Theo Wendel
Einer stellt die Weichen 2 Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Dienstzeit im Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband
Über den Autor: Theo Wendel, Jahrgang 1926, war Pfarrer im Marburger Land, Seminarleiter in der Studien- und Lebensgemeinschaft Tabor und stand dem Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband zehn Jahre lang als Direktor vor. Er hat einen Sohn und ein Enkelkind und lebt mit seiner Frau im Marburg.
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
ISBN 978-3-86827-038-9 Alle Rechte vorbehalten © 2008 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH 35037 Marburg an der Lahn Umschlaggestaltung: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Umschlagfoto: Friedrich Haubner Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Druck: Koninklijke Wöhrmann, Niederlande www.francke-buch.de
Inhaltsverzeichnis Umzug auf Tabors Höhen ............................................................ 5 Abschied von unserer Mutter ...................................................... 6 Der Unterricht in Tabor – eine große Herausforderung ............. 8 Die Einheit von geistiger und geistlicher Zurüstung ............... 13 Theologie und Heiligung .......................................................... 14 Die Studien- und Lebensgemeinschaft Tabor ........................... 15 Verlobtenparagraph ................................................................... 15 Bewerbung um einen Studienplatz in Tabor ............................ 16 Seelsorgerliche Begleitung der Brüder ....................................... 18 „Schlatterstunden“ ..................................................................... 19 Einbindung der Lehrer und Mitarbeiter .................................. 20 Theologie und praktisches Arbeiten .......................................... 24 Theologie und missionarisches Engagement ............................ 25 Begegnung mit Hans Bruns und Heinrich Kenner .................. 27 Taborkonferenzen ...................................................................... 32 Feste und Feiern ......................................................................... 34 Wo ist unsere Gemeinde? .......................................................... 34 Dienste in den Gemeinschaften des DGD ............................... 36 Mitarbeiterseminar Hebron ...................................................... 39 Krisenzeit in Tabor ..................................................................... 40 Wenn Krankheit unser Leben bedrückt .................................... 43 Ein überraschender Anruf ......................................................... 47 Stabübergabe ............................................................................. 48 Erste Schritte in ein neues Amt ................................................. 51 Verantwortung in verschiedenen Einrichtungen ...................... 53 Verkündigung und Seelsorge ..................................................... 73 Seelsorge ..................................................................................... 76 Weihnachten im DGD .............................................................. 76 Dienstjubiläen ........................................................................... 79 Fragen der Mutterhausdiakonie ................................................. 81 Wirkungsgeschichte des Evangeliums im DGD ....................... 84 Diakonisch-missionarische Projekte .......................................... 86 Kritische Reflexion ..................................................................... 87 Die Heiligungsbotschaft im DGD ........................................... 89 Darf die Diakonisse verkündigen? ............................................. 94
Arbeit und Dienst im DGD ..................................................... 96 Die Werkfamilie ......................................................................... 97 Verhältnis DGD – Kirche ......................................................... 98 Verhältnis Gemeinschaftsbewegung – Mutterhaus ................. 100 Perspektiven der Mutterhaus-Diakonie ................................... 101 Dienstgemeinschaften und Diakonie auf Zeit? ....................... 106 Spannungsfelder im DGD ...................................................... 107 Profil behalten im DGD ......................................................... 108 Das Diakonissen-Mutterhaus Elbingerode und die Wende ... 