Hanno Herzler/Anke Hillebrenner
Das Geheimnis der Totenmaske Ein Abenteuerkrimi mit den Rothstein-Kids um Martin Luther
Herzler, Hanno/Hillebrenner, Anke Das Geheimnis der Totenmaske Ein Abenteuerkrimi mit den Rothstein-Kids um Martin Luther Bestell-Nr. 271 489 ISBN 978-3-86353-489-9 Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg Bestell-Nr. 180091 ISBN 978-3-85810-421-2 Verlag Mitternachtsruf, www.mnr.ch Bibelstellen wurden zitiert nach der Lutherbibel, revidierter Text 1984, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. 1. Auflage © 2018 Christliche Verlagsgesellschaft mbH, Dillenburg www.cv-dillenburg.de Illustrationen (Cover, Kapitelanfänge und Innenzeichnung): Birgit Bauer Umschlaggestaltung und Satz: CV Dillenburg Druck: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany
Die Marktkirche „Unser Lieben Frauen“ in Halle an der Saale
Kapitel 1 Wieder in Halle! „Hallo Onkelchen!“ Mit diesen Worten begrüßte Michi Rothstein seinen Onkel Engelbert, den sie alle „Onkel Dagobert“ nannten. Engelbert von Bülow ließ das gern zu. Er freute sich im Stillen, dass ihm die drei Kinder seiner Schwester Greta einen so pfiffigen Spitznamen verpasst hatten. Ja, Engelbert war wohlhabend – wenn er auch natürlich keinen Geldspeicher hatte oder gar im Geld badete wie sein Namenspate, die Disney-Figur Dagobert Duck. Den Spitznamen „Onkel Dagobert“ hatten die Kinder längere Zeit nur heimlich verwendet, selbst dann noch, als Engelbert bereits davon wusste. Das wiederum hatte er sich nicht anmerken lassen, weil er dieses kleine Versteckspiel genoss – und immer darauf gespannt war, ob sich einer der drei einmal verplappern würde. Dann könnte er vielleicht den Beleidigten spielen und sich dann besänftigen lassen. Inzwischen wusste allerdings jeder von ihnen, was der andere wusste, auch wenn es keiner offen aussprach; denn dazu waren sie alle zu verschmitzt und zu gewitzt. Sie standen in der großzügigen Eingangshalle des Hotels Doria, das der Onkel in Halle an der Saale betrieb, einer Stadt in Sachsen-Anhalt. Durch die hohen, über hundert Jahre alten Fenster im Treppenhaus des 10
Jugendstilgebäudes fiel das Abendlicht auf die Treppen. Und was waren das für Treppen! Rechts und links des Empfangsschalters führten sie breit und behaglich nach oben. Wie der Boden der Eingangshalle selbst waren sie bedeckt von einem dicken, dunkelroten Teppich, der alle Schritte und Geräusche in dem Haus in der Kleinen Ulrichstraße dämpfte. Das war bei der Lebhaftigkeit der Wiedersehensfreude durchaus angenehm. Michis „Hallo“ mischte sich mit den Begrüßungsrufen seiner älteren Geschwister: Das waren Lina, die Mittlere, das „Sandwichkind“, wie die Mutter sie gelegentlich nannte; und Luca, Michis ganz alter Bruder, der schon eine tiefe Stimme hatte, die er meist zu ziemlich gestelzter Sprache nutzte, wie zumindest Michi fand. Etwas ruhiger, aber nicht weniger herzlich fiel die Begrüßung Engelberts durch seine Schwester Greta aus, die ihren Bruder sehr mochte. Die drei Rothstein-Kids genossen es, als der Onkel mit seiner kernigen Stimme den fast schon erwarteten besonderen Gegengruß erklingen ließ: „Das sind doch mitnichten meine Neffen!