Lotte Bormuth
Mein Weihnachtslicht
Weihnachten 1945 in der Fremde Es war das armseligste Fest, und zugleich das schönste Fest, das ich je gefeiert habe. Wir waren Flüchtlinge aus Bessarabien, irrten seit dem 19. Januar 1945 über ein halbes Jahr lang auf den Straßen Deutschlands umher, suchten nach einer Bleibe und wussten nicht wo. Schließlich landeten wir in Breitenbach bei Bebra im Hessenland. Opa Becker, ein Schreinermeister, öffnete uns seine Türen und stellte uns eine große Küche und eine Kammer zur Verfügung. So hatten wir wieder ein Dach über dem Kopf gefunden. Sogar für unsere drei Pferde, mit denen wir im offenen Kastenwagen vor der russischen Front geflohen waren, schaffte er Platz in seinem Stall. Es war für uns eine wunderbare Führung Gottes, dass wir gerade in dieser Familie ein neues Zuhause fanden. Opa Becker war Christ, und das zeigte sich auch in seinem Handeln. Wie oft brachte er meiner Mutter einen Liter Milch oder stellte eine Schüssel mit Kochkäse, den er selbst 7
zubereitet hatte, auf den Tisch. Wenn er ein Schwein schlachtete, dann holten wir in unserem Milchkännchen Wurstbrühe, und oft genug legte er noch eine Leberwurst hinein. Unser Wohl lag ihm am Herzen, das spürten wir gerade in den kleinen Freundlichkeiten, die er uns bereitete. Einmal hatte uns ein Dieb sämtliche Lebensmittelkarten gestohlen. Das war für uns ein schreckliches Dilemma. Für unsere große Familie bedeutete dies, dass wir einen Monat lang nichts Essbares kaufen konnten: keine Milch, kein Brot, keinen Zucker, kein Mehl, kein Fett und kein Fleisch. Dieser Diebstahl stürzte unsere Familie in eine schlimme Krise. Es war so, als wäre uns auf dem Fluchtweg eine Wagendeichsel gebrochen. Eine Deichsel hätten wir durch einen Baumstamm wieder ersetzen können, aber Lebensmittelmarken wurden nicht ersetzt. Opa Becker aber sorgte für uns. Er holte aus seinem Keller Kartoffeln und Zuckerrüben, brachte uns Obst und Gemüse aus seinem Garten und füllte meiner Mutter die Hände mit Mehl und Teigwaren, die er aus seiner Speisekammer zu uns in die Küche trug. Für uns war dieser alte Christ ein wahrer Se8
gen, ein Glücksfall. Noch heute wird es mir warm ums Herz, wenn ich an ihn denke. Seine Liebestaten haben sich mir eingeprägt. Er lud uns auch in die Bibelstunden ein, die jeden Donnerstagabend in seiner Wohnstube stattfanden. Nun war Weihnachten, die erste Weihnacht in der Fremde. Unser Herz wollte uns schwer werden, wenn wir daran dachten, was uns durch den verlorenen Krieg alles genommen worden war. Wir waren arm, sehr arm sogar. Wir wollten Weihnachten feiern, aber wir hatten keine Geschenke, keine Plätzchen, keine Süßigkeiten, keinen Christbaumschmuck. Mein Vater hatte ein kleines, zierliches Tännchen aus dem Wald geholt und auf den Küchentisch gestellt. Drei Kerzenstummel hatten wir aufgesteckt. Mehr hatten wir nicht, womit wir das Bäumchen hätten schmücken können. Nun standen wir um unseren Christbaum und sangen Lieder, wie wir es in Bessarabien gewohnt waren: Süßer die Glocken nie klingen als zu der Weihnachtszeit; ’s ist, als ob Engelein singen wieder von Friede und Freud, 9
