IGNIS
Edition Werner May
Grenzen setzen ist gut
Kindern dialogisch Grenzen setzen Ein Leitfaden für Eltern und Erzieher
Schritte des DialogischGrenzenSetzens Warum mir Grenzen setzen schwer fällt Die lebendige Grenze Praktische Anleitungen
Nachwort: Dr. Roland Mahler
IGNIS-AKADEMIE
FÜR CHRISTLICHE PSYCHOLOGIE
IGNIS-Edition Dialogisch-Grenzen-Setzen
Zu diesem Buch „Ich habe als Leiterin einer Grundschule mit 420 Kindern täglich Gelegenheit, die Erkenntnis, die mir das Buch vermittelt, umzusetzen, sowohl im Umgang mit Kindern als auch mit Eltern. Besonders wertvoll finde ich die Äußerung des Autors, dass das Geheimnis des Kindes nicht durch Ursache-Wirkungs-Gesetzmäßigkeiten zu erklären und damit technisch zu ergründen ist. Das nötige Wissen über das Kind bezeichnet er als „Findewissen”. Das heißt, die Schritte des Dialogisch-Grenzen-Setzens sind keine Schraubschlüssel, sondern Lichtspuren am Weg, den wir mit jedem einzelnen Kind persönlich mit Gottes Hilfe finden müssen.” Sabine Schneider, christliche Schule Lemgo
„Ich war positiv überrascht, als ich mich eingelesen habe und fühlte mich gleich eingebunden. Ich habe schon einige Bücher zu diesem Thema gelesen und fand die umfassende Darstellung beeindruckend und praktisch. Ein Buch mit Anspruch, weil es manchmal recht detailliert ist und auch auf Grundfragen eingeht, aber doch sehr hilfreich.“ Tanja Buck, Erzieherin und Mutter von zwei Kindern.
„Dialogisch-Grenzen-Setzen - was ist damit gemeint? Selbstwahrnehmung, Verfügbarkeit und Feinfühligkeit, keine Techniken - dafür jedoch Findewissen, lebendige statt starre Grenzen … Machen Sie diese zum Teil fremdartig anmutenden Begriffe nicht neugierig? ’ Die Beziehung ist wichtiger als die Grenze …Dialogisch-Grenzen-Setzen ist zuallererst eine Herzensangelegenheit… Ich habe einen neuen Zugang zu Grenzen gefunden …’ meint Werner May in seinem Leitfaden. Das habe ich auch! Zu dieser Einsicht kommt manch einer, der stets ein wacher Beobachter und Lernender bleibt und vor allem den Umgang mit Kindern mit zu dem Wertvollsten überhaupt zählt.” Eberhard Mühlan, Autor und Familienpädagoge
Werner May
Kindern dialogisch Grenzen setzen Ein Leitfaden fĂźr Eltern und Erzieher
Impressum 3. Auflage Oktober 2008 IGNIS-Edition IGNIS-Akademie für Christliche Psychologie Kanzler-Stürtzel-Str. 2, D-97318 Kitzingen, 2002 Satz und Layout: Bruno Franken, D-97837 Erlenbach Druck: Schönbach-Druck-GmbH, D-64390 Erzhausen ISBN: 3-933685-05-2
Inhaltsverzeichnis Vorwort des Autors
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Vorbemerkung
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1. 1.1. 1.2. 1.3. 1.4.
Einleitung Unsere persönliche Geschichte mit dem Grenzen-Setzen Das Doppelgesicht der Grenze Ziele des Dialogisch-Grenzen-Setzens Es braucht in gewissem Sinn Bekehrungen
2. 2.1. 2.2. 2.3. 2.4. 2.5.
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Die Schritte des Dialogisch-Grenzen-Setzens (D-G-S) „Was geht in mir vor?“ Das Verhalten des Kindes verstehen. Das Kind annehmen. Grenzen klar setzen und richtiges Verhalten zeigen Eventuell Alternativen aufzeigen Die Schwierigkeiten des Kindes, diese Grenzsetzung zu verarbeiten, wahrnehmen und Raum dafür geben 2.6. Dem Kind beistehen / es trösten
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3.
Was ist das „Dialogische“ am Grenzen-Setzen?
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4.
Die lebendige Grenze
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5.
Warum mir Grenzensetzen so schwer fällt
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6.
Anleitungsblatt zur Umsetzung der fünf Schritte des Dialogisch-Grenzen-Setzens
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Hinführung zu den Ergänzungstexten und Schlußgedanke
93
7.
27 31 34 43 49
8. Ergänzungstexte: 8.1. Alle eure Sorgen werft auf ihn. Schritte zu einem Lebensstil der Gelassenheit 8.2. Die Auszeit 8.3. Trösten ist unverzichtbar 8.4. Liebe schafft Wert: Impulse zur Selbstwerterziehung
95 106 114 121
Nachwort von Dr. Roland Mahler: Die Grenzen der Liebe
132
Literatur
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Vorwort des Autors Als ich Mitte der neunziger Jahre begann, mich mit dem Thema „Grenzen Setzen in der Erziehung“ näher zu beschäftigen, gab es meines Wissens nur einen Titel mit diesem Thema auf dem Büchermarkt. Jetzt, fast 6 Jahre später, zeigt eine schnelle Internet-Recherche, dass „Grenzen Setzen“ bereits 13x angeboten wird. Trotzdem glaube ich, dass es gerechtfertigt ist, ein weiteres Buch zu schreiben. In meiner Arbeit mit Pflege- und Adoptiveltern und deren Kindern konnte ich häufig beobachten, dass Grenzsetzungen zu eskalieren drohten, und zwar nach beiden Seiten: beim Kind, das extrem mit Ablehnung reagierte, und bei den Eltern, die in ihrer sozialen Elternschaft in Rollenkonflikte gerieten. So merkte ich, dass Grenzen-Setzen mehr beinhaltet als Verhaltensänderung oder „nur“ eine Form der Erziehung mit Konsequenzen. Doch ich möchte den folgenden Kapiteln nicht vorgreifen. Die Einsicht in die Bedeutung der Grenzerfahrung, für Kinder wie für die Eltern und vor allem für ihre Beziehung, hat mich überzeugt - wenn ich als Vater von sechs jugendlichen bzw. erwachsenen Kindern gefragt werde, was ich in der Erziehung denn aus heutiger Perspektive anders machen würde - zu antworten: Ich würde ihnen mehr und vor allem anders Grenzen setzen, denn das ist etwas Gutes. Ich selbst habe einen neuen Zugang zu Grenzen gefunden. Grenzen scheinen eine Tatsache des Lebens zu sein, mit der jeder Mensch zu kämpfen hat. Grenzsetzung in ihrer existentiellen Bedeutung für das Leben generell, dieses Phänomen gewann immer mehr mein Interesse. Als Christ fand ich dadurch eine ganz neue Einstellung zu den Begrenzungen Gottes, seinen Geboten. Aber die konkrete Herausforderung dieses Buches ist nicht die philosophische oder theologische Fragestellung der Grenze, sondern es soll Eltern und Erziehern Impulse geben, „besser“ Grenzen setzen zu können, Grenzen, die zur Vertiefung der Beziehung zwischen ihnen und ihren Kindern beitragen. Also ein Buch nicht so sehr über Notwendigkeit, Sinn und Ziel des Grenzen-Setzens, sondern mehr über dessen Umsetzung. Dieses klare Ziel fordert heraus, sich zu beschränken, Grundsatzfragen und weiteres pädagogisches Rahmenwissen nur kurz zu streifen, diese in Ergänzungstexte zu „verpacken“ oder gar nicht darauf einzugehen.