111 Das Wunder der Maueröffnung .............................................. 117 Wiedervereinigung DGD Ost und DGD West ...................... 120 Wechsel im Hausvateramt ....................................................... 122 „Deutschland, einig Vaterland“ .............................................. 125 Unser Auftrag in Berlin ........................................................... 128 Mitarbeit im Marburger Bibelseminar ................................... 131 Die Evangelistische Zentrale – Ausdruck des ureigensten Auftrags im DGD (Heute: Marburger Medien) .................... 133 Marburger Mission .................................................................. 137 Strukturfragen .......................................................................... 141 Beerdigung von Verantwortungsträgern während meiner Dienstzeit ................................................................................ 144 Als Repräsentant des DGD in verschiedenen Gremien .......... 149 Aufträge in überregionalen evangelikalen Gremien ................ 151 Die missionarischen Aktivitäten der DEA .............................. 157 Die Auseinandersetzung mit Pfingstlern und Charismatikern ........................................................................ 158 Beobachter beim John-Wimber-Kongress 1988 in Frankfurt 158 Begegnungen im Bereich der DEA ......................................... 167 Wie ich den Gnadauer Verband erlebte .................................. 169 Verbindung mit Mutterhäusern im Gnadauer Bereich .......... 178 Auslandsreisen ......................................................................... 182 Der Abschied vom Dienst ....................................................... 265 Meine Familie .......................................................................... 271 Der 3. Lebensabschnitt ........................................................... 273 Abschied von Brüdern, Schwestern und Freunden ................. 276 Schlusswort .............................................................................. 281
Umzug auf Tabors Höhen Zum 1. August 1969 hatte das Landeskirchenamt in Kassel einer Beurlaubung als Theologischer Lehrer in Tabor zugestimmt. Am 8. August, einem heißen Sommertag, rollte der Möbelwagen Richtung Marburg. Das Haus in der Dürerstraße 22 in Marburg, unweit von Tabor, sollte unser neues Domizil werden. Ein völlig verbautes und verwinkeltes Haus, aber im Blick auf den künftigen Dienstort doch günstig gelegen. Ein Gras- und Gemüsegarten sowie eine Garage gehörten auch zum Wohnareal. Die Hausmutter von Tabor, Diakonisse Sophie Küspert, schickte uns beim Einräumen ein warmes Abendessen und eine große Eisportion und zeigte sich damit gleich von ihrer besten Seite. Wie wesentlich sind doch in solchen Situationen Zeichen menschlichen Entgegenkommens und menschlicher Güte! Der Betriebsinspektor von Tabor, Heinrich Seuring, erwies sich als guter Berater und Informator in allen häuslichen und wirtschaftlichen Fragen. An ihn konnten wir uns immer wieder vertrauensvoll wenden. Er hatte unter anderem dafür gesorgt, dass im unteren Bereich des Hauses von einigen Brüdern noch eine Dusche eingebaut wurde. Für den Sonntag war eine Vorstellung im Gottesdienst angesetzt. Der Termin schien uns recht ungeschickt gewählt. Bis auf eine Klasse waren die Taborbrüder im Praktikum. Der Direktor und Hausvater Wehrheim hielt sich in der DDR auf, und die Mitarbeiter waren noch im Urlaub. Der Direktor des Deutschen Gemeinschaftsdiakonieverbandes, dem Dachverband, zu dem Tabor gehört, hielt die Predigt und gab seiner Freude Ausdruck, dass Tabor nun nach einem Jahr Vakanz wieder einen theologischen Lehrer zu seinen Mitarbeitern zählen konnte. Auf eine Einführungshandlung mit Segnung wurde verzichtet. So lernte ich gleich eine Eigenart des DGD kennen. Gewiss war ich zunächst auf Probe angestellt. Aber auch nach einer Festanstellung erfolgte keine Einführung. 5
Ich wurde gebeten, im Gottesdienst ein Grußwort zu sagen, und wählte dazu ein Wort aus Psalm 34 aus, dass mir meine Mutter einmal in einer kritischen Situation mit auf den Weg gegeben hatte: „Die auf ihn sehen, den Herrn, werden strahlen vor Freuden.“ In der alten Lutherübersetzung heißt es: „Die auf ihn sehen, werden erquickt, und ihr Angesicht wird nicht zuschanden.“ Viele Erwartungen wurden an mein Kommen geknüpft. Würde ich dem allen gerecht werden? Ich hatte ein unbekanntes Land betreten und brauchte jetzt sehr viel Mut und Engagement, um in der neuen Situation zurechtzukommen.
