Karen Kingsbury & Gary Smalley ... DENN ER IST IHRE STÄRKE
Karen Kingsbury & Gary Smalley
... denn er ist ihre Stärke Die Wege meiner Kinder – Band 5
Über die Autoren: Karen Kingsbury war Reporterin bei der Los Angeles Times. Seit einigen Jahren widmet sie sich ganz dem Schreiben christlicher Romane. Sie lebt mit ihrem Mann, drei eigenen und drei adoptierten Kindern in Washington. Gary Smalley ist seit über 35 Jahren als Seelsorger, Berater, Redner und Buchautor in Sachen Beziehungspflege tätig. Er leitet das Smalley Relationship Center, ist verheiratet, hat drei Kinder und sieben Enkel und lebt in Missouri.
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
ISBN 978-3-86827-064-8 Alle Rechte vorbehalten Redemption Series #5: Reunion, German Copyright © 2004 by Karen Kingsbury & Gary Smalley German edition © 2008 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH with permission of Tyndale House Publishers, Inc. Deutsch von Silvia Lutz Umschlaggestaltung: Henri Oetjen, DesignStudio Lemgo Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Druck: CPI Moravia Books, Korneuburg www.francke-buch.de
Kapitel 1 Elizabeth Baxter fand den Knoten am 7. März. Sie stand unter der Dusche. Zuerst beachtete sie ihn kaum und dachte, es sei nur ein wenig Fettgewebe oder ein verhärteter Muskel oder vielleicht auch nur ihre Einbildung. Doch dann fuhr sie mit den Fingerspitzen noch einmal darüber. Und noch einmal, bis sie ganz sicher war. Sie hatte einen Knoten in der Brust. Ein Knoten bedeutete, dass sie sich sofort untersuchen lassen musste. Diese Prozedur kannte sie von früher. Eine Frau, die Brustkrebs gehabt hatte, wusste, wie wichtig es war, sich regelmäßig genau abzutasten. Sie trat aus der Dusche, trocknete sich ab und rief ihren Arzt an, noch während sie in ihr Handtuch gewickelt war. Die Mammographie war drei Tage später. Eine Biopsie war für den Tag danach angesetzt worden. Jetzt, an einem strahlenden, sonnigen Morgen Mitte März, saß Elizabeth steif und starr neben John in Dr. Marc Steinmans Privatpraxis und wartete darauf, dass der Arzt ihnen die Ergebnisse mitteilte. „Es ist bösartig; das weiß ich.“ Elizabeth beugte sich ein paar Zentimeter auf die Seite und flüsterte: „Er hätte uns nicht hierher bestellt, wenn es nicht so wäre.“ John seufzte leise und schaute ihr in die Augen. „Das kannst du nicht wissen. Wahrscheinlich ist es gar nichts.“ Aber seiner Stimme fehlte die übliche Zuversicht, und sie sah die Angst in seinen Augen. Er verstärkte seinen Griff um ihre Hand. „Es ist nichts.“ Elizabeth starrte geradeaus. An der Wand hing ein übergroßes, gerahmtes Bild von einem Paar Wildenten, das über einen glasklaren See flog. Nein, Gott, bitte … nicht wieder Krebs. Bitte. Sie schloss die Augen. Die Enten verschwanden. Erinnerungen aus den letzten Monaten zogen vor ihren Augen
