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Martin Steinbach
Immer diese
Angst Ăœberwinden oder aushalten?
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Über den Autor:
Dr. Martin Steinbach (Jg. 1943), verheiratet, vier erwachsene Kinder und 13 Enkel, Facharzt für innere Medizin und für Psychosomatik und Psychotherapie. Er war bis Ende 2008 ärztlicher Direktor des Diakonie-Krankenhauses Elbingerode/Harz. Seitdem ist er ambulant tätig. Er leitet den Verein „Open door – Christliche Lebenshilfe Wernigerode e.V.“
Soweit nicht anders vermerkt wurde folgende Bibelübersetzung verwendet: Revidierte Elberfelder Bibel 4. Auflage 1997 © 1985/1991/2006 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten Darüber hinaus wurde folgende Bibelübersetzung verwendet: NeÜ bibel.heute, ©2010 Karl-Heinz Vanheiden, www.derbibelvertrauen.de und Gute Nachricht, © 1982 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1. Auflage © 2015 Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg www.cv-dillenburg.de Satz und Umschlaggestaltung: Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg Umschlagmotiv: © Photographee.eu/Shutterstock.com Druck: GGP Media, Pößneck Printed in Germany
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Inhaltsverzeichnis Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 1. Was geschieht bei einer Angstreaktion in unserem Körper? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 2. Die verschiedenen Gesichter der Angst . . . . . . 17 2.1 Die Panikattacke (Angstanfall) . . . . . . . . 18 2.2 Die Agoraphobie . . . . . . . . . . . . . . . . 24 2.3 Die soziale Phobie . . . . . . . . . . . . . . . 27 2.4 Spezifische Phobien . . . . . . . . . . . . . . 31 2.5 Die generalisierte Angststörung . . . . . . . 33 2.6 Die Zwangsstörung . . . . . . . . . . . . . . 36 2.7 Die posttraumatische Belastungsstörung . 38 2.8 Gemischte Angststörungen . . . . . . . . . . 41 3. Zur Diagnostik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 4. Wie entstehen Ängste und Angststörungen? . . . 47 4.1 Vererbung und Veranlagung . . . . . . . . . 47 4.2 Erziehung und Vorbild der Eltern . . . . . . 48 4.3 Traumatische Erlebnisse . . . . . . . . . . . 49 4.4 Angst vor Trennung und Verlust . . . . . . 50 4.5 Angst als Ersatzgefühl für unterdrückte Aggressionen und Wut . . . . 51 4.6 Angst vor dem Sterben und dem Tod . . . . 52 4.7 Intrapsychische Konflikte . . . . . . . . . . 54 4.8 Gedankliche Fehlinterpretationen . . . . . 57 4.9 Unsichere Bindungserfahrungen . . . . . . 59 5. Charakterbildung durch Grundängste . . . . . . 61
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6. 7. 8.
Einige Beispiele krankmachender Ängste . . . . 66 6.1 Versagensangst . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 6.2 Zukunftsangst . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 6.3 Angst vor Ablehnung und Verurteilung . . 68 6.4 Angst vor Impulsdurchbrüchen . . . . . . . 69 6.5 Angst vor dem Leben . . . . . . . . . . . . . 70 6.6 Angst vor Gott . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 6.7 Menschenfurcht . . . . . . . . . . . . . . . . 73 6.8 Angst vor dem Alter . . . . . . . . . . . . . . 74 6.9 Angst vor der Angst . . . . . . . . . . . . . . 76 6.10 Kontraphobisches Verhalten . . . . . . . . . 77 Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen . . . . . . . . . . . 79 Therapie von Angststörungen . . . . . . . . . . . 84 8.1 Medikamente . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 8.2 Psychotherapie . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 8.2.1 Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie . . . . . . . 89 8.2.2 Verhaltenstherapie . . . . . . . . . . 92 8.2.3 EMDR-Technik . . . . . . . . . . . . . 95 9. Was sagt die Bibel über Angst und wie kann der Glaube helfen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 10. Seelsorge und Psychotherapie . . . . . . . . . . 108 10.1 Hilfe durch seelsorgerliche Begleitung . . 108 10.2 Hilfe durch Psychotherapie . . . . . . . . . 110 10.3 Seelsorge ist nicht gleich Psychotherapie 113 11. Zusammenfassung und Ausblick . . . . . . . . . 117 12. Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . .119
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Sie möchte nicht Ihr Geld. Sie ist nicht an Ihrem Schmuck interessiert. Sie will sich nicht Ihr Auto unter den Nagel reißen. Sie ist auf etwas weitaus Wertvolleres aus. Sie möchte Ihnen Ihren inneren Frieden, Ihre Freude rauben. Ihr Name?
