Suzanne Davenport Tietjen
Umsorgt wie meine Schafe Was eine Schäferin ßber Gott und die Psalmen gelernt hat
Am Boden
Deborah, ein großzügiges und liebevolles Mutterschaf, kam eines Tages in große Schwierigkeiten, und das ohne Vorwarnung: Sie war hochträchtig mit mehreren Lämmern und legte sich hin, um sich auszuruhen. Zuerst behielt sie die Beine unter ihrem Körper, damit sie bei Gefahr jederzeit aufspringen konnte. Doch dann entspannte sie sich. Keine Gefahr weit und breit. Die Wintersonne schien, und ihr tiefschwarzes Fell nahm die Wärme in sich auf. Sie sah sich um, die Augenlider halb geschlossen. Keinerlei Bedrohung. Auch Annie, unsere Pyrenäenberghündin, döste in der Sonne. Deborah blinzelte müde und streckte sich zu einem Mittagsschläfchen aus. Ein oder zwei Stunden vergingen, da wachte Deborah wieder auf. Sie streckte sich und wollte ihre Beine unter den Körper ziehen, um aufzustehen. Noch ahnte sie nicht, in welcher schwierigen Lage sie sich befand. Sie merkte nur, dass es ihr nicht gelang, sich auf ihre Beine zu rollen. Sie nahm Schwung und richtete ihren Körper ein gutes Stück auf. Einen Augenblick konnte sie sich halten, doch dann purzelte sie wieder zurück auf die Seite, und durch den Schwung kam sie schließlich auf dem Rücken zu liegen. Jetzt bemerkte sie ihre Notlage. Wahrscheinlich war ihr nicht klar, dass sie sich nicht aufrichten konnte, weil ihre Beine hügelaufwärts lagen. Aber sie erkannte, dass sie nicht mehr vom Fleck kam. Selbst ohne das Gewicht der Lämmer wäre das ein Problem gewesen; Schafe sind nämlich sehr körperlastig. Doch nun kam das zusätzliche Gewicht durch die Trächtigkeit hinzu, und das führte zu einer hoffnungslosen Situation. Deborah strampelte mit den Beinen und wirbelte Staub auf. 22
Sie blökte und presste dadurch noch die restliche Luft aus ihren ohnehin schon eingeengten Lungen. Im vergangenen Jahr hatte sie Drillinge zur Welt gebracht, und es sah ganz danach aus, als würde sich das wiederholen. Weitherzig wie sie war, hatte sie im letzten Jahr zu ihren eigenen Lämmern noch zwei verwaiste zu sich genommen und ihnen im kalten Winterwind Wärme gespendet. In diesem Jahr trug sie wieder mehrere Lämmer und stand kurz vor der Geburt. Sie war fast genauso breit wie lang. Ihr Körper war nun viel zu schwer für ihre schmalen Beine, und so kippte sie nach jedem Aufstehversuch wieder um wie ein schwerer Sack, und ihre Beine ragten hilflos in die Luft. Wir Schäfer sagen dazu: Das Schaf „liegt fest“. Als mein Mann auf den Hof fuhr, sah er von Weitem ihre umgekehrte Silhouette. Wer sich mit Schafen nicht auskennt, hätte den Anblick wahrscheinlich lustig gefunden. In Mikes Augen aber war das Ganze alles andere als komisch. Sofort erkannte er den Ernst der Situation. Schnell rannte er zu Deborah. Das Mutterschaf, den Tod vor Augen, konnte nichts mehr tun, als ihm zuzusehen. Es war vollkommen hilflos. Keine Luft mehr zum Schreien, keine Kraft mehr, sich selbst zu befreien. Nun hing alles vom Schäfer ab. Auch König David hatte als Hirtenjunge solche Situationen erlebt. Jeder Schafhirte bekommt so etwas irgendwann zu sehen. Bestimmt spürte David auch Angst, als er zu seinem am Boden liegenden Schaf stürmte und sich fragte, ob er es noch retten konnte. Er schickte ein Stoßgebet nach dem anderen zum Himmel. Mike betete auch. Er sprach ruhig mit Deborah, während er sie umdrehte, damit ihre Beine bergab zeigten. Dann beugte er ihre ausgestreckten Glieder. Er kniete sich hin und hob das Tier mit der Schulter an, sodass die Beine wieder unter dem Körper lagen. Anschließend stand er auf, hob Deborahs Hinterteil an und half ihr auf die Beine. Alles ging ganz schnell. Was danach kam, dauerte etwas länger. Zuerst schwankte De23
