Skip to main content

331102

Page 1

Kapitel 1 Wenn JJ Taylor ihren Willen durchsetzen könnte, würde Kaffee gesetzlich verboten werden, er würde als illegale Droge aus der Gesellschaft verbannt werden. Zumindest sollte es ein Gesetz geben, das es verbietet, dieses schreckliche Getränk in ihrer Buchhandlung zu trinken. Das Aroma von frisch gebrühtem Kaffee zog durch den Raum und vertrieb die Gerüche, die JJ in ihrem Buchladen so sehr liebte. Die Druckerschwärze, das Papier, der Buchbindeklebstoff – das alles wurde von dem Gestank der gemahlenen Kaffeebohnen überlagert. JJ wischte mit ihrem Staubwedel durch die Abteilung mit den Reiseführern und warf dem Kaffee einen verstohlenen Blick zu. Mit sinkendem Herzen beobachtete sie ihre Kollegin, die tausend verschiedene Varianten des Gebräus in Pappbechern probierte. Ein herzliches Lachen kam von der Frau, mit der sie sich neulich noch empört über die Eröffnung des neuen Cafés ausgesprochen hatte. Nun gut, sie selbst war wenigstens keine Heuchlerin. JJ drehte den Eröffungsfeierlichkeiten des Camden Corner Cafés den Rücken zu, schob ihre Brille zurück an ihren Platz und machte mit dem Staubwischen weiter. Wenn sie doch nur ein Wort mit diesem berüchtigten Mr Brandon Smythe reden könnte, dem Juniorchef von Camden Corners und Initiator dieser Café-Idee. Aber in den letzten drei Jahren, die sie für Camden Corners arbeitete, hatte sie ihn noch nie zu Gesicht bekommen. Vielleicht war er ja unter den Anzugträgern gewesen, die regelmäßig den Fortschritt des Cafés unter die Lupe genommen hatten. Aber bei diesen Gelegenheiten war sie immer zu aufgebracht – und eingeschüchtert – gewesen, um den ominösen Juniorchef des landesweit agierenden 5


Buchhandelskonzerns zur Rede zu stellen. Als wäre eine Kette mit Buchhandlungen nicht schon genug! Das höhere Management hatte sich nicht damit aufgehalten, den Rat einer kleinen Angestellten einzuholen, bevor sie angefangen hatten, in ihrer Vorzeigebuchhandlung Wände einzureißen, zu renovieren und alles für das ladeninterne Café herzurichten. Wenn sie diesem Brandon Smythe jemals von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen sollte, würde sie ihm eine Liste mit Gründen vorlegen, warum sie gegen ein Café im Buchladen war (von ihrer eigenen Abneigung gegen Kaffee einmal abgesehen). Ganz oben stünden die unsäglichen Kunden, die ein solches Café anziehen würde. Das war nicht die Art von Kundschaft, die JJ in ihrem Geschäft haben wollte – Menschen wie ihre Eltern, die stundenlang hier herumsitzen und Bücher lesen würden, die sie niemals kauften und die die Einrichtung mit Kaffee beschmutzen und Kuchenteller zerkratzen würden. Mit einem Wisch des Mobs schickte JJ eine Staubwolke in den Raum, die sich wenige Augenblicke später genau auf den Regalen absetzte, die sie schon gewischt hatte. Sie schalt sich selbst für ihre unchristlichen Gedanken. Sie würde lernen müssen, mit dieser Situation zu leben. Oder kündigen. Und das hatte sie bestimmt nicht vor. Ihr Magen zog sich zusammen, als sie auch nur daran dachte, ihr Ziel, die Karriereleiter bei Camden Corners hinaufzuklettern, aufzugeben. Nächstes Jahr würde sie Dank des Förderprogramms des Unternehmens ihren MBA haben – ihren Master in Betriebswirtschaft. Das Fernstudium hatte sie schon hinter sich. Jetzt musste sie nur noch ihre Abschlussarbeit fertig schreiben. Dann hätte sie es endlich geschafft. Mit ihrem Mastertitel und der Berufserfahrung, die sie hier gesammelt hatte, hoffte sie, ihren Traumjob im Marketingbereich des Camden Corners Hauptsitzes zu bekommen. Mit dem Gedanken an ihre Pläne würde sie es bestimmt noch ein bisschen länger hier aushalten. Sie musste nur irgendwie ihre Abneigung gegen Kaffee überwin6