“ (So geschrieben wäre der Satz natürlich falsch, aber die Kinder hörten: „Das sind ja mit Nichten meine Neffen!“) Heute allerdings hakte Lina nach: „Eigentlich muss es doch heißen: ,Das sind mit NichtE meine Neffen‘, Onkel Dagobert!“ Denn sie war ja das einzige Mädchen, es gab also nur eine Nichte. „Wenn du da mal nicht recht hast, Nichte Lina!“, erwiderte Engelbert von Bülow fröhlich, um sich dann an seine Schwester zu wenden mit der Frage: „Wo ist Johannes?“ Auf diese Erkundigung nach seinem Vater hatte Michi nur gelauert. Prompt stieß er hervor: „Der ist auf die Malediven geflogen!“ 11
Onkel Dagobert erstarrte. „Wie bitte?“ Michi erntete die verschworenen Blicke seiner Geschwister und seiner Mutter. Die ließ voller Schalk extra noch ein paar Sekunden vergehen, ehe sie antwortete: „Stimmt natürlich nicht. Sollte ein Witz sein.“ „Dachte ich’s mir doch!“, lachte ihr Gastgeber. „Ausgerechnet auf die Malediven! Das schien mir sofort unglaubwürdig. Denn soweit ich weiß, gibt es dort nichts zu erforschen in punkto Reformationsgeschichte!“ „Da hast du recht“, pflichtete Greta Rothstein bei. Mit einem Lächeln dachte sie an ihren Mann und setzte hinzu: „Er gehört zu den Menschen, die ihre große Liebhaberei zum Beruf gemacht haben. Oder zu denen, wenn du willst, die ihren Beruf so lieb gewonnen haben wie ihr schönstes Hobby. Geschichtsprofessor!“ Luca, der vernünftige Älteste, fand, dass es an der Zeit war, dem Onkel reinen Wein einzuschenken: „In Wahrheit hat er an diesem Wochenende ganz simpel Doktoranden-Kolloquium.“ Er hätte natürlich auch sagen können: „Ganz einfach.“ Aber das wäre ihm ganz einfach zu einfach gewesen. Deshalb sagte er: „Ganz simpel.“ Und dass ein Kolloquium ein wissenschaftliches Gespräch zwischen Hochschullehrern und Studierenden ist, wusste er selbstverständlich auch. Es entstand eine kleine Pause, und Lina blickte sich um in der schönen, geschmackvoll eingerichteten Empfangshalle des Hotels Doria. Hinter dem Tresen stand jetzt Philipp, ein immer dienstbeflissen wirkender Angestellter, Empfangsherr, Gepäckträger, Wachmann und Menschenkenner in einem. Er hatte ihnen gleich zu Beginn freundlich zugenickt, aber doch so knapp, wie es sich für einen Portier gehörte, der seriöse Distanz zu 12
seinen Gästen hielt. Dann hatte er sich wieder um andere Dinge gekümmert. Lina erinnerte sich, wie Philipp bei ihrem letzten Besuch sogar ihr Gepäck nach oben getragen hatte, zusammen mit einem Kollegen namens Thomas. „Magst du uns jetzt unsere Zimmer zeigen, Onkelchen?“, fragte sie. Und Luca, der offenbar auch nicht mehr tatenlos herumstehen wollte, ergänzte: „Werden wir wieder die Gelasse 19 und 20 bewohnen?“ „So ist es vorgesehen, ja“, bestätigte Engelbert von Bülow und drehte sich zu der linken der beiden Treppen um, die ins Obergeschoss des Hotels führten.
