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Gracia Burnham / Dean Merrill

Im Angesicht meiner Feinde Ein Jahr Geiselhaft auf den Philippinen

Christliche Literatur-Verbreitung e.V. Postfach 11 01 35 ¡ 33661 Bielefeld


Falls nicht anders vermerkt, sind die Bibelzitate der Elberfelder Übersetzung 2003, Edition CSV Hückeswagen, entnommen.

In the Presence of My Enemies, German Copyright © 2003 by Gracia Burnham German edition published with permission of Tyndale House Publishers, Inc. All rights reserved. 1. Auflage 2015 (CLV) (leicht gekürzte Ausgabe; früher erschienen im Verlag Gerth Medien, Aßlar) © der deutschen Ausgabe 2015 by CLV Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Übersetzung: Eva Weyandt, Hermann Grabe Satz: CLV Umschlag: typtop, Andreas Fett, Meinerzhagen Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Bestell-Nr. 256.270 ISBN 978-3-86699-270-2


Dieses Buch ist Ihnen gewidmet. Wenn Sie für Martin und mich während unserer Gefangenschaft gebetet haben, auch wenn es nur ein einziges Mal gewesen ist, dann fühlen Sie sich bitte angesprochen. Ihre Gebete haben dazu beigetragen, dass ich diese Zeit lebend überstanden habe und unsere Geschichte jetzt erzählen kann. Ich möchte zu einem Menschen werden, der aufrichtig betet und Anteil nimmt am Schicksal anderer, die leiden. Wir brauchen einander, nicht wahr?


Inhalt Das »Who is who« der Kidnapper Das »Who is who« der Geiseln Glossar Einleitung Gefangen im Morgengrauen Ein schöner Anfang Ein besonders netter Junge Neulinge Kleinkinder und Flugverkehr Die Gefahren von Palawan Krankenhaus des Schreckens Die Drohung Zurückgelassen Umzingelt Ein Lied im Dschungel Gerechtigkeit oder Erbarmen? Der 11. September Zeit der »Zwangsehen« Das Päckchen Stille Nächte So nahe Endlich Lösegeld! Ein regnerischer Nachmittag In der Botschaft Nach Hause Reflexionen Anhang: Aber Gott hat alles gut gemacht Über die Autoren Abkürzungen

8 11 17 19 20 40 48 60 74 86 98 114 128 138 150 165 180 194 210 221 233 247 261 277 293 309 317 351 352


Das »Who is who« der Kidnapper Unter den Dutzenden von Mitgliedern der Abu Sayyaf, die die Burnhams zu unterschiedlichen Zeiten während ihrer Geiselhaft bewacht haben, waren diese die bekanntesten: »Moktar«, »Abu Moktar« Zivilname: Khadafi Abubakar Janjalani Rolle in der Gruppe: Führer der gesamten Abu Sayyaf (nach der Ermordung seines älteren Bruders, des Begründers der Gruppe im Jahr 1998), Ende zwanzig, wirkte jedoch jünger, ruhig, vorübergehend »verheiratet« mit Reina Einsatzdauer: Er nahm die Geiseln bei ihrer Ankunft auf Basilan am 31. Mai 2001 in Empfang und verließ sie Ende September 2001. »Musab«, »Abu Musab« Zivilname: Isnilon Totoni Hapilon Rolle in der Gruppe: stellvertretender Kommandeur der Abu Sayyaf, mit geringen englischen Sprachkenntnissen, streng, eigensinnig, zuletzt »verheiratet« mit Ediborah Einsatzdauer: von Anfang an bis Anfang Mai 2002 »Omar«, »Abu Omar« Zivilname: Bakkal Hapilon Rolle in der Gruppe: Bruder von Musab, nahm schließlich Sheila für sich, »heiratete« sie aber nicht formell Einsatzdauer: Er nahm die Geiseln bei ihrer Ankunft am 31. Mai 2001 auf Basilan in Empfang und blieb bis Anfang 2002.

