Sabine von der Wense
Du gabst mir neue FlĂźgel
SABINE VON DER WENSE
Du gabst mir neue Flügel Wenn die Seele trauert
Ernst Franz Verlag • Metzingen/Württ.
CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek Wense, Sabine von der: Du gabst mir neue FlĂźgel/Wenn die Seele trauert Metzingen/WĂźrtt.: Franz 2004 ISBN 3-7722-3042-3 Copyright Ernst Franz Verlag, 2004 Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Grafisches Atelier Arnold, Dettingen Herstellung: Heinzelmann Druck-Service, Metzingen Printed in Germany
INHALT
Vorwort 7 Einleitung 9 Der Abschied 11 Dem Himmel so nah 31 Ich will euch trรถsten 43 Ein Kinderwunsch 57 Freut euch ... 63
Leiden werden uns zu FlĂźgeln, die uns hineintragen in das Reich seiner Herrlichkeit, darin die wohnen werden, die gekommen sind aus groĂ&#x;er TrĂźbsal.
VORWORT
Das vorliegende Buch habe ich geschrieben, weil ich es schreiben mußte. Wenn man das aufschreibt, was einem widerfahren ist, öffnet man ein Ventil und ein kleiner Teil des Schmerzes, der die Seele unklammert hält, strömt in die Seiten hinein. Es ist also ein heilsamer Prozeß. Trauernde Menschen ähneln einander und sind doch ganz allein in der Bewältigung ihres Schmerzes und dem Leid, das sie heimgesucht hat. Mein Leiden ist anders als das meines Bruders und doch können wir voneinander lernen und Trost finden in der Anteilnahme am Schmerz des anderen. So wage ich es, liebe Leserin, lieber Leser, diese Seiten zu veröffentlichen, in der stillen Hoffnung, daß sie dem einen oder anderen helfen können mit den eigenen Schmerzen umzugehen — so wie ich es nach dem Verlust meines Sohnes lernen mußte. Ich lasse Sie hineinblicken in mein Leid. Bitte erschrecken Sie nicht über meine Art zu trauern; sie ist heftig und unkontrolliert, für den einen oder anderen vielleicht auch unverständlich. In den ersten schlimmen Monaten halfen mir die Menschen, mit denen ich meinen Glauben teile, ihnen gilt mein besonderer Dank. Am Tag der Beisetzung meines Sohnes fand ich in den Losungen die Worte: »Der Gerechte muß 7
viel erleiden, aber aus alldem hilft ihm der Herr« (Psalm 34,20). Heute weiß ich, dass er in den schwersten Stunden immer bei mir war. Er hat mich auf Adlers Flügeln getragen, und ich durfte erfahren, daß auch nur der leiseste Hauch von Gottes Nähe uns übermenschliche Kraft verleiht.
Sabine von der Wense
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EINLEITUNG
Als ich an einem strahlenden, wolkenlosen Spätsommertag nach einer gelungenen Vortragsreise gegen drei Uhr nachmittags Hamburg erreichte, konnte ich nicht ahnen, dass sich in dieser Stunde ein junger Mann entschloß, seinem Leben ein Ende zu machen und sich aus dem 12. Stock des Philosophenturms der Hamburger Universität in den Tod stürzte. Dieser junge Mann war mein Sohn Florian. Ich frage mich immer, warum wir so wenig ahnen, warum wir die Tragödie neben uns in dem Augenblick ihres Geschehens nicht wie einen Riss spüren, der durch unseren Körper geht. Der Himmel war blau, ich hatte etwas Sinnvolles getan, eine Arbeit, die sich liebte und für die ich Gott dankbar war; ich fühlte mich wohl, und nichts in mir deutete darauf hin, daß sich vor der grössten Belastung meines Lebens stand und durch die tiefsten Schmerzen gehen würde, die dies Leben für mich bereit hielt. Es vergingen Tage, in denen ich wie immer mein Leben lebte, bis mich erst spät die Polizei (auf Grund meines anderen Namens durch meine Wiederverheiratung) ausfindig gemacht hatte, um mir den Tod meines Sohnes mitzuteilen. Ich schrie das Unfassbare aus mir heraus, um 9
dann in eine bodenlose Tiefe zu stürzen, in der ich mich in absoluter Dunkelheit, vollkommen alleingelassen, wiederfand. Ich suchte Gott, aber er war nirgends zu finden. Alle Türen schienen geschlossen, niemand hörte mein Rufen, ich war allein in der undurchdringlichen Nacht meines Schmerzes. Es dauerte viele lange Tage, bis ich begriff, was geschehen war. Die Existenz des Leides hatte mich gestreift. Aber das bedeutete nicht, daß Gott gegen mich war. Ich fand keine Lösung für meinen Schmerz; doch ich fand in der Dunkelheit das Licht des Glaubens und durfte erkennen, daß Gott sein Leiden mit meinem Leiden vereint!
