Ursula Schrรถder
Vielleicht hilft auch ein Wunder Roman
muss er doch nicht mit jedem Schrott daherkommen.“ Er bückte sich und zog das misshandelte Negligé wieder hervor. „Und das ist jetzt hinüber! Dabei hätte ich dich so gern mal darin gesehen.“ „Das meinst du jetzt nicht ernst“, sagte ich. Er zwinkerte mir zu. „Wer weiß? Du würdest doch auch in so was noch süß aussehen.“ „Wenn du dich da mal nicht täuschst“, sagte ich wegwerfend. Aaron kam näher und nahm mich in die Arme. „Ich glaube, du unterschätzt dich da gewaltig“, flüsterte er mit einer Stimme, bei der mir ganz anders wurde. „Ich warte jedenfalls schon den ganzen Tag darauf, dich zu sehen. Egal was du anhast.“ Er zog mich zum Sofa. Ich wehrte mich nicht. Schließlich hatte auch ich schon den ganzen Tag auf diesen Moment gewartet.
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Die nächste Zeit wurde eine kribbelnde Mischung aus Warten und So-tun-als-ob-nichts-wäre, wenn andere Leute dabei waren, und den kostbaren Momenten, in denen Aaron und ich Zeit füreinander hatten. Das war gar nicht so einfach, denn die meiste Zeit wohnte Kali bei ihm. Das hieß nicht nur, sich jede Form von Zärtlichkeit zu verkneifen, solange sie anwesend war, sondern auch insgesamt wenig Zeit miteinander zu verbringen. Denn sonst würde das Kind irgendwann darüber reden, dass sich ihr Vater und ihre Kindergartentante auch privat trafen. Manchmal rief er mich abends an, wenn sie früh eingeschlafen war, und ich sauste noch für ein, zwei Stunden in die Römerstraße. Selbst dann mussten wir vorsichtig sein – sie sollte uns ja nicht in pikanten Situationen überraschen. Deswegen ging es auch in diesen Zeiten recht keusch und anständig zu, was irgendwie seinen ganz eigenen Reiz hatte, weil sich die Sehnsucht verstärkte, je eingeschränkter wir uns fühlten. 159
Natürlich richtete ich mich deshalb völlig nach Aarons Terminkalender. Ich fuhr mit ihm zu langweiligen Außenterminen, nur weil wir hinterher irgendwo essen gehen konnten, wo uns keiner kannte. Und auch der Nähkurs fand für mich nur statt, weil es danach um neun Uhr geradezu ideal war, noch kurz bei Aaron vorbeizufahren. Und natürlich, weil ich nun doch keine eigene Nähmaschine hatte und mein angefangenes Sommerkleid zu Ende bringen wollte, bevor die Saison wieder vorbei war. Die Frauen im Kurs hatten überaus empört reagiert, als sie beim letzten Treffen von Lorenz’ Freveltat hörten. Frau Wagner, die Leiterin, hatte ganz schön Mühe, uns wieder zum Thema zu bringen. Diese Woche war die Anteilnahme immer noch groß, vor allem, als sie erfuhren, dass Ludmilla völlig verbeult und die Nähmaschine nicht mehr zu reparieren war. „Mein Nachbar ist noch damit zu einer Werkstatt gefahren, aber die konnten auch nichts machen“, erzählte ich. „Dann hat er mir stattdessen so ein tonnenschweres Ungetüm als Ersatz mitgebracht.“ Ich beschrieb das Ding in aller Ausführlichkeit. Offen gestanden tat es mir gut, bei so vielen Gleichgesinnten mal im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Frau Wagner wurde hellhörig. „Was für eine Maschine war das genau?“ Ich zuckte mit den Achseln. „Ich kannte das Fabrikat nicht. Juki oder so ähnlich.“ Ihre Augenbrauen schossen in die Höhe. „Der hat Ihnen eine Juki-Industriemaschine angeboten? Mit Zubehör?“ „Ja, aber ohne Bedienungsanleitung.“ „Und was sollte die kosten?“ „Ursprünglich zweihundertfünfzig, aber mein Nachbar …“ „Zweihundertfünfzig Euro für eine funktionstüchtige Juki?“ Frau Wagner bekam rote Flecken auf den Wangen. „Wo ist dieser Laden?“ Jetzt beschlichen mich langsam Zweifel, ob ich das Geschäft 160
