A. W. Tozer
Vom
HIMMEL her
Andachten fĂźr die Adventszeit
A. W. Tozer Vom Himmel her Andachten für die Adventszeit Titel des amerikanischen Originals: From Heaven This book was first published in the United States by Moody Publishers, 820 LaSalle Blvd, Chicago, IL 60610 with the title From Heaven, copyright © 2016 by The Moody Bible Institute of Chicago. Translated by persmission. All rights reserved. Best.-Nr. 271 545 ISBN 978-3-86353-545-2 CV Dillenburg
Best.-Nr. 180113 ISBN 978-3-85810-443-4 Verlag Mitternachtsruf, www.mnr.ch
Soweit nicht anders vermerkt, wurde die folgende Bibelübersetzung verwendet: Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM-Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen. Außerdem wurden verwendet: bibel.heute, © 2010 Karl-Heinz Vanheiden und Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg (NeÜ). Schlachter-Übersetzung Version 2000, © 2003 Genfer Bibelgesellschaft (SLT). Neue Genfer Übersetzung NT + PS, © Genfer Bibelgesellschaft, 1032 Romanuel-sur-Lausanne, Schweiz, Erste Auflage 2011 (NGÜ). Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart (LUT). 1. Auflage © 2018 Christliche Verlagsgesellschaft, Dillenburg www.cv-dillenburg.de Übersetzung: Brigitte Hahn Satz und Umschlaggestaltung: Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg Umschlagmotiv: © Shutterstock.com/Itana Druck: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany
Vorwort Ein Weg des Wartens und der Vorbereitung Er, das Wort, wurde Mensch und lebte unter uns. Johannes 1,14 (NeÜ)
D
as vorliegende Buch ist eine Sammlung aus 28 täglichen Andachten mit Gedanken des im 20. Jahrhundert populär gewordenen Pastors und Autors A. W. Tozer (1897–1963). Es handelt sich um eine Auswahl aus seinen aufgezeichneten und für den Druck bearbeiteten Predigten, seinen bereits veröffentlichten Büchern und den von ihm verfassten Leitartikeln aus seiner Zeit als Redakteur bei der Zeitschrift The Alliance Witness (heute: Alliance Life). Alle Texte wurden speziell für die Adventszeit ausgewählt. 5
Der Advent ist die Zeit des Wartens und der Vorbereitung auf Weihnachten. Das lateinische Wort adventus bedeutet „Ankunft“, und so wird im Advent das Kommen Jesu Christi auf zweierlei Weise verkündet. Zum einen ist diese Zeit Ausdruck der Freude über die lang ersehnte Ankunft des Messias, und zum anderen zeigt sich darin die Erwartung seiner Rückkehr als König der Könige und Herr der Herren. Im kirchlichen Kalender der westlichen Welt beginnt die Adventszeit am vierten Sonntag vor Weihnachten, dem Sonntag, der dem 30. November am nächsten liegt, und sie dauert bis zum Heiligabend (dem 24. Dezember). Zu den weit verbreiteten Bräuchen dieser Zeit gehören das Anzünden von Kerzen als Erinnerung an die Ankunft des Lichts in unserer dunklen Welt, Adventskalender, Bibellesepläne, Gebete und tägliche Andachten. Dieses von uns zusammengestellte Andachtsbuch soll unseren Lesern helfen, im Glauben zu wachsen, indem sie nachdenken über die Wunder der Menschwerdung Jesu, die Größe der Liebe Gottes und die Hoffnung auf die Rückkehr Jesu Christi. Die Andachten für jeden Tag beginnen mit einem oder mehreren Bibeltexten, gefolgt von den Ausführungen Tozers. Ein Vorschlag von den Herausgebern dieses Buchs: Unsere 6
