Elizabeth Musser
Näher als du denkst
Prolog Juni, in der Nähe von Atlanta Selbst in meinen schlimmsten Albträumen hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich einmal an diesem grasigen Abhang stehe, während die warme Sonne Georgias auf meinen Rücken scheint, und mich frage: „Was ist wirklich passiert?“ Ich war in den vergangenen sieben Monaten öfter hier gewesen, um zu trauern, und hatte an der Stelle, an der Stocktons Auto von der Straße abgekommen und in die Schlucht gestürzt war, Blumensträuße abgelegt. Stockton war ein guter Autofahrer gewesen. Manchmal war er ziemlich schnell gefahren, durchaus stolz darauf, dass er Haarnadelkurven nehmen konnte, ohne die Geschwindigkeit allzu sehr zu reduzieren. Da es an jenem Abend geregnet hatte, teilweise mit Schnee vermischt, hatte ich die Schlussfolgerung des Polizisten akzeptiert. Aber jetzt konnte ich das nicht mehr. Ich blickte über die Böschung. Szenen aus alten Hitchcock-Filmen tauchten vor meinem geistigen Auge auf. Szenen, in denen Autos von düsteren Gestalten, die den Helden verfolgen, von der Fahrbahn abgedrängt werden. Ein anderes Bild tauchte vor meinem geistigen Auge auf: Eine Szene aus den Sklaventagebüchern, die ich gelesen hatte: Ein Sklavenmädchen, das verzweifelt versuchte, Schmutz von sich abzuschrubben, der in ihre Seele eingedrungen war. „Menschenhandel“, flüsterte ich. Die Fragen ließen mir keine Ruhe. Wer war auf dieser Party gewesen? War er dort gewesen? Bestimmt nicht. Oh, Herr, bitte lass das nicht sein! Er nicht auch noch! Als Stockton an jenem Freitagabend Mitte November ans Telefon gegangen war, hatte er das Gesicht verzogen. Dann hatte er den Telefonhörer zugehalten und mit ernster, trauriger Miene gesagt: „Nan, ich muss kurz wegfahren.“ Ich hatte ihn verärgert angese5
hen und den Kopf geschüttelt. Es war Familienabend, für unsere drei kleinen Töchter der Höhepunkt der Woche. Er hatte resigniert aufgelegt. „Was ist?“, hatte ich in einem abwehrenden Tonfall gefragt. „Ein Mandant. Es gibt Schwierigkeiten. Ich muss hinfahren.“ „Heute Abend? Die Mädchen werden sehr enttäuscht sein. Und es regnet. Kann das nicht bis morgen warten?“ „Ich muss ihn auf dieser Party treffen. Er ist nur heute Abend in der Stadt.“ „Eine Party!“ Er hatte geseufzt und mich in die Arme genommen. „Anwaltskram, Nan. Ich kann nicht darüber sprechen. Ich muss von meinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen.“ Dann hatte er jedes der Mädchen umarmt und gesagt: „Wir holen den Familienabend morgen nach, okay? Dann gibt es eine besondere Nachspeise. Und jede von euch darf sich vier Bücher und einen Film aussuchen.“ Die Mädchen waren einverstanden gewesen, aber ich hatte mich immer noch geärgert. „Du benimmst dich sonderbar. Den Familienabend lässt du sonst nie ausfallen. Hat es mit dem Fall zu tun, an dem du arbeitest?“ Er hatte mich überrascht angesehen. „Ach, komm schon, Stockton! Du vergräbst dich seit zwei Wochen immer mehr wie in einer Höhle. Zu wenig Schlaf, kaum Zärtlichkeiten, keine Scherze. Das bedeutet immer, dass du wegen eines Falls gestresst bist.“ Er hatte sich in meinen Armen entspannt. Rückblickend vermute ich, dass er erleichtert gewesen war, weil ich anscheinend nicht wusste, an welchem Fall er arbeitete. „Tut mir leid, Nan. Du hast recht. Du hast vollkommen recht. Wie immer hast du eine untrügliche Intuition.“ Sein Kopf lag auf meinem, als wir uns umarmten. Dann gab er mir einen langen, fast verzweifelten Kuss, nahm den Regenmantel und drehte sich um, als wollte er noch etwas sagen. Mit einem schwachen Lächeln und einem Achselzucken sagte er jedoch nur: „Es tut mir leid, Nan. Es tut mir wirklich leid.“ „Ist schon gut. Fahr jetzt. So etwas machst du sonst nie.“ „Ich liebe dich, Nan.“ Ich war so dankbar, dass das seine letzten Worte an mich gewesen 6
waren und dass ich ihm geantwortet hatte: „Mehr als die Luft zum Atmen.“ Das war unser kleiner Geheimcode gewesen: „Ich liebe dich mehr als die Luft zum Atmen.“ Dann war er fort gewesen. Die Mädchen und ich hatten gemeinsam den Hirtenauflauf, unser Familienlieblingsessen, verspeist. Dann hatten wir unseren Familienlieblingsfilm Die Schöne und das Biest angesehen und der Abend war ruhig verlaufen. Ich hatte den Mädchen Bücher vorgelesen, sie schließlich ins Bett gebracht und ihnen versprochen, dass Papa ihnen einen Gutenachtkuss geben würde, wenn er nach Hause käme. Aber er war nicht nach Hause gekommen. Der Telefonanruf war um vier Uhr morgens gekommen, nachdem ich Stockton fünf Nachrichten geschickt und mindestens zwanzigmal versucht hatte, ihn anzurufen. Jetzt starrte ich in die Schlucht hinab, in der sein Auto gefunden worden war, wischte mir den Schweiß von der Stirn und fragte mich: „Und wenn es kein Unfall gewesen ist? Wenn Stockton gewusst hat, dass er irgendwie in Gefahr war?“ Ich legte die Arme um mich und wurde mir meiner Gänsehaut bewusst, obwohl es vierunddreißig Grad warm war. Ich hatte buchstäblich das Gefühl, festgefroren zu sein, während alles, was in den vergangenen 231 Tagen in meinem Leben passiert war, unausweichlich zu diesem Moment geführt hatte, an dem ich mich gezwungen sah, mich zu entscheiden. Solange ich das nicht tat, könnte mich auch der wärmste Sonnenschein nicht erwärmen. Ich setzte mich neben den verwelkten Strauß, den ich vor Wochen hier abgelegt hatte, starrte auf die sanft geschwungenen grünen Hügel in der Ferne und sagte: „Dieses Mal, Nan, musst du dich entscheiden. Für dich, für deine Mädchen. Und für viele andere.“ Als ich mir das eingestand, tauchte nicht Stocktons Gesicht oder das einer unserer Töchter vor meinem geistigen Auge auf. Vielmehr sah ich das weiße Gesicht des Sklavenmädchens Clara. Ihre Geschichte, die ich, Stück für Stück, Brief für Brief, entdeckt hatte, gab mir den Mut, laut in den heißen, erstickenden Windhauch zu rufen: „Bitte hilf mir. Bitte!“
