Tobias Krämer (Hrsg.)
WOZU ISRAEL? HISTORISCHE, THEOLOGISCHE UND ZEITGESCHICHTLICHE ZUGÄNGE ZUM BUNDESVOLK GOTTES
Tobias Krämer (Hrsg.) WOZU ISRAEL?
ISBN 978-3-00-043928-5 2., verbesserte Auflage 2015 © Christen an der Seite Israels • CharismaShop.de • GOSPEL FORUM Verlag: CharismaShop.de mediadepot GmbH • Dieselstr. 36 • 70469 Stuttgart Druck: Druckhaus Harms • Martin-Luther-Weg 1 • 29393 Groß Oesingen Umschlagsgestaltung, Satz: CharismaShop.de mediadepot GmbH Bibelzitate sind vornehmlich der revidierten Elberfelder Übersetzung entnommen (Revidierte Elberfelder Bibel © 1985/1991/2006 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten). Die Abkürzungen der Bibelstellen orientieren sich an den Loccumer Richtlinien.
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Tobias Krämer (Hrsg.)
WOZU ISRAEL? HISTORISCHE, THEOLOGISCHE UND ZEITGESCHICHTLICHE ZUGÄNGE ZUM BUNDESVOLK GOTTES
Friedrich der Große:
„Können Sie mir einen einzigen, unwiderlegten Gottesbeweis nennen?“ C. F. Graf Reventlow:
„Jawohl, Majestät – die Juden!“
INHALT VORWORT. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 EINFÜHRUNG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 TEIL 1
ISRAEL IN (HEILS-) GESCHICHTLICHER PERSPEKTIVE . . . . . . . . . . . . . 14
GOTTES BUND MIT ISRAEL VON ABRAHAM BIS HEUTE (TOBIAS KRÄMER) . 16
I. II. III. IV.
Der Abrahamsbund (1. Mose) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 Der Mosebund und sein Verhältnis zum Väterschwur (2.– 5. Mose) . . . . . . . 22 Die Verheißung des neuen Bundes (Jeremia 30–33; Hesekiel 36) . . . . . . . . . . 46 Wiederherstellung Israels im NT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
GESCHICHTE DES HEILIGEN LANDES VON ABRAHAM BIS HEUTE (DIETMAR KERN) . 66
I. II. III. IV.
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 Die historische Entwicklungslinie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 Staatsgründung und Konflikte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 Warum scheint der Konflikt nahezu unlösbar zu sein? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
DIE MESSIANISCHE BEWEGUNG (HANNA TISCHER) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
I. II. III. IV.
Die Bedeutung des hebräischen „Maschiach“ als „gesalbt“/„Gesalbter“ . . . . 94 Die messianische Bewegung in der Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .100 Die moderne messianische Bewegung von den Anfängen bis heute . . . . . .106 „Der eine neue Mensch“ im Messias aus Juden und Heiden (Epheser 2) . . 114
TEIL 2
ISRAEL THEOLOGISCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
EIN GOTT – ZWEI TESTAMENTE (TOBIAS KRÄMER) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 I. Die Juden und das Heil – Heilsgeschichte und Heilsverständnis . . . . . . . . . . 120 II. Das AT und Jesus – zum Verhältnis von AT und NT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 III. Ansätze biblischer Theologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .140
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INHALT
IN DEN BIBLISCHEN FESTEN JESUS FEIERN (HANNA TISCHER) . . . . . . . . . . . . . 150
I. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 II. Die biblischen Feste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158 ISRAEL IM RÖMERBRIEF: RÖMER 9–11 (TOBIAS KRÄMER) . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
I. II. III. IV.
Der Gedankengang im Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174 Die beiden Israeloffenbarungen des Paulus: Geliebte und Feinde zugleich . .180 Die Kirche für die Juden – die Juden für die Kirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .186 Das Evangelium für die Juden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .190
ISRAEL IN DER ENDZEIT (TOBIAS KRÄMER) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
I. Vorüberlegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .196 II. Eschatologiekonzepte in AT und NT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .200 III. Endzeitlehre im Grundriss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 TEIL 3
ISRAEL AKTUELL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228
ANTISEMITISMUS (DIETMAR KERN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230
I. II. III. IV.
Antisemitismus – Grundzüge eines aktuellen Phänomens . . . . . . . . . . . . . . . 232 Die verschiedenen Formen des Antisemitismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .242 Islamischer bzw. arabischer Antisemitismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .272 Geistliche Hintergründe des Antisemitismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .278
HINTERGRÜNDE UND URSACHEN DES NAHOST-KONFLIKTS (DIETMAR KERN) . 284
I. II. III. IV.
Der Kern des Konflikts und seine Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .286 Entstehung des Konflikts und Friedensaussichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .290 Geistliche Aspekte im Nahost-Konflikt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .296 Aufgabe und Verantwortung der Christen – Konsequenzen . . . . . . . . . . . . .306
ISRAEL IN ZAHLEN UND FAKTEN (MAREN STEEGE) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308 KLEINES BEGRIFFSLEXIKON . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 316 INTERNET-LINKS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332 ZU DEN AUTOREN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 334 WOZU ISRAEL?
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VORWORT Vorwort von Harald Eckert Es ist mir persönlich eine große Freude, dieses Buch vorstellen zu können und mitzuhelfen, es auf den Weg zu bringen. Das hat viele Gründe, von denen ich hier einige nennen möchte: › Tobias Krämer wendet sich mit seinem Team in erster Linie klassischen Themen und Fragen rund um Israel zu, tut das aber mit einem frischen Blick! Das bringt „frischen Wind“! Damit ist dieses Buch einerseits für Neueinsteiger in dieses Themenfeld geeignet, andererseits werden auch die Leser sehr profitieren, die sich zum traditionellen christlichen „Israel-Klientel“ zählen. › Das Autorenteam hat primär nicht die „Israel-Szene“, sondern die Ortsgemeinde und ihre Leiter im Blick. Tobias war ja selbst viele Jahre lang Teil des Pastorenteams einer großen Gemeinde, des GOSPEL FORUM in Stuttgart. Dieses Buch entstand unter dem Anspruch der Gemeinderelevanz. Und es hat sich in diesem Kontext auch schon bewährt! › Insbesondere in den theologischen Passagen dieses Buches werden Einsichten und Erkenntnisse aus dem kirchlichen wie auch aus dem freikirchlichen Spektrum miteinander verbunden. Das schützt dieses Buch vor Schmalspurdenken und Einseitigkeiten. Dies ist ein großer Gewinn!
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VORWORT
› In der Zusammenarbeit zwischen dem GOSPEL FORUM und CHRISTEN AN DER SEITE ISRAELS (CSI) zeigt sich ein Ansatz, der zukunftsweisend ist: Die Zusammenarbeit zwischen Gemeinde und Werk. Nur in einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Ortsgemeinden und IsraelWerken können wir Israel und das jüdische Volk sowie Kirche und Gesellschaft in Deutschland in einer Weise berühren, die tiefgreifende Veränderungen und dauerhaften Segen bewirken. Ein ganz besonderer Dank geht hier auch an Markus Wenz, den Leiter des CharismaShop.de und mediadepot, für das professionelle, vertrauensvolle, innovative und flexible Miteinander in dieser Kooperation! › Last but not least: Im letzten halben Jahr ist zwischen Tobias und mir nicht nur eine berufliche Zusammenarbeit entstanden, sondern auch der Beginn einer Freundschaft, die mir jetzt schon sehr kostbar geworden ist. Die geistliche Reife, intellektuelle Größe und persönliche Bescheidenheit von Tobias sind mir zu einem großen Gewinn und für das CSI-Team zu einer wertvollen Bereicherung geworden. Zum Schluss möchte ich auch zu erkennen geben, dass diese von Herzen kommende Befürwortung dieses Buches nicht heißt, dass ich automatisch jedem theologischen Detail zustimme. Gerade im Kapitel über die Endzeit würde ich manchen Akzent anders setzen. Doch das schmälert nicht meine Wertschätzung dem Werk gegenüber. Im Gegenteil: Die Einheit in Unterschiedlichkeit – Einheit in allen wesentlichen Fragen, Unterschiedlichkeit im Detail – ist Teil unseres Zeugnisses und auch Teil der Botschaft dieses Buches. Mögen möglichst viele Leser – offene und kritische – davon profitieren! Harald Eckert zum jüdischen Neujahrsfest, Rosh Hashana, 2013
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EINFÜHRUNG Israel weckt Emotionen. Das fällt auf. Denn andere Länder tun das längst nicht in diesem Maß. Selbst diejenigen nicht, in denen täglich massiv Menschenrechte gebrochen werden – bis hin zum Genozid. Emotionen bedeuten, dass man sich auf einer persönlichen, oft unreflektierten Ebene bewegt. Und die Bandbreite der IsraelEmotionen reicht von glühender Liebe bis zu brennendem Hass und – überraschend genug – auch bis hin zu ausgemachter Gleichgültigkeit. Auch in christlichen Kreisen. Hinter solchen Gefühlen liegen Überzeugungen und Wertesysteme. Es lohnt sich, diese einmal zu überprüfen: Wie denke ich über Israel? Welche Überzeugungen habe ich im Innersten meines Herzens, und sind diese angemessen, richtig und recht? Denkt Gott genauso oder sieht er Israel anders? Auf diese Weise sollte auch jeder Christ im Laufe seines Lebens irgendwann an den Punkt kommen, sein Verhältnis zu Israel zu klären und auf „biblisches Niveau“ zu bringen. Dieses Buch hat ein Ziel: Es will Verständnis wecken. Verständnis für Gottes Pläne und Handeln mit Israel, für seinen Herzschlag Israel gegenüber und für das Volk der Juden. Geistliches, biblisch-theologisches und historisches Verständnis. Verstehen tut Not, Unverständnis hingegen hat weder Verheißung noch Perspektive. Dieses Buch gliedert sich in drei Teile, die das Thema Israel jeweils unter einem bestimmten Blickwinkel beleuchten. I . Im ersten Teil haben wir den (heils-)geschichtlichen Zugang zu Israel gewählt. In drei Längsschnitten werden jeweils Tausende von Jahren abgeschritten, sodass die großen Linien sichtbar werden. So werden die Geschichte des Bundes Gottes mit Israel, die des Heiligen Landes und auch die der messianischen Bewegung dargestellt. II . Im zweiten Teil ist der Ansatz ein theologischer. Wie man Israel heute zu sehen hat, hängt unter anderem von Fragen ab, die das Verhältnis der beiden Testamente zueinander betreffen.
