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Donald A. Carson

EMERGING CHURCH Abschied von der biblischen Lehre?

Christliche Literatur-Verbreitung e. V. Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld


1. Auflage 2008 © der amerikanischen Ausgabe 2005 by D. A. Carson erschienen bei: Zondervan Publishing House, Grand Rapids, Michigan, USA Originaltitel: Becoming Conversant with the Emerging Church © der deutschen Ausgabe 2008 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld CLV im Internet: www.clv.de Übersetzung: Joachim Köhler, Heinrich Silber Satz: CLV Umschlag: OTTENDESIGN.de, Gummersbach Druck und Bindung: Druckerei C. H. Beck, Nördlingen ISBN 978-3-89397-989-9


Vorbemerkung

Der Schlüsselbegriff »Emerging Church« als Synonym für »Kirche bzw. Gemeinde der Postmoderne« wurde entsprechend der Wiedergabe in Werken, die bereits im Deutschen erschienen sind, im Allgemeinen unverändert gelassen (vgl. z.B. Dan Kimball, Emerging Church, Die postmoderne Kirche. Spiritualität und Gemeinde für neue Generationen, Gerth Medien, 2005). Ausnahmen bilden in der Regel lediglich jene Stellen, wo sich das Attribut »emerging« auf andere Substantive bezieht (z.B. »Emerging Generation«). Außerdem ist zu beachten, dass »emergent« mehr auf das »Emergent Village« verweist, während sich »emerging« mehr auf die »Emerging Church« bezieht. Allerdings werden beide Begriffe in diversen Veröffentlichungen der Einfachheit halber weithin als Synonyme gebraucht. Dies entspricht auch der Praxis von D.A. Carson. Um daher Verwirrung zu vermeiden, ist in der deutschen Übersetzung in der Regel von »Emerging Church« und nicht von »Emergent Church« die Rede.


Dieses Buch ist in Dankbarkeit JoyJoy gewidmet


Inhalt

Vorwort

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Kurzdarstellung der Emerging Church

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Stärken der Emerging Church im Beurteilen unserer Zeit

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Emerging Church: Analyse der Gegenwartskultur

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Persönliche Reflektionen über Beiträge und Herausforderungen der Postmoderne

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Emerging Church: Kritik an der Postmoderne

175

Die Schwäche der Emerging Church – anhand zweier bedeutsamer Bücher dargestellt

220

Einige Bibelstellen als Hilfe zur Bewertung

265

Eine biblische Betrachtung über Wahrheit und Erfahrung

306


Vorwort

Was sich in diesem Buch findet, habe ich in vereinfachter Form in drei Vorträgen im Rahmen der Staley Lectures an der Cedarville University im Februar 2004 erstmals angesprochen. Ich möchte dem Präsidenten und dem Professorenkollegium für den herzlichen Empfang danken sowie den zahlreichen Studenten – dafür, dass sie sich sehr bemüht haben, sich aufmerksam mit dem Gesagten zu beschäftigen. Ich versuche, im einleitenden Kapitel zu verdeutlichen, dass die »Bewegung der Emerging Church« (oder »Bewegung der in Erscheinung tretenden Kirche«) zwar erst ca. 10 Jahre alt ist, aber dennoch einen erstaunlich umfassenden Einfluss ausübt. Eine ganze literarische Sparte ist entstanden, wobei die Insider der Bewegung einander in Veröffentlichungen und auf Konferenzen zitieren und unterstützen. Mit anderen Worten: Es hat sich bereits eine eigene Identität herausgebildet. Dennoch ist es mir aufgrund der Mannigfaltigkeit sowie ihrer schwer zu ziehenden Grenzen nicht leicht gefallen, sie angemessen darzustellen. Ich habe versucht, bei Beschreibungen genau und bei Beurteilungen unvoreingenommen zu sein. Weil ich endlose Bewertungen vermeiden wollte, bin ich mitunter zu Verallgemeinerungen gezwungen gewesen, um die Diskussion in Gang zu halten. Trotzdem muss ich die Tatsache unterstreichen, dass man dann fast immer einige Leute in der Bewegung finden kann, für die entsprechende Verallgemeinerungen nicht zutreffen, während es andere gibt, die sich der EmergingChurch-Bewegung als nicht zugehörig betrachten und dennoch die meisten ihrer Werte sowie Prioritäten teilen. (Es sei außerdem festgestellt, dass einige ihrer führenden Vertreter der Meinung sind, man könne noch nicht von einer Bewegung reden. Sie bezeichnen sie lieber als »Gesprächsebene«.) Ich habe versucht, zu viele fachspezifische Erörterungen zu vermeiden. Dabei habe ich den Charakter der Vortragsreihe stellenweise beibehalten. In der Praxis bedeutet dies, dass dieses Buch 9


