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Carlo Meier Die Kaminski-Kids: Das Geheimnis von Marrakesch

www.fontis-verlag.com


Simon

Debora („Debi“)

Raffaela („Raffi“)

Loko


Abdel

Saida

Antje

Manuel


Liebe Leserinnen und Leser Wie bei allen Fällen der Kaminski-Kids haben auch bei diesem neuen Band meine drei Kinder Sidi, Anuschka und Saskia tatkräftig mitgeholfen. Vielen Dank dafür! Bedanken mçchte ich mich auch bei Simon und Sarah Hoehn (14 und 16 Jahre), Lukas Schürch (9 Jahre) und Christian Ringli für ihre wertvollen Anregungen, sowie bei meiner Frau Andi, ohne die dieses Buch nie mçglich geworden wäre. Mein Dank geht ebenfalls an AndrØ Widmer und Manuela Griffel (Kriminalpolizei), Simon Carrel und Titus Bürgisser (Pädagogen) sowie an die Hilfswerk-Fachleute in Marokko, die es mir durch ihre sachkundige Beratung ermçglichten, die Story der Wirklichkeit entsprechend zu gestalten. Nicht zuletzt mçchte ich mich auch bei meiner Lektorin Vera Hahn und bei meinem Lektor und Freund Christian Meyer bedanken, der seit Beginn der Kaminski-Kids in sämtlichen Bänden entscheidende Impulse eingebracht hat. Viel Spaß wünscht Euch allen

Carlo Meier fanclub@kaminski-kids.com

Die Kids im Internet: Besucht die Kaminski-Kids auf www.kaminski-kids.com! Fordert den kostenlosen E-Mail-Infobrief mit spannenden News und Gewinnspielen an oder schaut nach, was die Kids über sich selbst erzählen! Viel Wissenswertes gibt es auch über die Bücher, Hçrspiele, Lesungen und den Autor.


Von der Großstadt in die marokkanische Steppe Der Autor dankt den Hilfswerk-Mitarbeitenden von Terre des hommes – Kinderhilfe (Tdh) und ihren Partnern in Marokko, die ihm bei seinen Recherchen und Reisen durchs Land, von der Großstadt in die Steppe und zurück, für dieses Buch mit Rat, Tat und ausführlichen Informationen zur Seite standen: R’Kia, Rachida Jghaimi, Saida Boumaaqued – shukran, merci beaucoup, vielen Dank! Ein besonderer Dank geht an den Übersetzer Abderrahim Essaadi, der die Gespräche vor Ort aus dem Arabischen und Franzçsischen ins Deutsche übertrug. Ebenso bedankt sich der Autor bei den Tdh-Mitarbeitenden in der Schweiz, insbesondere Martin Bühler, Verena Spinnenhirn, Michaela Tobler und Andreas Herbst. Und schließlich geht ein herzlicher Dank an die Mitarbeiterinnen bei den Tdh-Partnern in Marokko, Ard al Atfal (Erde der Kinder) und Oum el Banine (Mutter der Babys) für ihre eingehenden und lebensnahen Auskünfte an den Schauplätzen vor Ort. Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten. 10 % der Autoreneinnahmen dieses Buches gehen an das Hilfswerk Terre des hommes – Kinderhilfe für die Kinder in Marokko.


Carlo Meier

Die Kaminski-Kids: Das Geheimnis von Marrakesch Mit Illustrationen von Lisa Gangwisch In Zusammenarbeit mit ÂŤTerre des hommesÂť


Dieses Buch entstand mit freundlicher Unterstützung von: Stadt und Kanton Zug Kulturkommission des Kantons Zug Migros Kulturprozent Pro Juventute Schweizerischer Schriftstellerinnen- und Schriftsteller-Verband SSV Evangelisch-reformierte Kirche der Stadt Zürich Katholische Kirchgemeinde Zug ACB Schwerpunkt Fonds Volkart Stiftung, Winterthur

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

2. Taschenbuchauflage 2019 2010 by Fontis-Verlag, Basel Umschlag und Illustrationen: Lisa Gangwisch, Basel Typographie Umschlag: Michael Basler, Lçrrach Satz: InnoSet AG, Basel Druck: Finidr Gedruckt in Tschechien ISBN 978-3-03848-183-6