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vorüber. Ashley und Landon, die bei Lukes und Reagans Hochzeitsfeier nebeneinander saßen, nachdem sie so viele Jahre gebraucht hatten, um endlich zueinanderzufinden; Kari und Ryan, die sich bei ihrer Hochzeit im Garten hinter ihrem Haus ewige Treue und Liebe versprachen; die kleine Jessie, die ihre ersten Schritte machte; Maddie und Hayley, die sich zum ersten Mal nach Hayleys Unfall an den Händen hielten. Sie brauchen mich, Gott … sie brauchen mich noch. Ich brauche sie noch. Bitte, Gott … nicht wieder Krebs. Draußen auf dem Flur waren Schritte zu hören. Elizabeth riss die Augen auf. „Hilf mir, John.“ Ihre Stimme war unnatürlich hoch, panisch. „Es ist gut.“ John beugte sich so nahe zu ihr, dass sie sich an ihn lehnen konnte. „Es wird alles gut.“ Der Arzt betrat mit einer Akte unter dem Arm das Zimmer. Er blieb stehen, nickte und setzte sich ihnen gegenüber an den Schreibtisch. „Danke, dass Sie gekommen sind.“ Er öffnete den Aktenordner und zog das oberste Blatt heraus. Seine Augen wanderten zuerst zu John und dann zu Elizabeth. „Ich habe die Ergebnisse der Biopsie.“ Eine Pause folgte. John räusperte sich. „Es ist alles gut, oder?“ Johns Stimme klang gezwungen, unnatürlich. Der Arzt öffnete den Mund, aber Elizabeth wusste es schon. Sie wusste, dass es schlechte Nachrichten waren. In diesem Moment konnte sie nicht an eine Operation oder Bestrahlung denken oder daran, dass sie die ganze Prozedur und die schreckliche Übelkeit wieder über sich ergehen lassen müsste. Genauso wenig konnte sie daran denken, was sie in ihrem Leben bedauerte oder gern anders gemacht hätte. Nur eine einzige Frage brannte auf ihrer Seele. Wie in aller Welt sollte ihre Familie ohne sie weiterleben?
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Beim Gedanken, die leibliche Mutter zu treffen, hatte Erin Hogan von Anfang an ein mulmiges Gefühl. Der Adoptionsanwalt hatte sie davor gewarnt, aber da es nur noch vier Wochen bis zur Geburt ihrer kleinen Tochter waren, brachte es Erin nicht übers Herz, der Frau eine Absage zu erteilen. Sam hatte zugestimmt. Egal, was dabei herauskäme, sie würden die leibliche Mutter treffen, sie würden sich anhören, was sie zu sagen hatte, und beten, dass nichts – absolut nichts – ihren Traum zerstörte und sie in ein paar Wochen ihre Tochter zu sich nach Hause holen würden. Das Treffen sollte in einer halben Stunde in einem kleinen Park in der Nähe von Erins und Sams Haus in Austin stattfinden, wo sie eine Stunde mit der leiblichen Mutter, Candy Santana, und ihren zwei Kindern verbringen würden. Auf dem Weg zur Haustür bekam Erin Bauchschmerzen. „Sam?“ Sie blieb vor der Kinderzimmertür stehen und schaute hinein. „Ich weiß.“ Er fuhr mit den Fingern über ihre Arme. „Du machst dir Sorgen.“ „Ja.“ Das Kinderzimmer war ganz rosa und weiß eingerichtet: rosa Wände und eine weiße Wiege mit rosa Bettwäsche und rosa Teddybären. Ein leichter Geruch nach frischer Farbe und Babypuder lag in der Luft. Erin verschränkte die Arme und drückte sich die Faust in den Bauch. „Bis jetzt lief alles so gut.“ Sie schaute Sam suchend an. „Warum jetzt?“ „Ich weiß es nicht.“ Er küsste sie auf die Stirn und betrachtete das Kinderzimmer. „Vielleicht will sie sehen, wie sehr wir uns freuen.“ Diese Möglichkeit klang sehr weit hergeholt. Trotz des warmen Texasmorgens lief Erin eine Gänsehaut über den Rücken, als sie zur Haustür ging. „Bringen wir es hinter uns.“ Die kurze Fahrt zum Park legten sie schweigend zurück, vor allem weil Erin Angst hatte zu sprechen, weil sie Angst hatte, darüber zu spekulieren, was passieren könnte oder warum in aller 7