vermutlich manche Leser in gegenteiliger Hinsicht enttäuschen wird: Einigen wird die Behandlung der Postmoderne als zu einfach erscheinen, während es anderen schwerfallen wird, Teile davon zu lesen. Die Anmerkungen werden den Erstgenannten sicher Möglichkeiten zur Vertiefung bieten, wohingegen den Letzteren hoffentlich dadurch geholfen ist, dass sie entsprechende Stellen nochmals lesen. Doch der Buchumfang übersteigt den Umfang der Vortragsmanuskripte um ein Mehrfaches. Weil es nötig war, die Manuskripte knapp zu formulieren, musste ich auf ausführliche Quellenangaben oder die Vorstellung vieler Feinheiten und Ausnahmen verzichten. Nicht zuletzt infolge der Tatsache, dass einige führende Vertreter der Emerging Church die Vorträge in verschiedenen Internet-Einträgen aufgrund solcher Auslassungen kritisierten, habe ich in diesem Buch versucht, diese Lücke so weit wie möglich zu schließen. Wann immer eine christliche Bewegung auftaucht, die einen Reformanspruch erhebt, sollte man sie nicht kurzerhand ablehnen. Selbst wenn man letztendlich zu dem Urteil kommt, dass die Bewegung eine Vielzahl besorgniserregender Schwachpunkte aufweist, kann sie auch einige wichtige Lektionen vermitteln, die man sich in der übrigen Christenheit anhören muss. Daher habe ich versucht, mit Respekt und Sorgfalt zuzuhören. Meine Hoffnung und mein Gebet besteht darin, dass die führenden Persönlichkeiten dieser »Bewegung« in gleicher Weise auf meine Ausführungen hören werden. Ferner möchte ich Jonathan Davis und Michael Thate dafür danken, dass sie die Verzeichnisse zusammengestellt haben. Soli Deo gloria. D. A. Carson Trinity Evangelical Divinity School

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Kurzdarstellung der Emerging Church Worüber sprechen wir eigentlich? Als ich gegenüber einigen Freunden erwähnte, dass ich ein Buch über die Emerging Church schreiben werde, waren die Reaktionen recht unterschiedlich. »Worum geht es dabei eigentlich?«, fragte einer von ihnen und ließ damit erkennen, dass er beruflich zu sehr eingespannt ist, um sich mit neueren Bewegungen zu befassen. »Wirst du dich hauptsächlich auf die Apostelgeschichte konzentrieren oder auch die paulinischen und die anderen Briefe in deine Arbeit mit einbeziehen?«, erkundigte sich ein anderer, der davon ausging, dass ich über die Kirche in der Frühzeit ihrer »Entstehung« schreiben würde – weil ich ja Dozent an der neutestamentlichen Fakultät eines theologischen Seminars war. Ein anderer Kollege, der für seine weltweiten Beziehungen bekannt war, fragte: »Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass du dich für die schwierigen und herausfordernden Fragen im Umfeld der Entstehung von Gemeinden in der Zwei-Drittel-Welt interessierst?« Immerhin hat es in den letzten einhundert Jahren bemerkenswerte Berichte über die »Entstehung« von Gemeinden in Korea, in vielen Gegenden Schwarzafrikas südlich der Sahara, in Lateinamerika, einigen Ländern Osteuropas (insbesondere in der Ukraine, Rumänien sowie Moldawien) und anderswo gegeben.1 Diese Reaktionen sind durchaus vernünftig, da »emerging« und verwandte Begriffe Worte beinhalten, die auf diese und andere Zusammenhänge angewandt worden sind.2 Dazu gehören auch nur Fachleuten verständliche Diskussionen im Bereich der Wis1 Hier sei nur ein Buchtitel erwähnt, der »emergence« oder einen ähnlichen Begriff enthält: siehe Mark T. B. Laing, The Indian Church in Context: Her Emergence, Growth and Mission (Delhi: Indian Centre for Promoting Christian Knowledge/ Pune: Centre for Mission Studies, 2002). 2 So hat beispielsweise Arthur G. Patzia das Wort mit der Kirche der Frühzeit in Verbindung gebracht, als er The Emergence of the Church Context, Growth, Leadership and Worship schrieb (Downers Grove: InterVarsity Press, 2001).

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senschaftsphilosophie. Doch in den letzten zwölf Jahren wurde »emerging« und »emergent« in starkem Maße mit einer bedeutsamen Bewegung in Verbindung gebracht, die sich in den USA, Großbritannien und darüber hinaus ausbreitet. Viele, die in dieser Bewegung mitarbeiten, gebrauchen »emerging« oder »emergent« (ich verwende beide Begriffe in gleicher Bedeutung) als Bestimmungsadjektive für diese Bewegung. Etwa ein Dutzend Bücher befassen sich mit den Themen »Emerging Church«, »Aufbruchsgeschichten« und dergleichen.3 Eine Website ermutigt ihre Besucher zu »emergenter Freundschaft«. Dabei geht es letztlich nicht um Freundschaft, die neu entsteht, sondern um die Bedeutung der Freundschaft in dieser Bewegung. Damit wird bestätigt, dass der Ausdruck »emergent« für Anhänger dieser Bewegung ein hinreichendes Etikett ist, womit sie sich identifizieren können, sodass »emergente Freundschaft« formell gesehen mit Begriffen wie z.B. »hausgemeindlicher Freundschaft« oder »baptistischer Freundschaft« verwandt ist. Im Zentrum der »Bewegung« – bzw. im Zentrum der »Gesprächsebene«, wie manche führenden Leute es lieber nennen – befindet sich die Überzeugung, dass kulturelle Veränderungen die »Entstehung« einer neuen Kirche signalisieren würden. Leitende kirchliche Mitarbeiter müssten sich daher dieser Emerging Church anpassen. Diejenigen, die sich dem verweigern, seien blind gegenüber kulturellen Wertzuwächsen, die das Evangelium hinter gedanklichen Formen und Ausdrucksweisen verbergen. Diese Verweigerer seien nicht mehr imstande, mit der neuen Generation, der im Aufbruch befindlichen Generation, zu kommunizieren. Der landesweite Pastorenkongress (NPC) und die »Konferenz der Emerging Churches« fanden 2003 zur gleichen Zeit in San Diego statt. Von den 3000 teilnehmenden Pastoren entschieden sich 1900 für das eher traditionelle Treffen, den NPC, und 1100 für die andere Konferenz. Bevor ich versuche, die Schwerpunkte meiner Ausführungen zu skizzieren, sollte ich betonen, dass nicht nur die Bewegung 3

