Werner May
Mit einem Engel im gleichen Boot Die Einmaligkeit des Lebens und die Nähe Gottes
Das Buch zur gleichnamigen HĂśr-CD
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar Umschlagbild: Cornelia Patschorke, www.cornelia-patschorke.de Umschlaggestaltung, Satz und Herstellung: Edition Wortschatz, Schwarzenfeld © 2013 Werner May IGNIS-Edition IGNIS-Akademie für Christliche Psychologie Kanzler-Stürtzel-Str. 2, 97318 Kitzingen ISBN 978-3-..., Bestell-Nummer ... Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages www.ignis.de
Werner May
Mit einem Engel im gleichen Boot Die Einmaligkeit des Lebens und die Nähe Gottes
IGNIS-AKADEMIE (LOGO) FÜR CHRISTLICHE PSYCHOLOGIE
Der Autor
W
erner May, Jahrgang 49, Dipl.Psych., seit 1988 an der IGNISAkademie für Christliche Psychologie in Kitzingen (www. ignis.de). Vorher war er in verschiedenen sozialen Einrichtungen tätig und war über 25 Jahre 1.Vorsitzender von IGNIS e.V., jetzt Leiter des European Movements of Christian Anthropology, Psychology and Psychotherapy (www.emcapp.eu). Sein praktischer Schwerpunkt lag von 1995 bis 2005 in der Beratung von Pflege- und Adoptivfamilien. Jetzt ist er als Dozent für Grundlagen Christlicher Psychologie und Beratung im In- und Ausland unterwegs. Seine Arbeitsschwerpunkte sind zurzeit eine „Psychologie des Neinsagens“, „Berufung und Lebensreifung“.
Er ist Autor mehrerer Bücher (Sachbücher, heiter-ernste Geschichten, Lyrik, www.Das-MannMann-Buch.de) und Herausgeber des e-Journals Christian Psychology Around The World, http://emcapp. ignis.de. Werner May ist über 40 Jahren mit Agnes verheiratet. Sie haben sechs erwachsene Kinder.
Vorbemerkung Lieber Leser, Ich versichere Ihnen, ich habe diesen Engel nur erfunden. Aber Sie werden es mir nicht glauben. Nur die Gedanken dĂźrfen ernsthaft bedacht werden. W. M.
Inhalt Kaum zu glauben.....................................................................................9 Der große Knaller? ............................................................................... 14 Zwischenspiel ........................................................................................ 21 Wie Gott alle Gebete erhört ................................................................28 Mein Schutzengel ................................................................................. 33 Endlich einen Doppelgänger ..............................................................42 Der Verdacht ....................................................................................... 46 Endspurt ............................................................................................... 48 Mir reicht es! ..........................................................................................56 Der Lebensflüsterer ............................................................................. 66 Die Enthüllung ....................................................................................75 Nachtrag: In Moskau ...........................................................................78
Kaum zu glauben
I
ch saß im ICE, Großraumwagen. Alle Sitze waren belegt. Schräg vorne saß eine Gruppe junger Erwachsener, die wohl von einer größeren Reise auf dem Heimweg waren. Aus dem Augenwinkel konnte ich beobachten, wie ein Mädchen sich gerade damit beschäftigte, ein Schild über ihrem Sitz abzumontieren, was ihr aber nicht zu gelingen schien. Meine ganze Aufmerksamkeit erhielt sie, als sie sich (mit Schuhen) auf ihren Sitz stellte, aus ihrem Rucksack ein langes Fahrtenmesser holte und damit ihre Bemühungen fortsetzte. Ich schaute mich um: Keiner schien das zu bemerken, jeder versank hinter seiner Zeitschrift, seinem Laptop, seinem Handy. Das ganze Abteil lag in einem großen Schweigen, außer den Jugendlichen, die ihre Abgeordnete anfeuerten. War ich der einzige, dem das auffiel? Unmöglich! Aber niemand signalisierte irgendwie Aufmerksamkeit. Sollte ich aufstehen, diese Tat von Vandalismus unterbinden? Was würde passieren? Die Gruppe war wohl angetrunken oder high. Würde sie das Messer …? Warum sollte gerade ich aufstehen? Was geht mich das Eigentum der Bundesbahn an? Gerade als ich diese inneren Dialoge durchgekämpft hatte und aufstehen wollte, sah ich, wie sich weiter vorne ein älterer Herr erhob, zu dieser Gruppe ging, irgendetwas sagte und ruhig seine Hand auf die Schulter der Täterin legte. Diese gab sofort auf und setzte sich hin. Nach kurzer Zeit verließ die Gruppe das Abteil. Es war klar, es war das Nichtraucherschild gewesen, das sie gestört hatte. 9