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»Sabaya«, »Abu Sabaya« Zivilname: Aldam Tilao Rolle in der Gruppe: Mediensprecher, Verhandlungsführer bei den Gesprächen mit der Regierung, charismatische Ausstrahlung, sehr gute Englischkenntnisse, schließlich »verheiratet« mit Angie Einsatzdauer: Er blieb fast die ganze Zeit bei den Geiseln. »Solaiman« Zivilname: Jainal Antel Sali jun. Rolle in der Gruppe: wichtigste Bezugsperson für die Geiseln während der ersten drei Monate aufgrund seiner Bildung und seiner englischen Sprachkenntnisse, Ende dreißig, arbeitete früher als Ingenieur und stammte aus einer sehr wohlhabenden Familie Einsatzdauer: von Anfang an bis Ende September 2001 »Mang Ben« Rolle in der Gruppe: erster Führer der Untergruppe der Burnhams, groß, schmal, stattliche Erscheinung, Ende dreißig Einsatzdauer: von Beginn der Geiselnahme an, bis er in den kämpferischen Auseinandersetzungen im Juli 2001 ums Leben kam »Hurayra« Zivilname: Jumadil Arad Rolle in der Gruppe: verhielt sich den Burnhams gegenüber sehr freundlich, Mitte zwanzig Einsatzdauer: von Anfang an bis Ende September 2001 (mit einer Unterbrechung gegen Ende dieser Zeit) »Moghira« Rolle in der Gruppe: Untergruppenführer, »heiratete« schließlich Fe Einsatzdauer: Er nahm die Geiseln bei ihrer Ankunft auf Basilan am 31. Mai 2001 in Empfang und verschwand am Silvesterabend 2001.

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»Sakaki« Rolle in der Gruppe: der erste Bewacher, der Gracia Burnham zugeteilt wurde Einsatzdauer: von der Ankunft auf Basilan an, bis er im Juli 2001 einfach verschwand »Bro«, »Kosovo« Zivilname: Alhamzer Limbong Rolle in der Gruppe: klassischer Kriegertyp, groß, muskulös, gut gebaut, stolz auf seine langen, lockigen Haare, nur geringe englische Sprachkenntnisse, aber bereit, sie einzusetzen Einsatzdauer: von Anfang an bis Ende September 2001 »Zacarias« Zivilname: Toting Craft Hanno Rolle in der Gruppe: Solaimans Assistent, fröhlich, Anfang zwanzig Einsatzdauer: Er gehörte zu den drei Männern, die die Burnhams gefangen genommen hatten, und verließ die Gruppe Ende September 2001 aus gesundheitlichen Gründen. Der Titel Abu bedeutet »Vater von«. Mang bedeutet »Onkel«. Neben den Abu Sayyaf gibt es auf den südlichen Philippinen noch folgende Widerstandsgruppen: – Islamische Befreiungsfront der Moros (MILF); – Nationale Befreiungsfront der Moros (MNLF). Moro ist eine ethnische Bezeichnung für muslimische Filipinos. Sie reicht mehrere Jahrhunderte zurück zu den Spaniern, die die Muslime in ihrem Land »Mohren« nannten.

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Das »Who is who« der Geiseln Gefangen genommen in der Dos-Palmas-Ferienanlage am 27. Mai 2001 Männer Martin Burnham Gefangenschaft: 1 Jahr, 11 Tage Kurzbeschreibung: amerikanischer Missionar aus Kansas, Pilot, 42 Jahre, verheiratet mit Gracia, Vater von drei Kindern Ende der Gefangenschaft: wurde am 7. Juni 2002 durch drei Schüsse getötet Francis Gefangenschaft: 20 Tage Kurzbeschreibung: Bankier, 50 Jahre, verheiratet mit Tess Ende der Gefangenschaft: wurde am 15. Juni 2001 nach einer Lösegeldzahlung freigelassen Chito Gefangenschaft: 38 Tage Kurzbeschreibung: Verkäufer bei einer Handyfirma, in den Dreißigern, verheiratet, Vater von drei Kindern Ende der Gefangenschaft: wurde am 3. Juli 2001 nach einer Lösegeldzahlung freigelassen Reggie Gefangenschaft: 7 Tage Kurzbeschreibung: ehemaliger Redakteur einer philippinischen Zeitung, stellvertretender Leiter einer Baufirma mit vielen staatlichen Aufträgen, Ende vierzig Ende der Gefangenschaft: wurde am 2. Juni 2001 nach einer Lösegeldzahlung freigelassen 11