Leser und Leserinnen sollten auch tagsüber darüber nachdenken, wie die biblische Wahrheit in der jeweiligen Tagesandacht entfaltet wird. Die Adventszeit dauert nicht in jedem Jahr volle vier Wochen, weil ihr Beginn, wie gesagt, zwischen dem 27. November und dem 3. Dezember liegen kann. Wenn Sie dieses Buch in einem Jahr verwenden, in dem die Adventszeit kürzer ist als 28 Tage, könnten Sie für eine vollständige Lektüre mehrere Andachten zusammenfassen. Es wäre ganz im Sinne von A. W. Tozer, wenn die Leserinnen und Leser mithilfe dieses Andachtsbuchs nicht nur mehr darüber erfahren, wie Gott durch seinen Sohn Jesus Christus an uns Menschen wirkt, sondern auch lernen, wie sie Gott wahrhaftig, in Ehrfurcht und Dankbarkeit anbeten können. Die Herausgeber
7
Die erste Woche
1. Tag Die verlorene Gegenwart Gottes Und sie hĂśrten die Stimme Gottes, des HERRN, der im Garten wandelte bei der KĂźhle des Tages. Da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor dem Angesicht Gottes, des HERRN. 1. Mose 3,8 Und Gott, der HERR, schickte ihn aus dem Garten Eden hinaus. 1. Mose 3,23 Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns. Johannes 1,14
10
A
dam hatte die Gemeinschaft mit dem SchöpferGott verloren. In den biblischen Berichten über die darauffolgenden Epochen war Gott den Menschen nie wieder so nahe wie zuvor Adam. Bei den Israeliten war Gott in der Schechina gegenwärtig, verborgen in der Feuer- und Wolkensäule. Gelegentlich zeigte er sich in einer Gotteserscheinung, die von Theologen als Theophanie bezeichnet wird. Gott sprach vielleicht einmal kurz mit einem Menschen, so wie mit Abraham am Zelteingang oder mit Gideon auf dem Dreschplatz. Jedoch hielt sich Gott nicht länger bei einem Menschen auf. Sein Erscheinen war immer behutsam und verborgen. Auch als sich Gott dem Mose zeigte, geschah das im Feuer des brennenden Busches oder als Mose in einer Felsspalte verborgen war. Die Augen gefallener, sündhafter Menschen konnten die strahlende Majestät und Herrlichkeit Gottes nicht mehr ertragen. Doch dann, als die Zeit erfüllt war, kam er wieder zu den Menschen: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.“ Sie nannten ihn Immanuel, das bedeutet „Gott mit uns“. In diesem ersten Kommen Jesu Christi erschien Gott erneut, um höchstpersönlich unter den Menschen zu wohnen. 11
Damit Sie es wissen: Ich gehöre nicht zu den Verkündigern, die in ihren Predigten gerne auf Verhältniswörter hinweisen, aber an dieser Stelle sollten wir drei Verhältniswörter beachten, die etwas mit dem Kommen Jesu, mit seiner Menschwerdung, zu tun haben. Er kam, um bei den Menschen zu wohnen. Er kam, um mit den Menschen vereint zu werden. Und er kam, um für immer in den Menschen zu wohnen. Er kam also, um bei, mit und in Menschen zu wohnen. Ich muss immer über die vergeblichen Bemühungen von Übersetzern schmunzeln, wenn sie zu Bibeltexten kommen wie diesem: „Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht“ (Joh 1,18). Das Wort Gottes ist einfach zu komplex für Übersetzer, die diesen Satz im Griechischen lesen: Der Sohn hat ihn kundgemacht. In anderen Bibelausgaben wird dieser Satz entweder umgangen, umschrieben oder geglättet. Manche verwenden zwei oder drei Wörter, andere wiederum nur eines. Sie bemühen sich, das auszudrücken, was der Heilige Geist gesagt hat, aber schließlich geben sie auf. Unsere englische (oder deutsche; A. d. Ü.) Sprache kann eben einfach nicht alles ausdrücken. 12