A n g s t. Ihr Ziel ist es, Ihnen den Mut zu stehlen und dafür zu sorgen, dass Sie eingeschüchtert und zitternd am Boden liegen. Ihre Strategie liegt darin, Sie durch Rätselhaftes zu manipulieren und Sie durch Unbekanntes zu sticheln. Todesangst, Versagensangst, Angst vor Gott, Angst vor morgen – das Waffenarsenal ist riesig. Ihr Ziel? Feige, freudlose Seelen zu schaffen.
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Max Lucado
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Einleitung Ängste gehören neben den depressiven Störungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen unserer Zeit. In Deutschland leiden etwa 15 Prozent der Erwachsenen an einer krankhaften Form von Angst. Das sind ungefähr sieben Millionen Menschen. Erstaunlich ist, dass viele Menschen, die sich mit ihren Symptomen an einen Arzt wenden, nur organisch untersucht werden – und das mehrmals, oft mit großem apparativen Aufwand – aber die Diagnose „Angststörung“ in einem Drittel der Fälle nicht gestellt wird. Im Durchschnitt dauert es vier bis fünf Jahre, bis ein Angstpatient einer hilfreichen Therapie zugeführt wird. Aber eine überwiegende Mehrzahl der infrage kommenden Patienten nimmt eine professionelle Hilfe nicht in Anspruch. Angst ist ein Gefühl, das jeder Mensch kennt. Es ist ein wichtiges und für uns Menschen nützliches Gefühl: Wir gehen Gefahren aus dem Weg, erkennen ein Risiko, können uns schützen. Diese normale Angst hat eine Signalfunktion und ist zum Überleben notwendig. Ähnlich verhält es sich mit dem Schmerz: Der Schmerz weist uns darauf hin, dass
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in unserem Körper etwas vielleicht nicht in Ordnung ist und veranlasst uns, zum Arzt zu gehen und uns untersuchen zu lassen. Wenn wir zum Beispiel Zahnschmerzen haben, gehen wir zum Zahnarzt … So haben Schmerz und Angst wichtige Signalfunktionen, die uns vor Schaden bewahren sollen. Ganz anders ist es bei Angststörungen, bei denen sich Angst verselbstständigt und uns nicht vor einer Gefahr warnt, sondern unser Leben einengt. Diese Ängste kommen nicht aus heiterem Himmel, sondern beginnen oft mit einer traumatischen Erfahrung oder entstehen aus einem schweren Konflikt. Diese Art von Ängsten kann wie ein großes Ausrufezeichen verstanden werden: „Du lebst irgendwie falsch!“ Die gesunde Angst ist eine Angst vor realen Gefahren (Realangst). Auch die Gewissensangst ist eine gesunde Angst: Sie bewahrt uns vor Taten, nach denen wir uns schämen würden und die Verurteilung unserer Mitmenschen fürchten müssten. Auch die Angst vor körperlichen Erkrankungen (Vitalangst) lässt uns behutsam mit unserem Körper umgehen. Bei der ungesunden Angst ist die Angstreaktion der Situation nicht angemessen. Die Angst überdauert den Auslöser. Hier sieht der Betroffene keine Bewältigungsmöglichkeit und hat auch oft für