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Kapitel 1 Mai, sechs Wochen zuvor „Weiß jemand, wo Sylvia heute ist?“, fragte ich und schaute meine Achtklässler an. Dreiundzwanzig Augenpaare blickten zurück. Größtenteils dunkle Augen, einige mit asiatischen Zügen, ein Schmelztiegel verschiedener Nationalitäten, Kinder aus der ganzen Welt, deren Familien sich im Süden von Atlanta angesiedelt hatten. Schließlich antwortete Laetitia, eine dürre Dreizehnjährige: „Sie ist am Mittwochabend von zu Hause weggelaufen, Mrs Fitten.“ Ich atmete scharf ein und hörte die Stimme meines Anwaltsehemanns sagen: „Nan, die Statistiken sagen, dass Kinder, die von zu Hause weglaufen, in weniger als 48 Stunden aufgegriffen und hier in Atlanta zur Prostitution gezwungen werden.“ Als wir nach Atlanta gezogen waren, hatte sich Stockton anderen Anwälten in seiner Kanzlei angeschlossen, die sich mit mehreren gemeinnützigen Organisationen und der „International Justice Mission“ bemühten, den Menschenhandel in Atlanta zu bekämpfen, der erschreckende Ausmaße angenommen hatte. Vor meinem geistigen Auge sah ich erneut den heiligen Zorn in Stocktons warmen, braunen Augen, als er mir seinen aktuellen Fall erklärt hatte. Ich zwang mich, in die Gegenwart zurückzukehren, und legte eine Hand auf mein Pult, um mich abzustützen. „Es tut mir sehr leid, das zu hören“, sagte ich als Antwort auf die ernsten Blicke meiner Schüler. „Wirklich sehr leid.“ Ich räusperte mich und trat ans Whiteboard. „Heute analysieren wir Sätze.“ Ein kollektives Stöhnen ging durch den Raum. Ich drehte mich um und zwang mich zu einem Lächeln. „Das habe ich euch doch gestern angekündigt.“ Während ich das sagte, merkte ich, wie meine Beine unter mir nachgaben und das Klassenzimmer begann, sich um mich herum zu drehen. Das Letzte, an das 8
ich mich erinnere, war die Stimme eines Schülers, Eddie, glaube ich, der laut rief: „Mrs Fitten! Ist alles in Ordnung, Mrs Fitten? Jemand muss Mrs Avery holen! Schnell!“ „Nan? Nan!“ Ich versuchte, die Augen aufzuschlagen, und stellte fest, dass ich im Lehrerzimmer der Druid Hills Schule, an der ich Englisch unterrichtete, auf dem Sofa lag. Patsy Avery, die Rektorin, stand über mir. Ihr Gesicht zeigte tiefe Sorgenfalten. Ich schaute mit zusammengekniffenen Augen zu ihr hinauf. „Entschuldigung. Ich weiß nicht, was passiert ist.“ Patsy reichte mir ein Glas Wasser. „Trink bitte einen Schluck“, forderte sie mich auf, während ich versuchte, mich aufzusetzen. Mir wurde sofort wieder schwindelig. Deshalb legte ich mich zurück. „Wer ist bei den Kindern?“, fragte ich mühsam. „Mach dir darüber keine Sorgen.“ Sie nahm ein kühles Tuch und legte es auf meine Stirn. „Die Schüler haben gesagt, dass du dich aufgeregt hast, als du von Sylvia Gomez hörtest“, flüsterte sie. „Tut mir leid, Patsy. Ich weiß nicht, warum mich das so erschüttert hat.“ Patsy sah sehr beunruhigt aus. „Nan, du weißt, dass wir froh sind, dich wiederzuhaben. Und du leistest sehr gute Arbeit. Die Kinder lieben dich. Aber vielleicht ist es doch noch zu früh. Vielleicht brauchst du noch ein wenig mehr Zeit.“ Schließlich gelang es mir, mich aufzusetzen, obwohl ich das Tuch immer noch an meine Stirn drückte. Meine Schläfen hämmerten. „Ich weiß, was du denkst, Patsy. Was alle denken. Aber das Schuljahr ist fast zu Ende. Ich möchte meine Klasse bis zum Schuljahresende begleiten. Die Kinder hatten in den letzten acht Monaten genug Unruhe.“ Patsy sah nicht überzeugt aus. Sie war Ende vierzig, kaum zehn Jahre älter als ich, strahlte aber mit ihren kurzen, grau melierten Haaren und ihrer fülligen Figur etwas Großmütterliches aus. „Du bist jetzt zum dritten Mal vor den Kindern in Ohnmacht gefallen. Das wirkt sich nicht gerade beruhigend auf die Schüler aus. Und du hast noch mehr abgenommen, Nan.“ Sie seufzte. „Ich mache mir Sorgen um dich. Natürlich erwarte ich nach allem, was passiert 9
ist, nicht, dass du plötzlich wieder die alte, unbeschwerte Nan bist. Aber vielleicht setzt du dich zu sehr unter Druck, wenn du jetzt schon wieder unterrichtest.“ Ich kannte Patsy seit zehn Monaten und hatte großen Respekt vor meiner Vorgesetzten. Ich vertraute ihr. Deshalb atmete ich tief ein und murmelte: „Ich komme mir vor, als wäre ich ein vollkommen anderer Mensch, Patsy. Alles wirft mich aus dem Gleichgewicht. Ich hatte früher nie Angst. Jetzt jagt mir vieles, das mich früher nicht beunruhigt hätte, große Angst ein.“ Wahrscheinlich besiegelte ich damit gerade mein Schicksal, aber es tat gut, es auszusprechen. „Vielleicht hast du ja recht. Ich will den Kindern auf gar keinen Fall Angst einjagen. Die meisten von ihnen haben genug eigene Probleme.