John A. Witmer
Immanuel wahrer Mensch und wahrer Gott
Eine umfassende Darstellung der Person Jesu
Bibelzitate – falls nicht anders angegeben – nach der Elberfelder Bibel 2006 © 2006 by SCM R. Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen Witmer, John A. Immanuel – wahrer Mensch und wahrer Gott Eine umfassende Darstellung der Person Jesu Best.-Nr. 271 634 ISBN 978-3-86353-634-3 Titel des amerikanischen Originals: Immanuel Experiencing Jesus as Man and God © 1998 by Word Publishing, a unit of Thomas Nelson, Inc. P.O. Box 141 000, Nashville, Tennessee 37214, USA. All rights reserved. Translated by permission. © 2007 und 2019 der deutschen Ausgabe Christliche Verlagsgesellschaft mbH, Dillenburg www.cv-dillenburg.de Übersetzung: Peter Schäfer von Reetnitz, Hünfeld Satz: Enns Schrift & Bild, Bielefeld Umschlaggestaltung: CV Dillenburg Umschlagmotiv: © Shutterstock.com/Gino Santa Maria, © pixabay.com/TeroVesalainen Druck: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany
INHALT Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
7 9
Teil 1: Das Wort Gottes vor seiner Menschwerdung . . . 1. Das Wort Gottes ist Teil der dreieinen Gottheit . . . . 2. Der Dienst des Wortes Gottes vor seiner Menschwerdung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Das Alte Testament redet von der Menschwerdung des Wortes Gottes . . . . . . .
13 15
Teil 4. 5. 6. 7.
33 47
2: Der menschgewordene Sohn Gottes . . . . . . . . . . 73 Die Namen und Titel des Sohnes Gottes . . . . . . . . . . 75 Die Ankündigung der Geburt des Sohnes Gottes . . . 99 Die Person des menschgewordenen Sohnes Gottes . . 117 Erdenleben und Erdendienst des Sohnes Gottes . . . . 137
Teil 3: Der verherrlichte Christus Gottes . . . . . . . . . . . . 8. Christi Himmelfahrt hin zur Rechten Gottes des Vaters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9. Christi gegenwärtiger Dienst zur Rechten Gottes des Vaters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10. Christus nimmt seine Gemeinde zu sich in den Himmel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
157
Teil 4: Der herrschende König Gottes . . . . . . . . . . . . . . 11. Die Einsetzung der irdischen Herrschaft des Königs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12. Die tausendjährige Herrschaft des Königs auf der Erde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13. Die Vollendung der irdischen Herrschaft des Königs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
205
5
159 171 195
207 219 233
IMMANUEL – WAHRER MENSCH UND WAHRER GOTT
Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Stichwortverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bibelstellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
6
241 249 251 259
1. KAPITEL
DAS WORT GOTTES IST TEIL DER DREIEINEN GOTTHEIT Wenn wir von dem Herrn Jesus Christus vor seiner Menschwerdung sprechen, benutzen wir den Titel das Wort, denn die Bibel verwendet ihn mit diesem Bezug in Johannes 1,1-5. In Vers 14 wird die Identität des Wortes mit Jesus Christus festgestellt: »Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom – Vater, voller Gnade und Wahrheit.« Tatsächlich kann uns Johannes 1,1-5 als Schlüsselstelle dienen – für den ersten Gliederungsblock unserer Betrachtung von Person und Werk Jesu. Die fünf Verse belegen seine ewige Existenz, seine Identität mit und Beziehung zu Gott, seine Teilhabe am Schöpfungswerk der Trinität und seine enge Verbindung mit der Menschheit als Quelle ihres Lebens (»und das Leben war das Licht der Menschen«, Vers 4). Interessanterweise ist der Apostel Johannes der einzige biblische Autor, der den Titel das Wort für Christus verwendet (Joh 1,1.14; 1Jo 1,1; Offb 19,13). Durch die Jahrhunderte hindurch haben sich Bibelgelehrte gefragt, warum Johannes diesen Titel gebraucht – besonders, weil er ihn ohne weitere Erklärung einführt und einfach feststellt: »Im Anfang war das Wort.« Von manches wurde dies damit erklärt, dass die Bedeutung des Titels seinen Lesern wohlbekannt gewesen sei. Sie meinen, Johannes sei Jude und mit dem Alten 15
TEIL 1: DAS WORT GOTTES VOR SEINER MENSCHSCHWERDUNG
Testament vertraut gewesen, und habe so Kenntnis erlangt von der darin allmählich zunehmenden Personifizierung des »Wortes des Herrn« (Ps 33,4.6; siehe Ps 107,20; 119,89.105; 147,15.18) und der Weisheit Gottes (Hi 28,12-28; Spr 1,2-33; 8,1–9,6). Diese biblische Personifizierung der Weisheit Gottes wird durch zwei der apokryphen Bücher des Alten Testamentes fortgeführt und hervorgehoben: Jesus Sirach und Weisheit Salomos. Zahlreiche Gelehrte bringen den Gebrauch dieses Titels das Wort bei Johannes in Verbindung mit Auftreten dieses Begriffs in der religiösen Philosophie der blühenden jüdischen Siedlung in Alexandria, die in den Jahren 40-50 n.Chr. in erster Linie durch Philo repräsentiert wurde. Dieser verband seine jüdischen Überzeugungen mit starken Einflüssen aus der griechischen Philosophie zu einer irreführenden Lehre des logos (dieser griechische Begriff kann als »Wort« übersetzt werden), die Gott und einen Mittler zwischen Gott und Menschheit beinhaltet. Im Wesentlichen personifiziert Philo den göttlichen logos, weist es jedoch zurück, ihn auch als Gott zu verehren, da Gott für die Juden im absoluten Sinn Einer ist. Bromiley schließt seine Ausarbeitung über Philo mit den Worten: »Der Logos scheint ein zweckmäßiges Bindeglied zwischen dem Schöpfergott und der Welt zu sein, die er gemacht hat.