Debora Sommer
Juliane von Krüdener Eine Baronin missioniert Europa
Inhalt Vorwort zur Neuauflage................................................................... 7 Ahnentafel der Baronin von Krüdener......................................... 10 Prolog................................................................................................ 11 Kapitel 1 Kindheit & Jugend einer Baronesse.............................................. 15 Kapitel 2 Junge Ehefrau & Botschaftergattin................................................ 48 Kapitel 3 Liebeswirren & Sinnkrisen............................................................. 85 Kapitel 4 Erfolg & Gottesbegegnung mit Folgen....................................... 121 Kapitel 5 Selbstfindung & missionarische Anfänge.................................. 161 Kapitel 6 Politischer Einfluss & Missionsreise........................................... 226 Kapitel 7 Exil & neues Missionsfeld............................................................ 298 Kapitel 8 Abschied & Vermächtnis.............................................................. 356 Zeittafel........................................................................................... 362 Anmerkungen................................................................................ 364 Bibliografie..................................................................................... 382
Für meine Kinder, Ruben & Dina. Möget ihr die Geschichten vergessener Frauen an eure und die nächste Generation weitergeben und als Mann und als Frau selber Geschichte schreiben! *** In dankbarer Erinnerung an Juliane von Krüdeners Nachkommen Francis Ley (1920–2014) und an Ulrich Grammel (1934–2013), mit denen ich meine Forschungsleidenschaft teilen und von denen ich viel lernen durfte.
Vorwort zur Neuauflage Dass meine Krüdener-Biografie neu aufgelegt wird, erfüllt mich mit großer Freude und Dankbarkeit. Die Erstauflage der Biografie erschien im September 2014. Punktgenau zu meinem 40. Geburtstag. In Erinnerung an Juliane von Krüdeners Geburtstag, der sich am 22. November 2014 zum 250. Mal jährte. Damals war ich als Autorin ein noch unbeschriebenes Blatt und es brauchte mehrere Anläufe, einen Verlag zu finden, der bereit war, die historische Biografie einer vergessenen Baronin, geschrieben von einer unbekannten Newcomer-Autorin, zu drucken. Einzig bei Francke-Buch fand ich offene Verlagstüren. Dafür danke ich Anne-Ruth und Klaus Meiß von Herzen. Die Neuauflage erscheint nun im September 2024, also exakt zehn Jahre nach der Erstauflage. Punktgenau zu meinem 50. Geburtstag. In Erinnerung an den 200. Todestag der Baronin, die am Weihnachtstag 1824 auf der Krim starb. Nach der Erstlauflage der Krüdener-Biografie sind in den vergangenen zehn Jahren insgesamt sechs geistliche Ratgeber und zwei lyrische Publikationen von mir erschienen. Zweifellos haben meine geistlichen Ratgeber eine wesentlich breitere Leserschaft gefunden als die vorliegende Krüdener-Biografie. Dies ändert nichts daran, dass mich mit diesem Buch und seiner Protagonistin eine außergewöhnliche Herzensgeschichte verbindet. Der Blick auf einen kurzen Lexikonbeitrag während meines Theologiestudiums im Frühling 1998 stand am Anfang meiner abenteuerlichen Forschungsreise. Wie war es möglich, dass ich noch nie etwas von dieser Frau gehört hatte und sie kaum jemand kannte? Heute wage ich zu behaupten: Wäre sie ein Mann gewesen, hätte man sie nicht aus den Geschichtsbüchern verbannt, und sie wäre den meisten heute noch ein Begriff. Meine 13-jährige Forschungsarbeit mündete in eine Promotion und eine Doktorarbeit, deren Publikation rund 700 Seiten umfasst. Keine Angst! Was Sie hier in Händen halten, ist nicht meine 7
Doktorarbeit! Es ist vielmehr die Essenz meiner Nachforschungen, verpackt in einen Text, der sich liest wie ein historischer Roman. Das Buch beginnt mit der Geburt der kleinen Baronesse und endet mit ihrem Lebensabend auf der Krim. Die Beschäftigung mit der baltischen Missionarin hat mich stark geprägt. Ihr mutiges und grenzüberschreitendes Leben und Wirken wurden mir zum Vorbild und zur Inspiration. Nicht nur mein persönlicher Horizont hat sich erweitert, ich kam dadurch im vergangenen Jahrzehnt zu meiner großen Überraschung auch in Kontakt mit einer Vielzahl von spannenden Persönlichkeiten. Einige teilen meine Forschungsleidenschaft für Juliane von Krüdener, andere sind genealogisch oder geografisch mit dem Leben der Baronin verbunden. Ein besonderer Höhepunkt war meine Teilnahme am französischsprachigen Kolloquium »Les femmes en mouvement«, einer internationalen Tagung der Universität Potsdam und der Universität Toulouse im Oktober 2015, mit besonderem Fokus auf Madame de Krüdener. Die Teilnahme kostete mich viel Mut, zumal mein Französisch etwas eingerostet war. Doch es war jede Aufregung wert. Die spürbare Wertschätzung für meine Expertise und Forschungsarbeit berührte mich sehr. Unvergessen bleibt auch die Begegnung mit einer anderen Teilnehmerin, einer Professorin aus Moskau, mit der ich seit Jahren in Mailkontakt stand und die mich tatkräftig bei meinen Nachforschungen unterstützte. Darüber hinaus gäbe es noch vieles mehr zu berichten. Zum Beispiel von meinem Erstaunen, als ich einen Brief von einem baltischen Baron erhielt, dessen Mutter auf Julianes livländischem (heute estnischem) Landgut Kosse (Viitina) aufgewachsen ist. Erst neulich hat sich ein weiterer überraschender Kontakt ergeben, verbunden mit einer spannenden Event-Anfrage im Zusammenhang mit Juliane von Krüdener. Zu Ehren ihres 200. Todestages wünsche ich mir, dass noch viele Menschen auf Juliane von Krüdener und ihre wichtige Botschaft aufmerksam werden. Man mag der Baronin vieles vorwerfen und absprechen. Nicht aber die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens und die Unerschrockenheit, einen Auftrag zu erfüllen, zu dem sie sich berufen sah. Sie setzte sich nach Kräften dafür ein, die Botschaft der Bibel kompromisslos umzusetzen, und kämpf8
te bis an ihr Lebensende für die praktische Umsetzung frommer Theorie. Julianes Leben hat wertvolle Segensspuren hinterlassen. Ihr Beispiel soll uns ermutigen, dass auch wir mutig unseren Weg gehen und dabei ebenfalls Segensspuren hinterlassen. Liebe Leserin, lieber Leser, in diesem Sinne wünsche ich Ihnen von Herzen gesegnete Lesestunden mit meinem Buch. Möge es Sie ermutigen und inspirieren für Ihren eigenen Lebensweg. Dies wünscht von Herzen, Debora Sommer Strengelbach (Schweiz), im Juni 2024
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Prolog Noch heute sehe ich die Ereignisse jenes nasskalten Novembertags im Jahr 2005 vor mir, als ob sie sich gestern zugetragen hätten. Meine Aufregung war nicht zu verbergen, als ich in der französischen Eisenbahn, begleitet von meiner Schwester und einer Freundin, der Pariser Banlieue entgegenbrauste. In Kürze sollte ich einem leiblichen Nachkommen jener Frau gegenüberstehen, die mich seit rund sieben Jahren faszinierte: Barbara Juliane von Krüdener, die adlige, weit gereiste Botschaftergattin aus den russischen Ostseeprovinzen. Die um 1800 in Paris gefeierte Romanautorin und Salonnière, welche knapp 20 Jahre später aufgrund ihrer missionarischen Aktivitäten aus Westeuropa verbannt wurde. Die Begegnung mit Juliane von Krüdeners Ur-Ur-Ur-Enkel Francis Ley und seiner liebenswerten Gattin übertraf meine kühnsten Erwartungen. Einer Zeitreise gleich wurde Geschichte lebendig, erzählten Porträts und Gemälde von Liebe und Schicksal, Sieg und Niederlage, enthüllten Schubladen, Karteikästchen und Bücherregale Schätze, von denen ich nichts geahnt hatte. Francis Ley erwies sich als hervorragender Reiseführer auf dem Rundgang durchs Privatmuseum. Jahrzehntelang hatte er unzählige Stunden in die Auswertung der Familienarchivalien investiert, zahllose Korrespondenzen unterhalten, Dokumente und vielerlei mehr gesammelt. All dies floss in seine zahlreichen Publikationen ein, die im deutschsprachigen Raum kaum zur Kenntnis genommen wurden. Sorgsam hinter Glas verwahrt sein besonderer Stolz: Ein Dolch von Zar Alexander I. und ein Säbel von Kaiser Napoleon. Besitztümer zweier Männer, die nicht nur die Hauptvertreter der großen politischen Kontrahenten jener Zeit waren, sondern die Juliane von Krüdener auch persönlich kannte. Beim freundschaftlichen Tee mit farbenfrohen Macarons sah ich mich in meinem Beschluss bestätigt, das Leben der geheimnisvollen Baltin weiter zu erforschen. Auf der Heimreise kreisten meine Gedanken einmal mehr um 11
