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Widmung

Den Gesegneten – denen, die beleidigt, ausgeschlossen und verleumdet wurden und werden, weil sie jenseits anerkannter Normen der Tradition und Kultur einfach dem Lamm folgen. Matthäus 5,11

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Dank

Die Arbeit an diesem Buch war ein vierjähriges Abenteuer. Wir stellten den groben Entwurf eines jeden Kapitels nacheinander ins Internet. Ursprünglich hatten wir gehofft, es innerhalb eines Jahres vollenden zu können, am Ende wurden es dann aber vier. Deshalb möchten wir am meisten unseren geduldigen Lesern danken, die dieses Experiment mit uns ausgehalten, uns durch ihre Kommentare ermutigt und mit ihren eigenen Geschichten und Fragen zum Inhalt dieses Buches beigetragen haben. Es gab auch einige bemerkenswerte Leute, die das Manuskript für uns gelesen und geprüft haben. Die Kanadier Bruce und Judy Woodford arbeiteten alle Kapitel mit uns durch, lasen Korrektur und brachten ihre Ideen ein. In der Druckphase nahmen wir noch weitere Lektoren hinzu, um dieses Manuskript in eine gute Form zu bringen: Julie Williams, Paul Hayden und Mitch Disney. Vielen Dank euch allen. Nicht zuletzt möchten wir uns bei unseren Ehefrauen bedanken, dass sie uns in diesem Projekt so unbeschreiblich toll unterstützt und ermutigt haben, sowie bei den vielen Glaubensgeschwistern, die dazu beigetragen haben, uns „einen besseren Weg“ (vgl. 1 Kor 12,31) zu zeigen.

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I

Die Begegnung

Das hatte mir gerade noch gefehlt. Er war wirklich der Letzte, den ich jetzt sehen wollte. Mein Tag war schon schlimm genug verlaufen, und nun war klar, dass es noch schlimmer kommen würde. Aber da war er nun einmal. Eben hatte er seinen Kopf zur Cafeteria hereingestreckt, bevor er an die Getränkestation hinüberging und sich etwas Fruchtsaft einschenkte. Ich spielte mit dem Gedanken, mich unter den Tisch zu ducken, merkte aber schnell, dass ich dafür zu alt war. Vielleicht würde er mich da hinten in der Ecke ja gar nicht sehen. Ich senkte den Kopf und bedeckte mein Gesicht mit den Händen. Durch meine Finger hindurch konnte ich sehen, dass er sich umgedreht hatte, sich nun gegen die Theke lehnte und seinen Blick durch den Raum schweifen ließ, während er einen Schluck nahm. Dann schielte er kurz zu mir herüber, da er merkte, dass er nicht allein war, und mit einem erstaunten Blick kam er nun auf mich zu. Weshalb gerade an diesem Abend? Weshalb jetzt? Es war unser bisher schrecklichster Tag in einem langen und ermüdenden Kampf gewesen. Seit drei Uhr nachmittags, als das Asthma zum ersten Mal an diesem Tag versucht hatte, Andrea, unsere zwölfjährige Tochter, zu strangulieren, hatten wir um ihr Leben gebangt. Zunächst fuhren wir sie schnell ins Krankenhaus und mussten dabei mit ansehen, wie sie um jeden Atemzug rang. Dann waren wir dabei, als die Ärzte und Krankenschwestern sich darum bemühten, dass sie wieder ihre Lungen benutzen konnte. Zugegeben, ich kann mit all dem nicht besonders gut umgehen, trotz all der Erfahrung, die ich darin habe. Meine Frau und ich haben unsere Tochter ihr Leben lang leiden sehen. Wir konnten nie wissen, wann ein plötzlicher Anfall ihr Leben bedrohen würde und wir sie schnell ins Krankenhaus bringen müssten. Es macht mich wütend, wenn ich mit ansehen muss, wie sie leidet, und obwohl wir so viel für sie gebetet haben und auch andere das tun, wird das Asthma immer schlimmer. © GloryWorld-Medien 2007

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Vor ein paar Stunden begann die Arznei schließlich zu wirken, und sie atmete wieder leichter. Meine Frau fuhr nach Hause, um endlich etwas Schlaf zu bekommen. Sie wollte auch ihre Eltern ablösen, die gekommen waren, um nach unserer anderen Tochter zu sehen. Ich blieb die ganze Nacht. Irgendwann schlief Andrea dann endlich ein, und ich machte mich auf den Weg zur Cafeteria, um etwas zu trinken und in Ruhe etwas lesen zu können. Zum Schlafen war ich jetzt einfach zu aufgedreht. Froh, den Platz leer vorzufinden, goss ich mir eine Tasse Kaffee ein und setzte mich weit hinten in eine dunkle Ecke. Ich war so erbost, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Was hatte ich nur falsch gemacht, dass meine Tochter so leiden musste? Warum ignorierte Gott meine verzweifelnden Bitten, sie zu heilen? Andere Eltern beschweren sich darüber, dass sie Taxifahrer spielen müssen, damit all ihre Kinder ihren Aktivitäten nachgehen können. Ich dagegen weiß noch nicht einmal, ob Andrea ihren nächsten Asthmaanfall überleben wird, und mache mir Sorgen, dass das Kortison, das sie nehmen muss, vielleicht ihr Wachstum hemmt. Mitten in einer dieser Aufwallungen von Ärger streckte er seinen Kopf in mein privates Heiligtum. Jetzt kam er zu meinem Tisch herüber, und ich dachte ehrlich darüber nach, ihm mit der Faust auf den Mund zu schlagen, falls er es wagen sollte, ihn zu öffnen. Ich wusste natürlich, dass ich das nie tun würde. Ich bin ja schließlich nur innerlich gewalttätig, nicht äußerlich, wo es jeder sehen könnte. Mir ist noch keiner begegnet, der mich mehr frustriert hätte als John. Als wir uns das erste Mal begegnet waren, war ich so begeistert von ihm, und ich habe, ehrlich gesagt, auch noch niemand getroffen, der weiser wäre als er. Aber er hat mir nur Ärger gebracht. Seit er in mein Leben getreten ist, habe ich den Traumjob meines Lebens verloren, wurde ich von der christlichen Gemeinde, die ich vor fünfzehn Jahren mitgegründet hatte, ausgeschlossen, und selbst meine Ehe bewegt sich in unruhigeren Gewässern als je zuvor. Um das Ausmaß meiner Frustration zu verstehen, müssen Sie mit mir zu dem Tag zurückgehen, an dem ich John zum ersten Mal begegnete. So unglaublich der Anfang auch war – er ist nichts im Vergleich zu dem, was wir seither mitgemacht haben.

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Die Begegnung

Meine Frau und ich hatten unseren 17. Hochzeitstag mit einer dreitägigen Reise nach Pismo Beach an der zentralkalifornischen Küste gefeiert. Samstags, auf dem Heimweg, hielten wir in San Luis Obispo, wo wir Mittag essen und einkaufen wollten. Das neu belebte Stadtzentrum dort ist ein großer Publikumsmagnet für die Gegend, und an diesem sonnigen Apriltag waren die Straßen verstopft. Nach dem Mittagessen trennten wir uns, da wir unseren unterschiedlichen Interessen nachgehen wollten. Ich sah mich in den diversen Buchhandlungen um, während sie durch die Kleidungsgeschäfte und Geschenkläden bummelte. Da ich dann schon etwas früher fertig war, lehnte ich mich an die Wand eines Ladens und leckte an meinem Schokoladeneis. Dem hitzigen Wortgefecht, das sich ein paar Meter weiter am Straßenrand vor einem Bekleidungsgeschäft abspielte, konnte ich mich nicht entziehen. Vier Studenten Anfang zwanzig und zwei Männer mittleren Alters hielten knallblaue Flugblätter in den Händen und gestikulierten damit herum. Ich hatte die Flugblätter schon vorher gesehen, da sie unter Scheibenwischer geklemmt waren und auch auf dem Boden lagen. Es handelte sich um eine Einladung zu einem Theaterstück über die Flammen der Hölle, das in einer der Kirchen vor Ort gespielt wurde. „Wer soll denn zu dieser zweitklassigen Produktion kommen?“ „Ich jedenfalls werde keinen Fuß mehr in eine Kirche setzen!“ „Das Einzige, was man mir in der Kirche beigebracht hat, sind Schuldgefühle!“ „Das kenne ich zur Genüge. Ich habe mir einige Schrammen geholt und werde nicht mehr hingehen …“ In der kurzen Zeit, seit ich dem Ganzen zugehört hatte, war es keinem der Beteiligten gelungen, wirklich einen Satz zu Ende zu sprechen. Ständig unterbrach einer den anderen, als würden sie vor lauter Druck platzen, wenn sie nicht ihr eigenes Gift hinzufügen konnten. „Woher bilden sich diese arroganten Leute ein, sie könnten über mich urteilen …“ „Was Jesus wohl denken würde, wenn er heute in eine diese Kirchen hineinginge …“ „Ich glaube nicht, dass er das tun würde, er schien …“ „Und wenn, dann würde er wahrscheinlich einschlafen.“ © GloryWorld-Medien 2007

