Tracie Peterson
Sophia Im Sturm der GefĂźhle
Kapitel 1
Angelina County, Texas, im Februar 1886
S
ophia, wach auf! Komm schnell!“ Eine aufgeregte Stimme riss Sophia aus dem Schlaf. Schlagartig fuhr sie hoch, als würde ihre Bettdecke in Flammen stehen. Im Dämmerlicht sah sie ihre Mutter, in einer Hand eine Laterne, in der anderen Sophias alten Morgenmantel. „Sissy braucht deine Hilfe.“ „Sissy? Warum? Was ist passiert?“ Rasch zog Sophia das verwaschene Kleidungsstück über und knotete den Gürtel zu. Die zögerliche Antwort ihrer Mutter verhieß nichts Gutes. „Sie wurde … verwundet.“ Sophia las die Sorge in ihrem Gesicht, das im Schein der Laterne fast gespenstisch aussah. „Verwundet? Wurde sie von einem Tier angefallen?“ Sie spürte, wie ihr Herz plötzlich schneller schlug und Angst in ihr hochstieg. „Wie spät ist es eigentlich? Und wann ist das passiert?“ „Ungefähr zwei Uhr. Und jetzt komm und sieh selbst. Da du von Dr. Clayton ausgebildet wirst, dachte ich, du kannst ihr bestimmt helfen.“ Sophia nickte und folgte ihrer Mutter nach unten. Im Erdgeschoss hörte sie Sissys leises Wimmern und die Stimmen von Lizzie und George, die beruhigend auf sie einredeten. Was in aller Welt war geschehen? Als Sophia in die Küche trat, sah sie ihren Bruder gerade noch durch die Hintertür verschwinden. Sissy saß auf einem Küchenstuhl mit Leiterlehne. Ihr Gesicht, normalerweise von einem satten Braun, war aschgrau und blutete. Auch ihre Kleider waren blutverschmiert. Sophia eilte zu ihr und versuchte, das Ausmaß der Verletzungen zu erfassen. Am schlimmsten war eine klaffende Wunde an der linken Kopfseite. 7
„Sissy! Wie ist das passiert?“ Die Frau gab keine Antwort, sondern wiegte sich nur leise klagend hin und her, während Sophia vorsichtig ihre Wunden untersuchte. Das eine Auge war zugeschwollen und die Unterlippe eingerissen. Hinzu kamen zahlreiche Schürfwunden am ganzen Körper. Die tiefe Kopfwunde bereitete Sophia jedoch am meisten Sorgen. Sophias Schwägerin brachte eine Schüssel warmes Wasser und saubere Handtücher. „Weißt du, was passiert ist, Lizzie?“ „Soviel ich verstanden habe, sind ein paar Männer in ihr Haus eingedrungen und haben David und Edward bedroht. Ich habe George losgeschickt, um den Doktor zu holen. Sie werden zuerst bei den Jacksons haltmachen, bevor sie hierherkommen.“ „Sie haben gesagt, dass Schwarze … in ihre Schranken gewiesen werden müssen“, brachte Sissy mühsam heraus. „Sie nannten sich ‚Die weiße Hand Gottes‘ … von Gott gesandt, sagten sie …, um seinen Willen zu tun.“ „,Die weiße Hand Gottes‘?“ Sophia sah ihre Mutter fragend an. Eugenia nickte. „George hat auch schon von ihnen gehört. Eine Gruppe weißer Männer mit verhüllten Gesichtern. Niemand weiß, wer sie sind. Sie ziehen umher und tyrannisieren die schwarzen Einwohner. In letzter Zeit sollen ihre Übergriffe an Brutalität zugenommen haben.“ Sophia schüttelte den Kopf und nahm ein Handtuch, tauchte es ins Wasser und begann vorsichtig, Sissys Kopfwunde zu reinigen. „Wo haben Sie diese tiefe Wunde her, Sissy?“ „Ein großer Kerl … hat mir einen Schlag auf den Kopf verpasst … mit dem Lauf seines Gewehrs.“ Sissy blickte Hilfe suchend zu Sophias Mutter. „Werden Mr Arjan und Mr Rob rechtzeitig da sein, um meinen Männern zu helfen?“ „Ich bin sicher, sie werden tun, was sie können“, antwortete Eugenia. Über Sissys Kopf hinweg wanderten ihre Augen zu 8