Buddy Gefangenschaft: 7 Tage Kurzbeschreibung: Herausgeber eines Reisemagazins, verheiratet mit Divine Ende der Gefangenschaft: wurde am 2. Juni 2001 nach einer Verwundung zurückgelassen R. J. Gefangenschaft: 7 Tage Kurzbeschreibung: Buddys und Divines 8-jähriger Sohn Ende der Gefangenschaft: wurde am 2. Juni 2001 freigelassen Guillermo Sobero Gefangenschaft: 16 Tage Kurzbeschreibung: amerikanischer Bauunternehmer aus Kalifornien, 40 Jahre Ende der Gefangenschaft: wurde am 11. Juni 2001 enthauptet Sonny Dacquer Gefangenschaft: 6 Tage Kurzbeschreibung: Koch aus Dos Palmas Ende der Gefangenschaft: wurde zunächst zurückgelassen, dann am 1. Juni 2001 enthauptet Armando Bayona Gefangenschaft: 6 Tage Kurzbeschreibung: Sicherheitsbeamter aus Dos Palmas Ende der Gefangenschaft: wurde zunächst zurückgelassen, dann am 1. Juni 2001 enthauptet Eldren Gefangenschaft: 6 Tage Kurzbeschreibung: Sicherheitsbeamter aus Dos Palmas Ende der Gefangenschaft: wurde am 1. Juni 2001 zunächst zurückgelassen; überlebte einen missglückten Versuch, ihn zu enthaupten 12


Frauen Gracia Burnham Gefangenschaft: 1 Jahr, 11 Tage Kurzbeschreibung: amerikanische Missionarin aus Kansas, Anfang vierzig, verheiratet mit Martin, Mutter von drei Kindern Ende der Gefangenschaft: wurde am 7. Juni 2002 durch einen Schuss verwundet, konnte jedoch evakuiert werden Tess Gefangenschaft: 7 Tage Kurzbeschreibung: Frau von Francis, eine »Mutter« für Gracia während des Aufenthalts auf dem Boot, religiös und sehr liebevoll Ende der Gefangenschaft: wurde am 2. Juni 2001 freigelassen, um die Lösegeldzahlung für ihren Mann voranzutreiben Janice Gefangenschaft: 7 Tage Kurzbeschreibung: Mitarbeiterin von Chito, in den Zwanzigern, sehr lebensfroh Ende der Gefangenschaft: wurde am 2. Juni 2002 freigelassen, um die Lösegeldzahlung für Chito voranzutreiben Rizza Gefangenschaft: 7 Tage Kurzbeschreibung: Freundin von Reggie Ende der Gefangenschaft: wurde am 2. Juni 2001 nach einer Lösegeldzahlung freigelassen Divine Gefangenschaft: 7 Tage Kurzbeschreibung: Frau von Buddy, Mutter von R. J. Ende der Gefangenschaft: wurde am 2. Juni 2001 zurückgelassen, nachdem sie bei einem Feuergefecht verwundet worden war

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Angie Gefangenschaft: 5 ½ Monate Kurzbeschreibung: Schwester von Divine, Anfang dreißig; alleinstehend, arbeitete im Familienunternehmen mit (Reisemagazin) Ende der Gefangenschaft: Die Lösegeldzahlung erfolgte Ende August, freigelassen wurde sie jedoch erst am 15. November 2001. Letty Gefangenschaft: 7 Tage Kurzbeschreibung: chinesisch-philippinische Geschäftsfrau Ende der Gefangenschaft: wurde am 2. Juni 2001 freigelassen, um die Lösegeldzahlung für ihre Tochter und Nichte in die Wege zu leiten Kim Gefangenschaft: 20 Tage Kurzbeschreibung: Tochter von Letty, Teenager Ende der Gefangenschaft: wurde am 15. Juni 2001 nach einer Lösegeldzahlung freigelassen Lalaine Gefangenschaft: 38 Tage Kurzbeschreibung: Nichte von Letty, Teenager Ende der Gefangenschaft: wurde am 3. Juli 2001 nach einer Lösegeldzahlung freigelassen Fe Gefangenschaft: 5 ½ Monate Kurzbeschreibung: Tochter eines Fischers aus Palawan, 20 Jahre, Verlobte von Guillermo Ende der Gefangenschaft: Die Lösegeldzahlung erfolgte Ende August, freigelassen wurde sie jedoch erst am 15. November 2001.

