie und Melody anzuvertrauen, aber ihre Eltern würden wütend werden. Ihnen war es lieber, familiäre Angelegenheiten innerhalb der Familie zu belassen. Früher, wenn sie irgendetwas von ihrer Familie nach außen trug, bekam sie immer Ärger. Ihr Magen verkrampfte sich. Gab es denn noch irgendeinen Ausweg? Zu schnell kam der Tag, für den das Treffen vereinbart worden war. Als alle das Büro von Melody betraten, betrachtete Jackie den Ausdruck auf den Gesichtern ihrer Eltern. Sie sahen verwirrt und schon jetzt wütend aus. Dies würde nicht einfach werden. Sie waren eine lateinamerikanische Familie mit goldenbrauner Hautfarbe. Als sie sich hinsetzten, fielen Mutters dunkle, natürliche Locken in ihr besorgtes Gesicht und umrahmten es. Papa lehnte sich zurück und stützte seine Hände in die Hüften. Mit einem Meter zweiundsechzig war sie schon fast so groß wie ihr Vater. Und dennoch hatte ihr Vater mit seiner stämmigen, untersetzten Gestalt ein richtig furchterregendes Aussehen. Melody sprach als Erste. «Jackie hat mir etwas mitgeteilt, das ihr meiner Meinung nach wissen solltet. Eines Abends war sie so verärgert, dass sie sich Brandwunden zufügte.» Melody wandte sich Jackie zu. «Kannst du sie ihnen zeigen?» Jackie sackte auf ihrem Stuhl in sich zusammen; sie spielte nervös an ihren langen Haaren und wand sie um ihren Finger. Sie wünschte sich, dass sie es niemals jemandem gezeigt hätte. Langsam krempelte sie ihre Ärmel zurück. Ihre Eltern starrten auf die Wunden. «Das sind Brandwunden?», Papa lehnte sich nach vorne. «Wieso tust du so etwas?», wollte Mutter wissen.

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Reflexartig rollte Jackie ihre Ärmel wieder runter. «Ich weiß nicht.» Ihre Augen füllten sich mit Tränen. «Man brennt sich doch nicht einfach grundlos», erwiderte Papa. Seine Stimme wurde lauter. «Was hast du dir dabei gedacht?» «Ich weiß es nicht. Ich war einfach wütend.» «Du warst wütend?», fragte Papa. «Das ist kein Grund.» Grosses Schweigen. Jackie war ganz in ihren eigenen Gedanken versunken. Oh Papa, du verstehst das nicht. Ich versteh es ja selbst nicht einmal. Ganz gleich, was ich jetzt sagen würde – es würde nichts bringen. Du würdest dich deshalb auch nicht mehr um mich sorgen. Der Schmerz tief in mir drinnen würde deswegen auch nicht verschwinden. Es würde gar nichts an der Sache ändern. Sie presste ihre Hand auf die Brandwunden. Sogar durch die Ärmel hindurch stachen die Wunden. Sie sehnte sich nach der Erleichterung, die einige Nächte zuvor dem Schmerz gefolgt war. Die Stimmen ihrer Eltern schienen weit weg zu sein. Jackie hatte aufgehört, ihren Eltern die Angelegenheit erklären zu wollen. Sie saß einfach nur da und starrte ins Leere. Sie hatte dicht gemacht.

« … Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Gnade.» J E R E M I A 31, 3

DAS VERSTECKSPIEL FÄNGT AN «Weshalb?» Jackies Eltern war zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, wie viel sie mit dieser Frage von ihr forderten. Ihre ehrliche Antwort – «Ich weiß nicht. Ich war einfach wütend.» – war alles, was sie in dem Moment zu sagen wagte. Ein weiteres Wort, ein weiterer Gefühlsausbruch würde sie dazu zwingen, sich in ihr Inneres zurückziehen, in Bereiche, die ihr nicht einmal selbst vertraut waren – Bereiche, die sie lieber meiden wollte. Sie würde, wenn sie sich gedanklich damit auseinandersetzen sollte, sich durch einen Wirrwarr von Gefühlen hindurchkämpfen oder sich beängstigende Erinnerungen ins Gedächtnis zurückrufen müssen. «Nicht jetzt; es wäre zu riskant!», schrie ihre Seele, sollte irgendjemand – sie selbst eingeschlossen – auf den Gedanken kommen, sie zu fragen, warum.