“ Ich schloss die Augen und flüsterte: „Aber ich bin doch so gerne bei meinen Schülern. Daran hat sich nichts geändert. Wenn ich unterrichte, habe ich das Gefühl, dass das Leben weniger verrückt ist. Ich glaube wirklich, dass ich bis zum Schuljahresende durchhalten kann. Es sind ja nur noch drei Wochen.“ Ihr Gesicht entspannte sich ein wenig. Schließlich nickte sie halbherzig. Dankbar sagte ich: „Lass mich in meine Klasse zurückgehen. Ich werde es den Kindern erklären.“ Patsy tätschelte meine Schulter. „Oh, Nan. Du weißt, dass du nichts erklären musst. Die Kinder verstehen dich. Sie verstehen das alle sehr gut.“ In den ersten zwei Monaten nach Stocktons Tod hatte ich mich wie gelähmt gefühlt, als hätte ich selbst diesen schrecklichen Unfall erlitten und wäre jetzt an einen Rollstuhl gefesselt. Dann gab es allmählich wieder Tage, an denen ich wieder „funktionierte“, an denen ich tatsächlich aufstehen und meinen Töchtern helfen konnte, sich anzuziehen. Tage, an denen ich durch den Supermarkt gehen konnte, ohne vor dem Regal mit dem Lieblingsmüsli meines Mannes in Tränen auszubrechen. Also ging ich wieder arbeiten. Nur in Teilzeit. Aber doch so viel, dass ich gezwungen war, aus dem Haus zu gehen und mich in die Welt mit normalen Menschen zu begeben. Ich hasste es, von einer neuen Normalität zu sprechen. Ich wollte keine neue Normalität. Ich wollte mein altes Leben zurück. Wenn ich unterrichtete, dann 10
überbrückte das die Kluft zwischen dem, was früher gewesen war, und meiner gegenwärtigen Realität. Aber ich konnte die Angst nicht loswerden. Früher war ich bei schlechten Nachrichten nie in Ohnmacht gefallen. Vor noch nicht allzu langer Zeit wäre ich in meinen Minivan gesprungen, zu Sylvia Gomez’ Eltern gefahren und hätte verlangt, dass mir ihre Mutter, auch wenn sie unter Drogen stand und rot unterlaufene Augen hatte, erzählte, was passiert war. Jetzt löste dieser Gedanke bei mir Angst und Erschöpfung aus. Ich eilte an diesem Freitagnachmittag zu meinem Minivan, schlug die Tür hinter mir zu, verriegelte sie und fuhr zu der Grundschule, in der ich meine älteste Tochter, Middie, abholen würde. Danach würde ich Kenzie aus dem Kindergarten abholen. Anschließend würden wir nach Hause fahren, wo ich mein Krabbelkind, Weezie, mit meiner Babysitterin anträfe, und wir wären alle in Sicherheit. Sicherheit, das war jetzt mein neues Ziel. Der Grabstein war aufgerichtet. Ich hatte den Mädchen versprochen, dass wir das Grab ihres Papas besuchen würden, wenn der Stein stand. Also nahm ich am Sonntag nach dem Gottesdienst meinen ganzen Mut zusammen und wir fuhren zum Oakland-Friedhof. Meine Eltern waren mitgekommen, wofür ich sehr dankbar war. Wir gingen Hand in Hand an unzähligen Grabsteinen vorbei, von denen einige hundert Jahre alt waren, zum nagelneuen Grabstein meines Mannes. Ich hielt die Hand meiner zweijährigen Tochter so fest, dass sie zu mir hinaufschaute und sagte: „Au, Mama!“ Als wir zu seinem Grab kamen, knieten meine zwei älteren Töchter nieder und legten Wiesenblumen vor dem Granitstein nieder, auf dem stand: Andrew Stockton Fitten, geliebter Sohn, Ehemann, Vater und Anwalt der Armen. Jesaja 58,9-10. Dann setzten sie sich in ihren Kleinmädchen-Kleidern auf den Boden. Ich setzte mich neben sie und zog die zweijährige Weezie auf meinen Schoß. Papa sprach ein kurzes Gebet und las dann einen Psalm. Danach erzählte die sechsjährige Middie ihrem Vater, was sie in der Kindergruppe in der Gemeinde gelernt hatten. „Goliat war wahrscheinlich nur drei Meter groß. Also war er gar kein richtiger Riese.“ Meine Mutter musste grinsen. 11
Kenzie, vier Jahre alt, flüsterte mit ihrer leisen Stimme: „Ich vermisse dich, Papa. Ich vermisse dich so sehr.“ Meine Kehle war so zugeschnürt, dass ich kein Wort herausbrachte. Deshalb hielt ich einfach Kenzies kleine Hand, während Weezie die gepflückten Blumen aus meiner anderen Hand nahm und sie auf Stocktons Grab legte. Einige schweigende Minuten, die gelegentlich durch ein Schluchzen unterbrochen wurden, vergingen. Dann berührte mich Mama an der Schulter und flüsterte: „Wir gehen mit den Mädchen zu den anderen Gräbern und lassen dich eine Weile allein.“ Sie löste Weezies Hand aus meiner und schwang sie auf ihre Hüfte. Papa streckte die Hände aus und sagte: „Wer nimmt meine Hände und führt mich?“ Middie und Kenzie kamen seiner Aufforderung schnell nach, doch vorher drückte mir jede noch einen nassen Kuss auf die Wange und sagte: „Wir sind bald wieder da, Mama.“ „Hey, Schatz“, flüsterte ich Stockton mit Tränen in den Augen zu. „Ich vermisse dich so sehr. Ich dachte, es würde ein wenig leichter werden, wenn einige Monate vergangen sind. Nicht unbedingt leicht, aber einfach nicht mehr so furchtbar grausam. Aber so ist es nicht. Es tut richtig körperlich weh.“ Ich legte einen kleinen Kieselstein vor den Grabstein. Stockton und ich waren gerne miteinander gewandert und hatten uns angewöhnt, kleine Steine auf den verschiedenen Wanderwegen zu sammeln und sie in einem Ordner aufzubewahren, in dem wir auch den Ort und das Datum der Wanderung festhielten. Für uns war das wie für andere Menschen das Münzensammeln und Katalogisieren. Bei unserer letzten Familienwanderung hatten wir den Stone Mountain zur Hälfte erklommen, als Kenzie, die den für diesen Tag bereits gesammelten Stein umklammerte, theatralisch verkündet hatte: „Ich kann keinen Schritt mehr gehen!“ Also hatte Stockton sie auf seine Arme geschwungen und sie mit „meine arme, kleine Prinzessin“ geneckt. Das hatte Middie, die mit stoischer Miene neben mir her marschiert war, eifersüchtig gemacht. Deshalb hatte Stockton auch sie in die Höhe geschwungen und Kenzie auf der einen und Middie auf der anderen Hüfte getragen, während Weezie in der Rückentrage auf seinem Rücken schlief. 12