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die Schwere des Angstanfalls keine Erklärung. Die Angst beeinträchtigt die Lebensqualität. Angst und Furcht: Angst und Furcht sind Synonyme: Sie bedeuten dasselbe und können ausgetauscht werden. Besonders trifft dies für den allgemeinen und normalen Sprachgebrauch zu. Einige Autoren wollen eine künstliche Unterscheidung von Furcht und Angst konstruieren: So würde sich Furcht mehr auf ein Objekt beziehen, während die Angst eine Emotion sei, die aus dem inneren Erleben des Patienten kommen würde. Diese Unterscheidung kann man jedoch nicht durchhalten, es kommt zu häufigen und starken Überschneidungen. Das Substantiv „Furcht“ wird in der gehobenen, literarischen Sprache, auch in biblischen Übersetzungen, verwendet, während „Angst haben“ volkstümlicher und moderner wirkt. Es verhält sich hier ähnlich wie mit den Begriffen „Zorn“ und „Wut“. In Lukas, Kapitel 2, wird uns die Geburt Jesu beschrieben: „Und es waren Hirten in derselben Gegend, die auf freiem Feld blieben und des Nachts Wache hielten über ihre Herde. Und ein Engel des Herrn trat zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umleuchtete sie und sie fürchteten sich mit großer Furcht und der Engel sprach zu ihnen: fürchtet euch nicht, siehe ich verkündige euch eine große Freude ...“ (Revidierte Elberfelder). Derselbe Text nach der NeÜ (bibel.heute): „In der gleichen Nacht hielten ein paar Hirten draußen
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auf dem freien Feld Wache bei ihren Herden. Plötzlich trat ein Engel des Herrn zu ihnen und das Licht der Herrlichkeit Gottes umstrahlte sie. Sie erschraken sehr und hatten Angst, aber der Engel sagte zu ihnen: Ihr müsst euch nicht fürchten, denn ich bringe euch eine gute Nachricht …“ Wir sehen, dass es für uns leichter ist, das Verb „fürchten“ zu gebrauchen als das Substantiv „Furcht“, und dass die beiden Wörter „Angst“ und „Furcht“ austauschbar sind. In der Bibel wird auch oft der Ausdruck „Gottesfurcht“ oder „Furcht Gottes“ gebraucht. Hier ist die Ehrfurcht vor Gott gemeint. Wir sollen keine Angst vor Gott haben, sondern Respekt und Hochachtung, also Ehrfurcht. Das deutsche Wort Angst kommt von „Enge, eingeengt sein“. So berichten auch Patienten, die unter Ängsten leiden, dass sie sich eingeengt und wie im Würgegriff fühlen, als bekämen sie keine Luft mehr und als sei der Brustkorb eingeengt (Herzangst, Angina Pectoris). Solche Ängste begleiten das Menschengeschlecht seit Jahrtausenden. In früheren Generationen gab es nicht weniger Bedrohungen für die Menschen als heute. Wir lesen im Alten Testament in vielen Geschichten und Begebenheiten, wie Menschen in ihrer Angst zu Gott beteten und Hilfe suchten. In den Psalmen lesen wir, wie der tapfere König David oftmals in größter Bedrängnis zu Gott um Hilfe schrie. Auch die Jünger
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Jesu hatten Angst und schrien vor Furcht. Jesus sagte: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Johannes 16,33). Aufgabe dieses Buches soll sein, die Entstehung von Ängsten besser zu verstehen und Möglichkeiten kennenzulernen, mit den eigenen Ängsten besser umzugehen. Durch Psychotherapien und Medikamente können Ängste in vielen Fällen überwunden werden, in anderen Fällen lernen die Betroffenen, ihre Ängste auszuhalten und erträglich zu gestalten, um selbst lebens- und arbeitsfähig zu bleiben.
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1. Was
geschieht bei einer Angstreaktion in unserem Körper?