wie sie gesungen in seliger Nacht, wie sie gesungen in seliger Nacht. Glocken mit heiligem Klang, klingt doch die Erde entlang! Meiner Mutter liefen die Tränen über die Wangen. Der Schmerz über den Verlust ihres Kindes quälte sie noch allzu sehr. Sie war am 19. Januar 1945 hochschwanger auf die Flucht gegangen. Mitten im Kriegsgeschehen schenkte sie einem kleinen Mädchen das Leben. Aber durch die Strapazen des langen Fluchtweges war meine Mutter zu schwach, zu ausgemergelt, um das Baby stillen zu können, und so musste unsere kleine Erika verhungern. Wir hatten keine Milch, um das Kind am Leben zu erhalten. Heute in unserem Wohlstand ist dies kaum vorstellbar, aber 1945 stand es sehr schlecht mit der Ernährung. Oft mussten wir hungern. Im Schein der Kerzen und im Klang der Lieder kamen in meiner Mutter noch einmal der ganze Schmerz und Jammer hoch. Sie schluchzte, und uns Kindern bereiteten ihre Tränen großen Kummer. Unser Singen wollte uns fast nicht mehr über die Lippen kommen. Die Töne wurden immer leiser. 10
Plötzlich klopfte es an unsere Tür. Opa Becker stand davor und sagte: „Herr Hannemann, ich lade Sie mit Ihrer Familie ein. Wir wollen gemeinsam Weihnachten bei meinem Sohn feiern.“ Diesen Satz hatte unser Hauswirt noch nicht zu Ende gesprochen, da steckten wir schon in unseren Wintermänteln. Wir liefen los, hüpften über die Wiesen und sprangen über die Bäche. Vor lauter Begeisterung jubelten wir: „Wir sind eingeladen! Wir sind eingeladen!“ Der Druck, der auf unseren kleinen Kinderseelen gelegen hatte, wich einem großen Freudentaumel. Wir wurden empfangen, als wären wir die allerliebsten Gäste. Und dann feierten wir Weihnachten. Kein Kaiser und kein König hätte glücklicher sein können. Christi Geburt wurde für uns zu einem Triumph. Wir setzten uns zu Tisch – und wir waren eine große Familie – und wurden mit wunderbaren Köstlichkeiten bewirtet. Es gab Schinken, Wurst, Eier, Plätzchen, Kuchen und noch andere Leckereien. Der Hausherr las die Weihnachtsgeschichte vom Kind in der Krippe vor. Opa Becker hielt eine Andacht und sprach ein Gebet. Jesus Christus, unser 11
Heiland und Erlöser, wurde gelobt über seine große Tat, dass er zu uns Menschen auf diese erbärmliche Welt kam. Ja, es war so, als stünden Maria und Josef mit dem Jesuskind direkt in unserer Mitte, und wir spürten förmlich den warmen Atem von Ochs und Esel im Stall von Bethlehem. Fröhlich stimmten wir unsere Lieder an, und diesmal sang auch meine Mutter mit: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: freue, freue dich, o Christenheit. Noch klang ihr Lied leise, aber der Anfang war gesetzt. Die Traurigkeit musste weichen. Dieses glückliche Erleben hat sich mir tief eingeprägt. Die Liebe von Opa Becker und seiner Familie wurde mir zu einem Zeichen, es ihnen gleichzutun. Weihnachten kann man nur recht feiern, wenn das Herz weit offen ist für die herrlichste Gabe unseres Vaters im Himmel. Er gab seinen einzigen Sohn. Wie heißt es in Johannes 3,16?
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„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Andere noch Christus ferne Menschen in diese Festfreude mit hineinzunehmen ist mir ein Vorrecht. So feiern wir seit über 35 Jahren den Heiligabend mit Leuten, die traurig, allein und einsam sind. Ihnen gilt die Verheißung: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids (...).“
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Adam aus Polen – unser Weihnachtsgast So kalt war es schon lange nicht mehr wie zu Weihnachten 1998. Minus 18 Grad zeigte das Thermometer an. In diesem Jahr suchten besonders viele Obdachlose Zuflucht zu unserer Weihnachtsfeier. Neunzig Gäste waren gekommen. Die Wärme des Raumes, die feierlich geschmückten Tische, der Weihnachtsbaum mit der Krippe und das gute Festtagsessen taten ihnen gut. Unser Versammlungssaal war überfüllt. Drei Brüder der Landstraße hatten sogar Molli, Max und Freija mitgebracht. Den beiden Schäferhunden war der Zutritt zu unseren Räumen verwehrt. Sie wurden draußen am Zaun angebunden. Aber jeder Hund bekam eine Bratwurst. Heute war doch Weihnachten, und das sollte auch für die Tiere etwas Besonderes sein. Für den kleinen schwarzen Pudel holte ich einen Pappkarton und legte eine alte Wolldecke hinein. So hatte er eine wunderschöne Liegestatt 14