den, wenigstens kurzfristig, obwohl das Gebräu die Erinnerungen an eine längst begrabene Vergangenheit wachrief. „Miss Taylor auf Leitung zwei.“ Der Ruf aus der Telefonanlage übertönte die Melodie eines John-Denver-Songs. JJ fiel jetzt erst auf, dass gerade „Country Roads“ aus den versteckten Boxen klang. Plötzlich fühlte sie, wie Tränen in ihre Augen traten. Als sie noch ein Kind gewesen war, hatte ihre Großmutter diesen Song immer vor sich hin gepfiffen. Doch ihre Großmutter, die sich als Einzige wirklich um sie gekümmert hatte, war schon lange tot. JJs Mutter, die in einem Pflegeheim wohnte, war gewissermaßen auch tot, denn sie hatte mit den Folgen ihrer jahrelangen Drogenkarriere zu leben, die sie mit 50 Jahren schon zu einem Pflegefall gemacht hatten. Auf ihrem Weg zum Telefon hob JJ seufzend eine Serviette vom Boden auf. Tag eins nach der Eröffnung des Cafés und der Buchladen sah schon chaotisch aus. Sie atmete tief ein, versuchte, die Emotionen niederzukämpfen, die sich ihrer bemächtigt hatten, und drückte auf den blinkenden Knopf der Telefonanlage. „Hey, JJ, hier ist Kara“, rief die Filialleiterin, bevor JJ auch nur Hallo sagen konnte. „Kara, wo bis du?“ Und warum bist du nicht hier? JJ beobachtete kritisch eine Kundin, die ihren Kaffeebecher in der einen und ein teures Buch in der anderen Hand hielt. „Tut mir leid. Ich wurde zu einem wichtigen Treffen in der Zentrale gerufen. Aber bei euch muss trotzdem alles laufen, deshalb hör mir jetzt gut zu. Der Musiker für das Eröffnungskonzert wird in den nächsten Stunden bei euch eintreffen, um sein Equipment für den Auftritt aufzubauen.“ JJ spürte, wie auf ihrer Stirn der Schweiß ausbrach. Sie hatte schon mit so vielen Musikern zu tun gehabt, dass es für zwei Leben reichte. „Gut“, war alles, was sie hervorbrachte. „Halte nach einem großen, gut aussehenden Mann Ausschau.“ Kara kicherte. „Und empfang ihn herzlich. Sorg dafür, dass er sich wohl fühlt und zeig ihm, wo er seine Sachen für den Auftritt aufbauen kann.“ 7


Herzlich empfangen? Offensichtlich konnte Kara nicht zwischen einem Musiker und einem Prominenten unterscheiden. „Ich bin mir sicher, dass er froh sein wird, überhaupt einen Auftritt zu haben.“ Auch ohne ein herzliches Willkommen. „Ich muss wieder los, JJ, aber ich melde mich später noch einmal“, sagte Kara. „Moment! Wie heißt er denn?“ JJ hörte nur noch ein Klicken und die Verbindung wurde getrennt. Sie seufzte und ließ den Hörer sinken. Sie würde ihm also einen herzlichen Empfang bereiten und dann warten, bis Kara wieder da wäre.