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Frauen und Männer, die am 2. Juni 2001 im Krankenhaus von Lamitan als Geiseln genommen wurden Frauen Sheila Gefangenschaft: 5 ½ Monate Kurzbeschreibung: Krankenschwester, verheiratet, Mutter eines Sohnes Ende der Gefangenschaft: wurde am 15. November 2001 freigelassen Reina Gefangenschaft: 4 Monate Kurzbeschreibung: Krankenschwester, Anfang zwanzig, alleinstehend Ende der Gefangenschaft: wurde im September aufgrund einer Schwangerschaft freigelassen Ediborah Yap Gefangenschaft: 1 Jahr, 5 Tage Kurzbeschreibung: Oberschwester, Mutter von vier Kindern Ende der Gefangenschaft: wurde am 7. Juni 2002 durch einen Schuss getötet Mann Joel Gefangenschaft: 4 ½ Monate Kurzbeschreibung: Pfleger im Krankenhaus, Anfang zwanzig, alleinstehend Ende der Gefangenschaft: entfloh am 14. Oktober 2001 während eines Feuergefechts Die Nachnamen der noch lebenden philippinischen Geiseln wurden nicht genannt, um ihre Privatsphäre zu schützen.

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Alle Daten in dieser Übersicht und im ganzen Buch basieren auf Ortszeit. Die zentrale Zeitzone in den Vereinigten Staaten (wozu z. B. der größte Teil von Kansas und der gesamte Bundesstaat Arkansas gehören) liegt im Sommer 13 Stunden hinter der philippinischen Zeit zurück, im Winter 14 Stunden.

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Glossar Abu Sayyaf

»Vater des Schwertkämpfers«1

Al-Harakatul Islamiya

die Islamische Bewegung

alimatok

Blutegel

»Allahu akbar!«

»Allah ist der Größte!«

apam

muslimische Version eines Pfannkuchens

Banana Que

auch banana-cue; reife Bananenstücke, in braunem Zucker gewälzt und gebraten

banca

ein kleines Boot

bianbons

gebratener Bananenbrei

bolo

Messer; philippinisches Äquivalent einer Machete

CAFGU

den philippinischen Truppen als Helfer zugeteilter Zivilist

carabao

Wasserbüffel

Cebuano

philippinische Sprache

CR

»Komfortraum« (philippinische Abkürzung für eine öffentliche Toilette)

Hadsch

Pilgerreise nach Mekka, eine religiöse Pflicht für die Muslime

Ilocano

philippinische Sprache

kalaw

Bezeichnung für große Vögel mit roten Schnäbeln (vor allem für den Philippinischen Nashornvogel)

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A. d. H.: Auch mit »Schwert Gottes« wiedergegeben.

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langaw

auf Tagalog (einheimische Sprache) Bezeichnung für »Stubenfliege«– die Verpflichtung, etwas mit anderen zu teilen, wenn diese darum bitten

malong

Wickelrock aus Batikmaterial

Mudschahed (Pl. Mudschaheddin)

Kämpfer im Dschihad

pantos

weite Hose (wie eine Schlafanzughose)

sabaya

»Kriegsbeute« Wenn eine Gefangene mit ihrem Kidnapper »verheiratet« wird, nimmt er sie als sabaya.

»Salam!«

»Frieden!«

»Salam alaikum!«

»Friede sei mit dir!«; Standardgruß unter Muslimen

sindol

heiße Kokosmilch, die mit Früchten gemischt werden kann

sundalo

Soldaten

Tagalog

philippinische Sprache

terong

Kopfbedeckung, Kopfschal

tolda

gestreifter Sonnenschutz aus Plastik, der zwischen zwei Bäume gespannt wird

tsinelas

Sandalen

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Einleitung Das ist meine Geschichte, aber es ist nicht die ganze Geschichte. Die ganze Geschichte wäre zu umfangreich, um sie aufzuschreiben, und zu mühsam zu lesen. Mein Koautor Dean Merrill und ich haben zunächst alle Ereignisse niedergeschrieben, mussten jedoch anschließend bei der Überarbeitung immer mehr wegstreichen. Leider handeln einige dieser herausgenommenen Abschnitte von Menschen, die mir sehr lieb sind und mir nahestehen. Sie haben mir während der leidvollen Zeit im Dschungel und danach in beispielloser Weise zur Seite gestanden und mich unterstützt. Diesen Menschen sage ich, ihr wurdet nicht ausgelassen, weil ihr nicht wichtig seid. Ich hoffe, ihr wisst, dass ihr einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen einnehmt. Mein wichtigstes Ziel beim Schreiben dieses Buches war, Martins Geschichte zu erzählen. Ich hoffe, wir haben unsere Sache gut gemacht.

