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Bündnis des Todes II

Deutschlands Bündnisse mit dem Osmanischen Reich und der Völkermord an den Armeniern

Rosemarie Stresemann

Christliche Kommunikation und Verlagsgesellschaft mbH Lübeck

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ISBN 978-3-86098-207-5 © 2014 beim Herausgeber: Christen an der Seite Israels e.V. Ehlener Str. 1 34289 Zierenberg Germany www.israelaktuell.de Alle Rechte vorbehalten. Die Übersetzung, Vervielfältigung, Speicherung oder Weitergabe dieses Buches in jedweder elektronischer, mechanischer, photo- oder tontechnischer Form ist, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers gestattet.

Bildnachweis des Umschlages: Hintergundbild: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/75/Marcharmenians.jpg. Portraitbild: Bildseite der Ansichtskarte Nummer 68, tituliert „Der neue Dreibund“ von der Dr. Haas‘sche Druckerei, Abteilung Tiefdruck, Mannheim; die Karte zeigt die Porträts der im Ersten Weltkrieg kriegsführenden und verbundenen Regenten Kaiser Wilhelm II. von Deutschland, Franz Joseph I. von Österreich und Sultan Mehmed V. Reşad (Ghazi Mohammed Reschad Chan V.) des Osmanischen Reiches und Kalif der Osmanen, alle drei jeweils mit ihren Wappen. Ca. 1915. Scan vom Original: Bernd Schwabe in Hannover http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dr._Haas%27sche_Druckerei_Abt._Tiefdruck_Mannheim_PC_0068_Der_neue_ Dreibund_Bildseite_Kaiser_Wilhelm_II._von_Deutschland_Franz_Joseph_I._von_%C3%96sterreich_Sultan_Mehmet_V. jpg?uselang=de.

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Inhalt Vorwort

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Es geht um die Aufarbeitung von Schuld

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Zur Einführung

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Wer sind die Armenier?

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Das Osmanische Reich und die europäischen Großmächte

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Der Berliner Kongress 1878 und seine Folgen für den Schutz der Armenier 11 Deutschland missachtet seine Verpflichtungen

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Deutschlands Bündnis mit einer islamischen Großmacht – Schutz für die Muslime

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Kaiser Wilhelm II. und seine Hochachtung für den Islam

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Deutschlands Machtinteressen bestimmen die Politik

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Die Bagdadbahn – Deutschlands wirtschaftlicher Einfluss wächst

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Das Freundschaftsbündnis und seine Auswirkungen

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Die deutschen Militärmissionen im Osmanischen Reich

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Geheimes Militärbündnis zwischen Deutschland und der Türkei

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Der erste deutsche Dschihad-Plan

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Die Auswirkungen der militärischen Verflechtungen zwischen Deutschland und dem Osmanischen Reich

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Der Einfluss der Rassentheorie

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Die Stellung der deutschen Kirchen

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Pfarrer Lepsius (1858–1926)

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Protestantismus und Nationalismus – eine widergöttliche Einheit

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Die Jungtürken – Geheimbund und Freimaurer

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Die Ideologie der Jungtürken

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Das Triumvirat der Jungtürken im Bund mit Deutschland

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Die Vertreibung und Vernichtung der Armenier

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Vertreibung und Umsiedlung ins Nichts

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Vernichtung per Gesetz

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Vor den Augen der Öffentlichkeit

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Über die Vernichtung wird Buch geführt

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Das Auswärtige Amt als Mitwisser und Protokollant des Völkermords

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Die geplante Vernichtung der Juden – Deutschland demonstriert seinen Einfluss

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Deutschland interveniert und zeigt seine Möglichkeiten

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Kriegsende – die Verantwortlichen fliehen nach Berlin

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Operation Nemesis – Rache in Berlin

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Hitlers Ermutigung

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Die Leugnung des Völkermords in der Türkei

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Umgang der Bundesregierung mit der Schuld Deutschlands an den Armeniern

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Resolution des Bundestags 2005

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Der hundertste Jahrestag 24. April 2015