die Frage, wie es geschehen konnte, dass eine Frau vom Format Krüdeners aus dem Geschichtsbewusstsein mehrerer Generationen verschwand, während viele befreundete Geistesgrößen ihre verdiente historische Ehre erlangten. Mit ihrem kosmopolitischen Hintergrund sowie ihrem grenzüberschreitenden Leben und Wirken von Ost- bis Westeuropa war die Baltin zweifellos nicht leicht einzuordnen. Ihre russische Andersartigkeit und Direktheit waren für manchen nüchternen Westeuropäer eine Überforderung. Die Botschaft ihrer missionarisch aktiven Jahre war unbequem und forderte ein Umdenken. Tausende von Menschen strömten in Schweizer Städten wie Basel, Aarau oder Luzern zusammen, um die Frau aus dem Norden zu sehen, zu hören oder Hilfe zu finden. Tief betroffen von der erbarmungslosen Hungersnot jener Jahre setzte sich die Baltin nach Kräften und mit allen Mitteln für die leidende Bevölkerung ein. Die »Mutter der Armen« nahm kein Blatt vor den Mund, wenn sie Geistliche und Regierungen auf ihre Verantwortung aufmerksam machte und forderte ein Evangelium der Tat. Unerschrocken trat sie vor Herrscher und prophezeite lange im Voraus den Untergang der Bourbonen und Napoleons Rückkehr von der Insel Elba. Die baltische Missionarin war wiederholt in den Top-Schlagzeilen ihrer Zeit – in Russland, Frankreich, Deutschland, der Schweiz und Italien. Ihr missionarisches Auftreten führte zu hitzigen Diskussionen und Korrespondenzen. Die »Angelegenheit Krüdener« wurde in den höchsten Ebenen der Politik und selbst bei Pfarrkonventen auf die Tagesordnung gesetzt. Geistliche wurden ihretwegen suspendiert, die Kriminalpolizei heftete sich an ihre Fersen und vieles mehr. Sie polarisierte Familien, Kirchengemeinden, Städte und Kantone. Ihre Ausweisung nach Russland brachte vielen Westeuropäern die erwünschte Ruhe. Es bedeutete eine Erleichterung, die Akte Krüdener schließen zu können. Seit jenem Novembertag im Jahr 2005 sind etliche Jahre verstrichen. Jahre, die mich in viele Archive und zu diversen Lebensschauplätzen der baltischen Missionarin geführt haben – etliche davon in meiner Schweizer Heimat, andere etwas weiter entfernt. Jahre, in denen die wertvolle Vernetzung mit KrüdenerForschern in West- und Osteuropa meinen Forschungshorizont 12
erweiterte. Das Ergebnis meiner Nachforschungen nahm in der Abfassung einer umfangreichen Doktorarbeit Gestalt an, die seit Oktober 2013 als Publikation1 vorliegt. Es handelt sich dabei um die erste umfassende Studie über das Leben der baltischen Missionarin aus theologischer Perspektive. Die Spurensuche führte mich von West- bis Osteuropa. Neben einer bis heute nicht ausgeschöpften Fülle an Archivalien und einem bunten Reigen an Forschungsliteratur in diversen Sprachen sind die junge Juliane und ihr zweieinhalbjähriger Sohn Paul – der spätere Botschafter von Bern – zum Beispiel im Pariser Louvre zu bewundern. An Julianes Aufenthalt im Landkreis Heilbronn erinnert ein Gedenkstein in der Königsmauer auf der Burgruine Weibertreu bei Weinsberg. Spuren finden sich ebenda auch im Hotel Rappenhof. In jener Gegend erlebte die Baltin in den vergangenen Jahren in ihrer Rolle als Schriftstellerin der Romantik eine Art Renaissance. Dementsprechend wurde sie in jüngster Zeit mit einer Station auf dem literarischen Radweg Per Pedal zur Poesie oder auch im Rahmen der touristischen Gästeführung Die Frauen von Weinsberg gewürdigt. Auf Julianes erweckliche Impulse auf den Genfer Réveil weist eine Hinweistafel im Untergeschoss des Internationalen Museums der Reformation in Genf hin. In Erinnerung an Julianes Wirken in der Schweiz in den Jahren 1816-1817 wurden der Baltin im Jahr 1998 in Aarau und im Juni 2010 in Luzern je eine Gedenkstation anlässlich von Stadtführungen gewidmet. Auch in Osteuropa finden sich vereinzelt Spuren: Im Park von Julianes ehemaligem Landgut Kosse steht beispielsweise eine Gedenktafel zur Geschichte des Anwesens, auf der der ehemaligen Besitzerin und Wohltäterin gedacht wird. Die Spurenbilanz löste zwiespältige Gefühle in mir aus. Umgetrieben hat mich vor allem die Frage, was Juliane von Krüdener wohl zu diesen Spuren sagen würde. Ob es tatsächlich die Art von Spuren ist, die sich die baltische Missionarin zu hinterlassen gewünscht hatte? Als Station einer Stadtführung und eines Radweges, als Gedenkstein in einer Mauer oder auf einer Gedenktafel zu enden? Was ist mit ihrem missionarischen Anliegen, das ab 1814 alle anderen Anliegen dominierte? Wo bleiben die Spuren ihres missionarischen Wirkens? Gibt es überhaupt welche? 13
Lassen Sie sich mitnehmen auf eine Reise in eine der ereignisreichsten Epochen der neueren Geschichte: In die Zeit der französischen Revolution, die Juliane von Krüdener aus unmittelbarer Nähe miterlebte. In die Blütezeit der Salons europäischer Metropolen, geprägt von Aufklärung, Klassik und Romantik. Und mittendrin eine adlige Salondame, die mit vorherrschenden Traditionen brach und neue Wege beschritt. Begleiten Sie mich auf eine Reise in die Vergangenheit. Tauchen Sie ein in das Leben einer Frau, die einen Platz in der Geschichte verdient hat, selbst wenn die Beurteilung ihres Wirkens unterschiedlich ausfallen mag.
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Kapitel 1
Kindheit & Jugend einer Baronesse 1764-1782 »Die Einsamkeit der Meere, ihre ungeheure Stille oder ihr stürmisches Treiben, der unsichere Flug des Eisvogels, der melancholische Schrei des Vogels, der unsere erstarrten Gegenden liebt, die traurige und milde Klarheit unserer Nordlichter, all dies nährte die verschwommenen und bezaubernden Unruhen meiner Jugend«.2 Juliane von Krüdener in ihrem Roman Valérie
Geburt einer Baronesse
Während man im Westen gemäß neuer Zeitrechnung den 22. November 1764 schrieb, fiel der geschichtsträchtige Tag in Riga auf einen 11. November. Die Nachricht von der Geburt der kleinen Baronesse verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der livländischen Metropole und machte die klirrende Kälte des Novembertags erträglicher. Dabei war es weniger das neugeborene Mädchen, das der Ankündigung Gewicht verlieh, sondern vielmehr die Prominenz der Familie, in die es hineingeboren wurde. Das Volk fieberte nach Neuigkeiten aus dem Adelspalais der Familie von Vietinghoff. Baron Otto Hermann, der Vater der kleinen Baronesse, galt als einer der reichsten Männer Russlands und wurde in den Gassen von Riga und den Weiten der angrenzenden Provinzen ehrfürchtig König von Riga und Halbkönig von Livland genannt. Livland gehörte neben Estland und Kurland zu den drei russischen Ostseeprovinzen, aus denen sich später die heutigen Staaten Estland und Lettland bildeten. Riga, die stolze Hansestadt, 15
das Herzstück des historischen Livlands, wurde somit zur Wiege der neugeborenen Baronesse. Eine Stadt der Kontraste, die eine Vielzahl von Kulturen, Konfessionen und Gesellschaftsschichten in sich vereinte, aber auch Extreme wie Reichtum und Armut. Gewissermaßen symbolisch für die Zukunft der neugeborenen Baronesse, deren Leben eine ähnlich faszinierende Verschmelzung unterschiedlichster Elemente und Kontraste werden sollte. Nicht weniger als drei Edeldamen und ebenso viele Edelmänner standen wenige Tage später in der imposanten Domkirche zu Riga Pate, als die kleine Baronesse am 29. November im Rahmen einer würdevollen Feier auf das evangelisch-lutherische Bekenntnis getauft wurde. Einer ihrer Paten war kein Geringerer als der amtierende Gouverneur von Livland. Die beiden deutschen Vornamen Barbara Juliana erhielt das kleine Mädchen zu Ehren zweier berühmter Frauen des mütterlichen Familienzweigs. Barbara wurde sie aus Wertschätzung zu Barbara Eleonora Gräfin Saltikowa (1691-1774) genannt, der zweiten Frau ihres weltberühmten Urgroßvaters Graf von Münnich. Juliana hieß sie nach ihrer Patin und Großtante Juliana von Mengden (1719-1786), die als Hofdame freiwillig die Verbannung der russischen Zarin Anna Leopoldowna geteilt hatte. Die schöne und zufriedene Juliana von Mengden hinterließ einen prägenden Eindruck auf die kleine Baronesse. »Manchmal gingen wir aufs Land, wo die Luft noch von den alten Sitten erfüllt war«3, erinnerte sich Barbara Juliana in späteren Jahren an die Besuche bei ihrer Urgroßmutter Barbara und ihrer Großtante Juliana. Letztere war trotz des Lebens am Zarenhof von bescheidener Einfachheit geblieben. Als Kind beobachtete die kleine Baronesse wiederholt voller Bewunderung, wie ihre Großtante frühmorgens aufstand, um mit einigen Bäuerinnen zu spinnen. Dazu sangen sie religiöse Lieder. Möglicherweise war die besondere Verbindung zur Großtante ausschlaggebend dafür, dass Juliana bzw. Juliane zum gängigen Rufnamen der kleinen Baronesse wurde.