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EINFÜHRUNG
Diese komplizierten bibelhermeneutischen Fragen werden in einem separaten Kapitel behandelt und dann in weiteren Themenfeldern biblischer IsraelTheologie (Israel in Röm 9–11, Feste Israels, Israel in der Endzeit) weiterverfolgt. III . Der dritte Teil ist der Neuzeit gewidmet. Der bis heute keineswegs überwundene weltweite Antisemitismus und der Nahost-Konflikt werden hier behandelt. Das sind „schwere“ und dunkle Kapitel, an denen man zu kauen hat. Dann aber darf man das heutige Israel einfach noch ein wenig kennenlernen. Einige Zahlen und Fakten sind im letzten Kapitel zusammengestellt, mit denen das heutige Israel vorgestellt und das Buch abgerundet werden soll. Vor allem in den exegetischen und theologischen Kapiteln werden häufig die entsprechenden Bibeltexte zitiert, damit die Ausführungen leicht am Wortlaut der Bibel geprüft werden können. In der Regel wurde die revidierte Elberfelder Übersetzung verwendet, die sehr nah am Urtext ist. Zum Charakter dieses Buches ist anzumerken, dass es Überblick geben will. Wir haben große Themen in relativer Kürze behandelt. Für Experten wird hier wenig Neues zu finden sein, doch für alle anderen ist so die Möglichkeit gegeben, mit einem einzigen Buch einen Überblick über die Themenbereiche rund um Israel zu gewinnen. Deshalb haben wir auch davon abgesehen, ein explizit wissenschaftliches Werk zu verfassen. Der übliche Fußnotenapparat fehlt ebenso, wie eine ausführliche Literaturliste. Das heißt aber nicht, dass wir uns mit der Literatur nicht auseinandergesetzt hätten. Im Gegenteil. Einige Werke der Literatur, die u. E. grundlegenden Charakter haben, sind am Anfang eines jeden Kapitels genannt. So ist für Interessierte die Brücke zur Beschäftigung mit weiterer Literatur geschlagen. Darüber hinaus kann zur allgemeinen Einführung in Israeltheologie bzw. Judentum auf folgende, höchst lesenswerte und zugleich allgemeinverständliche Werke hingewiesen werden:
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› Goppelt, Leonhard, „Israel und die Kirche, heute und bei Paulus.“ In: Ders., Christologie und Ethik. Aufsätze zum Neuen Testament. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1968, S. 165–189 › Kayales, Christina/Fehland van der Vegt, Astrid (Hrsg.), Was jeder vom Judentum wissen muss. 10., völlig neu bearbeitete Auflage; Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2005 › Maier, Gerhard (Hrsg.), Israel in Geschichte und Gegenwart. Beiträge zur Geschichte Israels und zum jüdisch-christlichen Dialog. Bericht der AfeTStudienkonferenz 1995 in Bad Blankenburg. Wuppertal: Brockhaus 1996 › Roller, Timo, Einzigartiges Israel. Das Heilige Land zwischen Bibel und Politik. Holzgerlingen: Hänssler 2008 › Schwarz, Berthold, „Israeltheologien unter der Lupe.“ In: C. Herrmann, Wahrheit und Erfahrung. Themenbuch zur Systematischen Theologie Band 3. Wuppertal: Brockhaus 2006 › Stadelmann, Helge/Schwarz, Berthold, Christen, Juden und die Zukunft Israels. Beiträge zur Israellehre aus Geschichte und Theologie (EDIS 1). Frankfurt: Peter Lang 2009 › Tilly, Michael, Das Judentum. 5., korrigierte und ergänzte Auflage, Wiesbaden: marix 2013
› Prince, Derek, Warum Israel? Und: Die Rückführung Israels. Serie Nachfolge konkret. Trostberg. IBL 2000 › Eckert, Harald, Gottes Weg mit Israel von Abraham bis zur Offenbarung. Lüdenscheid: Asaph 2005 › Glashouwer, Willem, Warum immer wieder Israel? Vision von der Zukunft Israels und der Welt. 3., erweiterte und überarbeitete Auflage, Lübeck: CKV 2007
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EINFÜHRUNG
Die Mehrzahl der zehn Kapitel dieses Buches hat seinen Ursprung in einer Vortragsreihe, die wir anlässlich des Jubiläums der Staatsgründung Israels im Jahre 2008 im GOSPEL FORUM Stuttgart gehalten haben. Dem waren viele Monate theologischen Arbeitens vorausgegangen, in denen wir diese Themen miteinander ausgiebig diskutiert und um ein biblisches Verständnis gerungen haben. Zum Teil ist der Vortragsstil den Ausführungen noch anzumerken. Das ist beabsichtigt und verbindet sich mit der Hoffnung, die Lebendigkeit des mündlichen Vortrags ein Stück weit erhalten zu können. Großer Dank gebührt all denen, die uns mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben. Dr. Helmuth Egelkraut, Dr. Gotthard Reinhold, Johannes Gerloff, Dominik Sickinger, Wolf Klaiber und Hartmut Krämer haben Teile des Manuskripts kritisch durchgesehen und überaus hilfreiche Anmerkungen zum Inhalt gemacht – gerade auch dort, wo ihre Sicht der Dinge eine andere ist als die unsrige. Zur Veröffentlichung ermutigt haben uns Dr. Berthold Schwarz, Dr. Jürgen Bühler, Harald Eckert und Markus Wenz. Myriaden von Fehlern wurden von Elisabeth Hampe, Antje Lachenmaier, Cinzia Ceddia, Iris Kuhn und Edgar Neumann entfernt. Die Endkorrekturen hat Dr. Julian Kümmerle übernommen. Die Gestaltung lag in den guten Händen von Anastasia Taioglou. Ihnen allen danken wir von Herzen. Am Ende dieser Einführung – und damit am Anfang dieses Buches – soll eine Aussage von Papst Franziskus stehen: „Sie fragen mich auch, was man den jüdischen Brüdern über den Bund sagen kann, den Gott mit ihnen geschlossen hat. Ist er denn ganz ins Leere gegangen? Glauben Sie mir: Das ist eine Frage, die uns als Christen bewegt, weil wir […] wiederentdeckt haben, dass das jüdische Volk für uns immer noch die heilige Wurzel ist, aus der Jesus kam. Gott ist dem Bund mit Israel immer treu geblieben, und die Juden haben trotz aller furchtbaren Geschehnisse dieser Jahrhunderte ihren Glauben an Gott bewahrt. Dafür werden wir ihnen als Kirche, aber auch als Menschheit, niemals genug danken können.“ (Radio Vatikan) Für den Autorenkreis
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Teil 1 ISRAEL IN (HEILS-) GESCHICHTLICHER PERSPEKTIVE
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GOTTES BUND MIT ISRAEL VON ABRAHAM BIS HEUTE Der Abrahamsbund (1. Mose) Der Mosebund und sein Verhältnis zum Väterschwur (2.–5. Mose) Die Verheißung des neuen Bundes (Jeremia 30–33, Hesekiel 36) Wiederherstellung Israels im NT
Gott ist ein Gott des Bundes. Der Bund Gottes mit Israel ist etwas Zentrales, aber nichts Statisches. Treffender wäre es, von einem „Bundesgeschehen“ oder einer „Bundesgeschichte“ zu sprechen, die mit Abraham beginnt und – schon innerhalb der fünf Mosebücher – eine Entwicklung durchläuft, die letztlich auf Jesus zuläuft. Diese darzustellen ist Ziel und Inhalt dieses Kapitels. Dabei werden die wesentlichen Etappen der Bundesgeschichte abgeschritten: Der Abrahams- bzw. Väterbund (1. Mose), der Mosebund (2.–5. Mose), die Verheißung des neuen Bundes (Jer 30–33), der durch Jesus verwirklicht wurde (Lk 22,20), und die Weiterentwicklung des Bundesgeschehens im NT (Evangelien, Apostelgeschichte, Römerbrief). Jede dieser Etappen zeichnet sich dadurch aus, dass das Bundesgeschehen modifiziert und fortentwickelt wird. So ist beispielsweise der Mosebund nicht einfach derselbe Bund wie der Abrahamsbund. Er greift diesen aber auf, fügt neue Aspekte hinzu und unterzieht ihn einer inneren Fortentwicklung. Dasselbe gilt für jede weitere Etappe. Diese Entwicklung des Bundesgeschehens soll hier nachgezeichnet werden, Schritt für Schritt und Text für Text. Dabei werden die wichtigsten Bibeltexte abgedruckt, so dass die Auslegungen dieser Texte direkt am Text nachprüfbar sind. Auf diese Weise soll zunächst der Aussagegehalt jedes einzelnen Textes erhoben werden. Dabei soll aber zugleich der rote Faden der Bundesgeschichte, wie er sich durch die Bibel zieht, sichtbar gemacht werden – beginnend mit Abraham, endend in Röm 11.