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Mögliche Schuldebenen

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Literaturverzeichnis

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Vorwort Am 24. April 1915 ließ die jungtürkische Regierung fast die gesamte armenische Oberschicht in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, verhaften und deportieren. Die 2345 armenischen Politiker, Künstler, Journalisten und Unternehmer wurden später – bis auf zwölf Ausnahmen – ermordet. In den folgenden Monaten trieben türkische Gendarmen, Polizisten und Spezialeinheiten fast alle Armenier des Osmanischen Reiches in Konzentrationslagern zusammen. Viele wurden auf Todesmärsche nach Süden geschickt, direkt in die syrische Halbwüste, in eine von Hungersnöten gekennzeichnete Region – in das Nichts. Dort starben sie auf qualvolle Art und Weise, wenn sie nicht schon vorher ausgeplündert, verhungert oder an Seuchen (Typhus, Dysenterie, Cholera) zu Grunde gegangen waren. Bis zu einer Million Menschen starben nach Schätzung der deutschen Botschaft Konstantinopel auf den Todesmärschen, insgesamt etwa 1,5 der zwei Millionen türkischen Armenier. Da nicht alle Menschen nach Auffassung der jungtürkischen Regierung rasch genug an diesen Qualen zu Grunde gingen, wurden die noch in Konzentrationslagern verbliebenen Menschen ab Frühjahr 1916 durch Massaker liquidiert. Tausende wurden bei lebendigem Leib verbrannt oder starben an Erstickung. Man trieb die Menschen in erdölhaltige Höhlen, die dann in Brand gesetzt wurden. Vor anderen Höhleneingängen errichtete man riesige Scheiterhaufen, die in Brand gesetzt wurden, was dann zum Ersticken der Eingesperrten führte. Damals bezeichneten europäische Publizisten diese Massaker als „Holocaust“. Der Begriff galt seit 1895 bis in die 1920er Jahre als Synonym für die Christenverfolgungen bzw. -vernichtungen im Osmanischen Reich. Für die Armenier ist der 24. April (11. April alten Stils) der Tag des Gedenkens an diesen Völkermord. 2015 jährt er sich zum hundertsten Mal. Nach meinen Recherchen gibt es einen inneren Zusammenhang zwischen dem Völkermord an den Armeniern und der Shoah, der in dem Freundschaftsbündnis mit der Türkei begründet liegt, das Kaiser Wilhelm II. 1898 abschloss. Kurz zuvor hatte Theodor Herzl noch den Kaiser während seiner Orientreise

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aufgesucht und ihm seine Idee eines autonomen Judenstaates im Osmanischen Reich unter deutscher Schutzherrschaft unterbreitet. Der Kaiser entschied sich dagegen und wählte stattdessen, sich mit einer islamischen Großmacht zu verbünden und Schutzherr von „300 Millionen Mohammedanern“ zu werden. Die Auswirkungen dieses Bündnisses brachten Millionen Menschen den Tod – zuerst Christen und später Juden! Deswegen nenne ich dieses Bündnis ein „Bündnis des Todes“. Könnte es sein, dass mit diesem Bündnis ein Segensplan Gottes für unsere Nation verworfen wurde? Dieses Buch ist der Nachfolgeband zu der im November 2011 veröffentlichten Schrift: Bündnis des Todes – Wie sich Nationalsozialismus und Islamismus Deutschland verbündeten und gemeinsam den Holocaust planten.1

in

Im Verlauf weiterer Recherchen stieß ich auf den Völkermord an den Armeniern und anderen Christen osmanischer Staatszugehörigkeit – insgesamt über drei Millionen – und erkannte, dass das Bündnis des Kaisers sich schon vor seinen Auswirkungen im Nationalsozialismus todbringend an Millionen von Christen gezeigt hatte.2 Meine erste Begegnung mit dem Schmerz des armenischen Volkes geschah durch Musik. In einem Lokal hatte ich im Hintergrund eine Musik gehört, die mein Herz berührte. Ich besorgte mir die CD3 und stellte fest, dass es die Duduk war, die mir in den klagenden Melodien den Schmerz des armenischen Volkes vermittelte. 1 Ausführlich dazu in Rosemarie Stresemann, Bündnis des Todes – Wie sich Nationalsozialismus und Islamismus in Deutschland verbündeten und gemeinsam den Holocaust planten, Zierenberg 2011. Diese Schrift ist erhältlich bei Christen an der Seite Israels e.V., Ehlener Str. 1, 34289 Zierenberg, www.israelaktuell.de 2 Zu den erwähnten Zahlen siehe auch: http://honorarkonsulat-armenien.de/voelkermord.htm. 3 Lévon Misassian & Armand Amar: songs from a world apart, harmonia mundi.

