Fritz Stiegler
Valentina Roman 368 Seiten, gebunden, 14 x 21 cm Erscheinungsdatum: 8.6.2012 ISBN: 978-3-7655-1237-7 Bestell-Nr. 191237 EUR 16,99 (D) / SFr *17,50 / 17,50 (A)
Der besseren Lesbarkeit halber wurde darauf verzichtet, die Reden der Bauern in fränkischer Mundart wiederzugeben. Als Signal für ihre besondere Sprache sind einzelne Wörter, vor allem die Verben, charakteristisch verkürzt.
© 2012 Brunnen Verlag Gießen www.brunnen-verlag.de Lektorat: Marion Voigt und Eva-Maria Busch Umschlaggestaltung: Sabine Schweda Satz: Die Feder GmbH, Wetzlar Herstellung: GGP Media GmbH, Pößneck
Den Opfern des „Arbeitserziehungslagers“ Langenzenn und denjenigen, die nicht weggesehen haben.
„Lasst sie tanzen!“ 1. September 1944
D
as Licht der aufgehenden Sonne verdrängte die Dämmerung. Der wolkenlose Himmel verkündete einen schönen Tag, obwohl böiger Wind die Kiefern auf der steilen Anhöhe gegenüber hin und her wogen ließ. Er strömte herunter ins Tal, verteilte den Rauch des mächtigen Feuers über das gesamte Gelände des Arbeitserziehungslagers Langenzenn, fuhr hinein in die Baracken, die Wachhäuschen, die Unterkünfte für die Wärter. Beißender Qualm kroch in jeden Winkel, jede Ritze. Mit jeder Ladung Stroh, die die Häftlinge aus den Unterkünften schafften und ins Feuer kippten, schoss eine weitere zischende Rauchsäule in die Höhe. Glühende Halme und Asche verteilten sich in der Luft. Wie ein Schleier lag der durchdringende Geruch menschlicher Exkremente über dem Lager. Die Sorge, Fleckfieber könnte sich erneut ausbreiten, hatte die Lagerleitung veranlasst, die Einstreu in den Männerbaracken verbrennen zu lassen. Aufgeregte Aufseher überwachten das Geschehen, während sich das heimische Wachpersonal in die Mannschaftsunterkunft zurückgezogen hatte. Die Angst, sich selbst anzustecken, beunruhigte die Posten. Ausnahmsweise durften die Häftlinge in ihren Behausungen bleiben. Auch in der Frauenbaracke warteten die Sträflinge hustend und mit tränenden Augen auf den Pfiff zum Appell. Reglos erduldeten sie den Rauch. Die Gefangenen verharrten in der Stille, gespannt auf das, was sie erwartete. Nur die beiden Schwalben, seit einer Woche mit der Reparatur ihres Nestes über der Eingangstüre beschäftigt, interes10
sierten sich nicht für den Rauch. Unentwegt sammelten sie auf den umliegenden Äckern Reste von Stroh und Heu, tauchten sie in eine der Pfützen neben dem hohen Stacheldrahtzaun und klebten die braune Masse Stück für Stück an den hervorstehenden Balken des Barackendachs. Baustein für Baustein wuchs das Nest zu einem wabenförmigen Kunstwerk heran. Es war bereits der zweite Versuch. Nastasia, die kräftige ukrainische Aufseherin mit der tiefen Stimme, dem sonnengegerbten Gesicht und den lockigen schwarzen Haaren, hatte das unfertige Geflecht schon einmal mit dem Gummiknüppel abgeschlagen, als sie merkte, dass sich die Frauen an dem Treiben der emsigen Tiere erfreuten. Nach zwei gezielten Schlägen lag es zerbrochen am Boden, nur ein wenig zerfranstes Gewebe blieb am morschen Holz kleben. Die Schwalben aber begannen ihr Werk von Neuem. Einige Häftlinge beobachteten die Vögel schon seit Längerem. Spätabends, wenn sie erschöpft von der Arbeit zurückkamen, freuten sie sich über das Schwalbenpärchen, über ihren unermüdlichen Eifer. Sie berieten untereinander, ob das Nest je fertig sein würde, und sie sorgten sich, ob die Tiere genug Material fänden oder ob die Pfützen wohl in der Sonne vertrockneten. Der Rauch hatte sich verzogen. Lagerkommandant Bär, ein breitschultriger, stämmiger Untersturmführer, öffnete die Tür seiner Stube. Gähnend machte er mit seinen blank geputzten Stiefeln einen Schritt hinaus auf die schmale Veranda, kratzte sich am Kinn und strich mit der anderen Hand über die streng zur Seite gekämmten schwarzen Haare. Tiefe Furchen durchzogen seine Stirn. Bär schien unzufrieden und missmutig. Unentschlossen verweilte er an der Schwelle und ließ seinen Blick schweifen. 11