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Dieser Leitfaden ist von mir als Christlichem Psychologen mit dem Wunsch geschrieben, dass die lebendige, liebende, helfende und erlösende Beziehung zu Jesus Christus direkt und indirekt als tragend sichtbar wird. Ich hoffe, dass dies so geschehen ist, dass auch Leser, die dem christlichen Glauben distanziert oder fremd gegenüber stehen, reichen Gewinn aus den zahlreichen Gedanken und Erfahrungen ziehen werden. Uns allen wünsche ich, dass wir in und hinter den Grenzsetzungen des Lebens die Liebe und Geborgenheit entdecken und uns für sie entscheiden und dabei merken, dass diese Liebe einen Namen trägt. Danken möchte ich an dieser Stelle den Eltern und ihren Kindern, die sich uns anvertraut haben. Wenn ich ihre Situation vor Augen habe, dann kann dieser Leitfaden nur ein Zwischenbericht sein, wir haben gemeinsam noch viel zu lernen. Meinen studentischen Mitarbeitern an der IGNIS-Akademie, Claudia Brauch, Frank Humml, Ulrike Lang und Marc Peterhans danke ich nicht nur für ihre Geduld, die Grenzsetzungsseminare und -vorträge immer wieder anhören zu „müssen“, sondern viel mehr für ihre konstruktiven Beiträge, auch für ihre Artikel aus unseren Jahrbüchern, die ich in diesen Leitfaden eingearbeitet habe. Wie schon so oft, hat meine Frau Agnes aus meinem Manuskript Lesbares gezaubert, manchen Gedankenknoten aufgelöst und manchen Gedankensprung zu Ende gebracht. Tanja Buck, Matthias Schlagmüller und Annette Soldan haben als Eltern dieses Buch zur Probe gelesen und noch weitere wertvolle Gedanken beigesteuert. Bruno Franken hat den Inhalt als Layouter in die richtige Form gegossen, und meine Schwiegermutter, Martha Witt, hat die Rechtschreibfehler aufgespürt. Ihnen allen vielen Dank.
Würzburg, Dezember 2000
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Vorbemerkung Um einen Leitfaden zu erstellen, der dem Leser einen Überblick vermittelt und konkrete Schritte zur Umsetzung vorstellt, der aber auch nicht durch seinen praktischen Anspruch zu oberflächlich wird, haben wir neben Vertiefungstexten auch Ergänzungstexte eingearbeitet und führen anhand verschiedener Kästen durch das Thema.
Jeder größere Sinnabschnitt wird durch diesen Kasten mit einer kurzen Übersicht eingeleitet.
Vertiefungstexte, die gelesen werden sollten, sind grau unterlegt.
So werden Hinweise auf die umfassenderen Ergänzungstexte im zweiten Teil dieses Buches gegeben, die sie nicht sofort lesen müssen.
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Hier stellen wir Wiederholungs- bzw. Verständnisfragen.
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Und hier finden Sie Impulse zur praktischen Reflexion.
Beispiele sind kursiv abgedruckt. Sie sind an Erfahrungen aus Alltagsbeobachtungen oder aus der Beratung angelehnt. Dabei wurden die Daten so verändert, dass ein Rückschluss auf die tatsächlichen Ereignisse nicht mehr möglich ist.
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1. Einleitung Kinder, aber auch Erwachsene, brauchen Grenzen nicht nur > zur Orientierung im Leben oder > zum Schutz für andere oder für sich selbst, > sondern Grenzerfahrungen können auch stärkend und heilsam sein. Aber Grenzen setzen fällt nicht leicht. 1.1. Unsere persönliche Geschichte mit dem Grenzen-Setzen 1.2. Das Doppelgesicht der Grenze 1.3. Ziele des Dialogisch-Grenzen-Setzens 1.4. Es braucht in gewissem Sinn „Bekehrungen“
Die grenzenlose Erziehung ist out! Welche Gefühle verbinden wir mit diesem Satz? • Die Älteren unter uns werden sich noch an die Ära der antiautoritären Erziehung erinnern, mit dem Traum, der Hoffnung, dass Kinder, die ohne Grenzen, v.a. ohne die von Erwachsenen gesetzten, aufwachsen, freie(re) Menschen werden würden. • Manche Eltern verzweifeln beinahe an dieser Aufgabe, ihren Kindern Grenzen-Setzen zu müssen, zu wollen, zu dürfen, zu können, zu … • Und die Jüngeren, sehnen sie sich nicht manchmal nach Menschen, die klar Nein sagen und auch Nein meinen, auf deren Ja man sich aber genauso verlassen kann? • Und wir alle, sind unsere Gefühle bei dem Wort Grenzen nicht mehr negative, haben wir nicht Sorge, dass Grenzen-Setzen Gewalt, Missbrauch, Willkür und Entwürdigung bedeuten könnte? Kinder brauchen Grenzen, darüber sind sich alle Fachleute einig, Grenzen allerdings, die in Liebe und zuverlässig gesetzt werden. Kinder, die ohne Grenzsetzungserfahrungen aufwachsen, können innerlich ohne Halt, nach außen hin orientierungslos werden. Wir brauchen Grenzen, um uns im Leben zurecht finden zu können. Grenzen zeigen den Weg an, wie die Leitplanken einer Autobahn. Um in diesem Bild zu bleiben, diese Leitplanken schützen auch gleichzeitig die Autos voreinander, so wie es Grenzen im Leben tun.