unter dem Tisch. Der Hund schnappte nach jedem Bissen, der ihm von den anderen Gästen zugeworfen wurde. Voller Begeisterung schauten die Kinder dem lustigen Treiben zu. An meinem Tisch saßen drei Gastarbeiter aus der Türkei und ein Pole. Sie sprachen alle sehr gut Deutsch. So war die Verständigung nicht schwer. Adam hieß der junge Mann aus der Nähe von Breslau. Den Sommer über, so erzählte er mir, hatte er bei einer Baufirma Arbeit gefunden und sich gutes Geld verdient. Als die Arbeit wegen Frost eingestellt werden musste, war er hier in Deutschland geblieben. Seine Kumpels, mit denen er in einer Wohnung gelebt hatte, kehrten wieder zurück in ihre Heimat. Da er sich die Miete nicht leisten konnte, musste er die Wohnung aufgeben. „Adam, wo wohnst du jetzt?“, fragte ich ihn unvermittelt. „Im Botanischen Garten“, antwortete er mir. „Wie?“, verwunderte ich mich, „sind dort jetzt Häuser gebaut worden?“ „Nicht, was du meinen. Ich nicht wohnen in eine Haus, ich schlafen auf einer Parkbank.“ 15
„Das geht doch nicht!“, wandte ich ein. „Es ist jetzt viel zu kalt. Du kommst nachher zu uns. Also, Adam, du bist unser Gast.“ Ein Strahlen ging über sein Gesicht. Gegen Mitternacht, als unsere Feier beendet war, stieg Adam zu uns ins Auto. Auf dem Weg nach Hause überlegte ich, wo ich denn Adam nur schlafen lassen konnte. Zu Weihnachten kommen unsere Kinder mit ihren Familien zu Besuch. Da wird jedes Bett und jede Couch belegt sein. Für die Enkel holen wir oft eine Luftmatratze vom Boden. Das bereitet dem kleinen Volk immer eine besondere Freude, weil sie darauf nach Herzenslust springen und hüpfen dürfen. Ja, wo lasse ich Adam schlafen? Jedes Zimmer ist besetzt. Aber wir haben noch die Küche, kam es mir in den Sinn. Da ist es warm. Der Pole half mir, den Tisch beiseite zu schieben und vom Keller eine Matratze heraufzuholen. Ich bezog ihm ein Federbett und schüttelte sein Kissen auf. Es ist nicht wie bei Maria und Josef in Bethlehem, die in einem Stall bei Ochs und Esel nächtigten, musste ich denken, wir haben noch Raum in der Herberge. Am nächsten Morgen weckte ich unseren 16
Gast beizeiten, denn die Küche ist zugleich unser Esszimmer. Adam schleppte sein Bettzeug und seine Matratze in den Heizungskeller. Ich lüftete den Raum und bereitete das Frühstück. In der Zwischenzeit ließ ich heißes Wasser in die Wanne laufen, denn unser Bruder der Landstraße würde sich sicher über ein erfrischendes Bad freuen. Shampoo und Duschgel stellte ich auf den Wannenrand. Adam sollte es gut bei uns haben, und sicher hatte er schon lange kein Schaumbad mehr genossen. Danach musste ich ihm noch helfen, seinen langen blonden Bart zu stutzen. Fröhlich saßen wir dann bei Kerzenlicht am festlich geschmückten Frühstückstisch und ließen es uns gut schmecken. Adam begleitete uns zum Gottesdienst. Seine klare, kräftige Stimme versetzte mich in Staunen. Er sang jedes Weihnachtslied mit. „Woher kennst du die Lieder?“, fragte ich Adam. „In Polen ich singen in eine Knabenchor. Meine Mama, gute Mama ist. Sie gehen immer in Kirche. Sie lieben Gott und Maria. Aber ich lange nicht gehen in Messe. Immer keine Zeit. Sonntag ich muss schlafen, wenn getrunken ich Wodka zu viel.“ 17