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GOTTES BUND MIT ISRAEL VON ABRAHAM BIS HEUTE
Das Hauptmotiv, das hinter dieser Entwicklung steht, ist die Treue Gottes. Diese findet sich kaum irgendwo eindrücklicher dargestellt als in eben dieser langen Bundesgeschichte, die Gott mit seinem Volk Israel durchläuft. Gott ist seinem Volk treu, und in seiner Treue führt er es zum Ziel. Wie dieser lange Weg ausgesehen hat und noch aussehen wird, schildert die Bibel Alten und Neuen Testaments. Am Anfang dieser Bundesgeschichte steht: Abraham.1
1 – Inspiriert wurde dieser Ansatz von der bereits vor dem Zweiten Weltkrieg erschienenen „Theologie des Alten Testaments“ von Walther Eichrodt (Berlin, mehrere Auflagen). Für den großen Alttestamentler stellt der Bund die Mitte und den Kern des AT dar. Aus diesem Grund entwikkelt er seine Darstellung der Theologie des AT strikt vom Bundesgedanken her. Dabei geht er in erster Linie vom Sinaibund aus, während in der vorliegenden Darstellung der Abrahamsbund eine ebenso entscheidende Rolle spielt. Zu anderen Konzeptionen einer Theologie des AT vgl. Manfred Oeming, „Ermitteln und vermitteln. Grundentscheidungen bei der Konzeption einer Theologie des Alten Testaments.“ In: Ders., Verstehen und Glauben. Exegetische Bausteine zu einer Theologie des Alten Testaments (BBB 142). Berlin, Wien: Philo 2003. Das Wesentliche zur Bundesgeschichte findet sich in: Jürgen Kegler, Art. „Bund“, Calwer Bibellexikon Bd. 1, Stuttgart 2006, S. 211–213. Was dort kurz und präzise zusammengefasst ist, wird hier in größerer Breite entfaltet werden. Kegler geht ferner noch auf weitere Bundesschlüsse ein, die in dem hier vorliegenden Kapitel nicht thematisiert werden. Zu empfehlen ist ferner: Norbert Lohfink, Der niemals gekündigte Bund. Freiburg: Herder 1989. Schnell und instruktiv liest sich (die hier dargestellte Position vertretend): Harald Eckert, Gottes Weg mit Israel. Von Abraham bis zur Offenbarung. Lüdenscheid: Asaph 2005.
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I. DER ABRAHAMSBUND (1. MOSE) Der Bund mit Abraham ist eigentlich kein Bund sondern ein Schwur, eine einseitige Zusage von Gott. Dies wird durch den ganzen Pentateuch hindurch betont.2 Das Entscheidende dabei ist, dass diese Zusage bedingungslos erfolgt! Gott gibt aus freien Stücken ein Versprechen, an das er sich bindet. Dieses Versprechen an Abraham (später Isaak und Jakob) erscheint im Buch Genesis immer wieder. Es enthält im Wesentlichen drei Elemente: Aus Abraham wird ein Volk hervorgehen. Dieses wird ein Land, das Land Kanaan, besitzen. Und in Abraham wird es einen Segen für alle Menschen geben. Volk, Land, Segen. Dabei gilt es zu beachten, dass es sich bei Volk und Land um Verheißungen ganz konkret irdischen Inhalts handelt, während der Segen etwas Geistliches ist. Die irdischen Verheißungen sind im Hinblick auf Israel gegeben, die geistliche Verheißung richtet sich auch an die Nationen. Zwei verschiedene Ebenen (die geistliche und die irdische), zwei verschiedene „Körperschaften“ (Israel und die Nationen), aber an einen Empfänger: Abraham. Hier ein Blick in die wichtigsten Texte im Wortlaut: 1 . MOSE 12,1–3 .7: VOLKS-, LAND- UND SEGENSVERHEISSUNG
Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde! 2 Und ich will dich zu einer großen Nation machen und will dich segnen, und ich will deinen Namen groß machen, und du sollst ein Segen sein! 3 Und ich will segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den werde ich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde! 7 Und der HERR erschien dem Abram und sprach: Deinen Nachkommen will ich dieses Land geben. 1
2 – 1.Mo 26,3; 2.Mo 33,1; 3.Mo 26,42ff; 4.Mo 14,23; 24,30f; 5.Mo 4,31; 7,8; 28,11; 34,4 u. ö.
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I. DER ABRAHAMSBUND (1. MOSE)
1 . MOSE 13,15f: DIE LANDVERHEISSUNG AN DIE NACHKOMMEN FÜR EWIG
Denn das ganze Land, das du siehst, dir will ich es geben und deinen Nachkommen für ewig. 16 Und ich will deine Nachkommen machen wie den Staub der Erde, so dass, wenn jemand den Staub der Erde zählen kann, auch deine Nachkommen gezählt werden.
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1 . MOSE 15,7: DAS LAND ALS BESITZ
Und er sprach zu ihm: Ich bin der HERR, der ich dich herausgeführt habe aus Ur, der Stadt der Chaldäer, um dir dieses Land zu geben, es in Besitz zu nehmen. 1 . MOSE 15,13–18: PROPHETISCHER ZUSPRUCH UND BUNDESRITUAL
Und er sprach zu Abram: Ganz gewiss sollst du wissen, dass deine Nachkommenschaft Fremdling sein wird in einem Land, das ihnen nicht gehört; und sie werden ihnen dienen, und man wird sie unterdrücken vierhundert Jahre lang […] 16 Und in der vierten Generation werden sie hierher zurückkehren; denn das Maß der Schuld des Amoriters ist bis jetzt noch nicht voll. 17 Und es geschah, als die Sonne untergegangen und Finsternis eingetreten war, siehe da, ein rauchender Ofen und eine Feuerfackel, die zwischen diesen Stücken hindurch fuhr. 18 An jenem Tag schloss der HERR einen Bund mit Abram und sprach: Deinen Nachkommen habe ich dieses Land gegeben, vom Strom Ägyptens an bis zum großen Strom, dem Euphratstrom. 13
Die Zusage ist nicht an eine gewisse Zeit gebunden. Sie „verjährt“ nicht, sondern sie steht fest, auch über die 400-jährige Zeit in Ägypten hinaus. Sie gilt Abraham und seinen leiblichen Nachkommen – komme, was wolle. Dafür verbürgt sich Gott mit dem damals gebräuchlichen Ritual des Bundesschlusses (1.Mo 15,17), das er allerdings allein, also einseitig vollzieht. Gott schließt einen Bund, Gott bindet sich an diese Zusage.3 3 – „Gott schließt hier einseitig einen Blutsbund. Das bedeutet: Gott bürgt mit seinem „Leben“, also seiner Existenz für die Verwirklichung des Zugesagten. Näheres zum Blutsbund findet sich in: Rosemarie Stresemann, Mit GOTT verBUNDen. Biblische Studien und Erfahrungen zum Thema Blutsbund. Metzingen: Franz 2000.
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WEITERE AKZENTSETZUNGEN
› 1.Mo 17,1–9: Als Zeichen des Bundes soll alles Männliche beschnitten werden, so dass klar zu sehen ist, wer mit Gott im Bunde steht. Die Beschneidung ist der Anteil des Menschen am Bund. Zugleich wird der Bund zum „ewigen Bund“, gilt also ohne zeitliche Begrenzung, und Gott sagt sich selbst zu: „Ich werde ihnen Gott sein“. › 1.Mo 22,16–18: Abraham besteht die Glaubensprüfung, seinen Sohn zu opfern. Daraufhin erneuert Gott seinen Schwur und verheißt erneut seinen Segen, dieses Mal aber nicht in Form eines freien Gnadenerweises, sondern „dafür, dass du meiner Stimme gehorcht hast“ (V. 18). Hier entsteht plötzlich ein Zusammenhang zwischen dem Segen Gottes und Abrahams Gehorsam (das war in 1.Mo 12 noch nicht der Fall). Nun stehen die beiden Elemente, die Israels Geschichte prägen werden, nebeneinander: Die freie Zusage Gottes und der erwartete Gehorsam. › 1.Mose 26 und 28: Der Bund wird auf Isaak und Jakob übertragen und tritt so den Weg durch die Generationen an. Damit erfüllt sich 1.Mo 15,18, wo den Nachkommen Abrahams der Bund zugesagt wird. Dennoch bleibt Abraham der eigentliche Träger der Verheißung. 1.Mo 26,3 (an Isaak gerichtet): „Und ich werde mit dir sein und dich segnen; denn dir und deinen Nachkommen werde ich alle diese Länder geben, und ich werde den Schwur aufrechterhalten, den ich deinem Vater Abraham geschworen habe.“
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I. DER ABRAHAMSBUND (1. MOSE)
› 1.Mo 28,15 erscheint erstmals das bedeutungsschwere Wort „zurückbringen“. Prophetisch klingt hier an, dass nicht nur Jakob aus dem Lande Labans „zurückgebracht“ werden wird, sondern auch Israel aus Ägypten (vgl. 1.Mo 15,13ff), später Israel aus dem babylonischen Exil (Jer 29,10ff) und am Ende der Zeiten aus aller Welt (Jer 30,3; 31,8). „Zurückbringen“ ist eine Grundverheißung Gottes an Israel. › 1.Mo 50,24–26: Die Verheißung Gottes hat sich offenbar tief in die Volksseele der Nachkommen Abrahams eingeprägt. Denn Joseph erwartet konkret deren Erfüllung und ordnet an, dass seine Gebeine mitgenommen werden, wenn Israel ins verheißene Land zieht. Bereits für Joseph war es unzweifelhaft, dass dies einst geschehen wird, und so ist diese Erwartung innerhalb des Volkes der Juden zu allen Zeiten lebendig geblieben („nächstes Jahr in Jerusalem“). Der Abrahams- bzw. Väterbund ist eine einseitige Zusage Gottes, ein Versprechen. Er beinhaltet, dass Gott den Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs das verheißene Land zum ewigen Besitz geben wird. Das ist von Gott her fest versprochen. Dieser Bund ist die Grundlage des Mosebundes, der im Buch Exodus gestiftet und geschlossen wird.4
4 – Da der Abrahamsbund eigentlich ein Schwur ist und Israel unter Mose in einen Bund mit Gott eintritt, verwende ich im Folgenden die Begriffe „Väterschwur“ und „Mosebund“ bzw. „Sinaibund“.