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Das Lachen der anderen übertönte ihn. „Oder vielleicht vor Lachen sterben …“ „Oder vor Weinen“, meinte eine andere Stimme, was dazu führte, dass die anderen innehielten und einen Moment nachdachten. „Meinst du, er würde einen Anzug tragen und …“ „Nur, um die Peitsche zu verstecken, wenn er sich hineinschleichen würde, um einen kleinen Hausputz zu erledigen.“ Es wurde immer lauter, sodass es die Aufmerksamkeit der Passanten erregte. Sie verlangsamten ihren Gang, da sie von dem ganzen Spektakel angezogen wurden. Einige davon, die von dem Angriff auf etwas so Heiliges wie Religion fasziniert waren, gesellten sich dazu wie junge Hunde am Fressnapf. Wieder andere standen eher am Rand, um zuzuhören, und einige von ihnen fragten mich sogar, was los war. Inzwischen hatte sich ein echter Streit entwickelt, da einige der neu Hinzugekommenen die antikirchlichen Zyniker herausforderten. Die Anschuldigungen flogen in der Menge schnell hin und her. Die meisten davon waren mir nicht unbekannt – Beschwerden über extravagante Kirchengebäude, Heuchler, langweilige Predigten und Burnout durch zu viele Veranstaltungen. Diejenigen, die die Kirche verteidigen wollten, mussten einige dieser Schwächen zugeben, versuchten aber die vielen guten Dinge herauszustellen, die Kirchen getan haben. An diesem Punkt fiel er mir auf. Er konnte irgendwo zwischen Ende dreißig und Anfang fünfzig sein. Es war schwer zu sagen. Er war klein, vielleicht nur etwas über 160 cm groß, hatte dunkles, lockiges Haar mit grauen Strähnen und einen ungepflegten Bart. Er hatte ein ausgeblichenes grünes Sweatshirt, Jeans und Laufschuhe an, und aufgrund seines markantes Aussehens fragte ich mich, ob er wohl ein Überbleibsel aus den rebellischen 60er-Jahren war, mit der Ausnahme, dass er nicht ziellos umherstreifte. Mir war nämlich sein entschlossener Gang aufgefallen, mit dem er direkt auf die sich verschärfende Debatte zuging. Sein Gesicht war gespannt wie ein Schäferhund, der in der Nacht einem unbekannten Geräusch nachgeht. Er schien mit der Menge zu verschmelzen, tauchte dann im Zentrum wieder auf und musterte diejenigen, die sich am lautesten äußerten. Als sich seine Augen in meine Richtung wandten, war ich von ihrer Intensität gefesselt. Sie

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Die Begegnung

waren tief – und lebendig! Ich war ganz gebannt. Er schien etwas zu wissen, was sonst keiner wusste. Die Debatte war nun richtig feindselig geworden. Diejenigen, die die Kirche angegriffen hatten, richteten ihren Ärger jetzt auf Jesus selbst und verspotteten ihn als einen Hochstapler. Wie beabsichtigt, machte das die Kirchgänger aus der Gruppe noch wütender. „Wartet nur, bis ihr ihm ins Gesicht sehen müsst, wenn ihr zur Hölle fahrt!“ Ich dachte, die Streithähne würden jetzt gleich aufeinander einschlagen, als plötzlich der Fremde seine Frage in die Menge hineinschweben ließ. „Sie haben ja wirklich keine Ahnung, wie Jesus war, nicht wahr?“ Die Worte kamen so sanft von den Lippen des Mannes, wie die Brise, die durch die Bäume über uns wehte, und waren in einem starken Kontrast zu dem hitzigen Streit, der ihn umgab. Sie waren so leise gesprochen, dass ich sie ihm mehr von den Lippen ablas, als dass ich sie hörte. Aber sie verfehlten ihre Wirkung auf die Menge nicht. Der laute Lärm ebbte schnell ab, und aus spannungsvollen Gesichtern wurden ratlose. „Wer war das?“, war die unausgesprochene Frage in den Augen aller, als sie die anderen um sich herum beäugten. Ich kicherte in mich hinein, da keiner auf den Mann schaute, der gerade gesprochen hatte. Er war zwar so klein, dass man ihn leicht übersehen konnte, doch hatte ich ihn und die Menge die letzten Minuten genau beobachtet und war von seinem Verhalten fasziniert. Während die Leute umherschauten, sprach er wieder in die Stille hinein: „Haben Sie irgendeine Vorstellung davon, wie er war?“ Diesmal wandten sich alle Augen nach unten, zu dieser Stimme, und waren über den Mann, dem sie gehörte, ganz überrascht. „Was weißt du denn schon davon, alter Mann?“, tönte einer von ihnen schließlich spöttisch, bis ihn die missbilligenden Blicke der Menge zum Schweigen brachte. Verlegen lächelnd sah er beschämt zur Seite und war froh, dass sich die Aufmerksamkeit wieder auf den Fremden richtete. Dieser hatte aber keine Eile zu reden. Die daraus resultierende Stille hing wie Blei in der Luft und hatte den Punkt der Peinlichkeit schon überschritten. Die Menge reagierte darauf mit nervösen Blicken und Achselzucken, aber niemand sagte etwas, und keiner wagte zu gehen. Währenddessen musterte der Mann die Menge, wobei er immer wieder innehielt, um © GloryWorld-Medien 2007

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den Einzelnen einen kurzen Moment in die Augen zu blicken. Als er mein Auge traf, schien alles in mir zu schmelzen. Sofort wandte ich meinen Blick von ihm ab. Wenig später sah ich wieder hin, in der Hoffnung, er würde jetzt nicht mehr zu mir her sehen. Es kam mir unerträglich lange vor, bis er endlich wieder sprach. Seine ersten Worte flüsterte er direkt dem Mann zu, der den anderen mit der Hölle gedroht hatte. „Sie haben anscheinend wirklich keine Ahnung, was Sie motiviert, nicht wahr?“ Seine Stimme klang betrübt, und seine Worte waren wie eine Einladung. Es lag keine Spur von Ärger darin. Verlegen gestikulierte der Angesprochene mit den Armen und verdrehte die Lippen, als habe er die Frage nicht verstanden. Der Fremde ließ ihn unter den Blicken der Menge kurz so stehen, dann sah er sich in der Runde um und fing mit sanft fließenden Worten wieder an zu sprechen: „Er hatte kein besonderes Aussehen. Er hätte heute diese Straße entlanggehen können, und keiner von Ihnen hätte ihn überhaupt bemerkt. Er hatte nämlich ein solches Gesicht, dass Sie sich von ihm abwenden würden, weil Sie sicher wären, er würde nicht zu Ihresgleichen passen. Er war aber ein solch sanfter Mensch wie sonst keiner. Er konnte Kritiker zum Schweigen bringen, ohne je laut zu werden. Er bahnte sich nie mit Gewalt seinen Weg; er zog nie die Aufmerksamkeit auf sich selbst, und er gab auch nie vor, etwas gut zu finden, was ihn ärgerte. Er war durch und durch echt. Und im Zentrum seines Wesens war Liebe.“ Der Fremde hielt inne und schüttelte den Kopf. „Und wie er liebte!“ Seine Augen blickten nun weit über die Menge hinaus; sie schienen die Tiefen von Raum und Zeit zu durchdringen. „Wir wussten ja gar nicht, was Liebe war, bis wir es in ihm sahen. Und er liebte jeden, selbst jene, die ihn hassten. Er kümmerte sich trotzdem um sie und hoffte, sie würden irgendwie einen Weg aus ihrer Selbstbezogenheit herausfinden, um zu erkennen, mit wem sie es zu tun hatten. Und trotz all dieser Liebe war er völlig ehrlich. Selbst wenn er durch seine Taten oder Worte die finstersten Motive der Leute aufdeckte, fühlten diese sich nicht beschämt. Bei ihm fühlten sie sich sicher. In seinen Worten lag auch nicht die kleinste Spur einer Verurteilung; sie waren einfach eine Einladung, zu Gott zu kommen und frei zu werden. Niemand würde man seine tiefsten Geheimnis-