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Aus einem Lehrbuch für Entwicklungspsychopathologie: „Wohlwollende und liebevolle erziehliche Grenzsetzung ist für die Strukturentwicklung des Kindes unbedingt notwendig! Fehlt eine solche Grenzsetzung, entstehen beim Kind unrealistische Erwartungen von Erfüllbarkeit, werden Größenphantasien genährt, und das Kind ohne Hilfe und Anleitung bis zum persönlichen Mißerfolg geführt, der unberechenbar bleibt, so daß letztlich für das Kind die Möglichkeit zur Kontrolle über die Situation eingeschränkt wird. Mangelnde Frustrationstoleranz und mangelnde soziale Kompetenz können die Folge sein.“ (Resch S.72f) Ein besonderes Anliegen dieses Leitfadens, ja geradezu sein Schwerpunkt ist es zu erklären, dass Grenzerfahrungen auch stärkend und heilsam für unsere Kinder sein können. Es ist also zunächst im Sinne des Kindes dringend notwendig, dass Eltern zu einem verantwortungsvollen, in Liebe erfolgten Grenzen-Setzen angeleitet werden. Aber nicht nur für Kinder, sondern auch für Eltern! Denn sehr oft und sehr leicht erleben diese sich als überfordert und hilflos, mit ihren Kindern, die Grenzen überschreiten oder (noch) keine kennen, zurechtzukommen. In vielen Begegnungen zeigt sich, dass Grenzen-Setzen den meisten schwer fällt. Wir wären froh, wenn wir immer nur Ja zu sagen bräuchten, auch zu unseren Kindern. Dem Widerstand oder den Schwierigkeiten dieses Neins der Grenze würden wir gerne ausweichen. Wir alle haben unsere Erfahrungen mit dem Grenzen-Setzen, als solche, die Grenzen setzten, und als solche, die Grenzen gesetzt bekamen!
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Überlegen Sie einmal: Wann haben Sie eine positive Erfahrung für sich gemacht, als Ihnen jemand eine Grenze gesetzt hat, bzw. klar an seinem Nein zu etwas, was Sie gerne wollten, festgehalten hat? Was meinen Sie: Warum wurde das zu einer positiven Erfahrung?
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1.1. Unsere persönliche Geschichte mit dem GrenzenSetzen Wir alle haben unsere eigene Geschichte mit dem Grenzen-Setzen, ebenso unsere Gesellschaft und unsere Zeit. Grenzen wurden schon immer gesetzt, wenn auch manchmal willkürlich, heimlich, nachgiebig, reaktiv, aggressiv und/oder mit körperlicher Gewalt. Ich erinnere mich an manche Autofahrt mit den Kindern am Rücksitz. Meistens auf der Heimfahrt, wenn es ihnen zu langweilig wurde, fingen sie miteinander zu streiten an und lauter zu werden. Dies wiederum regte mich als Fahrer auf, auch weil es mich ablenkte. Wenn sie dann meinen mehr oder weniger ärgerlichen Anweisungen, Ruhe zu geben, nicht nachfolgten, habe ich, der möglichst auf Gewalt in der Erziehung verzichten wollte, mal so heimlich, im Dunklen des Autos, nach hinten gegriffen, und mal so zugezwickt in das, was mir da an Kinderbeinen oder -händen in die Finger kam. Verwirrend viele Gefühle und Gedanken können für Eltern mit dem Grenzen-Setzen verbunden sein: • Verunsicherung, welche Grenze wann wie dran ist • Ängste, die Selbstbeherrschung zu verlieren • wegen Überforderung zornig zu werden, was man auf jeden Fall vermeiden möchte • Hilflosigkeit, weil man sich letztlich doch nicht durchsetzen kann Bei der Darstellung der einzelnen Schritte des Dialogisch-Grenzen-Setzens in Kapitel 2 werden Sie lesen können, dass die Aufgabe der Selbstwahrnehmung „Was geht in mir vor?“ sich ständig stellt. Dort lesen wir: „Wir müssen uns auf einen eigenen Heilungsprozess einlassen, damit wir beim Grenzen-Setzen nicht aus der dialogischen Beziehung aussteigen, weil wir mit den eigenen Gefühlen nicht zurechtkommen. Im Kapitel 5 „Warum Grenzen-Setzen mir so schwer fällt“ bekommen Sie eine Anleitung (durch die sogenannte Situationsanalyse), sich selbst besser verstehen zu können. Im Kapitel 3 lesen Sie einiges zum Dialogischen beim Grenzen-Setzen. Auch dort können Sie Wichtiges lernen, um sich persönlich zu verändern.
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Wir meinen, dass es uns um eine neue Art und Weise des GrenzenSetzens gehen muss, die wir die dialogische nennen (in Anlehnung an den jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber, der diesen Begriff bekannt gemacht hat). Dies erfordert eine menschliche Reife und einen eigenen Lernprozess, zu dem wir ermutigen und auch Anregungen geben möchten.
Was sollten wir schon vorläufig unter dialogischer Haltung beim DialogischGrenzen-Setzen (in Zukunft D-G-S abgekürzt) verstehen? (Kapitel3 dann mehr) • Zunächst gilt es im engen inneren Kontakt mit dem Kind zu bleiben, trotz des Widerstandes. D.h., die Beziehung soll nicht abbrechen. Die Grenze darf uns nicht trennen! • Dabei sich selbst ehrlich einzubringen, trotz eigener Anspannung, das muss erst gelernt werden. • Hilfreich wird sein, wenn wir das Kind in seinem störenden Verhalten verstehen lernen. • Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Bereitschaft, gemeinsam die aktuelle Grenze zu „finden“. Wir nennen das die lebendige Grenze. (Siehe 1.4. und Kapitel 4) Die dialogische Haltung gewinnt dadurch zusätzlich an Notwendigkeit, dass Grenzerfahrungen auch stärkend und heilsam für unsere Kinder sein können. Jede Grenze hat nämlich zwei Gesichter, eine schützende und ein bedrohliche. Ohne eine dialogische Haltung kommt es zu keiner schützenden Grenz-Erfahrung beim Kind.