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Kapitel 2 Händel, Bach und Luther Oben angekommen bezogen Luca und Michi das eine Apartment, Greta Rothstein und Lina hingegen dasjenige, das zwei Zimmer umfasste. Denn für Lina war der Aufenthalt in Halle keineswegs nur zur Entspannung gedacht: Sie war dieses Jahr ausgewählt worden, an einem Jugendkonzert im Rahmen der Händel-Festspiele mitzuwirken – auf dem Instrument, das sie sehr gut spielte, der Oboe! Das zweite Zimmer des Apartments würde sie zum Üben gut gebrauchen können, denn Musik von Georg Friedrich Händel auf der Oboe zu spielen, das war vom Ansatz her wirklich anstrengend. Man brauchte eine ganz bestimmte Stellung und Spannung der Lippen, und am Anfang hatte Lina immer eine Druckstelle innen an der Oberlippe bekommen. Das hätte beinahe dazu geführt, dass Lina das Oboenspiel wieder eingestellt hätte. Heute allerdings war sie heilfroh, dass sie auf den Rat der Mutter gehört hatte, dosiert weiter zu üben. Denn das Spiel auf dem schönen alten Blasinstrument machte ihr große Freude. Besonders genoss sie die klangliche Harmonie mit den anderen Instrumenten; je nach Stück waren das zum Beispiel Cembalo, Klavier oder Orgel. Nach dem gemeinsamen Spielen fühlte sich Lina immer außergewöhnlich ausgeglichen. 14
Das war ihr besonders neulich aufgefallen: Als ihre Brüder sie wieder einmal necken und foppen wollten, hatte sie nur in sich hineingelächelt und stolz registriert, dass sie die frechen Sprüche ganz gut aushalten konnte. Die waren nichts im Vergleich zu der Freude, die sie empfand, wenn sie wieder einmal einen Lauf oder eine schwierige Passage so gemeistert hatte, dass es schon fast spielerisch leicht klang. Aus dem Blick ihres älteren Bruders Luca hatte sie nach dem letzten Vorspielen, bei dem er dabei war, Hochachtung herausgespürt. Das hatte ihr gutgetan. Sie hatte sogar bemerkt, dass er sich für ihre Musik zu interessieren begann; weniger freilich musikalisch als vielmehr historisch. Ja, das entsprach eben seinem Wesen: Luca liebte es, den Dingen intellektuell auf den Grund zu gehen. So dozierte er auch, als sie alle miteinander beim Abendessen im Speisesaal des Hauses Doria saßen: „Georg Friedrich Händel, oder, wie es im Taufregister der Stadt steht, ‚Georg Friederich‘, Komponist und weltweit wohl erster Musik-Unternehmer, war 1685 in Halle geboren worden, genau 26 Tage, bevor 150 Kilometer weiter westlich, in der Lutherstadt Eisenach, Johann Sebastian Bach das Licht der Welt erblickt hatte. Bach und Händel – die vielleicht größten deutschsprachigen Komponisten jener Epoche, die man ‚Barock‘ nennt.“ „Ich dachte, ‚barock‘ nennt man deine Ausführungen“, warf Michi ein. Luca stutzte, dann musste er grinsen. „Meinst du das etwa ironisch?“, argwöhnte er schelmisch. „ ,Ironisch‘? Ich weiß nicht mal, was das Wort bedeutet“, erwiderte Michi scheinbar unschuldig. „Was ich aber begreife, ist, dass du behauptest, Luther sei jemand anderes gewesen als Bach.“ 15