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II. DER MOSEBUND UND SEIN VERHÄLTNIS ZUM VÄTERSCHWUR (2.–5. MOSE) Im Buch Exodus finden wir Israel im herben Sklavendienst. „Da hörte Gott ihr Ächzen, und Gott dachte an seinen Bund mit Abraham, Isaak und Jakob.“ (2.Mo 2,24). Der Väterbund ist hier der entscheidende Impuls für Gott, um einzugreifen. Gott hört das Ächzen und erinnert sich an sein Versprechen – Mose, der Befreier, wird geboren. Ähnlich in 2.Mo 6,3–5: Gott hat den Bund „aufgerichtet“, „denkt an ihn“ und handelt entsprechend. Der Bund von früher aktiviert Gott im Heute. Diese Grundstruktur zieht sich durch das AT durch (vgl. die folgenden Ausführungen) und ermöglicht es Gott, seinem Bund treu zu bleiben, ohne aber zeitlich festgelegt zu sein. Denn wann und unter welchen Umständen Gott an den Bund „denkt“ und ihn erfüllt, das bleibt ihm überlassen! Der Schwur gilt prinzipiell, auch wenn Israel aktuell Gericht erfährt oder auf Gottes Hilfe warten muss – das Prinzipielle und das Aktuelle sind zu unterscheiden. Darauf gründet Israels Hoffnung, vor allem in Krisen- und Gerichtszeiten.
2 . Mose 19–24: Der Bundesschluss In 2.Mo 19,4–6 wird die Bestimmung Israels konkret ausgedrückt. Gott rettet Israel, damit es sein Eigentumsvolk und eine heilige Nation wird – das ist sein Ziel: Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan und wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und euch zu mir gebracht habe. 5 Und nun, wenn ihr willig auf meine Stimme hören und meinen Bund halten werdet, dann sollt ihr aus allen Völkern mein Eigentum sein; denn mir gehört die ganze Erde. 6 Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein. Das sind die Worte, die du zu den Söhnen Israel reden sollst. 4
Der Exodus ist die prägende Grunderfahrung Israels. Hier zeigt sich Gott als der Treue und Allmächtige. Gott zeigt sich Israel als Retter-Gott und hebt Israel damit aus allen anderen Völkern hervor.
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Durch das Exodusgeschehen hat sich Gott Israel geoffenbart und Israel ist Gott bleibend verpflichtet. Israel ist das Volk von Gottes Wahl. Dahinter kann Israel nie wieder zurück! Dieses Privileg ist zugleich Auftrag. Israel ist Volk Gottes – mit allen Rechten und Pflichten. Doch ist diese Erwählung keine Verfügung Gottes, die einfach über Israel „ergeht“. Gott erwählt zwar Israel, mit ihm im Bund zu stehen, aber es bedarf der Zustimmung Israels, damit der Bund zustande kommt. Wenn Israel aber per Bundesschluss einwilligt, muss es den Bund auch halten und auf Gottes Stimme hören. Erwählung schließt die Verpflichtung mit ein, dieser Erwählung auch gerecht zu werden. Nach der gewaltigen Exodus-Erfahrung tritt Israel spontan und mit großer Freude in den Bund ein (Kap. 20–24 schildert den Bundesschluss). Dies ist eine ganz natürliche Reaktion! So sehr der Exodus eine reine Gnadentat Gottes war, so sehr verpflichtet sich Israel nun, diesem, seinem Gott zu folgen: Darauf kam Mose und erzählte dem Volk alle Worte des HERRN und alle Rechtsbestimmungen. Und das ganze Volk antwortete mit einer Stimme und sagte: Alle Worte, die der HERR geredet hat, wollen wir tun. 4 Da schrieb Mose alle Worte des HERRN auf. Am nächsten Morgen aber machte er sich früh auf und errichtete einen Altar unten am Berg und zwölf Denksteine nach den zwölf Stämmen Israels. 7 Und er nahm das Buch des Bundes und las es vor den Ohren des Volkes. Und sie sagten: Alles, was der HERR geredet hat, wollen wir tun und gehorchen. 8 Darauf nahm Mose das Blut, besprengte damit das Volk und sagte: Siehe, das Blut des Bundes, den der HERR auf all diese Worte mit euch geschlossen hat! (2.Mo 24,3.4.7.8) 3
Allerdings hat der Bundesschluss weitreichende Folgen, denn die Erfüllung des Väterschwures wird nun von der Erfüllung des Bundes abhängig gemacht (man beachte das „Wenn – dann“ !): Und nun, wenn ihr willig auf meine Stimme hören und meinen Bund halten werdet, dann sollt ihr aus allen Völkern mein Eigentum sein; denn mir gehört die ganze Erde (2.Mo 19,5). WOZU ISRAEL?
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Man sieht: Unversehens kommt neben dem bedingungslosen Schwur Gottes ein Bedingungsverhältnis zu stehen, das es so zuvor nicht gegeben hat. Einerseits verspricht Gott seinem Volk das Land frei in die Hand. Andererseits will er dieses Versprechen nur einem gehorsamen Volk einlösen. Zwischen diesen beiden Polen verläuft die ganze Geschichte Israels. Sie ist im Prinzip ein einziger Versuch Gottes, sein Volk zu bleibender Treue zu bewegen, um dann auch seinen Schwur einlösen zu können. Hier wird die Erfüllung des Schwures mit dem Halten des Bundes verknüpft. Ein Beispiel: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit deine Tage lange währen in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt“ (2.Mo 20,12). Gott gibt das Land, aber Israel wird darin nur bleiben können, wenn es den Bund hält. Ewiger Landbesitz und ewiger Gehorsam gehören zusammen. Wir stehen nun also vor einem doppelten Befund. Auf der einen Seite steht der ewig gültige Schwur Gottes, ein einseitiges Versprechen Gottes an Abraham und seine Nachkommen. Und was Gott Abraham versprochen hat, das wird er auch halten. Auf der anderen Seite steht die Bedingung, dass Gott sein Versprechen nur wahrmachen will, wenn Israel ihm gehorcht, also seinerseits in den Bund eintritt und ihn hält. Beides ist festzuhalten. Beides kommt auch in dem hebräischen Wort berît zum Ausdruck, das in unserem Zusammenhang je verwendet wird. Es kann einseitig als „Eid“ oder zweiseitig als „Bund“ verstanden werden. Beide Verständnismöglichkeiten sind in diesem Wort enthalten. Subjekt des Bundes ist immer Gott! Entscheidend ist aber die Rolle, die der Mensch im jeweiligen Bund spielt. Wo Gott einen Bund stiftet, indem er einen Schwur leistet, spielt der Mensch keine Rolle: Gott verspricht und hält sein Wort. Wo Gott aber einen Bund stiftet, der mit Bedingungen verbunden ist, wird der Bundespartner (Israel) eingeladen, in den Bund einzutreten, muss ihn dann aber auch seinerseits halten – und hier liegt die Grundproblematik in Israels Geschichte. Den Mosebund legt Gott Israel vor und Israel tritt ein. Den Väterschwur aber leistet Gott allein aus sich selbst heraus.5
5 – Zur Bandbreite des Bundesbegriffs vgl. nur Calwer Bibellexikon Bd. 1, S. 211 Abschnitt 1.
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Das Versprechen steht – der Bund und dessen Bedingungen aber auch. Gott steht zwar unbedingt zu seinem Schwur, erfüllt ihn aber nur unter gewissen Bedingungen. Er wird ihn aber auf jeden Fall erfüllen, denn er hat es ja geschworen. Ab nun gilt beides zugleich: Der einseitige Schwur und der zweiseitige Bund. Diese Struktur erhält sich bis ins NT hinein und kulminiert in der Aussage des Paulus, dass die Juden seiner Zeit Geliebte und Feinde zugleich sind: Geliebte um der Väter willen, aber Feinde aufgrund des Ungehorsams dem Evangelium gegenüber (Röm 11,28). Gott begibt sich hier sehenden Auges in eine Paradoxie hinein, denn er legt sich zweifach fest: (1.) Israel bekommt auf jeden Fall das Land als ewigen Besitz, (2.) Israel bleibt nur im Land, wenn es Gott gehorcht und den Bund hält. Das ist ein Widerspruch in sich selbst, quasi ein „Dilemma“ 6, in das sich Gott begibt. Denn beides ist nur zu halten, wenn Israel bundestreu ist. Wenn aber nicht?
BERIT ABRAHAMSSCHWUR
SINAIBUND
VERSPRECHEN GOTTES
GEHORSAMSFORDERUNG
EINSEITIGE VERPFLICHTUNG
ZWEISEITIGE FESTLEGUNG
BEDINGUNGSLOS
AN BEDINGUNGEN GEBUNDEN
VGL. RÖMER 11,28: GELIEBTE UM DER VÄTER WILLEN …
… ZUGLEICH FEINDE HINSICHTLICH DES EVANGELIUMS
GOTTES »DILEMMA« Abbildung 1: Vergleich Abrahamsschwur und Sinaibund. Eigene Darstellung.
6 – Mit dem Wort „Dilemma“ soll nicht gesagt sein, dass Gott hier in die Enge geraten sei und sich am Ende gar zwischen seiner Treue und seiner Gerechtigkeit zu entscheiden habe. Es soll lediglich plastisch veranschaulichen, welches Spannungsfeld zwischen den beiden Bundesschlüssen besteht – ein Spannungsfeld, das auf Gott selbst zurückzuführen ist.
WOZU ISRAEL?