Wenn wir alle unsere Wörter und Synonyme aufgebraucht haben, haben wir noch immer nicht alles ausgedrückt, was Gott offenbarte, als er sagte: „Niemand hat Gott je gesehen, aber als Jesus Christus kam, zeigte er uns, wie Gott ist“ (freie Übersetzung von Joh 1,18). Ich denke, unsere einfache Alltagssprache ist so gut wie jede andere. „Er hat ihn offenbart – er hat uns gezeigt, wie Gott ist!“ Er hat ihn kundgemacht. Er hat ihn erklärt. Er hat ihn offenbart. So oder so ähnlich jonglieren die Übersetzer mit der Sprache, um dieses erstaunliche Bedeutungs-Wunder zu erfassen. Aber der Mann, der durch Galiläa wanderte, war Gott und handelte auch wie Gott. Es war Gott, der sich bewusst Grenzen auferlegte, der die riesige, geheimnisvolle Kluft zwischen dem Göttlichen und dem Nicht-Göttlichen überbrückte, zwischen Gott und dem Geschöpf. Kein Mensch hat Gott jemals gesehen. „… der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist …“ (Joh 1,18). Merken Sie, dass hier nicht die Vergangenheitsform verwendet wird? Es heißt auch nicht, dass der Sohn im Schoß des Vaters sein wird. Stattdessen ist er im Schoß des Vaters. Hier wird die Gegenwartsform verwendet, der Ausdruck 13
des Andauernden oder die Verlaufsform, wie es die Grammatiker nennen. Schon die Sprache drückt etwas Fortdauerndes aus. Deshalb verließ Jesus auch nicht den Schoß des Vaters, als er am Kreuz hing. Jetzt fragen Sie mich bestimmt: „Herr Tozer, wenn das stimmt, warum schrie unser Herr dann: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘ “ (Mk 15,34). Hatte er vielleicht Angst? Irrte er sich vielleicht? Nein, niemals! Für uns, die wir ihn lieben und ihm dienen, sollte die Antwort klar auf der Hand liegen.
14
2. Tag Die Brücke über dem Abgrund Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen. Johannes 1,14 der Täufer legt Zeugnis über ihn ab, indem Johannes er ausruft: „Dieser war es, von dem ich sagte: Der nach mir kommt, ist vor mir geworden (d. h. von der Ehre her), denn er war eher als ich (d. h. vom Rang her). Denn aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht“ (Joh 1,15-18). Es fällt zunächst auf, dass Johannes sagt, das Wort sei Fleisch oder zu Fleisch gemacht worden. In 15
diesen wenigen Worten verbirgt sich das dunkelste Geheimnis des menschlichen Denkens, die Frage, wie Gott die weite, gähnende Kluft zwischen dem Göttlichen und dem Nicht-Göttlichen überbrücken konnte. Denn im Universum gibt es in Wirklichkeit nur zwei Dinge: Gott und das, was nicht Gott ist. Letzteres wurde von Gott gemacht, aber Gott selbst wurde von niemandem erschaffen. Die Kluft zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf, zwischen dem Wesen, das wir Gott nennen, und allen anderen Wesen, ist gewaltig und tief. Wie Gott, der Schöpfer, diese Kluft überbrücken und sich selbst