Luca griff sich an den Kopf. „Zwischen beiden liegen 200 Jahre!“, belehrte er seinen kleinen Bruder. „202, um genau zu sein! Jedenfalls bei der Geburt.“ Dabei warf Luca ab und zu einen Blick auf seinen Tablet-PC unter dem Tisch, obwohl es gegen die Familienregeln war; Handys und Tablets hatten bei den gemeinsamen Mahlzeiten nichts zu suchen. Aber im Augenblick war es Luca wichtiger, seinen Wissensdurst zu stillen; er war einfach zu neugierig, um bis nach dem Essen zu warten. Da keiner Luca antwortete, weil alle mit Essen beschäftigt waren, fuhr er fort – wobei er erstaunlich selten den Blick nach unten richten musste: „Mit Luther verband sowohl Bach als auch Händel eine ganze Menge. Bachs Familie zum Beispiel hat sich über Generationen eng an die lutherische Lehre gehalten und die von Luther hoch geschätzte Kirchenmusik zu neuer Blüte gebracht. Händel wiederum hat in seinen italienischen Bildungsjahren dem Werben hochrangiger Vertreter der katholischen Kirche, zu ihrer Konfession überzutreten, widerstanden.“ „Donnerwetter, Luca!“, sagt Onkel Engelbert. „Da hast du dir ja die Wikipedia-Einträge wirklich schnell angeeignet.“ „Was heißt angeeignet“, versetzte Michi, „wahrscheinlich hat er sie verfasst!“ „Michi!“, tadelte seine Mutter. „Was denn?“, fuhr der Angesprochene auf. „Darf ich nicht mal mehr sein Allgemeinwissen loben?“ „Du tust es ja nicht wirklich in der Absicht, ihm etwas Gutes zu sagen“, warf Lina ein. „Ach! Und dass Luca heimlich sein Tablet unter dem Tisch zu Rate zieht, stört euch heute wohl gar nicht? Gilt das Verbot in Altersheimen nicht?“ 16
„Auch ich kann ja nicht alles wissen!“, brummte Luca, legte dann aber sein Tablet zur Seite und widmete sich ganz dem Essen. Lina war froh, dass Michi und Luca nun beide still waren, bevor etwa einige der älteren Herrschaften an den Nebentischen, Bewohner der Seniorenresidenz, unangenehm berührt zu ihnen herüberschauen würden. Einige Gesichter kamen Lina von ihrem Aufenthalt im letzten Jahr bekannt vor. Aber den Mann, mit dem sie seit der Geschichte mit dem schwarzen Falken am meisten verband, konnte sie nirgendwo entdecken. Das bot Lina einen willkommenen Anlass, das Thema zu wechseln. „Onkelchen, ist denn – wohnt denn Dr. Steinberg nicht mehr hier?“, fragte sie bang. Der alte Herr mit seiner bewegten und teilweise grausamen Geschichte war damals mit sehr schwachem Herzen in die Klinik eingeliefert worden. Und da er die Neunzig bereits überschritten hatte, konnte es ohne Weiteres sein, dass … Sie sprach das Wort nicht aus, nicht einmal innerlich für sich, aber: Sie hatte Angst, hier in Halle dem Tod zu begegnen; nicht ihrem eigenen natürlich, aber falls der alte Herr wirklich gestorben sein sollte, würde das einen Schatten auf ihren Aufenthalt in der Stadt werfen. Ja, dem Tod sollte sie an diesem Wochenende hier in Halle begegnen. Aber anders als gedacht. Onkel Engelbert schien ihre Sorge zu spüren. „Dr. Steinberg ist zurzeit in Kur“, beruhigte er sie. „Reha. Es geht ihm wohl wieder besser. So klang es zumindest in seinem letzten Brief.“ „Dr. Steinberg?“, versetzte Michi. „Ihr meint wohl Ludwig von Seydlitz, den Nazi und Mörder!“ „Nicht so laaauuuut, Michael!“, zischte die Mutter. 17
„Bevor du uns weiter blamierst, Michi, solltest du zur Kenntnis nehmen, dass er seine schlimmen Taten ernsthaft bereut hat“, sagte Luca, wobei er sich bewusst bemühte, freundlich zu klingen und nicht allzu schulmeisterlich. „Und dass Gott ihm seine Schuld vergeben hat“, fügte Lina leise hinzu. „Unbegreiflicherweise“, entfuhr es Michi. „Ja“, versetzte Greta Rothstein mit Entschiedenheit in der Stimme, „das stimmt. Gott ist unbegreiflich gnädig. Das ist es ja, was es uns so leicht macht, ihn zu lieben.“