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Die bibliografischen Angaben werden jeweils im Text angegeben.


schwer definierbar ist, sondern auch ihre Grenzen schlecht zu bestimmen sind. Zweifellos betrachteten sich viele der über eintausend Pastoren (genaue Zahlen fehlen mir) auf der »EmergentKonferenz« zu diesem Zeitpunkt und überhaupt als diejenigen, die nicht zur Emerging Church gehören. Sie waren vielmehr dabei, um sich zu informieren. Möglicherweise übernahmen sie einzelne Aspekte der Bewegung, während sie andere verwarfen. Andererseits besteht ein Grund für das rasche Anwachsen dieser Bewegung darin, dass sie eine Vielzahl unklarer Vorstellungen in den Brennpunkt rückt, die sich in unserer Kultur bereits weit verbreitet haben. Sie bringt treffend und auf polemische Weise zum Ausdruck, was viele Pastoren und andere bereits gedanklich vorbereitet hatten, selbst wenn sie bis zum Auftauchen der führenden Vertreter dieser Bewegung nicht den Vorteil hatten, irgendwelche Verfechter ihrer Ideen zu haben, die ihr diffuses Unbehagen ins rechte Licht rückten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Verfasser zahlreicher Bücher und Artikel, die sich nicht als Teil der Emerging-ChurchBewegung verstehen, dennoch ihre Grundwerte teilen und somit dazugehören, ohne sich mit dem entsprechenden Namen zu schmücken. Man denke z.B. an Pete Wards Liquid Church4 oder an eine Abhandlung von Graham Kings, der die evangelikale Bewegung in der Kirche von England untersucht.5 Als ich vor einigen Monaten zu mehreren Hundert Pastoren in Australien sprach, gebrauchte ich die Emerging-Church-Bewegung in den USA, um dies oder jenes zu veranschaulichen. Keiner der Pastoren, an die ich mich wandte, hatte von dieser Bewegung gehört, aber ziemlich viele von ihnen beschrieben Gemeinden in ihrer näheren Umgebung, worin genau die gleichen Werte ihren Niederschlag fanden. In Großbritannien betonten Gemeinden, die zum Baptistenbund gehören, traditionell die Tatsache, dass »glauben« vor »da4 Peabody: Hendrickson, 2002. 5 »Canal, River and Rapids. Contemporary Evangelicalism in the Church of England«, Anvil 20 (2003): S. 167-184. Nach Kings Analyse lassen sich konservative Evangelikale mit Kanälen vergleichen, worin alles gebändigt und kanalisiert ist. Charismatiker sind wie Stromschnellen – unkontrolliert und gefährlich. Der Leser mag selbst entscheiden, welches die richtigen Wasserläufe sind.

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zugehören« kommt. Darin zeigen sich ihre historischen Wurzeln in der Tradition von Gemeinden, deren Glieder Gläubige sind. Aber gegenwärtig ermutigen die führenden Vertreter des Baptistenbundes ihre Mitgliedsgemeinden dazu, die Prioritäten umzukehren, indem sie sagen, dass »dazugehören« vor »glauben« komme. Dies ist mit den Schwerpunkten der Emerging-ChurchBewegung vergleichbar, selbst wenn die Bewegung unter diesem Slogan auf der europäischen Seite des Atlantiks nur geringfügig Anklang gefunden hat. Aus diesen unterschiedlichen Tendenzen schließe ich, dass die Emerging-Church-Bewegung vermutlich etwas kleiner ist, als einige ihrer führenden Persönlichkeiten denken. Andererseits wird sie von ihnen wahrscheinlich erheblich unterschätzt. Ja, ein scharfsichtiger Beobachter hat vorgebracht, dass das Reden über »die Emerging Church« bereits überholt ist, da die Emerging Church ihrerseits bereits »emergent geworden« ist.6

Was charakterisiert die Bewegung? 1. Protest Es ist schwierig, die spezifischen Merkmale der Bewegung umfassend zu verstehen, ohne sich die Lebensgeschichte ihrer führenden Vertreter genauer anzusehen. Viele davon kommen aus konservativen, traditionellen, evangelikalen Gemeinden, die manchmal einen fundamentalistischen Anstrich haben. Somit bringen die Reformen, zu der die Bewegung ermutigt, die Protesthaltung im Leben vieler ihrer führenden Persönlichkeiten zum Ausdruck. Wahrscheinlich ist es am angemessensten, mit Hinweisen auf ein Buch unter dem Titel Stories of Emergence (frei übersetzt etwa 6 Rob Moll, »Has the Emergent Church Emerged?« unter LeadershipJournal.net veröffentlicht, unter http://www.christianitytoday.com/leaders/newsletter/2003/cln31230.html abrufbar. Im Blick auf Beispiele für Websites von Gemeinden der Emerging-Church-Bewegung siehe http://www.emergentYS.com und http://www.emergentvillage.com. Es gibt jedoch bereits unzählige Internet-Adressen, wobei ich weiter unten im Buch auf einige wenige Bezug nehmen werde.

