LESEPROBE
Nancy Beach
OctoberBaby Inspiriert von einer wahren Geschichte 320 Seiten, gebunden € 17,99 (D) / SFr *26,90 / € 18,50 (A) ISBN 978-3-7655-1542-2, Bestell-Nr. 191542 © Brunnen Verlag GmbH, Gießen *) unverbindliche Preisempfehlung
Kapitel 15: Belogen und betrogen Warum waren sie überhaupt hier? Keiner hatte Hannah nach ihrer Meinung gefragt. Na ja, sie war ja auch erst 19 und wohnte noch bei ihren Eltern, und wenn die entschieden, dass Hannah ihre Seminare ausfallen lassen und stattdessen einen Ausflug zur Praxis ihres Hausarztes machen sollte, hatte sie wohl keine Wahl. Zwei gegen einen. Gehen Sie nicht über Los! Durch die Jalousien des Sprechzimmers von Dr. Alex Stewart fielen schmale Sonnenstrahlen und beleuchteten seinen Kirschholzschreibtisch, den gepolsterten Lederstuhl und die Regale mit medizinischer Fachliteratur. Ihre Besuche bei ihm konnte Hannah schon nicht mehr zählen. Dr. Stewart war seit mehr als zehn Jahren ihr Copyright Arzt, undBrunnen sie wusste, dass er einer der führenden Verlag Gießen 2013Spezialisten auf dem Gebiet der Kinderheilkunde war. Aber konnte er ihre Träume erklären, diese immer wiederkehrenden Bilder? Den Tornado? Den heulenden Wind? Die Theaterbühne, die sie wie ein Mund voller glänzender Zähne ganz und gar verschlang? Unruhig rutschte Hannah auf ihrem Stuhl hin und her. Die Ärmel ihres grauen Pullovers waren bis über die Fingerknöchel heruntergezogen, und sie kaute an einem Fingernagel. Doch sie war nicht die Einzige, die mit ihren Nerven zu kämpfen hatte. Ihre Mutter war schon im Auto stumm gewesen. Auch Papa spielte mit seinem Schlüsselbund und starrte vor sich hin. 3
„Irgendwelche Prognosen?“, fragte Hannah ihre Eltern in die gespannte Stille hinein. Verwirrt sahen Grace und Jacob ihre Tochter an. Mit einem lauten Geräusch warf Hannahs Vater seinen Schlüsselbund auf den Schreibtisch, wo er gegen einen dicken, schwarzen Kalender rasselte. „Gibt es etwas, das du mir verschweigst, Papa?“ „Ich wollte dich gerade dasselbe fragen.“ „Was?“ Sie wich seinem durchdringenden Blick aus. „Ich weiß nicht, wovon du …“ „Du hast mich gehört.“ Sie verzog den Mund und legte die Stirn in Falten. Das alles hier ergab keinen Sinn. Natürlich hatte sie einen Anfall erlitten, aber dem konnte doch mit einer Veränderung in der Medikation begegnet werden. Wenn ihre Eltern ihr nicht irgendeine Information vorenthielten, Copyright dann konnte sie in zehn Minuten die Praxis mit einem Brunnen Verlag Gießen 2013 unterschriebenen Rezept in der Hand und ein paar Schulterklopfern wieder verlassen. Endlich kam Dr. Stewart mit einem Clipboard in der Hand herein. Er war ein allmählich kahl werdender Mann mittleren Alters, trug eine Brille und einen weißen Kittel über Hemd und Krawatte. Er begrüßte Hannah mit Namen und drückte kurz ihre Schulter, dann ging er an ihnen vorbei zu seinem Schreibtischstuhl. Hannah senkte den Blick und nestelte an ihren Ärmeln. Sie wandte ihr Gesicht der halb geschlossenen Jalousie zu. Draußen umspielte das Licht der Mittagssonne die Gebäude der Innenstadt von Wilmington. Diese Stadt war ihr Zuhause. Sie war bis zur neun4