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Gefangen im Morgengrauen (27. – 28. Mai 2001)

Bum, bum, bum! Martin und ich fuhren aus dem Schlaf hoch. Draußen war es noch dunkel, und wir konnten nichts sehen. Wir hörten nur das Klopfen an der Holztür der Strandhütte, in der wir unseren 18. Hochzeitstag feierten. Bum, bum, bum, bum, bum! ›Puh – wir sollen wohl in die Nachbarhütte umziehen‹, dachte ich. Beim Essen am Abend zuvor hatte ein Mitarbeiter des Hotels angedeutet, dass wir die Hütte wechseln sollten, doch dann hatte er das Thema fallen gelassen. Ich rief also der Person, die an die Tür klopfte, zu: »Es ist noch zu früh zum Umziehen!« Bum, bum, bum! Dieses Mal antwortete Martin: »Was ist?« »Hier ist ein Sicherheitsbeamter«, ertönte die Antwort. ›Ich wette, er ist betrunken‹, dachte ich. Ich vermutete, dass er während der Nachtschicht getrunken hatte und jetzt Krawall machte. Erneut donnerte er gegen die Tür. »Martin, der Sicherheitsbeamte ist bestimmt betrunken.« »Nein, ich denke, irgendetwas ist nicht in Ordnung«, erwiderte er. Er stand auf und ging auf die Tür zu. »Schatz, warte – du musst doch zuerst eine Hose anziehen!« Martin griff knielange Khakishorts mit weiten Taschen von dem Stuhl neben dem Bett. Ich setzte mich auf und suchte mir ebenfalls meine Sachen zusammen – Shorts und ein graues T-Shirt, das ich am Abend zuvor getragen hatte. Gerade als Martin die Tür erreichte, flog sie auf. Drei Männer mit M16-Gewehren drängten in den Raum. Alle waren klein, einer von ihnen noch sehr jung – vermutlich noch ein Teenager. Ein anderer war vielleicht drei- oder vierundzwanzig, mit langen schwarzen Haa20


ren. Der dritte Mann schien mir etwas älter zu sein. Alle trugen langärmelige schwarze Hemden; zwei waren mit Hosen in Tarnfarben bekleidet. Aber keiner hatte eine Uniform an, trug eine Maske oder Sonnenbrille; wir konnten ihre Gesichter gut erkennen. Sofort schoben sie Martin zur Tür hinaus. Der ältere Mann rief mir zu: »Los, los, los!« »Nein, nein, nein!«, erwiderte ich und umklammerte das Laken, das ich um mich gewickelt hatte. »Ich bin nicht angezogen.« Ich wusste nicht, wie viel Englisch er verstand, aber in meinem gegenwärtigen Zustand würde ich ihm keinesfalls gehorchen – egal, was geschah. Zitternd zog ich mir die Shorts an. »Okay, okay«, erwiderte er. Ich kleidete mich weiter an. Ein Mann hatte Martin nach draußen gebracht, während der dritte unsere Sachen durchwühlte. Er fand unsere Kamera und unser Handy. »Bewegung, Bewegung, Bewegung!«, ertönte erneut der harsche Befehl. Während ich zur Tür hinausgeschoben wurde, schnappte ich mir noch schnell unsere tsinelas, die Sandalen, die auf den Philippinen üblicherweise getragen wurden. Meine Tasche oder irgendetwas anderes konnte ich nicht mehr holen. Der junge Mann, der mir nach draußen gefolgt war, wollte, dass ich schneller ging – ja, sogar rannte. Aus einem Seminar wusste ich, dass man in den ersten Minuten einer Entführung allen Anweisungen Folge leisten sollte, bis sich jeder wieder ein wenig beruhigt hatte. Doch ich war zu wütend auf diesen Teenager, sodass ich beschloss, dass ich nicht rennen würde. »Schneller, schneller!«, sagte er und stieß mich mit dem Gewehrkolben in den Rücken. Mit ruhiger Stimme und zusammengebissenen Zähnen erwiderte ich: »Ich gehe schnell genug«, und behielt meinen Schritt bei. Er stieß mich erneut, und es tat weh, aber ich war entschlossen, meinen Willen durchzusetzen. Am Anlegesteg wartete ein knapp zwölf Meter langes Schnellboot mit drei großen Außenbordmotoren – wie es auf den Philippinen gern für Drogengeschäfte verwendet wird. Vier oder fünf verängstigte Gei21