Ich wollte meinem aktiven Zeitgenossen Applaus klatschen, als mir das weiterhin große Schweigen des Abteils auffiel: Niemand zeigte eine Regung, niemand schien diesen Vorfall wahrgenommen zu haben. Das kann doch nicht wahr sein! War ich von einem anderen Stern, dass mich so etwas noch juckte? So stand ich auf, um meinem mutigen Mitfahrer zu danken. Ich ging schweigend den Abteilgang entlang, beugte mich zu ihm hinunter und sagte, dass ich ihm danke, ganz einfach nur danke, für dieses selbstverständliche Eingreifen. Er blickte auf, schaute dabei etwas über seine Brille. Nichts zu danken, erwiderte er kurz und wandte sich wieder seiner Lektüre zu. Es war wohl der Klang seiner Stimme, an dem ich hängen blieb, der in mir nachhallte. Ich kann es nicht anders beschreiben: Ich wusste mit einer hohen Gewissheit, der andere, der ältere Herr, der Held, musste ein Engel sein! Ich wusste es ganz einfach. So wie man weiß, jemand ist die richtige Frau oder der richtige Mann fürs Leben. Engel hatten mich bis zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht interessiert, obwohl sie in der Bibel erwähnt werden. Schließlich kann man sich nicht für alles interessieren, und außerdem gibt es ja wirklich Wichtigeres! Ich glaubte zwar mehr, dass es Engel gibt, als dass es sie nicht gibt. Aber, ich muss gestehen, das tägliche Leben mit Gott und seinen Menschen genügte mir, fordert mich ausreichend heraus. Ohne die übliche Konversation, kam ich gleich zur Sache. Leise, doch überzeugt, sagte ich: „Sie sind ein Engel.“ Er nickte. Damit fing alles an. Zunächst war ich restlos begeistert, einen eigenen Engel zu haben, nur für mich. Bitte nicht verwechseln, wahrscheinlich hat jeder einen unsichtbaren Schutzengel. Den meine ich nicht, nein, einen, mit dem ich reden kann, den ich sehen kann, der nur für mich da ist, ein persönlicher Diener, Assistent oder Butler. Wie gibt es denn so etwas? Wie ich nachher erfahren habe, gilt folgende Regel: Wenn ein Engel bei seinem Dienst hier auf Erden von jemand als Engel erkannt wird – außer er hat sich ihm offenbart –, dann gehört er dieser Person, und diese Person ist sein neuer Chef. Ganz logisch. Warum das so ist, sollte ich erst viel später erfahren. 10
Nun, er gestand mir zwar, dass er nicht Gott sei, ihm also nicht alles möglich sei, aber im Vergleich zu uns Menschen, da seien schon Dinge drin, die wir uns absolut nicht zutrauen. Vor allem wegen seiner zahlreichen Konnektions, fügte er hinzu. Ich begann mir auszumalen, was jetzt vielleicht alles möglich wird: Würden alle Deutschen Christen werden können, oder Deutschland endlich wieder Fußballweltmeister werden? …, als er mir kopfschüttelnd auf die Schultern klopfte. Konnte er Gedanken lesen? Nein, meinte er, aber er kenne die Menschen, und die machten dann gleich utopische Pläne. Er müsse mir noch eine Bedingung mitteilen, nämlich die, sobald ich verraten würde oder jemand anders erraten würde, dass er ein Engel sei, wäre er wieder frei. Das sei kein Problem, meinte ich, das würde nicht so schnell passieren, und begann schon innerlich ihm eine neue Identität aufzubauen. Denn das war mir spontan klar, natürlich würden alle in meinem Umfeld fragen, wer denn diese Person sei, die da so aus heiterem Himmel mit mir zusammenarbeitet. Ich entwickelte die Strategie, ihn als alten Schulkameraden vorzustellen. Aber schon nach den ersten Sätzen unterbrach er mich, ob ich denn vergessen hätte, dass er ein Engel sei. Was er damit meine, fragte ich