1.2. Das Doppelgesicht der Grenze Die meisten schätzen Ps.139,5 „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir“ als ein Wort der Geborgenheit und des Schutzes. Schauen wir uns diesen Vers nicht in der Übersetzung Martin Luthers, sondern in der von Martin Buber an: „Hinten, vorn engst du mich ein, legst auf mich deine Faust“, dann stellen sich anstelle von Geborgenheit Gefühle der Bedrohung, der Einengung oder der Ausweglosigkeit ein. 12
Beide Übersetzungen sind vom hebräischen Grundtext her legitim. Und beide Gefühlsmomente, Geborgenheit oder Bedrohung, können auch bei jeder Grenzsetzungserfahrung entstehen, wenn auch manchmal nur im Ansatz oder manchmal als innere Entscheidungsmöglichkeit für eines der beiden Grundgefühle. Deshalb sprechen wir von dem Doppelgesicht der Grenze. Als Menschen einer gefallenen Schöpfung wird für uns bei jeder Grenzsetzungserfahrung der Aspekt der Bedrohung und Einengung stärker im Vordergrund stehen. Dialogisch-Grenzen-Setzen möchte die andere Seite der Grenze, ihr anderes Gesicht, nämlich die Gefühle der Geborgenheit und der Sicherung aktivieren, zumindest als Entscheidung ermöglichen. Doch zunächst wird, wie gesagt, jede Grenze, die wir gesetzt bekommen, für uns, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, eine Bedrohung darstellen, die Gefühle der Angst oder der Ablehnung auslösen kann. In welchem Maße dies geschieht, wird durch drei Faktoren bestimmt: • Die aktuelle Bedeutung der Grenze für mich Wenn ein Kind einen bestimmten Film nicht anschauen darf, dann wird diese Grenz-Setzung kaum Ablehnung beim Kind erzeugen, wenn ihm der Film sowieso nicht wichtig ist. • Meine Beziehung zur grenzsetzenden Person (Vertrauen oder Angst o.ä.) Ist die Beziehung zur Person, die den Film verbietet, gestört, kann dieses Verbot viel mehr als im ersten Fall als Ablehnung erlebt werden. • Meine früheren Erfahrungen mit Grenzen und/oder mit der spezifischen Grenze. Wurde dem Kind schon häufig Fernsehverbot erteilt,und hat es dies häufig als ungerecht und willkürlich erlebt, oder haben wir vor uns ein Kind, das grundsätzlich mit Grenzen nicht umgehen kann, dann können wir damit rechnen, dass auch ein „unwichtiger“ Film zu Ablehnungsreaktionen führen wird. Grenzsetzungswiderfahrnisse - und das ist nun ein spezielles Ziel des D-G-S, geben eine Chance, nicht lediglich frühere Ablehnungserfahrungen und die Reaktionen darauf zu wiederholen und zu stabilisieren, sondern vielmehr aufgrund der dialogischen und tröstenden Erfahrung beim Grenzen-gesetzt-Bekommen zu einem vertrauensvollen Einwilligen zu finden. Dabei können sich wesentliche personale Basiskompetenzen wie v.a. das Urvertrauen nachentwickeln. 13
Das Kind bekommt eine Entscheidungsmöglichkeit für einen Vertrauensschritt, weil es im D-G-S für sich eine doppelte Botschaft empfängt: Die gleiche Person, die ihm nach seinem Empfinden übel will, weil sie eine Grenze setzt, steht dennoch zu ihm, bricht die Beziehung nicht ab, lehnt es (das Kind) nicht ab, bleibt bei ihm. Und, wenn das Kind diesen Vertrauensschritt wagt, kann Misstrauen in seinem Herzen besiegt werden.
Stärkung des Urvertrauens: Ein Hauptziel des Dialogisch-Grenzen-Setzens „…an der Mutterbrust hast Du mich Vertrauen gelehrt.“ So wird Psalm 22,10 in der Guten Nachricht übersetzt. In der Übersetzung von Martin Buber heißt es: „Ja, Du bist’s, der … mich sicherte an der Brust meiner Mutter.“ In den ersten beiden Lebensjahren soll das Kind Urvertrauen erwerben. Unser Psalmvers legt nahe, dass unser Urvertrauen auch Gottes Absicht und sein Wirken ist. Was meint Urvertrauen? Egal, wo ich bin - außer in echten Bedrohungssituationen – fühle ich mich sicher und bin ermutigt, meine Umgebung zu erkunden: – Abwesenheit von Angst, bzw. die Fähigkeit, sich von eventuellen Ängsten nicht behindern zu lassen. – Offenheit für die Situation: Ich erkenne, was es zu sehen, was es zu tun, was es zu lernen gibt. Wie würde sich ein Mangel an Urvertrauen ausdrücken? Neue Situationen fordern das Kind heraus, • sich auf irgendeine Weise zu sichern und seine Angst zu bewältigen • oder sich schon im Vorfeld anzuspannen, bis hin zu einem ständigen „Auf-der-Hut-Sein“ • oder solche Situationen von vornherein zu meiden. Folge: Die Aufforderung der Situation wird nicht erkannt und erfüllt, bzw. mit „Ersatzhandlungen“ überspielt.