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Aufbruchgeschichten) zu beginnen.7 Das Buch beinhaltet fünfzehn solcher Geschichten, wobei der erste interessante Sachverhalt darin besteht, wer in diesen Geschichten zu finden ist. Natürlich werden viele, die sich mit der Emerging-Church-Bewegung identifizieren, hier erwähnt – Leute wie der inzwischen verstorbene Mike Yaconelli (der Herausgeber), Spencer Burke und Brian McLaren. Doch es geht in diesem Buch auch um Menschen, die zwar der Bewegung vielleicht wohlwollend gegenüberstehen, sich aber nicht als ihr zugehörig ansehen. So gehört z.B. Chuck Smith jun. in gewisser Hinsicht einer anderen Generation und einer anderen Bewegung an (Anmerkung des Übersetzers: Chuck Smith, der bereits 1927 geboren wurde, ist Gründer der sogenannten »Calvary Chapel«, die konfessionskundlich als kleine freikirchliche Bewegung gilt und nach allgemeiner Auffassung theologisch zwischen Evangelikalen und Charismatikern steht.). Frederica MathewesGreen verließ als Kind den römisch-katholischen Glauben, während sie als junge Erwachsene Feministin und Mitglied der Episkopalkirche war, um dann zur orthodoxen Kirche überzutreten. Sie ist eine von mehreren Ausnahmen in diesem Buch. Die meisten dieser »Emergenz-Geschichten« haben ein gemeinsames Ziel (nämlich die Emerging-Church-Bewegung in Gang bringen zu wollen) und einen gemeinsamen Ursprung: den traditionellen (und mitunter fundamentalistischen) Evangelikalismus. All diese Leute haben gemeinsam, dass sie in eine Richtung zu arbeiten begannen, sich aber die entsprechende Bewegung in eine andere Richtung fortentwickelte. Dies verleiht dem Werk Züge des Protests und der Ablehnung: Wir haben einst euer gemeindliches Erbe geteilt, doch jetzt befinden wir uns im Aufbruch, um etwas anderes zu erreichen. Der Untertitel des Buches lässt erkennen, was der Herausgeber als gemeinsamen Nenner betrachtet: Der Übergang vom Absoluten zum Authentischen. Einige Beispiele mögen verdeutlichen, was mit diesem Buch erreicht werden soll. Spencer Burkes Bericht über seine »Emergenz« 7 Mike Yaconelli, Hrsg., Stories of Emergence: Moving from Absolute to Authentic (El Cajon: emergentYS/Grand Rapids: Zondervan, 2003).

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trägt den Titel »From the Third Floor to the Garage«8 (so viel wie »Vom dritten Stock in die Garage«). Burke war es gewohnt, in einem luxuriösen Büro im dritten Stock zu arbeiten. Er war einer der Pastoren der Mariners Church in Irvine (Kalifornien), »einer soliden Megagemeinde mit einem ca. 10 ha großen Grundstück und einem Haushaltsvolumen von 7,8 Millionen Dollar«.9 An jedem Wochenende nehmen 4500 Erwachsene die gemeindlichen Angebote wahr, während wöchentlich 10.000 Menschen betreut werden. Aber Burke machten Dinge wie der »Parkplatzdienst« zu schaffen (»Meine Geistesgabe besteht nicht darin, in Geländewagen sitzenden gut gekleideten Familien zu helfen, den nächsten freien Parkplatz zu finden.«).10 Die gleiche Ernüchterung bemächtigte sich seiner angesichts von 3-Punkte-Predigten und zehnstufigen Jüngerschaftskursen, ganz zu schweigen von der prämillennialistischen Eschatologie im Sinne der Vorentrückungslehre, in der er ausgebildet worden war. Nach achtzehnjährigem Dienst brach Burkes Arbeitsphilosophie in sich zusammen. Als der Hauptpastor Burkes Unruhe spürte, bat er ihn, mit einem Samstagabendgottesdienst zu beginnen, worin er imstande wäre, »neue Ideen einzubringen und die Botschaft in ein postmodernes Gewand zu kleiden«.11 Zunächst begann dieser Versuch ganz vielversprechend, als bisher unerreichte Menschen in den Gottesdienst kamen. Trotzdem fühlte er sich noch unwohler, was teilweise daran lag, dass die Gottesdienste seiner Meinung nach »verwirrend« waren (einige Elemente erwiesen sich als sehr modern, während andere überaus postmodern waren). Darüber hinaus spürte er, wie sich seine Arbeit immer weiter vom übrigen Angebot gemeindlicher Veranstaltungen entfernte. Daher kündigte er schließlich, »um nach Hause zu fahren – in meine gerade mal 63 m2 große Baracke am Strand. Fünf Jahre danach«, so sagte er, »sitze ich hier in mei-