Abschied von unserer Mutter In die Zeit des Dienstwechsels von Ebsdorf nach Marburg fiel auch der Heimgang unserer Mutter. Sie hatte unsere Entscheidung, nach Marburg zu wechseln, noch mitbekommen und uns betend begleitet. Ende Mai erlitt sie einen Schlaganfall. Unsere Schwester Gertrud versorgte Mutter, später unterstützt von unserer Schwester Hanna. Als ich sie wieder einmal besuchte, bemerkten wir in der Mittagszeit eine deutliche Veränderung. Mit einigen Geschwistern aus dem Umfeld sangen wir Lieder an ihrem Sterbebett, ich rief ihr verschiedene Gottesworte zu, und so begleiteten wir unsere Mutter bis an die Tore der Ewigkeit. Dabei spürten wir geradezu, dass die Strahlen der ewigen Herrlichkeit in unsere Traurigkeit hineinreichten. Wir waren getröstet. Da unsere Mutter in den letzten Jahren in Wehrda gelebt hatte, setzten wir eine Trauerfeier in Wehrda an, bei der ich den Dienst der Verkündigung übernahm. Der Geschwisterchor sang das Lied von Gerhard Fritzsche „Gelobt sei deine Treu, die jeden Morgen neu uns in den Mantel deiner Liebe hüllt ...“. Ich wählte als Text für die Ansprache ein Wort aus Markus 7,37b: „Der Herr hat alles 6
wohl gemacht.“ Über dem reichen Leben unserer Mutter konnten wir Gott loben und preisen. Sie hatte das Lob Gottes in unser Leben hineingelegt. Die Bilder ihres Lebens standen uns noch deutlich vor Augen, ob sie sich mit uns ans Klavier setzte und die verschiedensten Lieder anstimmte oder mit uns durch Feld und Wald zog. In der im Evangelium verankerten Freude konnte sie uns gemeinsam mit unserem Vater ein frohes Elternhaus als beste Mitgift für unser Leben schenken. Wir haben das oft erst dann gesehen, wenn wir die raue Wirklichkeit dieser Welt zu spüren bekamen. Ich selbst bin ihr über das Grab hinaus für den Zuspruch ihrer Briefe in Krieg und Gefangenschaft dankbar, die mich aufgerichtet und mir neue Perspektiven vermittelt haben. Ihr Glaube wurzelte in einem kindlichen Vertrauen zu dem Herrn und Heiland, an dessen Verheißung sie sich klammerte. Mit der natürlichen Gabe der Herzlichkeit ausgerüstet und in der Gewissheit des Glaubens wurde sie unserem Vater eine Gehilfin zur Freue und Mitbeterin um den Sieg Jesu Christi in der Gemeindearbeit. Die eigentliche Beerdigung, um die wir Theo Schnepel gebeten hatten, fand in Röddenau statt, wo unser Vater bereits begraben lag. Von der Kirche in Röddenau aus bewegte sich ein großer Leichenzug zum Friedhof, von Posaunen begleitet. So nahmen wir von unserer geliebten Mutter Abschied. In der Ansprache wurde das Wort ausgelegt, das wir auch über die Todesanzeige gesetzt hatten: „Welche auf ihn sehen, die werden strahlen vor Freude.“ Es war das Wort, das uns auch bei unserem Wechsel nach Tabor (Marburg) maßgeblich bestimmte.
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Der Unterricht in Tabor – eine große Herausforderung Mein heißer Wunsch, Kirchengeschichte unterrichten zu können, ging nicht in Erfüllung. Das Fach war schon durch Studienrat Gölz besetzt. So wurde mir in der Hauptsache Exegese, Dogmatik und Homiletik übertragen. In der Exegese begann ich im Alten Testament mit Jesaja und den Psalmen, im Neuen Testament mit Markus und dem Sondergut des Lukas. In der Dogmatik behandelte ich zunächst Sinn und Bedeutung der christlichen Lehre und zugleich die Schriftfrage. Dann folgte die Gotteslehre, Lehre von der Schöpfung, Lehre von Sünde, Leid und Tod, und schließlich kam die Christologie, dann Pneumatologie, Lehre von der Heilsaneignung und schließlich die Sakramente. Im letzten Teil unterrichtete ich über die Lehre von der Kirche und Gemeinde und ich schloss dann mit der Eschatologie ab. Ich brauchte drei Jahre für die Durchführung dieses Programms der Dogmatik in jeweils drei Wochenstunden. Zunächst waren mir 16 Stunden Unterricht in der Woche aufgetragen. Ich empfand den Unterricht als eine ungeheure Herausforderung. Es war mir klar, dass ich die Exegese nicht mit Bibelstundenwissen bewältigen konnte, wie der Hausvater Wehrheim das meinte. Zum Glück besaß ich noch viele Unterlagen aus dem Studium, sodass die Sachfragen abgeklärt werden konnten. Bis in die späten Abendstunden und in jeder freien Minute musste am Unterrichtsstoff gearbeitet werden. So stand ich in den ersten beiden Jahren ständig unter Druck. Ich konnte bei den Brüdern weder Griechisch noch Hebräisch voraussetzen. Jede Unterrichtsstunde wurde schriftlich konzipiert, von den Brüdern in Schreibmaschinenschrift gebracht und auf Matrize abgezogen. In der Dogmatik orientierte ich mich zunächst an Otto Weber, meinem Dogmatiklehrer, später aber auch an anderen. Die Glaubenslehre von Haarbeck, die in Bibelschulen 8