Niemand würde ihn in diesen schäbigen Klamotten erkennen. Brandon Smythe untersuchte sein neues Outfit noch einmal im Spiegel. Er lächelte sich selber an. Das schwarze, löchrige T-Shirt war der Trick. Für die nächsten Wochenenden würde er sich David Smith nennen – sein zweiter Name und die normale Schreibweise seines Nachnamens. David Smith, der gitarrenschwingende Entertainer im Camden Corners Café. Brandon musterte noch einmal seine Erscheinung, dann verließ er das Schlafzimmer und ging die breite Treppe zu seinem Heimkino hinunter. Der Raum zeigte immer noch den teuren Geschmack seiner Exfrau. Er selbst war eher für Schlichtheit. „Hey, Mike.“ Sein Tennispartner und bester Freund richtete sich auf dem Sofa auf, auf dem er es sich gemütlich gemacht hatte. Zwei weitere einladende Sofas standen um einen exquisiten Tisch gruppiert. „Und? Wie sehe ich aus?“ Brandon breitete seine Arme aus. Mike musterte ihn kritisch von oben bis unten, dann schüttelte er den Kopf. „Du bist nicht wiederzuerkennen.“ Brandon lachte. „Das ist gut. Genau so wollte ich es ja auch.“ „Ich weiß, aber …“ Mike schnalzte mit der Zunge. „ … wenn B. D. das herausfindet, dann bekommst du Ärger.“ 8


Die Warnung ließ einen Anflug von Sorgen in Brandon aufsteigen, aber er zuckte nur mit den Schultern. „Manchmal interessierst du dich mehr für die Befindlichkeiten meines Vaters als ich.“ Seinen Vater würde er ohnehin nie zufriedenstellen können. Brandon durchquerte den Raum und ging zum Kühlschrank seiner kleinen Kochnische. Er holte sich eine Cola und öffnete sie, während er sich gegen die Anrichte lehnte. Brandon musterte seinen Freund, der auf den riesigen Flachbildfernseher starrte. Er glaubte nicht, dass Mike sich wirklich auf den Film konzentrierte. Jeden Augenblick würde er wieder auf die Verkleidung zu sprechen kommen, mit der Brandon sich an den nächsten Wochenenden unter die Leute mischen würde. Er kannte Mike. Gleich war es so weit. „Ich verstehe immer noch nicht, was du dir davon versprichst.“ Mike stand auf, kam zu Brandon herüber und sah seinen Freund stirnrunzelnd an. „Ehrlich gesagt, kommt mir diese Maskerade falsch vor, wenn nicht sogar hinterhältig.“ Brandon hatte sich selbst mit genau diesen Gedanken auseinandersetzen müssen. Er hatte seine Entscheidung nicht leichtfertig gefällt, wie Mike vielleicht dachte, sondern gründlich darüber nachgedacht. „Sieh es doch einmal so, ich wahre nur die Interessen unseres Unternehmens. Camden Café ist meine Erfindung, mein Baby. Wenn ich da auftauche, wie der Besitzer –“ „Der du bist“, unterbrach Mike ihn. „Wie der Besitzer, der ich bin“, verbesserte sich Brandon, „dann werde ich nie erfahren, wie das Café wirklich bei unseren Angestellten und Kunden ankommt. Und es muss ankommen. Es muss gut laufen, denn mein Vater erwartet das. Er will, dass ich unsere Buchhandlungen noch beliebter mache.“ Brandon wünschte sich, dass sein Vater ihn nur einmal in seinem Leben nicht nach seinem finanziellen Wert für das Unternehmen beurteilen würde. Doch dieser Wunsch würde wohl vorerst unerfüllt bleiben. Deshalb musste er beweisen, dass seine Ideen gut und wertvoll für das Unternehmen waren. Aber vielleicht würde ihm das Rollenspiel ja sogar Spaß machen. 9