Inhalt Kapitel 1 In Bedrängnis

11

Kapitel 2 Überraschung im Riad

19

Kapitel 3 Der geheimnisvolle Fund Kapitel 4 Polizei am Tatort

29

36

Kapitel 5 Verstoßen 43 Kapitel 6 Allein ins Ungewisse Kapitel 7 Abdel und Saida

50

56

Kapitel 8 Heißer Beobachtungsposten Kapitel 9 Der verdächtige Verfolger Kapitel 10 Schreie in der Nacht

78

64 71


Kapitel 11 Eine brandheiße Spur

83

Kapitel 12 «Er ist gefährlich!» 90 Kapitel 13 Vertrackte Lage

100

Kapitel 14 Im verbotenen Suq

106

Kapitel 15 Flucht aus der Medina

118

Kapitel 16 Mauer des Schweigens

128

Kapitel 17 Gefahr im Nacken

136

Kapitel 18 Das große Geheimnis Kapitel 19 In hçchster Not

142

153

Kapitel 20 Harte Regeln 161

Anhang Wie auch Du und Deine Freunde helfen kçnnen

10

169


In Bedrängnis 1 «Achtung!» Erschrocken zeigte Simon durch die schmutzige Autoscheibe nach vorne. «Da drängt ein Mofa rein, und in unserer Spur steht ein Eselskarren!» Am Steuer blieb seine Tante Liliane vçllig gelassen. «Das ist ganz normal hier», lächelte sie. «Alles unter Kontrolle. Oder besser gesagt: Gar nichts unter Kontrolle.» Raffi kriegte vor Staunen den Mund nicht mehr zu. «In diesem fremden Land hier sieht ja alles ganz anders aus als bei uns zu Hause!» Das konnte man wohl sagen: Auf der schmalen Fahrbahn drängten sich Fußgänger, Kinder, Männer mit Schubkarren, verbeulte Autos und ein ganzer Schwarm hupende Mofas. Dichte Abgaswolken erfüllten die Luft mitten in Marrakesch. Tante Liliane war in dieser afrikanischen Großstadt für ein Kinderhilfswerk tätig und hatte die Kids und ihre Eltern eingeladen, sie in den Herbstferien zu besuchen. «So, da sind wir!», verkündete sie und hielt auf einem belebten, staubigen Platz an. «Ihr kçnnt schon mal vorgehen, ich bringe nur noch rasch den Wagen weg.» Zwischen den vielen Leuten und Fahrzeugen hindurch deutete sie auf eine bevçlkerte Straße. «Die erste Gasse dann gleich rechts rein.» 11


«Okay.» Debora, Raffi, Simon und ihre Eltern kletterten aus dem verschrammten Geländewagen mit der Aufschrift TERRE DES HOMMES und begannen, ihr Gepäck auszuladen. Trockene Hitze schlug ihnen entgegen – auch im Oktober war es hier locker über dreißig Grad heiß. Das Viertel duftete nach Gewürzen und pulsierte vor Stimmengewirr, Geknatter und Gehupe. Rundherum wimmelte es von verschleierten Frauen und Männern, die eine Art bodenlanges Hemd trugen. Ein Einheimischer in einem solchen Kaftan-Gewand beobachtete die Familie aus schmalen Augen. Als das ganze Gepäck ausgeladen war, fuhr Liliane los. Frau Kaminski winkte ihrer Schwester hinterher, die mit dem Jeep davonbrauste. Der Mann im weißen Kaftan blickte dem Auto nach. Sobald es hinter einer Biegung verschwand, trat er rasch vor, griff sich den großen Familienkoffer und fragte, wohin sie müssten. Etwas verblüfft nannte Herr Kaminski die Adresse: «Derb Saleh elf …» Zwar war die Landessprache im Kçnigreich Marokko eigentlich Arabisch, aber viele Leute sprachen auch Franzçsisch, wovon alle Kaminskis mehr als nur ein paar Brocken beherrschten. Und so konnten sie sich einigermaßen verständigen. Der Einheimische mit dem faltigen sonnengegerbten Gesicht zog den Rollkoffer voran, und sie folgten ihm mit ihren Reisetaschen durch das Getümmel auf der Straße. Am Boden saßen Bettler, dazwischen boten verhüllte Gestalten Papiertaschentücher und einzelne Bonbons zum Verkauf an. Jugendliche lehnten an Hausmauern oder streiften mit suchenden Blicken herum. 12


