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Abraham hatte zwei Sรถhne Isaak und Ismael

Julia Blum


Abraham hatte zwei Sรถhne Isaak und Ismael

Julia Blum


Inhaltsverzeichnis

Vorwort 7

Impressum Originaltitel: Abraham Had Two Sons Übersetzung aus dem Englischen: Maja Lehmann / Max Zürcher Lektorat: Max Zürcher, Köniz Die Bibelzitate entstammen, falls nicht anders vermerkt, der Schlachter-Bibel, Schlachter 2000, © 2000 Genfer Bibelgesellschaft © Julia Blum, Jerusalem © Echad-Verlag GmbH, Postfach, CH-3125 Toffen Tel. +41 (0)31 819 49 35 www.echad.ch, info@echad.ch 1. Auflage: 2016 ISBN 978-3-905518-18-4 Umschlag & Layout: Matthieu Jordi, www.mj-design.ch Druck: CPI books GmbH, www.cpibooks.de Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotografischen oder elektronischen Erfassung sowie der Übersetzung bleiben vorbehalten.

Einführung

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Prolog

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Teil I – Pschat: Abraham

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Gottes Navigator Terachs Berufung Eine Hungersnot im Lande Aus Angst um sein Leben … Beinahe ein Vater Ein erstaunliches Versprechen Eine perfekte Lösung … Ismael – Sohn der Verheißung? Isaak – Sohn der Verheißung!

28 30 34 36 38 42 45 48 54

Teil I – Pschat: Sara

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Still und gehorsam Ägypten Eine schmerzhafte Entscheidung Hagars Schwangerschaft Ismael – Sohn der Verheißung? Isaak – Sohn der Verheißung! Was hat Sara gesehen? Warum unterstützte Gott Sara?

62 66 68 75 78 80 83 86 5


Teil II – Remes

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Die allegorische Deutung des Paulus: ­Traditionelle Lesart 93 Abraham hatte zwei Söhne … 96 Paradigmenwechsel 100 Schwierige Fragen 103 Gott sagt niemals: «Ups!» 110

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Teil III – Drasch

113

Rosch-ha-Schana-Lesung Jom-Kippur-Lesung Das Los für den Herrn Der Sündenbock Zwei Opfer: 1. Mose Kapitel 21 und 22 Ähnlichkeit der Unterschiede

113 116 118 120 122 126

Teil IV – Sod

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Das Huhn oder das Ei? Das Geheimnis der beiden Opfer Symbole und Vorausbilder Was verborgen ist, steht bei dem Herrn

131 137 142 145

Epilog

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Vorwort Dies ist eines der Bücher, welches man vorbehaltlos, ja leidenschaftlich, empfehlen kann. Nicht allein wegen der kaum zu überbietenden Aktualität des jüdisch-arabischen Konflikts. Da öffnet sich eine Fülle neuer Einsichten. Wie in einem Röntgenbild werden Zusammenhänge klar. Doch über diese Thematik hinaus begegnet uns in diesem Buch Gott selber als der Vater alles Lebenden und Herr der Geschichte. Darum gibt es keine vorschnellen Antworten, doch umso mehr Gottesfurcht und Staunen vor den Tiefen und dem Geheimnis dessen, der diese Erde mit seiner Erkenntnis und Herrlichkeit erfüllt. Zuerst nimmt uns die Autorin mit in den biblischen Garten mit seinen süßen Düften und köstlichen Früchten, die sich nur dem offenbaren, der sich da hinein begibt. Das ist natürlich im Bild gesprochen. Aber die Art und Weise, wie Julia Blum diese bekannten Geschichten von Abraham, Sara, Hagar und den zwei Söhnen nachempfindet und nacherzählt, ist tatsächlich ein Gang durch einen geheimnisvollen, herrlichen Garten. Da schlagen uns frische Düfte aus den Texten entgegen, als hörten wir sie zum ersten Mal. Da öffnen sich Türen zu einem tieferen Verständnis, und man isst buchstäblich saftige Früchte, voll von Leben, Heilung, Trost und Erbauung. Nach diesem reichen Gartenrundgang geht es nun tiefer hinein in die Auslegung der Texte. Dieser Teil gleicht eher einer Expedition in das Innere einer weit verzweigten Höhle. Vieles ist Neuland, da gilt es, sich behutsam vorwärts zu tasten. Umso größer ist die Freude, wenn plötzlich revolutionäre Offenbarungen aufleuchten. Anderes wieder bleibt im Dunkel. Was sich aber durch alles Suchen und Forschen hindurchzieht, ist die Hauptaussage: Abraham hatte zwei Söhne. Beide sind sie 7


