Inhaltsverzeichnis Wir waren nicht vergessen ..................................... 7 Der Mann, der Weihnachten verschlafen wollte .... 16 Emanuel hat doch Weihnachten erlebt ............... 20 Kein Raum in der Herberge ................................ 23 Der General am Lagerfeuer ................................. 31 Mathilde Wrede und ihre Gefangenen ............... 34 Weihnachten im Gestapogefängnis ..................... 42 Schnee – ein Geschenk des Himmels .................. 49 Die Liebe hat gefehlt ........................................... 50 Der Gang über den Weihnachtsmarkt ................ 55 Eine unglaubliche Rettung ................................. 58 Am Leben festhalten ............................................ 62 Und das Christkind kommt doch! ....................... 67 Weihnachten im Hause von Johannes Busch ...... 72 Zu Weihnachten ruhen die Waffen ..................... 74 Der Stern von Bethlehem .................................... 77 Das Geschehen in Bethlehem ............................. 82 Die fröhliche Geschichte, dass Christus Mensch geboren ist ............................................. 88 Gibt es in der Welt noch Liebe? .......................... 89 Weihnachtsbrief an den lieben Gott ................... 94
Wir waren nicht vergessen Eine Missionarin erzählt: Mein Mann war von einer Gemeinde in der Schweiz als Missionar nach Kanada geschickt worden. Hier sollte er das Evangelium verkündigen und sich besonders um die Einwanderer kümmern. Ein Wintertag hat sich mir besonders eingeprägt. Draußen war es ungewöhnlich kalt. Hoch lag der Schnee und machte viele Wege unpassierbar. Wir waren von der Außenwelt fast ganz abgeschnitten. Dadurch konnte uns auch nicht das monatliche Gehalt zugestellt werden. So gerieten wir in einen finanziellen Engpass. Mir fehlte es am Nötigsten, um für die Familie Lebensmittel einzukaufen. Außerdem brauchten meine Kinder warme Winterstiefel, Pullover, Jacken, Mützen und Handschuhe. Gewiss, unsere Kinder waren abgehärtet und gesund, aber gegen diese mörderische Kälte konnten sie sich nur mit warmer Kleidung wehren. Kanada war klimamäßig nicht mit Davos zu vergleichen. Draußen floss das Wasser nur noch sehr spärlich vom Brunnen. Wie lange würde es noch dauern, bis er ganz zugefroren war? Der Wind fegte durch jede Ritze in den Holzwänden und durch die undichten Fenster. Unsere Gemeindeglieder waren sehr auf unser Wohl bedacht, aber im Augenblick waren ihnen die Hände gebunden. Die Gehöfte lagen weit 7
auseinander, und so konnten wir nicht mit Holz und Kohle von ihnen versorgt werden. Meine Vorräte in der Speisekammer waren fast aufgebraucht, und auch mein Glaube wurde mehr und mehr von Zweifeln bedroht. Schon als junges Mädchen hatte ich gelernt, Gott zu vertrauen. Ich wusste, Gott steht zu mir. Ich bin sein geliebtes Kind. In der Stunde meiner Bekehrung habe ich mich ihm mit sechzehn Jahren ganz zugewandt und seine Freundlichkeit in reichem Maße erfahren. Aber nun geriet ich in eine Situation, die mir den Boden unter den Füßen entziehen wollte. Mein Lieblingsvers stand in Psalm 90: „Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für.