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Kapitel 3 Pläne beim Abendessen Eine Weile aßen sie schweigend. Jeder war in seine eigenen Gedanken versunken. Michi hatte noch sagen wollen, dass die späte Reue und Buße des Herrn von Seydlitz kein einziges der Kinder, die er auf dem Gewissen hatte, wieder lebendig machen konnte. Ja, sogar Luca, sein eigener Bruder, hätte durch diesen Mann, wenn auch indirekt, beinahe das Leben verloren! Aber dann fiel Michi auch ein, dass Luca Herrn von Seydlitz dies nicht mehr anrechnete; und das beeindruckte ihn außerordentlich. Michi wusste nicht, wie er reagiert hätte, wenn sein Bruder tatsächlich gestorben wäre. Eine Gänsehaut lief ihm über den Rücken. Engelbert von Bülow, der selten im Speisesaal des Hauses Doria aß und auch heute nur zugegen war, um seiner Verwandtschaft Gesellschaft zu leisten, hatte nun wohl den Eindruck, es sei an der Zeit, das Programm für den nächsten Tag anzusprechen. „Für morgen früh lade ich euch zu einer Stadtführung ein“, sagte er. Verblüfft blickte Greta auf zu ihrem Bruder. „Aha?“, versetzte sie etwas unsicher. Denn es war zwar klar, dass Luca sich freuen und wahrscheinlich auch Lina gern mitkommen würde. Von Michi aber durfte man kaum erwarten, dass er vor Begeisterung sprühte. 19
„Da werden Händel, Bach und Luther greifbar“, fuhr Onkel Engelbert fort. „Wie ich las, haben alle drei eine Rolle in der Geschichte dieser Stadt gespielt. Einer Geschichte, von der ich viel zu wenig weiß, obwohl ich schon etliche Jahre hier lebe. Es wird Zeit, dass ich das ändere.“ „Willst du wegziehen?“, fragte Lina erschrocken. „Oder ableben?“, ergänzte Michi. „Nein“, lachte Engelbert von Bülow, „ändern will ich nur, dass ich zu wenig über Halle weiß.“ „Gibt es dafür einen konkreten Anlass?“, fragte Greta nach. „Allerdings!“ Der Onkel musste erst einen etwas groß geratenen Bissen kauen und hinunterschlucken, bevor er – nicht ohne Stolz – weiter antwortete: „Man hat mich jüngst ins Kuratorium der Marienbibliothek gewählt.“ „Oho“, meinte Michi, „ins Konditorium? Lecker, lecker. Und da isst du noch hier zu Abend?“ „Kuratorium, mein Lieber“, gluckste Engelbert. „Tja, schade, Michi“, lachte Lina. „Du dachtest schon an leckere Torten, stimmt’s?“ „Eigentlich an Bratwurst“, korrigierte Michi, aber auch er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, und aus seinen Augen leuchtete so etwas wie Hoffnung. Und Dankbarkeit, dass seine Schwester seine wahren Wünsche zu verstehen schien. Denn das Abendessen im Haus Doria traf seinen Geschmack – sagen wir mal – nicht zu hundert Prozent. „Wie sind denn die Aufgaben dieses Gremiums definiert?“, hakte Luca nach. „Nun, soweit ich bis jetzt weiß, sitzt man da zusammen und berät, was man Gutes tun kann für diese Bibliothek und für die ganze Kirche.“ 20
„Was ist das für eine Bibliothek?“, wollte seine Schwester wissen. „Eine deutschlandweit bekannte und auch für die Wissenschaft bedeutende evangelische Kirchenbibliothek.“ „Die älteste und größte ununterbrochen öffentlich zugängliche Bibliothek ihrer Art in Deutschland“, ergänzte Luca, der trotz des Verbots wieder heimlich und in Rekordzeit das Internet zu Rate gezogen hatte. „Jedenfalls ist mir bewusst geworden, wie wenig ich doch weiß von der reichen Geschichte dieser Stadt“, erklärte Engelbert. „Zu Deutsch: Die Stadtführung ist genau das Richtige für mich.