borah und drohte wieder umzufallen. Also musste Mike sie stabilisieren. Er stützte erst ihre eine, dann die andere Seite, bis sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Es war ziemlich kalt. Und es dauerte. Langsam, ganz allmählich, konnte der Schäfer das erschöpfte Schaf wieder loslassen. Schließlich machte Deborah, immer noch unsicher auf den Beinen, ein paar Schritte auf die Heuraufe zu. So ist das Leben manchmal. Alles läuft glatt, und plötzlich geschieht etwas Unvorhergesehenes. Wir fallen in eine Depression. Wir verabschieden uns von einem geliebten Menschen und ahnen nicht, dass es das letzte Mal ist. Wir fühlen uns gesund, aber der Tumor ist bösartig. Oft meinen wir, alles unter Kontrolle zu haben. Wir planen unsere Tage, als ob wir wüssten, was sie bringen werden. Dann nimmt das Leben diese unerwartete Wendung, und wir kommen nicht damit zurecht. Manchmal „liegen“ auch wir „fest“. Wir haben keine Ahnung, wie es dazu kommen konnte und wie wir da wieder herausfinden sollen. David schrie in seiner Verzweiflung zu Gott: „Warum nur bin ich so traurig? Warum ist mein Herz so schwer?“ (Psalm 42,12) Doch wenn wir kaum noch Hoffnung haben, ist unsere Lage eigentlich besser, als wenn wir uns stark fühlen und meinen, wir könnten alles regeln. Denn auch dann haben wir in Wirklichkeit nichts unter Kontrolle – und dass wir davon nichts wissen, ist eher ein Nachteil. Wenn wir aber „festliegen“, erkennen wir, dass wir unser Leben nicht in der Hand haben. Wir sind nicht die Antwort auf unsere Gebete und brauchen es auch nicht zu sein. Gott ist unser Fels. Gott ist unsere Rettung. Wir sind von ihm abhängig. Das zu wissen, macht uns weise.
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„Voll Zuversicht hoffte ich auf den Herrn, und er wandte sich mir zu und hörte meinen Hilfeschrei. Ich war in eine verzweifelte Lage geraten – wie jemand, der bis zum Hals in einer Grube voll Schlamm und Kot steckt! Aber er hat mich herausgezogen und auf festen Boden gestellt. Jetzt haben meine Füße wieder sicheren Halt.“ Psalm 40,2-3
Himmlischer Vater, erinnere mich, dass ich nicht alles im Griff habe. Es ist heilsam zu wissen, dass ich ohne dich nichts kann und mich auf dich verlassen muss. Hilf mir, daran zu denken. Danke, dass du immer die Kraft hast zu retten. Hilf mir, auf dich zu vertrauen und nicht auf mich selbst. In Jesu Namen, amen.
Ihm nachfolgen Denken Sie an eine Zeit in Ihrem Leben zurück, als Sie spürten, dass Sie die Ereignisse nicht mehr unter Kontrolle hatten. Machte Ihnen das Angst? Haben Sie versucht, auf anderen Gebieten alles in den Griff zu bekommen? Haben Sie der Verzweiflung Raum gegeben? Und dann erinnern Sie sich an eine Zeit in Ihrem Leben, als es Ihnen gut ging damit, nicht alles beeinflussen zu können. Ich zum Beispiel denke daran, wie ich als Kind nachts mit meinen Eltern im 25
Auto nach Hause gefahren bin. Ich hatte meinen Schlafanzug an und schlief ein, in dem Wissen, dass meine Eltern auf mich aufpassten und ich am nächsten Morgen sicher in meinem Bett aufwachen wßrde. Denken Sie in dieser Woche einmal ßber Folgendes nach: Auch wenn wir nicht alles, was geschieht, unter Kontrolle haben, ist Gott doch immer bei uns.
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