„Ja gut, aber ich glaube immer noch, dass deine Maskerade falsch ist. Trotzdem viel Erfolg mit dem Gig heute Abend.“ Mike schüttelte den Kopf. „Ich muss jetzt los. Mach dir keine Umstände, ich finde allein raus.“ Er nahm seine Jacke vom Sofa und ging in Richtung Haustür, doch dann hielt er noch einmal inne. „Wenn B. D. das herausfindet …“ Mike zeigte in perfekter Anwaltsmanier auf Brandon. „... dann denk dran, ich habe mit dieser ganzen Sache nichts zu tun.“ Brandon lachte. „Es tut mir leid, aber so leicht wirst du nicht davonkommen. Wenn mein Vater der Richter ist, wirst du auf jeden Fall für schuldig befunden.“ Er sah Mike nach und konnte sich einen letzten Kommentar nicht verkneifen, bevor dieser die Tür hinter sich geschlossen hatte. „Erinnere mich daran, dass ich dich nie als meinen Anwalt engagiere.“ Mike öffnete die Haustür wieder einen Spalt und streckte seinen Kopf herein. „Hatte ich nicht erwähnt, dass ich dich niemals, weder jetzt noch zukünftig, vertreten würde?“ Er grinste. „Ich hoffe nämlich, dass ich dich nie wieder in Scheidungsangelegenheiten beraten muss.“ Mike schüttelte seinen Kopf. „Wie sagt man doch so schön: Ein gebranntes Kind scheut das Feuer. Wenn du jemals wieder heiraten solltest, dann such dir bitte eine Frau, die nicht so aufs Geld aus ist wie Kate – egal, was dein Vater sagt. Jetzt muss ich aber wirklich. Bis dann.“ Und damit verließ er Brandons Apartment. Brandon stellte hastig die Getränkedose auf der Anrichte ab und folgte Mike. An der Tür blieb er stehen und rief ihm nach: „Ich glaube, mein Vater hat seine Lektion gelernt. Er wird sich nicht mehr in mein Liebesleben einmischen.“ Mike blieb erst in der Hofeinfahrt stehen, dann ging er zurück zu Brandon, denn er merkte, dass sein Freund das Thema noch nicht abschließen wollte. „Er macht sich immer noch Vorwürfe, dass seine perfekte Schwiegertochter sich mit einem seiner Geschäftspartner eingelassen hat. Sogar meine Mutter, die sonst immer meinem Vater die Entscheidungen überlässt, hat ihm ihre Meinung gesagt. Aber ich glaube, mein Vater war am meisten enttäuscht darüber, dass ich sie ohne Rosen10


krieg habe gehen lassen. Er wollte, dass sie keinen Cent bekommt. Und es hat an seinem Ego gekratzt, dass sie eine Lücke in dem Ehevertrag gefunden hat, den mein Vater uns beide vor unserer Trauung hat unterschreiben lassen. Ich glaube, er fühlt sich von Kate gedemütigt.“ Mike klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Ich denke, du hättest mir erlauben sollen, mit ihrem Anwalt um das Auto zu streiten. Du bist viel zu nett. Sie hätte keinen Cent von dir verdient, nachdem sie dich so hintergangen hat. Aber wir haben das Thema schon tausendmal durchgekaut. Du bist eben einfach ein Gutmensch.“ Mit diesen Worten drehte Mike sich um und ging zu seinem Wagen. „Wir sehen uns nachher.“ Brandon nickte und seufzte, als er die Tür schloss. Die Wahrheit tat immer noch weh. Kate hatte ihn nur seines Geldes wegen geheiratet. Nur ein einziges Mal wollte er für seinen Charakter und sein Talent und nicht wegen seines Bankkontos geliebt werden. Deshalb hatte er sich auch die Verkleidung überlegt. Es war kein hinterhältiger Plan oder dergleichen, Brandon wollte nur Anerkennung für sein wahres Ich. Er fuhr mit der Hand über seinen Dreitagebart und schüttelte den Kopf. Die Erinnerung an den Vertragsabschluss über die Einrichtung des Cafés stand ihm immer noch schmerzhaft vor Augen. Immer noch klangen die Worte seines Vaters in seinen Ohren nach. Wieder einer deiner abstrusen Einfälle. Wenn das Café nicht innerhalb der ersten drei Monate Gewinn abwirft, ist deine Idee gestorben. Warum war dieser Mann nur so verstockt? Aber Brandon würde dafür sorgen, dass die Geschäfte im Café gut liefen. Die vier Wochenenden jetzt im Oktober, die er sich selbst als Musiker engagiert hatte, würden hoffentlich dazu beitragen, das Café schnell als Szenebar bekannt zu machen. Der alte B. D. und seine Mutter waren für sechs Wochen in Europa. Bis sie wiederkämen, würde alles perfekt laufen und sein Vater würde ihn endlich als gleichwertigen Geschäftspartner ansehen. Was sollte schon schiefgehen?