ten Klasse hier zur Schule gegangen. Auf diesen Straßen hatte sie ihre Führerscheinprüfung abgelegt. Viele ihrer Studienkollegen waren alte Freunde aus der Schule oder aus der Jugendgruppe der Kirchengemeinde. Sie war auf den Decks eines echten Kriegsschiffes herumgelaufen, das hier im Hafen vor Anker lag, und auf der Strandpromenade shoppen gegangen. Ihre Großeltern waren hier beerdigt worden. Sie hatte allen Grund, sich hier zu Hause zu fühlen. Warum kam sie sich dann in diesem Moment so fehl am Platz vor? „Schön, Sie alle wiederzusehen.“ Dr. Stewart strich seine Krawatte glatt und rollte in seinem Bürosessel nach vorn. „Auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass es unter besseren Vorzeichen geschieht.“ Hannahs Eltern lächelten tapfer. Copyright Der Doktor blätterte durch Gießen die Unterlagen auf seiBrunnen Verlag 2013 nem Clipboard. „Wir haben hier eine ziemlich lange Krankengeschichte zu bedenken“, sagte er zu Hannah. „Bronchopulmonale Dysplasie, akutes Asthma, krampfartige Anfälle, mehrere Hüftoperationen – die meisten davon, als du noch so jung warst, dass du dich jetzt wohl nicht mehr daran erinnerst.“ Er legte die gestreckten Hände unter seinem Kinn zusammen und schenkte Hannah ein mitfühlendes Lächeln. Sie wandte ihren Blick weg. „Oh, an einige erinnere ich mich sehr wohl.“ „Es tut mir wirklich leid, dass du all das durchmachen musstest, Hannah. Wie hast du dich diese Woche gefühlt? Gab es neue Symptome oder Beschwerden?“ 5
„Nein, keine. Mir geht’s gut.“ „Nun, ich habe mir dein EEG und dein MRT angeschaut, und es sieht so aus, als müssten wir dich neu einstellen, was deine Epilepsie angeht. Stress, Schlafentzug und Alkohol können das Risiko eines Anfalls vergrößern.“ Sie beobachtete die Autos, die auf der Straße unten über eine Kreuzung fuhren. „Und Drogen“, fügte er hinzu. Hannah lenkte ihren Blick zurück und traf auf den des Arztes. Meinte er das ernst? Dr. Stewart zuckte die Achseln. „Weil du seit deiner Kindheit keinen so schweren Anfall mehr hattest, muss ich danach fragen.“ „Wie bitte? Ich bin doch kein dummes Partygirl.“ „Beantworte die Frage“, sagte ihr Vater streng. Copyright „Okay.Brunnen Nein. Nein,Verlag wirklich. Gießen Das ist meine Antwort. 2013 Und nein, Dr. Stewart, ich trinke auch keinen Alkohol. Ich rauche nicht. Ich nehme keine Drogen – außer sie zählen das Zeug dazu, das Sie mir verschreiben.“ „Verstehe.“ Dr. Stewart nickte, kramte noch einmal in Hannahs Krankenakte und sah dann zu ihrem Vater. Sie schienen wortlos Signale auszutauschen, als wäre das ganze Treffen ein abgekartetes Spiel. Der Doktor nickte fast unmerklich und nahm dann die Brille ab. „Hannah, ich glaube, dass alles, woran du leidest, miteinander zusammenhängt.“ Mittlerweile war es Hannah egal, welche Geheimnisse sie ihr bisher verschwiegen hatten. Sie wollte nur eine Erklärung und dann nichts wie raus hier. Raus aus die6
sem Krankenhaus. Raus aus dieser Stadt. Sogar raus aus diesem Bundesstaat. Wie schon oft wünschte sie sich jetzt, ihr Leben hätte einen Neustart-Knopf, mit dem sie noch einmal ganz von vorne beginnen könnte. Sie beugte sich vor. „Warum bin ich krank?“ Dr. Stewart presste die Lippen aufeinander und warf ihren Eltern einen bedeutungsvollen Blick zu. „Hannah“, ergriff ihre Mutter das Wort. „Wir … wir sind nicht deine biologischen Eltern.