“ Ich konnte jetzt in meiner Niedergeschlagenheit nur noch zu Gott rufen, er möge sich meiner erbarmen. Mein Mann musste oft kilometerweit mit dem Schlitten fahren, wenn er zu Beerdigungen oder anderen Amtshandlungen gerufen wurde. Aber sein Mantel war abgetragen, schäbig und für solch eisige Temperaturen völlig ungeeignet. Wie gerne hätte ich ihm einen Mantel gekauft, der mit einem Fell gefüttert war. Aber das war mir finanziell nicht möglich. Unser Frühstück bestand aus Tee ohne Zucker und aus ein paar Zwieback, die ich mir im Sommer aus Brot hergestellt hatte. Nun stand Weihnachten vor der Tür, und mein Herz war beschwert. Unsere Buben und unsere Tochter hatten verschiedene Wünsche auf den Zettel für den Weihnachtsmann geschrieben. Wie gerne wären sie wie andere Kinder mit Schlittschuhen über das Eis gejagt. Ruth 8
wünschte sich eine Puppe und natürlich ein paar Puppenkleider dazu. So lag sie Gott mit diesen Wünschen in den Ohren. Mir war bewusst, dass ich in diesem Jahr keinen einzigen Wunsch meiner Kinder erfüllen konnte, und das tat meinem Herzen weh. Ihre Hoffnungen würden sich nicht erfüllen. Und mir selbst war Gott so fern. Mit meinem Mann wollte ich über diese Not nicht reden. Sein Kopf sollte nicht mit meinen Sorgen belastet werden. Er musste Verkündiger der Frohen Botschaft sein, und dazu brauchte er ein starkes Gottvertrauen. Ich gab mir viel Mühe, unsere kargen Mahlzeiten mit guten Gewürzen schmackhaft zu machen, damit ihn die leere Speisekammer nicht allzu sehr beschweren sollte. Unser Wohnzimmer richtete ich wie in all den Jahren zuvor mit Sternen, Lametta, Kugeln, Tannenzweigen und Wunderkerzen her. Richtig gemütlich sollte unser Heim wirken. Außerdem legte ich Holz in unseren Kamin und entzündete die Flammen. Eine wohlige Wärme erfüllte den Raum. Am Tag vor Weihnachten wurde mein Mann zu einem Schwerkranken gerufen. Ich konnte ihm auf den Frühstückstisch nur einen Kanten Brot legen und eine Tasse Tee ohne Zucker dazustellen. Mehr hatte ich nicht anzubieten. Als er sich auf den Weg machen wollte, reichte ich ihm seinen Schal und den abgetragenen Mantel und wollte ihm noch, wie ich es immer tat, ein Psalmwort zusprechen. Aber diesmal blieben mir die Worte in der Kehle stecken. Mich machte mein Verhalten traurig, und ich machte mir Vorwürfe, wie wenig Gottvertrauen ich besaß. 9
Die Kinder schickte ich am Abend bald zu Bett. Ihr Lachen und fröhliches Geplauder machten mich nervös. Da hörte ich, wie Ruthchen im Nebenzimmer Gott bat, er möge ihr doch eine Puppe schenken, und für ihre Brüder wünschte sie sich Schlittschuhe. Durch die geöffnete Tür vernahm ich ihr kniendes Gebet. Als sie sich noch für einen Augenblick zu mir setzte, meinte sie: „Weißt du, Mama, morgen kommt bestimmt ein großes Paket für uns.“ Dabei strahlten ihre Augen. Mir tat ihre Zuversicht weh, denn die Enttäuschung war vorprogrammiert. Als im Hause Stille eingekehrt war, musste ich meinen Tränen freien Lauf lassen. Nur gut, dass ich mich wieder beruhigt hatte, bis mein Mann heimkam. Er war sehr erschöpft und ganz durchgefroren. Strümpfe und Schuhe zog er aus, und ich sah, wie seine Füße erstarrt waren. Ich schaute in sein trostloses Gesicht und erkannte, dass auch er keine Kraft und Hoffnung mehr hatte. Auf dem Herd kochte ich uns noch eine Tasse Tee, und dann saßen wir still nebeneinander. Er legte seine Hand in die meine, und so blieben wir längere Zeit schweigend sitzen. Ich hätte so gern zu Gott gerufen und ihm klar gesagt: „Herr, wie lange sollen wir noch auf deine Hilfe warten? Meine Seele ist so verzweifelt.“ Plötzlich vernahmen wir das Klingeln eines Schlittens. Er hielt direkt vor unserer Tür. Es folgten ein paar kräftige Schritte im Schnee, und dann klopfte es schon. Mein Mann stand auf, um dem Postboten zu öffnen. „Eine riesig große Kiste Expressgut 10