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Von den Verbrechen an Armeniern hatte ich viele Jahre zuvor in dem Roman von Franz Werfel Die vierzig Tage des Musa Dagh gelesen. Nun hörte ich ihren Schmerz. Es sollten jedoch noch viele Jahre vergehen, bis ich mich eingehender mit diesem Thema beschäftigte, um die vorliegenden Ausführungen zu schreiben. Mein leitendes Interesse an den geschichtlichen Recherchen war die Frage nach der Schuld Deutschlands. Um es vorweg zu nehmen: Es gibt eine Mitschuld Deutschlands an dem Völkermord an den Armeniern. Deutschland war im Jahr 1915 schon seit längerem mit der Türkei verbündet gewesen und hätte Möglichkeiten gehabt, gegen diesen Völkermord vorzugehen und ihn so möglicherweise zu stoppen. Aus egoistischen, nationalen Interessen kam es aber nicht dazu. Noch vor dem Holocaust an den Juden wurde bei der ersten systematischen Ausrottung der Armenier versucht, ein ganzes Volk zu vernichten. Obwohl die Armenier Angehörige eines der ältesten christlichen Völker sind, blieb der deutsche Kaiser Wilhelm II., der sich selbst als gläubiger Protestant ansah, lieber Schutzherr über 300 Millionen Mohammedaner, statt seinen eingegangenen Verpflichtungen gegenüber den Armeniern nachzukommen. Er griff bei ihrer Vernichtung nicht ein.

Es geht um die Aufarbeitung von Schuld Ich schreibe nicht als Historikerin oder Juristin, denn das bin ich nicht. Ich schreibe als Christin und möchte mit dieser Schrift aufzeigen, in welchen Dimensionen wir gemäß des Wortes Gottes an diesem Völkermord mitschuldig geworden sind. Ich glaube zutiefst, dass Schuld vergeben werden kann. Gott macht uns in Jesus Christus das Angebot, unsere Schuld zu vergeben. Dazu ist es aber notwendig, sie genau zu benennen und vor Gott und Menschen zu bekennen. Echte Versöhnung zwischen Einzelnen oder Völkern ist nur durch ehrliches Bekennen und Vergebung möglich. Geistlich gesehen verjährt Schuld nicht. Rechtlich trifft das auch bei Nichtverjährung für Genozid und andere Verbrechen gegen die Menschheit zu.

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2015 ist ein wichtiges Jahr: 70 Jahre sind dann nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen, 70 Jahre sind vergangen nach der Befreiung von Auschwitz und es wird 100 Jahre her sein, dass der Völkermord an den Armeniern begonnen hatte. Während die Bundesregierung sich öffentlich zur Schuld der Ermordung von ca. sechs Millionen Juden bekennt, versucht sie bis heute die Mitschuld Deutschlands an der Vernichtung der Armenier klein zu halten, indem sie den Begriff „Völkermord“ vermeidet. Dies geschieht mit Rücksicht auf die Türkei, die bis heute den Völkermord und alle damit verbundenen Greuel abstreitet und jeden, der anderes behauptet, bis 2008 mit Gefängnis bedroht hat. Wenn sich Historiker vielleicht über dieses oder jenes geschichtliche Detail und seine Bewertung streiten mögen, geht es mir bei der geistlichen Aufarbeitung von Schuld jedoch darum, so deutlich wie möglich Schuldaspekte herauszuarbeiten. Wenn wir Vergebung bei Gott erhalten wollen, muss Schuld beim Namen genannt werden. Darum werde ich mich in dieser Schrift bemühen. Eine Anmerkung zu dem Begriff „christlich“: Ich werde immer wieder den Begriff „christliche Völker“, eine „christliche Nation“ gebrauchen. Ich bin mir darüber im Klaren, dass dieser Begriff für Bibelkenner nicht haltbar ist. Ich gebrauche ihn hier nur als einen geschichtlichen Begriff, der gebraucht wird, um anzuzeigen, welche Religion die Menschen eines Landes geprägt hat und zu welcher Religion sie sich zugehörig fühlen. Aus dieser Selbstbezeichnung ergeben sich allerdings meines Erachtens auch Verpflichtungen, in diesem Sinne zu handeln. Dies wiederum ist von Relevanz in Bezug auf die Schuldfrage. Rosemarie Stresemann, Berlin im September 2014