nicht zu überstürzt abgelehnt hatte. Solche Euphorie hatte meine Kursleiterin noch nie gezeigt. „Ich hab keine Ahnung, aber ich kann ihn gern mal fragen.“ „Bitte tun Sie das“, sagte sie eindringlich. „Und wenn die noch da ist, halten Sie sie fest und sagen mir Bescheid. Nach so etwas suche ich schon seit Jahren. Und Sie lassen sich die so einfach durch die Lappen gehen!“ Ich hatte das Gefühl, als hätte ich die Chance meines Lebens verpasst. „Tut mir leid, aber ich hatte noch nie was von Juki gehört.“ „Ach ja, das können Sie auch nicht wissen“, sagte sie nur mäßig besänftigt. Sollte wohl heißen: Sie Amateurin haben aber auch gar keine Ahnung. „Gibt es in diesem Geschäft denn wohl noch andere Marken?“, fragte Tabea Seifert. „Keine Ahnung“, sagte ich. „Das ist wohl nicht so ein spezieller Laden für so was. Ich hörte nur, der Besitzer repariert alles Mögliche an Maschinen.“ „Dann hat der sicher keine Schneiderpuppen?“, fragte Renate. „Sonst hätten wir uns da mal umsehen können, wo deine doch jetzt kaputt ist. Ich hätte nämlich auch gern eine, aber die sind so teuer.“ „Da gibt es aber eine preiswerte Alternative“, sagte Tabea. „Hab ich neulich im Internet gesehen. Man lässt sich von jemandem mit Packpapier und Klebeband einwickeln und stopft das dann aus. Dann hat man genau seine Maße.“ „Ja, das habe ich auch schon gehört“, sagte Frau Wagner. „Keine schlechte Idee an sich. Man kann das nur nicht alleine.“ „Das ist das Problem“, sagte Tabea. „Sonst hätte ich das schon ausprobiert. Aber wer nimmt sich schon die Zeit für so was?“ „Man könnte das doch gegenseitig machen“, meinte Renate. „Erst die eine, dann die andere.“ „In den USA, hörte ich, ist das gang und gäbe“, steuerte Frau 161
Wagner bei. „So eine Art Kleiderpuppen-Party. Das könnte ganz lustig sein.“ Renate war sofort Feuer und Flamme. „Genau! Das ist die Idee! Du bist doch sicher auch dabei, Anna? Eine Schneiderpuppe zum Preis von ein paar Rollen Klebeband und Pizzaservice. Wer hat noch Lust?“ Die meisten der Teilnehmerinnen besaßen bereits eine Schneiderpuppe, sodass sich letztlich Tabea, Renate und ich für kommenden Samstag verabredeten. Bei mir natürlich, denn ich hatte genug Platz und keinen störenden Ehemann mehr im Haus. Dafür wollte Tabea einen Kuchen backen und Renate würde das Material mitbringen. „Am Samstag?“, sagte Aaron, als ich ihm davon erzählte. „Da ist Kali bei ihrer Mutter … Ich hatte gedacht, da könnten wir …“ „Nur tagsüber!“, beteuerte ich eilig. „Wir fangen vormittags noch an, und so lange kann es ja wohl nicht dauern, so ein Ding zu basteln.“ „Versprochen?“ „Versprochen. Ich sorge dafür, dass sie spätestens um sieben wieder weg sind.“ „Das ist gut“, sagte er und zog mich an sich. „So langsam bekomme ich Entzugserscheinungen. Da treffe ich mich mit einer tollen Frau und muss mich immer benehmen wie ein Konfirmand.