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ner Garage«12 oder – genauer gesagt – in seiner zum Büro umgebauten Garage. Diese fünf Jahre der Trennung haben Burke verdeutlicht, warum er die Mariners-Gemeinde verlassen musste: »Ich habe erkannt, dass ich nie mit der Mariners als Gemeinde, sondern mit dem gegenwärtigen Christentum als Institution unzufrieden war.«13 Burke fasst die Gründe für seine Unzufriedenheit unter drei Überschriften zusammen: Erstens lehnt er mittlerweile dasjenige ab, was er »geistlichen McCarthyismus«14 nennt. Zu dieser Rubrik zählt er drei Sachverhalte: Er verwirft denjenigen Leitungsstil, der zu »einer linearen, analytischen Welt«15 gehört und sich durch klar abgetrennte Zuständigkeitsbereiche sowie einen Pastor auszeichnet, der nach Art eines Vorstandsvorsitzenden agiert. Geistlicher McCarthyismus, so bekräftigt Burke, liegt vor, »wenn das Modell ›Pastor als Vorstandsvorsitzender‹ negative Züge annimmt oder wenn sich wohlmeinende Menschen zu viel Macht aneignen«.16 Ebenso beunruhigt ihn »immer mehr die Tatsache, dass gewisse evangelikale Persönlichkeiten große Macht haben und damit die öffentliche Meinung beeinflussen«. Er schreibt dazu: »Sie mögen mich ja als verrückt bezeichnen, aber es hat den Anschein, dass sich viele meiner gemeindlichen Freunde eher Wort für Wort an das halten, was aus dem Munde der weltweit führenden Evangelikalen kommt, statt von jedem Wort zu leben, das aus dem Munde Gottes kommt.«17 Und schließlich sind diese autoritären Strukturen schnell dabei, jeden als »liberal« zu brandmarken, der die überkommene Tradition infrage stellt. »Wenn Sie eine anerkannte Glaubensüberzeugung hinterfragen oder sich als Zweifler bekennen, gelten Sie als typischer Kommunist … Stirnen legen sich in Falten. Augen verengen 12 13 14 15 16 17

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sich. Lippen werden geschürzt. Wollen Sie sich einen Platz auf der schwarzen Liste von Colorado Springs … äh, ich meine natürlich auf derjenigen von Hollywood verdienen? (Anmerkung des Übersetzers: Auf der »schwarzen Liste von Hollywood« standen US-amerikanische Filmschaffende, die in der Nachkriegszeit der Sympathie für Kommunisten verdächtigt wurden. Diese Liste ist eng mit dem bereits erwähnten McCarthyismus in dessen ursprünglichem Sinne verbunden.) Dann müssen Sie nur Ihre Zweifel daran äußern, dass Homosexualität als biblisch verurteilte Sünde gilt. Oder wollen Sie als Verräter in Ihrer eigenen Gemeinde gebrandmarkt werden? Bringen Sie nur Ihre zwiespältigen Empfindungen hinsichtlich eines denominationsspezifischen Sinnbilds, wie etwa der Taufe, zum Ausdruck.«18 Die Geschichte, so argumentiert Burke, habe erwiesen, dass Christen bezüglich vieler Angelegenheiten im Irrtum gewesen seien: Sklaverei, Wahlrecht für Frauen, Frage des Besitzrechts für Frauen und vieles mehr. »Angesichts einer Erfahrungsgeschichte, die alles andere als glanzvoll ist, stellt sich die Frage: Ist die Vorstellung, dass sich die evangelikalen Kirchen möglicherweise auch in der Frage der Homosexualität irren, wirklich so ketzerisch? Ist es nicht klug, wenigstens von Zeit zu Zeit die »Was-wäre-wenn-Frage« zu stellen – und wenn es nur aus dem Grund wäre, unsere gegenwärtige Anwendung von Schriftstellen zu hinterfragen?«19 Gleiches gelte für das Mahl des Herrn: »Als ich aufwuchs, hörte ich viel über die Gefahren, ›den Kelch unwürdig zu trinken«‹ – und darüber, dass das Mahl des Herrn nur für bekennende Christen bestimmt sei. Die Belegstelle war natürlich stets 1. Korinther 11,29: ›Denn wer isst und trinkt, isst und trinkt sich selbst Gericht, wenn er den Leib des Herrn nicht richtig beurteilt«.‹ Da die meisten Christen davon ausgehen, 18 19

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dass die gesamte Menschheit ohne Christus verloren ist, fragt man sich: Inwieweit würde es das Schicksal eines sogenannten Ungläubigen beeinflussen, wenn er Brot und Wein zu sich nimmt? Würde er etwa zweimal in die Hölle kommen? Oder könnte es nicht eine machtvolle erste Erfahrung mit der Geschichte Christi sein? In einer Subkultur, in der sich der geistliche McCarthyismus ausgebreitet hat, sollte man diese Fragen lieber nicht stellen.«20 »Für mich«, schreibt Burke, »hat geistlicher McCarthyismus mit Götzendienst zu tun – mit dem Versuch, Gerechtigkeit durch etwas anderes als durch Christus zu erlangen. Jedes Mal, wenn ich eine Maske um meines Ansehens oder meiner Karriere willen aufsetze, bin ich einer Sünde schuldig – und zwar in weitaus stärkerem Maße, als wenn ich (wie auch immer geartete) Glaubensinhalte nicht annehme, die ich akzeptieren sollte.«21 Da Jesus die etablierte religiöse Oberschicht seiner Zeit herausforderte, müssen wir das Gleiche tun. »Geistlicher McCarthyismus verfolgt indessen genau das Gegenteil. Er hält Menschen dazu an, ihr Leben so zu gestalten, dass sie nicht kritisiert und entsprechende Risiken verringert werden. Kurz gesagt lehrt er Menschen, in Angst zu leben – man muss spuren und den Mund halten. Angst, Einschüchterung und Kontrolle sollten keine Erkennungsmerkmale des christlichen Glaubens sein.«22 Der zweite Grund für Burkes Unzufriedenheit besteht in dem, was er als »geistliche Abschottung«23 bezeichnet. Unter dieser Überschrift ordnet er das Verhaltensmuster vieler Gemeinden ein, die von der Innenstadt in die Randbezirke ziehen. Manchmal geschieht dies unter dem Vorwand, mehr Platz zu brauchen. Dennoch betont er nachdrücklich, dass es noch andere Motive gibt. »Es ist für Familien einfacher, in die Gemeinde zu kommen, ohne über einen Betrunkenen stolpern oder zuschauen zu müssen, wie Dro20 21 22 23