zurück. Ein Engel lüge nicht! Also, nun hatte ich einen eigenen Engel, aber auf die Schnelle schien es ja gar nicht so einfach zu sein, etwas Sinnvolles mit ihm anzufangen. Ich musste das von einer anderen Seite aufziehen. Ob ich denn sein erster menschlicher Chef sei? Er bejahte. Ob er denn andere Engel kenne, denen es ähnlich ergangen sei? Er bejahte wiederum. Ja und, wie haben denn deren Chefs das Problem gelöst? Er meinte, dass ich mich bisher ganz typisch verhalten habe. Und dann?, fragte ich weiter. Irgendwann hätten sie alle aufgegeben und letztlich den großen Knaller gestartet. Wie er das denn meine? Na, sie hätten mit ihrem Engel eine große Aktion umgesetzt mit dem klaren Risiko, dass das auffliegen würde. Aber lieber eine Sache in der Tasche und dann keinen Engel mehr, als einen, mit dem man nichts anfangen kann. Das würde er mir auch raten. 11
Den großen Knaller? Da musste ich mal drüber schlafen. Leise schlich ich mich mit ihm ins Haus. Meine Frau schien schon zu schlafen. Ich sperrte den Engel in das Gästezimmer, das weit weg von unserem Schlafzimmer lag, damit seine Tritte in der Ruhe der Nacht nicht zu hören sind. Ich vergaß noch zu sagen, dass der Engel, je nachdem wie ich mir das wünschte, unsichtbar oder sichtbar war. Aber trotzdem hatte er Substanz. Man konnte sich also an ihm stoßen, ohne ihn zu sehen, oder ihn hören, wenn er wo dagegen stieß. Ich hatte ihn noch gefragt, ob er denn einen Namen habe. Ich könne ihn Werner nennen, sagte er. Das sei doch kein Problem, fügte er hinzu, – er hatte wohl mein Stirnrunzeln bemerkt – wenn er zu mir Werner sagen würde, dann wäre das doch klar, wer gemeint sei, und umgekehrt, auch wenn ich zu ihm Werner sagen würde. Da gäbe es keine Verwechslungen. Und wenn jemand Drittes Werner rufen würde, dann sei sicher ich gemeint. Also kein Problem. Mein Werner. Ich musste den Kopf schütteln. Obwohl ich müde war, konnte ich nicht einschlafen. Einen eigenen Engel zu haben? So im Eindösen sah ich die Einweisung in die Psychiatrie auf mich zukommen. Ich musste nochmals aufstehen, suchte schnell ein theologisches Wörterbuch heraus und verkrümelte mich damit auf die Toilette – ich wollte durch das Licht meine Frau nicht wecken. Den Engeln war ein ganzes Kapitel gewidmet. Kein Zweifel, laut biblischem Zeugnis gibt es Engel, mit verschiedenen Funktionen, Boten Gottes, Schutzengel und andere, auch solche, die sich als Menschen zeigten. Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen: Okay, erstens, er hatte sich als Engel ausgegeben. Zweitens, ich hatte diesen Gedanken, bevor er davon gesprochen hatte, und drittens, Engel soll es tatsächlich geben. Fazit also: Er könnte wirklich ein Engel sein. Aber am besten, ich werde ihn bald wieder los.
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Dieser Entschluss beruhigte mich, denn jetzt konnte ich sofort einschlafen.
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Der große Knaller?
A
m Morgen nach einer traumreichen Nacht fiel mir immer noch nicht ein, was mein großer Knaller sein könnte. Nachdem ich ihn unauffällig nach dem Frühstück wieder aus dem Haus geschleust hatte, fragte ich meinen Engel noch einmal, ob er mir nicht ein Beispiel nennen könnte, wie andere das gelöst hätten. Er überlegte kurz. Richtig, da sei einer gewesen, so habe man ihm erzählt, der habe eine berühmte Person aufgesucht, sich mit ihr für die Zeitung fotografieren lassen und dann, auf die überraschten Nachfragen zu Hause, habe er, weil er nicht lügen wollte, verraten, dass sein Engel das gemanagt habe, usw. Eine berühmte Person. Sollte ich das auch so machen? Wen hatte er sich denn ausgesucht? Paul McCartney. Der wäre doch auch was für mich, meinte mein Engel in meine Gedanken hinein, oder, wer würde mir denn sonst einfallen? Ich zögerte, mit den Berühmten hätte ich es nicht so, das seien doch auch nur Menschen. Ich überlegte. Eine Alternative, die mir spontan einfiel, war, quasi, das Gegenteil. Ich würde gerne den Unbekanntesten aus meiner Stadt kennen lernen.