“ „Hmm“, machte ich und genoss wenigstens das an Nähe, was wir uns gestatteten, wenn Kali im Haus war. „Die Konfirmanden, die ich kenne, benehmen sich aber deutlich schlechter als du.“ „Was hast du denn mit Konfirmanden zu tun?“, fragte er und ließ seine Hand um meine Taille gleiten. „Ich begegne denen manchmal in unserer Kirchengemeinde.“ „Ach ja, eure Kirche“, sagte er mit einem Lächeln, von dem ich nicht sicher war, ob es nicht ein wenig mitleidig war. So als hätte ich mir ein besonders unmodernes Hobby ausgesucht wie Bierdeckelsammeln oder mittelalterliche Schreittänze. Vielleicht 162
fand er ja auch meine Schneiderei schon etwas merkwürdig. Auf jeden Fall war er auf sein Angebot mit dem Nähcenter noch nicht wieder zurückgekommen. Und da er Kalis Gardinen fertig gekauft hatte, bestand auch gerade keine Notwendigkeit, für ihn etwas zu nähen. Außerdem zeigte er deutlich andere Interessenschwerpunkte, wenn wir zusammen waren, und die waren auch nicht übel. In seiner Gegenwart fühlte ich mich immer sehr begehrenswert und wichtig, und das tat mir gut. Es tut sicher jeder Frau gut, vor allem wenn sie kurz zuvor von ihrem Mann verlassen wurde und auf die vierzig zugeht und deshalb Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl hat. Dafür war Aarons Zuwendung ideal. Vielleicht wurde es gerade dadurch noch spannender, dass wir uns nicht jederzeit und überall treffen konnten. Als ich an diesem Abend nach einem langen, mit Bedauern gefüllten Abschied nach Hause kam, erreichte ich den Parkplatz quasi zeitgleich mit Mirko. „Das trifft sich gut“, sagte ich zu ihm, als wir gemeinsam auf die Haustür zusteuerten. „Ich wollte dich was fragen.“ „Schieß los“, sagte er. „Ich nehme an, du hast diese Nähmaschine nicht mehr?“ „Was soll ich mit einer Nähmaschine?“, sagte er. „Du wolltest sie ja nicht.“ „Meine Kursleiterin meinte, dass das ein Fehler war.“ „Das glaube ich auch“, erklärte er und hielt mir die Tür offen. „Der Typ war jedenfalls ganz froh, als ich damit zurückkam. Im Internet hatte ihm jemand siebenhundert dafür geboten.“ „Tja, da kann man nichts machen“, sagte ich möglichst locker. „Vielleicht ergibt sich mal wieder so was.“ „Wer weiß“, knurrte er, den Schlüssel für seine Wohnungstür schon ausgestreckt, aber ich ahnte, dass er nicht noch mal für mich nach einer Nähmaschine suchen würde.
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Am Samstag erschienen Renate und Tabea mit einer Erdbeertorte, einem Korb voller Klebebandrollen und bester Stimmung bei mir für die große Aktion „Wir basteln uns eine Schneiderpuppe“. Weil ich das zu Lorenz’ Zeiten nie gemacht hätte – man kann doch nicht einfach einen Samstag lang die Wohnung mit mehreren albernen Frauen belegen und schon am Vormittag eine Flasche Asti aufmachen! –, genoss ich das umso mehr. Wir benahmen uns wie die Mädels in der Werbung, nur dass wir natürlich nicht so perfekt geschminkt waren und durchschnittlich mindestens zehn Jahre mehr auf dem Buckel hatten. Tabea schnitt ihre Torte an und verteilte erst mal an jede ein Stück. Statt Mittagessen, sozusagen. „Hast du auch genug von dem Klebezeug?“, fragte sie Renate und klopfte sich auf die Hüften. „Um mich passt schon einiges rum.