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se schneller anvertrauen. Würde Sie jemand in Ihren schlimmsten Momenten ertappen, dann würden Sie sich wünschen, es wäre er. Er vergeudete keine Zeit damit, andere bzw. ihr religiöses Drumherum zu verspotten.“ Bei diesen Worten sah er jene kurz an, die das gerade getan hatten. „Wenn er ihnen etwas zu sagen hatte, sagte er es und ging Dies war Gottes dann weiter, und man wusste, dass man Sohn, der sich mehr als je zuvor geliebt worden war.“ Hier brach der Mann ab. Seine Augen waren bis zum letzten geschlossen und sein Mund zusammenAtemzug hingepresst, als müsse er Tränen zurückhalgab, um für Sie ten, die ihn gleich zum Schmelzen bringen würden, falls er ihnen nachgeben würde. den vollen und „Ich spreche jetzt auch nicht über eine freien Zugang kitschige Sentimentalität. Er liebte; er zu seinem Valiebte wirklich. Egal, ob Pharisäer oder Prostituierte, Jünger oder blinder Bettler, ter herzustellen. Jude, Samariter oder Heide. Seine Liebe stand allen zur Verfügung, die sie annehmen wollten. Die meisten taten das auch, wenn sie ihn sahen. Auch wenn ihm letztlich relativ wenige nachfolgten – durch die kurzen Momente seiner Gegenwart in ihrem Leben erlebten sie eine Frische und Kraft, die sie auch Jahre später nicht verleugnen konnten. Er schien irgendwie alles über sie zu wissen, liebte sie aber von ganzem Herzen.“ Wieder hielt er inne und musterte die Menge. In den letzten Sekunden waren etwa dreißig Leute stehen geblieben, um zuzuhören. Ihr Blick war fest auf diesen Mann gerichtet, und vor Schreck stand ihnen der Mund offen. Ich kann hier zwar seine Worte wiedergeben, finde aber keine adäquate Beschreibung ihrer Wirkung. Keiner in Hörweite konnte ihre Kraft und Authentizität leugnen. Sie kamen aus den tiefsten Tiefen seiner Seele. „Und als er dann an diesem schmutzigen Kreuz hing“ – seine Augen gingen jetzt hoch zu den Bäumen, die uns überragten – „strömte diese Liebe immer noch herab – auf Spötter und desillusionierte Freunde gleichermaßen. Als er sich der finsteren Todeskammer näherte, müde von der Folter und in dem Gefühl, von seinem Vater getrennt zu sein, trank er weiterhin von dem Kelch, der schließlich unseren Eigensinn und unsere Scham austilgte. In der gesamten Menschheitsgeschichte gab es keinen größeren © GloryWorld-Medien 2007

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Moment. Seine Qual wurde schließlich zu dem Kanal, durch den wir Anteil an seinem Leben bekamen. Er war kein Irrer. Dies war Gottes Sohn, der sich bis zum letzten Atemzug hingab, um für Sie den vollen und freien Zugang zu seinem Vater herzustellen.“ Als er weitersprach, traf mich die Intimität seiner Worte. Er redete wie einer, der mit Jesus zusammen gewesen war. Dabei musste ich denken: Dieser Mann ist genau so, wie ich den Jünger Johannes beschreiben würde. Kaum hatte ich diesen Gedanken im Sinn, als er mitten im Satz anhielt. Er wandte sich nach rechts. Seine Augen schienen etwas in der Menge zu suchen. Plötzlich fixierte er seine Augen auf meine. Mir sträubten sich die Nackenhaare, und ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Einen Moment lang hielt er den Blick in meine Augen aufrecht, dann huschte ein kurzes, aber bestimmtes Lächeln über seine Lippen, während er mir zuzwinkerte und zunickte. Zumindest ist das jetzt meine Erinnerung. Damals war ich geschockt. Hatte er etwa meinen Gedanken bemerkt? Das wäre albern. Selbst wenn er Johannes wäre, würde er doch keine Gedanken lesen können. Was denke ich da nur? Wie sollte er gar ein 2000 Jahre alter Jünger sein? Das ist einfach nicht möglich. Als er sich wieder abwandte, sah ich mich um, ob vielleicht jemand anders Ziel seines Blickes gewesen sein könnte. Es sah aber nicht danach aus, und von den Umstehenden schien keiner von seinem Zwinkern und Lächeln überhaupt Notiz genommen zu haben. Ich war völlig vor den Kopf gestoßen und am ganzen Körper wie elektrisiert. Fragen über Fragen gingen mir durch den Sinn. Ich musste unbedingt mehr über ihn herausfinden. Die Menge schwoll weiter an, und immer mehr Leute streckten ihre Hälse und wollten herausfinden, was da vor sich ging. Selbst dem Fremden schien das Spektakel zunehmend unangenehm zu werden, das sich aus dieser Szene entwickelte. „Wenn ich Sie wäre“, sagte er und richtete seinen Zeigefinger auf jene, die die ganze Diskussion angefangen hatten, „würde ich nicht so viel Zeit verschwenden, um über Religion herzuziehen. Stattdessen würde ich herausfinden wollen, wie sehr Jesus ohne Bedingungen Ihr Freund sein möchte. Er wird sich um Sie kümmern, und wenn Sie es zulassen, wird er für Sie realer werden als Ihr bester Freund, und er wird Ihnen teurer sein als alles, was Sie 18

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sonst begehren. Er wird Ihnen Sinn und Ziel und eine Lebensfülle geben, die Sie durch jeden Stress und jeden Schmerz hindurchträgt. Er wird Sie von innen her verändern, um Ihnen zu zeigen, was wahre Freiheit und echte Freude wirklich sind.“ Damit drehte er sich um und bahnte sich einen Weg durch die Menge genau entgegengesetzt zu mir. Einen Augenblick lang traute sich keiner, sich zu rühren oder etwas zu sagen, da alle unsicher waren, wie man die Diskussion zu Ende bringen sollte. Ich versuchte mir einen Weg durch die Menge zu bahnen, um mit diesem Mann persönlich zu reden. Könnte es wirklich Johannes gewesen sein? Falls nicht, wer war er dann? Woher wusste er all das, was er scheinbar so selbstsicher über Jesus sagte? Es war schwierig, durch die Ansammlung von Menschen zu navigieren und ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Ich drängelte mich gerade noch rechtzeitig durch die Menge, um mitzubekommen, dass er durch eine Lücke zwischen zwei Gebäuden hindurchging. Er ging in Richtung der sogenannten Kaugummigasse, einem etwa 35 m langen Wegstück entlang einer Backsteinmauer, die sich an die Einkaufszone anschloss und hinter der sich ein Parkplatz befand. Die Gasse hatte ihren Namen durch die Tausende gekauter Kaugummireste erhalten, die im Lauf der Zeit an die Wand geklebt worden waren. Die vielen Farben haben daraus einen eindrucksvollen, wenn auch grotesken Anblick gemacht. Er war nur etwa fünf Meter vor mir, als er aus meinem Blickfeld verschwand, und ich war erleichtert, weil ich wusste, dass ich schließlich doch noch eine Chance bekommen hatte, mit ihm zu reden, da ihm außer mir niemand gefolgt war. Ich bog um die Ecke und wollte ihm zurufen, er solle anhalten, blieb aber sofort stehen, als ich die enge Gasse hinuntersah. Sie war leer. Verwirrt ging ich wieder zur Straße zurück. War er wirklich hier hineingegangen? Ich sah in beide Richtungen den Gehweg entlang, konnte aber kein grünes Sweatshirt erkennen, wie er es getragen hatte. Nein, er musste dort hineingegangen sein. Da war ich mir sicher. Aber er konnte diese 35 Meter doch nicht in den drei Sekunden zurückgelegt haben, die ich gebraucht hatte, um zu der Gasse zu gelangen! Mein Herz begann zu rasen, vor Angst, ich würde ihn verpassen. Panisch rannte ich schließlich die Gasse hinunter, an den vielen bunten Kaugummiresten vorbei. Es gab keinen Eingang und auch © GloryWorld-Medien 2007

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keine Nischen, wohin er hätte verschwinden können. Schließlich stürzte ich auf den Parkplatz und versuchte gleichzeitig alle Richtungen abzusuchen. Nichts. Ein paar Leute stiegen aus ihren Autos, aber es gab keinen Hinweis auf den Fremden. Ganz verwirrt rannte ich wieder durch die Gasse zurück zu der Straße. Ich versuchte schnell, ein grünes Sweatshirt zu erkennen, während ich die ganze Zeit über betete, dass ich ihn wieder finden würde. Ich musterte die Schaufenster nebenan und die vorbeifahrenden Autos, doch ohne Erfolg. Er war weg. Ich hätte mir selbst einen Fußtritt versetzen können, dass ich ihm nicht dichter gefolgt war. Schließlich setzte ich mich, etwas orientierungslos durch die ganze Sache, auf eine Bank. Ich rieb meinen gebeugten Kopf und versuchte einen zusammenhängenden Gedanken zustande zu bringen. Kaum hatte ich gedanklich einen Satz formuliert, wollte schon wieder ein anderer Gedanke eindringen. Wer war er, und was war mit ihm geschehen? Seine Worte hatten die tiefsten Sehnsüchte meines Herzens berührt, und wenn ich an sein Zuzwinkern dachte, erschauderte ich noch immer. Mir war klar, dass ich ihn nie wieder zu Gesicht bekommen würde, und schrieb den gesamten Nachmittag als eines jener unerklärlichen Ereignisse im Leben ab, die nie einen Sinn machen würden. Ich hätte nicht mehr danebenliegen können.