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Deutschbaltisches Erbe
Dass Barbara Juliane trotz russischer Staatszugehörigkeit zwei deutsche Vornamen erhielt, hing mit ihrer deutschbaltischen Herkunft zusammen. Auch wenn sie in ihrer Unbekümmertheit noch nicht ahnte, wie sehr jene Abstammung ihr Leben bestimmen würde, war dieser Eckpfeiler unverrückbar gesetzt und durchdrang schon wenige Jahre später die kindliche Realität. »Ich kann nicht genau sagen, zu welcher Nation ich gehöre«4, beschrieb Juliane später als junge Frau ihr deutschbaltisches Dilemma. Deutschbaltisch zu sein, war in der Tat etwas Besonderes. Die Bewohner des Baltikums bildeten gewissermaßen eine lebende Brücke zwischen West- und Osteuropa. Das Resultat war eine einzigartige Verbindung westlicher und östlicher Eigenheiten; ein Gemisch von nordischen, slawischen, deutschen und französischen Einflüssen. Obwohl die baltischen Ostseeprovinzen zu Julianes Lebzeiten unter russischer Herrschaft standen, war die russische Nationalität ihrer Bewohner keineswegs auf den ersten Blick auszumachen, zumal die russische Sprache lediglich eine Nebenrolle spielte. Die Oberschicht unterhielt sich vorwiegend auf Deutsch und Französisch. Letzteres wurde in den baltischen Ostseeprovinzen – wie vielerorts im damaligen Europa – als Sprache der gehobenen Gesellschaft bevorzugt. Die deutsche Sprache hingegen war Teil der Geschichte und gehörte daher genauso zum Baltikum wie die vielen Deutschbalten. Mehr als 550 Jahre zuvor war Riga nämlich von einem deutschen Bischof gegründet worden. Im Laufe mehrerer Jahrhunderte hatten deutsche Ordensritter, darunter auch Vorfahren von Julianes Vater, das Gebiet nach und nach erobert. Später verwalteten und gestalteten sie im Auftrag wechselnder Herrscher – dänischer, polnischer, schwedischer und seit 1710 russischer Machthaber – Gebiete im heutigen Estland und Lettland. Dabei agierten sie gemäß deutschem Recht und mit deutscher Amtssprache. So bestimmten die Deutschbalten über Jahrhunderte hinweg die Geschicke der baltischen Ostseeprovinzen. Sie übten großen Einfluss auf die dortige Kultur, Tradition, Religion und Sprache aus. Obwohl mit dem deutschen Kulturgebiet verbun17
den, blieben die Deutschbalten jedoch unabhängig und dienten meistens dem Russischen Reich. Die Familiengeschichte der kleinen Baronesse liefert den besten Beweis dafür. Sowohl Julianes Urgroßvater und Großvater mütterlicherseits als auch ihr Vater, ihre Brüder sowie viele weitere Verwandte und Freunde standen in russischen Diensten. Trotz aller Bemühungen, sich zu integrieren, wurden die Deutschbalten von den Einheimischen als Ausländer und Fremde wahrgenommen. Sie waren russische Staatsangehörige und doch keine Russen. Sie waren deutschen Ursprungs und doch keine Deutschen. Dies führte vielfach zu einem Grundgefühl der Heimatlosigkeit. Auch Juliane sollte dieses Gefühl kennenlernen. Später entdeckte sie allerdings in Frankreich und der Schweiz – den beiden Ländern, zu denen sie sich am stärksten hingezogen fühlte – dass es auch Vorteile hatte, als Fremde angesehen zu werden, als nördliches Wunder voller »asiatischem Charme«5. Schließlich bildete genau jene Verschmelzung verschiedener Kulturen ein nicht zu unterschätzendes Element für ihren späteren schriftstellerischen Erfolg. Es machte sie interessant und geheimnisvoll. Deutschbaltisch zu sein hieß also einerseits, nirgends richtig dazuzugehören, andererseits bot es die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Kulturen zu wählen. Juliane entschied sich als junge Frau für die französische Kultur und Sprache, denen sich die ganze europäische Gesellschaft untergeordnet hatte. Diese wurden für sie zur Mutterkultur und Muttersprache, Frankreich zur »Heimat ihres Herzens«6. Aufgrund ihrer Liebe zu Frankreich bevorzugte sie später den Rufnamen Julie, die französische Variante ihres zweiten Vornamens.
Tempelrittervorfahren väterlicherseits
Julies Stammbaum väterlicherseits mit seiner ruhmvollen Vergangenheit kann bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Das Adelsgeschlecht von Vietinghoff ist untrennbar mit der deutschbaltischen Geschichte verflochten. Im 14. und 15. Jahrhundert gingen Arnold und Conrad von Vietinghoff als Land18
meister, also als oberste Führer des Schwertbrüderordens, in die Geschichte ein. Dieser geistliche Ritterorden war im Jahr 1202 nach dem Vorbild der Tempelritter gegründet worden und hatte die Missionierung Livlands zum Ziel. Riga entwickelte sich in der Folge zur Hauptstadt der Schwertbrüder. Die Bedeutsamkeit der väterlichen Ahnengalerie war Julie von Kind auf vertraut und sie war stolz darauf. Zugleich stand die Templervergangenheit wie ein Mahnmal über ihrem Leben: Aber während mich einerseits der Ruhm für das Großartige der Welt mitriss durch die Macht, welche ihr verführerischer Glanz auf mein Herz ausübte, so mäßigte andererseits das auf meinem Schreibtisch aufgestellte Kreuz der Ahnen meines Vaters, der Nachkommen der Tempelritter, diese Glut. Dieser souveräne Orden, welcher lange Zeit über Preußen und Livland, die Gegend, wo ich geboren wurde, regierte, lehrte mich, den Prunk und die Größe gering zu schätzen und bereitete mein Herz auf diese Siege vor, die noch größer sind als jene, durch welche Kaiserreiche unterworfen werden.7
Im 16. Jahrhundert war das Adelsgeschlecht von Vietinghoff mit beeindruckendem Besitz über ganz Alt-Livland verteilt und durch zahlreiche Eheschließungen mit den alten Geschlechtern des Landes verbunden. Unter Julies Vater erreichte der Familienzweig von Vietinghoff mit dem Beinamen Scheel einen neuen Höhepunkt. Otto Hermann Baron von Vietinghoff (1722-1792) hatte eine äußerst erfolgreiche Karriere als Offizier der russischen Armee durchlaufen. Nach seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst wurde er livländischer Regierungsrat im Rang eines russischen Staatssekretärs. Daneben war er stolzer Besitzer von über 30 Ländereien und Schlössern auf dem Boden der heutigen Staaten Estland und Lettland. Dazu gehörten Schloss Marienburg, Schloss Lubahn, Schloss Alt-Schwanenburg sowie die Rittergüter Kosse, Kroppenhof und das Gut Groß-Jungfernhof. Als tüchtiger Geschäftsmann betrieb er auf einigen seiner Ländereien ein florierendes Gewerbe mit Branntweinbrennereien, Ledergerbereien und Leinenwebereien. Wie viele einflussreiche Geistesgrößen seiner Zeit war er Mitglied einer Freimaurerloge. »Mein Vater liebte die Großartigkeit, die sich durch den Luxus der Gedanken verschönert«8, eröffnete Julie und ergänzte: »Seine Vorliebe für Gebäude eines 19
imposanten Baustils ließen ihn große Bauwerke in Riga errichten und wir bewohnten eines dieser Anwesen.« Auch ein Palais in Sankt Petersburg gehörte zum Familienbesitz. Otto Hermann von Vietinghoffs Stellung, sein Reichtum und seine Bildung ermöglichten ihm maßgeblichen Einfluss auf das gesellschaftliche und künstlerische Leben der baltischen Metropole Riga. Er galt im Volk als Ludwig XIV. von Riga und gehörte zu den markantesten Persönlichkeiten der baltischen Provinzen im 18. Jahrhundert.