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Beispiel Eva geht jetzt in die erste Klasse Grundschule. Sie ist ein Pflegekind, das mit 2 1⁄2 Jahren zu seinen Pflegeeltern kam und eine deprivierende, traumatische und beschädigende Zeit hinter sich hatte. Sie und ihre Pflegeeltern sind seit einem Jahr bei uns in Beratung. Vorstellungsgrund: Konflikte mit den Geschwistern (Haare ziehen, Stehlen, Streit u.a., diese sagen: „Wenn die nicht da wäre, wäre alles in Ordnung.“) und Evas störendes Verhalten im Schulbus, der sie in den Förderkindergarten bringt. Aus unserer Zusammenarbeit zeigten sich positive Früchte. Die spannende Frage war aber: Wie wird es sein, wenn sie in die Schule kommen wird? Ich vermutete: Eva wird länger brauchen als andere Kinder, um sich in der Schule sicher zu fühlen und um sich einzuordnen, bzw. soweit einzuordnen, dass sie tragbar ist. Soziale Situationen bringen sie unter starken inneren Druck /Ängste / Spannung, die sie durch ihr störendes Verhalten kompensiert oder die sich entladen. Wird das System Schule sie aushalten? Wie lange? Wird Eva es bis zu den ersten Ferien schaffen, wo sie wieder eine längere Erholungspause haben wird? Eva war von Anfang an, obwohl sie im Leistungsbereich keine größeren Schwierigkeiten hatte, auffällig: Unruhe, Stören anderer Kinder im Unterricht, Clownerien, Streit in der Pause. Es wurde eine tägliche Rückmeldung an die Eltern durch die Lehrerin in einem Heft eingeführt. Belohnungen bzw. Strafen zeigten keine Wirkung. Es kam zur Eskalation in den letzten Schulwochen vor den Ferien. Was könnte helfen? Die Eltern kamen auf eine Idee: Wie sie Eva kannten, war sie schon völlig aufgedreht, bis der Unterricht begann, weil die Fahrt im Schulbus und die Zeit vor dem Unterricht sie sehr anstrengten. Sie beschlossen, sie in die Schule zu bringen und bei ihr zu bleiben, bis die Lehrerin kommt. Eva nahm diese Hilfe gerne an. Von diesem Tag an kam es kaum mehr zu Auffälligkeiten! Massivste Verhaltensstörungen waren verschwunden. Wie können wir das verstehen? Was hat das mit unserem Thema zu tun? 15
Evas mangelnde innere Sicherheit war die tiefer liegende Voraussetzung für ihre Anspannung vor dem und während des Unterrichts und für ihr späteres Fehlverhalten. Dieses mangelhafte Urvertrauen wurde durch die Gegenwart ihrer Eltern ausgeglichen. Und dann? Als die Eltern nach einiger Zeit diese Begleitung aufgeben mussten, zeigten sich wieder die alten Auffälligkeiten. Auch wenn Mangel an Urvertrauen keine alleinige Erklärung für auffälliges Verhalten ist und wachsendes Urvertrauen nicht alle auffälligen Verhaltensweisen beseitigt, erleichtert es deren Veränderung durch weitere pädagogische oder therapeutische Maßnahmen.
Wie erklärt man, wie Urvertrauen im Menschen entsteht? In der Bindungsforschung, meines Erachtens die wissenschaftliche Annäherung an das Urvertrauen, zeigen Untersuchungen, dass eine sichere Bindung, die dem Urvertrauen entspricht, bei Pflegepersonen auftritt, die sich durch zwei Eigenschaften auszeichnen: Verfügbarkeit und Feinfühligkeit Verfügbarkeit darf nicht so missverstanden werden, dass ich immer für mein Kind da sein muss. Im Idealfall meint es, dass das Kind weiß, wo ich bin, wie lange ich vielleicht weg bin und eventuell wie ich im Notfall erreichbar bin. Das Kind wird durch seine Eltern lernen, Reaktionen von Erwachsenen als zuverlässig einzuschätzen und dadurch als vorhersehbar bzw. berechenbar. Feinfühligkeit zeigt sich darin, – Signale des Kindes überhaupt bzw. rechtzeitig wahrzunehmen („Mein Kind gähnt. Es könnte müde sein.“) – Signale richtig zu verstehen (hat es noch Hunger oder nicht?) – bereit zu sein, angemessen darauf zu reagieren – selten Gefühle des Ärgers und Grolls gegenüber dem Kind zu empfinden Diese beiden Erziehereigenschaften finden wir im Dialogisch-GrenzenSetzen wieder. So können wir behaupten, dass das D-G-S das Urvertrauen stärkt: • Dialogisch-Grenzen-Setzen fördert feinfühliges und zuverlässiges Verhalten, wie man im Folgenden sehen wird, auch in Konfliktsituationen. 16
• Diese Grenzsetzungswiderfahrnisse geben eine Chance nicht lediglich frühere Ablehnungserfahrungen und die Reaktionen darauf zu wiederholen. Das Kind bekommt eine Entscheidungsmöglichkeit für einen Vertrauensschritt, weil die grenzsetzende Person im D-G-S in der „feinfühligen“ Beziehung bleibt. • Diese Grenzen geben Orientierung im Leben und schaffen, weil sie zuverlässig, aber nicht starr sind, Halt und Sicherheit. • Wenn das Kind durch das positive Vorbild selber lernt, Grenzen zu setzen, auch gegenüber anderen, von denen es sich bedroht fühlt, kann in ihm Sicherheit und Vertrauen entstehen, sich neuen, fremden Situationen zu stellen.
1.3.