11


Kapitel 2 JJ saß auf einem der kleinen Holzstühle und machte sich bereit, einigen Kindern aus Pippi Langstrumpf vorzulesen. Sie würde das Gurgeln und Brodeln der Kaffeemaschine übertönen müssen, doch dazu würde sie die Kinder anschreien müssen. Die Eröffnungsfeierlichkeiten für das Café waren gerade in vollem Gange und JJ hätte sich am liebsten irgendwo verkrochen. Sie sah sich erbost um und erblickte Minnie, die hinter der Kaffeetheke stand. Die Maschine brodelte. Minnie erwiderte JJs Blick und zuckte mit den Schultern, als wolle sie sagen: „Es ist nicht meine Schuld.“ Die junge Frau hatte wirklich den richtigen Namen. Sie war von kleiner Statur und hatte eine hohe, fast fiepsige Stimme. JJ konnte Minnies Ärger verstehen. Sie war gezwungen, den ganzen Tag Kaffee zu verkaufen, wo sie doch eigentlich eine Ausbildung zur Buchhändlerin machte. Und Minnie hatte recht – sie konnte nun wirklich nichts für das Café. Das war alles auf dem Mist dieses Brandon Smythe III. gewachsen. Nachdem sie Minnie entschuldigend angelächelt hatte, zog JJ ihr Notizbuch aus der Tasche ihres Blazers. Sie hatte sich eine Liste gemacht und diese schon mindestens vier Mal kontrolliert. Die Gerüchteküche erzählte nämlich, dass Brandon Smythe in der Abwesenheit seines Vaters dem Camden Corners bald einen Besuch abstatten würde, um zu schauen, wie sich Camden Corners Café entwickelte. JJ war gewappnet. Endlich würde sie ihm erklären können, was für Nachteile dieses Café mit sich brachte. JJ wandte ihre Aufmerksamkeit den Kindern zu, die sich langsam um sie herum versammelten. „Könnt ihr mich alle gut hören?“ Fünf Kinder sahen sie mit großen Augen an und nickten. Ein 12


kleiner rothaariger Junge mit Sommersprossen lächelte sie breit an und sagte: „Ich kann Sie wirklich gut hören, Ms Taylor.“ JJ fragte sich, ob der kleine Kerl ihre Frustration spüren konnte und versuchte, sie aufzumuntern. „Gut, ich …“ Ihre Stimme versagte. Oh je, das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, war vor diesen Kindern in Tränen auszubrechen. Sie hatte einfach zu viel Stress in letzter Zeit. Zu viel hatte sich verändert. Sie atmete tief ein. „Na gut, dann lasst uns anfangen.“ In dem Moment sah JJ aus dem Augenwinkel, wie ein Mann den Buchladen betrat. Sie versuchte, sich auf das Vorlesen zu konzentrieren, aber es fiel ihr schwer. Der Mann ging zu den Bücherregalen hinüber. Mit seinem Dreitagebart und dem gammeligen TShirt sah er aus wie ein Rumtreiber. Er tat so, als lese er ein Buch, sah sich aber heimlich im Laden um. JJ versuchte, unter seinem heruntergekommenen Äußeren sein Alter zu schätzen. Er schien ungefähr so alt zu sein wie sie selbst. Dieser Typ war genau die Sorte Mensch, die sie hier nicht haben wollte. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie er durch das Buch blätterte. Er heuchelte ganz offensichtlich Interesse an Literatur, um den Buchladen genauer unter die Lupe zu nehmen. Wer weiß, was er hier auskundschaftete. Als sie endlich das dritte Kapitel aus Pippi Langstrumpf fertig vorgelesen hatte, klappte JJ das Buch zu. „So Kinder, das war’s.“ Sie schaffte es, ein Lächeln hervorzubringen und verabschiedete sich von den Kleinen, die ihr erfreut „Auf Wiedersehen“ sagten. Zumindest diese Kinder waren glücklich. Sie griff nach dem Stapel Liebesromane, den sie eigentlich schon früher in die Regale hatte einsortieren wollen, und ging auf den Mann zu, der immer noch in dem Buch blätterte. Er machte ihr keine Angst. Durch ihre Eltern war sie diesen Schlag Mensch gewöhnt. JJ trat an ihn heran, räusperte sich und zwang sich zu einem Lächeln. „Kann ich Ihnen helfen?“ Er schlug das Buch in seiner Hand mit einem Knall zu. 13