Adam war ehrlich, musste ich denken. Aber war Jesus nicht gerade für uns Sünder geboren? War er nicht für Leute, wie Adam und ich es sind, gekommen? Der Alkohol war nicht mein Problem. (Wir sind Antialkoholiker und gehören zum Blauen Kreuz.) Aber weiß ich nicht zur Genüge um Schuld in meinem Leben? Ich fühlte mich mit Adam sehr eng verbunden. Wie lieblos, egoistisch, ungeduldig, verbittert kann ich manchmal sein. Ganz neu begriff ich die Bedeutung des Christfestes: „Euch ist heute der Heiland, der Retter geboren.“ Das Kind in der Krippe ist für Gescheiterte und Schuldiggewordene gekommen, damit sie von aller Not befreit würden. Adam, du und ich, wir haben eine Chance. Weihnachten ist für uns beide der schönste Tag. Wie heißt es in einem Negro Spiritual, das ich sehr liebe? „O happy day, when Jesus washed my sins away.“ (O glücklicher Tag, als Jesus meine Sünde wegwusch.) In meinem Gemüt wurde ich ganz fröhlich, ja vergnügt, denn ich hatte einen Menschen zur Krippe nach Bethlehem einladen dürfen. Adam fühlte sich wohl. Gerne begleitete er uns auch am Silvesterabend und am 18
Neujahrsmorgen in die Gottesdienste. Erst im Neuen Jahr kam ihm der Gedanke, ob er nicht doch wieder zu seiner Mama reisen sollte. „Mama warten auf mich. Ich will gehen nach Hause“, erklärte er mir. Wie gut ist es doch, wenn zu Hause eine betende Mama auf ihren verlorenen Sohn wartet. Am 3. Januar schnürte Adam seinen Rucksack. Er hatte eine Mitfahrgelegenheit bis Cottbus gefunden. Von dort ist es nicht mehr weit bis Breslau. Beim Abschied nahm Adam mich fest in seine kräftigen Arme. Fast tat er mir dabei weh. „Du wie meine Mama, du auch lieben Gott.“ Am nächsten Tag las ich in der Zeitung, dass in Deutschland fünf Obdachlose erfroren seien. Adam aber hatte eine warme Liegestatt gehabt, denn wir hatten Raum in der Herberge.
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Das schönste Weihnachtsfest Es ist so, als ob sich jeder noch so kurz vor Weihnachten den Magen, die Galle, den Blinddarm oder die Mandeln operieren lassen will, um dann noch vor dem Heiligen Abend wieder nach Hause zu kommen. Im Krankenhaus herrscht Hochbetrieb. Sogar in den Gängen stehen einige Betten. Herr Finkbeiner ist gerade eingeliefert worden. Er ist ein Notfall. Auf der eisglatten Straße ist er ausgerutscht und hat sich dabei den Schenkelhals gebrochen. „Bitte, Schwester Sabine, legen Sie mich in ein Mehrbettzimmer. Zu Hause bin ich schon immer allein“, schaut er die Krankenschwester bei der Aufnahme mit großen Augen an. Dieser Wunsch wird ihm erfüllt, und so liegt der Patient mit noch zwei anderen im zweiten Stock auf Zimmer 218. Die anderen Männer erhalten Besuch. Ihre Frauen und Kinder kommen und setzen sich an ihr Bett. Kollegen und Nachbarn erschei20
nen und bringen herrliche Blumensträuße und Pralinen mit. Sogar manch schönes Buch landet auf dem Nachttisch. So geht es recht munter in diesem Krankenzimmer zu, denn die Besucher erzählen, was sich alles in der Firma oder zu Hause abspielt. Nur Herr Finkbeiner bleibt allein. Schließlich fragt ihn die Stationsschwester: „Haben Sie Angehörige? Sollen wir Ihren Sohn oder Ihre Tochter anrufen?“ „Ach, Schwester Sabine, Sie können es mal versuchen. Hier ist die Telefonnummer. Aber ich weiß nicht, ob sich da was tut. Vor sechs Jahren sind unsere Wege auseinandergegangen. Aber probieren Sie es bitte.“ Am 22. Dezember findet die Weihnachtsfeier für die Patienten statt. Der Andachtssaal füllt sich mit hörbereiten Menschen. In Rollstühlen und auf Tragen werden sie in den Raum geschoben. Einige Betten werden auch auf die Flure gerollt, denn dorthin wird die Festfeier über Lautsprecher übertragen. Es beginnt ein fröhliches Singen und Musizieren. Der Pfarrer liest das Weihnachtsevangelium vom Kind in der Krippe vor, und die Schwesternschülerinnen führen ein Krippenspiel auf. So mancher Patient stimmt in 21