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Mit vierzehn konnte Jackie noch nicht richtig erfassen, was für ein Zusammenhang bestand zwischen gewissen Vorkommnissen in ihrem Leben und den Momenten, in denen sie außer Kontrolle geriet. Sie hämmerte an die Wände, knallte die Türen zu und warf alle möglichen Sachen kreuz und quer in ihrem Schlafzimmer herum. Dann kam der Tag, an dem sie sich das erste Mal die Brandwunden zufügte. «Immerzu war ich von Gefühlen überwältigt, wusste aber nicht, was ich dagegen tun sollte. Ich war verärgert, besorgt und verängstigt», erzählte Jackie, während sie auf die schmerzvollen Jahre zurückblickte. «Bereits kleine Dinge lösten ein großes Gefühlschaos in mir aus.» Ihre intensiven Gefühlsschwankungen trieben sie zwar nach Hause. Aber für Jackie war ihr Zuhause kein richtiges Daheim. Mama und Papa stritten sich häufig. Papa war sehr oft wütend und kämpfte gegen seine Alkoholsucht und Drogenabhängigkeit an. Mama drohte viele Male, auszuziehen. Jackies größte Angst war, dass ihre Mutter ihre Koffer packen und verschwinden würde. Sie wusste sehr wohl, wie ihre Familie ums Überleben kämpfte, und sie versuchte alles, um sie nicht nach außen hin zu blamieren. Zu einem späteren Zeitpunkt erzählte sie: «Ich dachte, dass die ganze Verantwortung für meine Familie auf mir lag. Auch dann, als meine Eltern einen kleinen Streit hatten, dachte ich immer, dass ich darin versagt hatte, die Familie zusammen zu halten. Ich machte mir Sorgen um ihre Finanzen und darum, wer sich dann um meine jüngere Schwester Nikki kümmern würde.» Die Eltern hatten sie nicht darum gebeten, die ganze Verantwortung zu übernehmen; sie tat es einfach. Sie hatten beide seit ihrer Geburt gearbeitet. Obwohl sie ganz selbstverständlich von ihr verlangten, daheim mitzuhelfen und auf ihre jüngere Schwester aufzupassen, lud sie sich selbst noch zusätzliche Verantwortung auf. «Ich wollte ihnen einfach gefallen», gab Jackie zu. Diese Probleme wurden ihr erst so richtig klar, als sie in der Junior High School war. Und doch gab es noch viel mehr Probleme. Einige Erinnerungen aus ihrer Kindheit – viel zu schmerzvoll, um sie zu erwähnen oder gar näher zu beschreiben – behielt sie tief in ihrem Inneren verborgen. Diese waren es, die erst viel später an die Oberfläche kommen sollten und einer der wesentlichen Ursachen für ihre Gefühlsschwankungen waren, und sie waren auch der Grund dafür, dass sie sich 21-mal Brandwunden zugefügt hatte. Nach dem Treffen mit Melody und ihren Eltern ging es mit Jackies Leben sehr schnell abwärts. Es war ihr egal, ob sie ihre

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eigenen Emotionen verstand oder nicht. Wichtig war nur, dass sie mit ihnen fertig wurde, indem sie sich weiterhin brannte, zu trinken anfing und Drogen nahm – egal, was es forderte. Nun brannte sie sich regelmäßig und fing außerdem damit an, sich zu schneiden. Ihre Eltern und Jugendleiter fragten sie nicht danach, weil sie alle zum Narren hielt und ihnen erzählte, dass sie sich verletzt hatte. Sie hielt die Verbrennungen und Schnittwunden unter langen, dunklen Pullovern und Hosen verborgen. Einige Jahre verstrichen, bevor sie sich einer Person anvertraute und ihr von ihrer Selbstverletzung erzählte. Es sollte sogar noch viel länger dauern, bis sie die tieferen Gründe ihres Tuns verstehen würde. Mit vierzehn merkte sie nur, dass der Schmerz sie beruhigte – und für eine gewisse Zeit genügte dies als Grund vollauf. Für Jackie war der christliche Glaube, den sie nun angenommen hatte, noch relativ neu; deshalb war ihr auch noch nicht bewusst, dass Gott ihr helfen konnte. Ihrer Ansicht nach kümmerte es Ihn nicht, wie es ihr erging. Sie glaubte, dass Er sie nicht mochte und eine Menge Gründe dafür hatte, sie nicht zu mögen. Der bevorstehende Weg aus der Selbstverletzung heraus würde lange und schwierig sein, aber Jackie würde lernen, dass Gott sie liebt. Langsam würde Er ihr Herz mit Hoffnung füllen und sie mit Menschen zusammenführen, denen sie vertrauen konnte. Ganz egal wie sie sich anstrengen würde, sie würde diese Reise nicht alleine bewältigen müssen.