unentbehrlicher und notwendiger Teil im großen Heilsplan Gottes für die Menschheit. Beide finden sich in der Rolle des Opfers: Ismael, als er vom Vater in die Wüste hinausgestoßen wurde, um ihn vom Erbe auszuschließen; Isaak, als ihn Abraham auf dem Berg Moria als Opfer auf dem Altar festband. Als messianische Jüdin besteht Julia Blum darauf, dass Ismael – stellvertretend für die Araber – wieder rechtmäßiger Teil der abrahamitischen Familie wird und dass ihm seine Würde zurückgegeben werden muss. Dies alles hebt nicht auf, dass Isaak der Sohn der Verheißung ist und bleibt. Die Bibel nennt Israel Gottes erstgeborenen Sohn, den er – wie später seinen eingeborenen Sohn Jesus – aus Ägypten rief. Die Autorin geht aber noch einen Schritt weiter. Am großen Versöhnungstag der Juden wird bis heute 3. Mose Kapitel 16 gelesen. Es handelt von den beiden Ziegenböcken, von denen der eine als Sündopfer geschlachtet wird, der andere aber – beladen mit der über ihm ausgesprochenen Schuld des Volkes – als Sündenbock in die Wüste hinausgejagt werden soll. Diese beiden Opfer sind Hinweise auf die künftigen Opfer: zum einen das endgültige und vollkommene Opfer des Lammes Gottes am Kreuz, zum andern die durch alle Zeiten wirksame SündenbockRolle des jüdischen Volkes. Israel und die Juden weltweit sind durch ihre ganze Geschichte hindurch zu einer ständigen Provokation und zur Projektionsfläche des Bösen geworden. Natürlich hat solches Leiden keine sühnende Kraft, aber es scheint Teil der jüdischen Bestimmung zu sein, sich als Blitzableiter für die Völker anzubieten und in diesem Sinne – wenn auch unbewusst (!) – mitzutragen mit dem, der die Sünden der Welt hinwegnimmt. Auch Julia Blum weiß, dass sie sich mit diesen Schlussfolgerungen im Niemandsland der Theologie befindet. Nicht umsonst betont sie am Schluss ihres Buches, dass das Geheimnis allein dem Herrn gehöre. Doch hier geht es weder um 8

Spekulationen noch um Irrlehre. Es werden Linien ausgezogen, die sich aus Gottes lebendigem Wort ergeben. Wie seinerzeit Ismael als Erster zur Welt kam, so drängt er auch heute wieder auf die Weltbühne und zieht die Aufmerksamkeit der Völker auf sich. Zurzeit dominieren für einmal nicht die Israelis, sondern oft genug die Araber die Schlagzeilen. Mit den Messerattacken in Israel scheint sich ein Kreis zu schließen zur biblischen Geschichte, wo offenbar Ismael den kleinen Bruder Isaak belästigt hat. Damals hieß es als eine direkte Folge: «Jage die Magd mit ihrem Sohn davon!» Dies wird heute nicht mehr geschehen, trotz Checkpoints und Sicherheitsmauern. Dieses Buch ist eine hoffnungsvolle Stimme, mehr noch: ein Herzensschrei nach Versöhnung mit Ismael (sprich: den Arabern), nach Heilung und Wiederherstellung des gebrochenen Verhältnisses zwischen den beiden Söhnen Abrahams! Danke, Julia, für deinen Mut, die rote Linie von religiöser und politischer Korrektheit zu überschreiten und mit deinem: «Es tut mir leid!» eine Türe aufzustoßen. Geri Keller Stiftung Schleife

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Einführung Was dir entsprosst, ist ein Obstgarten (Pardes) von Granatapfelbäumen samt köstlichen Früchten, Hennasträuchern samt Narden Hohelied 4, 131 Angefangen hat alles mit einer E-Mail. Diese E-Mail kam von einer Person, deren Namen ich erkannte, die ich aber noch nie zuvor getroffen und mit der ich noch nie gesprochen hatte. In seinem Brief dankte mir dieser Bruder, ein bekannter christlicher Leiter in Europa, für mein Buch Bist du Gottes Sohn, so steig vom Kreuz herab.2 Dann schrieb er: «Wenn ich vorausschaue, dann ist da diese Sache zwischen Isaak und Ismael. Wir kämpfen alle; es gibt keine echte Vision und Offenbarung darüber, wie der Wille des Vaters für diese Zeit aussieht. Vielleicht wird der Geist dich führen und Licht in diese Tragödie senden. Wir müssen unbedingt seine Stimme hören.» Einige Zeit zögerte ich, dieses Buch zu schreiben. Es gibt so viele Leute, so dachte ich, die besser qualifiziert wären, über Ismael zu schreiben. Und über das arabische Volk. Dann sagte mir jemand, dass die Araber nicht wirklich Ismaels Nachkommen seien. An diesem Punkt war ich vollends verunsichert. Sollte ich dieses Buch über die biblischen Persönlichkeiten Isaak und Ismael schreiben? Sollte ich dieses Buch über die Juden und die Araber schreiben? Sollte ich dieses Buch überhaupt schreiben? Revidierte Elberfelder Bibel © 1985/1991/2008 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten. – In diesem Zitat haben wir zugunsten einer besseren Übereinstimmung mit dem englischen Originaltext das Wort «Lustgarten» durch «Obstgarten» ersetzt (Anmerkung des Verlags). 2 Julia Blum: Bist du Gottes Sohn, so steig vom Kreuz herab! Echad-Verlag, 1. Auflage, 2005.