«1 Die Lehre über den logos, die Philo übernahm und seinen Zwecken anpasste, geht bis auf Heraklit zurück (ca. 525-475 v.Chr.). Heraklit erachtete das Gesetz des Wandels als das einzige Prinzip, das sich niemals wandelt. Darin sah er das Eine, den logos.2 Dieses kosmische Prinzip des logos wurde von den Stoikern (200-100 v.Chr.), den Angehörigen einer philosophischen Schule, übernommen. Sie identifizierten Zeus als den universellen ›Logos‹ – er ist Vernunft, er ändert niemals seinen Sinn, und er durchdringt alle Dinge mit Funken göttlichen Feuers, die logoi genannt werden und die Entwicklung aller Dinge lenken.3 Aber abgesehen von der Verwendung desselben griechischen Wortes 16
1. DAS WORT GOTTES IST TEIL DER DREIEINEN GOTTHEIT
und einiger oberflächlicher Ähnlichkeiten passt der alexandrinische jüdische Hellenismus, wie er von Philo vertreten wird, nicht zu der Offenbarung, die uns der Apostel Johannes am Beginn seines Evangeliums mitteilt. Die Vorstellung des logos in der griechischen Philosophie hat nichts zu tun mit der Offenbarung Christi als ewiges Wort Gottes und als Inkarnation Gottes, und auch nicht mit seinem Dienst in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Tatsächlich bezeichnet der allgemein übliche griechische Begriff logos sowohl eine Vorstellung, eine Idee oder einen Gedankengang, als auch das gesprochene oder geschriebene Wort, das Ideen, Vorstellungen oder Gedankengängen Ausdruck verleiht und sie anderen mitteilt oder offenbart. Der Gedankengang bleibt unsichtbar und unbekannt, bis er hörbar oder sichtbar durch das Wort (logos) ausgedrückt wird. Das ist die exakte, die wunderbare Beziehung zwischen der ersten und der zweiten Person der Gottheit (Joh 14,8-11; Kol 1,15; Hebr 1,3a). Und das ist ganz ohne Zweifel auch der Grund, der Johannes veranlasste, Christus als das Wort zu bezeichnen. Philipp Schoff schrieb: »Johannes (und nur er allein) nennt Jesus den ›Logos‹ Gottes, das heißt die Verkörperung Gottes und das Werkzeug all seiner Offenbarungen. Wie sich die menschliche Vernunft, wie sich menschliche Gedanken im Wort ausdrücken, und wie das Wort das Werkzeug ist, unsere Gedanken anderen Menschen bekannt zu machen, so stellt sich Gott in und durch Christus als das verkörperte Wort sich selbst und der Welt vor ... ›Logos‹ bezeichnet die metaphysische und intellektuelle Beziehung ... zwischen dem Christus und Gott.«4
17
TEIL 1: DAS WORT GOTTES VOR SEINER MENSCHSCHWERDUNG
DAS WORT GOTTES IN EWIGKEIT BEI GOTT, DEM VATER UND GOTT, DEM HEILIGEN GEIST Die erste Offenbarung die der Apostel Johannes hinsichtlich des Wortes empfing, ist eine Proklamation seiner ewigen Existenz – »Im Anfang war das Wort« (Joh 1,1a). Diese Feststellung wird offenbar in der Absicht getroffen, den Leser oder Hörer an den ersten Satz der Bibel zu erinnern: »Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde« (1Mo 1,1). Zum Teil wegen dieser Ähnlichkeit sprach Lewis Sperry Chafer vom Evangelium des Johannes als dem theologischen Anfang des Neuen Testaments. Johannes wertete das Wort Anfang in den beiden Schriftstellen zweifellos als Hinweis auf denselben Ausgangspunkt. Ob man nun hinsichtlich dieser Gleichstellung des Anfangs mit Johannes übereinstimmt, oder an welchem Punkt man den von ihm genannten Anfang auch ansetzen mag – an diesem Punkt »war das Wort« (Joh 1,1). Das Wort entstand nicht zu dieser Zeit, und der Sohn Gottes entstand nicht vor dieser Zeit – er war einfach bereits, ewig existent als Gott selbst. Mit dem Verstand kann man einen Punkt setzen, der den Anfang der Zeit bestimmt und den Anfang von allem außer Gott. An diesem Punkt war das Wort bereits da. Mit anderen Worten: der Sohn Gottes war schon immer. Johannes gebrauchte die Zeitform der unvollendeten Vergangenheit für das griechische Wort, das hier mit »sein« übersetzt wird. Das signalisiert die zum erwähnten Zeitpunkt vorhandene, in diesem Fall ewige Existenz. Um diese Wahrheit zu unterstreichen, stellt Johannes gleich darauf weiter fest: »Dieses [Wort] war im Anfang bei Gott« (Joh 1,2). Er bestätigt dadurch, dass das Wort genauso ewig ist wie Gott. Obgleich zahlreiche Schriftstellen von der Präexistenz Jesu vor seiner Fleischwerdung sprechen (z.B.: Joh 1,14; 3,13.17; 17,5; Gal 4,4; Kol 1,15-17.19; Hebr 1,6; 10,5; 1Jo 1,2), lehren sie nicht automatisch auch seine ewige Existenz. Die Zeugen Jeho18
1. DAS WORT GOTTES IST TEIL DER DREIEINEN GOTTHEIT