“ Ungläubig drehte Hannah sich zu ihrer Mutter herum. Das war doch ihre Mutter, oder? Sie musste sich verhört haben. Was sie da gerade wahrgenommen hatte, kam ihr so unverständlich vor, als wäre es in einer fremden Sprache gesagt worden. Mit zusammengezogenen Augenbrauen rang Hannah nach Luft. „Was?“ Copyright Ihre Mutter hatte ihren rechtenGießen Arm um den ihres VaBrunnen Verlag 2013 ters geschlungen und sah zu Boden. Sie zögerte. Endlich sah sie Hannah ins Gesicht. Liebe und Sorge spiegelten sich darin, aber auch Angst. Hannah verstand nicht, wovor sie sich fürchtete. Sie war doch diejenige, die gerade das Leben ihrer Tochter mit einem einzigen Satz zerstörte. „Nicht meine biologischen Eltern …?“ Das konnte nicht sein. Es ergab überhaupt keinen Sinn! In Graces Augen schwammen Tränen. „Also“, schaltete sich Hannahs Vater ein und drehte sich zu ihr. „So würde ich das nicht ausdrücken. Liebes, hör mal, deine Mutter und ich, wir lieben dich. Wir lieben dich sehr.“ 7
Hannah starrte ihn an. Wenn er ihr Vater war, warum erlaubte er sich dann diesen grausamen Scherz? Ihr war ganz und gar nicht zum Lachen zumute. Und wenn er nicht ihr Vater war, wie hatte er sie dann all diese Jahre anlügen können? Seine Liebesbezeugungen klangen hohl in Hannahs Ohren. Was wurde hier gespielt? „Du bist viel zu früh auf die Welt gekommen“, erklärte Dr. Stewart. „In der 24. Schwangerschaftswoche.“ Hannah konnte nicht begreifen, was sie da hörte. Dauerte eine Schwangerschaft nicht um die 40 Wochen? Und sie sollte schon nach gut der Hälfte geboren worden sein? Das musste doch wohl auch ein Scherz sein. „Jacob und Grace haben dich adoptiert, als …“ Er seufzte und setzte neu an. „Eine zu frühe Geburt, ein sehr niedriges Geburtsgewicht oder ein Geburtstrauma können zu SymptomenCopyright wie deinen führen.“ „Ich war eine Frühgeburt.“ die beiden Brunnen Verlag Hannah Gießensah2013 Menschen neben ihr fest an. Nicht ihre biologischen Eltern. Ihre … Adoptiveltern. Sagte man das so? Hannahs Kopf und Herz schienen zu explodieren. Sie wollte schreien. Oder in Tränen ausbrechen. Oder beides. Doch sie sagte nur: „Und deshalb bin ich krank?“ Ihr Vater nickte. Mama atmete schwer, als würde sie große Schmerzen aushalten, und streckte eine Hand nach ihr aus. Normalerweise hätte Hannah Mitleid bekommen, wenn sie ihre Mutter so sah, und ihre Hand ergriffen. Sie kannte niemanden, der weichherziger und geduldiger war als Grace Lawson. Hannah hatte immer gehofft, diese Eigenschaft geerbt zu haben, aber nun war alles … 8
anders. Wenn es stimmte, was ihre Eltern sagten, war diese Erwartung vergeblich gewesen. Die junge Frau rührte sich nicht. „Hannah“, sagte der Arzt. „Wir machen uns Sorgen wegen der körperlichen, aber auch emotionalen Symptome, die du in letzter Zeit zeigst.“ „Und mir Dinge zu verschweigen sollte das Ganze besser machen?“, platzte es aus ihr heraus. „Nein, ich bin mir sicher, das war nicht der Grund.“ „Mama? Papa? Warum habt ihr mir nie gesagt, dass ich adoptiert bin?“ Hannahs Vater strich sich eine Strähne aus den Augen. „Das ist so schwer zu erklären, Liebes.“ „Was soll das überhaupt bedeuten, ‚emotionale Symptome‘? Was wollen Sie mir damit sagen?“ Die gefährliche Stille,Copyright die folgte, machte nur allzu deutlich, dassBrunnen sich noch mehr Schwierigkeiten Verlag Gießenanbahnten. 