Ich hatte gekichert, mit dem Handy ein Foto gemacht und es mit dem Kommentar „Super-Papa“ an Stocktons und meine Eltern geschickt. Super-Papa. Sie vermissen dich so sehr. Ich vermisse dich so sehr. Jetzt betrachtete ich dieses Foto, dann machte ich mehrere Bilder vom Grabstein und schickte sie erneut durch den Cyberspace an George und Louisa, Stocktons Eltern. „Eines Tages werden sie hierherkommen, Stockton“, flüsterte ich. „Aber im Moment ist es für sie wahrscheinlich einfach furchtbar schwer.“ Ich schloss die Augen und erinnerte mich daran, wie George und Louisa ausgesehen hatten, als ich sie vor einem Monat mit den Mädchen besucht hatte. Zwei blasse Gestalten, kreidebleich und mit hohlen Augen, hatten uns begrüßt. Nicht länger stolze Aristokraten, sondern gebrochene, trauernde Eltern. Ich kniete neben dem Grabstein nieder und sagte laut: „Stockton, ich habe beschlossen, dass ich an jedem neuen Ort, an den ich allein oder mit den Mädchen gehe, einen Stein oder Kiesel oder etwas anderes suchen und es dir mitbringen werde.“ Ich berührte den Kieselstein. „Der hier ist vom Gelände um das Wren’s Nest, Stockton. Ich war letzte Woche dort. Aber ich konnte mich nicht überwinden, in dieses wunderschöne Hausmuseum hineinzugehen. Es tut mir so leid, dass ich dich und die Mädchen nie zu den Kinderbuchlesungen dort begleitet habe.“ Ich schluckte schwer. Der Granitgrabstein sah zu sauber, zu professionell, zu hart und zu unpersönlich für all die Gefühle aus, die in mir tobten. Ich war versucht, mit einem Stein über die Oberfläche zu kratzen, um deutlich zu machen, dass es überhaupt nicht sauber oder professionell war, dass Stockton hier begraben lag. Doch stattdessen schüttete ich meinem Mann mein Herz aus und fühlte mich ihm so nahe, als kuschelten wir uns in unserem Bett aneinander. Mir war nicht einmal bewusst, wie sehr ich weinte, bis ich auf meine Jeans hinabschaute und den dunklen Fleck an der Stelle sah, auf die meine vielen Tränen gefallen waren. Meine Worte sprudelten nur so aus mir heraus. Schließlich kam Mama, berührte mich wieder an der Schulter und flüsterte: „Die Mädchen bekommen Hunger.“ Ich stand auf, wisch13
te mit den Händen über mein Gesicht und umarmte Mama ganz fest. „Wie hast du die ersten Monate überlebt, nachdem Oma Sheila gestorben war?“ Ich wusste ihre Antwort, ich kannte die bewegende Lebensgeschichte meiner Mutter, aber ich musste sie an diesem sonnigen Frühlingstag noch einmal hören, der mir so furchtbar dunkel erschien. „Ich weinte und malte und ließ mich in der Schule auf diesen dummen Raven Dare ein, und ich hatte Rachel und dann so viele andere …“ Mama war immer sehr aufgewühlt, wenn sie von dem Jahr erzählte, nachdem ihre Mutter bei einem Flugzeugabsturz gestorben war. „Weißt du, Liebes, das war das Jahr, in dem ich entdeckte, was wahrer Glaube ist.“ Wahrer Glaube. Ich verzog das Gesicht und war dankbar, dass Mama nicht genauer auf dieses Thema einging. Wir kehrten zu der Stelle zurück, an der Papa mit den Mädchen wartete. „Aber ich war ein Teenager und du bist eine junge Mutter mit drei kleinen Mädchen. Das ist ein Unterschied, Nan. Für dich ist es in vielerlei Hinsicht viel schwerer. Ich würde dir so gerne etwas von dem Schmerz abnehmen, aber das kann ich leider nicht.“ Sie zog mich an sich. Dann kam Papa auf meine andere Seite und so gingen wir zum Ausgang des Oakland-Friedhofs, während die Bäume ihre zarten grünen Blätter im Wind wiegten und die Hinterbliebenen leise mit lieben Menschen flüsterten, die sie verloren hatten, und sich meine kleinen Mädchen fest an uns klammerten. Es war spät an diesem Sonntagabend und die Mädchen lagen schon eine Weile im Bett, als ich Stocktons Laptop herausholte. In der letzten Woche hatte ich angefangen, die Seiten, die Stockton markiert hatte, durchzusehen. Vor allem wollte ich sichergehen, dass keine Rechnungen offenstanden und keine Konten überzogen waren. Fünf Monate, zwei Wochen, sechs Tage und zwölf Stunden waren vergangen, seit Stocktons Auto an jenem verregneten Novemberabend von der Straße abgekommen war. In den ersten Monaten nach seinem Tod war ich wie benommen und betäubt gewesen, mit einem Schleier vor den Augen und einer Lethargie, die sich so schwer auf mich gelegt hatte, dass ich mir mehr wie eine alte 14