vas und auch einige andere Sektierer lehren, dass Jesus bereits vor seiner Fleischwerdung existierte, aber sie leugnen seine ewige Existenz, indem sie lehren, er sei die erste Schöpfung Gottes gewesen. Nur wenige Schriftstellen außer denen in Johannes 1 lehren das ewige Sein des Wortes Gottes, und die meisten von ihnen folgern es nur. Am eindeutigsten ist Jesu persönliche Aussage: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham war, bin ich« (Joh 8,58). Um bloße Präexistenz für sich in Anspruch zu nehmen, hätte Jesus gesagt: »Ehe Abraham geboren war, war ich.« Stattdessen benutzte er den Bundesnamen Gottes in Israel – »Ich bin« (2Mo 3,14) – und behauptete damit ewige Existenz. Darüber hinaus bestätigen Schriftstellen, die die Göttlichkeit Jesu mit der Göttlichkeit des Vaters gleichsetzen (z.B. Phil 2,6; Kol 1,15.19; 2,9; Hebr 1,3), durch Schlussfolgerung die ewige Existenz Jesu aufgrund des ewigen Seins Gottes. Unser begrenzter Verstand hat vergleichsweise geringe Schwierigkeiten damit, sich eine Ewigkeit vorzustellen, die sich ohne Ende in die Zukunft hinein erstreckt. Menschen, die an den Herrn Jesus Christus gläubig geworden sind, haben ewiges Leben empfangen (Joh 3,16.36). Das bedeutet in erster Linie geistliches Leben, eine Lebensqualität – das Leben Gottes, von ihm gegeben (Joh 17,3). Aber ewiges Leben wird auch für immer andauern; es wird niemals enden (Joh 6,50-51; 10,28; Offb 22,5). Die Heilige Schrift macht auch deutlich, dass alle nicht wiedergeborenen Menschen ebenso für immer existieren werden, aber in ewiger Qual und nicht in ewigem, erfüllendem Leben. Sie werden im Feuersee ewig von Gott getrennt sein (Mt 25,41.46; Offb 20,10-15). Das ist der Schrecken: zu sterben, ohne an den Herrn Jesus Christus geglaubt und das Heil und das ewige Leben empfangen zu haben, die von der Gnade Gottes für jeden bereitgestellt worden sind. Das Wissen um diese ewige Pein, die jeden nicht Wiedergeborenen erwartet, sollte alle Christen zur intensiven persönlichen Evangelisation und zu stärkerer 19
TEIL 1: DAS WORT GOTTES VOR SEINER MENSCHSCHWERDUNG
Unterstützung evangelistischer und missionarischer Dienste anspornen. Es ist allerdings für Menschen ungleich schwieriger, sich den hinter uns liegenden Teil der Ewigkeit vorzustellen – eine Existenz, die sich ohne Anfang aus der Vergangenheit her erstreckt. Aber das trifft auf Gott zu (5Mo 33,27; Ps 41,14; 90,2; Jes 44,6; 48,12; 57,15; Röm 1,20) und nach Johannes ebenso auf das Wort. Es ist diese Tatsache seiner eigenen Existenz, die der Herr Jesus, das fleischgewordene Wort, über sich selbst äußerte, als er den mit ihm diskutierenden Juden sagte: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham war, bin ich« (Joh 8,58). Durch diese Feststellung beanspruchte Jesus für sich selbst genau das, was Gott für sich geltend gemacht hatte, als er zu Mose sagte: »Ich bin, der ich bin. ... So sollst du zu den Söhnen Israel sagen: ›Ich bin‹ hat mich zu euch gesandt« (2Mo 3,14). Die Juden begriffen, was Jesus da beanspruchte, denn »da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen« (Joh 8,59). Sie hielten ihn der Lästerung für schuldig. Logik – manche mögen es vielleicht auch »gesunder Menschenverstand« nennen – setzt voraus, dass ewige Existenz und selbständiges Dasein auf jemanden oder etwas zutreffen. Es ist undenkbar, dass alles, einschließlich Gott, plötzlich einfach so aus dem Nichts ins Dasein gehüpft sein könnte. In der Vergangenheit haben weltliche Wissenschaftler die Materie für ewig gehalten. Durch die Kernspaltung und durch andere Entdeckungen hinsichtlich der Materie sahen sich weltliche Wissenschaftler in jüngerer Zeit veranlasst, auch der Energie ewiges Dasein zuzuschreiben. Allerdings spricht das naturwissenschaftliche Entropiegesetz – das Prinzip, dass die Menge an verfügbarer Energie in einem geschlossenen System wie unserem Universum fortlaufend abnimmt – gegen eine ewige Energie. Über die Jahre haben christliche Wissenschaftler in Opposition zum atheistischen Weltbild für die ewige Existenz Gottes argumentiert. In jüngster Zeit haben sie die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse 20
1. DAS WORT GOTTES IST TEIL DER DREIEINEN GOTTHEIT
herangezogen, um ihrem Beharren darauf Nachdruck zu verleihen, dass Gott der Ewige sein muss. Logik setzt auch voraus, dass das Einfache und weniger Komplexe durch Komplexeres verursacht wird, nicht umgekehrt. Das, was Leben und Persönlichkeit besitzt, ist komplexer als das, was unbelebt und unpersönlich ist. Daher können Leben und Persönlichkeit logischerweise nicht durch Materie oder Energie verursacht worden sein. Der ewige, aus sich selbst existierende Gott der Bibel ist daher die einzig logische Erklärung aller Dinge – er muss der Ewige, der aus sich selbst Existierende sein. Der Apostel Johannes führt aus, dass dieses ewige Dasein und diese Selbstexistenz dem Herrn Jesus Christus, dem Wort, zu eigen sind.