gern verwendet wurde, schien mir zwar biblisch sehr gut fundiert zu sein, aber es fehlte völlig die Auseinandersetzung und Aktualisierung der Dogmatik für das Gemeindeleben. Auch Dogmen- und Theologiegeschichte kamen bei Haarbeck nicht vor. Es war mir klar, dass man in Tabor keine Universitätsnorm einführen konnte, und doch sollte die Dogmatik ja in die Gegenwart übersetzt werden. Dazu brauchte man auch den Blick in die Theologiegeschichte. Die meisten Brüder, die in Tabor eingetreten waren, hatten eine praktische Lehre absolviert. 1969 gab es nur drei Abiturienten unter den Klassenbrüdern. Später änderte sich das Bild etwas, so dass man in jeder Klasse mit zwei bis drei Abiturienten rechnen konnte, ebenso auch mit einigen Fachschulabsolventen. Das Unterrichtsprogramm in Tabor sah neben dem theoretischen Unterricht auch praktische Arbeitszeit vor: im Garten und auf dem Taborgut in Cyriaxweimar. Dieses Programm hat mir sehr imponiert. Durch die praktische Arbeit wurde ein körperlicher Ausgleich geschaffen, andererseits erwies sich für die Ausbildung die umfangreiche Arbeitszeit oft als nachteilig. Das eigene, selbstständige Arbeiten konnte dadurch nicht gefördert werden. Es blieb viel zu wenig Zeit zum intensiven Nacharbeiten des Unterrichts. Erst in späteren Jahren wurden Seminararbeiten eingeführt. Der Gründer des Werkes, Pfarrer Theophil Krawielitzki, hatte für die Mutterhäuser und für das Brüderhaus drei Elemente in der Weiterbildung von jungen Menschen betont: Ausbildung – Erziehung – Ausrüstung mit dem Heiligen Geist. Die Ausrüstung wurde als das wesentliche Element angesehen. So kam man natürlich mit einer umfassenden theologischen Ausbildung in Konflikt. Die Sorge, dass junge Menschen durch ihre Ausbildung mehr und mehr verkopft würden und das erwecklich missionarische Leben ersticken könnte, hat Tabor nie losgelassen. In 3 ½ Jahren kann andererseits aber auch nur eine theologische Minimalausbildung angestrebt werden. 9
Während in früheren Jahren der theologischen Ausbildung nur wenig Bedeutung beigemessen wurde – wenn die Brüder vor schwierigen Aufgaben standen, hieß es: „Lass dir Gnade schenken.“ –, so wurde sehr bald die Ausbildung auch in humanwissenschaftlichen Fächern immer mehr erweitert und verbessert. Für mich wurde die Dogmatik mehr und mehr zum Schwerpunkt meines Unterrichts. Ich entdeckte neu, wie wesentlich eine solide Glaubensgrundlage für den Dienst in der Gemeinde ist. Für die gegenwärtige Auseinandersetzung mit Kirche und Theologie war das gründliche Arbeiten in der Dogmatik sehr hilfreich. In manchen Aussagen stieß ich bei den Brüdern zunächst auf Unverständnis, dann und wann auch auf Ablehnung und Widerstand. Besonders dann, wenn ihnen gewohnte und geläufige Aussagen kritisch beleuchtet bzw. in Frage gestellt wurden, etwa beim Schriftverständnis oder in der Gemeinde- und Tauffrage. Ich konzipierte den Unterricht so, dass ich zunächst meine Thesen vortrug, die Brüder hatten dann die Möglichkeit, Fragen zu stellen bzw. Kritik vorzubringen. Am Anfang der Stunde versuchte ich durch gezielte Fragen den erarbeiteten Stoff in Erinnerung zu rufen. Es lag mir daran, dass die Brüder in Glaubensfragen formulieren und argumentieren lernen. Was Methodik und Didaktik anbelangt, so war ich dafür schlecht gerüstet. Nur minimale Grundbegriffe hatte ich auf der Universität kennengelernt. Außerdem lag das 25 Jahre zurück. Sehr dankbar war ich später für die Einführung in Unterrichtsmethodik durch Lehrer Knöppler, der als Gastdozent unter uns weilte. Ich freute mich natürlich, wenn Besucher am Examen – wie etwa Propst Immel – mir die Qualität des theologischen Unterrichts bestätigten. In einer Klasse monierten die Brüder an meinem Unterricht, sie würden zu wenig geistliche Wegweisung erhalten. Das brachte mich in Spannung. Einerseits musste ein Unterrichtsprogramm durchgezogen werden. Andererseits erkannte ich sehr wohl den Auftrag, den Brüdern den Weg zur geistlichen Ausrüstung zu zei10