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Dann fing ich an zu beten. Denn, so schrieb dieser Bruder in seiner E-Mail, «es geht nicht um die richtige Theologie, es geht um das Herz des Vaters.» Was im Herzen Gottes vor sich geht, unterscheidet sich stark von dem, was unsere irdischen Augen sehen können. In meinem Buch über Gottes Plan für mein Volk, Bist du Gottes Sohn …, schrieb ich über diesen Innenraum: Wir können nicht nach dem urteilen, was unsere Augen sehen. Wir müssen uns in den Innenraum begeben. Dort nehmen wir seine Liebe und seine Tränen wahr, welche in dieser Welt nicht zu sehen sind, und doch wirklicher sind als jede sichtbare Wirklichkeit. Wir müssen Gottes Herz erkennen. Denn wer von den Menschen kennt die Gedanken des Menschen als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist? So kennt auch niemand die Gedanken Gottes als nur der Geist Gottes. Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, sodass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.3 «Wir müssen unbedingt seine Stimme hören», schrieb Bruder Geri in seiner E-Mail. Mein Gebet ist, dass Sie beim Lesen dieses Buches seine Stimme hören.

Denn deine Stimme ist süß, und lieblich ist deine Gestalt.4 Seit diesem Augenblick gehört das Hohelied zu meinen liebsten Texten in der Bibel. Immer wieder hat Gott durch die Worte dieser erstaunlichen Stelle zu mir gesprochen. Und obwohl ich bisher noch nie etwas darüber geschrieben habe, wusste ich immer, dass der Tag kommen würde, an dem das Hohelied den Weg in mein Schreiben finden würde. Daher war ich alles andere als überrascht, als der Herr mir zeigte, dass dieses neue Buch, welches zu schreiben er mich beauftragte, sich auf die verschiedenen Stufen des Pardes stützen sollte. Das Wort Pardes, welches «Obstgarten» oder «Lustgarten» bedeutet und welches von unseren Gelehrten dazu ausgewählt wurde, um die verschiedenen Ebenen der Auslegung der Heiligen Schrift darzustellen, stammt aus dem Hohelied: Was dir entsprosst, ist ein Obstgarten (Pardes) von Granatapfelbäumen samt köstlichen Früchten, Hennasträuchern samt Narden5

*** Vor Jahren, als ich zum ersten Mal Gottes Stimme vernahm, sprach er zu meinem Herzen durch die folgenden wunderschönen Worte aus dem Hohelied: Meine Taube in den Felsenklüften, im Versteck der Felsenwand; lass mich deine Gestalt sehen, lass mich deine Stimme hören!

Diese Verse erscheinen am Ende des Kapitels 4, wo ein wunderschöner Garten beschrieben wird. Ich habe dieses Kapitel immer geliebt und seit Jahren ist Vers 16 einer meiner Lieblingsverse im Hohelied, besonders der erste Teil: Wach auf, Nordwind, und komm, Südwind! Lass duften meinen Garten, lass strömen seine Balsamöle! 6 Hohelied 2, 14 Hohelied 4, 13 (Revidierte Elberfelder Bibel) 6 Hohelied 4, 16 (Revidierte Elberfelder Bibel) 4 5

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1. Korinther 2, 11–12

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Eines der ersten hebräischen Wörter, die ich gelernt habe, ist Ruach; das Wort bedeutet sowohl «Wind» als auch «Geist». Ich liebe den Gedanken, wie Ruach ha-Kodesch – der Heilige Geist – durch einen geistlichen Garten weht und dadurch ein himmlischer Duft freigesetzt wird. Es vergingen jedoch Jahre, bis ich die ganze Bedeutung dieses Verses fassen konnte und ich wahrnahm, dass er auch einen zweiten Teil hat. Dann begann auch dieser zweite Teil zu meinem Herzen zu sprechen: Mein Geliebter komme in seinen Garten und esse seine köstlichen Früchte! Es dauerte lange, aber endlich ging mir auf, dass – egal wie schön diese Düfte auch sein mögen – der Herr mehr von uns erwartet als nur einen Duft. Er wartet auf die Frucht. Er will teilhaben an den Früchten, die wir für ihn tragen. Genau darum geht es bei Pardes. Es gibt verschiedene Stufen auf unserem Weg mit dem Herrn. Am Anfang bringen wir lediglich einen Duft hervor, aber irgendwann erwartet der Herr Frucht von uns. In gleicher Weise gibt es auch verschiedene Ebenen in unserem Schriftverständnis, so wie sich meine Aufmerksamkeit vom ersten Teil des Verses zum zweiten verschob. Und dies sind die Ebenen, die wir im Verlauf dieses Buches untersuchen werden: Pschat, Remes, Drasch und Sod. PaRDeS. Was haben diese Ebenen zu bedeuten? Natürlich werde ich sie euch beschreiben, bevor wir mit dem Hauptteil beginnen. Allerdings muss ich zuvor noch etwas anderes erklären. Pardes ist das hebräische Wort für «Obstgarten». Ein Obstgarten kann mit den feinsten Düften und dem köstlichsten Geschmack erfüllt sein, aber man muss durch den Pardes spazieren und von den Früchten kosten, um ihren Geschmack wahrzunehmen. Wir 14