2013 Dr. Stewart zog ein Blatt Papier aus seiner Schreibtischschublade. „Dein Vater hat mir das hier per E-Mail geschickt.“ Er setzte seine Brille auf, überflog das Blatt und begann dann laut zu lesen. „Ich würde so gerne fliegen können, nur ein einziges Mal. Stattdessen fühle ich mich innerlich tot. Nein – schlimmer als tot.“ Hannah schob ihr Kinn nach vorn. Sie begriff, dass sie betrogen worden war. Wut stieg in ihr auf. Sie beobachtete, wie ihre Mutter ihre Hand aus der ihres Vaters zog. „Ich bin noch ein Kind“, fuhr der Arzt fort. „Ein Kind, das versucht, seinen Platz in dieser Welt zu finden. Ich habe so viele Fragen, auf die es keine Antwort gibt, Fragen, die ich spüre, aber nicht aussprechen kann. 9
Warum? Weil es keine Worte gibt, die sie ausdrücken können.“ Hannahs Lippen begannen zu zittern. „Etwas fehlt. Warum, Gott, warum … fühle ich mich unerwünscht? Warum denke ich, dass ich kein Recht habe, auf dieser Welt zu sein? Warum wünsche ich mir so oft, dass mein Leben vorbei ist, anstatt es zu leben?“ Hannah konnte ihre Lippen kaum bewegen. „Ihr habt mein Tagebuch gelesen?“ Ihre Eltern antworteten nicht. „Hannah, ich bin seit Jahren dein Arzt, und ich glaube, dass das, was du fühlst, ganz normal ist und eigentlich sogar zu erwarten war.“ „Was … was meinen Sie damit?“ „Du wurdest adoptiert, und …“ „Ja, das habe ich jetztCopyright verstanden.“ „Und du wurdest zuVerlag früh geboren, weil du deine AbBrunnen Gießen 2013 treibung überlebt hast.“ Was? Der Raum verschwamm vor Hannahs Augen. Schwarze Schatten tanzten in ihrem Kopf. Sie rang nach Luft und zwinkerte. Benommen richtete sie ihren Blick auf den Arzt und versuchte den Kontakt mit der Wirklichkeit wiederherzustellen. Dr. Stewart nickte. „Deine körperlichen, und ich glaube auch deine seelischen Symptome sind darauf zurückzuführen. In anderen Fällen hat man Ähnliches beobachtet.“ „Fällen?“ Tränen traten in Hannahs Augen. „Ja. Eigentlich kann ich nur zu deinen körperlichen 10
Symptomen etwas sagen, aber ich schlage vor, dass du baldmöglich eine Therapie beginnst, um auch die seelischen Probleme zu behandeln. Ich verschreibe dir ein neues Medikament gegen deine Anfälle. Die anderen nimmst du einfach weiter.“ Tränen rannen über Hannahs Wangen. „Allerdings hat das neue Medikament Nebenwirkungen. Deshalb muss ich dich von jetzt an jede Woche sehen.“ Der Arzt reichte ihr ein Rezept und schob seine Notizen zurück in die Schreibtischschublade. „Es wäre gut, wenn du jetzt etwas schläfst und jede weitere Aufregung vermeidest. Hannah, bitte, das dürfen wir nicht auf die leichte Schulter nehmen.“ Jacob Lawson dankte dem Doktor und griff nach seinen Schlüsseln. Hannah schüttelte langsam den Kopf. „Ich … ich kann Copyright nicht glauben, dass ihrVerlag mein Tagebuch gelesen habt.“ Brunnen Gießen 2013 „Süße“, sagte ihre Mutter. „Wir wollten nicht …“ Nur mit Mühe kam Hannah auf die Füße. Ihre Beine fühlten sich wie Holzstümpfe an, die ihr nicht gehorchten. „Ich muss gehen.“ Stockend bewegte sie sich Richtung Tür. Ihr Vater stand auf und griff nach ihrem Arm. „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“ Hannah zuckte zurück. „Fass. Mich. Nicht. An.“ Sie hörte, wie er ihren Namen rief und ihre Mutter einen erstickten Schluchzer von sich gab, aber das konnte sie nicht aufhalten. Sie musste hier raus.