“ Da hatte sie sicher recht. Vermutlich war ich die dünnste von uns dreien, aber das heißt ja nicht, dass man die beste Figur hat. „Ich habe mich extra beraten lassen“, sagte Renate. „Bei diesem netten Leiter vom Baumarkt. Der meinte, wir sollten kein Packband nehmen, sondern so was hier.“ Sie zeigte uns eine der Rollen, die silbrig glänzte. „Das ist stabiler, hat er gesagt. Faserverstärkt und so.“ Tabea kicherte. „Du hast dem erklärt, wofür du das brauchst? Wie hat er denn darauf reagiert?“ „Ich hab ihm nicht gesagt, dass ich mich damit einwickeln will“, verteidigte Renate sich. „Ich hab ihm erzählt, ich wollte etwas so verstärken, dass ich es ausstopfen kann, ohne dass es sich verbiegt. Er hat nicht mit der Wimper gezuckt.“ „Möchte nicht wissen, was er sich darunter vorgestellt hat“, sagte ich. „Mit wem fangen wir an?“ Renate stellte sich als erstes Opfer zur Verfügung. „Dann hab ich es hinter mir.“ Wir schauten noch mal ins Internet wegen der Anleitung, und wie dort empfohlen, zog sie ein altes körpernahes T-Shirt an, das damit die innerste Lage der Form werden würde. 164
Dann begannen Tabea und ich, sie nach Vorgabe mit Klebeband einzupacken: erst mal ein Kreuz über der Brust, dann ein schachbrettartiges Korsett um die Rippen, schließlich die Schultern und den Hals. Das war aufwendiger, als ich dachte. Ich hatte mir vorgestellt, man würde einfach die Rolle am Körper abwickeln, aber wir mussten das zähe Band schon in einzelne Teile schneiden, um die Lagen ordentlich hinzubekommen. Schließlich bildete die Oberfläche ja die Form, an der man später seine Nähstücke anprobieren würde, deshalb durften wir keine Knubbel oder Höcker entstehen lassen, die nicht Renates Figur entsprachen. Am Anfang hatte sie noch gelacht, aber mit der Zeit wurde sie immer einsilbiger. Weil die Form bis über den Po reichte, konnte sie sich nicht setzen, die angesetzten Schultern verhinderten, dass sie ihre Arme wirklich bewegen konnte. „Da wird einem ganz schön warm drin!“, stellte sie außerdem fest. Schließlich waren wir fertig. „So, gleich wirst du erlöst“, versprach Tabea. „Anna, gibst du mir mal die Haushaltsschere?“ Ich reichte ihr meine Küchenschere. Damit wollte sie den Panzer, den wir Renate verpasst hatten, in der Mitte des Rückens aufschneiden. Aber so einfach war das nicht. Sie kam bis kurz vor die Taille, wobei sie schon etwas zu schimpfen anfing, weil sie kaum durchkam. Dann gab es ein kleines, aber hässliches Geräusch. „Oh“, sagte sie kleinlaut und reichte mir die Schere, die einfach in ihre beiden Hälften zersprungen war. „Das ist aber keine Solinger Qualität.“ Ich starrte ratlos auf die beiden Teile. Bisher hatte die Schere immer ausgereicht, wenn ich etwas Widerspenstiges zu schneiden hatte wie Blumendraht oder Verpackungsfolie. Und wenn die schon an der dicken Schicht scheiterte, würde ich bestimmt nicht meine guten Schneiderscheren opfern. Ich suchte in meinen Küchenschubladen nach Ersatz. Aber auch die zweite 165