Heldenhafte Ahnen mütterlicherseits
Der Stammbaum mütterlicherseits lässt sich zwar nicht ganz so weit zurückverfolgen, ist aber nicht weniger ruhmreich. Julies Mutter war die Enkelin des in ganz Europa berühmten Burchard Christoph Graf von Münnich (1683-1767). Der Oldenburger ging als brillanter Ingenieur, Architekt, russischer Generalfeldmarschall, Premierminister und Krim-Eroberer in die Weltgeschichte ein. Seine steile Karriere im Dienste russischer Zarinnen und Zaren begann 1721 unter Peter dem Großen. Letzterer bezeichnete ihn öffentlich als seinen fähigsten Mitarbeiter. Der hochgebildete von Münnich sprach mehrere Sprachen fließend und korrespondierte unter anderem mit Friedrich II. und Voltaire. Zu Graf von Münnichs Glanzleistungen gehörte der Bau des Ladogakanals. Dieser längste Schiffskanal jener Zeit verbesserte den Wasserweg von der Wolga zur Ostsee und erleichterte die Versorgung des 1703 gegründeten Sankt Petersburg. Auch der Hafen von Kronstadt und die Festungsanlagen von Riga entstanden unter von Münnichs fachmännischer Leitung. Als Generalfeldmarschall und Präsident des Kriegskollegiums reorganisierte er unter Zarin Anna I. die russische Armee und eroberte im Russisch-Österreichischen Türkenkrieg 1736 die Krim. Kurzzeitig als Premierminister im Amt, brachte ein Staatsstreich im Dezember 1741 das Todesurteil für Burchard Christoph mit sich. Auf dem Schafott erfolgte überraschend die Begnadigung. Anstelle der Todesstrafe kam es zur Güterenteignung und zur Verbannung. So lebte Julies Urgroßvater für die nächsten 20
20 Jahre im sibirischen Dorf Pelim, bis er 1762 unter Peter III. nach Sankt Petersburg zurückkehren und seinen alten Posten als Generalfeldmarschall wieder einnehmen durfte. Noch im selben Jahr ernannte ihn Katharina II. zum Generaldirektor der baltischen Häfen und Kanäle. Die Zarin würdigte ihn mit den Worten: »Obgleich Münnich kein Sohn war, so war er doch ein Vater des Russischen Reiches.«9 Burchard Christoph von Münnich starb, als seine Urenkelin Julie drei Jahre alt war: »Ich erinnere mich ganz genau«, so Julie, »dass ich – als ich kaum gehen konnte – in Trauerkleidung gehüllt zu meinen Eltern gebracht wurde: Der Marschall war gerade in Petersburg gestorben (...) Meine Mutter, die er leidenschaftlich geliebt hatte, weinte bittere Tränen um ihn.«10 Obwohl Julie bei seinem Tod noch klein war, blieb ihr Urgroßvater eine der prägendsten Gestalten ihres Lebens. Sie erkannte seine Charaktereigenschaften in sich selbst wieder. Von Geburt an umgeben mit allem Ansehen und allen Gefahren, welche der Macht anhaften, sah ich meine Jugendzeit umweht von ruhmreichen Fahnen, und der Marschall von Münnich, welcher das Osmanische Reich zweimal durch seine Armee unterworfen sah und mit einem so edlen Charakter versehen war, übertrug seiner Enkelin [Ur-Enkelin, D.S.] gewissermaßen wie einer jungen Tigerin diesen ritterlichen Geist und diesen edlen Enthusiasmus, welche ihn kennzeichneten.11
Der Generalfeldmarschall prägte Julies Mutter und deren Nachkommen auch in religiöser Hinsicht. Graf von Münnich hatte als junger Mann in französischer Kriegsgefangenschaft Erzbischof Fénelon kennengelernt, der ihn stark beeinflusste. Seit seinem Eintritt in russische Dienste im Jahr 1721 war Münnich ein aktives Mitglied der Evangelisch-Lutherischen Kirche. Im Jahr 1728 war er Architekt, Bauherr und Patron der St. Petri Kirche in Sankt Petersburg. Die Aufzeichnungen eines befreundeten Pastors bieten interessante Einblicke in das 20-jährige Exil des Generalfeldmarschalls. Der gesamte Tagesablauf in der Einöde Sibiriens, fernab jeglicher Zivilisation und unter härtesten Lebensbedingungen, war von einer anhaltenden religiösen Praxis und Liturgie geprägt. Genau festgelegte Gesänge, Gebete, Segen und Gedichte wurden jedem einzelnen Wochentag zugeteilt und in 21
wöchentlichem Rhythmus wiederholt. Täglich fanden zwei Gebetsstunden statt. Die ersten sieben Jahre standen diese unter der Leitung des Hauspredigers Martens, der seinem Herrn freiwillig in die Verbannung gefolgt war. Nach dessen Tod übernahm Julies Urgroßvater selbst die Leitung. Vom Moment des Erwachens bis zum Einschlafen am Abend versuchte Burchard Christoph von Münnich, seine Gedanken durch anhaltendes Gebet auf Gott auszurichten. Die so entstandenen Lieder und Gebete sammelte er in einem Buch.12 Der Psalm 51 war 20 Jahre lang sein täglicher Begleiter. Später versicherte er, dass er in der Verbannung fast immer fröhlich und guten Mutes gewesen sei. Innerhalb dieses religiös geprägten Tagesablaufes widmete sich der Generalfeldmarschall, der nicht mehr als zwei bis drei Stunden Schlaf pro Nacht brauchte, der Agrarforschung. Des Weiteren übermittelte er dem Senat Entwürfe für die Verbesserung der russischen Provinzen, unterrichtete einige junge Leute in Geometrie und Ingenieurwissenschaft, fertigte kriegswissenschaftliche Skizzen an, übersetzte lateinische Texte und schrieb zu den meisten Lehrsätzen des Christentums seine Gedanken auf. Er formulierte sogar ein eigenes Glaubensbekenntnis: Ich glaube an die Schriften, die uns die Propheten hinterlassen haben, an die Menschen, welche von Gott auserwählt und vom Heiligen Geist bewegt sind, an die Lehren unseres teuersten Erlösers Jesus Christus sowie an diejenigen seiner Apostel. Ich wünsche, was diese heiligen Männer wollten und was Christus den Gläubigen versprochen hat. Ich habe die feste Überzeugung, dass Gott mir, dem großen Sünder, gnädig sein wird, um Christi und seiner schrecklichen Leiden willen, dass mir gemäß Seinem Willen meine Sünden vergeben werden und dass er mich in seinem Reich aufnehmen wird.13
Der agile Erfinder hielt an seinen innovativen Reformideen und leidenschaftlichen Anliegen fest. Eine seiner großen Visionen war es, die Türkenherrschaft in Europa zu beenden und so die christlichen Völker zu befreien, die unter dem osmanischen Joch litten. Auch Julies Großvater Ernst von Münnich (1708-1788) war eine einflussreiche Persönlichkeit. Nachdem er mit seinem Vater das Schicksal der Verbannung geteilt hatte, wurde auch er unter 22
Peter III. rehabilitiert und kurze Zeit später unter Katharina II. zum Generaldirektor der Straßengebühren und Zölle des russischen Reiches ernannt. Von 1774 bis zu seinem Tod hatte er das Amt des Handelsministers inne. Im Auftrag der Zarin sammelte Ernst von Münnich zudem alle Arten von Kunstwerken und seine Kunstkenntnisse waren beeindruckend. Im Alter von sieben Jahren durfte Julie ihre Mutter zum Großvater nach Sankt Petersburg begleiten. Was sie am Zarenhof sah und hörte, prägte sich unauslöschlich in ihr Gedächtnis ein. »Er sprach jeden Tag mit Zarin Katharina, welche ihm günstig gesinnt war und ihm die höchsten staatlichen Orden verlieh«14, schrieb sie Jahre später immer noch voller Bewunderung für ihren Großvater. Trotz der hohen Stellung am Zarenhof blieb offenkundig, dass die tiefe Frömmigkeit von Julies Urgroßvater deutliche Spuren bei seinem Sohn hinterlassen hatte. Die Kindheit von Julies Mutter, Anna Ulrike Gräfin von Münnich (1741-1811), stand ganz im Zeichen der tragischen Familienverbannung. Als engste Familienangehörige waren Annas Eltern unmittelbar vom Los des Generalfeldmarschalls betroffen und wurden ihrerseits von Zarin Elisabeth I. nach Wologda verbannt. Um der kleinen Anna dieses Schicksal zu ersparen, nahm die Baronin Mengden, Annas Großmutter mütterlicherseits, ihre damals halbjährige Enkeltochter zu sich nach Livland auf ihr Gut Jerkull, wo sie das Mädchen großzog. Die Großmutter mütterlicherseits blieb zeitlebens Annas wichtigste Bezugsperson. Annas Mutter starb vor der Rückkehr aus der Verbannung. Als Annas Vater im Frühling 1762 gemeinsam mit seinen in der Verbannung geborenen Kindern zurückkehrte, war seine älteste Tochter Anna bereits 20 Jahre alt. Sie war seit fünf Jahren mit Otto Herrmann von Vietinghoff verheiratet und bereits Mutter von drei Kindern. Als wenige Wochen später auch der Großvater aus seinem 20-jährigen Exil in Sibirien zurückkehrte, kam es zu einer ergreifenden Familienzusammenführung und dem Kennenlernen nächster Angehöriger, von deren Existenz man vorher nichts gewusst hatte. Unter anderem kam es zu einem bewegenden Gespräch zwischen dem Generalfeldmarschall und Anna. Mit ihrem berühmten Großvater, wie auch mit ih23
rem Vater, verband Julies Mutter von jenem Zeitpunkt an eine innige Beziehung. Als Zarin Katharina II. den Generalfeldmarschall von Münnich begnadigte und wieder in all seine Würden und Ämter einsetzte, wurde auch Anna Ulrike, als Enkelin des Begnadigten, mit der Ernennung zur Dame des hohen Katharinen-Ordens ausgezeichnet. In den Folgejahren übte der Glaube ihres Großvaters einen tiefen Eindruck auf sie aus. Er war die prägendste männliche Gestalt in ihrem Leben. Von ihm übernahm sie einen festen lutherischen Glauben. Dieses Erbe gab sie später an ihre Kinder weiter: Meine Mutter, welche diesen tiefen Respekt für die Religion und männliche Tugenden vom Marschall geerbt hatte, ließ uns Kinder noch an all diesen unauslöschlichen Erinnerungen teilhaben, welche fest am Leben haften wie Leuchttürme auf Klippen.15
Durch die Eheschließung des 34-jährigen Otto Hermann Baron von Vietinghoff und der 15-jährigen Anna Ulrike Gräfin von Münnich kam es also zu der Vereinigung zweier außergewöhnlicher Stammbäume.