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2 . Mose 32: Der Bundesbruch Nachdem der Bund feierlich geschlossen ist (2.Mo 19–24), will nun Gott auch bei seinem Volk wohnen. Zu diesem Zweck wird ein Zelt erstellt und Gott zeigt, wie der Gottesdienst gefeiert und der Bund vollzogen werden soll (2.Mo 25–31). Nun ist alles fertig. Die Beziehung zwischen Gott und Israel steht, der Bund ist geschlossen, Gott wohnt bei seinem Volk. Just in diesem Augenblick übertritt Israel das erste und wichtigste Gebot und macht sich einen Götzen: Das goldene Kalb (2.Mo 32). Das ist – man kann es sich nicht dramatisch genug vorstellen – wie Ehebruch in der Hochzeitsnacht! Entsprechend heftig ist Gottes Reaktion. Er denkt daran, den „Fehlversuch“ mit Abrahams Nachkommen zu beenden und mit Mose von vorne zu beginnen.7 Doch Mose interveniert und erinnert Gott an seinen Schwur: Denke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und denen du gesagt hast: Ich will eure Nachkommen so zahlreich machen wie die Sterne des Himmels, und dieses ganze Land, von dem ich gesagt habe: ‚ich werde es euren Nachkommen geben‘, das werden sie für ewig in Besitz nehmen. (2.Mo 32,13)
Dieser Schwur hat offenbar bindende Wirkung. Das zeigt Gottes Reaktion: „Da gereute den Herrn das Unheil“ (2.Mo 33,14) und er lässt davon ab.
2 . Mose 33: Was bleibt? Diese Episode soll Gott nicht übertrieben vermenschlichen, sondern offenbart zentrale geistliche Wahrheiten. Der Text zeigt deutlich, dass der Väterschwur nicht durch den Gesetzesbund abgelöst werden kann. Wäre dies möglich, so wäre es an dieser Stelle geschehen. 7 – Das dementsprechende „Angebot“ an Mose (2.Mo 32,10) ist auf genau dieselbe Weise formuliert wie 1.Mo12,2 an Abraham!
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Der Schwur bleibt bestehen, und zwar unabhängig vom Gesetzesbund und damit letztlich auch unabhängig von Israels Zustand oder Verhalten. Daran wird nicht gerüttelt. Gerade weil es sich in diesem Schwur um eine einseitige, freie Selbstverpflichtung Gottes handelt, spielen menschliche Faktoren keine Rolle. Dies verleiht dem Schwur seine Unerschütterlichkeit und Beständigkeit. Der Schwur Gottes an die Väter bleibt nicht nur bestehen, er verhindert regelrecht das Vernichtungsgericht, das nach dem Gesetzesbund angemessen wäre. Somit steht der Schwur über dem Gesetzesbund, er steht unabhängig von allem anderen in sich selbst fest! Selbst gegenüber Gottes eigenem Vernichtungswillen bleibt er bestehen. Gott an diesen Schwur zu „erinnern“ reicht somit aus, um das Vernichtungsgericht abzuwenden (nur das Vernichtungsgericht – andere Gerichte hat Israel durchaus erfahren). Israels Bundesbruch kann Gottes Schwur nicht aufheben. Denn Gott steht zu seinem Wort. Das heißt in der Folge: Der Gesetzesbund bewegt sich innerhalb des Schwures an die Väter, der Schwur ist dem Mosebund übergeordnet. Der Mosebund ergänzt den Väterschwur, löst ihn aber nicht ab oder auf. Die Geschichte Israels zielt von Anfang an auf die Erfüllung der Väterverheißung – das ist überhaupt der Grund, warum Gott Israel aus Ägypten holt. Ohne den geleisteten Schwur hätte Gott auch ein anderes Volk (z. B. ein auf Mose zurückgehendes) wählen können. Weil Gott es aber Abraham geschworen hat, muss er an Israel festhalten. Wenn Gott sich nun von Mose an seinen Schwur „erinnern“ lässt, so wird daran deutlich, dass der Schwur von Gott her volle Gültigkeit hat und nicht zur Disposition steht. Gott steht zu diesem Schwur (und damit zu Israel und zur Landverheißung) – trotz des Bundesbruchs! Das ist die zentrale Botschaft dieses Abschnitts. Gott hat jedoch Vorstellungen, wie sein Volk zu sein hat, nämlich treu, und davon rückt er nicht ab. Gott will beides: Dass der Schwur erfüllt und der Bund gehalten wird. Wir haben es hier also mit zwei völlig unterschiedlichen Ansätzen zu tun. Auf der einen Seite haben wir einen Schwur Gottes an eine historische Person und ein ethnisches Volk. Auf der anderen Seite haben wir einen Bund, der von jenem Volk eine ganz bestimmte, geistliche Ausrichtung des Lebens verlangt. WOZU ISRAEL?
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Im einen Fall geht es um das Versprechen irdischer Verheißungen, im anderen um eine gelebte Gottesbeziehung in Liebe und Treue. Paulus wird später diese Unterscheidung aufgreifen und die leiblichen Nachkommen Abrahams die „nach dem Fleisch“, die geistlichen aber dementsprechend die „nach dem Geist“ nennen. Es gibt also ein natürliches und ein geistliches Judesein, Abrahamskindsein, Beschnittensein… 8 Das natürliche Judesein bezeichnet das äußerliche, ethnische und erbliche: Als Jude bzw. Nachkomme Abrahams wird man geboren. Das geistliche Judesein bezeichnet den geistlichen Zustand des Einzelnen: Treue oder Untreue, Gehorsam oder Ungehorsam, Glaube oder Unglaube, den Bund haltend oder den Bund brechend. Gemeint ist also wahres, nämlich Gott entsprechendes Abrahamskind-, Jude- und Beschnittensein. Das sind die Menschen, die Gott von Herzen vertrauen, mit ihm leben und seinen Willen tun. Diese Menschen leben mit Gott in einer Liebes- und Vertrauensbeziehung. Für das Volk Israel gelten beide Linien. Sie sind die leiblichen Nachkommen Abrahams, ihnen gilt der Väterschwur. Den aber will Gott ihnen erst erfüllen, wenn sie auch geistlich Abrahams Nachkommen sind, also von Herzen gehorsam geworden sind. Dann werden sie das Land auf ewig erben und damit die Erfüllung des Väterschwures sehen. Die leibliche Abstammung von Abraham allein genügt nicht (vgl. Joh 8,37ff). Unser Text zeigt eindrücklich, wie ernst es Gott mit der geistlichen Ausrichtung seines Volkes ist, denn um ein Haar hätte er Israel vernichtet! Der Schwur rangiert für Gott aber noch über der Gehorsamsforderung. Ungehorsam verhindert die Verwirklichung des Schwures, annulliert ihn aber nicht. Fazit: Es ist von daher nicht möglich, dass das Volk Israel durch ein anderes Volk ersetzt wird. Weder (wie gesehen) durch ein Volk, das auf Mose gründet, noch durch die christliche Kirche, wie es in der Christenheit durchgängig vertreten wurde (Ersatztheologie, Substitutionstheorie). Denn der Schwur steht – dies stellt der Text unmissverständlich klar. Und dieser Schwur gilt Israel. 8 – Diese Unterscheidung steht hinter Texten wie Joh 8,37–47 (beachte: V. 37 und als Ausgangspunkt des Gesprächs); Röm 2,25–29; 4,9–12; 9,1–13; 11,1–28; Gal 3,7.29; 4,21–31 (v. a. 29); 6,15; Phil 3,3–7; Kol 2,11; vgl. auch Offb 2,9; 3,9.
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Wohl ist es möglich, dass Israel wegen Bundesbruchs Gericht erlebt. Auch ist es möglich, dass Nichtjuden zu geistlichen Nachkommen Abrahams werden. Zudem ist es möglich, dass verschiedene heidnische Nationen aufblühen und gesegnet werden. All dies ist möglich, und es ist auch möglich, aufgrund des bloßen Augenscheins falsche Schlüsse zu ziehen. Dass Gott jedoch Israel verwirft, ist nicht möglich, denn dann würde er seinen Schwur brechen (vgl. Jer 31,35ff). Der aber steht – das ist die eindrucksvolle Botschaft dieses Textes – unerschütterlich fest; fest, weil in Gott gegründet. Obwohl das Vernichtungsgericht durch Moses Intervention abgewendet ist, bleibt der Bundesbruch nicht ohne Folgen. Die Beziehung ist bleibend getrübt. Gott wird nun nicht „mitten unter ihnen“ wohnen (29,46) sondern „außerhalb des Lagers“ (33,7). Warum? „Damit ich dich nicht auf dem Wege vernichte“ (33,3). Gott will seinem Volk nah genug sein, um es auf dem Weg ins Land zu schützen, er muss aber auch fern genug sein, um es nicht zu vernichten. Die Folge: Gott ist nicht mehr in Israels Mitte, aber doch da. Gott distanziert sich, aber er gibt Israel nicht auf. Nur so wird Gott beidem – dem Väterschwur und dem Gesetzesbund – gerecht. Bleibt dem Leser des 2. Mosebuches nur zu hoffen, dass dies nicht Gottes letztes Wort ist.
3 . Mose Das Buch Levitikus bringt das Verhältnis JHWH – Israel auf den Punkt: Rede zu der ganzen Gemeinde der Söhne Israel und sage zu ihnen: Ihr sollt heilig sein; denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig (3.Mo 19,2).
Das Verhältnis ist ein Entsprechungsverhältnis (bzw. soll es sein). Israel soll so sein wie Gott ist, nämlich heilig. Es soll sich heiligen, also aussondern für Gott, um Gott zu entsprechen. Konkret äußert sich dies darin, dass Israel Gottes Gebote, Ordnungen und Rechtsbestimmungen einhält.
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Heiligung heißt hier, die heiligen Ordnungen des heiligen Gottes zu halten, den Bund zu bewahren und Gehorsam zu üben. Heiligung heißt, zusammen mit dem heiligen Gott im heiligen Land in Gottes heiligem Willen zu leben. Dies ist nötig, „damit euch das Land nicht ausspeie“ (20,22). Hier wird also der bleibende Landbesitz an die Heiligung gebunden. Zugleich jedoch wird die Landverheißung bewusst bestätigt und hochgehalten (20,24). Hier findet sich also wieder das schon bekannte Spannungsfeld zwischen Väterschwur und Gesetzesbund, nur in anderer Sprache, der Sprache der „Heiligung“. Und ich habe zu euch gesagt: Ihr sollt ihr Land besitzen, und ich werde es euch zum Besitz geben, ein Land, das von Milch und Honig überfließt. Ich bin der HERR, euer Gott, der ich euch von den Völkern ausgesondert habe. 26 Und ihr sollt mir heilig sein, denn ich bin heilig, ich, der HERR. Und ich habe euch von den Völkern ausgesondert, um mein zu sein (3.Mo 20,24.26). 24
Ich bin der HERR, euer Gott, der ich euch aus dem Land Ägypten herausgeführt habe, um euch das Land Kanaan zu geben, um euer Gott zu sein (3.Mo 25,38).