13


Raffi war ein wenig mulmig zumute. «Sind wir bald da?» «Keine Ahnung …» Vater wischte sich den Schweiß von der Stirn. Am Straßenrand fielen Simon Einheimische auf, die seine Familie aufmerksam aus den Augenwinkeln musterten, als führten sie etwas im Schilde. Warum wohl?, fragte er sich. Machte er sich da zu viele Gedanken, und das Ganze hatte gar nichts zu bedeuten? Oder am Ende eben doch? Man hçrte ja so Sachen … Würden die ihnen vielleicht nachher unauffällig folgen? War das etwa ein abgekartetes Spiel mit diesem seltsamen Führer? Wohin brachte der sie denn eigentlich? Wirklich an den richtigen Ort? Oder bloß in eine einsame Gasse, wo … Es blieb keine Zeit, lange darüber nachzudenken – sie mussten zusehen, dass sie dem Mann im Gedränge überhaupt folgen konnten und ihn nicht aus den Augen verloren. Im Gehen versuchte Debora, irgendwo einen Straßennamen zu erkennen. «Derb Saleh», murmelte sie. Derb hieß Gasse … Aber alles stand da in arabischen Schriftzeichen. Man hatte keine Chance, die Schilder mit den Schlangenlinien und Tüpfelchen zu entziffern und sich in der Gegend irgendwie zurechtzufinden. Plçtzlich entstand in der Nähe ein Aufruhr. Ein junges Paar wurde von drei Marokkanern lautstark angeschnauzt. Das Pärchen stammte anscheinend aus Deutschland und verteidigte sich hitzig mit Worten und Gesten, was die Einheimischen bloß noch zorniger machte. Sie stießen den Mann an und lärmten herum, bis er widerwillig einen Geldschein aus der Tasche kramte. Die drei Männer nahmen den Schein und zogen damit ab. 14


Vater und Mutter warfen sich daraufhin einen sehr beunruhigten Blick zu. Den Kids ging es nicht anders. Was sollte das denn?, dachten sie. Würden sie wohl auch gleich von ein paar Einheimischen bedrängt werden? Wer konnte das schon wissen – das war alles so schwer einschätzbar hier …

Der Führer im weißen Kaftan bog mit dem Rollkoffer von der Hauptgasse ab, und die Familie Kaminski tauchte in eine einsame Gegend ein. Hier waren nur noch wenige Menschen unterwegs. Beidseits der Gasse erhoben sich hohe fensterlose Mauern von angrenzenden Häusern. Nach ein paar Biegungen konnten die Kids einen Blick durch eine offene Hintertür in eine Gasthausküche werfen. Drinnen schälten Kinder Karotten und spülten von Hand Geschirr. Einige von ihnen waren so klein, dass sie noch nicht mal zur Schule gingen. Ein dunkel gelockter Junge in Deboras Alter steckte gerade einem etwas älteren, hübschen Mädchen mit rotem Kopftuch einen Brocken Brot zu, den sie sofort hungrig hinunterschlang. Die Kids rissen sich von dem befremdlichen Anblick los und gingen weiter. Raffi hatte einen dicken Kloß im Hals, weil dieses Mädchen solchen Hunger hatte. So arme Kinder hatte sie bisher nur auf Bildern gesehen … An der nächsten Ecke hielt ihr Führer kurz bei einem Mann an, der an der Hausmauer lehnte, und murmelte ihm 15