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Nein, das sei zu schwer, da gäbe es zu viele, das würde diese recht überfordern und in die Zeitung käme das auch nicht. Ich sollte mich doch nicht so fromm haben. Da gäbe es doch sicher jemanden, der zeitungsrelevant wäre und mich interessieren würde. Wer sei denn für Engel berühmt, wollte ich wissen. Ob ich das wirklich verstehen könnte, dass bei ihnen vor allem die Liebe zählt, da sei er sich nicht so sicher, begann er seine Antwort. Er wolle mich warnen, dass ich nicht zu schnell glauben sollte, das zu verstehen oder schon zu kennen. Natürlich würde ich das auch behaupten, dass es vor allem auf die selbstlose Liebe ankäme, nach dem Motto x + Liebe, d.h. alles sollte mit Liebe getan werden. Aber, wir sollten doch ehrlich sein, uns sei das x, das „alles“, was es auch sei, doch meistens wichtiger als die Liebe. Zu meinem Verständnis würde er gerne die Formel umstellen, nämlich Liebe + x. Es komme zuerst auf die Liebe an, das x sei zweitwichtig. Die Liebe sei eine höhere Dimension des Lebens, und ich sollte lieber denken, dass ich das noch nicht kapiert hätte als umgekehrt, würde er mir empfehlen. Wenn das so sei, übernahm ich das Gespräch, dann, um wieder auf unser Ausgangsproblem zurück zu kommen, dann würde ich gerne den Menschen unserer Stadt treffen, der am meisten liebte. Das ginge nicht, er schüttelte den Kopf. Erstens würde bei der Liebe nicht aufgerechnet. Jede Tat der Liebe sei wie die erste. Da gäbe es keine Toplisten. Zweitens wüssten diese Personen gar nichts davon, denn meistens sei ihnen die Tat der Liebe nicht bewusst. Und drittens – darum ginge es ja, ein Zeitungsartikel würde da auch nicht herausspringen. Aber, da ich ja ein Mensch sei und kein Engel, da müsste es doch attraktive Berühmtheiten für mich geben, fügte er noch hinzu. Hmm, überlegte ich wieder. Nelson Mandela, kam mir in den Kopf. Zu alt, meinte mein Engel.
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Beckenbauer. Wer das denn sei, fragte er zurück. Was, er kenne Beckenbauer nicht, von welchem Stern er denn sei. Ich dürfte nicht vergessen, mein Engel wurde ernst, er sei nur ein Engel, und Engel seien nun mal nicht allwissend. Okay dann Joseph Beuys. Warum denn den? Wegen der Waschschüssel? Wegen was? Wegen der Waschschüssel. In unserem christlichen Kunstmuseum stehe eine Emailwaschschüssel, in die er mit Handschrift Fußwaschung geschrieben habe, mit seinem Namen drunter signiert. Ich würde doch gerne wissen, was er sich dabei gedacht hätte. Beuys ginge auch nicht. Warum nicht, fragte ich zurück. Sei schon tot. Was! Warum ich denn nur an Männer denken würde? Warum keine Frau? Ich schaute ihn wohl zu nachdenklich an, denn er fragte zurück, an welche Frau ich denn dächte? Nein, sagte ich, ich wäre kurz abgelenkt gewesen, bzw. das Thema hätte in mir eine andere Frage aufgeworfen. Welche denn? Ob er eigentlich ein Mann sei?