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II

Ein Spaziergang im Park

In den folgenden Wochen spielte ich die Begebenheiten dieses Nachmittags tausende Male in meinem Kopf durch und versuchte die Worte dieses Mannes und meine Gedanken zu rekonstruieren. Dass er mich an den Apostel Johannes erinnerte, war wohl nur so eine flüchtige Idee gewesen, außer dass er es mit seinem durchdringenden Zwinkern scheinbar bestätigt hatte. Aber wie sollte Johannes nach 2000 Jahren immer noch am Leben sein? War es vielleicht eine wunderbare Erscheinung, wie damals, als Mose und Elia bei der Verklärung Jesu auf dem Berg erschienen? Und selbst wenn er es wäre, hätte er meine Gedanken lesen und so einfach vor meinen Augen verschwinden können? Ich ging sogar so weit, dass ich Jesu rätselhafte Worte an Petrus über die Zukunft von Johannes nachlas. Er hatte Petrus gerade gewarnt, es würde ein Tag kommen, an dem ihn Menschen wegen seiner Freundschaft zu ihm zu seinem Tod führen würden. Etwas verwirrt durch diesen Gedanken und vielleicht, weil er diesen Weg nicht allein gehen wollte, hatte Petrus daraufhin auf Johannes gedeutet und nach dessen Zukunft gefragt. Jesu Antwort hatte dann alle schockiert. Wenn ich will, dass er lebt, bis ich wiederkomme, was geht es dich an? Folge du mir nach.1 Johannes schrieb, Jesu Worte hätten unter den anderen Jüngern das Gerücht in die Welt gesetzt, Johannes werde nicht sterben. Aber er sagte dann auch, dass das nicht genau dem entsprach, was Jesus gesagt hatte. Der hatte nur gesagt: „Was wäre, wenn …?“ Für Petrus war die offensichtlich größere Lektion aus Jesu Worten, er solle dem Weg, den der Herr für ihn vorgesehen hatte, folgen, ohne sich mit den anderen zu vergleichen. Dies war zweifellos eine wertvolle Lektion, aber steckte hinter dieser Aussage von Jesus vielleicht nicht doch mehr?

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Vgl. Joh 21,2

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An jenem Nachmittag hinterfragte ich alles. Als ich die Geschichte meiner Frau und einem anderen guten Freund erzählte, war es wenig hilfreich, dass sie die Titelmusik aus der Serie Twilight Zone (dt.: Unwahrscheinliche Geschichten) summten und darüber lachten. Dass sie sich weigerten, mich ernst zu nehmen, verunsicherte mich ziemlich in Bezug auf das, was an jenem Tag wirklich geschehen war. Ich konnte allerdings nicht leugnen, dass, wer auch immer dieser Mann war, seine Worte mich bis ins Mark meines Christseins erschüttert hatten. Niemals zuvor hatte ich jemand so über Jesus reden hören. Er hatte in mir einen unstillbaren Hunger geweckt, mehr über diesen Jesus herauszufinden, den ich zu kennen meinte. In den nächsten Wochen las ich noch einmal alle Evangelien durch. Dieses Mal versuchte ich über das, was Jesus lehrte, hinauszusehen, um zu erkennen, welche Art von Person er war. Ich erkannte, dass ich keine Vorstellung davon hatte, wer Jesus als Person war, und keine Ahnung, wie ich das je würde ändern können, obwohl ich schon seit über zwanzig Jahren Christ war. Je mehr ich mich abmühte, desto frustrierter wurde ich. Ich stürzte mich geradewegs in meine Arbeit und hoffte, damit den Hunger und die Fragen, die er ausgelöst hatte, zu begraben. Viereinhalb Monate nach dieser ersten Begegnung wurde alles noch seltsamer. Ich hatte mir den Vormittag reserviert, um mich auf die seltene Gelegenheit, in den Gottesdiensten am Sonntagmorgen zu predigen, vorzubereiten, wurde jedoch durch mehrere schwierige Situationen davon abgehalten, jemals meine Bücher zu öffnen. Zunächst hatte der ehrenamtliche Soundtechniker unserer Gemeinde angerufen und mitgeteilt, er werde am Sonntag nicht da sein können, da er unterwegs sei. Würde ich einen Ersatz finden? Dann kam noch eine Frau vorbei, die sich darüber beschweren wollte, wie unfreundlich unsere Gemeinde sei. Sie besuche nun schon seit zwei Jahren unsere Gemeinde und sei noch nie von jemand eingeladen worden. Später riefen noch Ben und Marsha Hopkins an und teilten mir mit, sie würden an diesem Abend nicht zu unserem Hauskreis kommen. Dies war das dritte Mal hintereinander, dass sie fehlten; kein gutes Beispiel für jemand, der mein Co-Leiter war. Als ich nachfragte, sagten sie mir schließlich, sie seien mit der Gemeinde nicht zufrieden und dächten darüber nach, die Gemeinde zu verlas22

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Ein Spaziergang im Park

sen. Ich versuchte, es ihnen auszureden. Ich hatte unzählige Stunden investiert, um sie darauf vorzubereiten, selbst einen Hauskreis zu leiten – wie konnten sie jetzt weggehen wollen? „Unsere Kinder gehen gerne in eine Jugendgruppe bei einer anderen Gemeinde, die näher bei uns zu Hause liegt, und wir selbst hatten seit einiger Zeit Probleme damit, wie unpersönlich diese Gemeinde geworden ist.“ Als sie zuerst zu uns gekommen waren, standen sie praktisch vor der Scheidung. Stundenlang hatte ich ihnen geholfen, ihre Ehe wieder auf Vordermann zu bringen. Und nun, wo sie langsam so weit waren, etwas zurückgeben zu können, machten sie sich davon zu „grüneren Auen“. Um dem allem noch die Krone aufzusetzen, hatte mich der Pastor kurz nach dem Mittagessen angerufen, um eine Besprechung abzusagen, die ich für ihn mit zwei unserer Ältesten, die gewisse Bedenken hinsichtlich unseres Bauprogramms hatten, organisiert hatte. Er sagte, er sei gerade nicht in der Stimmung, sich damit zu befassen. Drei Wochen lang hatte ich mich bemüht, dass das Treffen zustande kam. Ich war völlig aufgebracht und musste dringend raus an die frische Luft. Die Tür meines Büros knallte heftiger zu, als ich beabsichtigt hatte, und verriet so den anderen im Büro meine Frustration. Das erschreckte meine Sekretärin, und ich konnte auch die Blicke der anderen weiter hinten im Flur spüren. Verzweifelt deutete ich auf die Tür, als sei allein diese für den Lärm verantwortlich. Dabei fielen meine Augen auf das mir so vertraute Schild „Jake Colsen, CoPastor“. An den Tag, als ich zum ersten Mal durch diese Tür gegangen war, kann ich mich noch gut erinnern. Ich war überrascht, dass das Namensschild bereits angebracht war, und war ganz beeindruckt von der Verantwortung, die es mir auferlegte. Ich hatte nie die Absicht gehabt, in den vollzeitlichen Dienst zu gehen, aber als ich an jenem Tag durch diese Türe ging, war mir, als seien alle meine Träume endlich wahr geworden. Aber jetzt, vier Jahre später, waren diese Träume schwerer zu fassen denn je. Als Sohn einer Familie aus der Arbeiterklasse war ich in der Kirche groß geworden. Selbst in den stürmischen Teenagerjahren der frühen 70er-Jahre entfernte ich mich nie weit von meinen geistlichen Wurzeln. 1979 machte ich meinen Abschluss am College mit einem Diplom in Betriebswirtschaft und befasste mich zunächst © GloryWorld-Medien 2007