DIE GLEICHHEIT DES WORTES GOTTES IN DER GEMEINSCHAFT MIT GOTT, DEM VATER, UND GOTT, DEM HEILIGEN GEIST Johannes’ zweite Feststellung über das Wort in Johannes 1,1 lautet: »Das Wort war bei Gott.« Die meisten Ausleger stimmen darin überein, dass das Wort in seiner ewigen Existenz in unablässiger Verbindung und Gemeinschaft mit Gott stand. Das Verb »war« wiederholt die Zeitform der unvollendeten Vergangenheit des griechischen Verbs, das bereits im ersten Teilsatz dieses Verses benutzt und mit »sein« übersetzt wurde. Darüber hinaus merkt eine Reihe von Bibellehrern an, dass die mit »bei« übersetzte griechische Präposition die beiden beteiligten Personen in einer engen Gleichheitsbeziehung in Augenhöhe beschreibt. Das trifft immer dann zu, wenn sie wie hier im Griechischen gemeinsam mit der Akkusativform des Bezugswortes erscheint (siehe 1Jo 1,2; 2,1). Marvin Vincent fasst die Bedeutung von Johannes Feststellung folgendermaßen zusammen: »Das göttliche Wort hielt sich nicht nur von aller Ewigkeit her bei dem Vater auf, 21
TEIL 1: DAS WORT GOTTES VOR SEINER MENSCHSCHWERDUNG
sondern stand in einer lebendigen, tätigen Gemeinschaftsbeziehung mit ihm.«5 Die dritte Aussage des Apostels Johannes in Johannes 1,1 hebt darüber hinaus die Gleichheit des Wortes mit Gott, dem Vater, und Gott, dem Heiligen Geist, hervor: »... und das Wort war Gott.« Weil das mit »Gott« übersetzte griechische Wort (theos) im griechischen Text keinen bestimmten Artikel aufweist, übersetzen Zeugen Jehovas diesen Satzteil so: »... und das Wort war ein Gott.« Sie glauben zwar, dass Jesus ein göttliches Wesen ist, nicht aber vollkommen und wahrhaft Gott. Dies ist eine moderne Form der antiken Häresie des Arianismus und eigentlich eine Neuauflage von Philos Irrtum. Sie wird von Gelehrten des Griechischen wie Henry Alford und A. T. Robertson als grammatisch nicht vertretbar verworfen. Diese Sprachkenner lenken die Aufmerksamkeit auf die Parallelkonstruktion in Jesu Bemerkung gegenüber der samaritischen Frau am Brunnen von Sychar: »Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen in Geist und Wahrheit anbeten« (Joh 4,24). Eine weitere Parallelkonstruktion finden wir in Johannes 1,49 wo es heißt: »... du bist der König Israels.« Auch hier steht das mit »König« übersetzte Wort ohne den bestimmten Artikel, wird aber richtig mit »der König« übersetzt. Hinsichtlich dieser Konstruktion stellt E. C. Colwell (in dem, was man »Colwells Regel« nennt) fest: »Bestimmte Prädikatsnomen6, die dem Verb vorausgehen, haben üblicherweise keinen Artikel ... ein Prädikatsnominativ, der dem Verb vorausgeht, kann nicht als unbestimmtes oder ›qualitatives‹ Nomen übersetzt werden, nur weil der Artikel fehlt. Wenn der Kontext nahelegt, dass das Prädikat bestimmt ist, sollte es als bestimmtes Nomen übersetzt werden.«7 Das Wort logos, das bei allen drei Vorkommen in Johannes 1,1 mit dem bestimmten Artikel steht, ist zweifellos das Subjekt der ersten beiden Versteile. Es ist offensichtlich auch als Subjekt des dritten Versteils gedacht, auch wenn es im griechischen Satzbau 22
1. DAS WORT GOTTES IST TEIL DER DREIEINEN GOTTHEIT
dem mit »Gott« übersetzten Wort (theos) folgt. Robertson hat hervorgehoben, dass im Griechischen die erste Position des Satzes oftmals vom Prädikat besetzt wird, »einfach deshalb, weil in der Regel das Prädikat der wichtigste Satzteil ist.«8 In unserem Fall ist die Tatsache, dass das Wort Gott ist, am wichtigsten. Die erste Position im Satz oder Satzglied wird verschiedentlich auch zum Zweck der Betonung besetzt, was in unserem Beispiel möglicherweise auch eine Rolle spielt. Johannes wollte seinen Lesern ganz unzweifelhaft zur Kenntnis bringen, dass das Wort wahrhaftig Gott ist. Hätte sowohl mit theos als auch mit logos der bestimmte Artikel gestanden (»der Gott war das Wort«), dann hätte das bedeutet, dass die Gesamtheit dessen, was Gott ausmacht, in dem Wort Ausdruck gefunden hätte. Damit wäre die Lehre der Trinität, der Dreieinheit Gottes, geleugnet und die antike Häresie des Sabellianismus gestützt worden; eine Form des