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Kapitel 19: Eingeklemmt Hannah saß im Schneidersitz auf dem Holzsteg und schleuderte Steine in den See. Der Mond warf ein scheinwerfergleiches Licht auf sie und gab ihr das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Dieses Gefühl verflog in dem Augenblick, als ein Auto auf den nahen Parkplatz rollte. Wer kam denn an einem Mittwochabend hierher? „Hallo?“ Ihre Stimme klang brüchig. Unsicher fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen. „Wer … wer ist da?“ Eine Autotür fiel zu. „Hallo?“ Jemand kam auf sie zu. Unwillkürlich griff Hannah nach ihrer Tasche. Copyright „Ich bin’s“, sagte eine vertraute Stimme. Jetzt erkannBrunnen Verlag Gießen 2013 te sie Jason, der im Dämmerlicht den Abhang zum Ufer hinunterkletterte. „Du kannst das Pfefferspray wieder wegstecken.“ „Woher wusstest du, dass ich hier bin?“ „Willst du mich auf den Arm nehmen? Das war doch total vorhersehbar.“ „War es nicht“, entgegnete sie. Jason formte ihre Antwort mit den Lippen, noch bevor sie sie fertig ausgesprochen hatte. Hannah musste lächeln. Er hatte recht. Ihre Eltern wussten vielleicht nicht, dass das hier ihr Zufluchtsort war, aber Jason war schon zu oft mit ihr hierhergekommen, als dass es ein Geheimnis für ihn wäre. 12
Jason tat, als würde er an eine Tür klopfen. „Kann ich reinkommen?“ „Nein.“ Mit festem Blick sah Hannah zum gegenüberliegenden Ufer. „Ich bin sauer auf dich.“ Jason schlenderte den Steg entlang, ließ sich neben ihr auf die Bohlen fallen und zog die Schuhe von den Füßen. „Was machst du da?“, fragte sie. „Ich ziehe mir die Schuhe aus.“ „Und warum ziehst du dir die Schuhe aus?“ Seine Socken waren als Nächstes dran. „Weil es mir leid tut. Ich mag es nicht, wenn Leute sauer auf mich sind, besonders nicht du. Also bleibe ich jetzt wohl besser eine Weile hier.“ Er krempelte seine Hosenbeine hoch und tauchte seine Füße ins Wasser. „Nimm dich vor denCopyright Schnappschildkröten in acht“, sagte sie.Brunnen „Und vor den Wasserschlangen.“ Verlag Gießen 2013 „Die halten sich fern von mir, wenn sie schlau sind. Ich hab seit Tagen nicht geduscht.“ „Du bist ekelhaft.“ „Hannah.“ Seine großen braunen Augen sahen sie an. „Geht es dir gut?“ Hannah wandte den Blick weg und schüttelte den Kopf. „Nein.“ „Willst du darüber reden?“ „Nein. Jetzt hörst du dich schon genauso an wie mein Seelenklempner.“ „Seit wann hast du einen?“ „Vergiss es.“ Jason sah aufs Wasser hinaus. Das Mondlicht spiegel13