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mit gewerblichen Immobilien in Kingston, einer sich ausbreitenden Metropole im fruchtbaren Ackerland von Zentralkalifornien. In den 80er- und frühen 90er-Jahren hatte die Wirtschaft dort geboomt. Es war mir gelungen, eine einträgliche Firma aufzubauen, und ich besaß einen ausgezeichneten Ruf in der Gegend. Meine Frau und ich hatten vor fünfzehn Jahren mitgeholfen, die Gemeinde zu gründen, für die ich jetzt arbeitete. Damals hatten sich einige Familien und ein paar College-Studenten, enttäuscht durch die Machtspiele in der traditionellen Kirche, die wir besuchten, entschlossen, es wäre wohl besser, eine neue zu beginnen. Wir trafen uns eine Zeit lang in Häusern und schätzten die Gemeinschaft, die wir miteinander hatten, doch schon bald mieteten wir uns ein Gebäude und brachten das übliche Schild mit unserem Namen draußen an. War in den Anfangstagen das Wachstum noch eher langsam gewesen, so waren wir in den letzten zehn Jahren auf über 2000 Leute angewachsen. Wir hatten zudem unser eigenes Gebäude errichtet und einen kompletten Stab pastoraler Mitarbeiter eingestellt. Ich fühlte mich sehr geschmeichelt, als mich der Pastor einlud, seinem Mitarbeiterstab beizutreten, um mich um die wirtschaftlichen Belange zu kümmern und in der Seelsorge zu helfen. Damals war ich 39, fühlte mich sehr wohl in meinem Beruf und hatte zwei kleine Kinder. Die Sonntagsschule für Erwachsene, die ich unterrichtete, war eine der beliebtesten in unserem Programm, und außerdem war ich schon zwei Amtsperioden im Gemeindevorstand aktiv gewesen. Er sagte mir, ich würde sehr gebraucht; ich könne ihm einiges an Verantwortung abnehmen in Bereichen, in denen er nicht so begabt sei. Obwohl ich mit Immobilien mehr als genug verdiente, wusste ich, dass dies nur Geld war – der Gott Mammon, wie es immer gepredigt wurde. Vergeudete ich mein Leben zu meinem eigenen Vergnügen? Was war mein Leben wirklich wert? Ich hatte selten Zeit für die Dinge, die ich für die wichtigsten hielt, und so nahm ich die Stelle an, in der Hoffnung, dieses nagende Schuldgefühl endlich zum Schweigen zu bringen. Das erfüllte sich dann auch eine Zeit lang. Die ersten ein oder zwei Jahre schwelgte ich in dem Hochgefühl, vollzeitlicher Mitarbeiter einer wachsenden Gemeinde zu sein und wirklich Zeit für Gebet und das Studium der Bibel zu haben. Bald wurde die Arbeitsbelas24

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Ein Spaziergang im Park

tung jedoch sehr erdrückend. Nicht nur, dass ich tagsüber voll beschäftigt war, auch fünf oder sechs Abende war ich noch im Einsatz. Ich fand keine Zeit mehr, wie vorgesehen, nebenher mit Immobilien zu handeln, um mein jetzt niedrigeres Einkommen aufzubessern. Wenn meine Frustration am höchsten war, suchte ich oft Trost in einem langen Spaziergang. Ich sagte meiner Sekretärin dann, ich würde eine Zeit lang draußen sein, und verließ den Gemeindekomplex, um ein paar Straßen weiter in einen Park zu gehen. Er war oft mein Zufluchtsort gewesen und manchmal auch mein „Gebetskämmerchen“, obwohl ich in den schwülen zentralkalifornischen Sommermonaten nicht viel draußen gewesen war. Heute hatte es weniger als 30 Grad, ein Zeichen, dass der Sommer endlich vorüber war und die kühleren Herbsttage vor der Tür standen. Als ich um die Ecke bog, war ich jedoch völlig überrascht, dass der Park stark bevölkert war, bis mir einfiel, dass meine Frau gesagt hatte, unsere Kinder hätten an diesem Tag einen verkürzten Schultag. Enttäuscht überflog ich den Park, um vielleicht noch eine ruhige Ecke ausfindig zu machen. Da fiel er mir auf – eine einsame Gestalt auf einer der Bänke auf der anderen Seite des Parks. Selbst aus dieser Entfernung sah er wie der Fremde aus, den ich in San Luis Obispo gesehen hatte. Mir stockte das Herz. Wie oft hatte ich Gott um eine Gelegenheit gebeten, einmal mit diesem Mann reden zu können, hatte aber schließlich alle Hoffnung darauf aufgegeben. Der Gedanke an ihn ließ in mir die Erinnerungen an jenen unglaublichen Nachmittag aufsteigen und an den Hunger, der dadurch in meinem Herzen geweckt worden war. Ich war mir so gut wie sicher, dass er es nicht sein konnte, wollte aber zumindest einen eingehenderen Blick auf ihn werfen, während ich dort war. Als ich ihm näher kam, schien er die richtige Größe zu haben. Es war jedoch schwer zu sagen, da er saß. Der Körperbau und der Bart sahen ähnlich aus, aber er trug eine Sonnenbrille und eine Baseballmütze, sodass ich mir nicht ganz sicher war. Er schien in die Ferne zu blicken und nicht zu bemerken, dass ich auf ihn zukam. Ich konnte meine Augen nicht von ihm abwenden, und mein Herz pochte wie wild. Was, wenn er es wirklich ist? © GloryWorld-Medien 2007

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Was sollte ich tun? Gerade als ich an ihm vorbeigehen wollte, drehte er den Kopf in meine Richtung, und ich sah schnell woanders hin. Bestimmt ist er es nicht. Ich konnte mich nicht entscheiden und hatte auch keine Ahnung, was ich sagen sollte. Ich war so langsam wie möglich gegangen, ohne etwas zu ihm zu sagen, und so ging ich auf dem Fußweg weiter. Etwa zehn Meter weiter hatte ich genug Mut, kurz anzuhalten und so zu tun, als würde ich über den Park hinwegschauen, als Ausrede, dass ich meinen Blick zurück zu dem Mann auf der Bank schweifen lassen konnte. Er muss es sein. Wieder drehte sich sein Kopf, und erneut wandte ich mich ab und fühlte mich dabei sehr unbeholfen. Ohne nachzudenken, entfernte ich mich wieder von ihm. Fünfzig Meter weiter war eine andere Bank, diesmal eine leere. Ich schlenderte zu ihr hin und setzte mich. Jetzt konnte ich zurücksehen. Gerade in diesem Moment stand er von der Bank auf und begann in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Nein! Was mache ich jetzt? Ich glaube, jetzt oder nie! Ich sprang von der Bank auf und begann hinter ihm herzugehen, wobei ich ihn mit jedem Schritt etwas einholte. Schließlich war ich ihm so nahe, dass ich ihn entweder überholen oder ansprechen musste. „Entschuldigen Sie bitte!“ Die Worte sprangen mir von den Lippen, bevor ich mir dessen bewusst war. Er hielt an und wandte sich mir zu: „Ja?“ Diese eine Silbe war nur eine mickrige Stimmprobe, aber sie hörte sich ähnlich an. „Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber Sie sehen aus wie jemand, den ich vor ein paar Monaten an der Küste in der Innenstadt von San Luis Obispo sah. Ist es möglich, dass Sie das waren?“ Seine Sonnenbrille starrte mich ausdruckslos an. Wenn ich bloß seine Augen sehen könnte, dann wäre ich mir sicher. „Ja, vor ein paar Monaten war ich tatsächlich dort, aber nur ein paar Tage. Sind wir uns begegnet?“ „Nein, aber jemand, der Ihnen ähnlich sah, mischte sich im Innenstadtbereich in die Diskussion einiger Leute auf der Straße ein.“ „Das könnte ich schon gewesen sein.“ Er zuckte mit den Achseln. „Es war eine Debatte über Religion. Und wenn Sie derselbe Mann sind, dann waren Sie es, der sich in diesen Streit einmischte

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Ein Spaziergang im Park

und über Jesus sprach und wie sehr dieser wirklich Menschen liebte. Macht das einen Sinn?“ „Ja. Ich rede ständig mit Leuten, insbesondere mit solchen, die sich für geistliche Dinge interessieren. „Ich heiße Jake Colsen.“ Ich streckte meine Hand aus, um die seine zu schütteln. „Hallo Jake, ich bin John“, antwortete er und bot mir ebenfalls die Hand. Der nächste Atemzug fiel mir schwer, und auch die nächsten Worte. Ich hatte das Gefühl, als stockte mir der Atem, als hätte mich jemand in die Magengrube geschlagen. „Bist du derjenige, der zu diesen Leuten gesprochen hat? Es war ein Samstagnachmittag. Hast du mich dort gesehen?“ „Ich kann mich nicht ausdrücklich daran erinnern, dass du dort warst, aber was du sagst, kommt mir bekannt vor, und es könnte so gewesen sein.“ „Könnte ich dich vielleicht kurz sprechen?“ Ein kurzer Blick auf meine Uhr sagte mir, dass es nur noch 30 Minuten bis zu meinem nächsten Termin im Büro waren. Ich deutete auf eine Bank in der Nähe. „Gerne.“ Wir gingen hin und setzten uns und starrten vor uns hin. „Das klingt jetzt vielleicht seltsam“, sagte ich schließlich, „aber ich habe dafür gebetet, dich zu treffen. An jenem Tag berührten mich die Worte, die du sagtest, sehr. Du sprachst über Jesus, als hättest du ihn persönlich gekannt. An einem Punkt fragte ich mich sogar, ob du nicht der Apostel Johannes bist.“ Er kicherte in sich hinein. „Das würde mich aber ganz schön alt machen, oder?“ „Ich weiß, dass das verrückt klingt, aber als ich diesen Gedanken hatte, hieltest du mitten im Satz an, wandtest dich mir zu und nicktest, als ob du mit mir übereinstimmen würdest. Ich versuchte, hinter dir herzugehen, als du von der Gruppe weggingst, aber scheinbar verlor ich dich dann in der Menge.“ „Vielleicht sollte es damals nicht sein. Immerhin sind wir jetzt hier. Worüber wolltest du reden?“ „Bist du?“ „Bin ich was?“ „Bist du Johannes?“ © GloryWorld-Medien 2007