Die häufigste Art der Selbstverletzung ist das Zufügen von Schnitt- und Brandwunden. Andere Formen der Selbstverletzung sind: Sich selbst schlagen, sich Knochen brechen, sich Haare ausreißen, sich kratzen oder beim Heilungsprozess einer Wunde eingreifen (z.B. Abkratzen des Wundschorfs). Unter Selbstverletzung versteht man jede bewusste Entscheidung, sich selbst in irgendeiner Weise Schaden zuzufügen.

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DEINE PERSÖNLICHEN GRÜNDE Kommt dir diese Geschichte bekannt vor? Selbstverletzung – die bewusste Entscheidung, sich selbst ständig Verletzungen zuzufügen. Dies geschieht nicht ohne Grund. Für einige ist es der einzige Weg, dem Schmerz, der Sorge, der Angst und der Wut, die sie fühlen, Ausdruck zu verleihen und mit schwierigen Situationen fertig zu werden. Auch wenn du jetzt nicht alles verstehst – du hast Gründe, weshalb du dir selbst Schaden zufügst – die Gründe nämlich, dass du Schmerz empfindest und dass du in deinem Inneren gefangen bist und es scheinbar keinen Ausweg gibt. Durch deine eigenen Hände hast du deinen inneren Schmerz an die Oberfläche gebracht. Du siehst es jetzt an den Narben der Verletzungen, die du dir selbst zugefügt hast. Du bist nicht die einzige Person, der es so geht. Genau wie Jackie und wie du haben auch andere sich völlig unerwartet mit schwierigen Situationen auseinandersetzen müssen, Situationen, in denen lang aufgestaute Gefühle aufbrachen, mit denen sie überhaupt nicht umzugehen wussten. «Ich hatte den Eindruck, von jedermann in meinem Leben kontrolliert zu werden – von meinen Eltern, meinem Pastor, ja sogar von meinen Freunden», sagte jemand. Andere sagen: «Der Freund meiner Mutter belästigte mich.» «Meine Eltern ließen sich scheiden. Dies hat alles zerstört.» «Mein Vater starb, und ich wollte meiner Mutter nicht zur Last fallen. Ich hatte niemanden, mit dem ich reden konnte.» «Meine Eltern waren Alkoholiker.» «Meine Mutter verdrosch mich und meine Schwester.» «Ich konnte es einfach nicht mehr aushalten, in allem, was ich tat, perfekt sein zu müssen.» «Ich wurde in der Schule nicht akzeptiert. Ich hatte keine Freunde und fühlte mich wirklich einsam.» «Meine Freundin verließ mich.» «Ehrlich gesagt, weiß ich überhaupt nicht, weshalb ich das tue. In mir drin ist einfach eine große Leere.» Christian Hill, ein Seelsorger aus Colorado Springs, berichtet aus seiner Erfahrung mit Teenagern, die sich selbst verletzen: «Selten ist die treibende Kraft hinter dem Schneiden so klar, wie wir es gerne