haben oben den Vers Hohelied 4, 13 zitiert, welcher das Wort Pardes enthält; im vorangehenden Vers 12 wird der Garten so beschrieben: Ein verschlossener Garten ist meine Schwester, meine Braut, ein verschlossener Born, eine versiegelte Quelle.7 Interessanterweise wird hier im Vers 12 von einem Gan gesprochen, welches das hebräische Wort für «Garten» ist. Es ist kein Pardes, kein Obstgarten. Rein von außen betrachtet, wenn man noch nicht eingetreten ist, ist es einfach ein Gan na‘ul – ein verschlossener Garten. Es ist noch kein Obstgarten, denn es ist nicht zu erkennen, welche Früchte im Innern des Gartens wachsen. Man kann zwar auch von außen hineinspähen und versuchen zu unterscheiden, welche Bäume dort wachsen. Doch erst wenn man hineinkommt und durch den Garten geht, sieht und schmeckt man die Früchte. Und so wird aus dem Garten ein Obstgarten, ein Pardes. Was dir entsprosst, ist ein Obstgarten (Pardes) von Granatapfelbäumen samt köstlichen Früchten, Hennasträuchern samt Narden Nun will ich versuchen, Ihnen hier, in dieser kurzen Einführung, die wunderschönen Früchte des Pardes zu beschreiben; aber erst, wenn wir in den Obstgarten eintreten, können Sie sie wirklich kosten und genießen – nur noch etwas Geduld, liebe Leserin, 7

Hohelied 4, 12 (Revidierte Elberfelder Bibel) 15


lieber Leser, schon bald werden Sie die Früchte selbst kosten. In der jüdischen Exegese beschreibt die Pardes-Methode vier verschiedene Stufen der Auslegung biblischer Texte. Der Ausdruck PaRDeS wird dabei als Akronym verwendet, er besteht aus den Anfangsbuchstaben der vier Ebenen: • Pschat (‫« – )טָׁשְּפ‬einfach» und «gerade» oder die direkte, wörtliche Bedeutung einer Schriftstelle • Rémes (‫« – )זֶמֶר‬Hinweis» oder die tiefere, symbolische Bedeutung über den wörtlichen Sinn hinaus • Drasch (‫ – )ׁשַרְּד‬von «nachforschen» und «suchen», die vergleichende Bedeutung: eine tiefere Bedeutung, welche sich aus dem Vergleich des Wortlauts und Inhalts mit anderen, ähnlichen Stellen ergibt • Sod (‫« – )דֹוס‬Verborgenes», «Geheimnis», oder die Bedeutung einer Schriftstelle, welche durch Inspiration oder Offenbarung enthüllt wird Kurz: Pschat steht für die wörtliche Auslegung. Remes meint die allegorische Deutung. Drasch ist die Bedeutung aus dem Schriftvergleich, während Sod für die verborgene, geheime Bedeutung des Textes steht. König Salomo lehrt uns im Buch der Sprüche über die Tora: Sie ist ein Baum des Lebens denen, die sie ergreifen.8 Ich hoffe und bete, wenn wir gemeinsam durch diesen prachtvollen Garten gehen, diesen Pardes, dass Sie mit den wunderbaren Früchten dieses Leben spendenden Baumes reich gesegnet werden.

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Und nun, bevor wir mit dem eigentlichen Buch beginnen, noch einige letzte Anmerkungen. Erstens. Der Titel, der mir für mein letztes Buch gegeben wurde, lautet: Der mich sieht, lebt.9 Das Buch hat übrigens nichts mit Ismael und Hagar zu tun. Es hat einige Zeit gedauert, bis mir klar wurde, dass sein Titel aus ebender Geschichte stammt, von der nun dieses neue Buch handelt. Das zu erkennen war ein spezieller Moment für mich, wie eine bedeutsame Offenbarung. Ich begriff, dass Gott, der das Ende von Beginn an kennt, dieses Buch schon lange gesehen hatte, und so gehörte es tatsächlich zu seinem Plan. Zweitens bin ich mir sehr wohl der Behauptung bewusst, dass die heutigen Araber weder Nachkommen Ismaels noch Abrahams sind und dass es wissenschaftliche Forschungen gibt, die diese Aussage stützen. Aber hier unterscheidet sich ein gläubiger Schriftsteller von einem weltlichen Wissenschaftler: Ein Glaubender spricht nicht in Worten, die von menschlicher Weisheit gelehrt sind, sondern in solchen, die vom Heiligen Geist gelehrt sind, indem wir Geistliches geistlich erklären.10 Tatsache ist, dass wir heute zwei verschiedene Völker haben – Araber und Juden. Wir finden Beweise ihrer Nähe und Ähnlichkeit in allem, von der Sprache bis zur DNA. Und leider gibt es auch endlose Spannungen und Konflikte zwischen ihnen. Wir als Glaubende wissen, wie man für diese Tatsache einen biblischen Hintergrund und eine geistliche Erklärung finden kann. Deshalb, ungeachtet der Aussagen einiger (nicht aller!) Wissenschaftler, glaube ich, dass es jenseits unserer komplizierten sichtbaren Realität eine biblische Geschichte und eine geistliche Wirklichkeit gibt, und um die geht es in diesem Buch. Dieses Buch ist zurzeit nicht auf Deutsch übersetzt, aber auf Englisch erhältlich unter dem Titel: The One Who Sees Me Lives 10 1. Korinther 2, 13 9

