Kathleen Ybarbo EIN KUSS ZUM KAFFEE
Kathleen Ybarbo
Ein Kuss zum Kaffee
Über die Autorin: Kathleen Ybarbo ist die Autorin von mehr als 25 Romanen. Darüber hinaus ist sie als Pressefrau für eine Vielzahl von Verlagen tätig. Sie hat vier Kinder und lebt mit ihrer Familie in Texas.
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
ISBN 978-3-86827-068-6 Alle Rechte vorbehalten Copyright © by Kathleen Ybarbo Originally published in English under the title Coffee Scoop by Barbour Publishing, Inc., 1810 Barbour Drive, Urichsville OH 44683, USA German edition © 2009 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Deutsch von Eva Weyandt Umschlaggestaltung: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH / Christian Heinritz Coverfoto: Bildagenturen Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Druck: Bercker Graphischer Betrieb, Kevelaer www.francke-buch.de
Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in der Gottlosen Hütten. Psalm 84,10
Kapitel 1 „Na, das nenne ich stilvoll fliegen.“ Carrie Collins ließ ihren Sicherheitsgurt einschnappen und lehnte sich in ihrem breiten, bequemen Sitz der Ersten Klasse zurück. Die vierstündige Wartezeit hatte sich gelohnt. Allerdings hatte man sie auch mit der Zusage vertröstet, sie mit dem größtmöglichen Komfort nach Austin zu fliegen. Da machte es ihr beinahe nichts mehr aus, dass sie den Mittagsflug nicht bekommen hatte. Millie würde vielleicht staunen, wenn sie das hörte. Morgen würde Carrie ihrer Arbeitskollegin und besten Freundin in allen Einzelheiten von dem Flug in der Luxusklasse vorschwärmen. Denn Millie liebte Einzelheiten. Immerhin war es ihre Aufgabe in der Redaktion, Fakten zu überprüfen. Das Buch, das Carrie auf dem Flughafen zu lesen begonnen hatte, lockte und sie nahm es aus ihrem Handgepäck. Während sie ihren Orangensaft schlürfte und sich darauf freute, sich ins Texas des Jahres 1878 entführen zu lassen, stahl sich ein Lächeln auf Carries Lippen. Wie oft kam eine kleine Reporterin der Austin Times in den Genuss von solchem Luxus? Eigentlich nie, aber andererseits hatte sie ihre Träume vom JetsetLebensstil einer Spitzenreporterin noch nicht ganz aufgegeben. Bisher hatte Gott offensichtlich andere Pläne für sie. Die Tatsache, dass sie überhaupt nach Kalifornien hatte fliegen dürfen, zeigte ihr, dass Gott einen Plan für ihr Leben hatte. Und zu diesem Plan gehörte die schriftstellerische Tätigkeit. Nie hätte sie mit einem Stipendium für den prestigeträchtigen Kongress der 7
christlichen Schriftsteller in den Bergen nördlich von San José gerechnet. Das allein war schon ein Segen, doch als ihr Vorgesetzter ihr mitteilte, sie könne die Reise als Auftrag betrachten, wenn sie darüber in der Times berichte, fühlte sie sich doppelt gesegnet. Für ein Mädchen, das nur eine Woche Urlaub im Jahr bekam, war dies eine einmalige Chance. Carrie klappte das Buch zu und beobachtete durch das Fenster das hektische Treiben draußen auf dem Rollfeld. Die goldene Sonne am tiefblauen Himmel berührte bereits die obersten Gipfel der fernen Berge. Dieser Anblick weckte Erinnerungen an den wunderschönen Ort, an dem sie die vergangenen fünf Tage verbracht hatte. Während des Kongresses hatte sie genügend Zeit gehabt zu beten und über Gottes Pläne für ihr Leben nachzudenken. Und sie hatte Zeit gehabt, auf ihr bisheriges Leben