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hätten. Gewöhnlich treffen verschiedene Dinge zusammen.» Emotionen nehmen überhand, Depressionen oder Ängste machen sich breit, Schmerz und Enttäuschung sind nicht mehr zu ertragen. Sich selbst Schmerz zuzufügen schien für diese jungen Menschen der einzige Weg zu sein, damit fertig zu werden – so wie es auch bei Jackie der Fall war, wenn solche intensiven Gefühle in ihr aufbrachen. Wenn diese Jugendlichen mit der Frage konfrontiert wurden, was es denn für sie brachte, antworteten sie: «Es hat mich beruhigt.» «Es lenkt meine Gedanken von dem ganzen emotionalen Kram ab.» «Ich hatte den Eindruck, endlich selbst über mich bestimmen zu können, statt immer von anderen bestimmt zu werden.» «Es half mir, das Gefühl zu haben, wirklich hier zu sein – als ob ich endlich leben würde, und vielleicht war ich ja doch wichtig.» «Während ich dies tat, konnte ich meinen Ängsten und meiner Ruhelosigkeit entkommen.» «Meine Wunden erinnern mich daran, dass meine Vergangenheit real ist.» «Es war der einzige Schmerz, über den ich selbst die Kontrolle hatte.» «Ich hatte den Eindruck, schlecht zu sein; es war so, als ob ich mich selbst bestrafen müsste.» «Ich tat es, um zu überleben. Sonst hätte ich mir vermutlich das Leben genommen.»

Jeder braucht in seinem Leben einen Menschen, der ihn bei seiner Persönlichkeitsentwicklung achtet und ihn dabei ermutigt und der über das, was er denkt oder fühlt, besorgt ist. Wer sich selbst verletzt, hatte früher vermutlich nicht genügend derartige Beziehungen gehabt. Vielleicht kannst gerade du einen Anfang machen, indem du einem Freund oder einem Familienmitglied, das sich selbst verletzt, genau diese Art von Unterstützung gibst.

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GOTT MITEINBEZIEHEN Gefühle können eine erstaunliche Intensität haben. Bisweilen kann der Schmerz, den du in der Vergangenheit erlebt hast, in deiner jetzigen Lebenssituation wieder auftreten. Es kann sein, dass du überhaupt keine Ahnung hast, wie du über deine eigenen Gefühle, Gedanken und Erinnerungen sprechen sollst. Du bist nicht der einzige Mensch, der damit Schwierigkeiten hat. Zahlreiche Menschen, die sich selbst verletzen, um mit ihren Emotionen fertig zu werden, haben zuhause Kommunikationsprobleme. Susan Bowman, Autorin des Buches «See My Pain» (Erkenne meinen Schmerz) – ein Buch über Strategien zur Überwindung der Selbstverletzung – sagt, dass wir dazu neigen, in unserem eigenen Leben die Menschen nachzuahmen, die selbst nicht gelernt haben, über ihre persönlichen Probleme oder Gefühle zu sprechen. Susan Cook, die als psychologische Beraterin sich selbst verletzende Teenager und junge Erwachsene therapeutisch begleitet hat, fügt aus ihrer persönlichen Erfahrung hinzu, dass Schmerz zwar zum Leben dazugehört, wir aber nicht genügend mit unseren Kindern darüber sprechen – vor allem in den Kirchen. Sie sagt: «Du hast den Eindruck, dass etwas mit dir nicht in Ordnung ist, weil du diesen intensiven Schmerz fühlst.» Die Notwendigkeit, darüber zu sprechen, besteht wirklich, aber du hast das Gefühl, dass keiner dir zuhören möchte. Verwirrung macht sich breit, wenn Menschen versuchen, deine Gefühle und Erinnerungen zu verändern und deine Gefühle nichtig erscheinen zu lassen. Sie verstehen nicht, worum es eigentlich geht, oder sind sich nicht sicher, wie sie mit deinen Emotionen umgehen sollen. «Lass es gut sein», wird manchmal gesagt. «Schluck es runter und sei ein Mann.» «Nun, über solche Dinge redet man nicht.» Wenn man darüber schweigt, bringt dies eine weitere Art von Schmerz mit sich, der sehr schwer zu bewältigen ist: Schamgefühle. Deine Gedanken und Emotionen erscheinen anderen völlig inakzeptabel. Wie sollten sie also verstehen können, weshalb du dir selbst Schaden zufügst? Die Tatsache, dass du dich schämst, ist zumindest teilweise der Grund dafür, dass du deine Selbstverletzung in ein Geheimnis verwandelst und es unter langen Hosen und Ärmeln versteckst.

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