te sich darin und ließ auch seine Wangen glänzen. Er lehnte sich zurück, stützte sich auf seine Unterarme und strampelte mit den Beinen. Hannah legte den Kopf in den Nacken und sah ihn verstohlen von der Seite an. Sie erinnerte sich an den zwölfjährigen Jungen, der ihr gesagt hatte, dass sie wie eine Schwester für ihn sei. Das war schon so lange her. Aber Jason war immer für sie da gewesen. Darauf kam es an. „Willst du wirklich wissen, was los ist?“ Sie biss sich auf die Unterlippe und versuchte zu lächeln. „Mein ganzes Leben ist anscheinend eine einzige Lüge.“ „Warum sagst du so etwas?“ Hannah holte tief Luft. „Erinnerst du dich an die Oase? Ich fand den Namen immer cool, genau richtig für eine Jugendgruppe. Ach, noch mal zur Schule zu gehen, das wär’s doch.“ Copyright „Ich verzichte gern darauf.“ Brunnen Verlag Gießen 2013 „Wirklich? Warum? Wir mussten uns damals um nichts Gedanken machen.“ „Körpergeruch. Haare unter den Achseln. Mädchen. Nein danke.“ „Und was hat sich daran geändert?“ „Sehr lustig.“ Rasch tauchte Jason seine Hand ins Wasser und bespritzte Hannah. „In der Oase durfte ich zum ersten Mal singen und Theater spielen. Ich habe es geliebt, all diese Sketche und kleinen Stücke aufzuführen. Es war mir total ernst damit. Ich war ganz und gar bei der Sache. Und jetzt frage ich mich, ob … Ich weiß auch nicht. Es hört sich dumm an, aber oft liege ich abends im Bett und frage mich, ob 14
ich wirklich da bin, ob’s mich überhaupt gibt. Rede ich Unsinn? Ich meine, wer bin ich wirklich? Wenn ich so durch den Tag gehe, bin ich dann überhaupt ich?“ „Wieso sollte sich das dumm anhören? Jemand, der sich was vormacht, dem wäre das doch egal.“ „Ja, aber … ich habe so viele Fragen und Zweifel. Habe ich all die Jahre Theater gespielt, damit ich mich nicht der Wahrheit über mich selbst stellen muss? Wahrscheinlich gehört das alles zum Krankheitsbild, wenn man eine Depression hat. Das scheint Dr. Stewart zu denken. Er hat mich zu einem Therapeuten geschickt, damit ich mein Gefühlsleben durcharbeite, als wäre es eine Überraschung, dass ich mich aufrege.“ Hannah stockte. Jason drängte sie nicht weiterzureden. „Meine Eltern …“, sagte sie schließlich. „Sie sind nicht meine Eltern.“ Copyright Er drehte sich zu ihr.Verlag Gießen 2013 Brunnen „Das heißt wohl auch, es gibt Gründe für all meine Zweifel. Meine Hüft-OPs, meine Albträume, mein Asthma, die Krampfanfälle … alles hat miteinander zu tun.“ „Wie meinst du das: Sie sind nicht deine Eltern?“ „Sie haben mich adoptiert, als …“ Sie zitterte und rang um Fassung. „Meine echte Mutter hat versucht, mich abzutreiben. Erst sah es noch nicht mal so aus, als würde ich überhaupt überleben.“ Sie schniefte. „Und ich hätte es auch fast nicht geschafft. Letzten Freitag waren wir in Dr. Stewarts Praxis. Da haben sie die Bombe platzen lassen. Ich gebe mir wirklich Mühe, nicht wütend auf meine echte Mutter zu sein. Und auf meine Eltern. Und auf Gott – weil die Dinge so sind, wie sie eben sind.“ 15