Schere, die ich dabei zutage förderte, konnte das Material nicht durchtrennen. „Was machen wir denn jetzt?“, fragte Tabea ratlos. „Lasst euch etwas einfallen“, bettelte Renate. „Ich muss aus diesem Ding raus! Das ist tierisch eng!“ „Ein Messer?“, schlug ich vor und zog ein relativ kleines Küchenmesser aus meinem Messerblock. Renate rollte panisch die Augen. „Nein!“ Auch Tabea schüttelte den Kopf. „Das trau ich mich nicht. Stell dir vor, ich rutsche ab!“ Ich wollte es mir lieber nicht vorstellen. „Hast du vielleicht eine Geflügelschere?“, sagte Renate flehend. „Meine Oma hatte immer so eine, wenn es Weihnachten Gans gab. Und wir haben damit auch meiner Schwester mal den Gips vom Arm geschnitten.“ Ich zermarterte mir das Hirn. Eine Geflügelschere gehörte definitiv nicht zu meiner Aussteuer. Dann fiel mir was ein. „Vielleicht hat Lorenz im Keller eine Rosenschere bei seinem Werkzeug.“ „Geh nachsehen!“, forderte Renate. „Sofort.“ Ich schnappte mir den Kellerschlüssel und machte mich auf den Weg, inständig hoffend, dass Lorenz nicht auch sein ganzes Werkzeug mitgenommen hatte. Hatte er nicht. Allerdings war es trotzdem nicht so einfach, etwas Brauchbares zu finden, mit dem wir Renate aus ihrer Ritterrüstung befreien konnten. Unter den größeren Teilen an der Wand entdeckte ich zunächst mal eine etwas rostige Heckenschere. Ich hatte keine Ahnung, ob wir eines der Schneidblätter überhaupt unter die Klebebandschicht schieben könnten, ohne sie zu verletzen, aber ich legte sie jedenfalls mal zum Mitnehmen bereit. Dann fand ich einen Seitenschneider, der mir wiederum zu klein für diese Aufgabe vorkam. Auch eine Schere gab es, die aber ziemlich stumpf zu sein schien. Trotzdem nahm ich sie mit. Solchermaßen bewaffnet schloss ich den Keller wieder ab. Im 166
Treppenhaus begegnete mir natürlich Mirko, der gerade seine Wohnung verließ. Sein Blick fiel auf die Heckenschere. „Was hast du denn vor, Anna?“ „Ich muss meine Kollegin befreien“, sagte ich seufzend. „Dornröschen?“, fragte er zurück. „Oder welche Frau war das hinter der hundertjährigen Dornenhecke?“ „Keine Hecke“, sagte ich. „Wir haben sie in PVC-Klebeband eingewickelt, und jetzt kriegen wir das nicht mehr aufgeschnitten.“ Sein Gesichtsausdruck wechselte von gleichmütig zu alarmiert. „Bist du bei der Mafia oder ist das eher ein aus dem Ruder gelaufenes Bondage-Spiel?“ „Weder noch“, sagte ich. „Wir wollten eine Kleiderpuppe basteln.“ „Ah ja“, sagte Mirko. Natürlich konnte er nicht verstehen, was ich meinte. Aber ich hatte jetzt auch nicht die Zeit, ihm die ganze Vorgeschichte zu erzählen. „Und damit, glaubst du, kriegst du die Befreiung hin?“ „Vielleicht hast du ja ein passendes Gerät“, sagte ich hoffnungsvoll. Wer einen VW-Bus umbaute, hatte doch sicher allerhand Werkzeuge? „Eine Rosenschere wäre nicht schlecht.“ „Ich habe einen Metallschneider“, sagte er. „Ich hole ihn eben.“ „Das wäre nett“, meinte ich. „Ich gehe schon mal hoch.“ Die Stimmung in meiner Wohnung war während meiner Abwesenheit nicht besser geworden. Renate hatte langsam ein hochrotes Gesicht und ließ sich von Tabea etwas zu trinken einflößen. Die wiederum war nicht besonders überzeugt von der Auswahl, die ich mitgebracht hatte. Natürlich war die Heckenschere zu sperrig und der Seitenschneider völlig unbrauchbar, genau wie die Schere. „Und was machen wir jetzt?“, klagte Tabea. „Ich hab schon versucht, das Band wieder abzuziehen, aber das ist fast unmöglich.“ „Ich habe extra das genommen, was besonders fest haftet“, jammerte Renate. 167