zurückzublicken und über Gottes souveränes Handeln in der Vergangenheit zu staunen. Diese Tage der Ruhe hatten sie erfrischt, sie mit neuer Kraft erfüllt und ihr neue Impulse gegeben. Wichtiger noch, sie hatten ihr klargemacht, dass sie etwas Großes für Gott wagen sollte. Sie könnte zum Beispiel eine ernsthafte Journalistin werden, deren Artikel in christlichen und säkularen Kreisen gleichermaßen anerkannt wurden. Auch wenn Mr Scott so freundlich gewesen war, sie an dieser Tagung teilnehmen zu lassen, so wusste Carrie doch, dass er es ihr nicht zutraute, in die oberste Reporterliga aufzusteigen. „Das ist in Ordnung“, flüsterte sie, während sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Roman zuwandte. „Ich habe ein Ziel.“ Der unaufhörliche Strom von Passagieren, die durch die Kabine der Ersten Klasse liefen, hatte merklich nachgelassen, als Carrie das Kapitel zu Ende gelesen hatte. „Würden Sie bitte Ihr Handgepäck verstauen, Madam.“ Carrie blickte in das Gesicht einer freundlichen Flugbegleiterin. „Ja, selbstverständlich.“ Sie stopfte das Buch in die Sitztasche und versuchte, ihre ach so trendige Tasche unter den Vordersitz zu stopfen. Nach zwei Versuchen erhob sich der grauhaarige Geschäftsmann in der Reihe vor ihr und warf ihr einen wütenden Blick zu. 8
„Es tut mir schrecklich leid, dass ich hier so viel Unruhe verbreite“, entschuldigte sie sich. Anstatt ihr eine Antwort zu geben, deutete er vielsagend auf das Gepäckfach über ihrem Kopf und ließ sich mit einem Kopfschütteln wieder auf seinen Sitz sinken. „Also gut. Dann eben ins Gepäckfach.“ Leider hatte sich die Tasche unter dem Sitz verklemmt. Sie zerrte und riss an dem Gepäckstück, während sie sich immer wieder bei dem Herrn in der Reihe vor ihr entschuldigte. Endlich konnte sie die Tasche mit einem Ruck befreien, aber wie sollte sie das Ungetüm jetzt in das Gepäckfach wuchten? „Darf ich Ihnen helfen, Miss?“ Zwei Hände in gestärkten Hemdsärmeln nahmen ihr die Tasche ab und hievten sie in das Gepäckfach. Carrie duckte sich unter den Armen hindurch und ließ sich auf ihren Platz sinken. Jetzt konnte sie den Mann im Gang besser anschauen. Er trug ein Baumwollhemd und eine Khakihose, und wenn nicht die interessante bunte Krawatte und die beiden Grübchen gewesen wären, hätte er durchaus ein Kunde eines überteuerten Coffeeshops im Ort sein können. Mit seinen dunklen, modern geschnittenen, etwas unordentlichen Haare und der gebräunten Haut sah er aus, als würde er mehr Zeit draußen an der frischen Luft verbringen als in einem Sitzungssaal. Doch die Aktentasche in seiner Hand ließ noch andere Schlüsse zu. Sie war schwarz und aus Leder, eine von jenen teuren Ledertaschen, denen man die Qualität und den hohen Preis schon von weitem ansah. Unterhalb des Griffes waren Initialen dezent in Gold geprägt. R.B. „Ryan Baxter. 2 B.“ „Wie bitte?“ Ihr Blick löste sich von der Aktentasche und wanderte zum Gesicht ihres Besitzers. „Oh, verstehe. 2 B. Ich dachte, Sie würden Shakespeare zitieren. Sie wissen schon: ‚To be or not to be‘.“ Sein verständnisloser Blick sagte ihr, dass sie vermutlich etwas absonderlich auf ihn wirkte. „Vergessen Sie’s“, murmelte sie, 9