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Sprüche 3, 18

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Drittens muss ich, bevor wir zum ersten Teil, Pschat, übergehen, Folgendes klarstellen: Obwohl ich die vier Pardes-Ebenen anwende, halte ich mich an keine Überlieferungen, weder an jüdische, noch christliche, noch islamische. Da der Herr dieses Geheimnis gemäß den vier Stufen des Pardes entfalten will, ist es meine Absicht, einfach jede dieser Stufen nachzuvollziehen – ohne all die zusätzlichen Werte und Überzeugungen, also ohne die verschiedenen Religionen und Traditionen in den Text hineinzuinterpretieren. Wir wollen bestrebt sein, die Heilige Schrift mit neuen Augen und offenem Herzen zu lesen, so als würden wir diese Kapitel zum ersten Mal lesen. Wir wollen hören, was der Herr durch den Text selbst, ohne zusätzliche Kommentare und Erklärungen, uns sagen will. Ich möchte diese kurze Einführung mit den Worten eines Teams von Frauen abschließen, die eigentlich meine Kolleginnen und Vorgängerinnen sind und die das wundervolle Buch Hagar, Sara und ihre Kinder geschrieben haben: «Als Erben einer derart schwierigen Beziehungsgeschichte zwischen Juden, Christen und Muslimen von den biblischen und koranischen Anfängen bis zu den gegenwärtigen Geschehnissen, was können wir als Frauen und Autorinnen dieses Büchleins schon zu bewirken hoffen?»11 Als Autorin dieses Büchleins, welches Sie zu lesen im Begriff sind, was kann ich zu bewirken hoffen? Ich glaube, dass Gott mich zum Schreiben dieses Buches aufgerufen hat, weil er das Zerbrochene heilen will.12 Er weint über das Zerbrochene. Wir leben in einer zerbrochenen Welt voller zerbrochener Familien und zerbrochener Beziehungen. Hier im Lande Israel ist diese Zerbrochenheit jeden Tag zu spüren, zeitweise jede Stunde.

Vielleicht waren deshalb «heil» und «heilen» die Kernwörter, auf die ich immer wieder stieß, während ich dieses Buch im Gebet bewegte. Gott will, dass das Zerbrochene wieder ganz wird. Er will Zerbrochenes heilen: gebrochene Herzen, zerbrochene Beziehungen, zerbrochene Leben. Er will Tikun Olam – das ist der hebräische Begriff, welcher «die Welt wiederherstellen» meint. Und er will, dass jeder Einzelne von uns teilhat an diesem Tikun Olam. Ich hoffe und bete, dass dieses Buch einen kleinen Schritt auf dieses Tikun Olam zu führt, einen kleinen Schritt in der Richtung der Heilung unserer zerrissenen, gequälten und zerbrochenen Welt. Gewiss habe ich nicht alle Antworten. Gewiss kann ich auch kein Allheilmittel liefern. Aber wenn durch diese Seiten der Herr Ihr Herz an einer Stelle berühren darf, die zu berühren Sie ihm nie zuvor erlaubt haben, werde ich dem Herrn für dieses Vorrecht ewig dankbar sein. Während Sie diese Seiten lesen, ist der Herr Ihnen nahe. Gott will Sie heilen, und deshalb, ganz gleich, ob Sie aus Isaaks oder aus Ismaels Familie oder aus keiner von beiden stammen, bitte lassen Sie ihn Ihnen helfen. Lassen Sie ihn Ihren Verstand wie auch Ihr Herz berühren. Lassen Sie ihn Ihre Wunden heilen. Egal wie tief diese sind, er kann es tun. Meine Gebete sind mit Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, während Sie sich auf die Reise durch dieses Buch begeben.