Familienalltag in der russischen Aristokratie
Dem Ehepaar von Vietinghoff wurden binnen 16 Jahren sieben Kinder geboren. Dass sie in ihrer Kindheit wenig verwöhnt wurde, schrieb Julie als Viertgeborene dem Umstand zu, dass »die Mutter vor ihr schon einige Kinder geboren hatte.«16 Der Kindersegen war jedoch mit schweren Schicksalsschlägen verbunden. Auf den Erstgeborenen Otto Ernst (1758-1780) folgte mit Burchard Friedrich (1759-1762) ein zweiter Sohn, der noch vor Julies Geburt als Kleinkind starb. Julies drei Jahre ältere Schwester Dorothea Friederike Helena (1761-1839) kam gehörlos zur Welt und stellte die Familie vor neue Herausforderungen. Mit Burchard Christoph (1767-1829) wurde der Familie der dritte Sohn geboren. Eine besonders enge Beziehung verband Julie mit ihrer kleinen Schwester Anna Margaretha (1769-1803). Der Nachzügler Georg Arnold (*1775) starb kurz nach der Geburt. Otto Ernst, der Erstgeborene und Stolz der Familie, war dazu ausersehen, das ruhmreiche Familienerbe weiterzutragen und wurde 24
auf eine Militärlaufbahn hin erzogen. Dieser Weg führte ihn schon früh aus dem elterlichen Zuhause. Deswegen und weil Dorothea wegen ihrer Gehörlosigkeit mehrheitlich in einem deutschen Institut lebte, wuchsen Julie und ihre beiden jüngeren Geschwister Burchard Christoph und Anna Margaretha im Dreiergespann auf. Die gleiche Milch hatte uns alle drei gestillt. Unsere Amme war Schwedin und ich liebte sie sehr. Besonders ihre Fröhlichkeit und ihre Liebe taten mir gut. Meine Schwester war vier Jahre jünger als ich, sie war die jüngste von uns Kindern. Wir liebten uns alle zärtlich. Mein Bruder – ebenfalls jünger als ich – hatte Begabungen, die ihn seither brillant machten: Ein unwiderstehlicher Charme in seinem Verhalten, die Anmut seines Verstandes und seines Gesichtes, das demjenigen der Mutter ähnlich war, machten ihn sehr liebenswert. Wir waren mit allen Gefühlen miteinander verbunden (...).17
Die kleine Julie liebte leidenschaftlich: »Meine Schwestern, mein Kindermädchen – Freundin meiner Kindheit –, die Nachbarin des väterlichen Hauses«, erinnerte sie sich später zurück, »wie ich sie liebte, wie ich Tränen der Zuneigung vergoss, der Unruhe, des Kummers, sie zu verlassen, und der Freude, sie wiederzusehen, nachdem ich von ihnen getrennt gewesen war.«18 Julie wuchs jedoch nicht als kleine, verwöhnte Prinzessin auf – trotz ihrer noblen Herkunft, der Prominenz ihrer Eltern, dem Adelspalast in Riga und den zahlreichen Vietinghoff’schen Anwesen, die über ganz Livland verteilt waren. Mitten im Luxus und Prunk wurden das kleine Edelfräulein und seine Geschwister streng, geradezu spartanisch erzogen. Während die Strenge des Vaters im Zeichen einer sozialen Gerechtigkeit stand, für die er eintrat, war die Strenge der Mutter religiös motiviert. »Gott sei Dank dafür«, schrieb Julie rückblickend, »dass er mir eine Mutter gab, die in meinen jungen Jahren die Verweichlichung und die elende Naivität, welche die Damen von Welt umfängt, fernhielt«, und weiter: Die Mutter fühlte, dass es nötig war, uns mitten im Luxus und der Schmeichelei, die sie nicht vollständig verbannen konnte, und inmitten dieser Raffinessen der Kultur, wenigstens die strenge Stimme der Lebenslektionen hören zu lassen und den Mut und die Energie zu wecken, die es möglich machen, Leiden zu umarmen, Rückschläge zu akzeptieren und diese Willensstärke zu erwerben, welche unverzichtbar ist für den Kampf.19
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Umgeben von größtem Luxus, bewohnten Julie und ihre Schwester eine Wohnung ohne jeglichen Komfort. Sie mussten einfache Kleider tragen und waren dazu verpflichtet, in den wenigen unterrichtsfreien Stunden niedrige Arbeiten zu verrichten. Den kleinen Baronessen waren je ein Kammermädchen und eine französische Gouvernante zugeteilt. Durch den regelmäßigen Einsatz von Eiswasser wurden die Mädchen daran gewöhnt, Kälte auszuhalten. Die körperliche Abhärtung sollte der inneren Stärkung dienen. Klagen fanden kein Gehör. Der Einblick in den Alltag der Familie von Vietinghoff macht deutlich, dass das Familienleben in der russischen Oberschicht jener Zeit keineswegs mit dem heutigen Familienideal verglichen werden kann. Die Familie war nicht in erster Linie ein Ort persönlicher, emotionaler und intimer Bindungen, sondern hatte vielmehr die Funktion, materielle, politische und gesellschaftliche Interessen zu sichern. Zu diesen Interessen gehörte unter anderem eine geschickte Verheiratung der Kinder. Nachkommen wurden primär als Erben des Besitzes, des Standes und der politischen Stellung betrachtet und waren somit vor allem im frühen Erwachsenenalter interessant. Also dann, wenn sie für die Pläne der Familie eingesetzt werden konnten. Töchter waren hierbei strategisch gesehen ebenso bedeutend wie Söhne. Julies Beziehung zu ihren Eltern, speziell zu ihrem Vater, war von großem Respekt und einer fast ängstlichen Distanz gekennzeichnet. Die Mauer, welche zwischen meinen Eltern und mir stand, war zu hoch, als dass ich sie hätte überwinden können. Wie meine Schwestern war ich sehr wenig mit ihnen zusammen, und außerdem war ich zu schüchtern, als dass ich gewagt hätte, mit ihnen zu sprechen. Unsere Erziehung zog eine strenge Linie der Ehrfurcht und des Schweigens zwischen ihnen und uns, ganz anders als die Freiheit, welche heutzutage waltet und welche diese zügellosen Generationen vorbereitet hat.20
Die Beziehung zur Mutter hatte weniger den Charakter von Intimität und Vertrautheit als vielmehr von ehrfürchtiger Bewunderung. Die kleine Baronesse empfand ihrer Mutter gegenüber eine große Scheu, sehnte sich aber zugleich fieberhaft nach ihrer Anerkennung und Gegenliebe. Der Besuch beim Großvater in 26
Sankt Petersburg zeigt, wie anders die Mutterrolle damals interpretiert wurde. Julie war in dem großen Haus des Großvaters oft allein. Während die Mutter ihren gesellschaftlichen Pflichten und Vergnügungen nachging, überließ sie die siebenjährige Tochter sich selbst, obwohl das Kammermädchen und die Gouvernante nicht mitgekommen waren. Eine Mutter, die ihr ganzes Dasein auf die Kinder ausrichtete, bildete in der Aristokratie jener Zeit eine Ausnahme. Julie kannte es nicht anders und verehrte ihre Mutter, diese intelligente, starke, fromme Frau aus tiefstem Herzen. Anna Ulrike hatte innerhalb der Familie eine einflussreiche Stellung inne und prägte Julies Idealvorstellung von Weiblichkeit. »Sie war bekannt für ihre unwiderstehliche Schönheit und unvergänglichen Tugenden, welche sich bei allen, die sie gekannt hatten, unauslöschlich ins Gedächtnis einbrannten.«21 Anna Ulrikes Fleiß, Geschäftstüchtigkeit, Selbstständigkeit und Sparsamkeit waren beeindruckend. »Mitten im Prunk eines Hauses, das sehr viel größer war als diejenigen [Häuser, D.S.] der meisten kleinen Herrscher in Deutschland, verkörperte sie die einfachen und strengen Sitten eines anderen Zeitalters.«22 Anna verwaltete das riesige Familienvermögen, meisterte die häuslichen Angelegenheiten und trat zugleich als Mäzenin und Wohltäterin auf. Gleichzeitig blieb sie die strahlend schöne Aristokratin, die mit ihrem Geist und Charme alle verzauberte. Ihr Salon war ein beliebter Treffpunkt der Prominenz von Riga. So vereinte Anna von Vietinghoff in den Augen ihrer Tochter christliche und weibliche Tugenden mit Weltoffenheit und Geschäftssinn.