Bei einer Angstreaktion wird unser Körper in akute Alarmbereitschaft versetzt: Ein bestimmtes Hirnareal, das sogenannte limbische System, wird erregt und das sympathische Nervensystem aktiviert. Stresshormone werden ausgeschüttet, die wiederum viele Organe in akute Leistungsbereitschaft versetzen. Dadurch können wir bei Gefahren entweder fliehen oder kämpfen. Durch die Stresshormone reagieren wir mit Herzrasen, Schwitzen, forciertem Atmen und Zittern. Der Blutdruck und die Pulsfrequenz steigen, emotional und gedanklich sind wir eingeengt auf die Gefahr, wir konzentrieren uns ausschließlich auf die bedrohliche Situation. „Weniger wichtige“ Organsysteme werden geringer mit Blut versorgt, zum Beispiel Magen, Darm, Gehirn, d. h. wir haben keinen Appetit, und das Denken ist eingeengt. Viele bemerken auch einen leichten Schwindel, haben Angst umzufallen. Dagegen werden die Muskeln besser durchblutet und spannen sich an (erhöhter Muskeltonus, Zittern). Weitere
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Zeichen sind kalter Angstschweiß, trockener Mund, große Pupillen. Viele Menschen beobachten nur diese körperlichen Symptome und können diese nicht ohne Weiteres mit dem Gefühl „Angst“ in Verbindung bringen. Sie bemerken zum Beispiel nur das Herzrasen oder das Schwindelgefühl, können aber das Gefühl „Angst“ nicht wahrnehmen und benennen. Oft gehen diese Menschen von einem Arzt zum anderen und lassen sich körperlich untersuchen. Da kein körperlicher Schaden festgestellt wird, meinen viele Patienten, der Arzt habe sie nicht gründlich genug untersucht, und so bleiben sie auf ihre Körpersymptome fixiert. Deshalb ist es wichtig, neben der körperlichen auch die emotionale Ebene miteinzubeziehen. Viele Menschen müssen erst einmal lernen, einen Zugang zu ihrem Körper und zu ihren Gefühlen zu finden. Der moderne Mensch ist oft ein „emotionaler Analphabet“: Er muss erst lernen, seinen Körper und seine Gefühle zu verstehen und zu verbalisieren, das heißt: in Worte zu fassen. Wir haben oben die körperliche Seite einer Angstreaktion beschrieben. Die emotionale Ebene bedeutet: Angst umzufallen, ohnmächtig zu werden, zu sterben. Aber auch Angst zu versagen, sich zu blamieren, ausgelacht zu werden, beschämt zu werden. Die Angst kann so stark werden, dass der Betreffende sofort die Situation verlässt, also die
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Flucht ergreift und das nächste Mal eine ähnliche Situation von vornherein meidet. Durch dieses Vermeidungsverhalten wird zwar zunächst die Angst vermindert, aber der Aktionsradius verkleinert sich, so dass sich der Betreffende zum Schluss nicht mehr traut, aus dem Haus zu gehen, jeden Kontakt vermeidet und dann sogar das Bett nicht mehr verlässt. Als Erstes machen wir dem Patienten klar, dass die Symptomatik eines Angstanfalles zwar sehr unangenehm, aber nicht gefährlich ist. An Herzrasen und Schwindelanfällen ist noch niemand gestorben! Dies muss der Patient zuerst verinnerlichen, dann nimmt auch die Angst vor dem nächsten Angstanfall deutlich ab. Da die körperliche Symptomatik vor allem durch das Ausschütten der Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortison verursacht und aufrechterhalten wird, können wir davon ausgehen, dass durch den Abbau dieser Hormone die Symptomatik nur 10-15 Minuten anhalten kann, weil die erneute Synthese dieser Hormone lange dauert. Auf jeden Fall stimmt das Gefühl bzw. „die Angst“ des Patienten nicht, dass die Symptome immer schlimmer werden und dass es dann zu einem „Zusammenbruch“ kommen oder er oder sie „verrückt“ werden müsste. Nein, es kommt nicht zu einer ständigen Steigerung der Angst, sondern sie flaut nach 10-15 Minuten ab.