Frau als wie eine junge Mutter vorgekommen war. Aber als die Monate vergingen, hatte ich mich allmählich auf die „Wiederaufbauphase“ zubewegt, wie es meine kleine Schwester, Ellie, bezeichnete. Ich begriff, dass ich Stocktons Sachen durchsehen musste, und fing Schritt für Schritt damit an. An diesem Abend hatte ich mir vorgenommen, mich mit Ahnenforschung zu befassen. Stockton hatte viele Stunden in dieses Thema investiert. Er war Mitglied zahlreicher Ahnenforschungsgruppen auf Facebook und hatte bei mehreren entsprechenden Internetseiten Lesezeichen gesetzt. Er hatte auch einen Ordner mit dem Titel „Ahnenforschung“ in seinen Dokumenten, in dem er viele Dateien mit Informationen über seine Familie, die Fittens, gesammelt hatte. Die Fittens von Alabama, die Fittens von Georgia, die Fittens von hier und die Fittens von dort. Ich hatte mir zwölf Jahre lang viel über die Fittens und ihren angeblichen Ruhm angehört. Stockton hatte seinen Familienstammbaum bis zu Karl dem Großen 800 n. Chr. zurückverfolgt. Ich blinzelte meine Tränen zurück, als ich mich auf Stocktons Facebook-Account anmeldete. Ich hätte alles gegeben, wenn ich hier neben ihm sitzen könnte, während er in die Welt der Fittens eintauchte und ich Fotos sortierte und ein Scrapbook gestaltete. Damit hatten wir die seltenen Abende verbracht, wenn unsere Mädchen tatsächlich einmal alle schliefen, wir aber zu müde für Zärtlichkeiten waren und andererseits noch zu wach, um selbst ins Bett zu gehen. Ahnenforschung und Scrapbooking. Meine Kehle war wieder wie zugeschnürt und ich stöhnte zum tausendsten Mal. „Komm zurück. Ach, bitte, komm zurück, Stockton. Ich würde alles geben, wenn ich dich wieder bei mir haben könnte.“ Ich klickte eine Facebook-Seite mit dem Titel „Ahnenforschung in den Südstaaten“ an. Der Slogan in der Überschrift entlockte mir ein kurzes Lächeln. „Ich suche meine Vorfahren, damit ich weiß, wem ich die Schuld geben kann.“ Stockton war einer von über 10.000 Mitgliedern dieser Gruppe, und ich war vor ein paar Tagen beigetreten. Jetzt tippte ich „Fitten“ in die Suchzeile. Im nächsten Moment hatte ich mehrere Seiten mit Posts und Kommentaren zwischen Leuten, die irgendwelche 15
Vorfahren namens Fitten suchten. Einige dieser Nachrichten waren mehrere Jahre alt, aber als ich die Seite nach unten scrollte, tauchte ein neuerer Eintrag auf dem Bildschirm auf, der mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Ich suche Informationen über die Towner-Fitten-Carnes-Plantage in Wilkes County, Georgia. Das war alles. Sonst nichts. Aber es weckte eine Erinnerung in mir: Stockton, braun gebrannt mit seinen dunklen Augen und Grübchen, legte die Hände auf meine Schultern, dann ließ er sie über meinen hervorstehenden Bauch wandern, in dem unser erstes Kind heranwuchs. „Du hast da drinnen einen weiteren großartigen Fitten“, hatte er gesagt. „Fitten dies, Fitten das!“, hatte ich geknurrt. „Man könnte meinen, dass es auf der Welt nichts anderes gäbe als Fittens.“ Stockton hatte mich zu sich herumgedreht, meine Hände ergriffen und gesagt: „Oh, jetzt irrst du dich aber, meine hübsche Nan. Fitten ist wirklich ein sehr seltener Name.“ Und er ergoss sich in einer Erklärung des Familienstammbaumes und dass es in den ganzen USA nur noch wenige Hundert Fittens gebe. Fitten. Ein seltener Name. Dann die zwei anderen: Carnes und Towner. Auch sie gehörten zu Stocktons Familienlinie, irgendwo in der Vergangenheit, das wusste ich. Ich las die Antworten auf diese Frage und sah Stocktons Namen in einer Antwort weiter unten auf der Seite. Ich wollte sie gerade lesen, als sich ein Chatfenster auf dem Bildschirm öffnete und plötzlich jemand etwas in Echtzeit tippte: Hallo, Stockton! Wo warst du in den vergangenen Monaten? Warum antwortest du mir nicht? Ich dachte, wir wollten uns treffen. Der Username war CeeCee_so_süß. Sie schrieb Stockton auf seinem persönlichen Facebook-Account. CeeCee_so_süß? Wer war diese Frau? Tausend Szenarien schossen mir durch den Kopf, die alle unmöglich waren. Ich versank in dieser unsicheren Welt mit schmerzhaften Fragen, als ein lächerlicher gelber Smiley mit zwinkerndem Auge nach dem letzten Satz erschien. Ich wartete mehrere Minuten, bevor ich antwortete. Eine Minute verging, dann zwei, dann saß ich gefühlte Stunden, Tage und Monate ohne neue Nachricht da, starrte den Bildschirm 16
an und meine Fantasie ging mit mir durch. Mein Handy klingelte und erschreckte mich fast zu Tode. Ich sprang hoch und meldete mich. „Hey, Nan? Habe ich dich geweckt?“ Es war meine kleine Schwester, Ellie. Ich seufzte erleichtert auf. Dachte ich wirklich, diese Frau auf der anderen Seite des Internets würde zum Telefon greifen und mich anrufen? „Nein, nein, überhaupt nicht. Ich sitze nur hier und starre den Computerbildschirm an.“ Das stimmte. „Klingt interessant. Ähm, Ben und ich haben vor, mit den Kindern am Samstag zur Farm im Geschichtszentrum zu fahren. Das planen wir schon seit Ewigkeiten. Hast du Lust, zusammen mit den Mädchen mitzukommen? Oder wenn du ein wenig Zeit für dich haben willst, könnten wir die Mädchen auch abholen und du hast einen freien Nachmittag.“ Das war so typisch für Ellie, für meine ganze Familie, für die ich Gott so dankbar war. Sie versuchten ihr Möglichstes, um mir zu helfen, ohne sich zu sehr in mein Leben einzumischen. „Das wäre herrlich“, seufzte ich. „Option zwei, meine ich.“ Ich zwang mich zu einem Lächeln. Wenn Stockton noch leben würde, würden er und ich gemeinsam mit den Kindern zum Tullie-SmithHaus fahren, einer rekonstruierten Farm aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg im Geschichtszentrum von Atlanta. Dort würde Stockton die Geschichte lebendig werden lassen. Geschichte. Der Facebook-Chat. Diese Frau. „Ellie, das ist wirklich sehr lieb von euch. Können wir morgen weiter darüber sprechen? Ich bin hundemüde.“ „Klar. Brauchst du irgendetwas?“ „Schlaf“, schmunzelte ich, aber eigentlich wollte ich sagen: Stockton. Ich lehnte mich zurück und wagte es, einen Blick auf den Bildschirm zu werfen. Nichts. Nur meine Worte: Hier ist Stocktons Frau.