Sophia. „Jetzt versorgen wir erst einmal Ihre Wunden und bringen Sie ins Bett.“ Sophia nickte und tauchte die blutgetränkten Handtücher in die Wasserschüssel. „Mutter, holst du mir bitte eine Schere? Ich muss Sissys Haare an den Wundrändern zurückschneiden.“ Sie beugte sich hinunter und flüsterte der älteren Frau ins Ohr: „Keine Angst, ich werde Ihnen nicht zu viel von Ihrer Haarpracht wegnehmen.“ Mit einem traurigen Lächeln dachte sie daran, wie Sissy ihr als Kind die Haare frisiert hatte. Oft hatte sie dabei die Verse aus der Bibel zitiert, in denen Paulus davon spricht, dass langes Haar für eine Frau eine Ehre sei, ein natürlicher Schleier. Sissy zeigte keine Reaktion. Ihre Mutter reichte ihr die Schere und sagte kopfschüttelnd: „Was sind das bloß für Menschen, die so etwas tun?“ „Menschen, die von purem Hass erfüllt sind“, antwortete Lizzie. „Nur sie können andere Menschen auf so grausame Weise verletzen.“ „Solche abscheulichen Banden gibt es schon seit dem Bürgerkrieg“, meinte Eugenia bedrückt. „Die Kerle bringen Schwarze um, einfach weil sie denken, sie hätten das Recht dazu. Die Regierung hat versucht, mit Gesetzen dagegen anzugehen – aber das hat oft nicht besonders viel geholfen. Ich habe viel dafür gebetet, dass so etwas nicht mehr vorkommt, aber es wird wohl nie ein Ende haben – zumindest nicht, solange ich lebe.“ „Dieser Hass lässt sich leider nicht aus der Welt schaffen.“ Vorsichtig schnitt Sophia das krause Haar zurück. Die Wunde war sehr tief und klaffte weit auf. Sissy hatte viel Blut verloren. „Sie steht unter Schock“, erklärte Sophia. „Wir sollten sie nach oben bringen und ihre Füße hochlagern. Ich kann sie auch weiter versorgen, wenn sie auf dem Bett liegt.“ Sie trat einen Schritt zurück und fragte sich, ob Sissy überhaupt in der Lage war, aufzustehen. „Nein, ich will nicht ins Bett! Ich muss hier sein, wenn mein Edward kommt.“ 9
„Sissy, Sie können hier unten nichts tun, was Sie nicht genauso gut oben im Bett tun könnten. Beten ist ohnehin das beste Mittel, das uns jetzt zur Verfügung steht.“ Eugenia schenkte ihr ein zuversichtliches Lächeln. „Und Ihr Mann würde ganz bestimmt nicht wollen, dass es Ihnen seinetwegen noch schlechter geht.“ „Mutter hat recht“, pflichtete Sophia bei. Beruhigend streichelte sie Sissy übers Haar und prüfte dabei, ob sie keine Verletzung übersehen hatte. „Also, bringen wir sie nach oben in mein Bett“, ordnete Eugenia an und schob ihre Hand unter Sissys linken Arm. Sophia legte die Schere beiseite und stützte die Patientin von rechts. Sissy stöhnte leise. „Ich fühle mich ein bisschen schwach“, murmelte sie. Bei jedem Schritt schienen ihre Knie nachzugeben. „Die Schläge haben gesessen.“ „Oh, Sissy! Wie kann man so eine gute Seele wie Sie nur so behandeln!“ Eugenias Stimme war tränenerstickt. „Diese Männer glauben nicht, dass ich eine Seele habe, Mrs Eugenia. Sie nannten mich einen räudigen Köter … der sich gegen seinen Herrn aufgelehnt hat.“ Sissy konnte sich kaum auf den Beinen halten. Die arme Frau war in ihrem Zustand den ganzen Weg von ihrer Hütte zum Haus der Vandermarks gelaufen, querfeldein durch den dunklen Wald, aus Angst, auf der Straße von ihren Verfolgern entdeckt zu werden. Lizzie ging mit der Laterne voraus die Treppe hoch, während Sophia und ihre Mutter Sissy förmlich die Stufen hinauftrugen. Lizzie öffnete die Tür zu Eugenias Schlafzimmer, und Mutter und Tochter führten die Patientin zum Bett. „Es ist kalt hier“, bemerkte Eugenia. „Ich werde das Feuer noch mal anfachen.“ „Machen Sie sich meinetwegen nicht so viele Umstände“, sagte Sissy mit einem Blick zu Sophia. „Die paar Kratzer werden mich nicht umbringen. Viel mehr Sorgen mache ich mir um Edward und David.“ 10
„Von wegen Kratzer“, widersprach Sophia. „Sie haben tiefe Wunden, die gesäubert und verbunden werden müssen.“ „Unsere Männer werden Edward und David schon helfen, Sissy“, sagte Mrs Vandermark beruhigend, aber Sophia sah, dass sie ebenfalls Angst hatte. Seit Monaten war es in ihrer Gegend immer wieder zu Übergriffen auf Schwarze gekommen, und aus den Nachbarbezirken hörte man ähnliche Geschichten. Niemand wusste, wohin das noch führen sollte. „Ihre Männer sind in Gottes Hand“, sagte Eugenia, aber Sissy hörte sie nicht mehr. Eine barmherzige Ohnmacht hatte sie eingehüllt.