Welt die leibliche Mutter sie jetzt treffen wollte. Ohne den Sozialarbeiter oder den Anwalt oder irgendjemand sonst. Sie stellten das Auto ab und gingen zum vereinbarten Treffpunkt beim Picknicktisch. Zehn Minuten später kamen eine junge Frau und zwei kleine Mädchen auf sie zu. Neben der Frau ging ein dünner Mann mit langen Haaren und bösen, dunklen Augen. „Wer ist dieser Mann?“, flüsterte Erin. Sie saßen an dem Tisch und hatten die Füße auf die Bank gestellt. Sam runzelte die Stirn. „Einer, der Schwierigkeiten machen will.“ Das Paar ging händchenhaltend auf sie zu. Als sie näher kamen, fühlte Erin, wie der Knoten in ihrem Magen größer wurde. Candy war hochschwanger, sie trug abgetragene, schmutzige Kleidung und kaputte Flipflops. Die Arme des Mannes waren mit Tätowierungen übersät. An einem Arm war ein Hahn mit vollem Federschmuck zu sehen. Über den anderen Arm erstreckte sich eine nackte Frau, über der der Name Bonnie stand. Erin schluckte schwer. Sie richtete den Blick auf die Mädchen, die ein paar Meter vor den Erwachsenen liefen. Candys jüngste Tochter war vielleicht zwei Jahre alt und trug nur eine schmutzige Windel. Das andere Mädchen war nicht viel älter, ihm lief die Nase. Beide Kinder hatten blonde, verfilzte Haare, leblose Augen und einen leeren Gesichtsausdruck. Sie sahen vernachlässigt und verwahrlost aus. Genauso wie Candys ungeborenes Kind eines Tages aussehen würde, falls bei der Adoption etwas schieflaufen sollte oder falls Candy ihre Meinung änderte … Nein, Gott … daran will ich gar nicht denken. Das Paar war jetzt nur noch wenige Meter entfernt. Erin fühlte, wie die Farbe aus ihrem Gesicht wich. Bitte … sei bei uns. „Hallo.“ Candy schaute sie mit einem Blick an, der fast ein Lächeln war. Die rechte Seite ihrer Oberlippe zuckte, und sie rieb mit dem Daumen darüber. „Das ist Dave. Der Papa des Kindes.“ 8
Der Papa des Kindes? Kaltes Entsetzen wickelte sich wie ein dünner Draht um Erins Hals. „Äh …“ Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ich bin Erin.“ Neben ihr hielt Sam dem tätowierten Mann die Hand hin. „Hallo.“ Dave gab Sam die Hand, vermied es aber, Sam oder Erin in die Augen zu schauen. Stattdessen wanderte sein Blick von Candy zu den Mädchen, weiter auf den Boden und dann wieder zu Candy zurück. Er knurrte etwas, das vielleicht ein Gruß war. Erin war sich nicht sicher. Einen Moment lang sprach keiner ein Wort. Dann räusperte Candy sich und schaute ihre Töchter an. Die kleine hatte einen Löwenzahn gepflückt und kaute am Stiel. „Hey!“ Candy deutete auf das Mädchen und stieß einen Schwall Schimpfwörter aus. „Ich habe dir hundertmal gesagt, dass du nicht so blöd sein sollst, Clarisse. Du bist keine Ziege. Nimm sofort die Blume aus dem Mund.“ Das Mädchen schaute in Candys Richtung. „Nein!“ Sie schob sich den Blumenstiel zwischen die Lippen. Candy knurrte etwas, während sie zu dem Kind hinüberstapfte und es am Arm packte. „Wirf das weg!“ Angst trat in die Augen des Mädchens. Es ließ die Blume fallen und versuchte, vor Candy zurückzuweichen. Die Frau ließ Clarisses Arm los und fauchte sie an. Als sie zum Tisch zurückkehrte, wurde ihr anscheinend bewusst, was sie soeben getan hatte, wie sie sich gegenüber ihrer Tochter verhalten hatte. Ein nervöser Blick zog über ihr Gesicht, und ihre Lippe zuckte wieder. Candy zwang sich zu einem frustrierten Lächeln. „Verrückte Kinder.“ Erin wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie schaute ihre Hände an, ihren Ehering. Gott … was soll das? Sie hob den Kopf und schaute von Candy zu Dave. Der tätowierte Mann räusperte sich und warf Candy einen gezielten Blick zu. 9