Gott hat mit Israel ein klares Ziel. Er holt Israel aus Ägypten, um (1.) Israel ins Land Kanaan zu bringen und daraufhin (2.) „euer Gott zu sein“ (25,38). Letzteres geschieht, indem Israel sich heiligt. So wird JHWH zu Israels Gott, so wird Israel zu JHWHs Eigentumsvolk. Und da Gott Israel aus Ägypten geholt hat, hat er auch einen Anspruch darauf, sich dieses Volk zu eigen zu machen. Er darf erwarten, dass Israel sich heiligt. 3.Mo 26 zeigt, dass daran Zukunft und Schicksal Israels hängen. Für Israel gibt es keinen „neutralen Weg“ mehr. Was immer Israel tut, wird entweder heilig oder unheilig, rein oder unrein, Gott entsprechend oder Gott widersprechend sein, und wird Israel entweder unter Segen oder unter Fluch bringen. Etwas dazwischen gibt es nicht. Das ist die Kehrseite des Bundes, dass dessen Einhaltung zwar Segen, dessen Bruch aber Fluch zur Folge hat, bis hin zur „Rache des Bundes“ (3.Mo 26,25), ja sogar bis zur Zerstreuung des Volkes.
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Euch aber werde ich unter die Nationen zerstreuen, und ich werde das Schwert hinter euch her ziehen. Euer Land wird eine Öde und eure Städte werden eine Trümmerstätte sein. Ihr werdet umkommen unter den Nationen, und das Land eurer Feinde wird euch fressen (3.Mo 26,33.38).
Die extreme Geschichte Israels zeigt beides, Segen- und Fluchwirkungen, die oft über das hinausgehen, was man gemeinhin als normal ansieht. Kein Volk hat beides so ausgeprägt erlebt. Segen und Fluch sind im Rahmen des Bundes angesiedelt, sind Folge des Bundes. Gericht bzw. Fluch dienen dem Zweck, Israel zur Umkehr aufzurufen (26,41) – sie sind also Erziehungsmittel. Gerade als solches aber sind sie indirekt Bestätigung der Erwählung. Keinesfalls sind sie als Verwerfung des Volkes Israel zu verstehen. Gott kündigt seinen Bund nicht, und er nimmt seinen Schwur nicht zurück. Gerade weil Israel im Bund mit Gott steht, erfolgt auf Bundesbruch hin Gericht. Züchtigung aber soll der Besserung dienen, so dass Israel daraufhin den Bund einhält und unter den Segen Gottes kommt. Das Ziel ist also durch und durch positiv. Ich meinerseits werde mich ihnen entgegenstellen und sie in das Land ihrer Feinde bringen, ob sich endlich ihr unbeschnittenes Herz demütigt und sie endlich ihre Schuld bezahlen. 42 Dann werde ich an meinen Bund mit Jakob denken. Und auch an meinen Bund mit Isaak und auch an meinen Bund mit Abraham werde ich denken, und an das Land werde ich denken[…] 44 Aber selbst auch dann, wenn sie in dem Land ihrer Feinde sind, werde ich sie nicht verwerfen und sie nicht verabscheuen, ein Ende mit ihnen zu machen, meinen Bund mit ihnen ungültig zu machen; denn ich bin der HERR, ihr Gott. (3.Mo 26,41–44).
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Hier im Buch Levitikus ist nun das Bundesgefüge voll entfaltet. Die Elemente: › Der einseitige Väterschwur Gottes – er steht. Einschließlich der Landverheißung für alle Zeiten.
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› Der zweiseitige Gesetzesbund, ein Bedingungsgefüge – er gilt. Der Bund ist zwingend zu halten, Gehorsam ist zu leisten. › Volles Gewicht der Treue Gottes – sie bleibt unerschütterlich bestehen. Das heißt: Gott wird Israel das Land geben und ans Ziel bringen. Da besteht kein Zweifel. › Volles Gewicht der Untreue Israels – sie hat Konsequenzen, und die reichen bis hin zum Zerstreuungsgericht in alle Welt. Auf diesem Gefüge ruht die ganze Bundesgeschichte Gottes mit Israel. In diesem Spannungsfeld befindet sich Leben und Schicksal des Volkes Israel für immer. Gott will, dass Israel sein heiliges Volk ist – und dieses Volk soll sicher und gut in seinem Land leben. Gott will, dass Israel sicher und gut in seinem Land lebt – doch dazu muss es sich heiligen.9
4 . Mose Im Buch Numeri wird dieses Gefüge anschaulich. Drei Aspekte sind hier zu erwähnen: 1. Kap. 14 zeigt, wie das Volk vor der Einnahme des Landes zurückschreckt. Dieser Unglaube ist gleichzusetzen mit einer Verachtung Gottes (4.Mo 14,23), so dass die Gott verachtende Generation das Land nicht bekommen wird. Gott sagt es aber der nächsten zu. 9 – Die Bundesgeschichte, deren Eckpfeiler nun benannt sind und die wir hier anhand der fünf Mosebücher verfolgen, setzt sich in ähnlicher Weise durch das ganze AT fort. Dazu einige Belege: 1. Der Bund ist geschlossen, er steht fest und gilt und wird sogar zum ewigen Bund ausgeweitet: Ri 2,1; 1.Kön 8,22–26; 2.Kön 13,23; 1.Chr 16,13–18; 2.Chr 6,14–17; Neh 9,7f.32; Ps 89,29; 105,8–10; 111,5–9; Jes 55,3; 61,8; Jer 32,40; 50,5; Hes 16,8; 37,26; Mi 7,20; Lk 1,71–73. 2. Israel steht im Bund, bricht ihn aber: 1.Kön 19,10.14; 2.Kön 17,15; 18,12; Jes 24,5; Jer 11,10; Hos 6,7; 8,1–3. 3. Israel bricht den Bund, dennoch hält Gott ihn aufrecht: 2.Chr 21,7 (hier: Davidsbund); Ps 25,10; 106; 43–46; Jes 54,5f; Jer 14,20f; Dan 9,4. 4. Zusammenfassend sei verwiesen auf: Neh 1,5.8–10; Jer 7,3–7; 11,1–5; Hes 16,58–63.
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Die Untreue Israels hat somit aufschiebende Wirkung. Gott bleibt seinem Schwur treu, erfüllt ihn aber erst 40 Jahre später. Von all den Verheißungen sieht die Auszugsgeneration schlicht und ergreifend nichts, sie bleiben den nachfolgenden Generationen vorbehalten. 2. Gott möchte die „Nachfolge des Herrn“ (14,43) von seinem Volk haben. Diese erfordert eine Vertrauensbeziehung, die Gesetzesgehorsam zwar in sich einschließt, darin aber nicht aufgeht. Eine Vertrauensbeziehung ist mehr als Regelgehorsam. Hier sind Glaubensgehorsam bzw. Jüngerschaft schon angedeutet. Vertrauen führt zu williger Nachfolge und aufrichtigem Herzensgehorsam – das Grundmodell des NT. 3. Am Ende des Buches wird die Landnahme klar als Wille Gottes geboten (33,53) und zwar in festgelegten Grenzen (34,1ff). Israel soll keine simple Eroberungspolitik betreiben, sondern darf ein bestimmtes Land in Besitz nehmen, um einen Wohnort zu haben. Darin unterscheidet sich Israels Landnahme fundamental von den weltlichen und geistlichen Welteroberern aller Zeiten. Israel soll nicht die Welt beherrschen. Es soll nur ein Land bekommen, in dem es mit seinem Gott zusammenleben kann – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das Buch Deuteronomium (5. Mose) ist das Vermächtnis des Mose. Am Ende seines Lebens, nach 40 Jahren Erfahrung mit Volk und Gesetz, an der Schwelle zum gelobten Land, schärft Mose Israel das Wesentliche nochmals ein (1,1–5).
5 . Mose 4: Landnahme – Ungehorsam – Gericht – Wiederherstellung In Kap. 4 wird zunächst der Zusammenhang zwischen Gehorsam, Leben und Land dargestellt. Gehorsam heißt, am Leben bleiben und Land haben. Gehorsam ist die geistliche, Landbesitz die natürliche Voraussetzung für Leben.
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Und nun, Israel, höre auf die Ordnungen und auf die Rechtsbestimmungen, die ich euch zu tun lehre, damit ihr lebt und hinein kommt und das Land in Besitz nehmt, das der HERR, der Gott eurer Väter, euch gibt (5.Mo 4,1).