modalistischen Monarchianismus (siehe Seite 127 f). Damit wäre auch die persönliche Eigenständigkeit des Wortes und die Beziehung zwischen dem logos und Gott, dem Vater, geleugnet worden, die im zweiten Versteil und im Vers 2 festgestellt wurde. Der Versteil sagt so, wie Johannes es geschrieben hat, aus, dass das Wort (logos) den Charakter Gottes (theos) besitzt und dass es in Sein und Wesen Gott ist. Tenney schrieb: »Die drei Aussagen in Vers 1 stellen drei verschiedene Aspekte der Natur des Wortes heraus. Die erste spricht von seiner Präexistenz, die zweite von seiner persönlichen Eigenständigkeit und die dritte von seiner Gottheit.«9 Dann, in Vers 2, wiederholt der Apostel Johannes in seinem charakteristischen Stil zwei Gedanken aus dem ersten Vers, um sie zu betonen – die ewige Existenz des Wortes und seine ewige Beziehung der Gemeinschaft und der Gleichheit auf Augenhöhe mit Gott. Richtig übersetzt und ausgelegt, tragen diese beiden Verse zu der Erkenntnis, der Entwicklung und der Formulierung der biblischen und christlichen Lehre der Trinität bei. Das ist die Lehre, dass der eine 23
TEIL 1: DAS WORT GOTTES VOR SEINER MENSCHSCHWERDUNG
ewige Gott der Bibel eine Trinität von Personen ist – Vater, Sohn (oder Wort) und Heiliger Geist. Die Lehre von der Trinität, der Dreieinheit Gottes, ist biblisch – nicht in dem Sinn, dass sie in irgendeinem Vers der Heiligen Schrift wörtlich Ausdruck fände. Sie ist es vielmehr in dem Sinn, dass die reichhaltigen biblischen Belege wie auch in der vorliegenden Passage geradezu zwingen, sie zu erkennen und zu formulieren. In dieser Hinsicht bietet 1. Johannes 5,7 in der Form, wie es der Textus Receptus wiedergibt (»Denn drei sind, die Zeugnis geben im Himmel: der Vater, das Wort und der Heilige Geist; und diese drei sind Eins«)10 eine ausgezeichnete Darstellung der Lehre von der Trinität. Allerdings wird diese Formulierung von keiner der frühen griechischen Handschriften gestützt und war daher vermutlich in dem von Johannes geschriebenen Originalbrief nicht enthalten, sondern wurde später eingefügt. Einerseits lehrt die Bibel unmissverständlich, dass ein Gott ist (5Mo 6,4; 4,35.39; Röm 3,30; 1Kor 8,4.6; Eph 4,6; 1Tim 2,5). Sie lehrt aber auch ebenso klar, dass drei Personen – Gott, der Vater, Gott, der Sohn, und Gott, der Heilige Geist – die Attribute Gottes besitzen und anwenden, dass sie die Privilegien Gottes wie Sündenvergebung und die Annahme von Anbetung in Anspruch nehmen und dass sie eindeutig als Gott identifiziert sind. So stellt die Bibel Gott, den Vater, Gott, den Sohn, und Gott, den Heiligen Geist, nebeneinander als wesensgleich und jeden von ihnen als ewigen Gott vor, die gemeinsam der eine Gott sind. Und doch ist jeder von ihnen als eigenständige Person mit den anderen in Gemeinschaft tätig. Jesus brachte es in der Säulenhalle Salomos gegenüber den Juden im Tempel folgendermaßen zum Ausdruck: »Ich und der Vater sind eins« (Joh 10,30). Er beanspruchte hier nicht nur einfache Einigkeit hinsichtlich gemeinsamer Ziele oder Absichten, sondern Einheit des Wesens, was die Juden auch klar erkannten (Joh 10,33). Später brachte Jesus eine persönliche Wechselbeziehung mit Gott, dem Vater, zum Aus24
1. DAS WORT GOTTES IST TEIL DER DREIEINEN GOTTHEIT
druck, wie wir es in seinem Vollbringen der Werke Gottes sehen (Joh 10,37-38). Andere trinitarische Schriftstellen beinhalten die Taufformel, die der auferstandene Jesus Christus seinen Jüngern bei ihrer Bevollmächtigung vor seiner Himmelfahrt auftrug: »Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern, indem ihr diese tauft auf den Namen [Einzahl!] des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes« (Mt 28,19). Die drei Personen der dreieinen Gottheit werden in der Ankündigung des Engels Gabriel an die Jungfrau Maria genannt (Lk 1,35); sie sind beteiligt an der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer (Mt 3,16-17) und in der Rede Jesu an seine Jünger im Obersaal am Abend seiner Gefangennahme (Joh 14– 16). Die drei Personen der Gottheit werden in der Segnung von 2. Korinther 13,13 