Candy nickte und wandte sich an Erin. „Wir, äh … wir müssen etwas besprechen.“ Der Knoten in Erins Magen wurde härter. Sie fühlte, wie Sam ihre Hand ergriff und sie fest drückte. „Gut.“ Erin massierte sich einige Sekunden den Hals. „Wir … wir freuen uns sehr auf die Adoption. Es hat sich nichts geändert.“ „Hat sich bei Ihnen etwas geändert, Candy?“ Sams Stimme war ruhig, aber bei seinen Worten stockte Erins Atem. Candy und Dave schauten sich an. Das Zucken in Candys Lippe wurde schlimmer. „Nein, es ist nur ...“ Sie schaute einen Moment auf den Boden. „Wir haben Geldsorgen, wissen Sie? Es ist schwer, eine Arbeit zu kriegen, wenn man, na ja, Sie wissen schon, wenn man schwanger ist und so.“ Sobald Erin das Wort Geld hörte, entspannte sie sich. Ging es nur darum? Candy musste ihre Miete zahlen und brauchte ein paar hundert Dollar? Ihr Anwalt hatte sie gewarnt, Candy kein zusätzliches Geld zu geben. Sie war während der Schwangerschaft finanziell bereits gut versorgt worden, und Candy hatte ein Papier unterschrieben, in dem sie eingewilligt hatte, nichts weiter zu verlangen. Aber wenn sie mehr Geld brauchte, dann war das nicht so schlimm. Ein paar hundert Dollar und alles könnte weitergehen wie geplant. Erins Herzschlag verlangsamte sich wieder ein wenig. Sie sah das Gesicht ihres Babys vor sich, die glatte Haut und die zarten Gesichtszüge, so wie sie sich ihr Kind immer ausgemalt hatte. Amy Elizabeth, ihr erstes Kind. Alles wäre dann wieder in Ordnung. Alles. Sam nickte und schaute Candy an. „So etwas kommt vor.“ Ein dünner Feuchtigkeitsfilm bildete sich über seiner Oberlippe. „Bei jedem kann das Geld manchmal knapp werden.“ Dave verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß. Er umklammerte die Tätowierung an seinem linken Arm. „Was sie damit sagen will ...“ Er legte den Kopf schief. „… ist, dass wir mehr Geld brauchen.“ 10
Jetzt war alles klar. Erin schluckte. Für den Fall, dass sie noch irgendwelche Zweifel gehabt haben sollten, war jetzt die Forderung offen ausgesprochen – eine Forderung, von der sie alle wussten, dass sie gegen die Regeln verstieß. Sie schaute Sam an und bat ihn schweigend, weiterzumachen. Er drehte sich wieder zu Candy um. „Haben Sie mit dem Anwalt gesprochen? Ich glaube, wir haben uns auf eine Summe geeinigt.“ „Das hat nicht gereicht.“ Candy schaute Sam finster an. „Versuchen Sie einmal, mit so wenig Geld Kinder aufzuziehen und dabei noch schwanger zu sein.“ Kinder aufzuziehen? Erin knirschte mit den Zähnen. Candy zog die Mädchen nicht auf; das hatte ihr Pastor ihnen mehrmals bestätigt. Candys Mutter kümmerte sich um die Kinder. Dass sie die Kinder heute dabeihatte, war nur zur Schau. „Es sieht folgendermaßen aus.“ Dave bohrte die Spitze seines abgetragenen Stiefels in die Erde und grub die Hände in seine Hosentaschen. Er grinste. Erin konnte ein Goldpiercing auf seiner Zunge sehen. „Wir brauchen mehr.