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gendealer an der Straßenecke Geschäfte machen. Seien wir ehrlich: Es kann unangenehm sein, wenn sich eine Gemeinde in der Innenstadt befindet. Sich mit einem Obdachlosen zu beschäftigen, der in den Gottesdienst hereinplatzt und dabei laut flucht, oder Erbrochenes auf der Hintertreppe aufzuwischen, ist etwas völlig anderes, als im Gemeindeseminar griechische Verben zu definieren.«24 Ja, Megagemeinden in den Vorstädten errichten manchmal ganze campusähnliche Welten, in denen es weder an Einkaufsmöglichkeiten noch an Sporthallen und Aerobic-Zentren fehlt. Eine andere Form der »geistlichen Abschottung« ist nach Burkes Ansicht diejenige Art von »Absonderung«, deren Befürworter eine ganze Reihe von Dingen nicht tun, hinsichtlich derer die meisten Leute keine Bedenken haben. 1977 verließ Burke eine konservative Baptistengemeinde, um nach Berkeley (Kalifornien) zu ziehen, wo er sich einer christlichen Lebensgemeinschaft anschloss. Er war schockiert, als er den Mann, der ihn jüngerschaftlich unterweisen sollte, in einem Restaurant am Ort traf und dieser Mann ein Bier bestellte. Ein Jahr später wurde Burke gebeten, Aufnahmen von Chuck Colson zu machen. Dabei bemerkte er eine Pfeife auf der Frisierkommode des Hotelzimmers von Colson. Daraufhin angesprochen, sagte Colson, er habe die Pfeife von der C.-S.-Lewis-Stiftung bekommen. »Ich war am Boden zerstört«, schreibt Burke. »An nur einem Nachmittag verlor ich gleich zwei Pfeiler meines Glaubens.«25 Schließlich wurde dieses Gefühl, dass die Kultur und die Erwartungen der Evangelikalen so weit auseinandergedriftet waren, für ihn zu übermächtig – und dies umso mehr, da er selbst während seiner Zeit in Mariners der Welt der Kunst verhaftet blieb. »Es war so grotesk: Am Samstagabend trank ich Wein in einer Galerie, als ich meine Fotoausstellung eröffnete. Am Sonntagmorgen zog ich dann einen Anzug an und predigte. Als meine Freunde aus der Galerie erfuhren, dass ich Pastor bin, waren 24 25

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sie sprachlos. Gleichermaßen konnten meine gemeindlichen Freunde nur schwer die Künstlerkreise verstehen, denen ich angehörte … Beide Seiten hatten sich so lange voneinander abgekapselt, dass sie sich gegenseitig nicht mehr verstanden oder nicht einmal mehr das Verlangen hatten, miteinander zu kommunizieren.«26 Den dritten Grund für seine Unzufriedenheit bezeichnet Burke als »geistlichen Darwinismus«27, wobei man die Leiter in der Annahme erklimme, dass größer eben besser sei. Das Streben nach Wachstum begünstigte erheblich »eine Art Methodenneid … Wenn ich zurückblicke, wird mir klar, dass ich einen großen Teil der 80er- und 90er-Jahre damit verbrachte, von einer Konferenz zur anderen zu fahren, um zu lernen, wie man auf der Erfolgswelle von jemand anderem mitschwimmen kann.«28 Es reichte nicht, Pastor einer Gemeinde zu sein. Das Ziel bestand vielmehr darin, die am schnellsten wachsende Gemeinde zu haben. »Es ging um das Überleben des Erfolgreichsten, das sich unter einer dünnen geistlichen Fassade verbarg.«29 Während er weiterhin als Pastor in Mariners tätig war, nahm Burke an einer dreitägigen Einkehrzeit mit dem Autor und Priester Brennan Manning teil. Er war entsetzt, als man ihm die Anweisung gab, während der Freizeit kein Buch, nicht einmal die Bibel, zu lesen. Trotz seines Ärgers und seiner Verwirrung erlebte Burke jedoch eine Art Gottesbegegnung: »Und dennoch geschah, als ich äußerst aufgebracht dasaß, etwas Eigenartiges. Mir war, als konnte ich Jesus sehen, wie er dastand und mich fragte, ob er zu mir kommen und bei mir bleiben dürfe. In meinem Ärger lehnte ich ab. Es fiel mir sogar schwer, zu ihm hinzuschauen. Trotzdem blieb er dort stehen. Als ich schließlich nachgab, setzte er sich neben mich und legte 26 27 28 29