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Kapitel 2 In den zwölf Jahren unserer Ehe hatte ich kein einziges Mal an Stocktons bedingungsloser Liebe zu mir und an seiner Treue gezweifelt. Als Stockton nach dem Abschluss seines Jurastudiums an der juristischen Fakultät der Universität von Virginia seine erste Stelle in Chattanooga angetreten hatte, hatten in seiner Kanzlei gediegene ältere Männer und mehrere sehr attraktive jüngere Frauen gearbeitet, von denen eine gern mit Stockton geflirtet hatte. Er hatte es mir sofort erzählt und so weit wie möglich Abstand zu ihr gehalten. Als er damit keinen Erfolg gehabt hatte, hatte er es mit einer anderen Strategie versucht: Er hatte mich mit in die Kanzlei genommen und mich der jungen Frau vorgestellt. „Ich möchte Ihnen meine Frau, Nan, vorstellen.“ Dann hatte er mich vor der ganzen Kanzlei leidenschaftlich geküsst. Von diesem Tag an hatte ihn diese Frau in Ruhe gelassen. Ich starrte den Bildschirm über eine Stunde lang an, bis ich mich zwang, den Computer auszuschalten und ins Bett zu gehen. Das half mir aber überhaupt nicht weiter. Ich lag wach und ließ jeden Moment der letzten Wochen vor Stocktons Tod Revue passieren, wie ich es schon unzählige Male gemacht hatte. Aber jetzt suchte ich nach einem Hinweis auf etwas, das mir die Augen hätte öffnen müssen. Ich fragte mich, ob sich Stockton in der Hektik unseres Lebens vielleicht vernachlässigt gefühlt hatte. Aber wir hatten miteinander gesprochen, hatten einander geliebt und miteinander gelacht, hatten uns zärtlich und zufrieden aneinandergeschmiegt, während er sich auf seinem Laptop mit Ahnenforschung beschäftigt und ich neben ihm mit einer Zackenschere die Fotos unserer Kinder für das Scrapbook ausgeschnitten hatte. Um zwei Uhr morgens stand ich auf und ging in die Küche hinab. Vor sechs Monaten hätte ich mich niedergekniet, gebetet und dem Herrn gesagt, dass ich diese Nachricht nicht ertragen könne und dass ich am nächsten Tag eine Horde aufgedrehter Achtkläss18
ler unterrichten müsse und ob er mir bitte etwas Schlaf schenken könne. Oder auch nicht. Schlafen war nicht so wichtig. Ich litt seit Stocktons Unfall ständig unter Schlafstörungen. Noch vor Monaten hätte ich Gott angefleht, die Zweifel wegzunehmen. Aber ich betete jetzt eigentlich nicht mehr viel, wenigstens nicht mit der Überzeugung, die ich früher gehabt hatte. Ich schenkte mir ein Glas Wasser ein, stand vor dem offenen Kühlschrank und sagte: „Ich habe früher nie an dir gezweifelt, Stockton. Da ich sowieso nichts mehr ändern kann, will ich jetzt nicht den Verstand verlieren, indem ich nachträglich an dir zweifle.“ Trotzdem wollte ich eine Klärung. Der Montag und der Dienstag vergingen wie im Nebel. Manchmal gelang es mir, die Nachricht von CeeCee_so_süß zu vergessen, aber das gelang mir nur deshalb, weil ich mit dem Unterrichten und meinen drei kleinen Mädchen so sehr ausgelastet war. Doch in bestimmten Momenten schlich sich der Zweifel ein, umgarnte mich und versuchte, mir ein Bein zu stellen, während ich mich durch den Tag kämpfte. Abends, wenn die Kinder im Bett waren, schaltete ich unweigerlich Stocktons Computer ein, öffnete diese verhängnisvolle Seite und wartete darauf, dass mir diese unsichtbare Frau mein Leben zurückgeben würde. Seit Stocktons Tod sprach ich fast jeden Tag mit meiner Mutter oder mit meinen beiden Schwestern, Abbie und Ellie. Wir standen uns als Familie sehr nahe. Wir hatten schon viel miteinander durchgemacht und teilten den Schmerz der Trauer genauso wie die einfachen Freuden, wenn ein Baby seine ersten Schritte machte oder ein kleiner Junge seinen ersten Ball warf. Aber von meiner Entdeckung konnte ich ihnen nicht erzählen. Ich glaube, ich hatte Angst, Stocktons Andenken zu besudeln, wenn ich auch nur eine Andeutung machen würde. Ich würde ihm bis an mein Lebensende vertrauen. Jawohl. Aber wenn ich meiner Familie von dieser Nachricht erzählte und das Rätsel um CeeCee_so_süß nie lösen könnte, würde in ihrem Hinterkopf immer ein kleiner Zweifel nagen. Sie hatten Stockton geliebt und ihm vollständig vertraut. Ich konnte es nicht ertragen, in ihren Herzen Misstrauen zu säen. Deshalb war ich am Telefon anders als sonst. „Nan, Liebes. Du klingst müde. Anders müde“, bemerkte Mama am Montagabend. 19