“ Eine Weile sagte niemand ein Wort. Die Mädchen waren ruhig und spielten immer noch in ein paar Metern Entfernung. Schließlich fand Erin die Sprache wieder und konzentrierte ihre Aufmerksamkeit auf Candy. „Wie viel?“ Über ihnen wehte ein warmer Wind in den Bäumen. Candy schürzte die Lippen. „Fünftausend.“ Erin musste sich an Sams Arm festklammern, um nicht von der Bank zu fallen. Fünftausend? Die Adoption hatte sie bereits ihre ganzen Ersparnisse gekostet; sie konnten vor der Geburt des Babys unmöglich so viel Geld aufbringen. Candy sagte etwas, versuchte, die Situation zu erklären, aber Erin konnte sich nicht konzentrieren. Sie konnte nichts anderes hören als diese Zahl. Fünftausend Dollar? 11
Die Zahl zerrte an dem Bild von dem ungeborenen Baby, an dem Bild, das Erin in Gedanken von einem kleinen Mädchen hatte, das in ihren Armen lag. Sie rang nach Luft und drehte sich zu ihrem Mann herum. „Sam ...“ Er legte seine Hand auf ihre und knirschte mit den Zähnen. Die Zahl schwirrte Erin immer noch durch den Kopf, als Dave zum nächsten Schlag ausholte. „Fünftausend in vierundzwanzig Stunden.“ Er bedachte sie mit einem ironischen Lächeln. „Oder der Deal ist geplatzt.“
Die Blutuntersuchung war die Idee des Arztes gewesen. Nicht weil er bezweifelte, dass sie HIV-positiv war. Nachdem er Ashleys Fall übernommen hatte, hatte er in dem Labor angerufen und erfahren, dass mit der ersten Blutprobe ursprünglich zwei HIV-Tests durchgeführt worden waren. Beide waren positiv gewesen. Aber er wollte ein vollständiges Blutbild, um alle Parameter überprüfen zu können und um zu sehen, wie weit ihr Immunsystem schon angegriffen war. Aber vor allem wollte er dadurch herausfinden, welche Behandlungsmethode er wählen sollte. Ashley rechnete damit, dass ihr wie beim letzten Mal die Ergebnisse telefonisch mitgeteilt würden, aber an diesem warmen Freitagmorgen holte sie zwischen einem Stapel Briefen einen dicken Umschlag mit dem Stempel des Labors aus ihrer Post. Ashley betrachtete ihn, während sie zum Haus zurückging. Cole war im Haus und schrieb das Alphabet auf ein Blatt Papier. Er grinste sie vom Esstisch aus an, als sie eintrat. „Hallo, Mama.“ Er ließ die Füße, die nicht ganz bis zum Boden reichten, unter seinem Stuhl baumeln. „Ich bin schon beim T.“ „Wirklich?“ Ashleys Augen wanderten wieder zu dem Umschlag. „Das ist ja toll, Cole. Sag es mir, wenn du fertig bist, damit ich es mir anschauen kann.“ 12
Sie ging in die Küche und legte die restliche Post auf den Schreibtisch neben dem Telefon. Sie starrte den dicken Umschlag an, schob den Daumen unter die Lasche und zog das zusammengeheftete Dokument heraus. Neben ihrem Namen stand auf dem obersten Blatt „Laborergebnisse“. Ashley hatte keinen Grund, wegen der Ergebnisse nervös zu sein. Sie wusste bereits, dass sie HIV-positiv war; die Frage war nur, wie gut ihr Blut unter den Einwirkungen des Virus noch war, und ob die Wahrscheinlichkeit, an AIDS zu erkranken, größer geworden war. Ihre Augen wanderten über die Seite und suchten die Zeile mit der Zusammenfassung, die Stelle, an der auch ein Laie die Zahlen und Berechnungen verstehen konnte. Ganz unten auf dem ersten Blatt sah sie es. Ein paar kurze Zeilen mit wenigen Worten, bei denen Ashleys Herz anfing, in einem fremden, noch nie da gewesenen Rhythmus zu schlagen. Sie holte schnell Luft und blinzelte kräftig. Es war unmöglich; sie konnte es nicht glauben, wollte es nicht glauben. Hier musste ein Irrtum vorliegen. Alles in ihrem Kopf begann sich zu drehen. Sie umklammerte die Arbeitsplatte, um nicht auf den Boden zu fallen. Sie musste Landon anrufen, sie musste es ihm sagen. „Mama … ich bin fertig!