Als Arjan und Rob bei der Hütte der Jacksons ankamen, hatten die Täter bereits das Weite gesucht. Das Haus brannte lichterloh und war nicht mehr zu retten. Plötzlich entdeckte Rob zwei leblose Körper, die wie spukhafte Schatten an der großen Eiche im Vorgarten hingen. „Sie haben sie erhängt“, sagte er und trieb sein Pferd vorwärts zu der Stelle, wo Davids Körper an einer hastig geknüpften Schlinge hin und her schwang. Im Feuerschein des brennenden Hauses konnten sie sehen, dass beide Männer schwer misshandelt worden waren, bevor man sie aufgehängt hatte. Davids Arme waren gebrochen und seltsam verdreht. Auf der anderen Seite des Baumes hing sein Vater. Dort, wo einst sein Gesicht gewesen war, war nur noch eine blutige Masse von rohem Fleisch. Rob wandte den Blick ab und spürte, wie sein Magen sich zusammenzog. Sein Onkel saß wie versteinert auf seinem Pferd, erschüttert von dem Anblick, der sich ihm bot. Glücklicherweise war es schon eine Weile her, dass Rob etwas gegessen hatte, sonst hätte er jetzt alles wieder von sich geben müssen. So etwas anzuschauen, ohne mit der Wimper zu zucken, brachten wohl nur die Unmenschen fertig, die diese Gräuel verübt hatten. 11
„Nehmen wir sie herunter“, sagte Arjan leise. „Für das Haus können wir nichts mehr tun.“ Er stieg vom Pferd und reichte Rob die Zügel. „Zum Glück steht es auf einer Lichtung. Und es ist so windstill, dass die Bäume ringsherum kein Feuer fangen.“ „So etwas habe ich noch nie gesehen“, flüsterte Rob, bevor er ebenfalls abstieg. Onkel Arjan führte die unruhig schnaubenden Pferde zu einem Anbindepflock, der weit genug vom Feuer entfernt war. „Wie konnte jemand den beiden so etwas antun?“, fragte Rob. „Sie waren gute Menschen.“ „Gute Menschen mit der falschen Hautfarbe“, antwortete Arjan. „Zumindest in den Augen derer, die das getan haben.“ Zögernd folgte Rob seinem Onkel zum Baum. Der ältere Mann griff nach dem Seil, an dem Edward hing. Es war am Fuß der Eiche mit einem Knoten festgezurrt, der sich leicht aufziehen ließ. Langsam ließ er den ehemaligen Sklaven zu Boden gleiten, während Rob den Körper so dirigierte, dass er auf dem Rücken zu liegen kam. „Schau mal: eine Nachricht.“ Rob hob ein blutbeflecktes Stück Papier vom Boden auf. Die Handschrift war krakelig, aber lesbar. „Kannst du sie entziffern?“ „Epheser 6,5.“ Arjan nickte. „Diese Stelle wird leider immer wieder zitiert.“ Rob blickte ihn ratlos an. „Und was steht dort?“ „‚Ihr Sklaven, gehorcht euren Herren, ehrt und achtet sie! Dient ihnen so aufrichtig, wie ihr Christus dient.‘“ Rob schauderte. „Darunter steht: ‚Die weiße Hand Gottes‘.“ Schweigend machten sich die beiden Männer daran, auch Davids Körper abzunehmen und auf den Boden zu legen. An seinem blutigen Hemd war ebenfalls ein Zettel befestigt. „Als Warnung für andere“, las Rob kopfschüttelnd und bückte sich, um das Papier abzureißen. Es hing an einem Nagel, der David direkt durch die Brust getrieben worden war. 12
Der junge Mann bedeckte seine Augen mit der Hand. „Warum haben sie das getan? Es waren rechtschaffene Männer, fleißig und hilfsbereit gegenüber jedem, der Hilfe brauchte. Sie hätten sie nicht umbringen dürfen.“ Arjans Augen ruhten auf seinem Neffen. „So etwas wird leider immer wieder vorkommen, solange anständige Bürger es zulassen.“ Das Geräusch eines nahenden Fuhrwerks ließ sie aufblicken. Zwei Gestalten saßen auf dem Kutschbock: George und Dr. Christopher Clayton. Ein dritter Mann näherte sich zu Pferd. Als der Reiter den Lichtschein des Feuers erreichte, erkannte Rob Ralph Nichols, den ortsansässigen Polizisten. Arjan trat einen Schritt vor. „Sie sind tot.“ Dr. Clayton sprang vom Wagen und lief auf die beiden leblosen Körper zu, als ob er sich vergewissern wollte, dass es wirklich stimmte. Rob wandte sich zur Kutsche und konnte seine Gefühle nicht unterdrücken. „Wir sind zu spät gekommen.“ Seine Stimme war brüchig. „Zu spät.“ Er schüttelte den Kopf, als könne er immer noch nicht glauben, was er gesehen hatte. „So eine grauenhafte Ungerechtigkeit.“ „Wer hat das getan? Habt ihr sie gesehen?“, wollte George wissen. „Sie waren längst über alle Berge, als wir kamen. Das Haus stand in Flammen, und die beiden Männer …“ Er verstummte, bis er sich wieder gefangen hatte. „Sie hingen an der alten Eiche.“ Schweigend blickte George an seinem Bruder vorbei auf das brennende Haus. Der Polizist kam auf sie zu und deutete über seine Schulter. „Der Doktor hat bestätigt, dass sie tot sind“, sagte er sachlich. Rob starrte den Mann zornig an „Natürlich sind sie tot. Die Frage ist vielmehr: Was werden Sie tun, um die Mörder zu finden?“ 13