„Ich glaube, da wäre ich auch wütend.“ „Na ja, ich versuche es halbwegs in den Griff zu kriegen. Alles, was ich weiß – das heißt, alles, was sie mir gesagt haben –, ist, dass ich in einem Krankenhaus in Mobile in Alabama geboren wurde. Das ist fast zwölf Stunden mit dem Auto von hier, und ich habe keine Ahnung, wie ich da hinkommen soll. Selbst wenn ich hinkäme, was würde ich dann tun? Das ist jetzt alles fast zwanzig Jahre her. Aber ich brauche einfach ein paar Antworten. Ich will mit meinem Leben weitermachen können.“ Jason nickte. „Im Moment“, sagte sie, „fühle ich mich einfach wie eingeklemmt. Als gäbe es keinen Ausweg. Ich stecke fest an diesem Ort, den ich hasse, und ich habe keine Ahnung, was ich tun soll.“ Copyright Ihr Kinn zitterte, und Tränen Gießen sammelten 2013 sich in ihren Brunnen Verlag Augen. Als der erste Tropfen ihre Wange hinunterrann und sie sah, wie besorgt Jason sie anblickte, lächelte sie tapfer. „Siehst du, Jason? Ich hab dir doch gesagt, ich will nicht darüber reden.“ „Wow.“ Er rieb sich das Kinn. „Hannah, es tut mir wirklich leid für dich. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich kann mir vorstellen, dass dein Leben dir gerade ziemlich schrecklich vorkommt.“ Sie ließ den Kopf sinken und spürte, wie ihr die Tränen übers Gesicht liefen. „Aber das wird bestimmt bald besser“, sagte Jason. „Versuch, einen Tag nach dem anderen anzugehen. Einen Schritt nach dem anderen. Manchmal können wir 16
nur darauf vertrauen, dass Schwierigkeiten letztlich ein Weg zu innerem Frieden sind.“ „Naja, das ist ganz schĂśn optimistisch.“ Sie wischte sich die Tränen aus den Augen. „Aber es hĂśrt sich schĂśn an.“ „Ist leider nicht von mir. Hab ich irgendwo gelesen.“ „Trotzdem schĂśn.“ „Hannah, alles wird sich klären. Ich versprech’s dir. Du wirst schon wissen, was du machen sollst.“ „Was macht dich da so sicher?“ „Ich kenne dich.“ Ihr Blick glitt Ăźber den mondbeschienenen See. „Ich kenne mich doch nicht mal selbst.“ Das zuzugeben machte alles einfacher, und eine Ruhe, die sie seit Wochen nicht verspĂźrt hatte, breitete sich in ihrer Seele aus. Ein flĂźchtiges Aroma von Jasons Aftershave drang Ăźber die feuchten Holzbohlen und die knosCopyright penden Blumen zu ihrVerlag herĂźber. Sie erinnerte2013 sich wieder Brunnen GieĂ&#x;en an ihre Kindertage. Seine Nähe beruhigte sie. Es fĂźhlte sich richtig an. Dann klingelte sein Handy.