Individuelle Förderung
Bildung wurde in der Familie von Vietinghoff großgeschrieben. Sie war unerlässlich für eine standesgemäße Zukunftssicherung. Nicht nur die Söhne wurden gefördert, sondern auch die Töchter. Überhaupt wurden die Frauen im Hause Vietinghoff – wie es in osteuropäischen Adelskreisen üblich war – mit größtem Respekt behandelt. Dass adlige und politisch aktive Frauen in Osteuropa so hohes Ansehen genossen, findet seine Erklärung in der russischen Geschichte. Nach jahrhundertelanger Unterdrückung, 27
nicht zuletzt durch die kirchliche Orthodoxie und die Tatarenherrschaft, kam es unter Zarin Natalja Naryschkina (1651-1694) zu einem Umdenken. Ihr Sohn, Peter der Große, führte das Erbe seiner Mutter später fort, griff westliche Ideen und Lebensformen in Russland auf und verschaffte adligen Frauen mehr Rechte und individuelle Freiheiten. Seit dieser Zeit spielten russische Frauen eine herausragende Rolle in der politischen Geschichte des Landes. Fast 100 Jahre lang lag das Schicksal von Russland in der Hand von Frauen. Das 18. Jahrhundert wurde zum Zeitalter der regierenden Zarinnen par excellence: Katharina I., Anna Iwanowna, Elisabeth Petrowna und Katharina II. Sie alle spielten eine bedeutende Rolle und prägten das osteuropäische Frauenbild. Unter weiblicher Herrschaft erweiterte Russland sein Territorium, vermehrte das Land seinen Reichtum und wurden große Fortschritte der Zivilisation erzielt. All dies stärkte das Rückgrat der russischen Aristokratinnen und räumte Töchtern einen gleichberechtigten Platz in der Familie ein. Dementsprechend scheuten auch Julies Eltern keinen Aufwand, neben der traditionellen Ausbildung ihrer Söhne in gleicher Weise die Töchter ihren Veranlagungen entsprechend zu fördern. Der gehörlosen Tochter Dorothea ermöglichten sie im Hamburger Institut von Samuel Heinicke, dem Erfinder der Deutschen Methode der Gehörlosenpädagogik, eine für jene Zeit revolutionäre Ausbildung. Dorothea gehörte zu den ersten gehörlosen Schülerinnen und Schülern, die bei Heinicke in der Küsterei wohnten und von seinem Unterricht profitierten. In HamburgEppendorf lernte sie lesen, schreiben und etwas sprechen. Dabei fiel sie durch ihr schnelles Auffassungsvermögen und ihre Intelligenz auf. Die Fortschritte des Mädchens erregten öffentliches Aufsehen. Es wurden mehrere Artikel über sie publiziert, was der Heinicke’schen Schule zu größerer Aufmerksamkeit verhalf. Der Reichspostreuter Nr. 22 vom 8. Februar 1775 wusste zu berichten: (...) besonders aber unterscheidet sich die junge Baroness von V[ietinghoff] ein liebenswürdiges Mädchen von 13 Jahren. Sie ließt nicht nur gedruckte Bücher, auch sogar solche, deren Inhalt ihr noch unbekannt ist, mit ziemlicher Fertigkeit, und ziemlich vornehmen Tone, wie auch Geschriebenes, von bekannter und unbekannter Hand; sondern nennt auch die meisten Sachen, die im gemeinen Le-
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ben vorkommen, hat einen Begriff von den Tagen und Wochen, von den Stunden, und von den Zahlen bis 100; und soweit ist dieselbe in einem etwa 5monatlichen Unterrichte von ihrem geschickten Lehrer gebracht worden.23
Über Anna Margarethas Kindheit ist wenig bekannt. Fest steht, dass sie sehr musikalisch war und ihre Begabung für das Klavierspiel bereits in frühen Jahren gefördert wurde. Julie, die mittlere der Vietinghoff’schen Baronessen, war auf der einen Seite ein ganz normales kleines Mädchen, das erschauderte, wenn das Kindermädchen die Geschichte von Blaubarts Zorn erzählte und das sich in großen Räumen fürchtete. Auf der anderen Seite verblüffte die kleine Baronesse bereits im Alter von drei Jahren mit ihrem aufgeweckten Wesen und unstillbaren Wissensdurst. Die Besonderheit ihres Gedächtnisses zeigte sich unter anderem darin, dass ihre lebhaften Erinnerungen bis in das Alter von drei Jahren zurückreichten. In eben jenem Alter entdeckte Hauslehrer Dingelstädt Julies außergewöhnliche Lernbegabung, woraufhin er begann, sie intensiv zu fördern. Als Dreijährige beherrschte die kleine Baronesse Deutsch und Französisch und konnte beide Sprachen fließend lesen. Eine besondere Leidenschaft entwickelte sie in den Folgejahren für das Fach Geschichte. Als Siebenjährige lebte sie in einer Heldenwelt, tauchte ein in das Rom und Griechenland längst vergangener Jahrhunderte und setzte sich mit den unterschiedlichen philosophischen Denkschulen der griechischen Antike auseinander. Mit Hingabe widmete sie sich den Systemen von Plato, Pythagoras und Sokrates. Gerne verzichtete sie auf das Abendessen, um ihrem leidenschaftlichen Interesse für die römische Geschichte nachzugehen und alles zu verschlingen, was ihr in die Hände kam. »Mit neun Jahren«, erzählte Julie später, hatte ich das breite Feld der Geschichte durchquert, nicht über jeden Zweifel erhaben, dass ich die Lektionen der Jahrhunderte daraus gezogen hätte, aber indem ich die Helden von Rom kannte und ihnen ins Heerlager folgte sowie diejenigen von Griechenland; bewaffnet mit allen Daten der modernen Geschichte kannte ich die Mythologie und erhielt erste Vorstellungen der Philosophie und Logik (...).24
Burchard Christoph, Julies kleiner Bruder, war ihr Studiengefährte. Anders als bei Julie stand bei ihm jedoch – sehr zu seinem Leidwesen – auch das Fach Latein auf dem Stundenplan. Wie 29
dankbar war er, dass seine große Schwester auf indirekte Weise genügend von seinem Unterricht aufschnappte, um ihm die richtigen Antworten auf die Fragen des Lehrers zuflüstern zu können. Dadurch kamen sich die Geschwister umso näher.