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sanft seine Arme um mich. Er sagte kein Wort. Er hielt mich lediglich in meinem Schmerz fest. In diesem Augenblick wurde mir klar, dass Gott konsequente Ehrlichkeit wollte. An Echtheit in dem ganzen Durcheinander meines Lebens nahm er keinen Anstoß. Zweifel, Ärger und Verwirrung haben darin ihren Platz. Nun durfte ich wirklich ›ich‹ sein.«30 Diese Erfahrung führte Burke zu dem, was er »Die Suche nach einer authentischen Ausdrucksweise«31 nannte. Außerdem stieß er dabei auf Autoren, die er neu entdeckte: Thomas Merton, Henri Nouwen, die Heilige Teresa von Avila. Je mehr er deren Werke las, umso mehr spürte er, dass er seinen hauptamtlichen Gemeindedienst niederlegen sollte. Wenn er heute in seinem improvisierten Büro, der einstigen Garage, arbeitet, dann dient er seiner Ansicht nach weiterhin der Gemeinde, aber auf eine andere Weise: »Dadurch, dass ich mich entschieden habe, die Fragen meines Herzens auszuleben, bin ich in der Lage, mit Menschen zu reden, wie es früher nicht möglich war. Ich sehe mich nicht mehr als Reiseleiter, sondern als Mitreisenden. Um es mit Robert Frost zu sagen: ›Darin liegt der entscheidende Unterschied.‹«32 Im Jahre 1998 begann Burke mit TheOoze.com (»ooze« bedeutet »durchdringen« bzw. »Durchdringung«.). Der Name dieses aktiven Chatrooms (virtueller Gesprächsraum im Internet) ist metaphorisch zu verstehen: Nach Burkes Absicht soll dies ein Ort sein, wo »die verschiedenen Teilbereiche der Gemeinschaft der Glaubenden wie Quecksilber miteinander umgehen. Manchmal kommen wir zusammen und manchmal gehen wir auseinander. Versucht man, die Flüssigkeit zu berühren oder irgendwie einzuzwängen, misslingt der Versuch. Statt jemanden zu zwingen, sich einzufügen, duldet eine überschäumende Gemeinschaft Meinungsverschiedenheiten und behandelt Menschen, die widersprechende Ansichten vertreten, überaus würdevoll. Hier befindet sich 30 31 32

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für mich das eigentliche Wesen der Emerging Church.«33 Mehrere Jahre lang hat The Ooze »eine Gruppe Lernender (betreut), die sich Soularize nennt«. Dort tauschten sich Mitglieder der »OnlineGemeinschaft« miteinander aus. Und 2001 ging man sogar so weit, ein sogenanntes indianisches »Potlatch« auszurichten – d.h. »eine geistliche Zeremonie, bei der Geschenke gemacht werden und Segen gespendet wird«.34 Dies wurde als Teil einer Konferenz durchgeführt. »Immer mehr fühle ich mich innerlich getrieben, Freiräume für Führungspersönlichkeiten zu schaffen, wo sie Fragen stellen und so voneinander lernen können.«35 Offensichtlich wäre es ziemlich zeitaufwendig, sich mit den anderen, die das Buch Stories of Emergence mitverfasst haben, genauso lange zu beschäftigen. Trotzdem ist es wichtig festzustellen, was alle diese Geschichten gemeinsam haben, und zu erkennen, wie sehr sie dennoch voneinander abweichen. Der Herausgeber Mike Yaconelli führt die Riege mit einer Einführung in seine eigene Lebensgeschichte unter dem Titel »The Illegitimate Church«36 (so viel wie »Die unrechtmäßige Kirche«) an. »Ich habe die Liebe zu meiner Kirche nie verloren«, schreibt er, aber soweit es die Kirche als Institution betreffe, sei er angesichts ihres Zustands »entsetzt, beschämt, niedergeschlagen, ärgerlich, frustriert und betrübt«.37 Als er noch Pastor einer Ortsgemeinde war, sagte man ihm, dass er kein richtiger Pastor sei, weil er keinen Seminarabschluss vorzuweisen hatte. Er war von zwei Bibelschulen verwiesen worden und musste erleben, wie seine Gemeinde Mitglieder verlor. Er sehnte sich nach Ruhe und nach einem Gott, »der sich an Freundschaft genügen ließ – einem Gott, der glücklich war, mit mir zusammen zu sein. Mein einziger Wunsch war, dass Gott mich lieb hatte und davon überzeugt war, dass ich ein rechtmäßiger Diener des Evangeliums sei.«38 Im Alter von 50 Jahren war er müde

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und enttäuscht. Nachdem er ein Buch von Henri Nouwen39 gelesen hatte, verbrachte er in seiner Verzweiflung einige Zeit in einer Kommunität namens »L’Arche«. Hier fühlte er sich zu Hause. »Ich verstand, dass die moderne, institutionelle, denominationell bestimmte Kirche von Werten durchdrungen war, die dem Wertesystem der biblisch fundierten Gemeinde widersprachen. Genau jener säkulare Humanismus, den die institutionelle Kirche kritisierte, durchdrang die kirchlichen Strukturen, ihre Sprache, ihre Methoden, Abläufe, Prioritäten, Werte und Visionen. Die ›rechtmäßige«‹ Kirche – und zwar diejenige, die mich von meiner Fehlerhaftigkeit überzeugt hatte –, wurde zur unrechtmäßigen Kirche, indem sie die Werte der Moderne mit offenen Armen aufnahm.«40 Zu solchen Werten gehören Effizienz, Anspruchsdenken und Handeln. Danach kam er in seine Gemeinde zurück, die nach seinen Ausführungen zwar immer noch klein, aber gleichzeitig umgestaltet worden war. Nun begann er zu sehen, wie sich Dinge veränderten. Statt die Gottesdienstgestaltung »aufzubereiten«, lasen Mitglieder von ihnen geschätzte Texte öffentlich vor, während andere den Gottesdienst unterbrachen, um Fragen zu stellen. Wieder ein anderer brachte eine bessere Veranschaulichung als die dargebotene vor, um die Predigt abzuschließen. Man sprach nicht mehr so oft über Sünde – vielleicht zweimal in zwölf Jahren seit seiner Rückkehr aus L’Arche, schreibt Yaconelli. Dies geschah nicht, weil man den Glauben an die menschliche Sündhaftigkeit aufgegeben habe. Vielmehr geschah es, weil man bereits alles über Sünde und Sündengebundenheit wisse. Was man jetzt brauche, sei Gnade: »Wir müssen nicht ständig über Sünde reden. Sie beinhaltet eine gegebene Tatsache. Wonach wir uns alle sehnen, ist die gute Nachricht.«41 Und sie sprachen nicht mehr in Lehrsätzen, sondern sie erzählten Geschichten – nicht zuletzt Geschichten, in denen sie 39 40 41