“, rief Coles singende Stimme aus dem Esszimmer. „Komm und schau.“ „Ja.“ Ashleys Gesicht glühte und kribbelte. Ihre Haut fühlte sich an, als ob sie zu nahe an einem Lagerfeuer gestanden hätte. „Ich komme gleich.“ Sie drückte sich die Hände auf die Wangen und zuckte zusammen. Ihre Finger waren eiskalt. Sie las die Zeile mit den Ergebnissen noch einmal. Sie konnten nicht stimmen, oder doch? Eine Gänsehaut setzte an ihrem Hinterkopf ein und zog dann über ihren Rücken bis zu ihren Füßen hinab. Gott, ist das wahr? 13
Ist das wirklich wahr? Dann betrachtete sie noch ein letztes Mal die Laborergebnisse und stellte sich vor, dass sie vielleicht – nur vielleicht – wahr sein könnten. Das war unmöglich, aber trotzdem … wenn doch? Wenn sie so viel durchgemacht hatte, wenn sie so viel aufgegeben hatte, um das jetzt zu erfahren? Sie wusste nicht, ob sie schreien oder kreischen oder auf dem Boden zusammenbrechen und weinen sollte. Aber eines wusste sie mit Sicherheit. Wenn diese Ergebnisse stimmten, dann wäre ihr Leben nie mehr so wie bisher.
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Kapitel 2 Dr. Steinman sprach noch. Er erklärte ihren Befund, aber Elizabeth hatte kein einziges Wort gehört. Sie konnte nur daran denken, was dieser Befund für ihre Familie bedeuten würde. Der Arzt hörte auf zu reden und schaute sie wartend an. „Verstehen Sie, was ich Ihnen da sage, Elizabeth?“ Sie warf einen Blick auf John, der immer noch neben ihr saß. Er hielt ihre Hand fest, aber sein Gesicht war niedergeschlagen, seine Augen geschlossen. Sie wollte ihn rütteln, ihn dazu bringen aufzublicken, sie anzulächeln und ihr zu sagen, dass alles wieder gut werden würde. So wie er das zu ihr gesagt hatte, bevor der Arzt ihnen die Untersuchungsergebnisse mitgeteilt hatte. Der Arzt wartete immer noch. Sie drehte sich zu ihm herum und schüttelte leicht den Kopf. „Ich … ich glaube, ich verstehe Sie nicht ganz.“ Ein müdes Seufzen kam von Dr. Steinman. Er war ein Freund von John. Dies war für ihn bestimmt auch nicht leicht. „Das heißt: Ja, Elizabeth, der Krebs ist wieder da. Bei der Mammographie war ein Schatten über Ihrer linken Brust zu sehen, und die Biopsie zeigt, dass das, womit wir es hier zu tun haben, stärker und aggressiver ist als der frühere Krebs.“ Der Arzt biss sich auf die Unterlippe und schaute von Elizabeth zu John. „Es tut mir leid, aber es lässt sich einfach nicht anders sagen. Ich empfehle eine doppelte Mastektomie. Ich würde sie am liebsten gleich am Montag vornehmen.“ Dieses Mal schlug jedes Wort wie ein Hammerschlag ein. Elizabeth wusste nicht, wie sie ausatmen sollte, konnte nicht reagieren oder sprechen oder irgendetwas anderes tun, als erstarrt hier zu sitzen. Doppelte Mastektomie? Am Montag? Das war unmöglich, vollkommen lächerlich. Sie war seit über zehn Jah-
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