Gelebte Frömmigkeit
Neben der Bildung gehörte auch die Religion zu den tragenden Säulen im Hause Vietinghoff. Wie für eine deutschbaltische Adelsfamilie jener Zeit typisch, war die Frömmigkeit in Julies Familie primär evangelisch-lutherisch geprägt. Darüber hinaus waren aber auch russisch-orthodoxe Elemente sowie pietistische Einflüsse spürbar. Wie eine kleine Pfütze den Himmel, spiegelte Julies Familie mit ihrer gelebten Religiosität im Kleinen die großen Linien der baltischen Eroberungsgeschichte wider. Parallel zu den politischen Machtwechseln hatten die baltischen Provinzen ein Wechselbad religiöser Art erlebt, entsprechend der offiziellen Konfession ihrer jeweiligen Eroberer. Der Sieg der Schweden im Jahr 1625 bedeutete für das Land den Beginn der lutherischen Staatskirche. Im Großen Nordischen Krieg (17001721) verlor Schweden seine Stellung als nordische Großmacht an Russland. Liv- und Estland gerieten unter russische Herrschaft und damit in den Einflussbereich eines Staates mit russisch-orthodoxer Glaubensrichtung. Die livländisch-lutherische Kirche blieb aber auch in den Wirren der Nachkriegszeit dominierend. Krieg, Hunger und Pest zogen einen akuten Predigermangel nach sich. In Estland blieben von 50 Predigern lediglich 15 übrig. Dies erschloss dem Pietismus und der Herrnhuter Brüdergemeine neue Handlungsräume. In den Folgejahren kamen viele junge deutsche Pfarrer, Hofmeister und Lehrer ins Land, um die vakanten Stellen zu besetzen. Die Herrnhuter Geistlichen in Livland waren meist ungebildete Handwerker, die sich vorrangig um die lettische und estnische Bauernschaft bemühten. Ihre Tätigkeit fand beim Volk so großen Widerhall, dass sie zwischenzeitlich verboten wurde. 1764, im Geburtsjahr der kleinen Baronesse, erfuhr das Verbot unter Zarin Katharina II. eine Lockerung. Neben der lutherischen und russisch-orthodoxen Kirche sowie 30
den Pietisten und Herrnhutern gab es im Baltikum auch eine römisch-katholische Minderheit, wahrscheinlich ein Erbe der Christianisierung der baltischen Provinzen. Dazu gesellten sich verschiedene religiöse Minderheiten, zum Beispiel Anhänger des schwedischen Wissenschaftlers, Mystikers und Theosophen Emmanuel von Swedenborg oder Quäker aus England. Es war geradezu kennzeichnend für eine deutschbaltische Familie der russischen Aristokratie, dass Bildung und Religion eine Verschmelzung in der Person des Hauslehrers fanden. Auch Christian Adolf Ludwig Dingelstädt, der Hauslehrer der von Vietinghoffs, verfolgte zeitgleich eine Laufbahn als Geistlicher. So bildete die Bibel neben der schöngeistigen Literatur die Hauptlektüre der jungen Baronesse. Mit den Evangelien war sie im Alter von drei Jahren schon bestens vertraut. Andere biblische Passagen wühlten sie als Siebenjährige zutiefst auf: Befand ich mich in der Gegenwart des Buches der Bücher, der heiligen Geschichte und den Annalen des auserwählten Volkes, zitierte es mich vor das majestätische Gericht des Ewigen, ich war erschüttert von der Erhabenheit dieser für die menschliche Vernunft unerklärlichen Offenbarungen (…).25
Der Respekt für die Religion zeigte sich im Hause Vietinghoff zum Beispiel darin, dass die Eltern, denen Julie eine »echte Frömmigkeit«26 bescheinigte, Gott immer wieder für seine Wohltaten dankten. »Wie üppig die Mahlzeiten auch waren«, erinnerte sich Julie, »man versäumte nie zu beten, bevor man sich zu Tisch setzte«27. Auch von den Eltern wurde die kleine Julie dazu angehalten, sich viel mit der Heiligen Schrift zu beschäftigen, wobei sich speziell die Psalmen tief in ihr Gedächtnis prägten. Julies Vater war ein Mann der Tat und weniger der Worte. Seine Ehrfurcht vor dem christlichen Glauben manifestierte sich im Bau einer lutherischen Kirche mit einem 55,5 m hohen Turm auf dem Gelände des geschichtsträchtigen Familiensitzes Schloss Marienburg (heute Alūksne) auf der Insel Pilssala im Nordosten Lettlands. Der 1781 begonnene Kirchenbau dauerte sieben Jahre und war das Ergebnis der Zusammenarbeit mit Christoph Haberland, einem der berühmtesten Rigaer Architekten jener Zeit. Die Kirche, die aus einheimischen Natursteinen im klassizisti31
schen Stil erbaut wurde, gehört bis heute zu den beeindruckendsten Kirchenbauten Lettlands. In den Turm führt eine Treppe aus Eichenholz. Von hier aus konnte Julies Vater seinen Gästen die malerische Landschaft zeigen. Julie berichtet von unglaublichen »zehntausend Seelen«28, die zur Einweihung der Kirche zusammenströmten. Die Kirche war zugleich eine Erinnerung an die religiöse Vergangenheit der im Jahr 1341 erbauten Ordensburg. Um 1702, während des Großen Nordischen Krieges, waren alle Bewohner des Ortes und der Burg in russische Gefangenschaft geraten, unter ihnen auch Johann Ernst Glück (1654-1705), der lutherische Pfarrer, dem die erste lettische Bibelübersetzung zu verdanken ist. Glücks Magd ging später als russische Zarin Katharina I. in die Geschichte ein. Von einem Schlossfenster aus bot sich Julie folgender Blick auf den historischen Schauplatz: (...) dort erhoben sich diese Ruinen, berühmt durch die Niederlage Schwedens, welche sich unter Peter I. den Russen ergeben hatten, und nahe bei diesen Erinnerungen an Tumulte und Kriege war noch schwach das Pfarrhaus zu erkennen, wo Katharina I. großgezogen worden war, und der Hügel, wo sie in ihrer Jugend unter einem großen und schattigen Lindenbaum die Wellen des Sees beobachtet hatte.29
Religiöse Worte und Praktiken gehörten zum Aufgabenbereich der Mutter. »Bis zum Alter von neun Jahren und später«, so Julie, »versammelte sie uns, meine Schwestern, meinen Bruder und mich zum Gebet, machte anschließend das Kreuzzeichen auf unseren Köpfen und übergab uns so für die Nacht unserem Schutzengel.«30 Tief beeindruckt vom lutherischen Glauben ihres berühmten Großvaters, wollte Anna Ulrike dieses Erbe an ihre Kinder weiterreichen. Davon zeugt ein Brief der Mutter an die neunjährige Julie, den sie am 13. Januar 1774 in deutscher Sprache niederschrieb. In Anlehnung an Matthäus 10,16b eröffnete die Mutter den Brief mit den Worten: »Ich habe meinen Aposteln gesagt, seyd klug wie die Schlangen und ohne falsch wie die Tauben, ich sage es dir selbst meine Tochter.« In ihrem Brief beschäftigt sich Anna Ulrike ausführlich mit dem Wesen der Taube und dem der Schlange und was ihre neunjährige Tochter im Hinblick auf einen christlichen Lebenswandel von diesen beiden Tieren 32
lernen sollte. Anna Ulrikes Ausführungen offenbaren eine auffallend persönliche Gottesbeziehung; einen Glauben, der weit über die orthodoxe Rechtgläubigkeit des herkömmlichen Luthertums hinausging und eine große Nähe zu herrnhutischem Gedankengut aufwies. Der christliche Glaube hatte ihrer Meinung nach ein lebendiger Glaube zu sein. Er sollte sich am Vorbild von Jesus Christus orientieren und Leben und Verhaltensweisen nachhaltig verändern. Der mütterliche Glaube spiegelte sich auch in den Werten wider, die Anna Ulrike ihren Kindern vermittelte. Selbstlosigkeit, Nächstenliebe, Großzügigkeit und Leidensbereitschaft waren Pfeiler der Familienkultur.
Zwischen Künstlern und Leibeigenen
Otto Hermann von Vietinghoff ist es zu verdanken, dass Kunst aus Julies Kindheit und Jugend nicht wegzudenken war. Seine Genialität lag im Bereich der bildenden Kunst. Das Bestreben, die Schönheit der Kunst in ihrer Vielfalt sichtbar zu machen, nährte seine schier unerschöpfliche Schaffenskraft. Er war der Urheber vieler imposanter und prunkvoller Bauten, von denen ihn die meisten überlebten. Darüber hinaus investierte er viel Herzblut in die Gestaltung öffentlicher Gärten und Parkanlagen. Sein landschaftliches Meisterwerk gehörte zu einer Liegenschaft in Dünamünde, nordwestlich von Riga, wo sich die Familie regelmäßig aufhielt. Es handelte sich dabei um einen kleinen Landsitz mit dem symbolträchtigen Namen Solitude (Einsamkeit), den ein herrlicher Park umgab. Das Anwesen war im Louis-quatorze-Stil gestaltet und lag am linken Ufer der Düna, die dort in die Ostsee mündet. Die gepflegte Allee, die zum Landsitz führte, war mit Bäumen gesäumt und wurde auf beiden Seiten von Orangerien mit eleganten Stützsäulen flankiert. Diese Gewächshäuser, die im 17. und 18. Jahrhundert einen wichtigen Bestandteil von Parkanlagen bildeten, waren sehr beliebt zur Überwinterung von exotischen Gewächsen, besonders von Orangenbäumen. Die besondere Anziehungskraft der Residenz in Dünamünde ging laut Julie nicht von dem Wohnhaus aus, denn jenes war viel weniger luxuriös als andere Herrschaftshäuser der Familie. Den besonderen 33