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In the Name of Jesus (New York: Crossroad, 1993). Ebd. Ebd., S. 18.


ihre eigenen Fehler bekannten, und Geschichten, in denen sie ihre Kommunikation mit Gott bezeugten. Letztendlich handeln diese Geschichten »nicht von tatsächlichen Ereignissen. Sie betreffen vielmehr das, was sich in uns abspielt. Sie reden von den unergründlichen Zufluchtsorten in uns, die nicht nur unser Wesen, sondern auch Gottes Fingerabdrücke in unserem Leben zum Vorschein bringen und erkennen lassen.«42 Und diese Geschichten seien »nie fertig, sondern beinhalten nur Ausschnitte, sind im Werden – Geschichten, die nie zu Ende sind.«43 Im Grunde könne man Geschichten leicht behalten, und was noch wichtiger sei: Sie sind »die effektivste Methode, komplizierte und schwer zu erklärende Wahrheiten zu einfachen und verständlichen Bausteinen der Realität zusammenzufassen, die wir begreifen können.«44 Diese Christen verstanden das Evangelium als Geschichte und glaubten, »dass Gemeinde ganz einfach der Ort sei, wo wir unsere Geschichten einander erzählen können. Sind dies die Geschichten der postmodernen Emerging Church? Ich hoffe, dass dem nicht so ist. Hoffentlich sind dies stattdessen die Geschichten von immer mehr Menschen, die versuchen, Gemeinde für die gegenwärtige Situation zu sein, und dabei sehr wohl wissen, dass Gemeinde im nächsten Augenblick wieder ganz anders aussehen kann.«45 Todd Hunter46 war früher Direktor von Vineyard USA (Anmerkung des Übersetzers: Der US-amerikanische Zweig dieser 1978 von John Wimber [1934-1997] gegründeten und inzwischen in vielen Ländern aktiven charismatischen Erneuerungs- und Gemeindegründungsbewegung heißt offiziell »National Association of Vineyard Churches«.), wobei er mit jungen christlichen Führerpersönlichkeiten, insbesondere Gemeindegründern, zusammenarbeitete. Allmählich fand er heraus, dass sich die Fragen, die von Ungläubigen gestellt wurden, änderten: »Gibt es Wahrheit?«, 42 43 44 45 46

Ebd., S. 20. Ebd. Ebd., S. 21. Ebd., S. 21-22. »Entering the Conversation«, S. 40-54.

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»Wie kann man sie angesichts unserer menschlichen Fehlerhaftigkeit erkennen?«, »Inwieweit können wir hinsichtlich der Wahrheit sicher sein?«, »Ist alle Wahrheit von Natur aus gut?«, »Gibt es Möglichkeiten, die Wahrheit außerhalb derjenigen Wege zu erkennen, die man uns im Sinne des christlichen Ausschließlichkeitsanspruchs und des grundlagentheoretischen Fundamentalismus lehrte? Wenn ja, was bedeutet dies für die Apologetik, Theologie und Kirchengeschichte?«47 Hunter verließ Vineyard im Jahre 2000, um eine Gemeinde für postmoderne Menschen zu gründen. »Die Postmoderne«, so schreibt er, »hat mich zu einem Postreduktionisten gemacht.«48 (Anmerkung des Übersetzers: Wer z.B. eine reduktionistische Sichtweise der Bibel vertritt, greift einzelne Elemente heraus, um sie anschließend demgemäß auszulegen. Ein Postreduktionist ist demnach einer, der meint, er habe diese auf Einzelelemente ausgerichtete Betrachtungsweise hinter sich gebracht.) Unter dem Einfluss von Stanley J. Grenz und John R. Franke49 kam er zu der Einsicht, wie wichtig es sei, nicht in der falschen »Geschichte« zu leben. Wir alle würden gewissermaßen in irgendeiner Geschichte leben, wobei das Wichtigste darin bestehe, dass wir in Gottes Geschichte leben und mit unserer Existenz in die biblische Handlung eingebettet sind. »Das Evangelium vom Reich Gottes lädt uns zu einer allumfassenden Geschichte ein. Die Geschichten von Adam und Eva, von Israel und von der Gemeinde wurden ausnahmslos mit der Absicht niedergeschrieben, dass man darin lebt. Wer darin lebt, ist ungemein bevorrechtet. Wer außerhalb der Geschichte Gottes lebt, setzt sich ernsten Konsequenzen aus (es kommt einem sofort ein vergeudetes Leben und die Hölle in den Sinn).«50 47 Ebd., S. 43. 48 Ebd., S. 46. 49 Beyond Foundationalism: Shaping Theology in a Postmodern Context (Louisville: Westminster John Knox Press, 2000). 50 »Entering the Conversation«, S. 48.

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