mit dem Geschöpf verbinden konnte, gehört zu den tiefsten und dunkelsten Geheimnissen, denen sich das menschliche Denken widmen kann. Wenn Sie noch nie eingehend darüber nachgedacht haben, erstaunt Sie das vielleicht nicht weiter. Aber wenn Sie sich nur ein bisschen damit beschäftigen, werden Sie überrascht feststellen, wie unüberbrückbar die Kluft zwischen dem Göttlichen und dem Nicht-Göttlichen ist. Denn sogar die Erzengel, die Seraphim und der schirmende Cherub über feurigen Steinen sind nicht Gott. Dazwischen liegt eine riesige Kluft, ein Abgrund der Unendlichkeit. Doch Gott hat diese Kluft überbrückt und sich mit seinen Geschöpfen verbunden, er begrenzte das 16
Unbegrenzte, oder einfacher ausgedrückt: Er als der Unendliche wurde zu einem von der Endlichkeit begrenzten Wesen. Sie werden lernen, wie sich Gott, der keine Grenze kennt, selbst ganz bewusst Grenzen auferlegt und wie und warum Gott eine Wesensart über die andere stellt. Wenn Sie in der Bibel lesen, entdecken Sie, dass der Mensch nicht das einzige Wesen im Universum ist. Doch in seinem sündhaften Stolz meint der Mensch, er sei der Einzige. Wir glauben noch nicht einmal mehr an die Existenz von Engeln. Für uns sind Engel so etwas wie der Weihnachtsmann mit Flügeln, und für protestantische Christen gibt es überhaupt keine Engel. Wir glauben auch nicht an die Existenz von Wächtern, Heiligen oder jenen seltsamen Mächten und Gewalten, die ihre dunkel leuchtende Spur in den Texten der Bibel hinterlassen. Wir glauben nicht mehr so fest an sie, wie wir sollten. Und trotzdem sind sie da. Die Menschheit ist nur ein kleiner Bestandteil in der Rangordnung der Geschöpfe Gottes. Wie und warum sollte Gott einem Geschöpf den Vorzug vor dem anderen geben? Denn es steht im Hebräerbrief geschrieben, dass Gott sich nicht der Engel angenommen hat, sondern der Nachkommenschaft Abrahams. Abraham war ganz bestimmt 17
keinem Engel gleichgestellt. Wenn Gott sich schon erniedrigt, sollte man annehmen, dass er das in kleinen Schritten tun und auf der Stufe eines Engels oder Seraphs stehenbleiben würde, doch er ging weiter bis zur niedrigsten Stufe der Rangordnung in der Schöpfung, und nahm das Wesen von Abraham und seiner Nachkommen an. Sogar Paulus, der als einer der sechs größten Weisen aller Zeiten bezeichnet wurde, jener große Mann Gottes, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und sagte: „Anerkannt groß ist das Geheimnis der Gottseligkeit“ (1Tim 3,16).
18
3. Tag Gott wurde Mensch Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns … voller Gnade und Wahrheit. Johannes 1,14 Christus ist nicht nur der Erlöser, sondern J esus auch der Erhalter, der Schöpfer, der Bewahrer,
der Eine, der alles im Universum zusammenhält. Für glaubende Menschen ist Jesus Christus der Mittler, durch den Gott seinen Geschöpfen seine Gnade zuteilwerden lässt. Das gilt sowohl für jene, die erlöst werden müssen, als auch für diejenigen, die keine Erlösung brauchen. Es trifft zu, dass es Ordnungen über Ordnungen und Reihen über Reihen von Geschöpfen gibt, die nicht erlöst werden müssen. Dennoch leben auch sie, wie der niedrigste, bekehrte Sünder, aus der Gnade Gottes heraus.