JJ zuckte leicht zusammen, bewahrte jedoch ihre Fassung. „Sie sind hier in der Abteilung für klassische Literatur!“ Wenn er sich durch ihre besondere Betonung beleidigt fühlte, so zeigte er es nicht. Aber immerhin hatte sie ihn wissen lassen, dass sein Manöver sie nicht getäuscht hatte. Irgendetwas führte dieser Kerl im Schilde. „Kann ich Ihnen also helfen?“ „Ja. Hallo.“ Er stellte das Buch zurück ins Regal und streckte ihr dann die Hand entgegen. „Ich bin David Smith.“ Na super und ich bin Lieschen Müller. JJ starrte auf seine ausgestreckte Hand und musste sich zwingen, den Gruß nicht auszuschlagen. Wer um alles in der Welt begrüßte eine Angestellte in einer Buchhandlung mit Handschlag? Sie verlagerte die Bücher auf ihren linken Arm und machte sich in Gedanken die Notiz, dass sie sich zu gegebener Zeit bei Brandon Smythe dafür bedanken konnte, dass sie zusätzlich zu ihrer sonstigen Arbeit jetzt auch kaffeesüchtige Freaks bedienen musste. Um nicht zu lange Körperkontakt mit diesem seltsamen Mann zu haben, ergriff JJ schnell seine Finger. Seine Hand war kräftig und trotzdem sanft. Ein Warnsignal flammte in JJs Verstand auf. Der Mann vor ihr schien nicht der zu sein, für den er sich ausgab. Er war muskulös, als wäre er ein Arbeiter, aber seine Hände hatten keine Schwielen. Er hatte weder Tattoos noch Piercings, zumindest konnte sie keine sehen. Ungewöhnlich, bei dem heruntergekommenen Aussehen. Was JJ allerdings am deutlichsten auffiel war, dass der Fremde gut roch. Zu gut. Jeder ihrer durch ihre schreckliche Kindheit geschärften Instinkte warnte sie, dass mit ihm etwas nicht stimmte. „Schön Sie kennenzulernen, Ms …?“ David Smith ließ die Frage nach ihrem Namen offen im Raum stehen. „Mein Name ist Ms Taylor und ich bin die stellvertretende Filialleiterin hier.“ Sie nickte in Richtung ihres Namensschildes, das auf ihrem Blazer zu sehen war. „Wenn Sie also Hilfe brauchen …“ Sie bemühte sich nicht, ihren Satz zu Ende zu sprechen, weil ihre 14


Worte offensichtlich auf taube Ohren stießen. Mr Smiths Blick war wieder zu dem Café gewandert. JJ ging zurück an die Arbeit, froh, dass sie diesen sogenannten Mr Smith hinter sich lassen konnte. Bei dem Regal mit den Liebesromanen angekommen, fing sie an, endlich die Bücher einzusortieren. Immer noch wunderte sie sich über die Ungereimtheiten, die ihr an David Smith aufgefallen waren. Vielleicht war er ein Verrückter, der dachte, die Welt sei ein Jojo und er halte das Band. Man konnte nie wissen. „Wie macht sich das Café?“ JJ sah aus ihrer gehockten Haltung vor dem untersten Boden des Bücherregals auf. Immer noch dieser Mann! Der Erfolg des Cafés musste sich bis zu allen Taschendieben und Kleinkriminellen herumgesprochen haben. Immerhin kostete ein Kaffee hier fast vier Dollar. Da war die Kasse immer gut gefüllt und ein leichtes Ziel für Räuber. JJ richtete sich auf. Die Taschenbücher glitten ihr vom Arm und verteilten sich auf dem Boden. Sie starrte auf die bunten Cover am Boden, von denen jedes Romantik versprach – etwas, das in ihrem Leben nicht vorhanden war. Sie wandte ihren Blick schließlich wieder auf David Smith. Seine Lippen hoben sich zu einem leichten Lächeln. Seine dunklen, braunen Augen musterten ihr Gesicht. Sie gab ihr Bestes, diesem Blick standzuhalten. Dieser seltsame Mann benahm sich ein bisschen zu selbstsicher für einen Rumtreiber. JJ merkte, wie ihr eine leichte Röte ins Gesicht stieg. Sie senkte ihren Blick. Er hatte gewonnen. David Smith nickte mit dem Kinn in Richtung der Bücher auf dem Boden. „Lassen Sie mich Ihnen damit helfen.“ „Nein danke. Ich brauche keine Hilfe.“ Sie streckte ihre Schultern. Mit einem leichten Schulterzucken wandte der Mann seine Aufmerksamkeit wieder dem Café zu. „Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.“ 15