Das Land, das Gott den Väter „zugeschworen“ hat, soll unbedingt „in Besitz“ genommen werden.10 Es ist Israels „Erbteil“ „für immer“, doch kann Israel nur durch Gehorsam im Land bleiben (= seine Tage „verlängern“) sonst nicht.11 Deshalb muss das Gesetz ständig eingeschärft und gehalten werden (vgl. 5.Mo 6,7–9), sonst ist mit drastischen Folgen zu rechnen: […] so rufe ich heute den Himmel und die Erde als Zeugen gegen euch auf, dass ihr mit Sicherheit schnell weggerafft werdet aus dem Land, in das ihr über den Jordan zieht, um es in Besitz zu nehmen. Ihr werdet eure Tage darin nicht verlängern, sondern völlig vernichtet werden. 27 Und der HERR wird euch unter die Völker zerstreuen, und ihr werdet übrig bleiben, ein geringes Häuflein unter den Nationen, wohin der HERR euch führen wird. 28 Dort werdet ihr Göttern dienen, dem Werk von Menschenhänden, aus Holz und Stein, die nicht sehen und nicht hören, nicht essen und nicht riechen können. 29 Dann werdet ihr von dort aus den HERRN, deinen Gott, suchen. Und du wirst ihn finden, wenn du mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele nach ihm fragen wirst. 30 Wenn du in Not bist und wenn alle diese Dinge dich getroffen haben am Ende der Tage, wirst du zum HERRN, deinem Gott, umkehren und auf seine Stimme hören. 31 Denn ein barmherziger Gott ist der HERR, dein Gott. Er wird dich nicht aufgeben und dich nicht vernichten und wird den Bund deiner Väter nicht vergessen, den er ihnen geschworen hat (5.Mo 4,26–31). 26
An diesem Text fällt auf, wie hier alles Vorherige radikalisiert wird. Zunächst ist der Ton ungewohnt scharf. Dann erfolgt die Androhung völliger Vernichtung (wobei dann doch ein Rest übrig bleibt, der – unter den Nationen zerstreut – zwangsläufig in Götzendienst gerät). 10 – 5.Mo 4,1.5.14.22.26 11 – Vgl. 5.Mo 4,1.21.40; 6,10.18; 8,1; 11,8ff; 30,18.
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Ferner wird ab V. 29 die Androhung zur Prophetie und damit zur Gewissheit. Diese Dinge werden eintreffen. Doch letztlich wird Israel umkehren. In der Zwischenzeit wird Gott Israel „nicht aufgeben“ und den Väterschwur „nicht vergessen“, am Ende wird der Schwur erfüllt werden. Zuletzt ist von einer großen Wiederherstellung die Rede. Sie geschieht „am Ende der Tage“ – eine endzeitliche Formulierung. Israel wird zu Gott umkehren (vgl. Röm 11,26!) und auch äußerliche Wiederherstellung erleben. Die Vorhersage ist unmissverständlich: Israel wird abfallen und gerichtet werden, aber am Ende der Tage wird es zu Gott zurückkehren und wiederhergestellt werden. Beides scheint in der damaligen Situation (vor der Landnahme!) noch unglaublich zu sein, aber beides wird geschehen – und dazwischen liegen viele Jahre. Betont herausgestellt wird, dass das Exodusgeschehen die exklusive Gottesbeziehung Israels begründet. Es ist ein einmaliger Vorgang, dass Gott ein Volk befreit, es in ein Land bringt, sich ihm zu erkennen gibt und dieses Volk als seinen Besitz annimmt. Israel ist herausgehoben aus allen Völkern, Volk Gottes zu sein. Israel ist erwählt. Alle anderen sind es nicht und dienen Göttern, die keine sind. Nur Israel hat Gott, und Gott hat Israel. Dies ist ein exklusiver Vorgang – und der verdient exklusiven Gehorsam (4,34ff). Eigentlich könnte und sollte dieser großartige Liebesbeweis herzliche Gegenliebe wecken: Höre, Israel: Der HERR ist unser Gott, der HERR allein! 5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. 6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem Herzen sein (5.Mo 6,4–6).
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Dass dem nicht so ist, ist die eigentliche Dramatik des jüdischen Volkes. Dies zeigt aber auch, dass die Herzen mit der Sünde verwoben sind, die durch äußere Liebestaten nicht zu kurieren ist.
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5 . Mose 7: Erwählung Denn du bist dem HERRN, deinem Gott, ein heiliges Volk. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt, dass du ihm als Eigentumsvolk gehörst aus allen Völkern, die auf dem Erdboden sind. 7 Nicht weil ihr mehr wäret als alle Völker, hat der HERR sich euch zugeneigt und euch erwählt – ihr seid ja das geringste unter allen Völkern –, 8 sondern wegen der Liebe des HERRN zu euch, und weil er den Eid hielt, den er euren Vätern geschworen, hat der HERR euch mit starker Hand herausgeführt und dich erlöst aus dem Sklavenhaus, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. 9 So erkenne denn, dass der HERR, dein Gott, der Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Güte bis auf tausend Generationen denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote halten, 10 und der denen, die ihn hassen, ins Angesicht vergilt, um sie umkommen zu lassen. Nicht zögert er gegenüber dem, der ihn hasst, ins Angesicht vergilt er ihm! 11 So sollst du das Gebot und die Ordnungen und die Rechtsbestimmungen halten, die zu tun ich dir heute befehle. 12 Und es wird geschehen: dafür dass ihr diesen Rechtsbestimmungen gehorcht, sie bewahrt und sie tut, wird der HERR, dein Gott, dir den Bund und die Güte bewahren, die er deinen Vätern geschworen hat (5.Mo 7,6–12). 6
Auf folgende Aspekte weist der Text hin: › Die Erwählung zum heiligen Volk hat ihren Anhaltspunkt nicht in Israel (es ist ja „das geringste unter allen Völkern“), sondern in Gott. Gott ist einerseits von Liebe zu diesem Volk motiviert, andererseits von dem Eid an die Väter, den er zu halten gedenkt. Hinter beidem steht sein Wesen: Gottes Liebe und Treue. › Die konkrete Gestalt der Erwählung ist die Herausführung Israels aus Ägypten. Erwählung geschieht konkret und sichtbar vor aller Augen; indem Gott sein Volk befreit, erwählt er es. Befreiung ist Erwählung.
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› Der Exodus bezeugt, dass Gott an seinem Schwur auch über tausend Generationen hinweg festhält. Hier erfüllt sich nach langer Zeit das Versprechen an Abraham. Gott vergisst nicht, was er jenen versprochen hat, die ihn lieben. › Denen aber, die Gott hassen, vergilt Gott. Dies tut er aber „ins Angesicht“, also direkt und aktuell. Das Gericht trifft also unmittelbar den, der es verschuldet.12 › V. 12 fasst zusammen, wie Vergangenheit und Gegenwart ineinander verwoben sind: Dafür, dass ihr (heute) gehorcht, wird der Herr dir (heute) den Bund bewahren, den er deinen Vätern (damals) geschworen hat. Gehorsam führt zur Schwurerfüllung Gottes. Auf Israel treffen diese Aspekte alle zugleich zu. Israel ist auf Dauer von Gott erwählt (tausend Generationen = auf Dauer). Und doch wird es je direkt und aktuell Gericht erfahren, wenn es Gott nicht gehorcht. Beides gilt gleichzeitig. Wir haben eine feststehende, überzeitliche und unwiderrufliche Verheißung auf dem Volk Israel. Und wir haben eine Beziehung zwischen Israel und Gott, die von beiden Seiten zu gestalten ist – mit offenem Ausgang. Beide Linien sind zu unterscheiden, aber nicht zu trennen. Die Gnade hat das Übergewicht, lässt aber Raum für Gericht. Deshalb fordert Gott zum Gehorsam auf, damit Israel die Erfüllung der Verheißungen erleben darf. Das ist das Ziel. Sünde löst die Erbverheißung nicht auf, blockiert sie aber. So wartet Gott auf den Augenblick, in dem sein Volk endgültig zu Gott umkehrt, damit Gott auch endgültig die Väterverheißungen erfüllen kann. Sonst wird Israel immer zwischen Abfall und Umkehr, zwischen Aufschub und Erfüllung der Väterverheißung schwanken. Dieses Schwanken kann nur dann überwunden werden, wenn eine grundsätzliche Erneuerung der Herzen geschieht – und die geschieht, nach dem NT, durch Jesus. 12 – Generationsübergreifende Schuld- und Gerichtswirkungen sind zwar kaum vermeidbar, stellen aber nicht Gottes eigentlichen Plan dar, vgl. Hes 18.