gen. So betete ich sehr um die rechte Spur im Unterricht. Ich habe mir den Ausspruch Adolf Schlatters immer zu eigen gemacht: „Die Bibel ist kein müheloser Besitz.“ Ich rang darum, den Brüdern das plakative Denken abzugewöhnen und das Denken in Schlagwörtern zu verbannen. Otto Rodenberg hatte mir im Mitarbeiterkreis der Bekenntnisbewegung hier schon wertvolle Dienste geleistet. Zwei grundlegende Anliegen haben mich in der Unterrichtszeit immer wieder begleitet: Erstens: Wie kann den Brüdern das ganze Evangelium in voller Klarheit und Wahrheit dargebracht werden? Wie oft waren die Brüder von der Wichtigkeit ihres eigenen, subjektiven Beitrags zum persönlichen Glauben überzeugt, und wie oft überschätzten sie menschliche Willenskraft in den Fragen des Glaubens. Dann entstanden meist heiße Diskussionen über die Zuordnung von objektivem Heil und dem, was wir subjektiv einzubringen haben. Einer der Brüder schrieb nach der Ausbildungszeit, er habe im Unterricht das Evangelium pur entdeckt und wolle sich bedanken. Ein anderer schrieb mir, er habe im Unterricht ein Gespür für die Spannungsfelder des Glaubens bekommen. Darin bestand das zweite Grundanliegen, den Brüdern die Komplexität des theologischen und biblischen Denkens vor Augen zu führen. Es gehört nämlich zur Gestalt dieser gefallenen Welt, dass wir viele Sachverhalte in der Bibel nur komplex, d. h. vielschichtig sehen müssen (z.B. die Alleinwirksamkeit Gottes einerseits und die Verantwortung des Menschen andererseits. „Wir sind schon Gottes Kinder, aber es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden.“) Wer diese Spannungsfelder des Glaubens negiert, landet schnell in der Schwärmerei oder verkürzt das biblische Zeugnis. Gerade im Blick auf die Heiligung und Heilung muss diese Spannung zwischen dem „schon jetzt“ und dem „noch nicht“ zur Geltung kommen. Wir sind, wie Luther richtig gesehen hatte, gerecht und Sünder zugleich. Nicht im Sinne einer Armen-Sünder-Theologie, bei der alles so bleibt, wie es ist, son11
dern: Wir bleiben im Kampf mit dem Fleisch. Luther versteht diese spannungsvolle Aussage „gerecht und Sünder zugleich“ nicht im Sinne eines unentschiedenen Ringens, sondern das Ineinander von Sünde und Gnade ist für ihn ein „Übereinander“. Das Buch von Hans-Joachim Iwand „Glaubensgerechtigkeit bei Luther“ führte den einen oder anderen hier weiter. Ein Buch, das von Bruder Johannes Krebs mehrfach durchgearbeitet und empfohlen wurde. Im Homiletikunterricht ging es darum, die Brüder in die Gesetze der Predigt einzuführen (Geschichte der Predigt, Wesen der Predigt, der Prediger als Zeuge, die Gestaltung der Predigt). Ich legte großen Wert darauf, dass die Brüder den Text exegetisch ausarbeiten und dann eine Gliederung erstellen. Danach wurde das weitere Vorgehen mit mir durchgesprochen. Jeder Bruder hatte eine Predigt über einen Evangelientext und eine Predigt über einen Episteltext zu halten und am Schluss seiner Ausbildung sich einer Blitzpredigt zu stellen. Unter Blitzpredigt verstanden wir eine Kurzbotschaft, die innerhalb kurzer Zeit (drei Stunden) verfasst und dann auch vor allen Klassen gehalten wurde. Meistens wurde ein bestimmter Kasus angegeben (Schlusswort am Missionsfest, Andacht zum Jahreswechsel, Ende einer Skifreizeit, Wort zum Jugendtag, Andacht am Krankenbett u. ä.). Anschließend erfolgte unter meiner Leitung eine Predigtkritik im Plenum, bei der zum Teil auch die anderen Lehrer zugegen waren. Daran schloss sich ein persönliches Gespräch mit dem Prädikanten an. Die Brüder beklagten oft die unechte Situation (Predigt vor den Klassen). Mit der Blitzpredigt sind wir später in die umliegenden Gemeinschaften gegangen. Das Predigen muss eben geübt werden, es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Nach dem Weggang von Bruder Erich Gölz wurde mir auch der Literaturkundeunterricht aufgetragen. Da die meisten Brüder in der Schulzeit nur in geringem Maße mit der deutschen 12
Literatur in Berührung gekommen waren, schien uns ein Einblick unerlässlich, zumal ja auch bestimmte Fragen des Glaubens in der Literatur mit angeschnitten werden. Der Unterricht half mir selbst, die großen Themen der deutschen Literatur noch einmal Revue passieren zu lassen und sie zu rekapitulieren. Es hat mir Freude gemacht, wenn auch aufs Ganze gesehen wenig Zeit zur Vorbereitung und zur Behandlung blieb. Die Lehrerschaft musste in Tabor sehr beweglich sein. Man konnte sich nicht auf ein Fach besonders spezialisieren. Bruder Egon Moll, der den Musikunterricht theoretisch und praktisch bestritt, lehrte auch deutsche Sprache, Grammatik und Stilkunde. Anstelle von Bruder Erich Gölz kam Pfarrer Hermann Findeisen zu uns, der das Fach Kirchengeschichte übernahm und zugleich exegetische Fächer unterrichtete. Die humanwissenschaftlichen Fächer waren Studienrat Karl-Heinz Bormuth übertragen, einem Mitarbeiter aus dem DGD. Seelsorge und Pastoraltheologie (intern: Berufsethik) wurde vom Hausvater und Direktor des Hauses übernommen. Ich wuchs mehr und mehr in die Welt des Unterrichts hinein und freute mich, wenn ich entscheidende biblische Erkenntnisse weitervermitteln konnte.