Sie hatte versucht, sie zu ignorieren. JJs Herzschlag wurde schneller. „Frage?“ „Das Café.“ Er schien nachzudenken, etwas zu berechnen. „Wie laufen die Geschäfte?“ „Äh …“ Dieser Riese von einem Mann könnte Minnie mit einer Hand hochheben und sie durch den Raum werfen, bevor er sich die Kasse unter den Nagel reißen würde. JJ schluckte schwer. Sie verachtete Lügner, aber Minnies und ihre eigene Gesundheit könnten in Gefahr sein, wenn sie diesem Stadtstreicher ehrlich antwortete. „Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass das Café gut läuft.“ Sie hatte nicht gesagt, dass es definitiv so war, also keine wirkliche Lüge. „Ich denke nicht.“ Fast hätte sie noch gesagt, dass kein Geld in der Kasse ist, aber das wäre vielleicht zu übertrieben gewesen. Er musterte sie. „Sie müssen sich irren.“ JJ spürte, wie das Blut aus ihrem Gesicht wich. Er hatte sie durchschaut. Sie war plötzlich wieder das kleine Mädchen Java Jo, das nach dem Café benannt worden war, in dem sich ihre Eltern zum ersten Mal getroffen hatten, dem Java Joint. Damals hatte sie sich Geschichten ausgedacht, um den Gürtelschlägen zu entgehen. Sie starrte den Mann vor sich an, ihre Beine zitterten. Der Mann rieb sich mit der Hand über den Bart. Ohne seinen Blick von ihr zu wenden, zeigte er zum Café. „Aber da stehen doch lauter Kunden. Viele Kunden.“ JJ nahm ihre Brille ab. Mit einer Ecke ihres Blazers wischte sie die Gläser sauber, um Zeit zu gewinnen. Was sollte sie tun? Könnte sie Minnie ein Zeichen geben, dass sie Hilfe brauchte? Wenn doch nur Kara hier wäre. Die Filialleiterin wüsste, wie sie diesen impertinenten Menschen loswerden könnte. Hoffentlich käme sie bald. Während sie ihre Brille immer noch in der Hand hielt, sah sie zu der unwissenden Minnie herüber. Sie sprach gerade mit einem Kunden und lachte ab und zu. „Ja, ich verstehe, was Sie meinen, aber das liegt daran … dass … dass wir heute Morgen den Kaffee umsonst ausschenken.“ „Umsonst?“ Die Muskeln in seinem Kiefer spannten sich. 16


JJ stockte der Atem wegen des kalten Tonfalls des Mannes vor ihr. „Das bringt doch nichts ein.“ Er starrte finster und schüttelte den Kopf. „Wie soll ich dann …“ Er unterbrach sich selbst, als hätte er sich dabei ertappt, dass er beinahe etwas ausgeplaudert hätte, das er nicht sagen durfte. Schließlich verbarg er seine Gefühle hinter einem gezwungenen Lächeln. JJs Puls klang laut in ihren Ohren. Sie musste ruhig bleiben. Der Mann winkte mit der Hand ab und JJ wich zurück. „Auf der anderen Seite …“, er schüttelte wieder den Kopf, „haben die Kunden dann mehr Geld, um es mir zu geben.“ Hatte er das wirklich gesagt? Hatte er gerade zugegeben, dass er ihre Kunden ausrauben wollte? JJ ging langsam rückwärts. Was sollte sie nur tun? War der Mann verrückt? Sie konnte fast hören, wie die lockeren Schrauben in seinem Gehirn hin- und herfielen.