Ziele des Dialogisch-Grenzen-Setzens
Von einem Ziel des D-G-S, der Stärkung des Urvertrauens, haben wir schon gelesen. Weitere Ziele sind: D-G-S trägt zu einer Vertiefung der Beziehung bei, während das Vermeiden von Grenzen oder nachgiebig, willkürlich oder aggressiv gesetzte Grenzen eine Vertiefung der Beziehung verhindern. Natürlich geht es beim D-G-S auch um eine Änderung von störendem Verhalten. Wenn also ein Kind ständig seine Geschwister ärgert, die Mutter nie in Ruhe telephonieren kann, das Schulkind immer auf dem Nachhauseweg trödelt, usw., dann können durch das D-G-S auch diese unerwünschten Verhaltensweisen durch andere, positivere ersetzt werden. Wenn Kinder älter werden, wollen wir auch, dass sie die Grenzen einsehen, nicht nur gehorchen, sondern, weil sie aus einem Vertrauensschritt einwilligen, auch zur Einsicht in die Bedeutung der Grenze kommen, diese also verinnerlichen und ein gesundes Gewissen aufbauen. Durch D-G-S wird eine Gewissensbildung, die nicht straforientiert, sondern vertrauens- und beziehungsorientiert ist, ermöglicht. In einer späteren Konfliktsituation, z.B. in der Gleichaltrigengruppe im Teenageralter, wenn es etwa um gesetzeswidriges Verhalten geht, wird ein nur straforientiertes Gewissen nicht genügen, den Jugendlichen vor einer Straftat zurückzuhalten, vor allem dann, wenn ein Erwischtwerden 17
und eine folgende Strafe unwahrscheinlich sind, oder die mögliche Strafe als nicht bedrohlich erscheint. Wird dagegen in solch einer Situation das Gebot mit einer wichtigen, positiven Person, einer sog. Bindungsperson, in der Erinnerung innerlich aktiviert, kann dies Widerstandskraft freisetzen, nicht mitzumachen, auch um der Bedeutung der Person willen. Kriminelle Jugendliche haben in der Regel kaum positiven Kontakt zu Erwachsenen und verfügen über keine verinnerlichten Bindungserfahrungen. Grenzen selbst setzen können (Ja- und Nein-sagen können) als Ergebnis eines Lernens am erzieherischen Vorbild ist ein weiteres Ziel des D-G-S. Das wird sich vor allem in Versuchungs- und Verführungssituationen wie in Missbrauchssituationen bewähren. Kinder und Jugendliche stehen in vielen Situationen, in denen ihnen die Beziehung zu anderen so wichtig ist, dass sie sich nicht Nein sagen trauen, um diese Beziehung nicht zu verlieren. Haben sie aber im D-G-S gelernt, dass Nein-sagen nicht ein Nein zur Beziehung ist, kann es ihnen leichter fallen, anderen eine Grenze zu setzen. Das geht über in die Fähigkeit, sich selbst Grenzen zu setzen, Nein zu eigenen Wünschen und Triebimpulsen zu sagen, die auch eine erste Voraussetzung der christlichen Tugend des Verzichtens um eines höheren Zieles willen ist. Ein wesentlicher Faktor im Bedingungsgefüge aggressiven Verhaltens ist mangelnde Impulskontrolle. D-G-S-Erfahrungen können auch in diesem Bereich stabilisierend wirken, so dass man nicht sofort jedem Impuls zuzuschlagen (um sich zu schützen oder um seine Interessen durchzusetzen), nachgeben muss, weil man sich selbst ein Nein sagen kann. Die obigen Ziele wurden aus der Perspektive des Kindes formuliert, was D-G-S ihm „bringen” kann. Ziele lassen sich aber auch direkt für den Erzieher formulieren, der durch das D-G-S ein wichtiges Stück Handlungskontrolle zurückgewinnt, sich also nicht mehr länger als reagierender Teil (Schwanz) versteht, oft sogar als hilflos, sondern als agierender (Kopf). Die Erfahrung von Handlungskontrolle ist einer der Faktoren, die stressresistente Personen kennzeichnen, ein wichtiger Schutz also gegen ein Ausbrennen (burn-out).
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Noch einmal alle Ziele des D-G-S für das Kind auf einen Blick: • Stärkung des Urvertrauens • Vertiefung der Beziehung • Änderung des störenden Verhaltens • Einsicht • Gewissensbildung • Grenzen selber setzen lernen • Sich selbst Grenzen setzen lernen
1.4. Es braucht in gewissem Sinn „Bekehrungen” • • • • •
Es geht um lebendige Grenzen und nicht um starre! Grenzen-Setzen schafft Ärger. Grenzen-Setzen erfordert eigene Lernprozesse. Es ist gut, Grenzen zu setzen! Du kannst Grenzen setzen!
Wenn wir hier von Bekehrungen sprechen, dann meinen wir die Notwendigkeit der wirklichen inneren Umkehr, der Abkehr von manchem, was wir geglaubt haben oder vermeiden wollten. D-G-S ist zuallererst eine Herzensangelegenheit! Das nötige Verhalten ergibt sich aus den folgenden Umkehrschritten bzw. wird ohne sie schwer fallen, auch wenn Sie alle Informationen über das Grenzen-Setzen verstehen und die einzelnen Schritte des D-G-S immer wieder versuchen umzusetzen. Mit anderen Worten, wenn das Ergebnis der Lektüre dieses Leitfadens dazu beiträgt, dass sich die folgenden fünf Einstellungen in Ihnen verändern, dann haben Sie das Entscheidende erreicht. Umkehr 1: Es geht um lebendige Grenzen und nicht um starre! Zum D-G-S gehört es, dass Grenzen grundsätzlich mit dem Kind besprochen und je nach Alter des Kindes von ihm auch mit gestaltet werden. Trotz dieses gemeinsamen Prozesses wird es zusätzlich noch nötig sein, in der konkreten Situation die jeweilige Grenze herauszufinden. An diesem Punkt passt das Bild von den starren Leitplanken nicht mehr. Es ist besser, hier an das Ufer am Meeresstrand zu denken. (Dieses Bild verdanke ich Staemmler 1995.) Sand und Wasser bilden immer neu eine 19
Grenze, je nach den Gezeiten: Die Grenze ist in diesem Bild keine feste Linie, sondern ein Grenzbereich. Gerne machen wir in Seminaren folgendes Anspiel: Ich bitte einen Teilnehmer, sich in einer Entfernung von ca. 3 – 5 m mir gegenüber aufzustellen. Er soll dann, wenn ich auf ihn zugehe, Stopp sagen, wenn ich ihm zu nahe komme, also die Grenze des „Zu-Nahe“ erreicht habe. Je nachdem, wer der andere ist, wie er zu mir steht, sagt er in einem Bereich von 2 – 1 m Halt. Dieser Grenzbereich wird individuell unterschiedlich gestaltet. In einem zweiten Schritt renne ich auf den anderen aus etwa 8 – 5 m Entfernung zu. Nun, aufgrund meines Tempos, kommt das Halt viel früher. Komme ich auf ihn mit einer Geste der Umarmung zu, kann das Stopp völlig entfallen. So lässt sich sehr eingängig demonstrieren, dass die jeweilige Grenze von der Situation und den Personen abhängt. Jeweils die Grenze herausfinden, aushandeln, wahrnehmen: Das hört sich anstrengend an und ist es auch. Da wäre es uns schon lieber, wenn es eine klare, feste, über alle Situationen hinweg geltende Grenze gäbe. Natürlich gibt es solche Grenzen, aber im Erziehungsalltag sind sie, vor allem je älter die Kinder werden, immer seltener.