Die Einheit von geistiger und geistlicher Zurüstung Als Pfarrer Krawielitzki im Jahre 1909 das Brüderhaus Tabor, Seminar für innere und äußere Mission, gründete, verfolgte er das Ziel, die missionarisch-erweckliche Verkündigung, durch die viele zu einem persönlichen Glauben an Jesus Christus gefunden hatten, weiterhin zu erhalten. Das Brüderhaus wurde aus der Erweckung geboren, und die Erweckung wirkte sich stets prägend auf die Gestaltung des Seminars aus. So sollte die Seminarausbildung unter allen Umständen das vereinigen, was in der theolo13
gischen Ausbildung sonst weithin auseinanderfällt, die geistige und geistliche Zurüstung. Ein gutes und solides theologisches Wissen macht noch keinen Zeugen. Zeuge wird man erst durch die Kraft des Heiligen Geistes. Aber schlechtes Wissen und mangelhaftes Erkennen können den Zeugendienst erheblich hindern. Es kommt allein darauf an, dass geistiges Wissen und missionarisch-erweckliche Leidenschaft in rechter Zuordnung verbunden werden. So ist die Einheit von Theologie und Erweckung kennzeichnend für Tabor gewesen. Alle theologische Überlegung entsteht durch Gottes Offenbarung. Das Reden Gottes ist Voraussetzung alles theologischen Nachdenkens. Alles soll dabei unter der Herrschaft Gottes stehen, auch die Vernunft soll unter den Gehorsam Christi gefangen genommen sein, denn wir wollten ja keine religiösen Funktionäre heranbilden, sondern Zeugen Jesu, die von seiner Größe und Einzigartigkeit ergriffen sind.
Theologie und Heiligung Die theologische Erkenntnis will gelebt werden. Man kann stundenlang über Sünde diskutieren, aber wenn ungeordnete Schuld unter den Nägeln brennt, hört jede Diskussion auf. So gilt es für uns bei aller theologischen Arbeit danach zu trachten, dass der Seminarist bereit wird, sich korrigieren zu lassen, und es lernt, sein Können und seine Fähigkeiten richtig einzuordnen. Umgekehrt bleibt die Heiligung verschwommen, wenn sie nicht im Wort der Schrift ihre Ausrichtung findet. Geist und Wort sind nicht voneinander zu trennen.
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Die Studien- und Lebensgemeinschaft Tabor Theologie und Bruderschaft gehören zusammen. So wollte auch das Brüderhaus nicht nur eine reine Ausbildungsstätte sein, in der Wissen vermittelt wird, sondern die Brüder würden von vornherein in eine Lebensgemeinschaft hineingenommen. Das Gespräch mit den Brüdern, das Leben in der Bruderschaft bewahrte vor einseitigem Denken, schaffte Impulse und Anregungen. Die Theologie empfing von der Bruderschaft her ihre Korrektur. Erkenntnisse verarbeiten und sich einüben in die Bruderschaft – beides ergänzte einander. Umgekehrt kann die Bruderschaft auch nicht wahrhaft existieren ohne das Mühen um die Schriftzusammenhänge und ohne die Deutung der Schrift. Es ist unbestreitbar, dass für viele der Brüder die Lebensgemeinschaft die entscheidende Erfahrung ihrer Studienzeit in Tabor war. Da mussten sie sich mit einem Zimmergenossen arrangieren, der ihnen in seinem Wesen „auf den Wecker ging“. Andere empfingen Korrektur in ihren Charakterschwächen und in ihrem Denken. Immer wieder habe ich feststellen müssen, dass die Verarbeitung von Erkenntnissen und das Einüben in die Bruderschaft sich positiv ergänzten. Natürlich ist Gemeinschaft nie nur Beglückung, sondern auch Belastung. Spannungen und Reibereien lassen sich nicht vermeiden. Gut ist es, wenn die Vergebung dann siegt.