11 Hagar, Sarah and their children: Jewish, Christian and Muslim Perspectives, Phyllis Trible, Letty M. Russell, Hsg.; Louisville, Westminster John Knox Press, 2006; Phyllis Trible, Introduction (Englisch) 12 Vgl. Jesaja 61, 1

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Prolog Die Nacht ist ruhig. Wunderschön. Gelegentlich durchbricht ein einsames Blöken die Stille, gefolgt von einem lauten, kurzen Bellen. Darauf kehrt wieder Ruhe ein. Eine unfassbare Menge von Sternen füllt den Himmel. Die Dunkelheit der tiefen, kanaanitischen Nacht, unglaublich dunkel und gleichzeitig sternenhell, bedeckt das Lager. Alles ist in Schweigen gehüllt, als ob die ganze Welt schliefe. Schlafen tatsächlich alle? Würden wir uns dem Lager nähern, so wäre hinter einem der Zelte die majestätische Gestalt eines alten Mannes im weißen Gewand zu sehen, dessen Silhouette sich klar vom Sternenhimmel abhebt. Die Szene wird erleuchtet von mächtigen Strahlen himmlischen Lichts – eines Lichts, welches ganz klar nicht von den Sternen allein herrührt. Etwas anderes, oder jemand anderes, ist gegenwärtig. Und dieses oder dieser Andere strahlt dieses Licht aus. Abraham sieht genauso aus wie auf Gemälden. Sein bärtiges Gesicht ist dem Himmel zugewandt, die Augen nach oben gerichtet und seine Hände zum Himmel erhoben – das erkennen wir schon von Weitem. Wie wir näher kommen, können wir sehen, dass seine Lippen sich lautlos bewegen und dass seine Augen … nass sind? Weint er? Ist das möglich? Ist dies der mächtige Abraham, der sein Haus und fast seine ganze Familie in Haran zurückgelassen hat, ohne eine einzige Träne zu vergießen? Ist dies der Mann, der sich von Lot, seinem einzigen Verwandten in Kanaan außer Sara, getrennt hat, ohne Gefühle zu zeigen? Ist dies der Mann, der die Nachricht von Lots Gefangenschaft gehört und sich sofort aufgemacht hat, um zu kämpfen und ihn zurückzuholen, und auch dabei keine Tränen vergossen hat? Ist dies der Mann, der schon 21


so viele bemerkenswerte Dinge getan hat und damit nicht nur seinen Glauben und seinen Gehorsam unter Beweis gestellt hat, sondern auch seinen starken Willen und seine Fähigkeit, sich nicht von Gefühlen überwältigen zu lassen? Weint nun ebendieser Mann? Was für mächtige Erscheinungen, Visionen oder Klänge haben diesen erstaunlichen Mann zu Tränen gerührt? Wären wir nur einige Augenblicke früher eingetroffen, so wären wir Zeugen eines der dramatischsten Gespräche der ganzen Bibel geworden. Der Herr führte Abram aus seinem Zelt, zeigte ihm den Sternenhimmel und sprach zu ihm: Sieh doch zum Himmel und zähle die Sterne, wenn du sie zählen kannst! … So soll dein Same sein!13 Eine eindrückliche Szene, angesichts der prächtigen Nacht mit den funkelnden Sternen, und doch waren es nicht diese Worte, die Abraham zu Tränen rührten. Er hatte bereits früher ein sehr ähnliches Versprechen gehört: Und ich will deinen Samen machen wie den Staub auf der Erde; wenn ein Mensch den Staub auf der Erde zählen kann, so soll man auch deinen Samen zählen können.14 Die funkelnden Sterne waren zwar ein viel malerischeres Bild als der Staub der Erde; aber das Wesentliche dieser Verheißung hatte sich seit damals nicht geändert: Abram wusste, dass er dazu bestimmt war, eine große Nation zu werden. Er wusste, dass er viele Erben haben würde, er wusste das bereits seit langer Zeit. Aber es war eine Frage aufgetaucht, die ihn irgendwann zu quälen begann: Wer würden diese Erben sein, wenn er keine Kinder hatte? Das ganze Gespräch in 1. Mose 15 ist absolut erstaunlich. In dieser Nacht drückt Abraham zum ersten Mal überhaupt seinen Schmerz vor dem Herrn aus. Zum ersten Mal überhaupt beklagt er sich. Wir wissen nicht, ob er sich schon im Voraus bewusst dafür entschied, diese Worte auszusprechen, oder ob er seinen 13 14