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DER ABSCHIED Der Trauerprozeß ist für den Menschen, der ihn durchsteht, ein einsamer Prozeß.
C. S. LEWIS
Man hatte mir dringend abgeraten, meinen Sohn noch einmal zu sehen. Sein Körper war zerschmettert; ich würde den Anblick nie vergessen können. Aber ich konnte ihn nicht ohne Abschied gehen lassen, es war unvorstellbar für mich, ihn so einfach zurückzulassen. Und so setzte ich mich durch und tat das, was ich für richtig hielt und was für mich lebensnotwendig war. Wie wichtig ist es doch, das zu tun, was wir im Innersten glauben tun zu müssen. Niemand kann uns solche Entscheidungen abnehmen, denn niemand kennt unsere Beweggründe. Ich traf eine der wichtigsten Entscheidungen meines Lebens und sie war richtig. Ich fand ihn wieder zwischen brennenden Kerzen in einem stillen Raum neben der Friedhofskapelle. Sein Gesicht war unverletzt, der Mund leicht geöffnet, er hatte einen abweisenden Ausdruck, als wollte er sagen: »Laßt mich doch endlich in Frieden!« Er war bis zum Hals zugedeckt, nur die vom Aufprall dunkelblauen Hände lagen ruhig auf der
weißen Decke. Was darunter war, wußte ich nicht
und wollte ich mir auch nicht zumuten. Ich kniete II
nieder und übergab seine Seele Jesus. Ich bat Jesus, für ihn zu sorgen. Florian war der Mensch, für den ich am intensivsten in meinem Leben gebetet hatte, und dieses letzte Gebet an seinem offenen Sarg war das Einzige, was mir noch zu tun für ihn übrigblieb. Ich mußte ihn noch einmal berühren und sein Gesicht streicheln, erst danach, so wußte ich, würde ich Ruhe finden. Man ließ mir zehn Minuten, um Abschied zu nehmen von einem Menschen, den ich mein ganzes Leben lang mehr als mich selbst geliebt hatte und dem ich alles Glück dieser Erde gewünscht hätte. Dieses letzte Bild nahm ich wochenlang jede Nacht mit in meinen Schlaf, es war immer bei mir — und ich hielt es aus. Ich hatte Florian das letzte Mal neun Monate vor seinem Tod gesehen. Er hatte sich von uns allen zurückgezogen. Am Telefon sagte er mir, er wolle nicht reden. Meine Briefe blieben unbeantwortet. Der Haus- und Gebetskreis, an dessen Treffen er vier Jahre in meiner Wohnung teilgenommen hatte, hatte seinen Reiz für ihn verloren. Ich betete und hoffte, daß Gott alles zum Guten wenden würde. Ich war mir ganz sicher, daß er unsere Gebete erhören würde. In seiner Wohnung gab es nicht den geringsten Hinweis auf seinen Entschluß, aus dem Leben zu scheiden. Ich fand keinen Brief, keinen noch so kleinen Hinweis, der mir weiterhelfen konnte. Niemand wußte etwas, kein letztes Telefongespräch, nichts, nur eisiges Schweigen. Die beiden Zimmer, die er bewohnte, waren aufgeräumt, wie immer 12
fast peinlich ordentlich. Alles war an seinem Platz. Im Kühlschrank stand ein frischer Liter Milch, eine Flasche Orangensaft, noch ungeöffnet. Die Bettdecke war zurückgeschlagen, kein Anzeichen einer vielleicht unruhigen Nacht. Ich ging durch die Räume, in denen er gelebt hatte, durch die helle, sonnige Küche, in der es nichts gab als einen Teller, ein Glas, eine Tasse und Besteck für einen Menschen. Nie waren hier Gäste gewesen, nur ganz wenige, vereinzelte Menschen, die kamen und gingen. Vollkommene, selbstgewählte Einsamkeit. Ich sinke auf einen der Sessel, die er aus dem Sperrmüll geholt hat, und lasse meinen Tränen freien Lauf. Das Unfaßbare ergreift mich neu — ich werde ihn nie wiedersehen!