zusammengefasst, in der Einführung in 1. Petrus 1,2 und in den Erörterungen in 1. Korinther 12,4-6 und Epheser 4,4-6. Einige alttestamentliche Andeutungen der Trinität finden sich im aaronitischen Segen der Söhne Israels (4Mo 6,24-26), in der Segnung der Söhne Josephs durch Jakob (1Mo 48,15-16) und im dreifachen Heilig in Jesaja 6,3. Letzteres könnte allerdings auch eine hebräische Formel darstellen, mit der die Heiligkeit Gottes besonders betont werden soll. Es könnten noch viele weitere biblische Belege angeführt werden, die die Lehre von der Trinität stützen. Die Formulierung der Lehre von der Trinität ist einfach: »Wir verehren den einen Gott in der Dreieinheit, und die Dreieinheit in der Einheit, ohne Vermengung der Personen und ohne Trennung der Wesenheit« (Athanasisches Glaubensbekenntnis).11 Aber ihr Verständnis und ihre Erklärung sind schwierig, ja, im letztgültigen Sinne nahezu unmöglich, denn sie ist absolut einzigartig und überschreitet jede menschlich-irdische Erfahrung. Es sind viele Bilder möglich, die das Begreifen der Trinität fördern. Zum Beispiel das des menschlichen Individuums, das aus Leib, Seele und Geist besteht. (Andere glauben allerdings, dass 25
TEIL 1: DAS WORT GOTTES VOR SEINER MENSCHSCHWERDUNG
die Bibel lehre, der Mensch bestehe nur aus zwei Teilen – der materiellen und der immateriellen Substanz.) Manche ziehen die Darstellung eines Eies vor, das aus Schale, Eiweiß und Dotter besteht. Diese Illustration fällt allerdings in sich zusammen, denn jeder Teil des Eies ist eben nur dieser Teil des Eies und nicht das ganze Ei. Jede der drei Personen der Trinität ist aber vollständig Gott und gleichzeitig eine von den beiden anderen Personen individuell zu unterscheidende eigenständige Person. Eine der Natur der Sache vielleicht am nächsten kommende Illustration der Trinität könnte möglicherweise das Licht bieten, das immer zur gleichen Zeit aus drei voneinander völlig unabhängigen Existenzformen (Wellenstrahlung, Partikelstrahlung, substanzlose Materie/Photonen) besteht, die doch gemeinsam das eine Licht bilden. Dieses Bild scheint angemessen, da die Bibel feststellt: »Gott ist Licht« (1Jo 1,5), aber am Ende fällt auch diese Illustration logischerweise in sich zusammen. In einer abschließenden Analyse erweisen sich alle Bilder der Trinität, die wir uns ausdenken können, als unangemessen. Sie sind nicht in der Lage, diese einzigartige Wirklichkeit in ihrer Fülle zu erklären. Bernhard von Clairvaux schrieb: »Wie kann Mehrheit in Einheit bestehen oder Einheit in Mehrheit? Die Tatsache in Frage zu stellen, ist Leichtsinn; sie zu glauben, ist Gottesfurcht; sie zu kennen, ist Leben und ewiges Leben.«12 Der puritanische Geistliche John Arrowsmith sagte: »Die Trinität ist ein Geheimnis, das mein Glaube als geoffenbartes Wort Gottes annimmt, aber mein Verstand kann es nicht begreifen.«13 Dieses Buch ist nicht der Ort, eine eingehende Untersuchung darüber anzustellen. Aber ich muss zugeben: Sooft ich auch die Lehre von der Trinität so klar, wie es mir nur möglich war, gelehrt habe, so musste ich doch jedes Mal am Ende des Kurses vor mir selbst und vor der Klasse bekennen, dass ich sie nicht im Sinn ihrer ganzen Bedeutungstiefe erfasst hatte – obwohl ich sie doch von ganzem Herzen glaubte und auch angemessen zu erklären 26
1. DAS WORT GOTTES IST TEIL DER DREIEINEN GOTTHEIT
versuchte. Ich finde Trost in der Jonathan Edwards, einem anderen puritanischen Geistlichen, zugeschriebenen überspitzten Bemerkung hinsichtlich der Trinität: »Wer sie leugnet, wird seine Seele verlieren; und wer sich allzu sehr darum bemüht, sie zu verstehen, wird seinen Verstand verlieren.«