schnappte sich ihr Buch und versuchte die Stelle zu finden, an der sie aufgehört hatte zu lesen. Offensichtlich besaßen die Leute, die in der ersten Klasse reisten, einen anderen Sinn für Humor. „Sie sind also ein Shakespearefan?“ „Ja, das bin ich allerdings.“ Carrie warf ihrem Reisegefährten einen Seitenblick zu. „Warum?“ Mr Baxter schloss das Gepäckfach und nahm seinen Platz neben ihr ein. „Dann können Sie mir vielleicht sagen, welche von Shakespeares Figuren die meisten Hühner und Enten getötet hat.“ Carrie musste unwillkürlich lachen. „Wie bitte?“ „Geflügel. Sie wissen schon. Hühner und Enten. Welche seiner Figuren hat die meisten getötet?“ Sein Gesicht wurde ernst. „Soll das etwa heißen, dass Sie das nicht wissen?“ Sie schüttelte den Kopf. Ihr Nebenmann ließ seinen Blick durch die Kabine gleiten, dann beugte er sich zu ihr herüber. „Hamlets Onkel Claudius.“ „Hamlets Onkel?“ Sie klappte ihr Buch zu und drehte sich zu ihm hin. „Ich verstehe nicht.“ „,He did murder most foul‘ [fowl = Geflügel]“, zitierte er mit perfektem britischen Akzent. Sie stöhnte auf, und als ihre Blicke sich trafen, brach sie in Gelächter aus. Die Flugbegleiterin, die die Passagiere gerade mit den Sicherheitsanweisungen vertraut machte, warf ihr einen missbilligenden Blick zu. „Oh, der ist gut“, flüsterte Carrie. „Ja, allerdings, nicht?“ Er zog seinen Sicherheitsgurt enger und stellte seine Aktentasche ab, dann streckte er ihr die Hand hin. „Ryan Baxter. Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“ „Ich bin Carrie“, erwiderte sie, als sie seine Hand ergriff. „Carrie Collins. Vielen Dank, dass Sie mir bei der Tasche geholfen haben.“ „Gern geschehen, Miss Collins. Ich bin seit fast einer Woche nicht mehr im Fitnessstudio gewesen. Das Gewichtheben hat mir gut getan.“ „Das ist mir jetzt aber peinlich“, erwiderte sie, als der Flugkapitän gerade seine Passagiere an Bord begrüßte. 10
Ihr Nebenmann schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. „Das muss es nicht.“ Als das Flugzeug seine Flughöhe erreicht hatte und das Zeichen zum Anschnallen erlosch, hatte Carrie erfahren, dass Ryan Baxter in Harvard studiert und Chef einer gemeinnützigen Organisation war, die den Gewinn aus dem Verkauf von Kaffee ihrer zentralamerikanischen Plantagen dafür einsetzte, dass den Armen des Landes geholfen wurde. Die Firma Heavenly Beans mit Sitz in einem kleinen Dorf am Rand des Regenwalds von Costa Rica war vor drei Jahren gegründet worden und erwirtschaftete bereits einen ansehnlichen Gewinn. Mr Baxter behauptete, dass dank gesunder Investitionen und zahlreicher Spendengelder aus den Staaten 100 Prozent des Gewinns wieder in die Firma oder in ein Waisenhaus mit dem Namen Casa de los Ninos floss. Diese Information und das offensichtliche Missverhältnis, das zwischen der exklusiven Kleidung des Mannes, der Qualität seiner Aktentasche, seinem Erste-Klasse-Ticket und seiner karitativen Arbeit bestand, brachte Carrie auf einen Gedanken: Über diesen Mann könnte sie einen Artikel schreiben. Möglicherweise würde dieser Artikel sogar ein Knüller, der ihren Chef dazu bewog, seine Entscheidung, sie keine Leitartikel schreiben zu lassen, neu zu überdenken. Carrie lehnte sich lächelnd in den weichen Sitz zurück und überdachte noch einmal die Antworten, die Ryan Baxter ihr auf ihre Fragen gegeben hatte. Ja, tatsächlich. Wenn ihr Reporterinstinkt sie nicht trog, dann war Carrie Collins dem Knüller des Jahrzehnts auf der Spur. Dem Kaffee-Knüller. Ihrer Erfahrung nach waren bei großem Geld und öffentlichkeitswirksamer Wohltätigkeitsarbeit normalerweise immer Betrug und Täuschung mit im Spiel. Ein Leitartikel über einen Betrug unter dem Deckmantel des Dienstes für Gott war längst überfällig. Der letzte Reporter der Times, der über eine solche Arbeit berichtet hatte, hatte den Pulitzerpreis für Journalismus bekommen. Zwar strebte sie eine solche Auszeichnung gar nicht an, doch sie machte 11