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„Johannes, der Jünger von Jesus?“ Er lächelte und war über diesen Gedanken offensichtlich amüsiert. „Nun, du weißt schon, dass ich John2 heiße, und ich behaupte auch, ein Jünger von ihm zu sein.“ „Aber, bist du der Johannes?“ „Warum ist das für dich so wichtig?“ „Wenn du es bist, dann würde ich dich gerne ein paar Dinge fragen.“ „Und wenn ich es nicht bin?“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich war von seinen Worten tief berührt worden, wer auch immer er war. Er schien einige Dinge über Jesus zu wissen, die mir sicherlich entgangen waren. „Ich würde trotzdem gerne mit dir reden, denke ich.“ „Warum?“ „Was du in San Luis Obispo gesagt hast, hat mich tief berührt. Du schienst Jesus auf eine Weise zu kennen, wie ich nur hoffen konnte. Ich bin übrigens Pastor und gehöre zum Mitarbeiterstab der City-Center-Gemeinde in der Stadt. Schon mal davon gehört?“ „Nein, ich glaube nicht!“ Er schüttelte den Kopf. Seine Antwort kränkte mich ein bisschen. Weshalb kannte er uns nicht? „Wohnst du hier in der Gegend?“ „Nein. Es ist übrigens das erste Mal, dass ich in Kingston bin.“ „Wirklich? Was führt dich denn hierher?“ „Vielleicht deine Gebete“, sagte er lachend. „Ich bin mir nicht ganz sicher.“ „Pass mal auf. In ein paar Minuten muss ich gehen. Könnten wir uns irgendwann wieder treffen?“ „Ich weiß nicht. Ich bin eigentlich nicht frei, Verabredungen anzunehmen. Wenn wir uns wieder treffen müssen, bin ich mir sicher, dass es geschehen wird. Dieses Treffen geschah ja auch, ohne dass wir es geplant hatten.“ „Könntest du heute zum Abendessen zu uns kommen? Dann könnten wir reden.“ „Leider nein. Ich habe heute Abend schon etwas vor. Über was möchtest du denn gerne sprechen?“

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John ist englisch für Johannes

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Wo sollte ich anfangen? Ich hatte so viel auf dem Herzen, aber es waren nur noch 20 Minuten übrig, bevor ich zum Büro zurück musste, und selbst dann würde ich zu spät kommen. „Ich bin ganz frustriert. Anscheinend ist jeder, mit dem ich in letzter Zeit geredet habe, völlig leer – selbst Christen, die ich schon seit Jahrzehnten kenne. Gestern habe ich mich mit Jim, einem unserer Ältesten, getroffen, den ich immer für einen Fels in der Brandung hielt. Er ist derzeit ziemlich desillusioniert mit allem. Er sagte mir, er frage sich oft, ob Gott überhaupt real sei und ob dieses gesamte Christentum nicht einfach nur Blödsinn sei.“ „Was hast du ihm daraufhin geantwortet?“ „Ich habe versucht, ihn zu ermutigen. Ich sagte ihm, wir würden nicht im Schauen leben, sondern im Glauben, und er habe doch viele wunderbare Dinge für Gott getan, und der werde das eines Tages auch honorieren. Wir müssten einfach nur treu sein und dürften uns nicht auf unsere Gefühle verlassen.“ „Du sagtest ihm also, er habe kein Recht auf seine Gefühle beziehungsweise seine Fragen?“ „Nein, das ist nicht, was ich sagte.“ „Bist du dir sicher?“ Die Frage klang sanft und nicht anklagend. Betroffen wiederholte ich, was ich zu ihm gesagt hatte. „Du musst eines verstehen, Jake. Dieses Leben in Jesus ist eine echte Sache. Es ist kein Spiel. Wenn Menschen spüren, dass etwas falsch läuft, weißt du, was ich da entdeckt habe? Dann ist da meistens etwas dran.“ „Und ich habe ihm gesagt, er solle es ignorieren.“ Diese Worte sprach ich mehr zu mir selber als zu John. Ich schüttelte den Kopf, als ich das merkte. „Meinst du, du hast ihm geholfen?“ „Ich weiß nicht. Ich habe ihn viel ermutigt, und es schien ihm danach besser zu gehen.“ John sagte nichts; er ließ mir Zeit, darüber nachzudenken. „Du hast Recht, es half ihm überhaupt nicht. Ich glaube, ich habe ihm vermittelt, er sei selber schuld.“ „Denkst du, er wird noch einmal auf dich zukommen, wenn er wieder solche Gedanken hat?“ Ich schüttelte nur den Kopf und bereute so ziemlich alles, was ich Jim an diesem Morgen gesagt hatte. „Ich werde ihn noch einmal anrufen und es noch einmal versuchen müssen.“ © GloryWorld-Medien 2007

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„Aber was ist mit dir, Jake, funktioniert es bei dir?“ „Funktioniert was?“ „Dein Glaube. Erlebst du Gottes Leben in dem Maß, wie du es dir wünschst?“ „Ab und zu bin ich frustriert, so wie heute. Aber insgesamt kann ich mir nicht vorstellen, dass es etwas gibt, was ich lieber tun würde als das, was ich jetzt gerade tue.“ Johns Kopf bewegte sich nicht. „Ich meine, ich vermisse das Geld und die freie Zeit, die ich hatte, aber was ich jetzt tue, ist weitaus sinnvoller. Wir bewirken viel in dieser Stadt.“ Wieder saß John nur still da. Ich wusste nicht, was ich sonst noch sagen sollte, aber bevor ich es richtig wahrnahm, schossen mir die Tränen in die Augen und ich musste nach Luft schnappen. Plötzlich fühlte ich mich unglaublich einsam. Endlich wandte John mir sein Gesicht zu. „Ich rede nicht über das, was du tust. Bist du mit der Liebe Jesu erfüllt, wie du es am ersten Tag warst, als du an ihn geglaubt hast?“ Diese Worte bahnten sich ihren Weg in meine Seele, und ich hatte das Gefühl, mein Inneres würde schmelzen wie ein Stück Butter in einer heißen Pfanne. „N-n-n-nein!“ Ich bekam es fast nicht heraus; meine Stimme stockte mit kleinen Atemzügen. Als es schließlich herauskam, war es begleitet von einem langen, lauten Seufzer. „Das hat seit Jahren nicht funktioniert. Je mehr ich für Gott tue, desto weiter scheint er sich von mir zu entfernen.“ „Oder vielleicht desto weiter entfernst du dich von ihm.“ „Wie bitte?“ Wer auch immer er war, stets sah er alles aus einem anderen Blickwinkel. „Weißt du, weshalb du dich so leer fühlst?“ „Ich habe eigentlich noch nicht darüber nachgedacht, John. Ich hatte viel zu tun, und es sieht so aus, als gebrauche er mich, um Menschen zu verändern. Ich hatte einfach angenommen, dass es so richtig war. Ich erlaube mir nicht, zu viel darüber nachzudenken. Es ist zu entmutigend. Ich meine, es gibt viel, wofür ich dankbar sein kann, wunderbare Kinder, ein schönes Zuhause, und ich diene Gott mit allem, was ich habe. Aber hier drinnen ist es hohl.“ Ich schlug mit der Faust gegen meinen Brustkorb, während meine Augen noch feuchter wurden. 30