„Ich weiß. Und du hast recht. Ich bin tief drinnen geistig und emotional erschöpft“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Diese Woche ist es noch schlimmer als in den letzten Monaten. Aber das wird bestimmt wieder werden.“ Ich hätte es Mama erzählen können. Sie hätte mich verstanden. Sie kannte Zweifel und Wut und Trauer. Ihre Mutter war bei einem Flugzeugabsturz gestorben, als sie selbst noch ein Teenager gewesen war. Sie hatte dann mit Anfang zwanzig Essstörungen gehabt. Mein Vater war eineinhalb Jahre in Vietnam verschollen gewesen. Sie, seine Verlobte, hatte gewartet, obwohl sie manchmal gedacht hatte, er wäre tot. Dann hatte sie erleben müssen, wie eines ihrer Kinder, Ellie, bei einem Feuer schwer verletzt wurde, und wie dasselbe Kind jahrelang seinen Glauben aufgab. Vor zehn Jahren hatte Mama dann Brustkrebs bekommen, aber sie hatte überlebt. Meine Mutter konnte also nicht mehr viel schockieren. Der Knoten, der mir die Kehle zuschnürte, war so eng und so erstickend, dass ich nur keuchen konnte: „Bete für mich.“ Abbie rief mich am Dienstag in meiner Pause zwischen der „Kreatives-Schreiben“-Stunde in meiner achten Klasse und dem Englischunterricht in meiner sechsten Klasse an. „Mama hat gesagt, dass du eine sehr schwere Woche durchmachst. Kann ich etwas für dich tun?“ „Danke, Abbie. Ich weiß nicht, was du für mich tun könntest.“ Abbie musste immer etwas tun. Sie war die Perfektionistin in der Familie und ich wusste, wenn ich ihr nicht sagte, wie sie helfen konnte, würde ihr irgendetwas einfallen, das absolut nicht hilfreich wäre. „Vielleicht könntest du mit etwas Süßem mit viel Schokolade vorbeikommen?“ „Perfekt. Ich bin um fünf Uhr bei dir.“ Und so saßen Abbie und ich am Dienstagabend in der Küche, während die Mädchen oben in ihrem Zimmer spielten. „Du hast noch mehr abgenommen“, stellte sie fest. Sie strich mir die Haare aus den Augen. „Und du musst zum Friseur. Kann ich dich zum Friseur fahren?“ Ich zuckte die Achseln. Meine ältere Schwester mit ihren langen, glänzenden blonden Haaren und ihren perfekt manikürten Nägeln 20
sah mit ihren fast vierzig Jahren schlank und elegant aus. Und ich, ihre kleine Schwester, sah mit meinen sechsunddreißig Jahren ausgezehrt und resigniert aus. Ich aß einige Löffel von dem „Himmlischen Schokoladenkuchen“, einer Spezialität unserer kleinen Lieblingsbäckerei in Decatur, einem Stadtteil im Osten Atlantas. Ich zwang mich zu schlucken, obwohl ich keinen Appetit hatte. Während ich so angespannt und elend mit ihr in der Küche saß, hätte ich es ihr beinahe erzählt. Ich hätte beinahe gesagt: „Ich habe auf Stocktons Ahnenforschungsseite gestöbert und habe die Korrespondenz zwischen ihm und dieser Frau gefunden. Sie wollten sich treffen. Es ist bestimmt völlig harmlos, aber es war trotzdem ein Schock.“ Doch ich konnte mich nicht überwinden, diese Worte auszusprechen, und so ging Abbie wieder und ich behielt mein Geheimnis für mich. Nur ich und Stockton wussten davon, der hoffentlich vom Himmel herabsah und mir versicherte, dass es absolut keinen Grund gebe, mir Sorgen zu machen. Meine Schülerin Sylvia Gomez schaute mich am Mittwochmorgen mit dem dreisten Lächeln an, das ich schon von den letzten Monaten her gewöhnt war. Sie sah wie mindestens siebzehn aus, obwohl ich ziemlich sicher war, dass sie nicht viel älter als zwölf sein konnte. Sie ging mit ihrer frühen körperlichen Entwicklung nicht gut um, sondern stellte sie mit ihrer Garderobe und ihrem Auftreten zur Schau. Aber wenigstens war sie wieder in der Schule. Ich hatte es nicht einmal gewagt, Patsy nach der ganzen Geschichte zu fragen. Ich wollte sie nicht wissen. Ich konzentrierte mich auf meinen Unterrichtsstoff und hatte auf ein gutes Frühstück geachtet und viel Wasser getrunken. Ich wollte auf keinen Fall wieder in Ohnmacht fallen. Ich kam nach dem Unterricht nach Hause, nachdem ich Middie und Kenzie abgeholt hatte. Meine Babysitterin LeeAnn, die leuchtend grüne Haare hatte, war mit Weezie zu Hause. „Du siehst furchtbar aus“, kommentierte LeeAnn auf ihre typisch direkte Art, während sie Weezie auf ihrer schmalen Hüfte sitzen hatte. „Soll ich noch ein wenig bleiben?“ „Nein, ich komme schon klar. Aber danke. Ich habe die letzten Nächte nicht gut geschlafen. Das ist alles.“ 21
„Du hast in Stocktons Computer herumgestöbert, nehme ich an.“ Ich schaute sie sprachlos an. Schließlich fragte ich: „Wie kommst du darauf?“ „Ach, du hast doch gesagt, dass du nachsehen müsstest, ob du irgendwelche Rechnungen oder andere Dinge übersehen hast, um die du dich kümmern musst.“ Sie reichte mir Weezie und sagte über die Schulter hinweg, als sie schon an der Haustür stand: „Ruh dich aus. Bitte.