seln saßen bereits auf dem Boden des Bootes. Martin, noch immer ohne Hemd, stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als er mich entdeckte, nachdem wir während des Marsches zur Anlegestelle getrennt gewesen waren. »Oh, ich bin so froh, dich zu sehen«, sagte er. »Hat dir jemand etwas getan?« »Nein, nein – ich musste mich nur erst richtig anziehen.« Bedingt durch den eiligen Aufbruch trug er seine Kontaktlinsen nicht, sodass er nur verschwommen sehen konnte. Zu meinem Glück hatte mich Martin ein paar Jahre zuvor zu einer Laseroperation an meinen Augen ermutigt, der ich mich in Manila unterzogen hatte. Im Gegensatz zu ihm konnte ich also alles recht gut erkennen. Während wir nebeneinander im Boot saßen, beobachteten wir, wie andere aus den verschiedenen Ferienhütten zum Boot gebracht wurden. Am Himmel wurde es gerade hell. Einige der Leute hatten tatsächlich Koffer dabei! Ein recht elegant wirkendes Pärchen brachte nicht nur seine Koffer, sondern auch einen großen Wasserkanister mit. ›Du meine Güte‹, dachte ich bei mir, ›ich hätte wirklich nicht so schnell aus dem Zimmer rennen müssen. Ich hätte mich ein wenig langsamer bewegen und sogar einige Sachen zusammenpacken können.‹ Ich erhob mich und verkündete: »Ich werde Martin ein Hemd holen!« »Hinsetzen«, rief einer der Kidnapper. »Wir werden ihm ein Hemd geben.« Sofort gehorchte ich. Aber mir fiel auf, dass sein Englisch recht gut war. ›Wenigstens werden wir uns mit ihm verständigen können‹, dachte ich. Später erfuhren wir, dass sein Name Solaiman war. »Ich habe unsere tsinelas mitgebracht«, sagte ich zu Martin und hielt sie hoch. Ich war sehr stolz auf mich. »Ja«, erwiderte er. Wir zogen die tsinelas jedoch nicht an, stattdessen hielten wir sie einfach nur in den Händen. Martin sah sich still im Boot um und betrachtete zuerst die Männer mit den Gewehren, dann die anderen Geiseln. Er tat das Naheliegendste – er versuchte, die Situation einzuschätzen und alles zu begreifen. Das war jedoch nicht 22


leicht, da fast jeder im Boot Sprachen sprach, die wir nicht verstanden. Gelegentlich warf jemand ein englisches Wort in die Unterhaltung ein, und wir konnten uns den Inhalt der Gespräche zusammenreimen. Doch die meiste Zeit beobachteten wir die Gesichter und lauschten auf den Tonfall des Sprechenden, um zu erahnen, was er sagte. Ich blickte nach unten und sah meinen Ehering. ›Diese Leute werden meinen Ring nicht bekommen!‹, schwor ich mir. Also zog ich ihn ab – zusammen mit einem Türkisring, den ich an der anderen Hand trug – und steckte beide, als gerade niemand hinsah, in die Tasche meiner Shorts. »Solltest du mir nicht deinen Ehering geben?«, fragte ich Martin. »Oh nein, es wird alles gut werden«, antwortete er. Er war wirklich ein unverbesserlicher Optimist. »Bist du sicher?« »Ja, es wird alles gut.« • Dieser romantische Urlaub in der Dos-Palmas-Ferienanlage war meine Idee gewesen – eine Tatsache, die schwer auf mir lastete, als ich nun zitternd in diesem Boot saß. Martin war gerade eine Beförderung in der New Tribes Mission angeboten worden – jener Missionsgesellschaft, für die wir seit 15 Jahren im Bereich Missionsflugdienst arbeiteten. Man wollte ihn zum Chefpiloten für die gesamte Missionsgesellschaft machen, was eine Rückkehr in die USA nach Arizona bedeuten würde. Von dort würde er dann die Flugprogramme in der ganzen Welt organisieren. Obwohl das Angebot ihm schmeichelte, war Martin an der Position nicht so richtig interessiert. »Ich möchte nur sein, was ich immer gewesen bin: einfach Pilot«, hatte er mir erklärt. Nichts tat Martin lieber, als am Steuerknüppel der kleinen rotweißen Cessna zu sitzen, die Landebahnen im Dschungel anzufliegen und unseren Missionarskollegen Lebensmittel sowie Medizin zu bringen oder Stammesangehörige zu den Krankenstationen zu befördern. 23