19
Durch den Apostel Johannes lässt uns der Heilige Geist wissen, dass der ewige Sohn, das Fleisch gewordene Wort, voller Gnade und Wahrheit ist. Denken wir daran: Alles, was Gott tut, geschieht aus Gnade, denn kein Mensch, kein Geschöpf, kein Wesen kann etwas aus eigenem Verdienst heraus tun. Die Erlösung geschieht aus Gnade, die Schöpfung geschieht aus Gnade. Gott tut alles aus Gnade, und jeder Mensch hat aus seiner Fülle Gnade um Gnade empfangen. Diese grenzenlose Gnade wirkt immer dann, wenn sich das Nicht-Göttliche an das Göttliche wendet, wenn die Stimme des Geschöpfs die riesige Kluft überquert und beim Schöpfer Gehör findet. Woher haben die Engel ihre breiten Flügel? Aus der Gnade Gottes heraus. Die Mächte und Gewalten, die langen Reihen der auf den Seiten der Bibel beschriebenen glänzenden Wesen – woher bekommen sie das, was sie haben? Sie empfangen Gnade um Gnade. In diesem Zusammenhang traue ich mich, die Frage zu stellen: Was haben Sie von der Gnade und Barmherzigkeit Gottes empfangen? Vielleicht sind Sie noch nicht gläubig und gehen Ihren eigenen Weg. Trotzdem haben Sie schon so vieles aus dem Ozean der göttlichen Fülle 20
empfangen. Sie haben das pulsierende Leben empfangen, das Ihr Herz zum Schlagen bringt. Sie haben Ihren scharfen Verstand und Ihr Gehirn, geschützt von der Schädeldecke, empfangen. Sie haben ein Erinnerungsvermögen, das alle schönen Ereignisse in Ihrem Leben zusammenfügt, wie ein Juwelier kostbare Perlen zu einer Kette zusammenstellt, und sie für Sie bereithält, solange Sie leben und sogar noch länger. Alles, was Sie haben, verdanken Sie der Gnade Gottes. Jesus Christus, das ewige Wort, das Fleisch wurde und unter uns wohnte, ist der offene Kanal, durch den Gott Sündern und Heiligen Gutes tut. Und was ist mit all den Jahren Ihres Lebens? Sie können doch nicht annehmen, Sie hätten das alles verdient. Sie können doch nicht annehmen, es hätte etwas damit zu tun, ob Sie gut oder böse sind. Bekennen Sie, dass es aus Gnade heraus geschieht, denn das ganze Universum lebt aus der Gnade und Güte Gottes.
21
4. Tag Was uns der Advent, die Ankunft Jesu, beweist Er machte sich selbst zu nichts und nahm Knechtsgestalt an, indem er den Menschen gleich geworden ist. Philipper 2,7
M
it der Geburt Jesu wurde der Welt etwas verkündigt, und zwar, dass er, von einer Frau geboren, kommen würde, um sich selbst zu nichts zu machen, und sich, den Menschen gleich geworden, zu erniedrigen bis zum Tod am Kreuz. Diese Tatsache ist so bedeutend, so gewaltig, dass sogar einem David oder einem Jesaja die Worte fehlten, um sie umfassend zu würdigen. Ich wiederhole: Sein Kommen sollte der Welt etwas sagen, etwas verkünden, etwas beweisen. Aber was? Dieses Etwas bestand aus mehreren Teilen. Wie Jesus Christus die Brotlaibe in Stücke brach, damit 22
man sie leichter essen konnte, möchte ich die Botschaft aufteilen, damit man sie besser versteht. Das Kommen Jesu hat Folgendes bewiesen: Erstens: Gott ist eine greifbare Wirklichkeit. Die Himmel öffneten sich, und eine andere Welt als diese wurde sichtbar. Von der anderen Seite der natürlichen Welt her erklang eine Botschaft: „Herrlichkeit Gott in der Höhe“, sangen die himmlischen Heerscharen, „und Friede auf Erden in den Menschen des Wohlgefallens!“ (Lk 2,14). Die Hirten kennen die Erde nur allzu gut, aber jetzt hören sie von Gott und dem Himmel. Unsere irdische und die himmlische Welt verschmelzen in einen Schauplatz. In ihrer freudigen Erregung können die Hirten kaum die eine von der anderen unterscheiden. Es ist wenig überraschend, dass sie sich beeilten, um den zu sehen, der von oben gekommen war. Für sie war Gott keine bloße Hoffnung mehr, kein Wunschgedanke, sondern eine greifbare Wirklichkeit. Zweitens: Das menschliche Leben ist im Grunde auf das Göttliche ausgerichtet. Als das ewige Wort des Vaters als Mensch geboren wird, bestätigt sich damit der göttliche Ursprung der Menschheit. Gott konnte nicht in einem Wesen Gestalt annehmen, das vollständig oder auch nur wesensmäßig Fleisch 23