“ Ich wusste, dass ich keine Ruhe fände, solange ich keine Antwort von „dieser Frau“ hätte, wie ich sie in Gedanken nannte. Also setzte ich mich an diesem Abend wieder an Stocktons Computer, loggte mich auf seinem Facebook-Account ein und schrieb erneut eine Nachricht an CeeCee_so_süß. Sie lautete kurz und knapp: Hier ist wieder Stocktons Frau. Sind Sie da? Um mich abzulenken, korrigierte ich Aufsätze und holte die Wäsche aus dem Trockner. Als ich zehn Minuten später Kenzies rosa Hemd und Hose zusammenlegte, hörte ich das typische Ping, das verriet, dass eine Nachricht gekommen war. Ich eilte zu Stocktons Computer, der völlig unschuldig neben mir auf dem Tisch stand. Ich atmete tief ein und richtete dann meinen Blick auf den Bildschirm. Es blinkte tatsächlich eine Nachricht auf. Oh, hi! Vielen Dank, dass Sie noch einmal schreiben. Ich kam neulich nicht mehr ins Internet und die letzten drei Tage war das Internet ganz weg. Aber jetzt funktioniert es wieder. Ich bin CeeCee. Stockton hat mir online bei meiner Familiengeschichte geholfen. Es gibt da eine Verbindung. Aber geht es ihm gut? Ich habe seit Ewigkeiten nichts mehr von ihm gehört. Er hat diese uralten Briefe, die er für mich einscannen wollte. Ich habe ihm gesagt, dass es nicht eilt, aber es geht um ein wirklich sehr wichtiges Schülerprojekt und die Geschichte, die ich schreibe, kann ich ohne diese Briefe nicht zu Ende schreiben. Ich war so erleichtert, dass ich in Tränen ausbrach. Ich weinte mindestens fünf Minuten und schluchzte laut. Eine große Erleichterung erfasste mich; dann meldeten sich Schuldgefühle, weil ich an meinem Mann gezweifelt hatte. CeeCee war keine Geliebte. Sie war eine harmlose Schülerin, die Hilfe brauchte. Das sah Stockton so ähnlich. Ich ging ins Badezimmer, nahm eine Schachtel Papier22
taschentücher, schnäuzte mich zweimal, wischte meine Tränen an meinem Schlafanzugärmel ab und tippte die nächsten Worte. Ich muss dir leider mitteilen, dass Stockton vor fünf Monaten gestorben ist. Es dauerte mehrere Minuten, bis CeeCee antwortete. Puh! Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das ist ja furchtbar! Dann, einige Minuten später, fügte sie hinzu: Aber glauben Sie, dass Sie mir helfen könnten, auch wenn es bestimmt furchtbar für Sie sein muss? Den Donnerstag verbrachte ich in einer eigenartigen Euphorie, die man bestenfalls als seltsam bezeichnen kann. Ich war im buchstäblichen Sinn begeistert, weil mein toter Mann vor seinem Unfall keine Affäre gehabt hatte. Diese Euphorie hielt den ganzen Tag so sehr an, dass ich überhaupt nicht daran dachte, dass Stockton tot war. Ich sprach den ganzen Tag mit ihm – im Lehrerzimmer, auf der Lehrertoilette. Ich sagte ihm, wie sehr ich ihn liebe und wie dumm ich mir vorkomme, weil ich solche Zweifel zugelassen hatte. Ich bat ihn sogar, mir zu vergeben. Wenn jemand meine Gespräche gehört hätte, hätte man mich sofort wieder zum Therapeuten geschickt, der mir in den ersten Monaten nach Stocktons Tod geholfen hatte. Patsy traf mich an diesem Tag auf dem Flur und bemerkte: „Du siehst heute viel fröhlicher aus, Nan.“ Ich machte bei meinen Achtklässlern sogar einen Witz, was sie alle überraschte. Die Antwort, die ich CeeCee am Vorabend geschrieben hatte, lautete: Okay, ich versuche, dir zu helfen. Ich melde mich, sobald ich kann. Aber als ich die Mädchen ins Bett gebracht und 23 Aufsätze korrigiert hatte, war es nach elf und mir fielen fast die Augen zu. Trotzdem war ich fest entschlossen, CeeCee zu helfen. Ich fühlte eine riesige doppelte Verpflichtung ihr gegenüber: Zum einen wollte ich ihr helfen, weil Stockton das vorgehabt hatte, und zum anderen, weil ich mich so furchtbar in ihr getäuscht hatte. Ich schaltete meinen Laptop ein und sah, dass ich von ihr eine Nachricht bekommen hatte. Ich hatte ihr auf Facebook eine Freundschaftsanfrage geschickt, da es leichter war, auf diesem Weg mit ihr zu kommunizieren als über Stocktons Computer. Hallo, Nan! Hier ist CeeCee. Es geht um Folgendes: Meine Urururgroßmutter war Sklavin auf der Fitten-Farm in Wilkes County, Georgia und ich suche Informationen über den Zeitraum von 1848 bis 23
1892. Stockton sagte, er glaube, dass er Briefe von seiner Ururgroßmutter habe, die aus jener Zeit stammen. Sklavin! Puh! Auf der Fitten-Farm. Tief einatmen. Stocktons Eltern wohnten in dem alten Haus auf der ehemaligen Plantage! Glauben Sie, Sie könnten diese Briefe für mich suchen? Wenn ich mich CeeCee gegenüber nicht verpflichtet gefühlt hätte, hätte ich vielleicht geantwortet: „Nein. Tut mir leid. Ich habe genug eigene Probleme, ohne mich auch noch damit herumzuschlagen.“ Aber stattdessen tippte ich: CeeCee, ich hatte dazu noch keine Gelegenheit, aber ich habe eine Idee, wo die Briefe sein könnten. Ich schreibe dir, wenn ich mehr weiß. Ich schickte die Nachricht ab und hoffte, ich könnte dadurch etwas Zeit gewinnen. Ja, ich wusste, wo ich suchen musste, und ich wusste, wann ich suchen würde. Am Samstag, wenn Ben und Ellie meine Töchter Middie, Kenzie und Weezie für den Nachmittag im Atlanta-Geschichtszentrum abholten.
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