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5 . Mose 9: Geistlicher Hintergrund der Landnahme Exodus und Landnahme stehen in einem natürlichen Zusammenhang. Israel soll nicht nur befreit werden, sondern auch einen Wohnort, Kanaan, bekommen. Zu diesem Zweck muss Kanaan erobert werden. Kap. 9 zeigt, dass dies kein Willkürakt Gottes ist. Die kanaanäischen Nationen haben dieses Gericht an ihnen verdient. Israel jedoch hat es keineswegs verdient, das Land zu bekommen – es geschieht allein um der Väter willen. Wieder ist der alte Gnadenschwur Gottes an die Väter das tragende Element für Gottes aktuelles Handeln. Gottes Motivation: An den kanaanäischen Nationen handelt Gott gerecht, an Israel handelt er aus Gnade. Nicht wegen deiner Gerechtigkeit und der Aufrichtigkeit deines Herzens kommst du hinein, um ihr Land in Besitz zu nehmen. Sondern wegen der Gottlosigkeit dieser Nationen vertreibt der HERR, dein Gott, sie vor dir und damit er das Wort aufrechterhält, das der HERR deinen Vätern, Abraham, Isaak und Jakob, geschworen hat. 6 So erkenne denn, dass nicht wegen deiner Gerechtigkeit der HERR, dein Gott, dir dieses gute Land gibt, es in Besitz zu nehmen! Denn ein halsstarriges Volk bist du (5.Mo 9,5.6). 5
5 . Mose 28 und 29: Fluch und Gericht Gegen Ende des Buches Deuteronomium wird die Botschaft immer dringlicher, zugleich auch prophetischer und bekommt mehr und mehr universale und zeitenübergreifende Züge. Im Laufe von Jahrhunderten haben sich diese Aussagen mehr und mehr erfüllt, ohne dass ihr volles Maß bereits erreicht wäre. Kap. 28f sieht Ungehorsam und Gericht voraus. Dieses Gericht sprengt allerdings die gewohnten Dimensionen (auch die der Exilierung und Rückkehr im 6. Jhd. v. Chr.) und hat weltumspannende Züge. Unter alle Völker wird Israel zerstreut werden, „von einem Ende der Erde bis zum anderen Ende der Erde“ (5.Mo 28,64). Israel wird aus seinem Land regelrecht „herausgerissen“ werden – herausgerissen und weltweit zerstreut. Im Jahr 135 n. Chr. ist das geschehen, als die Römer Jerusalem „dem Erdboden gleichmachten“, es entweihten, die Juden aus Israel vertrieben und
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zugleich die Rückkehr strikt verboten. So verteilten sich die Juden auf der ganzen Welt. Zugleich wird die Geschichte endloser Judenverfolgung vorhergesagt. In wenigen Sätzen wird das nun schon Jahrtausende währende Martyrium des jüdischen Volkes beschrieben. Dieses Martyrium wird so verheerend sein, dass die ganze Welt aufhorchen wird und sogar eine Rückkehr nach Ägypten für die Juden besser wäre – doch selbst dieser letzte Ausweg bleibt verschlossen. Und es wird geschehen: wie der HERR sich über euch freute, euch Gutes zu tun und euch zahlreich werden zu lassen, so wird der HERR sich über euch freuen, euch zugrunde zu richten und euch zu vernichten. Und ihr werdet aus dem Land herausgerissen werden, wohin du kommst, um es in Besitz zu nehmen. 64 Und der HERR wird dich unter alle Völker zerstreuen von einem Ende der Erde bis zum andern Ende der Erde. Und du wirst dort andern Göttern dienen, die du nicht gekannt hast, weder du noch deine Väter – Göttern aus Holz und Stein. 65 Und unter jenen Nationen wirst du nicht ruhig wohnen, und deine Fußsohle wird keinen Rastplatz finden. Und der HERR wird dir dort ein zitterndes Herz geben, erlöschende Augen und eine verzagende Seele. 66 Und dein Leben wird in Gefahr schweben, du wirst dich Nacht und Tag fürchten und deines Lebens nicht sicher sein. 67 Am Morgen wirst du sagen: Wäre es doch Abend! und am Abend wirst du sagen: Wäre es doch Morgen! – wegen des Zitterns deines Herzens, mit dem du zitterst, und wegen des Anblicks dessen, was deine Augen erblicken müssen. 68 Und der HERR wird dich auf Schiffen nach Ägypten zurückkehren lassen, auf dem Weg, von dem ich dir gesagt habe: Du sollst ihn nie mehr wieder sehen! Und ihr werdet euch dort euren Feinden als Sklaven und als Sklavinnen zum Kauf anbieten, aber es wird kein Käufer da sein. (5.Mo 28,63–68) 63
und alle Nationen werden sagen: Warum hat der HERR diesem Land so etwas getan? Weshalb diese große Zornglut? 24 Dann wird man sagen: Weil sie den Bund des HERRN, des Gottes ihrer Väter, verlassen haben, den er mit ihnen geschlossen hatte, als er sie aus dem Land Ägypten herausführte. (5.Mo 29,23.24)
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Dass Gott Gericht vorhersagt, heißt nicht, dass damit ein Freibrief für Judenfeindschaft ausgestellt wäre. Im Gegenteil. Gott liebt sein Volk und steht auch zu ihm. Das Gerichtshandeln Gottes hat nichts, aber auch gar nichts mit der unendlichen Schuld zu tun, die einzelne Menschen, die christliche Kirche und ganze Nationen auf sich geladen haben, indem sie dem Antisemitismus Raum gegeben haben. Antisemitismus, Judenhass, Judenbenachteiligung, Verfolgung und Ausrottungsversuche sind definitiv durch nichts zu rechtfertigen – und das tatenlose Zusehen auch nicht. Hier wurde auf eine dämonisch-irrationalunbegründete Weise so massiv gesündigt, wie es seinesgleichen vergeblich sucht. Es ist eine traurige Einmaligkeit, dass ein einziges Volk über Jahrtausende hinweg auf der ganzen Welt verfolgt wird. Antisemitische Taten sind Sünden, die bekannt, gesühnt und aufgearbeitet werden müssen. Bezeichnend ist, dass Gerichts- und Fluchandrohungen nun explizit Teil des Bundes werden. 5.Mo 28f beinhaltet Segen und Fluch und heftigste Gerichtsandrohungen, in die Israel regelrecht eintritt (quasi ein Nebenbund, zu verstehen als Erweiterung des bisherigen Bundes): […] Das sind die Worte des Bundes, von dem der HERR dem Mose befohlen hatte, er solle ihn mit den Söhnen Israel im Land Moab schließen neben dem Bund, den er am Horeb mit ihnen geschlossen hatte. (5.Mo 28,69) […] und damit du in den Bund des HERRN, deines Gottes, eintrittst und in seine Fluchbestimmung, den der HERR, dein Gott, heute mit dir schließt (5.Mo 29,11).
Gericht und Fluch sind nicht mehr nur Kehrseite des Bundes (wie in 5.Mo 11 und 3.Mo 26) sondern regelrecht Bestandteil desselben – eine klare Verschärfung.
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ZU DEN AUTOREN
Tobias Krämer, geb. 1968, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Nach einem Musikstudium studierte er evangelische Theologie an der Eberhard-KarlsUniversität in Tübingen, wo er mit Diplom abschloss, und absolvierte eine Ausbildung zum Christlichen Lebensberater (BI). Zwölf Jahre lang war er als Pastor im GOSPEL FORUM Stuttgart tätig. Nun ist er Geschäftsführer von „Christen an der Seite Israels“ und Dozent an der Theologischen Akademie Stuttgart. Seine Überzeugung ist es, dass das Neue Testament nur vom Alten her zu verstehen ist, was zu einer tiefen, inneren Verbundenheit zwischen der Kirche Jesu und dem Volk der Juden führt. Dietmar Kern, geb. 1955, Dipl.-Verwaltungswirt, ist verheiratet und hat fünf Kinder. Seit seiner Jugend setzt er sich mit Israel und dem Judentum auseinander (u. a. weil ein Onkel Holocaust-Überlebender war). Später hat der rege Kontakt zu dem Publizisten Prof. Camillo Landmann ihn tiefer mit der Materie vertraut gemacht. Regelmäßige Reisen und intensive Freundschaften nach Israel machen ihn zu einem Brückenbauer. Eines seiner tiefsten Anliegen ist es, dass Christen eine innere und äußere Beziehung zu Israel bekommen und die gemeinsamen Wurzeln wertschätzen lernen.
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ZU DEN AUTOREN
Hanna Tischer, geb. 1963, hat in den 90er Jahren sechs Jahre lang in Israel gelebt und gearbeitet. Sie war dort aktives Mitglied in einer messianischjüdischen Gemeinde. Aus dieser Zeit stammen die vielen Kontakte nach Israel, die sie nach wie vor unterhält. Heute lebt sie in Stuttgart, unterrichtet nebenberuflich Hebräisch (u. a. an der Theologischen Akademie Stuttgart) und hält Lehrvorträge zum hebräisch-jüdischen Hintergrund des NT. Dadurch bringt sie eine Sinnebene neutestamentlicher Texte zum Leuchten, die in christlichen Kreisen oft unbeachtet bleibt.
Maren Steege, geboren 1982, ist seit einigen Jahren in der christlichen Jugendarbeit tätig. Nach dem abgeschlossenen Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hohenheim hat sie nun an der Theologischen Akademie Stuttgart ihr Master-Studium erfolgreich abgeschlossen. Nebenberuflich organisiert sie Reisen mit Jugendgruppen nach Israel. Sie ist regional wie überregional in der Israel-Arbeit tätig, hält Lehrvorträge zu Israelthemen und setzt sich für den deutsch-israelischen Austausch ein.
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CHRISTEN AN DER SEITE ISRAELS EMPFIEHLT ISRAELAKTUELL .DE Unsere Zeitung Israelaktuell .de erscheint zweimonatlich und wird unentgeltlich zugestellt. Wenn Sie Israelaktuell .de erhalten möchten, können Sie die Zeitung über unsere Homepage bestellen. Israelaktuell .de informiert nicht nur über wichtige Ereignisse in Israel und in Nahost, sondern bringt auch Berichte zu theologischen Grundsatzfragen, biblischen Themen rund um Israel, sowie zu geistlichen, politischen und gesellschaftlichen Hintergründen aktueller Geschehnisse.
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„WOZU ISRAEL?“ Eine gute Frage! Denn viele Christen und christliche Gemeinden tun sich schwer damit, das Verhältnis der Gemeinde Jesu zum Bundesvolk bzw. zum Staat Israel biblisch fundiert zu bestimmen. Zur Überwindung dieses Mangels gibt es noch kaum gemeindetaugliches Schulungsmaterial. Ja, es gibt noch nicht einmal genügend Gemeindeleiter, die dieses Defizit ernstlich erkennen, geschweige denn etwas dagegen unternehmen würden. Deshalb freue ich mich sehr über dieses Buch. Endlich ein kompaktes, deutschsprachiges Themenbuch zu Israelfragen, das gut in der Gemeinde eingesetzt werden kann. Endlich nützliche, durchdachte und zum Nachdenken anregende Antworten auf die wichtige Frage „Wozu Israel?“ Ich wünsche mir, dass in vielen Gemeinden dieses Buch entdeckt und konstruktiv-kritisch diskutiert wird. Und dass es so einen Beitrag leisten kann, jene „Mangelerscheinungen“ auszugleichen – zur Gesundung des Leibes Christi. Pfr. Dr. Berthold Schwarz, Hochschullehrer an der FTH in Gießen, Leiter des Instituts für Israelogie Gießen
„Wozu Israel“ ist ein wichtiger Beitrag in der immer aktueller werdenden theologischen Diskussion um Israel. Mir gefällt dabei die Breite der Darstellung. Historische Fakten und aktuelle Ereignisse werden theologisch tiefgründig aufgearbeitet. Dr. Jürgen Bühler, Geschäftsführender Direktor Internationale Christliche Botschaft Jerusalem (ICEJ)
www.CharismaShop.de ISBN 978 -3 - 0 0 - 0 4928 -5
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