Reiz übten einerseits die wunderschönen italienischen Gemälde aus, die die Wände schmückten, und andererseits die prachtvolle Parkanlage. Julie glaubte hier den Ursprung ihrer Kunstliebe zu erkennen, speziell für die italienische Kunst. Von ihrem Zimmerfenster aus sah sie direkt in den Garten, der sie immer wieder neu verzauberte. Fantasievolle Tagträume trugen sie selbst im tiefsten Winter weit weg zu den warmen Ländern, aus denen die Kunstwerke und Pflanzen stammten. Meine Augen lernten die Schönheit unter einem Himmel kennen, der sie anscheinend verbannen wollte, umgeben von den Eisnebeln des Nordens. Die Meisterwerke der Kunst ließen von der Heimat träumen, die sie verlassen hatten. Selbst inmitten unserer langen Winter sahen die Venus Medici31 und ihre Gefährten die Grazien32, wie sich die Myrte aus Asien mit dem Loorbeerbaum aus Griechenland zum Duft des Orangenbaums vereinte. Unterschiedlichste Blumen blühten in diesem Gelände unter den Strahlen eines künstlichen Frühlings! Es war in einer ländlichen Gegend nahe der Stadt, wo man in einem luxuriös verwandelten Winterpalast bei erwärmter Temperatur die Vegetation des Südens vorfinden konnte, während es draußen Bollwerke von Schnee hatte.33
Tatsächlich fanden sich auf Solitude antike Nachbildungen dieser Kunstwerke vereint. Hier entwickelte die kleine Baronesse schon früh eine tiefe Empfänglichkeit für die Schönheit der Natur. Die Natur, abwechselnd wild und lieblich, oft überwältigend, hatte in diese herrliche Landschaft, die ich so gerne betrachtete, da hohe Wälder, hier ruhige Seen geworfen, während in der Ferne die Brandung des nordischen Meeres und des baltischen Meeres zu Füßen der Berge von Schweden wogte und während die träumerische Melancholie dazu einlud, sich auf die Grabmäler der alten Skandinavier zu setzen, die sich, gemäß der alten Sitte dieses Volkes, auf den Hügeln und den in der Ebene verbreiteten Grabhügeln befanden.34
Vor allem die sommerlichen Polartage hatten es Julie angetan. Jene Tage, in denen es dank der Mitternachtssonne auch in der Nacht hell blieb. »Während unserer großartigen Nordnächte, wo die Sonne den Horizont nur verlässt, um ein paar Augenblicke auf einem Bett aus Rosen zu schlummern«, sinnierte Julie, »betrachtete ich diese breiten, treibenden Silberbahnen, welche die Wolken formten. Dort schöpfte ich diese Liebe zur Natur, welche mir so starke Gefühle gegeben hat.«35 Auch das geheimnisvolle 34
Lichterspiel des Polarlichts, diese leuchtenden, lebendigen Vorhänge in allen möglichen Farben, welche gelegentlich den nördlichen Nachthimmel erhellten, rührte ihr Inneres. Die Einsamkeit der Meere, ihre ungeheure Stille oder ihr stürmisches Treiben, der unsichere Flug des Eisvogels, der melancholische Schrei des Vogels, der unsere erstarrten Gegenden liebt, die traurige und milde Klarheit unserer Nordlichter, all dies nährte die verschwommenen und bezaubernden Unruhen meiner Jugend.36
Doch nicht nur die bildenden und literarischen Künste genossen ein hohes Ansehen in Julies Familie. Baron von Vietinghoff schrieb als großzügiger Kunstmäzen auch Theater- und Musikgeschichte. Mit Joachim Mende, dem Oberhaupt einer traditionsreichen Schauspielerfamilie, gründete Otto Hermann von Vietinghoff 1768 die erste ständige Bühne des Baltikums. Das neu erbaute Schauspielhaus wurde am 1. September 1768 mit einer Komödie von Philippe Destouches (1680-1754) eröffnet. Als das Rigaer Publikum in den darauffolgenden Jahren eine Vorliebe für das neue deutsche Drama entwickelte, gab die bisherige Schauspieltruppe ihr Unternehmen auf. Daraufhin übernahm Julies Vater zusätzlich zu seinen übrigen Aufgaben und Amtsgeschäften die Theaterdirektion. Auf eigene Kosten erwarb Vietinghoff Textbücher und Musikalien, engagierte Darsteller, Sänger und Tänzer aus Deutschland. Damit legte er auch den Grundstein für das Rigaer Musiktheater, das im 19. Jh. große Bedeutung erlangte. Das Schauspielrepertoire unter Vietinghoff umfasste u. a. Lessings Minna von Barnhelm und Clavigo von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1805), weitere Stücke von Lessing und Goethe sowie von Friedrich Schiller (1759-1805) und William Shakespeare (1564-1616), außerdem Opern von André Grétry (1741-1813) und Singspiele von Johann Adam Hiller (1728-1804).37
Der Stadtpalast der Familie Vietinghoff war Dreh- und Angelpunkt des kulturellen Lebens in Riga. Hier wohnte und wirkte eine erlauchte Schar von Künstlern und Geschäftsleuten, allesamt finanziert von Julies Vater. Neben seinen Aktivitäten für die Theaterbühne förderte Baron von Vietinghoff das öffentliche kulturelle Leben durch die Organisation von Abendmusiken und Gesellschaften. Sein prominentes Hausorchester glänzte mit Meisterwerken namhafter Komponisten und genoss einen aus35
gezeichneten Ruf, weit über die Stadtgrenzen von Riga hinaus. »Unmittelbar um mich herum brachten uns Meister, welche auf Kosten des Hauses unterhalten wurden, verführerische Fertigkeiten bei«38, erinnerte sich Julie. Künste aller Art – Schauspielerei, Musik, Malerei, Lyrik – weckten große Emotionen und Leidenschaften bei der kleinen Baronesse. Sie liebte es, die Schauspieler bei ihren Proben zu beobachten, deren Mimik, Gestik und Rhetorik heimlich nachzuahmen. Schon früh legte Julie eine außergewöhnliche Begabung für die darbietende Kunst an den Tag.
Welt der Kontraste
Julies Kindheit und Jugend war von spannungsvollen Gegensätzen geprägt. Neben dem pulsierenden Treiben ihrer Geburtsstadt Riga kannte Julie auch das einsame, nostalgische Leben auf den ländlichen Rittergütern ihres Vaters, wo die Zeit stillzustehen schien. Wo man dem Bann der nordischen Wälder, Seen und Moorlandschaften verfiel und der nächtliche Schlaf von Wolfsgeheul unterbrochen wurde. In diesen Prachtbauten verbrachte man die kurzen Sommermonate, um vor den unerbittlichen, düsteren Wintermonaten wieder in das geschäftige Stadtleben einzutauchen. Der Kontrast zwischen diesen zwei so gegensätzlichen Welten wirkte tief auf das Gemüt der jungen Baltin. Daneben realisierte Julie schon früh die Kluft zwischen reich und arm, Herren und Untergebenen. »Lievland, du Provinz der Barbarei und des Luxus, der Unwissenheit und eines angemaßten Geschmacks, der Freiheit und der Sclaverei, wie viel wäre in dir zu thun?«39, fragte der berühmte deutsche Schriftsteller Johann Gottfried Herder (1744-1803), als Julie fünf Jahre alt war. Das Miterleben sozialer Ungerechtigkeit wühlte Julie auf. Lange Zeit, ich erinnere mich daran, litt ich in meiner Kindheit an der Unterdrückung, welche die Mächtigen ausübten (…): Man schlug, man bestrafte für Fehler, während man selbst Missetaten beging: ich stöhnte im Geheimen, meine Stimme erhob sich auch, wenn meine Erzieherinnen junge Mädchen schlagen wollten.40
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Mit großer Entschlossenheit ergriff Julie Partei für Schwächere, selbst wenn jene im Unrecht waren. Als Dreijährige weigerte sie sich standhaft, ihrem Vater den Namen eines Dieners zu nennen, der sich unanständig aufgeführt hatte. Den Namen des Dieners – Adam – vergaß sie nach diesem Zwischenfall nie mehr. Julie realisierte später: »Äußerste Festigkeit war in meinem Herzen mit der größten Sanftheit verbunden.«41 Die kleine Baronesse erkannte schon früh die Kluft zwischen Reich und Arm, Herren und Untergebenen. Am Beispiel ihrer Eltern lernte Julie aber auch, dass Reichtum nicht zwingend Geiz und Unterdrückung zur Folge haben musste, sondern dass er dazu dienen konnte, Gutes zu tun. Während einer Hungersnot, in der es für Arme unmöglich wurde Brot zu kaufen, weil es zu teuer war, öffneten Julies Eltern ihren Kornspeicher und verschenkten ihre Vorräte. Viel schlimmer als den Ärmsten der Armen erging es jedoch den Leibeigenen. Als Tochter eines Leibherrn, der 50.000 Leibeigene besaß, war Julie schockiert über deren Schicksal und empfand großes Mitleid mit den unterdrückten livländischen Bauern. Leibeigene und alles, was sie hatten, gehörten ihren Lehnsherrn. Sie hatten keinerlei Rechte. Auch Körperstrafe war erlaubt. Sie wurden von den meisten Lehnsherrn wie Tiere behandelt. »(...) mit dem Leibeigenen sprach man nicht, man winkte ihm nur Befehle zu, man sprach mit ihm durch die Reitgerte, durch den Spazierstock.«42 Nur selten wurden Proteste gegen die ungerechte Behandlung der Leibeigenen laut. Eine der kritischen Stimmen gehörte einem deutschen Professor für Volkswirtschaft in Mitau, heute Jelgava in Lettland, namens Eisen. Der ehemalige Pastor nahm selbst auf Regierungsebene kein Blatt vor den Mund, wenn es darum ging, die trostlose Situation der Leibeigenen zu schildern. Der Leibeigene ist ganz und vollständig ein Objekt der Erbschaft und des Eigentums für seinen Herrn: Er besitzt gewöhnlich nichts für sich selbst (…) So ist es keineswegs übertrieben zu sagen, dass der Lehnsherr seinen Leibeigenen besitzt wie er ein Pferd besitzt (…) Diese Situation ist wirklich ein Fluch dieser Zeit.43
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