„David!“ Brandon sah Kara Kroll auf sich und Ms Taylor zukommen. Er winkte Kara zu. Sie kam gerade noch rechtzeitig. Noch einige Augenblicke mit Ms Taylor und er hätte seine Verkleidung fallen lassen. Die Frau könnte für den Staatsanwalt arbeiten. Mit ihrem Blick würde sie jeden niederstarren und weich kochen. „Hey, Kara.“ Brandon lächelte und erwiderte ihre feste Umarmung. Dort gefangen, konnte er einen kurzen Blick auf Ms Taylors erstaunten Gesichtsausdruck erhaschen. Kara trat zurück und sah Ms Taylor an. „Habt ihr beide euch schon bekannt gemacht?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr sie fort: „David, das ist meine Stellvertreterin, JJ Taylor.“ Sie trat wieder an Brandon heran und umfasste seinen Arm. „JJ, das ist Mr David Smith, unser Gitarrist für die große Eröffnungsfeier heute Abend.“ Ihre Stimme war voller Aufregung, als erwarte sie, dass ihre Assistentin ihn nun stürmisch begrüßen würde. 17


„Gitarrist?“ Ihre helle Haut nahm eine leichte, rosa Farbe an. „Oh, ich verstehe.“ Brandon fiel der krasse Gegensatz zwischen diesen beiden Frauen auf und er musste ein Lachen unterdrücken. Seine Gedanken kehrten jedoch schnell zu dem Freikaffee und dem Geld zurück, das er dadurch verlor. „Wie ist das eigentlich mit dem Freikaffee, den es umsonst gibt?“, fragte er Kara, doch die sah verwirrt aus. „Bitte was?“ Kara schüttelte den Kopf und ihr platinblondes Haar fiel um ihr rundes Gesicht. „Hier gibt es keinen Kaffee umsonst.“ Sie stützte eine Hand in die Hüfte. „Es tut mir leid, ich dachte …“ JJ ließ sich auf ein Knie sinken und fing an, die Bücher vom Boden aufzuheben. Brandon spürte einen Stich in seinem Herzen. Sie tat ihm leid. Er wusste nicht warum. Als sie ihre Brille abgenommen hatte, hatte er etwas wie Traurigkeit in ihren Augen gesehen. Vielleicht kam sein Mitgefühl daher. Kara hakte sich bei ihm unter. „Lass uns gehen. Ich zeige dir, wo du deine Sachen für heute Abend aufbauen kannst.“ „Super.“ Als er davonging, konnte er sich einen letzten Blick auf JJ nicht verkeifen. Er drehte sich um und erwischte sie dabei, wie sie ihn anstarrte. Sie wandte schnell den Blick ab, als er sie anlächelte. Kara drückte seinen Arm. „Und? Wie war ich?“, flüsterte sie. Brandon zwinkerte. Er wusste Karas Bemühungen darum, seine wahre Identität zu schützen wirklich zu schätzen. „Du warst sehr überzeugend“, sagte er, während sie leise kicherte. Weil er Karas Freude nicht dämpfen wollte, verzichtete er darauf, Fragen über JJ zu stellen. Die arme Frau war entweder nicht richtig informiert gewesen oder sie hatte ihn angelogen. Aber warum hätte sie das tun sollen? Das ergab keinen Sinn. Oder lag es an seiner gammeligen Kleidung, dass sie sich so kühl verhalten hatte? Für wen hielt sie ihn? Bis jetzt hatte sein Experiment ganz offensichtlich nur bewirkt, dass sich eine große Kerbe in seinem Selbstbewusstsein gebildet hatte. 18


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook