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Fabian Vogt (Hrsg.)

Elf Autoren – ein Krimi

Martin Buchholz *** Albrecht Gralle *** Stefan Jürgens Lena Klassen *** Eckart zur Nieden *** Gerrit Pithan Conny Ruß *** Manfred Siebald *** Fabian Vogt Bodo Mario Woltiri *** Christoph Zehendner


Fabian Vogt (Hrsg.)

Am Anfang war der Mord Elf Autoren – ein Krimi Martin Buchholz *** Albrecht Gralle *** Stefan Jürgens Lena Klassen *** Eckart zur Nieden *** Gerrit Pithan Conny Ruß *** Manfred Siebald *** Fabian Vogt Bodo Mario Woltiri *** Christoph Zehendner 144 Seiten , gebunden, 14 x 21 cm Erscheinungsdatum: 3.8.2012 ISBN: 978-3-7655-1244-5 Bestell-Nr.: 191244 EUR 9,99 (D) / SFr 14,90 / 10,30 (A)

© 2012 Brunnen Verlag Gießen www.brunnen-verlag.de Lektorat: Eva-Maria Busch Umschlaggestaltung: Ralf Simon Umschlagmotiv: Getty Images Herstellung: DTP Brunnen Druck: GGP Media GmbH, Pößneck


Kapitel 1 Eckart zur Nieden

Klemenz Kistner steckte sich eine Zigarette an. Er hoffte, sie werde ihn etwas wärmen, aber die Wirkung auf seine Körpertemperatur war gleich null. Nur den Nerven nutzte sie. Wenn ich mal etwas erfolgreicher bin, beschloss er bei sich, wenn ich mal ein namhafter und darum begehrter und möglichst auch wohlhabender Detektiv bin, werde ich mir ein Auto mit einer Standheizung zulegen. Dann werden die stundenlangen Observierungen untreuer Ehemänner und Ehefrauen an kalten Novemberabenden nicht jedes Mal eine Erkältung zur Folge haben. Nun saß er schon seit vierzig Minuten hier in seinem alten Mitsubishi und fror und wartete darauf, dass dieser Franz Stefani das Dorfgasthaus wieder verließ. Klemenz nahm noch einmal seine Digitalkamera zur Hand und kontrollierte die Aufnahmen, die er gemacht hatte. Die Lichtverhältnisse waren schlecht, aber die Lampe über dem Eingang und das leuchtende Schild „Zum roten Hirsch“ hatten immerhin das schwache Licht des wolkenverhangenen Novemberabends verstärkt, sodass man Franz Stefanis Gesicht auf dem Foto erkennen konnte. Er sah gut aus, dieser Franz. Der Verdacht seiner Frau war wohl auch nicht ganz aus der Luft gegriffen, wie dieser Besuch in einer Dorfkneipe mit Gastzimmern fünfzehn Kilometer von zu Hause entfernt bewies. Oder zumindest stark vermuten ließ. 5


Endlich! Die Tür der Dorfkneipe öffnete sich und Stefani kam heraus. Der Observierte sah sich kurz um und ging zu seinem hellen BMW. Gut, dass Klemenz ihn nicht noch mal verfolgen musste. Das hatte auf der Herfahrt einige Mühe gemacht. Sein nächstes Auto sollte außer einer Standheizung auch einen stärkeren Motor haben. Aber jetzt musste er nicht hinterherrasen. Er wollte einfach warten, bis auch die Frau herauskam, und sie verfolgen. Aber es kam niemand. Detektiv Kistner stieg aus, schlug die Arme um sich und stampfte mit den Füßen, um den Blutkreislauf anzuregen und wieder wärmer zu werden. Als nach weiteren zehn Minuten immer noch niemand zu sehen war, musste er wohl damit rechnen, dass die Dame über Nacht blieb. Am besten würde er hineingehen und in Erfahrung bringen, wer hier ein Zimmer gebucht hatte. Zwei alte Frauen kamen langsam auf das Gasthaus zu und traten ein. Was wollten die wohl hier? Kegeln wahrscheinlich nicht, und sich vermutlich auch nicht bei einem Bier treffen. Immerhin erleichterten sie es Klemenz, in ihrem Gefolge das Haus zu betreten. Als er in den Flur kam, gingen die Frauen gerade links durch eine weitere Tür. Darüber stand in alter Frakturschrift: „Festsaal“. Auf der anderen Seite las er über einer zweiten Tür: „Gaststube“. Gegenüber führte eine Treppe nach oben. Da sonst niemand zu sehen war – nicht einmal ein Schlüsselbrett oder sonst etwas, das ihm hätte weiterhelfen können –, folgte er den Frauen. Der alte „Festsaal“ war nicht besonders groß. Stuhlreihen waren aufgestellt, vorn ein Rednerpult. Es musste schon Jahrzehnte her sein, dass hier zum letzten Mal etwas gestrichen oder tapeziert worden war. Vermutlich reichten die Einnahmen nicht mehr für so eine Investition. 6


Eine Bewegung lenkte die Aufmerksamkeit des Detektivs zum gegenüberliegenden Ende des Raums, wo eine Frau damit beschäftigt war, einen Blumenstrauß auf einem Tischchen neben dem Rednerpult zu arrangieren. Einen für die späte Jahreszeit ziemlich bunten Blumenstrauß. Als die Frau den eintretenden jungen Mann bemerkte, ließ sie die Blumen, wie sie waren, und kam ihm entgegen. „Guten Abend!“, begrüßte sie ihn schon aus acht Schritten Entfernung freundlich lächelnd. „Schön, dass Sie gekommen sind!“ „Äh … ich vermute, hier liegt ein Irrtum vor. Ich … wenn hier eine Veranstaltung geplant ist …“ „Ach so. Nun, aber Sie sind trotzdem herzlich eingeladen. Wir haben hier eine Vortragsreihe zum Thema ‚Fülle des Lebens‘. Es wird sicher interessant. Heute ist der erste Abend. Es beginnt allerdings erst um halb acht.“ „Vielen Dank, aber… äh … so viel Zeit habe ich nicht.“ „Vielleicht an einem der nächsten Abende?“, lächelte die Frau und legte den Kopf schief, als könnte sie dadurch die Wirkung ihrer Einladung verstärken. „Ich bin die Pfarrerin hier am Ort. Korowitz ist mein Name.“ „Angenehm, Kistner. Sie veranstalten das hier von der Kirche?“ Nicht, dass ihn das interessiert hätte, aber er wollte nicht unhöflich erscheinen. Irgendetwas musste er ja dazu sagen. Außerdem sah die Pfarrerin ganz passabel aus. „Nicht direkt. Veranstalter ist die Allianz.“ „Ach, es geht um eine Versicherung? Eine Art Werbeveranstaltung?“ „O nein!“ Die Pfarrerin lachte. „Entschuldigen Sie, ich hätte mich klarer ausdrücken sollen. Die evangelische Allianz ist der Veranstalter, ein Zusammenschluss verschiedener christlicher Kirchen und Gemeinden.“ „Verstehe!“, sagte Klemenz, obwohl er fast nichts verstand. 7


„Ich dachte nur … Fülle des Lebens – das hätte ja auch das Motto einer Lebensversicherung sein können.“ „Nun ja, richtig, aber damit ist etwas anderes gemeint. Erfülltes Leben, so wie es Jesus in Johannes 10, Vers 10 versprochen hat, ewiges Leben. Aber ich will nichts vorwegnehmen. Dr. Ullrich kann das viel besser erklären, als wenn ich Ihnen hier in ein paar Stichworten …“ Sie deutete auf ein Plakat, das an der Wand hing. Klemenz meinte sich zu erinnern, dass er an einer Kreuzung in einem beleuchteten Schaufenster so ein Plakat gesehen hatte, ohne ihm nähere Beachtung zu schenken. Er trat näher heran und las: „Fülle des Lebens. Dr. Gerhard Ullrich spricht zu grundlegenden Fragen.“ Darunter die Angabe von Ort und Zeit und ein Foto, das einen klug und energisch dreinschauenden Mann von gut fünfzig Jahren zeigte. „Wenn Sie mich bitte entschuldigen wollen …“, meinte Frau Korowitz bedauernd, „ich habe noch einiges mit Dr. Ullrich zu besprechen.“ Sie verließ den Saal. Was sollte Klemenz jetzt tun? Er war ja nicht an einer Predigt interessiert, sondern an einer Ehebrecherin, um im Sprachgebrauch der Leute zu reden, die sich hier versammelten … Nachdenklich schlenderte er in Richtung Tür. Die beiden alten Frauen hatten sich in die vorletzte Reihe gesetzt, als seien die hinteren Plätze wie im Kino die besten. Als Klemenz an ihnen vorbeikam, sprach die jüngere von beiden ihn an. „Wollen Sie denn wieder gehen?“ Ihr Lächeln war etwas weniger herzlich als das der Pfarrerin, eher verwundert. „Ich? Ja, also … ich … äh …“ „Ach so“, sagte die Frau und senkte die Stimme. „Die Toilette ist hinter der Gaststube.“ „Danke“, antwortete Klemenz. 8


Als er den Saal verlassen hatte und im Flur stand, fand er, dass der Hinweis auf die Toilette eigentlich hilfreich war. Schließlich war er schon seit Stunden mit der Observation von Franz Stefani beschäftigt, und so eine Tätigkeit ließ wenig Spielraum. Er ging also durch die Schankstube, wo drei Männer – der Kleidung nach wohl Bauern, die gerade aus den Ställen gekommen waren – beim Bier saßen. Eine Bedienung, die er nach den Übernachtungsgästen des Hauses hätte fragen können, war nicht zu sehen. Er nahm sich vor, nach ihr zu rufen, wenn er von der Toilette zurück sein würde. Dazu kam es aber nicht. Als Klemenz gerade wieder den Gastraum betrat, ertönte ein markerschütternder Schrei. Er fuhr erschrocken zusammen. Die drei Bauern sprangen von ihren Stühlen auf, und sogar die Bedienung – eine Frau von vielleicht vierzig Jahren mit beachtlichem Körperumfang – kam aus dem Raum hinter der Theke gerannt. „Was war das?“ „Jemand hat geschrien!“, stellte einer der Bauern fest. Aber das hatten die anderen auch mitbekommen. Klemenz Kistner trat aus der Schankstube in den Flur. Da er von oben ein Stöhnen hörte, rannte er die Treppe hinauf, gefolgt von den drei Bauern und der Wirtin. Im oberen Flur stand die Pfarrerin, leichenblass. Sie lehnte an einer der bräunlich tapezierten Wände und sah aus, als habe sie eben einen Blick in den Abgrund der Hölle geworfen. Sie schien kaum Kraft zu haben, die Hand zu heben, um damit zu der offenen Tür gegenüber zu deuten. Der junge Detektiv näherte sich vorsichtig und warf einen Blick in das Zimmer. Da lag ein Mann auf dem Boden. Eines seiner Beine, vor allem aber sein Kopf war merkwürdig verdreht. Eine kleine Blutlache färbte den abgenutzten Teppich auf einer 9


Fläche, die etwa der Größe eines Briefbogens entsprach. Ein umgekippter Stuhl lag daneben. Die drei Bauern drängten hinter Klemenz herein, die Wirtin blieb an der Tür stehen. „Vorsicht!“, rief der Detektiv. „Wir dürfen keine Spuren verwischen! Das muss alles untersucht werden. Glauben Sie mir, ich bin vom Fach!“ „Aber vielleicht ist er ja noch gar nicht tot!“, meinte der jüngste der drei Landwirte. „Wir müssen den Krankenwagen rufen! Lisbeth …“ – das war anscheinend die Wirtin – „… ruf den Notarzt!“ Inzwischen hatte sich Klemenz vorsichtig dem Liegenden genähert. Er hielt den Finger an seinen Hals. Kein Puls war zu spüren. Außerdem ließen die weit aufgerissenen glasigen Augen keinen anderen Schluss zu – der Mann war höchstwahrscheinlich tot. „Rufen Sie die Polizei! Die muss das alles hier untersuchen.“ Er sah sich sorgfältig um. Der zweite Bauer meldete sich in langsamer, fast träge wirkender Sprache zu Wort: „Das war mit Sicherheit … Also, ich glaube, das war ein Unfall.“ Er deutete auf den umgefallenen Stuhl und das Ding, das der Tote noch in der Hand hielt. „Er wollte die Glühbirne auswechseln, und da ist er mit dem Stuhl umgekippt.“ Das hatte Klemenz zunächst auch gedacht und die blutige Ecke der Kommode damit in Verbindung gebracht. Aber inzwischen kamen ihm Zweifel. In dem Kronleuchter unter der Decke gab es vier Lampenfassungen. Nur eine war leer. Klemenz ging in die Hocke und betrachtete das Ding, das der Tote in der Hand hielt. Es war die Fassung einer Glühbirne. Das Glas war zerbrochen – beim Sturz? –, aber der Glühfaden schien intakt zu sein. Wenn die Birne ganz war, wird sie gebrannt haben. War10


um sollte der Mann sie herausschrauben? Und selbst wenn sie kaputt war … Warum sollte er sie herausnehmen, wenn er doch keine andere zum Auswechseln hatte? Außerdem kam es ihm merkwürdig vor, dass der Mann – zwar nicht mehr in der Blüte seiner Jahre, aber durchaus noch in einem Alter, in dem man seine Körperfunktionen beherrscht – von einem Stuhl gefallen war. Gut, es gab manchmal die seltsamsten Unfälle. Aber müsste dann der Stuhl nicht anders liegen? Wie auch immer der gefallen oder gestoßen worden war – er konnte nicht mit der Rückenlehne auf dem Boden liegen, und zwar so, dass die Lehne von ihm weg zeigte. Klemenz’ detektivischer Spürsinn war erwacht. Das hier war endlich mal etwas, an dem er seine Fähigkeiten beweisen konnte! Nicht nur die langweilige Überwachung heimlicher Liebhaber und dergleichen. Ein Mord! Und zwar einer, der so raffiniert arrangiert war, dass es nach Unfall aussah. Mochten sich alle täuschen lassen – er nicht! Er nahm seine Kamera und machte schnell, aber sorgfältig ein paar Fotos vom Tatort. Dann drehte er sich um und ging in Richtung Tür. Dabei breitete er die Arme aus und drängte die drei Bauern hinaus. So ähnlich pflegten die wahrscheinlich ihre Hühner in den Stall zu scheuchen. „Wer ist das?“, fragte er und blickte dabei zwischen der Pfarrerin, die langsam wieder etwas Farbe ins Gesicht bekam, und der Wirtin hin und her. „Er heißt Ullrich“, antwortete die Letztere. „Dr. Gerhard Ullrich“, ergänzte die andere. „Er sollte heute Abend sprechen! Unten im Saal. Was machen wir denn jetzt?“ Der älteste der Bauern sagte: „Du bist ja immer noch da, Lisbeth! Du musst die Polizei rufen!“ „Ja, natürlich!“, murmelte die und rannte los. Auf der Treppe ächzte sie mit den alten Holzstufen um die Wette. 11


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