etwas zu, worauf dieser mit unbewegter Miene in Arabisch zurückmurmelte. Was hatte das nun wieder zu bedeuten …? Die Gassen wurden zunehmend schmaler, düsterer und ärmlicher. An manchen Stellen blätterte die Farbe oder brçckelte sogar das Gestein ab. Hin und wieder ertçnte hinter den schroffen, abweisenden Mauern das Krähen eines Hahns, sonst blieb alles still. Irgendwann war überhaupt niemand mehr zu sehen. Plçtzlich folgten ihnen zwei junge Männer, und Simons ungutes Gefühl verstärkte sich noch. Da war er nicht der Einzige. «Ich weiß nicht, ob mir das gefällt», sagte Vater und blieb stehen. Abwartend musterte er den Führer, der unentwegt voranmarschierte. Mutter nickte. «Ich habe keine Ahnung, wo der uns hinbringt. Und was das hier werden soll.» Bange griff Raffi nach Simons freier Hand. Schmerzlich vermisste sie Zwockel – wäre der Hund da, würde sie sich bedeutend sicherer fühlen … «Hab keine Angst, Raffi.» Simon zog die Kleine dicht an seine Seite und ließ Debora zwischen sich und die Eltern, damit sie gegen hinten geschützt war. Mit der anderen Hand hielt er seine Reisetasche fest gepackt. Er überlegte, wie er sich verteidigen kçnnte, falls es hart auf hart kommen sollte. Sein Taschenmesser war im Koffer, also nicht griffbereit – womit würde er sich sonst wehren? Unauffällig schaute er sich schon mal nach Fluchtwegen um. Es gab keine. Hinter ihnen waren die jungen Männer, vor ihnen der Führer. Und da – dieser dunkle Hauseingang dort vorne sah ganz danach aus, als kçnnte jemand darin verborgen sein … 16


«Warten Sie mal, Monsieur1», rief Vater in diesem Moment dem alten Mann zu. «Ist es noch weit?» Der Führer schüttelte den Kopf und lächelte. In seinem Mund kamen dabei ein paar einsame gelbe Zahnstummel zum Vorschein. Mutter schaute Vater zçgernd an. «Wollen wir wirklich weiter in diese verlassene Gegend hinein?» Angespannt wandten die Kids sich um. Die zwei jungen Männer kamen immer näher, verlangsamten aber den Schritt. «Zurückfinden würden wir auf keinen Fall», murmelte Debora beklommen. «Hier sieht eine Gasse wie die andere aus. Das ist das reinste Labyrinth.» Auf einmal ertçnte hinter der Biegung ein Getrappel. Entschlossene Schritte kamen rasch näher. Die Kinder hielten den Atem an. Da bog jemand um die Ecke. Eine Frau mit langen schwarzen Haaren. Tante Liliane. Erleichtert bliesen die Kids Luft aus. «Da seid ihr ja!», rief Liliane beschwingt. Doch als sie den Führer mit dem Rollkoffer sah, wich das Lächeln aus ihrem Gesicht. Energisch trat sie vor und wechselte ein paar arabische Worte mit ihm. Ihre Rede schien ihm überhaupt nicht zu gefallen. Er widersprach und wurde ziemlich laut dabei. Nach ein paar gestenreichen Einwänden überließ er ihr schließlich doch den Koffer und verschwand murrend in der verwinkelten Gasse.

1

Franzçsische Anrede für «Herr»; ausgesprochen: Mçssjç.

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Von hinten schlenderten die beiden jungen Männer vorüber, als wäre nichts gewesen. «Tut das nie wieder», warnte Liliane ihre Besucher. «Geht nie mit solchen falschen Führern mit – auf keinen Fall! Es gibt staatlich anerkannte Fremdenführer, aber die muss man sich im Voraus besorgen. Die anderen führen dich im Kreis rum, verlangen viel zu viel Geld, und wenn man das nicht zahlen will, werden sie äußerst aggressiv.» Ach so, dachten die Kinder – vielleicht war vorhin genau das dem deutschen Pärchen passiert. Oder auch nicht. So oder so war es echt eigenartig, dieses afrikanische Land, wo sie nun die nächsten zwei Wochen verbringen würden. Und dies, so hofften die Kids, mçglichst ohne in eine gefährliche Lage zu geraten. Doch da täuschten sie sich gewaltig, denn es sollte schon sehr bald ganz anders kommen …

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