1. Mose 15, 5 (dein Same bedeutet: deine Nachkommen) 1. Mose 13, 16

Schmerz und seine Enttäuschung in diesem Moment einfach nicht zurückhalten konnte. Wir wissen nur, als Gott Abram mitteilt: Dein Lohn wird sehr groß sein, hören wir statt einer demütigen, bescheidenen und dankbaren Antwort tatsächlich die vorwurfsvolle Klage: O Herr, HERR, was willst du mir geben, da ich doch kinderlos dahingehe? So lautet die deutsche Übersetzung. Im Hebräischen klingt es aber noch schlimmer: Anohi ole ariri! Das Wort ariri (wenn es mit dem Buchstaben Ajin geschrieben wird) bedeutet «kinderlos, einsam, verlassen». Aber das Wort klingt außerdem ganz ähnlich wie das Wort «verfluchen» (wenn ariri mit dem Buchstaben Alef geschrieben wird), sodass die Bitterkeit dieser Aussage wahrhaftig überwältigend ist: «Ich bin verflucht, da ich kinderlos bin, und du sprichst von einer Belohnung?!» O Herr, HERR, was willst du mir geben, da ich doch kinderlos dahingehe? Und Erbe meines Hauses ist Elieser von Damaskus! 15 Überdies wiederholt Abraham seine Klage zwei Mal, als ob er sicherstellen wollte, dass sein Schmerz und seine Enttäuschung auch wirklich beim Herrn ankommen. So wiederholt der dritte Vers in Kapitel 15 lediglich den zweiten, mit derselben vorwurfsvollen und beinahe zornigen Haltung: Siehe, du hast mir keinen Samen gegeben, und siehe, ein Knecht, der in meinem Haus geboren ist, soll mein Erbe sein! 16 An diesem Punkt wird die Unterredung regelrecht bahnbrechend, weil Abraham zum ersten Mal überhaupt erfährt, dass Gott nicht nur seinen Gehorsam ernst nimmt, sondern ebenso seinen Schmerz. Wir können nicht wahrhaftig mit dem Herrn unterwegs sein ohne gelegentliche Tränen, und es gibt keine echte Beziehung zum Herrn, wenn wir nicht irgendwann einmal erkennen, dass unsere Tränen auch seine Tränen sind. Jemand, der Sie liebt, weint, wenn Sie weinen; so wissen Sie, dass man Sie 15 16

1. Mose 15, 2 1. Mose 15, 3 23


aufrichtig liebt. Es gibt keine größere Offenbarung von Gottes Liebe als zu erkennen, dass, wenn wir weinen, er auch weint. Ich glaube, dass dies für Abraham ein derartiger Moment war, denn auch jetzt noch, nach seiner schmerzhaft bitteren Rede, hört er anstatt der erwarteten Zurechtweisung oder einem Vorwurf diese wundervollen Worte: Dieser soll nicht dein Erbe sein, sondern der aus deinem Leib hervorgehen wird, der soll dein Erbe sein! 17 Ich stelle mir vor, dass dies der Moment ist, an dem Abraham zu schluchzen beginnt. Er wartet bereits so lange. Er ist 85 Jahre alt und noch immer kinderlos. Aber jetzt hört er, dass er schließlich doch ein eigenes Kind haben wird. Nicht bloß eine Menge von Nachkommen in einer nebelhaften Zukunft, sondern ein eigenes Kind von seinem eigenen Körper. Sein eigenes Kind, welches er in seinen eigenen Händen wird halten können. Der schluchzende Mann mit den verweinten Augen, den wir außerhalb seines Zelts zum Himmel blickend gefunden haben, ist überwältigt von dieser neuen Erkenntnis. Das hat der Abram aus Kapitel 13 bisher noch nicht gewusst, auch wenn er sich damals der Verheißung Gottes sicher war, er würde Nachkommen haben so zahlreich wie der Staub der Erde. Das hat Gott ihm im intimen und geheimen Raum seines Zeltes gerade eben mitgeteilt, bevor er ihn hinausgeführt hat, damit er die Sterne betrachtet. Diese Erkenntnis macht Abram unglaublich glücklich und bringt ihn sogar zum Weinen. Und doch gibt es etwas, das dieser Mann, überwältigt von der Gnade Gottes in der stillen Pracht dieser Sternennacht, noch nicht weiß. Er ist ganz begeistert ob der Tatsache, dass er in seinem nicht mehr ganz jungen Alter ein eigenes Kind bekommen soll. Er hat jedoch noch keine Ahnung, dass er zwei Söhne haben 17

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wird und dass sein enormes Verlangen, Vater zu sein, und seine Liebe zu diesen beiden Söhnen sowie die sich daraus unvermeidlich ergebende Familiendynamik den Lauf der Geschichte der Menschheit prägen werden – und dies alles im Rahmen von Gottes Plan. Ich habe bereits ein Buch über einen der Söhne geschrieben und über die Liebe des Vaters zu diesem Sohn. Es verlangte aber nach einer Fortsetzung über die miteinander verflochtenen Wege beider Söhne. Über ihren Platz im Herzen ihres Vaters. Dieses Buch nimmt diese Herausforderung an, und es ist meine Hoffnung und mein Gebet, dass durch diese Seiten die Liebe des Vaters zu seinen Kindern Sie, liebe Leserin, lieber Leser, berührt.