Trotzdem ließen Martins außergewöhnliches fliegerisches Talent und sein Fingerspitzengefühl im Umgang mit Menschen ihn in der Missionsgesellschaft immer weiter aufsteigen. Ja, er hatte diese Beförderung schon mehrfach abgelehnt, weil unsere drei Kinder noch klein waren und er nicht so oft unterwegs sein wollte. Immer wieder hatte ich beteuert: »Weißt du, ich möchte genauso wenig in die Staaten zurückkehren wie du. Aber um ehrlich zu sein, du bist einfach der richtige Mann für diese Position. Wirklich!« Ich liebte die Philippinen sehr, doch eigentlich war es mir egal, wo wir waren oder was wir taten, solange wir zusammen waren. Martin lächelte dann immer und schüttelte den Kopf. Am 10. Mai war Martin für zwei Wochen in die Vereinigten Staaten geflogen, um sich mit den Leitern der New Tribes Mission zu treffen. Während seiner Abwesenheit war der Missionspilot auf der westphilippinischen Insel Palawan wegen eines Todesfalls in der Familie nach Hause gerufen worden, sodass für den Flugdienst auf der Insel gerade kein Pilot zur Verfügung stand. Per E-Mail waren Martin und ich zu dem Entschluss gekommen, dass er unmittelbar nach seiner Rückkehr auf die Philippinen nach Palawan gehen sollte, um dort für den Piloten einzuspringen; immerhin brauchten die Missionare dort den Flugdienst. Außerdem wurde ein Dolmetscher erwartet, der unter den Stämmen arbeiten sollte, auch er war auf einen Piloten angewiesen. In Gedanken war ich Martins Termine durchgegangen. Müde und unter Jetlag leidend würde er auf die Philippinen zurückkehren – und vermutlich sofort für eine Woche nach Palawan aufbrechen. Die Tage auf der Insel würden lang sein, und er würde sich auch noch selbst verpflegen müssen. Das war mir nicht richtig erschienen. Er würde Hilfe brauchen. Mein Terminplan war ebenfalls ziemlich voll gepackt. Besucher auf der Durchreise wurden bei uns erwartet. Doch dann waren seltsamerweise einige Termine abgesagt worden. ›Ich könnte ihn begleiten und ihm ein wenig zur Seite stehen‹, hatte ich gedacht. Außerdem war am 28. Mai unser Hochzeitstag, und wenn ich ihn begleitete, dann könnte ich an diesem Tag zumindest bei ihm sein. ›Vielleicht können wir 24