DAS WORT HANDELT ZUSAMMEN MIT GOTT, DEM VATER, UND GOTT, DEM HEILIGEN GEIST Bei der Erschaffung aller Dinge Der Apostel Johannes schloss seinen Offenbarungen hinsichtlich der Person des Wortes und seiner ewigen Beziehung und Identifizierung mit Gott (Joh 1,1-2) eine Offenbarung über die Beteiligung des Wortes an der Schöpfung an. Er schrieb: »Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eines, das geworden ist« (Joh 1,3). Das stützt die Vorstellung, dass der »Anfang« in den vorangegangenen Versen 1-2 mit dem »Anfang« in 1. Mose 1,1 identisch ist. Hier spiegelt die Zeitform des griechischen Verbs, das mit »wurde« übersetzt ist (wörtlicher »kam ins Dasein«), den Schöpfungsprozess in all seiner Vielschichtigkeit und in seinem fortschreitenden Verlauf wider. Die Worte »durch dasselbe« kennzeichnen den Ausführenden einer Handlung. Die sich daran anschließende Feststellung – »ohne dasselbe wurde auch nicht eines, das geworden ist« – ist mehr als nur eine bekräftigende hebräische Antithese (die Wiederholung desselben Gedankens in einer negativen Formulierung). Es ist eine ausdrückliche Zurückweisung der antiken gnostischen Häresie von der Ewigkeit der Materie und von der Beteiligung der Engel beziehungsweise der Notwendigkeit langer Zeiträume am Schöpfungsprozess. Johannes’ Darstellung von unserem Herrn Jesus Christus als dem Wort, das an der Schöpfung aller Dinge beteiligt ist, wird 27
TEIL 1: DAS WORT GOTTES VOR SEINER MENSCHSCHWERDUNG
von anderen Schriftstellen gestützt. An späterer Stelle dieses Kapitels schrieb Johannes: »Die Welt wurde durch ihn« (Joh 1,10). Der Apostel Paulus erklärte: »Denn in ihm ist alles in den Himmeln und auf der Erde geschaffen worden, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Gewalten oder Mächte: alles ist durch ihn und für ihn geschaffen« (Kol 1,16). Ähnlich äußert sich auch der Schreiber des Hebräerbriefes, und beschreibt den Sohn als Erben Gottes, »durch den er auch die Welten gemacht hat« (Hebr 1,2). An anderen Stellen der Heiligen Schrift wird die Schöpfung Gott zugeschrieben (1Mo 1,1–2,4; 2Mo 20,11; Hi 38,4; Ps 90,2; Jes 44,24; Apg 14,15; Röm 1,20; Hebr 11,3; Offb 10,6), worunter in den meisten Fällen Gott, der Vater, zu verstehen ist. In einigen wenigen Schriftstellen wird Gott, der Heilige Geist, am Schöpfungswerk beteiligt (1Mo 1,2; Hi 33,4; Ps 104,30). Ferner wird in mindestens zwei Versen vom Wort Gottes gesagt, es sei Gottes Schöpfungswerkzeug (Ps 33,6; Hebr 11,3). Verschiedentlich wird die Schöpfung auch als Ergebnis von Gottes Reden dargestellt (1Mo 1,3.6.9.11.14.20.24.26; Ps 33,9). In Sprüche 8,27-31 wird die Weisheit Gottes personifiziert und von ihr gesagt, sie sei an der Schöpfung beteiligt. An anderer Stelle wird auch die Weisheit als ein Instrument Gottes bei der Schöpfung genannt (Ps 136,5; Spr 3,19; Jer 10,12; 51,15). Der Punkt ist, dass die Heilige Schrift Gott, den Vater, das Wort Gottes – den Herrn Jesus Christus – und den Heiligen Geist als Beteiligte an Gottes Schöpfungswerk vorstellt, ohne das Wort oder den Heiligen Geist besonders als Glieder der dreieinen Gottheit zu identifizieren. Sie müssen es aber sein, denn die Schöpfung ist Gottes Werk! Der Vers des Alten Testaments, der vielleicht am besten die Trinität im Schöpfungswerk deutlich macht, ist 1. Mose 1,26: »Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich!« Bei dieser Textstelle ist erstens festzuhalten, dass Gott zitiert wird, wie er zu sich selbst spricht; dies stärkt die Vorstellung von der Beteiligung der 28
1. DAS WORT GOTTES IST TEIL DER DREIEINEN GOTTHEIT
Trinität an der Schöpfung (siehe 1Mo 3,22; 11,7; Jes 6,8). Zweitens werden hier die Mehrzahlpronomen »uns« und »unser« verwendet. Viele Gelehrte des Alten Testaments halten dies für ein Beispiel des pluralis majestatis, aber im Licht anderer biblischer Belege können diese Personalpronomen ebensogut Gottes Existenz als eine Trinität von Personen zum Ausdruck bringen. Ein neutestamentlicher Vers, der vielleicht am besten die Beziehung zwischen den Personen der Gottheit in Gottes Schöpfungswerk wiedergibt, ist 1. Korinther 8,6. Dort betont der Apostel Paulus, dass der dreieine Gott der Bibel, den die Christen verehren, der einzig wahre Gott ist – im Gegensatz zu den durch Götzenbilder repräsentierten falschen Göttern, die die Heiden verehren. In ihm sind »ein Gott, der Vater, von dem alle Dinge sind und wir auf ihn hin, und ein Herr, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn.« Hier wird Gott, der Vater, als die primäre Quelle und als das Ziel aller Dinge vorgestellt und Jesus Christus, das Wort, als der Handelnde in aller Schöpfung. Dieser Vers ist einer der deutlichsten bei der Darlegung der Wechselbeziehung zwischen Gott, dem Vater, und Gott, dem Sohn, im Schöpfungswerk. Er stellt das vor, was die Theologen als »Haushaltsordnung« der dreieinen Gottheit bezeichnen – das Zusammenwirken der drei Personen der Trinität bei der Ausführung aller Werke Gottes. Zusammengefasst lässt sich sagen: Die Schöpfung ist von Gott, dem Vater, durch den Herrn Jesus Christus (das Wort) mit Hilfe des Heiligen Geistes Gottes. Die Aussage, dass Jesus Christus der untergeordnet Handelnde in Gottes Schöpfungswerk sein soll, ist angemessen. Als das Wort ist er jene Person der Gottheit, die Gott offenbart und ihn erkennbar macht. Gerade so, wie ein Wort Ausdruck der Gedanken eines Menschen ist, so ist das Wort Gottes Ausdruck und seine Selbstoffenbarung. Da die Heilige Schrift deutlich macht, dass die Schöpfung ein Mittel der Selbstoffenbarung Gottes ist (Ps 19,1-6; Röm 1,19-20), scheint es nur passend, dass das Wort 29
TEIL 1: DAS WORT GOTTES VOR SEINER MENSCHSCHWERDUNG
Gottes daran beteiligt ist. Gleicherweise ist es – wie in den Kapiteln Römer 4–7 betrachtet – angemessen zu sagen, dass das Wort jene Person der Gottheit ist, die als Herr Jesus Christus Fleisch wurde (Joh 1,14).
Bei der Erhaltung aller Dinge Die Bibel macht auch deutlich, dass Gott in Beziehung auf seine Schöpfung kein auf unbestimmte Zeit verreister Hausherr ist. Er hat das Universum nicht geschaffen, um es dann dem willkürlichen Ablauf der in ihm angelegten Naturgesetze zu überlassen. Diese Haltung wird im Allgemeinen mit dem Deismus in Verbindung gebracht, einer Sicht, die im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert in England und Westeuropa eine gewisse Bedeutung erlangt hat. Das ist auch die Position der weltlichen Wissenschaft mit ihrer Entdeckung vermeintlich absolut gültiger, unverletzlicher Gesetze, die den Ablauf des Universums kontrollieren. Ganz im Gegensatz dazu machte Gott in seinen Botschaften an Hiob deutlich, dass er die uneingeschränkte Kontrolle über seine gesamte Schöpfung und über alle ihre Geschöpfe in Händen hält (Hi 38–41). Dazu schrieb der Apostel Paulus: »Alles besteht durch ihn« (Kol 1,17). Gleicherweise stellt der Schreiber des Hebräerbriefes fest, dass der Sohn Gottes »alle Dinge durch das Wort seiner Macht trägt« (Hebr 1,3). Der Apostel Johannes hatte ohne Zweifel die Erhaltung der Schöpfung im Sinn, als er über das Wort Gottes schrieb: »In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen« (Joh 1,4). Robertson kommt richtigerweise zu dem Schluss: »Die Beständigkeit des Universums ruht also weit mehr auf Christus als auf Gesetzen der Gravitation. Es ist ein christozentrisches Universum ... Christus ist die lenkende und die erhaltende Kraft in der Natur.«14
30
1. DAS WORT GOTTES IST TEIL DER DREIEINEN GOTTHEIT
ZUSAMMENFASSUNG Die biblische Wahrheit, dass Jesus Christus bereits existierte, bevor er in dem Kind Jesus Fleisch wurde, wird in einer Vielzahl von Schriftstellen bezeugt (Joh 1,14-15.18.30; 3,13; 6,62; Phil 2,5-6). Jesus selbst bat Gott, den Vater: »Verherrliche du, Vater, mich bei dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war« (Joh 17,5). Allerdings identifiziert nur der Apostel Johannes den noch nicht Fleisch gewordenen Christus mit dem ewigen Wort, das in alle Ewigkeit in vertrauter Beziehung mit Gott steht und als Gott identifiziert ist. Daraus entspringt die Lehre von dem einen Gott der Bibel, der aus einer Dreiheit von Personen besteht. Das wiederum führt – ebenso wie die Offenbarung der Beteiligung des ewigen Wortes an der Erschaffung aller Dinge durch den Apostel Johannes – zu einer Betrachtung der Beziehungen zwischen den drei Personen der dreieinen Gottheit. Gott, der Vater, Gott, der Sohn (oder das Wort) und Gott, der Heilige Geist, wirken zusammen in allem Handeln Gottes – einschließlich der Erschaffung aller Dinge und ihrer anschließenden Erhaltung.
31