die alten, wohlbekannten Lieder mit ein. Nur Herr Finkbeiner liegt auf seinem Bett, und sein Mund bleibt stumm. Was ihn wohl so sehr bekümmern mag? Aber wer kann schon in das Herz eines Menschen sehen? Schwester Sabine macht sich Sorgen um den älteren Herrn. Sie ruft seinen Sohn an: „Hier ist Schwester Sabine vom Diakonissenkrankenhaus. Ihr Vater wurde bei uns eingeliefert. Er ist gefallen und hat sich den Schenkelhals gebrochen. Er wurde operiert. Es geht ihm den Umständen entsprechend recht gut. Er gab mir Ihre Telefonnummer.“ „Und was soll ich jetzt tun? Was erwarten Sie von mir?“ „Ach, kommen Sie doch, Herr Finkbeiner, und besuchen Sie Ihren Vater. Er wird sich bestimmt freuen.“ „Ich weiß nicht“, ist die Reaktion des Sohnes. „Doch, kommen Sie. Es ist ja Weihnachten.“ „Mal sehen, was sich machen lässt“, lautet die kurze Antwort, und dann legt Herr Finkbeiner Junior den Hörer auf. Würde er kommen? 22
Der nächste Tag macht den alten Herrn noch trauriger. Seine beiden Mitpatienten werden entlassen und er bleibt allein zurück. Die Stationsschwester erkennt seine Not, kommt in sein Zimmer und stellt ihm ein kleines mit Lametta und Kerzen geschmücktes Tannenbäumchen auf den Tisch. „Für Sie, Herr Finkbeiner. Es ist doch Weihnachten. Christus ist geboren, und wir haben allen Grund, uns zu freuen.“ Der Patient hört die Worte, dreht sich aber daraufhin auf die andere Seite. Sein Inneres ist nicht auf Weihnachtsfreude eingestimmt. Schwester Sabine macht sich Sorgen um ihren Patienten. Sie weiß, dass sie handeln muss. Nichts ist für eine Heilung schädlicher als Traurigkeit und Depression. So holt sie sich noch Schwester Yvonne zur Unterstützung und bringt ihm am Heiligabend selbst das Festessen ans Bett: Kartoffelsalat und Würstchen. Die beiden Diakonissen bleiben im Krankenzimmer und essen mit ihm gemeinsam. Heute Abend gehört ihre Freizeit dem bedrückten, traurigen Patienten. Sie singen ihm Weihnachtslieder und lesen ihm die Geschichte von der wunderbaren Geburt Christi vor. Das Kind in der 23
Krippe ist einzigartig und ist uns zuliebe Mensch geworden. Plötzlich ruft die Nachtschwester Schwester Sabine auf den Flur. „Herr Finkbeiner Junior und Gattin sind gekommen.“ Schwester Sabine begrüßt die Gäste. „Wir möchten unseren Vater besuchen. Können Sie ihn darauf vorbereiten?“ Nichts tut die Stationsschwester lieber als dies. Über das Gesicht des Alten geht ein Leuchten, als er die Neuigkeit vernimmt. Dann aber schreckt er zusammen. „Schwester Sabine, sagen Sie meinem Jungen, er soll kommen, aber bleiben Sie bitte auch hier.“ Der Weg für die Begegnung zwischen Vater und Sohn ist nun frei. Das junge Ehepaar auf dem Gang ist erleichtert, zugleich auch etwas beklommen. „Schwester, Sie gehen doch mit uns“, ist ihre Bitte. „Aber klar!“ Der Sohn beugt sich zum Vater nieder und nimmt ihn in seine Arme. Tränen laufen ihm dabei über die Wangen. Noch einmal lässt die Stationsschwester Kartoffelsalat und Würstchen aus der Küche holen. Jetzt ist es erst recht ein Festessen, ein Familienfestessen. Ein Gespräch kommt 24
in Gang. Es bedarf nicht vieler Worte. Das jahrelange Schweigen ist gebrochen. Leise schleichen sich die beiden Diakonissen aus dem Zimmer. Vater, Sohn und Schwiegertochter reichen sich die Hand zur Versöhnung. Am nächsten Morgen, als Schwester Sabine ihm den Blutdruck messen will, ruft Herr Finkbeiner ihr zu: „Schwester Sabine, das war mein schönstes Weihnachtsfest in meinem Leben. Danke, Schwester, vielen Dank!“
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