Verlobtenparagraph Ein besonderes Problem bildete der Verlobtenparagraph. Die Brüder durften während der Ausbildung keine Kontakte zu jungen Damen knüpfen. Wenn schon vor der Ausbildung eine Freundschaftsbeziehung bestand, so musste dieselbe während der Ausbildung „eingefroren“ werden. So nannten die Brüder scherz15
haft diesen Umstand. Viele seelsorgerliche Gespräche, aber auch Gespräche im Unterricht drehten sich um diesen Punkt. Ich habe den Verlobtenparagraph bejaht und auch immer wieder versucht, den Brüdern den damit verbundenen Verzicht schmackhaft zu machen und sich während der Ausbildung ganz dem Studium hinzugeben. Denn was bedeuten in diesem Zusammenhang schon drei bis vier Jahre. Aber ich musste auch einsehen, wie viele Probleme durch diesen Paragraphen hervorgerufen wurden. Besonders bei denen, die bereits vor dem Eintritt in die Studien- und Lebensgemeinschaft Kontakte unterhalten hatten. Immer wieder ging es darum, da auch den Brüdern seelsorgerlich zu helfen. Ich wies die Brüder auf ihre Jugend hin, die meisten kamen ja im Alter zwischen 20 und 23 Jahren zu uns. Vor allem musste deutlich werden, dass die Zurüstung zum Dienst, die alle Kraft erfordert, unter allen Umständen Vorrang haben muss. Ich hätte mir in dieser Hinsicht mehr Flexibilität gewünscht, aber die Ausnahmen können denn auch problematisch werden. Zu späterer Zeit (Anfang der 90er Jahre) wurde der Verlobtenparagraph gestrichen und auch im Anschluss an andere Seminare ein neuer Weg in dieser wichtigen Frage gesucht.
Bewerbung um einen Studienplatz in Tabor Immer bewegte uns in Tabor das Gebet: „Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“ Oft war das ein Zittern, wenn bis in den Frühsommer hinein noch nicht genügend Anmeldungen für die neue Klasse eingetroffen waren. Die Bewerbungsunterlagen wurden intensiv studiert. Erkundungen aus den Gemeinden bzw. Leumundszeugnisse wurden eingeholt. Schließlich erschienen die Bewerber persönlich. Lehrer wie auch die Mitglieder des Hausvorstandes führten Gespräche mit den 16
Bewerbern. Dann musste entschieden werden. Als bewährte Kriterien dienten uns die bekannten vier „B“: Berufung – Bekehrung – Bewährung – Begabung. Es war mitunter nicht leicht, die seelische Gesundheit eines Bewerbers richtig zu beurteilen. Es zeigte sich immer mehr, wie bedeutsam die richtige Einschätzung der seelischen Konstitution eines Bewerbers sein sollte. Viele haben sich im Laufe der Ausbildung prächtig entwickelt, bei manchen mussten wir leider feststellen, dass sie den Anforderungen des Gemeindedienstes nicht gerecht werden konnten. Da Tabor als Sendbruderschaft auch die volle Verantwortung für die späteren Diensteinstellungen übernahm, stellte sich die Frage: Wohin mit solchen Brüdern, die für den Gemeindedienst nicht geeignet waren? Es bestand im DGD noch die Möglichkeit, Brüder nach zwei Jahren theologischer Grundausbildung in die Krankenpflegeausbildung zu entsenden, die in den Krankenhäusern des DGD absolviert werden konnte. Eine Reihe von Brüdern schlug diese Laufbahn ein, und sie haben einen guten, gesegneten Dienst in den Krankenhäusern bzw. Altenheimen getan. Im Allgemeinen habe ich Brüder, die sich zum Dienst berufen wussten, im Unterricht mit durchgezogen, immer in der Hoffnung: Gott kann in ihnen Gaben erwecken und sie entfalten. Wie habe ich mich gefreut, wenn ich in späteren Jahren feststellen konnte: Es hat sich gelohnt. Bei dem einen oder anderen Bruder hegte ich auch manchmal Zweifel, ob man ihm am Ende der Ausbildung eine Qualifikation zugestehen könnte. Aber Gott sorgte da manchmal auch für Überraschungen, wenn einer z.B. durch den Unterricht so motiviert wurde, dass er mit eiserner Energie und Disziplin sich weiterbildete und Anerkennung fand. Aber ich werde auch an andere erinnert, bei denen ich versäumte zu sagen: „Es ist besser, in den praktischen Beruf zurückzugehen, als den Rest des Lebens als unglücklicher Prediger zu verbringen.“ Einmal meldete sich ein afrikanischer Bruder aus Uganda im Seminar an, vermittelt durch den Missionstrupp Frohe Bot17