Ich nehme seine Welt um mich herum wahr. Auch diese ganz eigene Welt, die er sich ausgesucht hat, hat er nicht geliebt. Er wollte nicht in diese Wohnung, wollte keine Veränderung in seinem Leben, nur widerwillig war er vor einem Jahr hier eingezogen, als wüßte er, daß ihn Depression und Tod erwarteten. Ich streiche mit der Hand über die Bücher, die er geliebt hat. Die wenigen Bücher, die ich ihm nach seiner Bekehrung geschenkt habe, stehen an einem besonderen Platz, Zeugnisse des Glaubens. Er hat in ihnen viel unterstrichen, ganze Abschnitte eingerahmt; ich entdecke geistige Ähnlichkeiten zwischen ihm und mir, gedankliche Über-
einstimmungen. Er war ein gründlicher Leser, ein 13
Leser mit dem Bleistift in der Hand, und an den unterstrichenen Stellen kann ich erkennen, wie sehr er mit dem Glauben gerungen hat. Dann Seite an Seite, die Existentialisten, Camus und Sartre, die Atheisten, die ihn lange Jahre so maßgeblich beeinflußt haben, ein schleichendes Gift im Mantel einer faszinierenden Geistigkeit: Die Welt der Intellektuellen. Er wollte nie so sein, aber sie übten eine magische Anziehungskraft auf ihn aus. Florian war ein zutiefst reiner Mensch, der nicht in diese Welt paßte. Er saß unter den anderen Menschen als jemand, der mitmachte und doch anders war. Sie verwundeten seine Seele, aber er schien es nicht zu merken. Er liebte auch die Bücher des Glaubens, er hat es mir oft gesagt, aber der Schatten der anderen lag über seinem Leben. Der Poesie und der geistigen Unabhängigkeit eines Albert Camus konnte er sich nicht entziehen. Auch der zerstörerische Einfluß Sartres hat ihn nie verlassen. In diese zutiefst eigene Welt, in die er nur selten jemand hineinschauen ließ, zog er sich mehr und mehr zurück. Seine Bedürfnisse aber blieben unerfüllt. Ich weiß, wie sehr er sich nach einem Menschen in seinem Leben sehnte. Er hoffte und betete, aber da war nichts als Schweigen, und das Warten wurde zum Albtraum. Die Bedürftigkeit eines jeden Menschen ist unterschiedlich, auch verschieden groß. Gott hat uns mit der Sehnsucht geschaffen, geliebt zu werden. Diese Sehnsucht haben wir alle gemeinsam. Wenn keines unserer Bedürfnisse je befriedigt wird, sterben wir. Man stirbt am Mangel, den man nicht 1¢
mehr ertragen kann, der einen blutleer macht und der die Luft zum Atmen nimmt. An diesem Mangel ging er zugrunde. Er wollte ein gutes Leben, aber er wollte nicht leben um jeden Preis. In all den Jahren habe ich darunter gelitten, an seinem Leben keinen Anteil haben zu dürfen. Ich wußte, daß er mich liebte, aber er verletzte mich durch sein Schweigen. Ich durfte auch keinen Anteil an seinem Tod haben — aber diesen letzten Weg geht wohl jeder von uns allein. Aber wie ist der Tod, den man dem Leben vorzieht? Schmeckt er nach Tränen und Verzweiflung oder ist er Erlösung und Aufatmen? Was treibt einen Menschen zu dieser Entscheidung? Ist es eigene Schuld, die Tragödie verpaßter Chancen, ist es eine depressive Veranlagung, die dunkle Stimme in uns, die nicht zum Schweigen kommt? Geht auch das an Gott vorbei, diese seelische Not und Armut? Warum fangt er sie nicht auf, warum greift er nicht ein? — Ich erwarte keine Antwort, Gott muß sie mir nicht geben. Es tut mir einfach gut, ihn all das zu fragen und ihm meine Gedanken mitzuteilen. Ob er an jenem Morgen noch gebetet hat? In den Losungen lag das Lesezeichen am Tage seines Todes — ein Zufall? Unmöglich, so will ich glauben. Alles ist eingehüllt in dieses eisige Schweigen. Woher hattest du den Mut, das zu tun? Du bist immer ängstlich gewesen, kein Draufgänger, ein Mensch, der zögert, der nachdenkt — es kann nur der Mut
einer abgrundtiefen Verzweiflung gewesen sein.
Die schleichende Depression, die dich umklam15
mert hielt, war an ihre letzte Grenze gekommen. Du wolltest fliehen - vor dir selbst, vor dem Schmerz und der Einsamkeit, vor der unerträglichen Leere des Daseins. Ich verlasse die Wohnung, aber ich kann ihn nicht verlassen. Er ist nicht mehr da, aber ich klammere mich noch an ihn. Wenige Dinge werden zum kostbaren Besitz: sein grüner Schal, die wenigen Bücher, die er mir im Lauf eines Lebens geschenkt hat - Bücher, die mich bereichert haben, die ins Schwarze trafen; er wußte, was ich gerne las. Dann die vielen Bilder aus der Kindheit, von der er gesagt hat, sie sei glücklich gewesen.