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Ein Mann? Wahrscheinlich nicht so, wie ich das meine, in hormoneller Hinsicht. Er sei schließlich kein Mensch. Er schaue aus wie ein Mann, das solle mir als Antwort genügen. Und, fügte er hinzu, wenn es nötig sei, könne er auch als Frau erscheinen. Wenn ich das weiterdächte, ich suchte nach Worten, könnte das dann heißen, um es auf den Punkt zu bringen, ob nicht Gott mir z.B. im Traum auch als eine Frau erscheinen könnte? Da müsse er mich enttäuschen, für solche Fragen sei der Heilige Geist zuständig, bzw. die Theologen. Sorry. Sein Gesicht hellte sich auf, als er das Wort „Heiliger Geist“ aussprach. Ganz am Anfang unserer Beziehung hatte er mir schon erklärt, dass er nicht von Gott sprechen könne, ohne dass sein ganzes Wesen von Ehrfurcht und Anbetung erfüllt werde. Ob mir denn keine Frau einfiele, brachte er das Thema wieder zurück. Claudia Schiffer oder … Michelle Obama, ich sei doch ein richtiger Mann. Ich ließ mich nicht provozieren. In einer Umfrage, erklärte ich ihm, hätte ich festgestellt, dass auf die Frage, ob sie denn eine reife Persönlichkeit kennen und welches Geschlecht diese hätte, Frauen ca. 60 % Frauen und 40 % Männer angaben und Männer dagegen 15 % Frauen und 85 % Männer. Also, da sei ich nun mal typisch Mann, mir fiele schwer eine Frau ein. Okay, gab sich mein Engel zufrieden, er würde mir Folgendes vorschlagen. Es ginge ja, das sollte ich nicht vergessen, um den Knaller, nach dem er wieder in die Freiheit ziehen könnte, d.h. es bräuchte ja nur den Zeitungsartikel, und es sei gleichgültig, wie wichtig mir die Person sei. Er würde vorschlagen, ich sollte einfach googeln und eingeben „Berühmteste Frau des Jahres 2008“, und die dann genannte würden wir nehmen.
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Das fand ich auch, war eine gute Lösung. Allerdings nur, bis ich am Bildschirm das Ergebnis sah. Wenig aussagekräftige Websites wurden da angeboten. Erst unter „Most Powerful Women In The World 2008“ kam eine mehr seriöse Liste von Forbes Magazine, und, was musste ich feststellen, außer der Ersten kannte ich gar keine davon, und die Erste war unsere deutsche Bundeskanzlerin. Musste das sein, Angela Merkel treffen? Aber okay, ich hatte mich entschieden. Alles sei klar, meldete er mir am nächsten Tag. Der Termin stehe, Privataudienz unter vier Augen im Kanzleramt, er habe einen Hubschrauber für uns geordert, bar bezahlt und es könne morgen losgehen. Das war nun doch etwas schnell für mich, schließlich musste ich meinen Kollegen erklären, wo ich hinfliegen würde, und ganz zu schweigen davon, auch meiner Frau. Und lügen wollte ich ja auch nicht, auch wenn ich kein Engel bin! Mit den Kollegen war es nicht so schwierig, die waren so beschäftigt, dass sie wahrscheinlich gar nicht richtig hinhörten, als ich zwischen Tür und Angel sagte, dass ich übrigens morgen nach Berlin fliegen würde, zur Kanzlerin. Mein Frau dagegen war schon sehr überrascht, dass sie davon gar nichts mitbekommen hatte, war dann aber schon recht angesprochen, als ich ihr den offiziellen Einladungsbrief zeigte, den mir mein Engel zugeschoben hatte. Nun, ich hatte nicht gelogen, aber auch nicht die ganze Wahrheit gesagt. Ob das nun doch gelogen ist, darüber hatte ich jetzt keine Zeit, nachzusinnen. Durch die erste Sicherheitsschleuse im Kanzleramt kam ich ohne Probleme, bei der zweiten, wurde ich freundlich von einer Frau und einem Mann mit Namen begrüßt. Merkels Bodyguards, bzw. Personenschutz, dachte ich mir und wollte mit ihnen schon weitergehen, als diese sagten, ich sollte mal mit in den Nebenraum kommen, da gäbe es noch einige Fragen. Mir schwante nichts Gutes. Wer ich sei, mit dieser Frage eröffnete der Mann das Gespräch.