ist soeben für Sie angekommen. Ich wollte sie gerne gleich ausliefern. Es wird sicher noch etwas für Weihnachten darin sein. Nun haben Sie ja eine Menge auszupacken. Können Sie beim Abladen mit anfassen? Die Kiste ist bleischwer. Und dann hat mir meine Frau noch einige Gaben für Ihre Familie mitgegeben: einen Truthahn von unserem Hühnerhof und dann noch einige andere Sachen.“ Er wies mit seiner Hand auf einen Korb Kartoffeln, einen Sack Mehl, einen großen Klumpen Butter, eine Kanne Milch, einen Korb mit Äpfeln, und einen Karton, der noch verschlossen war. Natürlich half mein Mann mit Freuden beim Abladen. Für uns hätte die Kiste gar nicht schwer genug sein können. So wuchteten wir das teure Postgut vom Schlitten und trugen es ins Haus. Unser Bote aber sprang eilig auf sein Gefährt und rief uns noch zu: „Ich muss schnell weiter. Frohe Weihnachten!“ Schon ruckten die Pferde los, und ihr Klingelgeläut ertönte laut. Es klang uns wie das Geläut von Engelboten aus der göttlichen Welt. Dann aber machten wir uns ans Werk. Mein Mann holte Hammer und Kneifzange und öffnete die Kiste. Das Erste, was wir herausholten, war eine wunderschöne, warme Wolldecke. Dann kamen Kleidungsstücke zum Vorschein. Mir war zumute, als würde mein Herr vom Himmel auf mich herabsehen und mich fragen: „Habe ich dich je enttäuscht?“ Mein Mann hielt inne. „Eigentlich darf ich ja gar nicht weiter auspacken. Ich fühle mich dir gegenüber so schuldig.“ Dabei legte er seinen Arm um 11
mich. „Meine Liebe, ich habe wohl gesehen, wie traurig und niedergeschlagen du warst. Aber ich fühlte mich selbst so elend und hatte keine Kraft, dich zu trösten. Ich zweifelte auch an Gott und war mir meiner Berufung in den Dienst hier nach Kanada nicht mehr so gewiss. Verzeih mir bitte!“ Mein Mann schlang seine Arme um mich und drückte mich an sich. Tränen kullerten mir über die Wangen. „Liebster, auch ich habe versagt und bin dir in deinem Auftrag nicht als tapfere Gehilfin beigestanden. Ich kann Gott nur um Verzeihung bitten.“ Mein Mann antwortete nur: „Schatz, lass mich einen Augenblick allein. Ich muss selbst erst mal mit mir ins Reine kommen.“ Bei diesen Worten zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück. Ich aber fiel auf meine Knie und öffnete mein Herz vor Gott. Seine große Liebe und Freundlichkeit hatten meine Verzagtheit und Zweifel überwunden. Welch großen Gott haben wir doch, musste ich denken. Ja, sein Wort ist wirklich wahr: „Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind.“ Wie konnte ich nur so kleinmütig sein und denken, Gott habe mich verlassen. Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit verflossen war, bis mein Mann wieder zu mir kam. Aber ich sah sofort, dass auch er Frieden gefunden hatte. Wir knieten zum gemeinsamen Gebet nieder, lobten und dankten Gott, dass er sich unser so freundlich erbarmt hatte. Wie von selbst legte uns Gott Verse des 23. Psalms auf die Lippen. 12
„Ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich.“ Spät war es an diesem Abend geworden. Das Feuer im Kamin war fast erloschen. Die riesige Kiste stand geöffnet vor uns. Wir hatten außer der warmen, weichen Decke nichts berührt. Wie dringend brauchten wir gerade diese Decke an kalten Wintertagen. Wir legten noch einmal Holz auf, und die Flamme flackerte hell auf. Dann machten wir uns an die Arbeit und holten Stück um Stück aus dieser Wunderkiste heraus. Als Erstes kam ein warmer Mantel für meinen Mann aus hervorragendem englischem Stoff hervor. Er zog das gute Stück sofort an, und es passte wie angegossen. Richtig vornehm sah er darin aus, wie ein geistlicher Würdenträger. Auch für mich lag ein Mantel in der Kiste. Jetzt war mein Mann an der Reihe, diesen zu bewundern. Auch er saß mir gut am Körper. Wir waren glücklich wie Kinder unter dem Tannenbaum. Es folgte ein dunkelblauer Anzug und ein Kleid. Mehrere Meter Flanell und verschiedene Päckchen mit Unterwäsche kamen zum Vorschein. Außerdem erhielt jedes Familienmitglied warme, mit Schaffell gefütterte Schuhe für den frostigen Winter hoch im Norden. Keiner von uns würde sich in Zukunft je einen Zeh erfrieren. An meine Winterstiefel war ein Zettel geheftet mit dem Wort aus 5. Mose 33,25: „Eisen und Erz sei an seinen Schuhen; dein Alter sei wie deine Jugend.“ Noch heute besitze ich diesen Zettel und will ihn als Vermächtnis 13
meinen Kindern weitergeben. Sie sollen sich immer daran erinnern, wie gut der Herr in notvoller Lage für mich gesorgt hat. In den warmen Handschuhen für meinen Mann steckte auch ein Spruch: „Ich will dich bei deiner Rechten halten. Gott ist unsere Hilfe; und die den Herrn suchen, haben keinen Mangel an irgendeinem Gut.“ Wie sorgfältig und liebevoll war diese Kiste gepackt worden. Unsere Buben erhielten noch Pullover und Hosen, Ruth wurde mit einem Kleidchen beschenkt. Außerdem waren noch Pulswärmer, Handschuhe, Schals und Mützen beigelegt, alle selbstgestrickt aus feinster Wolle. Aber zuunterst lagen Geschenke, die uns zu Tränen rührten. In einer Schachtel fanden wir wohl verpackt eine große Puppe und für die Buben zwei Paar Schlittschuhe. Genau diese Geschenke hatten sich unsere Kinder zu Weihnachten gewünscht. Die Zwischenräume waren mit Büchern ausgefüllt, auf die ich sehr erpicht war. Zudem noch Schürzen, ein niedlicher Teddybär und Vorrat an Nähutensilien. Ein schöner Muff aus Pelz, in dem noch zehn Dollar steckten, sollte die Puppe vor eventuellen Stößen beim Transport schützen. Mitternacht war schon lange vorbei. Die Freude hatte uns ganz munter gemacht und neue Kraft gegeben. Ich ging in die Küche, kochte ein paar Eier aus den Vorräten und Tee, und wir genossen ein herrliches Abendessen zu später Stunde. Hungrig waren wir ja. Wir saßen an unserem Kamin und konnten immer wieder Gott nur danken, wie gut und gera14
de noch rechtzeitig er uns mit allem, was wir so dringend brauchten, versorgt hatte. Am nächsten Morgen war dann die Freude erneut groß, als unsere Kinder ihre Geschenke in Empfang nahmen. Ruthchen spielte mit ihrer Puppe, und die beiden Jungen waren natürlich mit ihren Schlittschuhen auf dem Eis. Ich beobachtete noch, wie meine Tochter in ihr Zimmer ging, an ihrem Bett niederkniete und Gott dankte. Dann lag sie mir in den Armen. „Mama, ich habe gewusst, die Geschenke werden noch rechtzeitig kommen. Deshalb habe ich mich jetzt bei Gott bedankt. Er macht uns gerne große Freude.“ Ich war beschämt und musste an Jesu Wort denken: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Wir feierten in diesem Jahr ein wunderschönes Weihnachtsfest. Ich habe es nie mehr vergessen können, wie Gott sich unser erbarmt hat.
15