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Zur Einführung Um die Schuld Deutschlands an dem Völkermord zu verstehen, ist es notwendig, tiefer in die Geschichte des Osmanischen Reichs und Europas einzutauchen. Es sind teilweise komplexe Zusammenhänge zu durchleuchten, die verschiedene Aspekte der Schuld Deutschlands beinhalten. Um den gesamten Zusammenhang zu verstehen und dann auch die Schuld Deutschlands darin zu erkennen, arbeite ich wichtige Aspekte auf und stelle sie damit in den Gesamtzusammenhang. Zum Schluss stelle ich die Frage: Was sind die hauptsächlichen Schuldebenen? Ich führe die relevanten Punkte dann gesammelt auf.

Wer sind die Armenier? Die Armenier sind schon sehr früh noch durch die ersten Apostel mit dem Christentum bekannt gemacht worden. Die Armenische Apostolische Kirche ist daher auch eine der ältesten „eigenberechtigten“ (sui juris) Kirchen, denn sie beansprucht apostolische Gründung. Ihr König gründete den ersten christlichen Staat im 4. Jahrhundert. Mitte des 19. Jahrhunderts lebten ungefähr zwei Millionen Armenier im Osmanischen Reich und eine halbe Million im russischen Kaukasusgebiet. Im Osmanischen Reich wohnten die meisten Armenier in Dörfern Ostanatoliens. Als Christen führten sie ein Leben als Geduldete innerhalb des islamischen Herrschaftsgebietes, d. h. sie waren keine gleichberechtigten Bürger. Sie waren als Staatsangehörige minderwertig, durften keine Waffen tragen und hatten viel höhere Steuern zu errichten als die islamisch-türkische Bevölkerung im Osmanischen Reich. Nun war das Steuersystem im Osmanischen Reich nicht mit einem deutschen Steuersystem zu vergleichen. Es diente im Wesentlichen dazu, einzelne mächtige Beamte (Paschas) reich zu machen, die die Oberaufsicht über einen Regierungsbezirk hatten. Waren die Steuern dann mit Hilfe von Gewalt eingetrieben,

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wurden die Armenier noch von den Kurden und Tscherkessen ausgeplündert. Der größte Teil des armenischen Gebiets der Türkei lag an den Abhängen der Gebirgsketten, die sich vom Ararat her westwärts ziehen. Auf den östlichen Gebirgshöhen wohnten die Kurden und weiter westlich die Tscherkessen – islamische Hirtenstämme, die ihr Eigenleben als kriegerische Nomaden auch unter osmanischer Herrschaft nicht aufgegeben hatten. Sie raubten den Bauern das Vieh und erpressten auch andere Abgaben. Während ca. 80 % des armenischen Volkes als Kleinbauern und Handwerker daher ein recht ärmliches Leben lebten, gab es andere, die im Handel sehr erfolgreich waren als Kaufleute, Bankiers etc. Ein Teil der Armenier gehörte zu einer erfolgreichen, gebildeten Schicht, die einen weit verzweigten Handel trieb und meist in Istanbul oder anderen größeren türkischen Städten lebte. Bedeutende armenische Firmen unterhielten ihren Hauptsitz zum Teil auch in europäischen oder amerikanischen Großstädten. Handelsbeziehungen in andere europäische Länder verschafften ihnen Reichtum und weckten den Neid der türkischen Bevölkerung.