1. Mose 15, 4 25


Teil I – Pschat: Abraham Wir beginnen mit dem ersten Teil, Pschat. Sie werden sich erinnern, dass Pschat die einfache und direkte Bedeutung des Textes meint. Es bezeichnet das Verständnis der Heiligen Schrift in ihrem natürlichen, normalen Sinn und stützt sich dabei auf die übliche Bedeutung der Wörter. Das heißt, dass wir nun einfach dem Text folgen, ohne über die wörtliche Bedeutung hinausgehende theologische Begriffe aufzubauen. Ich bin jedoch fest überzeugt, dass der Herr uns das Geheimnis der beiden Brüder offenbaren will und dass wir deshalb, auch wenn wir den Text der Geschichte bloß geradlinig lesen, auf Überraschungen stoßen werden. Wir fangen diesen Teil mit Abraham18 an. In gewisser Hinsicht ist er hier der Hauptdarsteller. Seine Stärken wie auch seine Schwächen haben nicht nur seine eigene Geschichte geprägt, sondern ebenso die Geschichte unseres Volkes – und in gewisser Weise die Geschichte der gesamten Menschheit. Wir werden versuchen, sowohl seine Stärken als auch seine Schwächen zu verstehen, um diese Geschichte nachzuvollziehen. Das bewegende Geschehen, welches wir im Prolog miterlebt haben, steht in 1. Mose 15. Jedoch wird bereits in Kapitel 12 darüber berichtet, wie Gott zum ersten Mal zu Abraham spricht. Wir wollen uns nun den ersten drei Kapiteln der Geschichte Abrahams zuwenden, 1. Mose 12, 13 und 14. Selbst wenn wir diese Geschichten nur im Pschat-Licht betrachten, enthüllt uns die Erzählung vieles über Abrahams Charakter und wir müssen sie sorgfältig lesen, um zu verstehen, was in den nachfolgenden Kapiteln geschieht. Gott führt seinen Plan immer durch Menschen aus, und immer wieder sehen wir in der Bibel, dass er dazu nicht Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verwenden wir ab hier nur den Namen ­Abraham (außer wenn aus der Bibel vor 1. Mose 17 zitiert wird). 18

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nur die Stärken und den Glauben der Menschen benutzt, sondern ebenso ihre Schwachheiten und Fehler. Dies zeigt sich durchwegs in den biblischen Schriften, besonders in den zahlreichen Erzählungen nach Abraham. Aber bereits in der Geschichte von Abraham erscheinen Belege für Gottes Tikun Olam, seinen wundervollen Heilsplan, der mit dem Sündenfall und dem schrecklichen Bruch seines ursprünglichen Plans in 1. Mose 3 begann. Das gilt es nicht zu vergessen, wenn wir diese Kapitel über Abraham lesen. Wir werden die Schwächen der Menschen sehen. Wir werden ihre Fehler sehen und die Sünden, zu denen diese Schwächen führen. Und unweigerlich tragen die Menschen, die diese Fehler begehen, die Konsequenzen. Dennoch – über allem und durch alles – werden Gottes Wille und Gottes Plan ihr Ziel erreichen. Wenn wir dies bei Abrahams Geschichte vor Augen haben, werden wir es auch klar in den nachfolgenden Geschichten erkennen können.

Gottes Navigator Der HERR aber hatte zu Abram gesprochen: Geh hinaus aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde! Und ich will dich zu einem großen Volk machen und dich segnen und deinen Namen groß machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf der Erde!19 19

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1. Mose 12, 1–3

Haben Sie jemals versucht, einen Zielort auf dem GPS oder einem anderen Navigationsgerät zu lokalisieren? Ein blinkender roter Punkt leuchtet auf dem Bildschirm auf. Meistens interessiert uns die Straßenansicht. Es ist allerdings auch möglich, von der Straßenansicht zur Ansicht der ganzen Stadt, des Landes oder sogar der Welt zu wechseln. Derselbe, blinkende rote Punkt ist immer noch zu sehen, aber jetzt befindet er sich auf der Karte einer Stadt, eines Landes oder der ganzen Welt. Etwas Ähnliches geschieht hier. Wenn wir die ersten drei Verse dieses Kapitels lesen, können wir beobachten, wie Gott vom Haus, in der eine bestimmte Familie lebt, wegzoomt. Während er das tut, sehen wir, wie die Nachkommen dieser einen Familie zu einem großen Volk werden und dann sehen wir die Weltansicht, in der diese Familie alle Geschlechter auf der Erde erreicht hat. Der erste Vers beginnt mit einem Menschen und einer Familie. Es ist, als sähen wir diesen einen Menschen, Abraham, in einer bestimmten Gasse in Haran neben einem bestimmten Haus stehen – dem Haus seines Vaters. Hier hat Abraham viele Jahre gewohnt, doch jetzt erhält er den Befehl, wegzuziehen: Der HERR aber hatte zu Abram gesprochen: Geh hinaus aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde! Vor dem Hintergrund dieses anderen, völlig unbekannten Landes, zoomt der nächste Vers heraus auf die nationale Ebene. Unversehens beobachten wir, wie sich Abrahams Familie in ein «großes Volk» mit einem «großen Namen» verwandelt. Gottes Segen ist diesem Volk verheißen und das Volk selbst trägt die Verheißung, ein Segen zu sein. Dies ist der zweite Schritt in Gottes Heilsplan: Und ich will dich zu einem großen Volk machen und dich segnen und deinen Namen groß machen. Und schließlich wechselt Gottes Zoom zur Weltansicht und wir sehen denselben, roten Punkt auf der Weltkarte aufblinken. 29


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