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Wie weitere Schritte beim Überwinden von Angstzuständen aussehen, werden wir in den nächsten Kapiteln ausführlich behandeln.
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2. Die
verschiedenen der Angst
Gesichter
Wir können heute acht verschiedene Krankheitsbilder der Angststörung unterscheiden: ›› ›› ›› ›› ›› ›› ›› ››
ie Panikattacke D Die Agoraphobie Die soziale Phobie Spezifische Phobien Die generalisierte Angststörung Die posttraumatische Belastungsstörung Angst bei Zwangsstörungen Angst bei Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen
Diese verschiedenen Formen können auch miteinander kombiniert sein. So kann ein Patient mit Agoraphobie Panikattacken haben, was häufig vorkommt. Die Liste mit Dingen, vor denen wir Angst haben können, ist lang: So gibt es Höhenangst, Angst vor Tunneln, Menschenmengen, großen Plätzen, Dunkelheit, Tieren, engen Räumen und Fahrstühlen,
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Flugangst, Prüfungsangst, Versagensangst, Angst vor medizinischen Untersuchungen, Krankheiten, dem Sterben usw. Es wurden Listen mit über 500 verschiedenen Phobien zusammengestellt! Deren Wert ist allerdings zu bezweifeln, da sich dadurch keine diagnostischen Hinweise und unterschiedlichen Therapiemöglichkeiten ergeben.
2.1 Die Panikattacke (Angstanfall) Eine Panikstörung tritt meist völlig unerwartet, „wie aus heiterem Himmel“ auf. Dies ist beunruhigend, da der Patient keine Vorwarnung wahrnimmt und völlig unvorbereitet ist. Zunächst scheint auch kein Grund erkennbar, jedoch findet man bei genauerem Hinsehen fast immer bestimmte Auslöser. Dies können Verlusterlebnisse des Patienten sein, Trennungen, Konflikte in der Familie oder bei der Arbeit. Die Patienten berichten oft, dass sie plötzlich Herzjagen und Herzschmerzen verspüren, Atemnot, Brechreiz und Todesängste. Nach einem ersten Anfall muss eine organische Erkrankung ausgeschlossen werden: eine Herzoder Gefäßerkrankung, Asthma, hormonelle Störungen, ein Anfallsleiden, aber auch Nebenwirkungen von Medikamenten müssen bedacht werden sowie Alkohol-, Koffein- und Drogenmissbrauch.
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Die Symptome einer Panikattacke im Einzelnen: ›› ›› ›› ›› ›› ›› ›› ›› ›› ›› ›› ›› ›› ››
Herzrasen, Herzrhythmusstörungen Herzschmerzen, Angst vor einem Herzinfarkt Atemnot, Erstickungsgefühle Angst zu sterben Angst davor, verrückt zu werden und die Kontrolle zu verlieren Entfremdungsgefühl; das Gefühl, „nicht da zu sein“ Enge-Gefühl im Hals und im Brustkorb Übelkeit und Brechreiz, Bauchschmerzen Benommenheit; das Gefühl, in Ohnmacht zu fallen Schwindel, Unsicherheit Mundtrockenheit Schweißausbrüche Schluckbeschwerden Taubheitsgefühle, Kribbeln in den Fingern
Nach einer Panikattacke ist der Patient noch lange mit der Frage beschäftigt: Wann kommt der nächste Anfall? Es entwickelt sich dann eine „Angst vor der Angst“ (siehe Seite 76). So wird die Angst zu einem ständigen Begleiter. Auch wird der Patient dazu verführt, seinen Körper immer zu beobachten: Schlägt mein Herz noch richtig? Funktioniert mein Körper noch normal? Bin ich belastungsfähig? Kann
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ich mir dies oder das noch zumuten? So kommt es zu einer Selbst-Beobachtung, die einengend und schädlich ist. Selbst kleine Veränderungen im Körper, die täglich vorkommen können und völlig unbedeutend sind, können Auslöser für eine neue Panikattacke werden. So entsteht ein Teufelskreis:
körperliche Beschwerden bewirken Angst
Angst erhöht den Herzschlag
Angst verstärkt sich
KREISLAUF DER ANGST
weitere Verstärkung der Angst
Herzschlag und andere Angstsymptome werden stärker
Nach jeder Panikattacke verstärkt sich die Angst vor der Angst (bzw. vor dem nächsten Angstanfall). Viele Patienten schränken in einem solchen Zustand ihre Aktivitäten ein: Das Vermeidungsverhalten soll erneute Panikattacken verhindern – aber in dem Fall sucht sich die Angst neue Auslöser. Es entstehen dann immer mehr Möglichkeiten, einen Angstanfall zu erleiden. Die Unsicherheit
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beim Patienten wächst. Er traut sich gar nichts mehr zu. Manche Patienten merken in diesem Stadium, dass Beruhigungstabletten oder Alkohol die Angst vermindern können. Dann kommt es bald zusätzlich zur Abhängigkeit. Wenn die Betroffenen daraufhin versuchen, den Alkohol oder das Medikament wegzulassen oder zu reduzieren, kommen Entzugserscheinungen dazu, die wiederum Angst auslösen. Aus diesem Teufelskreis kommt der Patient ohne ärztliche Hilfe nicht mehr heraus. Beispiel 1: Ein 38-jähriger Mann stellt sich bei mir vor. Er ist Kaufmann, verheiratet, hat drei Kinder. Angeblich bestehen keine familiären Konflikte, lediglich zu viel berufliche Belastung, er würde aber seinen Beruf gerne ausüben. Dann berichtet er aber, dass seine Mutter, die er sehr geliebt hat, vor drei Wochen an Krebs verstorben ist; sie habe immer Bauchschmerzen gehabt und sehr leiden müssen. Seit einigen Wochen hat der Patient nun auch ständig Bauchschmerzen, Schlafstörungen und dazu quälende Ängste, ebenfalls krebskrank zu sein. Er wurde mehrmals nach allen Regeln der Kunst untersucht, kann aber nicht glauben, dass er organisch gesund ist. Nun ist er völlig verzweifelt, weil er vor acht Tagen, mitten bei der Arbeit, „aus heiterem Himmel“ eine Panikattacke bekam: plötzlich Herzrasen, Herzstolpern, Atemnot, Schwindel, Bauchschmerzen, Brechreiz, Kribbeln in
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den Beinen und Händen, kalter Schweiß auf der Stirn, Zittern am ganzen Körper. Er dachte, das sei das Ende. Es wurde der Notarzt gerufen, er kam in die Klinik, erhielt Beruhigungsspritzen, wurde wieder untersucht: kein pathologischer Befund. Jetzt beschäftigte ihn vor allem die Angst vor der Angst: vor einem erneuten Angstanfall. Und der kam, mehrmals – er wurde deswegen viermal stationär eingewiesen und ist dort inzwischen „ein alter Bekannter“. Er merkte, dass er in der Klinik wohl nicht mehr ernst genommen wurde, was ihn zusätzlich kränkte und belastete – aber dies war letztlich für ihn die Motivation, einen Psychotherapeuten aufzusuchen, was ihm nicht leicht fiel … In den Gesprächen wird deutlich, dass eine Trennungsangst zur Mutter vorliegt, die durch das lange und schwere Leiden der Mutter aktiviert worden ist. Er berichtet, dass er schon als kleiner Junge Angst hatte, die Mutter zu verlieren. Und die Mutter schildert er auch als ängstlich und sensibel. Er half ihr immer im Haushalt und war der „Lieblingssohn“ der Mutter. Seine zwei Brüder spielten lieber Fußball, sie gingen auch relativ früh aus dem Haus und behielten nur eine lockere Bindung an die Eltern bei. Sein Vater war selbständiger Handwerker. Der Patient sagt, er habe nie den Ansprüchen des Vaters genügt: „Er war nie stolz auf mich.“ Der Vater habe gesagt, er sei „kein richtiger Junge“. Es gab auch viel Streit zwischen den Eltern. Da habe sich die Mutter oft „bei ihm ausgeheult“.