Das Osmanische Reich und die europäischen Großmächte Im 19. Jahrhundert verlor das vormals mächtige Osmanische Reich an Einfluss. Es war hoch verschuldet und die europäischen Großmächte wie Österreich, Frankreich, England und Russland sahen unterschiedliche Möglichkeiten, wie sie ihre eigene Macht und ihre Gebiete durch die Schwäche des Osmanischen Reiches vergrößern könnten. Besonders Russland sah eine Chance, seinen Machteinfluss in Europa durch Eroberung von Gebieten zu vergrößern. Die Ideen der französischen Revolution bewirkten Unruhen und Aufstände in den europäischen Teilen des Osmanischen Reiches, die ihre Unabhängigkeit und nationale Eigenständigkeit forderten. Russland führte zur Unterstützung der christlichen Aufständischen einen Krieg 1877/78 gegen das Osmanische Reich, dessen Armeen vernichtend geschlagen wurden. Ende Januar 1878 bat das Osmanische Reich um den Abschluss eines Friedensvertrages, der im März 1878 in dem Städtchen San Stefano unterzeichnet wurde. In diesem Vertrag wurde das 10


Osmanische Reich zu großen Zugeständnissen gezwungen und verlor seinen Einfluss auf Gebiete mit christlicher Bevölkerung in Europa. Es musste die Unabhängigkeit Rumäniens, Serbiens, Montenegros und Bulgariens anerkennen. Preußen war zu der Zeit schon eine aufstrebende Weltmacht, hatte aber im Gegensatz zu den anderen Großmächten kein Interesse an Gebieten des Osmanischen Reiches. Das wurde in der weiteren Entwicklung wichtig, denn Preußen bot sich als Vermittler an.

Der Berliner Kongress 1878 und seine Folgen für den Schutz der Armenier Die dem Christentum zugehörigen Völker (Griechen, Serben, Mazedonier, Armenier, Bulgaren) waren unter der Herrschaft des Sultans im Osmanischen Reich der Willkür der Herrscherlaune ausgesetzt gewesen. Es hatte in der Vergangenheit wiederholt schwere Massaker an der christlichen Bevölkerung gegeben, wenn das Osmanische Reich seine Macht bedroht gesehen hatte. Daher beanspruchte Russland 1878 im Frieden von San Stefano weitreichende Schutzgarantien für das armenische Volk. Der Vertrag verpflichtete nun die türkische Regierung (auch „Hohe Pforte“ genannt), „ohne weiteren Verzug die durch örtliche Bedürfnisse in den von Armeniern bewohnten Provinzen erforderten Verbesserungen und Reformen ins Werk zu setzen und den Armeniern Sicherheit vor Kurden und Tscherkessen zu garantieren“. 4 Russland wollte sich erst nach Abschluss der erreichten Reformen aus den Gebieten zurückziehen. Dazu gehörten weite Teile Ostanatoliens, die, wie schon erwähnt, das Hauptsiedlungsgebiet der Armenier waren. Die Armenier hatten kein Interesse daran, unter russische Herrschaft zu kommen. Sie hofften auf Autonomie oder zumindest auf eine echte Verbesserung ihrer Lage im Osmanischen Reich.

4 Johannes Lepsius, Armenien und Europa, Berlin 1897, Seite 76 f, zitiert nach Jörg Berlin und Adrian Klenner (Hrsg.), Völkermord oder Umsiedlung? Das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich, Darstellung und Dokumente, Köln 2006, Seite 92.