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Welche solcher festen Grenzen kennen Sie für z.B. ein 2-jähriges Kind? Wie schaut es mit dieser Grenzen aus, wenn es acht Jahre alt ist? Wie gilt diese Grenze für Sie selbst?
Starre Grenzen fallen scheinbar leichter, aber sie begrenzen das Leben. Leben jedoch ist lebendig, nicht wie eine Autobahn mit Leitplanken, sondern mehr wie ein Wasserfall, der sich immer wieder neu seinen Weg sucht. Wollen wir die Ziele des D-G-S (siehe 1.3.) erreichen, braucht es lebendige Grenzen. Die Anstrengung lohnt sich nicht nur für unsere Kinder, wir selber wünschen uns doch eigentlich auch, dass andere uns lebendige Grenzen setzen und nicht starre.
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Nehmen Sie sich eine kurze Auszeit vom Lesen. Überlegen Sie, ob Sie wirklich bereit sind, jedes Mal neu die Grenze herauszufinden, auch im Gespräch mit dem Kind, also auf starre Grenzen zu verzichten und sich dieser Anstrengung zu stellen. – Ihr Kind fragt, ob es etwas Süßes bekommen kann. – Die 14-jährige Tochter fragt, ob sie heute länger wegbleiben darf. – Ihr Sohn will den nächsten Fernsehfilm auch noch anschauen. – Peter will lieber draußen spielen, weil die Sonne so schön scheint, statt seine Hausaufgaben zu machen. Bin ich bereit, mir zu überlegen oder zu klären, was in der jeweiligen Situation die richtige Entscheidung ist, anstatt nach einer starren Regel zu verfahren? Welche Gegenargumente stellen sich in Ihnen? „So viel Zeit habe ich doch gar nicht!“ oder „Ich weiß doch besser als das Kind, was richtig ist.“ „Ich musste auch machen, was man mir sagte!“ oder …? Nehmen Sie diese Argumente ernst und überlegen Sie für sich selbst, ob sie angebracht sind oder mehr eine „Ausrede“? Welchen Erfolg für das Kind und für Sie haben starre Grenzen bisher gebracht? Entscheiden Sie sich für die lebendige Grenze! Die Ziele lohnen sich.
Nun mag mancher sagen: „Das ist doch gar nicht das heutige Problem, starre oder lebendige Grenzen! Das Problem ist doch viel mehr, dass gar keine Grenzen gesetzt werden, weil man sich überhaupt nicht um seine Kinder kümmert oder weil man der Anstrengung oder dem Ärger aus dem Weg gehen will!“ Auch hier bedarf es der „Bekehrung“, denn keine Grenzen zu setzen ist keine Lösung und in keiner Weise der einfachere Weg. Der Ärger kommt auf jeden Fall auf uns zurück, vielleicht erst Jahre später, wenn sich die Halt- und die Orientierungslosigkeit unserer eventuell dann schon erwachsenen Kinder in ihren verschiedensten Auswirkungen zeigen wird. Verantwortung zu übernehmen, eine gesunde Autorität wahrzunehmen, scheint auf den ersten Blick schwer zu fallen, wird sich aber langfristig auf jeden Fall lohnen.
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Umkehr 2: Grenzen-Setzen schafft Ärger. Wer sich entscheidet, Grenzen zu setzen und dies konsequent, muss damit rechnen, dass es „Ärger” gibt. Wie wir schon gehört haben, werden Grenzsetzungserfahrungen Misstrauen und Ablehnung mit sich bringen. Und darin liegt eine Chance. Allerdings müssen wir damit rechnen, dass das Kind Misstrauen oder Ablehnungsgefühle so verarbeitet, dass es bei uns als Ärgernis ankommt. Das Kind donnert laut die Tür zu, weil es etwas nicht darf, was es gerne getan hätte, oder wirft sich schreiend auf den Boden, wenn es etwas nicht bekommt, was es sich wünscht. Es scheint leichter zu sein, dann nur Ja zu sagen und zu hoffen, geliebt zu werden und ohne Ärger miteinander auszukommen. Doch der Ärger, dem wir meinen ausweichen zu können, wird sich über kurz oder lang doch einstellen, denn irgendwann werden wir merken, dass unser Ja nur ein halbherziges Nachgeben oder ein nicht tragfähiger Kompromiss war. Sich dann durchzusetzen, schafft einen viel größeren „Ärger“ als den, dem wir anfänglich ausgewichen sind. Rechnen Sie einfach damit, dass es Ärger gibt. Bewerten Sie diesen Ärger nicht als Folge eines Fehlers ihrerseits, sondern als Ausdruck der Unfähigkeit des Kindes mit der Grenze umgehen zu können. (Das soll nicht heißen, dass Sie nicht auch Fehler machen werden, die Sie korrigieren sollten. Eines sollte mit diesem Leitfaden nicht erreicht werden, nämlich so missverstanden zu werden, dass Dialogisch-Grenzen-Setzen autoritäres Verhalten legitimiert. Nicht hinterfragbares Verhalten, das kein Interesse am Gegenüber zeigt, an dessen Empfindungen und Gedanken, ein Verhalten, das das Kind entwertet, willkürlich erfolgt und verletzend ist, das ist hier nicht gemeint.)
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Fragen Sie sich ehrlich, ob Sie Ärger mehr ausweichen wollen, als dass sie diesen akzeptieren können. Glauben Sie, dass es wirklich ein Leben ohne Ärger gibt?
Umkehr 3: Grenzen-Setzen erfordert eigene Lernprozesse. Nach dem bisher Gesagten ist das wohl eine fast logische Folgerung. Aber sind wir so selbstverständlich bereit, dazuzulernen? Egal, welche Grundeinstellung Sie zum lebenslangen Lernen haben, ob mit der Forderung dazuzulernen, sich Überforderungsgefühle und/oder Versagensgefühle bei Ihnen einstellen, glauben Sie uns, Sie können kaum Wichtigeres und Zentraleres in Ihrem Leben noch lernen, als in rechter Weise Grenzen zu setzen, nicht nur Kindern. Sie lernen Leben zu gestalten, sie erhalten tiefere, echtere Beziehungen, nach denen wir uns alle sehnen. Lesen Sie einmal die Evangelien unter der Fragestellung, wie Jesus Grenzen gesetzt hat. Er sagte einmal: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein sei ein Nein.” (Mt 5, 37) Punkt. Mehr nicht. So wollen wir lernen zu leben.