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Ein Spaziergang im Park

„Jim hat dir Angst eingeflößt, nicht wahr?“ „Was?“ Zum zweiten Mal wurde ich aus der Bahn geworfen. „Vielleicht fühlst du dich ja genauso leer wie er, bist aber nicht bereit, kürzer zu treten, um es zuzugeben.“ „Daran hätte ich nie gedacht, aber ich erinnere mich, wie unwohl mir war, als ich mit ihm sprach. Er stellte Fragen, die ich nicht beantworten wollte.“ „Weißt du, um was es bei dieser ganzen Sache geht, Jake?“ John rutschte auf der Bank nach hinten, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ seinen Blick über den Spielplatz schweifen. „Es geht um das Leben – darum, dass Gottes echtes Leben dein eigenes erfüllt. Er zieht ein, sodass du nicht mehr länger an seiner Realität zweifeln wirst. Es ist diese Art von Beziehung, die Adam erlebte, als er mit Gott im Garten spazieren ging und von dessen großartigem Plan hörte, er wolle ein Volk Dieses Leben ist haben, um der Welt seine Realität auf unvorstellbar vielfältige Weise zu deFülle. Es ist Freimonstrieren. Und es geht um ein solches heit. Es ist FreuLeben, wie Jesus es erlebte. Er hatte mehr als genug, um jeder Not, mit der er de und Frieden, konfrontiert war, zu begegnen, ob er nun egal, was paseiner großen Menschenmenge mit Hilfe siert – selbst des Mittagessens eines kleinen Jungen zu essen gab oder ob er eine kranke Frau wenn dein Arzt heilte, die sein Gewand berührte. Dieses dir mitteilen Leben ist keine philosophische Idee, die muss, dass du man sich ausdenken könnte, und auch keine theologische Theorie, über die man Krebs hast. diskutieren könnte. Es ist Fülle. Es ist Freiheit. Es ist Freude und Frieden, egal, was passiert – selbst wenn dein Arzt dir mitteilen muss, dass du Krebs hast. Er kam, um diese Art von Leben mit allen zu teilen, die nicht länger über ihr eigenes Leben bestimmen, sondern ihm nachfolgen wollen.“ „Es geht ganz bestimmt nicht um das, was manche glauben, wie zum Beispiel harte Arbeit, große christliche Organisationen oder neue Gebäude. Es geht um Leben, das man sehen, schmecken und anfassen kann, etwas, an dem du dich jeden Tag deines Lebens erfreuen kannst. Ich weiß, dass ich es mit meinen Worten

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nicht treffend beschreiben kann, aber du weißt, wovon ich spreche. Auch du hast schon solche Zeiten erlebt, nicht wahr?“ „Ja, das stimmt, aber sie waren immer so flüchtig. Ich weiß noch, dass es am Anfang dem sehr ähnlich war, aber heute bin ich weit davon entfernt. Was stimmt nur nicht mit mir? Wie kann ich schon so lange Christ sein, so aktiv in der Kirche sein und es immer noch nicht kapiert haben? Wie kommt es, dass ich den Kontakt zu diesem Leben verliere? Ich tue es ja nicht absichtlich.“ „Ich habe es immer wieder beobachtet. In der heutigen Zeit nimmt es überhand. Irgendwie stellt unsere geistliche Erfahrung die falschen Dinge als wichtig dar, und am Ende werden wir vom echten Leben abgelenkt. Das passierte auch schon in der frühen Kirche. Erinnerst du dich, was in Ephesus geschah und was Jesus in seinem Offenbarungsbrief an sie schrieb? Ihre Theologie war einwandfrei. Sie kannten die Wahrheit so gut, dass sie schon von weitem einen Fehler ausfindig machen konnten. Sie hatten keine Hemmungen, diejenigen zu konfrontieren, die sich im Dienst in den Vordergrund spielten, um herauszufinden, wer die Wahrheit sagte und wer nur eine Botschaft fabrizierte, um sich selbst einen Namen zu machen. Ihr Durchhaltevermögen in Leidenszeiten war in der gesamten Christenheit unübertroffen. Solche Zeiten schienen sie zu stärken, je länger sie dauerten, und sie beschwerten sich nie, wenn andere sie anfeindeten. Und trotz alledem – war Jesus wirklich mit ihnen zufrieden?“ Erst vor kurzem hatte ich über diesen Abschnitt gelehrt, weshalb ich wusste, worüber John redete. „Nein, er tadelte sie dafür, dass sie ihre erste Liebe verlassen hatten.“ „Richtig. Das ist doch erstaunlich, nicht wahr? Was ihnen fehlte, erzeugte ein solches Vakuum, dass all das Gute, das sie vielleicht bewirkten, dadurch zunichte gemacht wurde. Sie hatten die christliche Liebe, die sie am Anfang für Jesus hatten, verlassen. Ohne sie war ihr Dienst bedeutungslos. Du kannst so beschäftigt sein, für ihn zu arbeiten, dass du darüber aus den Augen verlierst, ihn zu kennen. Nichts von dem, was sie taten, war durch ihre Liebe zu ihm oder durch seine Liebe für sie motiviert. Das machte alles andere, das sie taten, nicht nur wertlos, sondern es war sogar destruktiv.“ „Das bin ich“, sagte ich. „Du redest von mir.“

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Ein Spaziergang im Park

„Es ist eine alte Geschichte, Jake. Sie hat sich schon Millionen Mal unter Millionen verschiedener Namen wiederholt. Kannst du dich an den Tag erinnern, an dem die Liebe Jesu zum ersten Mal dein Herz gefangen nahm?“ Wie ein Schwall kamen die Erinnerungen zurück. „Ja. Ich war zu der Zeit erst zwölf oder dreizehn Jahre alt. Aber ich wusste, dass etwas in der Luft lag. Meine Eltern waren damals mit etwa dreißig Leuten in dem Zimmer nebenan und beteten. Sie waren schon etwa vier Stunden darin gewesen ohne Anzeichen, dass sie nachlassen würden. Und außerdem hatten sie großen Spaß dabei! Jeden Freitagabend war es das Gleiche. Sie konnten kaum erwarten, zusammenzukommen und zu beten. Manchmal sangen sie, manchmal lachten sie, und manchmal weinten sie sogar. Selten gingen sie vor elf Uhr auseinander, und oft wurde es noch weit später. Für meine Eltern war das eine große Veränderung. Sie waren wie ich in der Kirche groß geworden. Auf der Seite meines Vaters waren wir in der dritten Generation Baptisten und seitens meiner Mutter Presbyterianer. Meine Eltern hatten sich als aktive Mitglieder der Baptistengemeinde eingelebt – sie gingen regelmäßig hin und arbeiteten in vielen Ausschüssen mit. Aber Kirche schien ihnen niemals Spaß zu machen. Manchen Sonntagmorgen konnten wir ihnen sogar ausreden, in die Kirche zu gehen. Aber nun war es ganz anders. Nicht einmal mit einem Abschleppwagen hätten wir sie wegschleppen können. Sie waren von Kirchgängern zu Menschen geworden, die über ihr Leben mit Gott begeistert waren. Mit der Zeit veränderte Gott ihr Leben. Alte Gewohnheiten verschwanden, Gottes Gegenwart war stärker als ihre Nöte, und bei jeder Gelegenheit lasen sie in der Bibel. Ich weiß noch, dass sie für alles beteten. Sie waren in ihrem Glauben zum ersten Mal fröhlich, frei und lebendig. Dadurch entstand auch in uns Kindern ein Hunger. Sie beteten für uns, und so lernte ich zum ersten Mal das Leben Gottes kennen. Ich weiß auch noch, dass ich zum ersten Mal Gottes Stimme hörte.“ „Was geschah dann?“ „Ein paar Jahre wuchs das Treffen, und sie wollten, dass sich auch ihre Kirche dafür öffnete. Aber es gab sehr viel Misstrauen und Anklagen. Als sich einige Monate später der Staub legte, war klar, dass sie in der Kirche nicht länger willkommen waren. Viele © GloryWorld-Medien 2007