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Russland kam allerdings nicht dazu, die Einhaltung der Verpflichtungen zu überwachen, denn der gesamte Friedensvertrag von San Stefano wurde auf Druck von Großbritannien und Österreich-Ungarn noch einmal neu ausgehandelt – diesmal in Berlin! Das 1871 gegründete Deutsche Kaiserreich hatte sich aus dem Streit um Besitzungen des Osmanischen Reiches im Balkangebiet bis jetzt herausgehalten. Deshalb war Berlin ein geeigneter neutraler Ort. Bismarck, der Außenminister des Deutschen Reiches, erwies diplomatisches Geschick in der Neuverhandlung des Friedensvertrages zwischen Russland und dem Osmanischen Reich. Teilnehmer des „Berliner Kongresses“ von 1878 waren Deutschland, Russland, das Osmanische Reich, Großbritannien, Frankreich, Italien und Österreich-Ungarn – alles konkurrierende Großmächte. Um einen drohenden Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Russland zu verhindern, wurde die neue Aufteilung der eroberten Balkangebiete in Europa noch einmal verändert und der Einfluss Russlands zurückgedrängt. Eine wichtige Veränderung betraf aber auch rechtliche Verbesserungen für das armenische Volk und dessen Schutz: England hatte schon im Juni 1878 ein Verteidigungsbündnis mit der Türkei gegen Russland abgeschlossen und konnte dafür Zypern pachten. Der Schutzauftrag Russlands über die Armenier passte da nicht ins englische Konzept. Der Schutzartikel aus dem Vertrag von San Stefano wurde auf Vorschlag Englands durch die gemeinsame Bürgschaft aller den Vertrag unterzeichnenden Großmächte (Russland, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Österreich-Ungarn) ersetzt. Deutschland war Partei des Vertrages und daher auch Bürge. „Die Hohe Pforte“ wurde verpflichtet, sofort Verbesserungen und Reformen für die Armenier einzuleiten und für ihren Schutz zu sorgen. Die türkische Regierung sollte über diese Maßnahmen in bestimmten Zeitabschnitten einen Bericht abliefern und darüber wachen, dass ihre beschlossenen Maßnahmen auch vor Ort durchgeführt wurden. Was passieren sollte, wenn das nicht eingehalten wurde, war nicht festgelegt.

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Durch seine Vertragsunterschrift hatte sich Deutschland daher eigentlich zu einem Mitschutz für die Armenier verpflichtet. Russland war nicht mehr alleinige Schutzmacht.Mit dem Berliner Vertrag begann allerdings die tatsächliche absolute Schutzlosigkeit der im Osmanischen Reich verbliebenen Armenier.

Deutschland missachtet seine Verpflichtungen Sultan Abdülhamid II. hatte überhaupt kein Interesse daran, die von den europäischen Großmächten geforderten Reformen in den armenischen Provinzen durchzuführen. Eigentlich hätten die Armenier ein gewisses Maß an Selbstverwaltung bekommen sollen, doch stattdessen wurde mit organisierter Gewalt versucht, die Armenier durch Massaker zu schwächen und einzuschüchtern. Plünderungen, Überfälle, Vergewaltigungen und Massenmorde nahmen ein unglaubliches Ausmaß an, so dass in den Jahren 1895/96 mehr als 100.000 Armenier ermordet wurden. Diese Greueltaten wurden später die „Hamidischen Massaker“ genannt. Die Überfälle liefen auch vor europäischen Augenzeugen ab, die wegen des einheitlichen Ablaufs der Massaker in den größeren Städten zu der Überzeugung kamen, dass die Übergriffe nach einem Plan abliefen und vom Sultan selber angeordnet worden wären. „1895 wurden Stadtviertel, Kirchen, Häuser, Dörfer und Gehöfte der Armenier vor aller Augen überfallen, geplündert und verwüstet und abgebrannt. Metzelein fanden auf offenem Markt statt. Die Behörden griffen nur in wenigen Fällen ein, um den Ausbruch der Gewalt zu unterbinden. Wo sie die Massaker jedoch verhindern bzw. beenden wollten, gelang dies ohne besondere Schwierigkeiten.“5 In der Kathedrale von Urfa wurden mehrere tausend Armenier bei lebendigem Leibe verbrannt! „Kinder wurden vor den Augen ihrer Eltern aufs grausamste getötet, schwangeren Frauen ward vor den Augen ihrer Männer der Leib aufgeschlitzt, Männer wurden erst infam verstümmelt, ehe man sie mordete. 5 Berlin und Klenner, a. a. O., Seite 33.

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