Ich möchte einen Augenblick in diese Kindheit hineinschauen, vor allem in die frühen Jahre, die von Liebe und Zärtlichkeit geprägt waren. Eine innige Mutter-Kind-Beziehung bestimmte das Leben von uns beiden. Nachdem mein Mann uns verlassen hatte, lebten wir allein in einer geräumigen Zweizimmerwohnung. Wir hatten wenig Geld, denn ich wollte zu Hause bei meinem Sohn sein, und für einen Kindergartenplatz war es noch zu früh. Florian stand im Mittelpunkt meines Lebens. Er war aufgeweckt und fröhlich und gab mir die Liebe, nach der ich immer gesucht hatte. Ich erinnere mich, daß ich nichts vermißte in dieser Zeit. Die Grundbedürfnisse meiner Seele wurden gestillt. In der Sorge für einen anderen geliebten Menschen fand ich eine lang ersehnte Erfüllung. Ich widmete ihm i6
meine ganze Zeit, und so floß viel Zärtlichkeit und Liebe in seine Kinderjahre. Als ich ein Jahr später meinen zweiten Mann kennenlernte, der auch geschieden war und eine gleichaltrige Tochter mit in die Ehe brachte, musste sich Florian mit einem neuen Vaterbild auseinandersetzen. Beide haben es leider nie geschafft eine persönliche Beziehung zueinander zu finden; sie respektierten sich, konnten aber nichts miteinander anfangen. Seinen leiblichen Vater, der nervlich sehr labil war und zurückgezogen lebte, sah er nur selten. So fand er bei keinem von ihnen einen wirklichen Halt. Ihm fehlte die liebende Autorität eines Vaters, vielleicht war das auch der Grund warum er später immer Schwierigkeiten hatte mit autoritären Persönlichkeiten. Hier mag auch sein Mißtrauen gegen Gott begründet sein. In meinem Leben blieb Florian die Nummer 1, bis 5 Jahre später meine Tochter geboren wurde und ihren Platz neben ihm einnahm. So blieb ich also bestimmend und massgebend für die ersten Jahre seines Lebens, eine Zentralfigur, an der er sich orientierte, wo er Schutz und Liebe suchte und Bestätigung fand. Ich war keine strenge Mutter und ich forderte nicht viel, ich hatte in Florian ein Kind vor mir, das sehr einfach zu lenken war, er war sehr folgsam, immer aufrichtig. Ich kann mich an keine einzige Lüge in seinem Leben erinnern —, er war voller Phantasie, nachdenklich und immer freundlich. Es war nicht schwer zu erkennen, daß hier ein Mensch mit geistigen Interessen heranwuchs, dessen praktische Fähigkeiten gering waren. Florian 17
war eher ungeschickt und völlig desinteressiert an allen sportlichen Betätigungen. Die Folge waren mehrere Knochenbrüche und Verstauchungen. Ich schonte ihn, statt ihn an diese Dinge heranzuführen. Immer trat ich für ihn ein, immer stand ich hinter ihm. So konnte er den Forderungen aus dem Weg gehen und hatte nicht die Möglichkeit, sich ihnen zu stellen. Hier habe ich versagt und bin schuldig geworden. Mit 15 Jahren, in der schwierigen Zeit der Pubertät, löste er sich mit ungewohnter Heftigkeit von mir. Ich hatte kaum noch Einfluß auf sein Leben, — Heute weiß ich, daß er unter der engen Bindung an mich litt und sich unter allen Umständen, bewußt oder unbewußt, davon befreien wollte. Er entzog sich nicht nur mir, sondern der ganzen Familie und sprach kaum noch mit uns. Seine Freunde waren so, daß ich sie am liebsten nicht in die Wohnung gelassen hätte. Alles, was ihn mit der Familie verband, wurde in Frage gestellt, alle Werte wurden umgekehrt, die Rebellion war vollkommen! Dann zog er aus und die Fäden zwischen uns wurden dünner. Ich versuchte noch einmal meinen ganzen Einfluß geltend zu machen, als er mir sagte, er werde sein Studium abbrechen, aber ich stieß nur auf Schweigen und Ablehnung. Dann, ganz plötzlich, nahm er doch das Angebot der Universität Cambridge für einen Studentenaustausch an und fuhr nach England. Ein Brief von dort zu meinem Geburtstag zeigt noch einmal die Vertrautheit unserer Beziehung und die beginnenden Schwierigkeiten mit anderen Menschen. Ich hatte auch 18