„Mirko kommt gleich“, sagte ich tröstend. „Mirko? Was will der denn hier?“, fragte Tabea. „Der aus dem Bibelgesprächskreis?“ „Der soll mich hier nicht sehen!“, quiekte Renate entsetzt. „Meine Oberschenkel …“ „Stell dir einfach vor, er wäre ein Arzt“, sagte ich. „Oder ein Feuerwehrmann.“ „Der sieht aber nicht aus wie ein Feuerwehrmann“, sagte Tabea. „Und wie ein Arzt schon gar nicht.“ „Du machst mir Mut“, sagte Renate. Dann hörten wir Schritte im Flur, und Mirko erschien. Er musterte Renate kurz und sagte: „Jetzt verstehe ich, was du meinst.“ „Wir wollten hier hinten aufschneiden“, erklärte ich ihm und zeigte die angefangene Schneise. „Aber meine Schere schafft das nicht.“ „Das glaub ich gern.“ Er untersuchte die Bandrolle, die noch auf dem Tisch lag. „Da habt ihr aber was ganz Stabiles.“ „Das hat der Mann aus dem Baumarkt auch gesagt“, bestätigte Renate. Mirko zückte eine Art Zange, die er mitgebracht hatte. „Darf ich es mal versuchen?“ „Ich bitte darum“, sagte Renate. Er setzte den Schneider an. „Da ist Stoff drunter?“ „Ein T-Shirt“, erklärte ich ihm. „Das wird aber auch zerschnitten.“ „Gut zu wissen“, sagte er und begann zu schneiden. Und wie er das so tat, sah es ganz leicht aus. In kürzester Zeit hatte er die Rüstung bis obenhin durchtrennt. „Bitte sehr“, sagte er zu Renate. „Sie sind frei. Soll ich Ihnen helfen, da rauszukommen?“ „Würde es Ihnen was ausmachen, kurz rauszugehen, bevor ich das Ding ausziehe?“, fragte sie. „Sie haben meinen BH mit durchgeschnitten.“ 168
„Das tut mir leid“, sagte er. Andere Männer wären deutlich bestürzter gewesen. Aber wer wusste schon, was Mirko in seinem Job sonst so alles miterleben durfte. „Nicht der Rede wert“, beruhigte sie ihn. „Ich hätte auch mehr geopfert, um endlich aus diesem Ding rauszukommen.“ „Ich muss sowieso weg“, sagte er. „Kann ich den Metallschneider wieder mitnehmen?“ „Lass ihn lieber hier“, sagte ich. „Tabea und ich machen uns auch noch so ein Teil. Es sei denn, du brauchst ihn selber?“ „Nee, das nicht.“ Er sah etwas zweifelnd aus. „Ich bin gleich in Bredenscheid“, sagte er. „Und ich kann da auch nicht weg.“ Vermutlich musste er wieder irgendwo ein Event betreuen. „Oh, mach dir keine Sorgen“, sagte ich. „Jetzt, mit diesem Gerät, wird es ja wohl kein Problem sein.“ Ich winkte mit seinem Metallschneider. „Du musst es wissen“, sagte er und verschwand. Renate und Tabea sahen ihm nach. „Wo hast du den denn getroffen?“, fragte Renate. „Im Keller? Beim heimlichen Lachen?“ „Wenn man ihn näher kennt, ist er ganz nett“, verteidigte ich ihn. Tabea pflichtete mir bei. „Er kommt sogar mit in den Bibelkreis!“ „Das beweist gar nichts“, sagte Renate. „So, jetzt helft mir mal aus dem Ding raus.“ Wir zogen das Ganze auseinander, und sie wand sich aus der Öffnung, ließ ihren nun nutzlosen BH fallen und schlüpfte in ihre Bluse. „Jetzt brauche ich doch ein Glas Asti“, sagte sie. „Auch wenn ich fahren muss.“ „Ich auch“, sagte Tabea. Der Unterschied war, dass es schon ihr viertes war. Wir aßen noch eine Runde Erdbeertorte und machten uns dann daran, Renates Kleiderpuppe fertigzustellen. Mit einem weiteren Stück Klebeband schlossen wir die Rückennaht wieder. Dann wurde unten und an den Armlöchern eine 169