während unseres Aufenthalts dort sogar etwas Besonderes unternehmen. Bisher haben wir nie Zeit gehabt, die Sehenswürdigkeiten von Palawan zu genießen‹, war es immer wieder in meinem Kopf herumgekreist. Deshalb hatte ich eine unserer Mitarbeiterinnen auf der Insel angerufen und gefragt: »Wo könnten Martin und ich unseren Hochzeitstag feiern? Er ist gerade aus den USA zurückgekommen.« »Oh, ihr solltet nach Dos Palmas fahren«, hatte meine Freundin vorgeschlagen. »Eine wundervolle Ferienanlage und ganz abgelegen. Man kann die Anlage nur mit dem Boot erreichen. Das Essen dort ist hervorragend, und es gibt zwei Arten von Zimmern – Gartenhütten auf dem Land und Hütten auf Pfählen über dem Wasser.« »Was würdest du empfehlen?« Im Hintergrund hörte ich ihren Mann rufen: »Die über dem Wasser! Das sind die schönsten.« »Also gut. Könntest du für den Samstagabend, den 26., eine Hütte für uns buchen?«, hatte ich sie gefragt. Dann hatte ich unsere Nachbarn Bob und Val Petro gebeten, in der Zeit unsere Kinder zu nehmen. Außerdem hatte ich einiges vorgekocht und eingefroren, sodass auch in dieser Beziehung für sie gesorgt war. Als ich schließlich die Reservierung für Dos Palmas erhalten hatte, hatte ich nach Luft geschnappt – 10 000 Pesos für uns beide (200 Dollar). Sicher, darin waren Unterbringung, Aktivitäten und alle Mahlzeiten enthalten gewesen, aber trotzdem … Das war schrecklich viel Geld für unser Budget. Ob Martin ärgerlich sein würde über diese Extravaganz? Was würden die Menschen denken, auf deren Spenden wir angewiesen waren? ›Vielleicht sollte ich einfach meine Freundin noch einmal anrufen und sie fragen, ob es nicht auch ein hübsches Hotel in der Stadt gibt‹, hatte ich noch überlegt. Wenn ich doch das nur getan hätte … • Ich sah mich um und zählte: 17 Geiseln saßen dicht gedrängt auf dem Boden des Schnellbootes. Auf dem Deck vor dem Steuerrad stand 25


eine Gruppe Kidnapper, während sich ein paar andere hinten bei den Motoren aufhielten. Die Gespräche wurden sowohl auf Englisch als auch in anderen Sprachen geführt, die ich nicht kannte. Der ganze Vorgang hatte vielleicht 25 Minuten gedauert – alle Geiseln waren aus den Hütten über dem Wasser geholt worden, keine aus den Gartenhütten. In der letzten Minute sagte jemand: »Moment mal! Wir brauchen einen Koch.« Schnell sprang einer der Kidnapper aus dem Boot und rannte den Hügel hoch, um den Koch des Hotels zu entführen; sein Name war Sonny. Außerdem überwältigten sie zwei Wachmänner, die sich offensichtlich gegen die Banditen nicht zur Wehr setzen konnten. Mit Sonny und den Wachleuten waren wir nun zwanzig Geiseln. Die Motoren wurden angelassen, und das Boot legte vom Anlegesteg ab – und zumindest ein Rätsel wurde zu dieser Zeit gelöst. Die gesamte Gruppe der etwa 15 Geiselnehmer reckte die Fäuste in die Luft und rief wie mit einer Stimme: »Allahu akbar! Allahu akbar!« (»Allah ist der Größte! Allah ist der Größte!«) Sofort wussten wir, mit wem wir es zu tun hatten: mit den gefürchteten Abu Sayyaf. Nur sie besaßen den Mut, etwas Derartiges zu tun. Ich wusste nicht viel über die Abu Sayyaf, nur dass sie Terroristen waren. Auf den südlichen Philippinen hatten die Menschen schreckliche Angst vor ihnen. Später erfuhren wir die Bedeutung ihres Namens, der sie recht gut beschrieb: Abu (»Vater [des]«) Sayyaf (»Schwertkämpfer[s]«). Diese Gruppe hatte bereits Jeffrey Schilling, einen afroamerikanischen Muslim, gefangen genommen. Er war im Jahr zuvor auf die Philippinen gekommen, um dort ein muslimisches Mädchen zu heiraten. Nachdem er von den Abu Sayyaf gehört hatte, hatte er gedacht, er könnte als »muslimischer Bruder« zu ihnen gehen und ihnen klarmachen, dass ihre Handlungsweise gegen den Koran verstoßen würde. Seine »Umerziehungsversuche« waren jedoch kläglich gescheitert, denn sie hatten behauptet, er sei ein CIA-Agent. Sie hatten ihn als Geisel genommen und eine Million Dollar Lösegeld gefordert. Jeffrey war siebeneinhalb Monate gefangen gehalten worden. Wir hatten gehört, er hätte schließlich fliehen können, nachdem er sich von 26


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