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von ihnen gaben ihre Mitgliedschaft auf, doch dies dämpfte ihren Eifer nicht. Sie sahen es einfach als Verfolgung an. Da sie in ihrer Kirche nicht länger willkommen waren, entschieden sie sich, miteinander eine neue zu beginnen. Zum ersten Treffen kamen über achtzig Leute, die sich in ein kleines Haus drängten. Die Atmosphäre war wie elektrisiert. Sie entschlossen sich dann, sich stärker zu organisieren, ein Gebäude zu mieten und einen Pastor anzustellen.“ Da sah ich es zum ersten Mal sehr klar: „Und langsam starb es. Sie waren durch die ganze Arbeit so abgelenkt, dass sie bald die Freude verloren, einfach Jesus zu lieben.“ „Das ist schon seltsam, nicht wahr, dass ihr Versuch, es zu dem zu formen, was sie sich unter einer Kirche vorstellten, das schaffte, was die Verfolgung nicht geschafft hatte. Es gibt nichts, was sich der Vater für uns mehr wünscht, als dass wir voll und ganz in den Schoß seiner Liebe fallen und für den Das ist schon Rest unseres Lebens nie mehr davon wegkommen. Seit den Tagen der Schöpseltsam, dass ihr fung bis zur Wiederkunft Jesu sah und Versuch, es zu sieht Gottes Plan der Erlösung vor, Mendem zu formen, schen in diese Liebesbeziehung hineinzuführen, die der Vater, der Sohn und der was sie sich unHeilige Geist schon seit ewigen Zeiten ter einer Kirche miteinander haben. Er möchte nichts weniger – beziehungsweise nichts andevorstellten, das res!“ schaffte, was die „Das ist kein ferner Gott. Er sandte Verfolgung nicht seinen Sohn nicht mit einer Liste einzuhaltender Vorschriften oder zu praktiziegeschafft hatte. render Rituale zu uns. Sein Auftrag war, uns in seine Liebe einzuladen – in eine Beziehung zu seinem Vater, die er als Freundschaft beschrieb. Aber was tun wir? Wir lassen uns so schnell durch eine von Arbeit bestimmte religiöse Kultur gefangen nehmen, die genau diese Liebe vertilgt, die sie eigentlich erhalten will.“ „In Ephesus ging es darum, Irrlehrer ausfindig zu machen. In Galatien sollten alle dazu gebracht werden, alttestamentliche Rituale zu befolgen. Heute geht es darum, dass man mit dem Programm der jeweiligen Kirche kooperiert. Es ist egal, durch was Menschen 34

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Ein Spaziergang im Park

von Gottes Leben abgebracht werden, sodass sie schließlich so davon in Beschlag genommen sind, dass es wie ein angemessener Ersatz dafür funktioniert. Es fällt uns leichter, das Problem zu erkennen, wenn es um die Beschneidung in Ephesus geht, als wenn es um den Gottesdienstbesuch am Sonntagmorgen in Kingston geht. Beides kann aber zum gleichen Ergebnis führen – gelangweilte und desillusionierte Gläubige, die sich nicht länger für das Leben des Vaters öffnen.“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich war mir noch nicht einmal sicher, ob ich mit ihm übereinstimmte. Wie konnte man den Gottesdienstbesuch mit der Beschneidung vergleichen? „Ich möchte dir eine Frage stellen, Jake. Wie viele Deckenfliesen habt ihr in eurem Gottesdienstraum?“ Darüber musste ich nicht lange nachdenken. „312 vollständige und 98 unvollständige.“ „Und woher weißt du das?“ „Ich zähle sie, wenn es mir langweilig wird.“ „Das scheint aber häufig zu passieren. Weißt du, dass es vielen anderen genauso geht? Ich habe einmal jemand getroffen, der sogar die Nummern auf der Anschlagtafel für die Lieder zusammenzählte, um herauszufinden, ob die Summe einmal 666 war. Sollte man nicht meinen, dass Menschen, die Gottes Leben miteinander teilen, in solchen Dingen weniger gut sind? Ist das vielleicht ein Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt?“ Vielleicht hat er ja Recht. „Was war dein letzter Gedanke, als du am letzten Sonntagmorgen in der Kirche angekommen bist?“ Da musste ich etwas länger nachdenken. „Ich ging noch einmal meine Notizen durch und versuchte ein Beispiel zu finden, das mir noch fehlte.“ „Ja, aber was hast du zu dir selbst gesagt, als du deinen Wagen am Gebäude geparkt hast?“ Es dauerte etwas, bis ich es aus meinem Gedächtnis hervorgekramt hatte. „Ich bin froh, wenn das vorbei ist und ich nach Hause gehen kann.“ Bei dem Gedanken daran musste ich kichern. „Woher wusstest du das?“ „Ich wusste es nicht, aber es wundert mich nicht. Weißt du, wie viele Leute es gibt, die so denken, selbst jene, die bezahlt werden,

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um anwesend zu sein, so wie du? Die Routine lässt das Leben mit der Zeit verkümmern, egal, wie gut sie ist.“ „Du findest also, dass die Desillusionierung von Jim eine gute Sache ist?“, fragte ich ungläubig. „Genauso wie deine. Wenn du erkennst, dass die Routine, in die du hineingestolpert bist, eigentlich nichts zu deinem Wunsch, Gott besser kennenzulernen, beiträgt, dann können unglaubliche Dinge geschehen. Woche für Woche das gleiche Programm abzusitzen, laugt einen aus. Hast du nicht genug davon, Jahr für Jahr feststellen zu müssen, dass du in dieselben Versuchungen fällst, dieselben unbeantworteten Gebete betest und keine Anzeichen dafür siehst, dass du Gottes Stimme mit größerer Klarheit wahrnimmst?“ „Ja, so ist es.“ Selbst ich war überrascht, wie schnell diese Antwort von meinen Lippen gekommen war, und über die Frustration, die damit einherging. „Weshalb tun wir es dann?“ „Die Antwort darauf, Jake, wird dir mehr über dich selbst zeigen als über die Kirche. Zunächst einmal solltest du ehrlich sein, was deine eigene Langeweile und Desillusionierung angeht. Der Vater hat seinen Wunsch nie aufgegeben, die Freundschaft, die du als 13-Jähriger mit ihm hattest, weiterzuführen.“ „Es gab auch noch andere Zeiten seither.“ „Natürlich, aber sie hielten nicht lange an, nicht wahr? Sonst hättest du es nicht nötig gehabt, Leute wie Jim zu decken und ihn mit beschwichtigenden, aber dennoch leeren Plattitüden wieder aufzubauen. Leute wie ihn sollte man nicht zum Schweigen bringen als solche, denen es an Glauben mangelt. Sie sollten stattdessen für ihren Mut gelobt werden, dass sie ihr geistliches Leben als etwas Reales behandeln. Ehrlich gesagt, beweist Jims Aufrichtigkeit mehr Glauben als dein Unbehagen damit.“ „Was soll ich tun, John? Ich möchte das Leben haben, von dem du sprichst.“ „Es kostet dich nicht viel, Jake. Sei einfach nur echt mit dem Vater und widerstehe dem Drang, in dein Schneckenhaus zurückzukriechen und schweigend die Lieblosigkeit auszuhalten. Der Kampf, in dem du steckst, kommt daher, dass Gottes Geist deinen Geist ruft. Bitte ihn um Vergebung dafür, dass du die Kraft seiner Liebe durch andere Dinge ersetzt hast, und lade ihn ein, dir zu zeigen, wie sehr deine eifrigen Bemühungen, gute Werke für ihn zu

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tun, seine Liebe für dich verdunkeln können. Lass Gott dann den Rest machen. Er wird dich zu sich ziehen.“ Ein Blick auf meine Uhr sagte mir, dass ich gehen musste. „Es tut mir leid, ich muss mich beeilen. Es ist schon lange her, John, aber ich werde es noch einmal versuchen!“ „Gut. Wäre es nicht toll, wieder jeden Tag mit der Zuversicht, von Gott geliebt zu sein, aufzuwachen, ohne dies durch eigene gute Taten verdienen zu müssen? Das ist der Schlüssel zur ersten Liebe. Versuche nicht, sie zu verdienen. Erkenne, dass du angenommen und geliebt bist – nicht für das, was du für Gott tun kannst, oder weil du irgendwie hoffst, dass du seiner Annahme würdig bist, sondern weil es sein größter Wunsch ist, dich als eines seiner Kinder zu haben. Jesus kam, um alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die das verhindern wollen.“ Ich stand auf, um zu gehen, und griff nach Johns Hand. Er drückte die meine und hielt sie noch einen Moment. „Das ist nicht schwer, Jake. In diesem Reich bekommst du wirklich, was du suchst. Darum geht es letztlich. Wenn du eine Beziehung zu Gott suchst, wirst du sie auch finden.“ „Aber warum habe ich sie dann nicht? Ich dachte, ich hätte die ganze Zeit danach gesucht.“ „Am Anfang war es vielleicht so. Aber es funktioniert auch umgekehrt: Wenn du dir ansiehst, wo du geendet bist, dann weißt du, nach was du wirklich gesucht hast!“ Er ließ meine Hand los. Seine Worte endeten mit großer Bestimmtheit, und ich war wegen meiner Verabredung so unter Druck zu gehen, dass ich nur noch nickte. Ich hatte damals keine Ahnung, was er wirklich meinte. „Ich hoffe, ich werde dich wiedersehen.“ „Ja, bestimmt wird es zur rechten Zeit so sein.“ Ich dankte ihm, winkte noch zum Abschied und rannte los. Es hat mich schon immer gewundert, dass die größten Abenteuer unseres Lebens immer so einfach beginnen, sodass wir noch nicht einmal merken, dass wir uns auf eines eingelassen haben, bis wir ein gutes Stück des Weges gegangen sind und zurückschauen können. So sollte es sich auch bei mir erweisen.

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