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Beurteilung: Durch die ungünstige Konstellation in seiner Ursprungsfamilie kam es zu einer engen Bindung an die Mutter, die ihn in emotionaler Hinsicht als Ersatzpartner missbrauchte. Der Sohn konnte sich in der Pubertät nicht mit dem Vater identifizieren, die Bindung zur Mutter wurde verfestigt. Als die Mutter todkrank wurde, überfielen ihn Trennungs- und Verlustängste, die sich zu Panikattacken steigerten, wobei die körperlichen Auswirkungen überwogen. Diese Zusammenhänge mussten besprochen werden. Seine Aufgabe ist es nun, die Mutter loszulassen. Anfangs hat er starke Schuldgefühle dabei – doch das sind falsche Schuldgefühle! Ihm wird schließlich bewusst, dass seine Mutter ihn ebenfalls hätte loslassen müssen, als er ein junger Mann war. Sie hätte vor ihm nicht den Vater schlecht machen dürfen. Es ist wichtig, dass er bereit ist, ihr zu vergeben. Ihm wird bewusst, dass seine Ängste auch mit Kindlichkeit und Abhängigkeit zu tun haben. Er muss nun erwachsen werden, das heißt Verantwortung übernehmen – für sich und seine Familie – Entscheidungen treffen, Ehemann und Vater sein. Ihm wird klar, dass er seine Eltern nicht für seine Situation verantwortlich machen darf, sondern sich nur selbst ändern kann. Das ist seine Lebensaufgabe. Der Patient weint lange. Es ist ein Abschiednehmen in mehrfacher Hinsicht. Ich verschreibe ihm auch Medikamente zur Schlafförderung und Antidepressiva zur Angstminderung.
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Der Patient hat schließlich „die Kurve gekriegt“, er hat heute keine Angststörungen mehr und braucht auch keine Medikamente mehr.
2.2 Die Agoraphobie Der Begriff Agoraphobie wurde ursprünglich als Bezeichnung für Ängste vor offenen Plätzen gebraucht. Heute wird dieser Ausdruck erweitert angewendet: Angst vor Menschenmengen oder die Schwierigkeit, sich an einen sicheren Platz zurückziehen zu können. Eigentlich ist es die Angst, das eigene Haus zu verlassen – nur hier fühlen sich die Betroffenen sicher. Sie scheuen sich, Geschäfte oder ein Restaurant zu betreten oder in einem Zug, Bus, Auto oder Flugzeug zu reisen. Besonders ohne Begleitung zu reisen, Fahrstühle zu benutzen, an einer Schlange anzustehen oder über eine Brücke zu fahren oder zu gehen, ist ihnen fast nicht möglich. Sie meiden Veranstaltungen sowie Versammlungen und gehen nicht ohne Begleitung spazieren oder im Wald wandern, damit sie immer jemand „im Notfall retten“ kann. Einige Betroffene verlassen ihr Zuhause überhaupt nicht mehr. Viele Patienten haben Angst, in Ohnmacht zu fallen oder unterwegs ohne ärztliche Hilfe zu sein, sie klagen über Schwindel,
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Brechreiz, Herzjagen. Ein wichtiges Zeichen ist die Befürchtung, keinen „Fluchtweg“ zur Verfügung zu haben, deshalb setzen sich Betroffene in einem Raum in die Nähe der Ausgangstür. Oft haben die Patienten gleichzeitig auch depressive oder zwanghafte Symptome. Für eine Diagnose müssen folgende Zeichen vorhanden sein: 1. Die psychischen und vegetativen Symptome müssen durch die Angst hervorgerufen sein und nicht durch andere psychische Erkrankungen. 2. Die Angst tritt entweder in Menschenmengen, auf öffentlichen Plätzen oder bei Reisen mit weiter Entfernung von zu Hause auf. 3. Das Vermeidungsverhalten muss ein entscheidendes Symptom sein. Die Agoraphobie kann ohne oder (in etwa 60 Prozent der Fälle) mit Panikstörung auftreten. Beispiel 2: Ein 53-jähriger Mann kommt zur stationären Aufnahme zur Entgiftung bei Benzodiazepin-Entzug nach langjähriger Abhängigkeit. Er hat seit 27 Jahren wegen plötzlich aufgetretener Platzangst Beruhigungs-Medikamente eingenommen. Am besten haben Tafil und Tavor geholfen. Im Laufe der Zeit konnte er ohne diese Tabletten seinen Dienst als Handwerker nicht mehr verrichten.