íˇž Jason warf einen Blick auf sein Handy, um zu sehen, wer anrief. Er kratzte sich am Hals. Das war jetzt wirklich schlechtes Timing, und wahrscheinlich ignorierte er den Anruf am besten. „Wer ist es?“, fragte Hannah. „Ach, es ist Alanna. Ich rufe sie später zurĂźck.“ „Nein, geh ruhig ran.“ 17
„Gerade jetzt? Bist du sicher?“ „Bitte“, sagte sie. „Du solltest rangehen.“ Jason stand auf. Seine Füße waren tropfnass, und er entfernte sich ein paar Schritte, um den Anruf entgegenzunehmen. „Hallo?“ „Hi, Babe“, sagte Alanna. „Wo bist du? Alles in Ordnung?“ „Hey, ich … ja. Ja, ich häng nur ein bisschen rum.“ „Ich habe gerade mit Danielle gesprochen, und sie würde auch gern mit uns wegfahren. Was glaubst du, passt sie noch ins Auto?“ „Ja, klar.“ Er gab Hannah ein Zeichen, dass das Gespräch nicht lange dauern würde. „Sie muss sich natürlich am Benzin beteiligen. Warte mal, weiß sie denn, dass Diego auch mitkommt? Hatten die beiden nicht mal was miteinander?“ Copyright „Sie sind erwachsen,Verlag Jason. Die kommen 2013 schon klar.“ Brunnen Gießen „Okay, naja, ich will nur nicht, dass sich auf der Fahrt irgendwelche Dramen abspielen.“ Neben ihm auf dem Anleger konnte Hannah ein Husten nicht unterdrücken. Sie nahm einen Stoß aus ihrem Inhalator. „Was war das?“, fragte Alanna. „Warte mal, kann ich … kann ich dich später zurückrufen? Es dauert auch nicht lange, versprochen.“ Bevor sie ihn nach weiteren Einzelheiten fragen konnte, verabschiedete sich Jason und beendete das Gespräch. Er wollte ihr den Rest später erklären. Jetzt brauchte ihn seine Freundin Hannah. Er setzte sich wieder ihr gegenüber auf die Holzbohlen. 18
„Jetzt ist es amtlich: Ich bin der schlechteste Reiseleiter der Welt“, sagte er. „Drei Tage bevor wir losfahren habe ich noch keine Ahnung, wohin es gehen soll. Großartig.“ „Hey, eins nach dem anderen. Hast du mir das nicht gerade geraten?“ Er grinste. Hannah senkte den Kopf. „Ich möchte einfach nur weg hier.“ „Bin ich so unausstehlich?“ „So meine ich das nicht.“ „Hannah, ich wünschte, ich hätte so einen Zauberstab wie du, als wir klein waren. Du hast wirklich gedacht, du könntest mich in ein Pferd oder einen Prinzen oder so verwandeln. Aber ich bin immer noch ich.“ Er zuckte die Achseln. „Und du kannst nicht vor deiner GeschichCopyright te fliehen.“ Brunnen Verlag Gießen 2013 „Was soll ich denn dann machen?“ „Du könntest mir erlauben, dich nach Hause zu fahren. Mehr kann ich im Moment nicht tun. Wenn ich mich nicht irre, haben wir beide morgen Prüfungen.“ Sie schloss die Augen. „Das ist das Letzte, was mich im Moment interessiert.“ „Ich weiß, aber wir müssen noch ein bisschen lernen … zumindest ich.“ Er stand auf und reichte ihr die Hand. „Na los. Du darfst ganz zögerlich Ja sagen.“ „Okay.“ Sie verdrehte die Augen. „Schon besser.“ Sie streckte die Hand nach seiner aus, überlegte es sich anders und stand allein auf. „Du Stalker.“ 19
Er lachte leise, als er sie mit ihrer Tasche und ihren Schuhen in der Hand auf seinen Wagen zulaufen sah. Dann verstummte sein Lachen. Nachdenklich sah er ihr hinterher. Ihre HĂźften schwangen, als sie das Ufer hochkletterte, und ihr dichtes Haar fiel in kastanienbraunen Wellen Ăźber ihre Schultern.
íˇž Eine Stunde später lag Hannah zusammengerollt auf ihrer Daunendecke, barfuĂ&#x;, in grauer Jogginghose und ihrem Lieblingstop. Die Nachttischlampe brannte und warf ein warmes Licht auf Hannahs Bibel und ihr Tagebuch. Sie kaute auf ihrem Stift und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. SchlieĂ&#x;lich schrieb sie:
Copyright Ich habeBrunnen in der letzten Woche mehr Geheimnisse Verlag GieĂ&#x;en 2013
erfahren, als ich in meinem ganzen Leben erfahren wollte. Und jetzt? Ich habe nicht das GefĂźhl, als wäre mir eine groĂ&#x;e Last von den Schultern genommen. „Die Wahrheit wird euch freimachen“? Da bin ich mir nicht so sicher.
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