sich Hoffnungen, wenigstens einen Krümel Ruhm abzubekommen. Seltsam, aber ihr Reporterinstinkt wollte Ryan Baxter nicht bei dieser Sorte Abschaum einordnen. Doch sie ignorierte die mahnende Stimme in ihrem Inneren. Dass seine Grübchen sie faszinierten und seine Begeisterung für Arbeit echt schien, bedeutete nicht, dass seine Firma seriös war. Heavenly Beans konnte genauso gut eine Fassade sein, hinter der arglosen Christen das große Geld aus der Tasche gezogen wurde, anstatt den Waisenkindern die Liebe Christi zu zeigen. Wenn sie nur wüsste, wie sie ihr Gespräch noch nach der Landung fortsetzen könnte. Allerdings wäre der Flughafen nicht der richtige Ort für ein Interview. Sie hatte gar keine Zeit, sich darauf vorzubereiten, und vermutlich könnte sie mit ihren Fragen nicht so in die Tiefe gehen, wie sie sich das vorstellte. Aber es wäre besser als nichts. Ob sie es wagte, ihn ganz offen um ein Interview zu bitten? Sie warf ihrem Nebenmann einen vorsichtigen Seitenblick zu. Er wirkte irgendwie unruhig. Vielleicht war das nicht der richtige Zeitpunkt. Bevor sie sich versah, leuchtete das Zeichen zum Anschnallen rot auf und der Kapitän gab ihnen Informationen über das Wetter in Austin. Jetzt oder nie. Denk nach, Carrie. Wie komme ich an dieses Interview?
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Kapitel 2 Denk nach, Baxter. Wie kann ich sie zu einem Interview über die Firma überreden? Kurz bevor das Zeichen zum Anschnallen aufleuchtete, war Ryan Baxter unruhig geworden. Und nun, da er spürte, wie sich das Flugzeug dem Flughafen in Austin näherte, machte sich langsam eine richtige Panik in ihm breit. Carrie Collins war hübsch anzusehen, eine von jenen seltenen jungen Frauen, die gleichzeitig über Intelligenz, eine klassische Schönheit und Sinn für Humor verfügten. Außerdem war während des Gesprächs deutlich geworden, dass sie Gott liebte und ihm als Journalistin dienen wollte. Mit einer Herausforderung schien sie gut umgehen zu können, denn diese Reporterin hatte sich in ihrem Witz mit ihm gemessen und war als Siegerin aus diesem Duell hervorgegangen. Nicht dass er von sich behauptete, ein großes Genie zu sein. Doch wenn er nur halbwegs bei Verstand war, würde er die Gelegenheit, ihr Gespräch auch nach der Landung noch fortzusetzen, beim Schopfe packen. Irgendwo einen Kaffee trinken oder besser noch, gemeinsam zu Abend essen, dann könnte sie ein Interview mit ihm führen, das Heavenly Beans und den Kindern, die die Firma unterstützte, die dringend benötigte Publicity verschaffte. Vieles, was Ryan für die Firma tat, geschah unter stummem Protest. Dazu gehörte auch diese Reise. Während er persönlich potenzielle Spender für ihre Arbeit aufsuchte, blieb sein Herz in Costa Rica, wo die eigentliche Arbeit für Gott getan wurde. Ein paar Stunden mit Carrie Collins wären jedoch eine willkommene Abwechslung zu den anderen Aufgaben, die während seines Aufent13