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Die Platzangst äußert sich durch Herzrasen, Zittern der Hände, Schweißausbrüche, wenn er sich in einer Menschenmenge aufhält oder sich viele Menschen in abgeschlossenen Räumen befinden, oder wenn er eine Wanderung in den Wald unternehmen will – das geht allein überhaupt nicht, in Begleitung nur ein Stück vom „sicheren Ort“ entfernt. Zur Vorgeschichte: Der Vater des Patienten war plötzlich bei einem Verkehrsunfall gestorben, als der Patient 26 Jahre alt war. Drei Wochen danach trat die Platzangst erstmalig auf. Er kümmerte sich in der nächsten Zeit besonders um die Mutter, die unter dem Verlust des Ehemannes sehr litt. Der Patient blieb im elterlichen Haus wohnen und versorgte Haus und Garten und unterstützte die Mutter in jeder Hinsicht. Den Patienten beschlich oft die Angst, dass er nach dem Vater auch die Mutter verlieren könnte. Dies hielt ihn davon ab, eine eigene Familie zu gründen. Er wohnt noch heute bei seiner Mutter. Die Trennungs- und Verlustangst sowie die Angst vor dem Tod haben ihn sein ganzes Leben lang begleitet und in die Tablettenabhängigkeit getrieben. Seit der stationären Entgiftung und einer ambulanten Psychotherapie braucht er keine Medikamente mehr. Allerdings ist nicht jede Therapie so erfolgreich: Viele Patienten müssen ihr Leben lang Medikamente einnehmen. was aber an der Erkrankung und keinem persönlichen Versagen liegt.
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2.3 Die soziale Phobie Hier handelt es sich um die Angst vor anderen Menschen. Die Betreffenden haben Angst vor Ablehnung und vor prüfender Beobachtung und das meist vor Gruppen. Dies führt dazu, dass die Betroffenen soziale Situationen vermeiden. Häufig scheuen sie gemeinschaftliches Essen oder Sprechen in der Öffentlichkeit. Manche haben Hemmungen beim Kennenlernen von Menschen des anderen Geschlechts und meiden jeden Kontakt. In der Regel haben die Betroffenen ein geringes Selbstwertgefühl, leiden an übertriebener Schüchternheit und haben Angst vor jeder Kritik. Sie klagen oft darüber, dass sie schnell erröten, ihnen die Hände zittern und sie häufig zur Toilette gehen müssen. Sie bleiben Feiern und anderen Zusammenkünften lieber fern. Durch das Vermeiden jeglicher sozialer Kontakte kommt es zu einer sozialen Isolierung und einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität. Die Patienten werden unfähig, zur Arbeit zu gehen und haben Angst vor Qualifizierung und einer leitenden Tätigkeit. Sie wollen auf keinen Fall im Mittelpunkt stehen und schränken sich lieber enorm ein. Die soziale Phobie beginnt häufig schon im Kindes- und Jugendalter oder im jungen Erwachsenenalter. Dadurch sind wichtige soziale Aufgaben, wie Schulabschluss, Berufsausbildung, Partnerschaft,
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