“ „Toll!“, entfuhr es Michi. Und jeder konnte hören, wie er das meinte. „Keine Sorge, Michi“, sagte der Onkel gut gelaunt, „auch du wirst auf deine Kosten kommen. Es ist nicht auszuschließen, dass ich euch hinterher einlade zu einer Bratwurst an meinem Lieblings-Imbiss-Stand.“ Während die anderen gackerten, machte Michi ein erschrockenes Gesicht und sagte: „Du könntest hier doch jeden Tag Haferschleim und Hagebuttentee bekommen, und da gehst du zu einem Imbiss-Stand? Deine Einladung dorthin ist nett, lieber Onkel, aber da ist mir doch die Seniorenmahlzeit hier im Hause lieber!“ „Michi!“, empörte sich die Mutter, aber sie musste doch lachen, genau wie alle anderen. Und so nahm das Abendessen ein friedliches Ende. Niemand ahnte, dass sie schon bald wirklich eine Mahlzeit im Hause Doria verpassen würden; und zwar ziemlich unfreiwillig … Obwohl sie müde war, nahm Lina sich später in ihrem Zimmer noch ihre Oboe vor. Seit sie ihr Doppelrohrblatt 21
selbst optimiert hatte, gelang ihr das Spielen noch besser. Heute war ihr nicht mehr nach den lebhafteren Stücken zumute, und so übte sie eine sehr ruhige Sonate. Die entsprach ihrer Stimmung am besten. Vor dem Einschlafen streichelte sie Melanchthon, den Mischlingshund der Familie, der sich vor ihrem Bett zur Ruhe gelegt hatte und erfreut den Kopf zu ihr erhob. Dabei musste sie an ihre Brüder denken. Michi hatte wenig Vorfreude auf die morgige Stadtführung gezeigt, und das konnte sie sogar verstehen. Sein Bewegungsdrang, seine Lust, sich körperlich zu betätigen, kam in dieser Familie einfach immer etwas zu kurz. Sie schloss ihn heute besonders in ihr Abendgebet mit ein. Direkt nebenan betete ihre Mutter für alle ihre Kinder. Es tat ihr wohl, im Hause ihres Bruders ausspannen zu können und Abstand von den Verpflichtungen ihres Alltags zu gewinnen. Sie merkte, dass ihre Gedanken dadurch beim Abendgebet weniger abschweiften als gewöhnlich. Und irgendwann ging ihr Gebet wortlos in sanften, seligen Schlaf über. Es war ein feiner Zug der göttlichen Vorsehung, dass sie alle gut schliefen in dieser Nacht – vor einem Tag, der einiges auf den Kopf stellen sollte.
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Kapitel 4 „Im Bau“ „Dies ist das östliche Turmpaar. Die Hausmannstürme der Marktkirche ‚Unser Lieben Frauen‘.“ Mit diesen Worten erscholl die leicht sächsisch eingefärbte Stimme des Stadtführers. Die etwa fünfundzwanzig Besucher zählende Gruppe stand unterhalb des „Roten Turms“ auf dem Marktplatz zu Halle und blickte an den beiden Kirchtürmen empor. Nur wenige Fenster zierten die achteckigen Steintürme, die dadurch besonders wuchtig erschienen. Oben auf den Türmen saßen wie zwei Mützen zwei gleiche, fein ziselierte grüne Hauben. „Die Dachflächen sind aus Kupfer“, führte der Stadtführer aus, „deswegen haben sie im Lauf der Jahrhunderte den typischen Grünspan angesetzt!“ „Patina wäre wohl zutreffender!“ Diesen Einwand konnte sich Luca nicht verkneifen. „Die grünliche Verfärbung wird nur fälschlicherweise als Grünspan bezeichnet.“ Einen Augenblick lang schwieg der Stadtführer irritiert, dann fuhr er in seiner Erklärung fort und blickte wieder in die Höhe. Die anderen Augenpaare folgten ihm. Direkt unterhalb der Dachhaube saß in jeder der acht Seiten jedes Turms ein Fenster. Die Türme waren dort 23