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Ich sei Werner May aus Würzburg, antwortete ich ohne zu zögern. Wer ich sei, wolle er wissen, der Werner May hätte so etwas nie erreicht. Er ließ nicht locker. Ob sie mich nicht zu Frau Merkel bringen würden, sie bräuchten sich keine Sorgen zu machen. Nein, aus Sicherheitsgründen müssten sie wissen, was hier gespielt werde. Sie hätten sich ein Profil meiner Persönlichkeit kommen lassen und das passe überhaupt nicht zur Professionalität dieser Aktion. Wer hinter mir stehe, wollten sie hartnäckig wissen. Und dann noch einen Hubschrauber, unvorstellbar. Der BND hätte Vorsicht signalisiert. (Da hätte ich meinem Engel doch nicht freie Hand lassen sollen. Einen Hubschrauber! ICE hätte es doch auch getan. Aber vielleicht befürchtete er eine Retraumatisierung, wenn er sich im Zug an den Augenblick erinnern würde, als ich ihn erkannt hatte? Und, bar bezahlt! Das wollte ich mir für die Zukunft merken. Denn eine Zukunft, die wird es nun doch wahrscheinlich mit ihm geben.) Wir sahen uns in die Augen. Etwas freundlicher erklärte der Mann, ob ich sie nicht verstehen könnte, dass ihnen das suspekt sei. Einfach aus dem Nichts sei ich aufgetaucht und trotzdem hätten sie verspürt, mich empfangen zu sollen, ja, fast zu müssen. Wer stehe also hinter mir? Wer die Geldgeber seien, wer diesen heißen Draht zum Kanzleramt habe, wollte die Frau jetzt eindringlicher wissen. War die Idee mit diesem Besuch wirklich der große Knaller? War sie einen Engel wert? Es war mir klar: da versuche ich doch lieber meinen Engel zu retten. Ich sei nicht bereit, eventuelle Hintergründe zugänglich zu machen, höchstens nach dem Gespräch mit der Kanzlerin. Und ich sei wirklich der Werner May. Dann könnten sie nichts weiter mehr für mich tun. Mit diesen Worten erhoben sie sich, fassten mich am Arm und zeigten in Richtung Ausgang.
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Da sonst nichts gegen mich vorläge, könne ich gehen. Ich solle froh sein, mit einem blauen Auge davon gekommen zu sein. Das waren ihre letzten Worte. Schweigend saßen mein Engel und ich im Taxi auf dem Weg zum Hubschrauber. Jeder hing seinen Gedanken nach. Er dachte wahrscheinlich darüber nach, dass er mich noch nicht losgeworden war, und ich, wie ich diese ganze Reise zu Hause verkaufen und doch meinen Engel behalten konnte. Da wollte ich schon noch einmal schauen, ob mir nicht eine dauerhafte, bessere Idee einfallen würde. Er könne mir helfen, meinte er nach einer Pause, dass da niemand zu Hause mehr nachfragen würde. Wie er das denn anstellen wolle, fragte ich zurück. Das sei kein Problem für ihn, er müsse nur einiges löschen. Und wirklich, am nächsten Tag, niemand erkundigte sich, wie es denn in Berlin gewesen sei, auch meine Frau nicht. Ich war so begeistert darüber, dass ich ganz vergaß, nachzufragen, was er denn mit Löschen gemeint haben könnte. Und warum er mich nicht gewarnt hatte, dass das schief gehen konnte. Aber richtig, Engel waren ja nicht Gott, nicht allwissend.
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Zwischenspiel
I
ch hatte meinen Engel in der Zwischenzeit für nachts in meinem Büro platziert. Das schien mir unproblematischer als zu Hause. Nur wenn jemand zum Saubermachen kam, musste er aufpassen, dass er nicht (unsichtbar) im Weg herumstand. Am Montagmorgen schreckte ich überrascht auf, als ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter verspürte, ohne jemand gehört oder gesehen zu haben. Ob ich ihn denn vergessen hätte, meinte er. Nein, aber ich sei sehr nachdenklich, erwiderte ich. Ich müsse erst für mich einiges klären, bevor ich ihm wieder einen Auftrag erteilen würde. Ich war unsicher geworden. Wollte ich ein Geheimnis haben? Vor allem vor meiner Frau, aber auch vor anderen? Über fünfunddreißig Jahre war ich mit meiner Frau über alles, was mich bewegte, im Gespräch. Und jetzt? Es war mir klar, dass Geheimnisse nicht zu verbergen sind. Man spürt sie, man riecht sie. Und sie trennen, ob man es will oder nicht. Und wie gesagt, auch wenn ich kein Engel bin, lügen will auch ich nicht. Er freue sich über meine Zweifel, kommentierte er meine Überlegungen. Ich solle mir da aber nicht so viel Gedanken machen. Übernatürliches, so wie er es als Engel verkörpere, sei für uns Menschen immer nur als Geheimnis erfassbar. Wenn jeder wisse, dass er ein 21