schaft. Er tat sich schwer beim Erlernen der deutschen Sprache und zog es daher lieber vor, in einigen Gemeinden Grußworte auszurichten und von Uganda zu berichten. Dabei sammelte er Gelder und Sachgegenstände, die er nach Uganda transportieren ließ. Wir ermahnten ihn, sich doch zunächst auf seine Ausbildung zu konzentrieren, denn die Ausbildung musste auf Kosten Tabors ausgeführt werden. Schließlich sahen wir uns in der Seminarleitung gezwungen, ihn zu entlassen. Da stand Josef dann heulend vor mir und beteuerte: „Ich bin aber berufen.“ Wir blieben jedoch hart und fühlten uns in unserer Entscheidung von anderen bestätigt. Bei anderen afrikanischen Bewerbern machten wir übrigens gute Erfahrungen. In den ersten Jahren meiner Taborzeit wurden auch verheiratete Brüder aufgenommen. Das wirkte sich zum Teil recht positiv aus, denn „gestandene“ Brüder mit Verantwortung waren gut motiviert zur Ausbildung und hatten oft auch einen besseren Einstieg in die Praxis.
Seelsorgerliche Begleitung der Brüder Der Gründer des DGD-Werkes, Pfarrer Krawielitzki, legte großen Wert auf die seelsorgerliche Begleitung der Kinder Gottes, sowohl bei Schwestern als auch bei Brüdern. So wurde in Tabor auch immer wieder zum seelsorgerlichen Gespräch ermutigt. Ursprünglich waren die Hauseltern die seelsorgerlichen Ansprechpartner der Brüder, aber auch Lehrer und andere Mitarbeiter wurden von den Brüdern aufgesucht. Die einen brauchten Entlastung für ihre Schuld, die anderen suchten Rat für bestimmte Lebensprobleme, und wieder andere suchten eine Gelegenheit, ihre Kindheit und Jugend aufzuarbeiten. Die Brüder fungierten auch untereinander als Seelsorger. Seelsorge war in gewisser Wei18
se ein Markenzeichen der Taborbruderschaft. Aus der Jugendarbeit des CJVM und aus der Mitarbeit in der Studentenmission war mir wohl bekannt, dass Seelsorge im geistlichen Wachstum einen besonderen Stellenwert einnimmt. Manche seelsorgerliche Frage tauchte auch im Unterricht auf. Auch Andachten und Gottesdienste sollten immer wieder zur Seelsorge motivieren. Von Zeit zu Zeit (etwa alle vier Wochen) führten wir einen Stillen Tag in Tabor durch. Dieser Tag war frei von Unterricht. Morgens hielt einer der Lehrer oder der Hausvater eine Bibelarbeit, am Nachmittag kamen wir in Gebetsgruppen zusammen, und am Abend schlossen wir den Stillen Tag mit einer Abendmahlsfeier ab.
„Schlatterstunden“ Der große Bibeltheologe Adolf Schlatter hatte die Angewohnheit, seine Studenten von Zeit zu Zeit in sein Haus einzuladen. Dort wurden oft sehr intensive Gespräche weitergeführt, vor allem entstand auf diese Weise eine gute Verbindung zwischen Lehrer und Studierenden. So schien es uns auch bedeutsam zu sein, die Seminaristen nicht nur im Unterricht zu erleben, sondern mit ihnen bei Saft und Plätzchen in einer gemütlichen Atmosphäre Gespräche über allgemeine Fragen zu führen. Dabei konnten auch Fragen, die im Unterricht nicht ganz geklärt werden konnten, noch einmal aufgegriffen werden. In den ersten Jahren lud ich klassenweise in unser Haus ein, später konnte jeder, der Lust und Liebe hatte, daran teilnehmen. Meine Frau sorgte für Gemütlichkeit, und es entstand auf diese Weise auch eine intensivere Beziehung zu den Seminaristen. Aus dem eigenen Studium wusste ich, welche Bedeutung der „Offene Abend“ mit den Professoren für uns hatte.
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