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Sie müssen nicht alles, was Sie in diesem Leitfaden lesen, sofort umsetzen. Ehrlich gesagt rechnen wir nicht damit, dass Sie das jemals alles tun werden. Was wir Ihnen aber wünschen, ist, dass Sie mit dem, was Sie anspricht, in leichter Weise gute Erfahrungen machen. Und, wenn Sie den Leitfaden dann einige Wochen später wieder lesen, werden neue Dinge Sie ansprechen usw. Allerdings hoffen wir schon, dass Sie sich auf die Impulse, auf die Wiederholungs- bzw. Verständnisfragen einlassen. Vor allem hoffen wir, dass Sie den Punkt 6, das Anleitungsblatt, wirklich durchführen!
Umkehr 4: Es ist gut, Grenzen zu setzen. Dafür haben wir schon genügend Argumente geliefert. Aber tief in unserem Herzen können wir merken, dass wir uns doch auch wieder schlecht fühlen, wenn wir Grenzen setzen. Vielleicht haben wir ein falsches Verständnis von Liebe, meinen, Liebe schlägt dem anderen keinen Wunsch aus. Doch bedingungslose Liebe, die uns Jesus aufträgt, heißt nicht grenzenlose Liebe. Im Gegenteil: keine Grenzen zu setzen, kann lieblos sein. Deshalb ist ein Bibelstudium zur Liebe Gottes und Jesu hilfreich, wo wir erkennen können, dass der Gott der Liebe auch Grenzen setzt (so z.B. Jesus gegenüber seinen Jüngern oder den Schriftgelehrten). 23
Vielleicht haben Sie auch Angst, Ihre Kinder durch Grenzen zu verletzen, so dass sie auf Sie dauerhaft wütend werden und die Beziehung gestört wird. Sie haben damit recht, wenn es um lieblos, aggressiv oder willkürlich gesetzte Grenzen geht. Sie werden im Folgenden verstehen, dass genau das Gegenteil angestrebt und erreicht werden kann. Halten Sie der Botschaft, dass Sie sich schlecht fühlen, entgegen, dass es gut ist und ein Ausdruck von Liebe, wenn Sie Grenzen setzen.
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Welche Überlegungen haben Sie sich auf die Impulsfrage auf S.10 hin gemacht?
Umkehr 5: Du kannst Grenzen setzen! Diese Behauptung ist angesichts all der bisher aufgeführten Einschränkungen und Notwendigkeiten provozierend. Mancher der Leser mag vielleicht vom Gegenteil mehr überzeugt sein, und denkt dabei an ein bestimmtes, konkretes Verhalten des Kindes, wo es ihm bisher überhaupt nicht zu gelingen scheint, Grenzen zu setzen, z.B. am Essenstisch oder beim Computerspielen. Aber ich vermute, selbst bei diesen Beispielen wird er zugeben müssen, dass das GrenzenSetzen nicht immer misslingt. Wenn er genau hinschaut, vielleicht meistens oder ab und zu, aber nicht immer!
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Denken Sie an ein Verhalten Ihres Kindes, bei dem Sie behaupten, dass Grenzen-Setzen Ihnen bisher misslingt. Betrachten Sie die zurückliegenden zwei Wochen konkret, Tag für Tag. Stimmt es wirklich, dass es Ihnen nie gelungen ist?
Ich möchte mit diesen Gedanken Ihr Misslingen und dessen Bedeutung für Sie und Ihr Kind nicht herunter spielen, sondern nur zeigen, dass es wohl nicht immer so ist. Noch wichtiger ist es, andere Situationen und Verhaltensweisen in der Beziehung zu Ihrem Kind genauer anzuschauen. Da gibt es sicher viele Situationen, wo Ihnen bisher gar nicht aufgefallen ist, dass Sie ohne 24
Probleme Ihrem Kind in Liebe Grenzen gesetzt haben. Gerade weil es ohne Probleme ging, drängt sich dieses Gelingen nicht auf. Und aus diesen erfolgreichen Grenzsetzungen können Sie eine Menge lernen, vielleicht mehr als aus den nicht so gelungenen.
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Überlegen Sie jetzt in aller Ruhe und ernsthaft, welche Situationen und Verhaltensweisen dies sein könnten?
Was können Sie nun daraus lernen: • Es ist nicht die Wahrheit, dass ich unfähig bin, Grenzen zu setzen, sondern es kommt nur darauf an, wann und wo es ist! • Warum gelingt es mir? Was ist das Besondere und Typische daran? Wie könnten diese Fähigkeiten bei meinen mehr problematischen Grenzsetzungen auch zum Tragen kommen? Ein Beispiel dazu: Sie haben Ihrem Kind „Gute Nacht“ gesagt und sich ins Wohnzimmer zurückgezogen. Plötzlich kommt es und möchte etwas zu trinken. Sie geben ihm etwas, führen es wieder auf sein Zimmer. Als es nach einigen Minuten erneut kommt, bringen Sie es wieder auf sein Zimmer. Dann kommt es nicht wieder. Dann ist Ruhe. Das alles war überhaupt kein Problem für Sie, und es ist Ihnen bisher gar nicht bewusst geworden, dass dies ein Grenzen-Setzen war, weil es so selbstverständlich für Sie ist. Wenn Sie genauer nachdenken, fällt Ihnen ein, dass Sie, als Sie das Kind zum zweiten Mal in sein Zimmer gebracht haben, dabei ganz ruhig waren und klar gesagt haben, dass es jetzt nicht mehr kommen soll. „Es war ein ganz toller Tag zusammen,” sagten Sie. „Mama und Papa brauchen jetzt einfach Zeit für sich. Ich werde in einer halben Stunde nochmals zu dir reinschauen.” Dann sind Sie gegangen und waren sich sicher, dass das Kind jetzt in seinem Bett bleiben würde. Falls es doch noch kommen sollte, haben Sie sich überlegt, welche Konsequenzen ausgemacht waren, wenn es nicht folgt und könnten diese dann einsetzen.
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