Engel sei, das gäbe nur Chaos, damit könnten wir Menschen nicht umgehen. Er sah wohl mein Stirnrunzeln, denn er fügte hinzu, Jesus habe das auch so gesehen. Obwohl seine Göttlichkeit für viele durch seine Zeichen und Taten immer wieder offenbar geworden wäre, hätte er doch immer wieder geboten, dass seine Jünger nicht weiter sagen sollten, dass er der Messias sei. Dieses Messiasgeheimnis trug er seinen Jüngern immer wieder auf. Er erstrahlte über sein ganzes Gesicht, als er mir dies erklärte. Da fragte ich ihn, – was mich als Zweites beschäftigt hatte –, dass ich zum ersten Mal gezweifelt hätte, ob es für ihn, den Engel, wirklich gut sei, mir dienen zu müssen, oder ob es für ihn nicht besser wäre, wieder frei zu sein. Ja-in, war seine Antwort, nun, er sei zum Dienen da, und diese Regel, die ihn zu mir gebracht hat, sei ja erlassen, weil sie wahrscheinlich einen Sinn hatte. Aber etwas langweilig sei ihm das Ganze bisher schon, deswegen mehr Nein. Rein verstandesmäßig sei dieser Zustand für ihn okay, akzeptabel, aber wenn er auf seinen Bauch höre, so pflegen wir Menschen doch zu sagen, dann könnte er sich was Besseres vorstellen. Engel würden übrigens auf beides hören. Langweilig fühlte er sich? Hmm, als Engel weiß er eigentlich über alles Bescheid, da könnte ich doch bestimmt einige meiner Fragen loswerden. Ich hätte mal eine Frage, fing ich an. Er unterbrach mich, dass er mir vergessen habe zu sagen, dass ich natürlich alles fragen könne, was ich wolle, aber dabei nicht vergessen dürfe, dass er nur ein Engel sei, der zwar nicht lüge, aber dessen Einsicht auch begrenzt sei. Für die Wahrheit letztlich und in diese zu führen, dafür sei der Heilige Geist zuständig. Er verbeugte sich. Aber, was sei nun meine Frage? Ich fing an, dass ich gestern im Gottesdienst Folgendes erlebt hätte. Vor mir, alleine, in der ersten Reihe, sei eine behinderte Frau geses22
sen, sie sitze immer dort. Und im Prinzip freue es mich, dass sie in der Gemeinde ihren Platz habe. Als das Opferkörbchen herumgegeben wurde, hätte ich nun bemerkt, dass man es gleich in der zweiten Reihe in Umlauf gesetzt, sie also umgangen habe. Spontan hätte ich das als eine Art Diskriminierung oder Entwürdigung der Frau erlebt und wollte ihr das Körbchen reichen. Doch wahrscheinlich würde sie nichts hineinlegen und meine Aktion könnte ihr dann peinlich sein. Die Gemeinde würde das sicher mitbekommen. Andererseits wollte ich sie wertschätzen und ihr sagen und vielleicht etwas herausfordern, dass sie es auch wert sei, zu geben. Schließlich hätte ich es dann bleiben lassen, auch ein bisschen, weil es der einfachere Weg für mich gewesen sei. Und meine Frage sei nun, was ich hätte tun sollen, was richtig gewesen wäre. Ohne zu zögern antwortete er, beides. Beides? Ja, beides. Und dann passierte etwas, im Prinzip ein Beweis für seine letzte Erklärung, etwas was ich nicht vergessen werde. Ich hörte ganz leise die Stimme des Heiligen Geistes in mir, die mir sagte, beides ja, aber es käme vor allem auf die Liebe an. Wo ich lieben würde, das sollte ich tun. Und mir zusätzlich überlegen, ob ich denn nicht noch besser erst einmal eine Beziehung zu der behinderten Frau aufbauen sollte. Diese himmlische Arbeitsteilung wollte ich nicht vergessen, nicht nur wegen des Vorfalls, sondern um meinen Engel besser einordnen zu können. Er ist kein himmlisches Auskunftsbüro, seine Einsicht ist begrenzt, auch wenn sie aus dem Übernatürlichen kommt. Was er denn die ganze Zeit gemacht habe, nahm ich das Gespräch wieder auf. Natürlich gewartet, dass ich was sage. Sonst nichts?
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