Alles war ruhig. Zwei Posten mit angeleinten Hunden liefen den hohen Zaun entlang, der den Innenbereich, die Häftlingsbaracken, Appellplätze, Latrinen und Sanitärräume von dem Außenlager, dem Mannschaftsheim, der Verwaltung und den neu errichteten Werkstätten trennte. Der Kommandant sah durch die offene Tür auf die Wanduhr über seinem mahagonifarbenen Schreibtisch. Sechs Uhr in der Früh. Einige Male atmete er tief durch, dann stopfte er das gerippte Unterhemd in die Hose und fummelte den am Boden schleifenden Hosenträger an den Knopf. Hemd und Uniformjacke hingen zerknittert über der Stuhllehne. Auf dem Tisch stand eine offene Cognacflasche, eine leere lag am Boden. Bär wankte ein wenig, als er zurück in den kleinen Raum ging. Er stützte sich auf der Stuhllehne ab und gähnte erneut. Die riesige schwarze Dogge neben dem Kanonenofen stand auf und schmiegte sich mit eingezogenem Stummelschwanz zwischen Bärs Beine. „Brav, Fritz“, lobte sie der Kommandant. „Brauchst dich nicht fürchten, ist kein Jud im Raum.“ Bär streichelte den Hund am Hals, dann schnappte er sich die fast ausgetrunkene Flasche und schüttete den Rest auf einen Zug in sich hinein. Prustend warf er sie in die Ecke, wo sie mit einem lauten Knall zerbarst und die Scherben in alle Richtungen sprangen. Ängstlich legte der Hund die Ohren an und winselte. Der Kommandant ging einen Schritt zur Seite, zog mit dem linken Fuß auf und versetzte dem Tier einen kräftigen Tritt in die Flanke. Jaulend verkroch sich die Dogge unter den Schreibtisch, die Augen auf Bär fixiert, der zornig brüllte: „Feiger Köter, sollst keine Angst haben. Ein deutscher Hund hat keine Angst, verstanden!“ Bär sah dem Tier eine Weile drohend in die Augen, dann setzte er sich auf den Stuhl, ver12
schränkte die Arme auf dem Tisch und legte die Stirn in die Hände. Es klopfte. Der stellvertretende Lagerkommandant stand an der kurzen Bohlentreppe und schlug die Hacken zusammen. Den hageren Körper durchgestreckt, riss er den Arm hoch. Seine Kappe hatte er tief in die Stirn gezogen. Das rötliche Gesicht war eingerahmt von borstigen Koteletten. Seine Uniformjacke hing, zugeknöpft bis zum Hals, wie ein nasser Sack an der schmalen Brust. „Heil Hitler“, grüßte Kriminalsekretär Mägerlein mit belegter Stimme. Bär ging einige Schritte auf ihn zu und holte tief Luft: „Heil Hitler! Was ist los, warum dauert das so lange?“ Achselzuckend schwieg der Stellvertreter, die Augen auf die zerbrochene Flasche gerichtet. „Ist bereits sechs nach, was ist los, Mann, warum rührt sich nichts?“ „Das Fleckfieber, Untersturmführer. Die Leute haben das Stroh verbrannt.“ „Ach so“, murmelte Bär erstaunt. „Das heißt aber noch lange nicht, dass das faule Pack liegen bleiben darf. Antreten, lasst sie tanzen! Was ist? Na los!“ Mägerlein überlegte: „Muss das sein? In den Innenbereich? Die Drecksarbeit erledigen doch sonst die Kapos?“ „Kriminalsekretär“, sagte Bär, „auch die Kapos brauchen hin und wieder einen Tritt in den Arsch.“ Mägerlein zupfte an der Kotelette. „Aber die Fabrik …“ „Fabrik, Fabrik, wenn ich das schon hör!“, brauste Bär auf. „Sieh dir dieses Pack an. Ostarbeiter, Untermenschen. Das sind Ratten. Die sind keinen Pfifferling wert. Mensch, Kriminalsekretär. Wir sind ein Arbeitserziehungslager, ein A – E – L.“ Jeden einzelnen Buchstaben wiederholte der Kommandant laut 13
und deutlich. „Das Vaterland gebietet uns, diese Schmarotzer zu erziehen … als Hilfsarbeiter für das Tausendjährige Reich … ihnen Zucht und Ordnung beizubringen. Es ist uns eine Ehre, unsere Pflicht.“ Mägerlein hörte ihm eine Weile geduldig zu, dann wagte er zu widersprechen: „Erziehen? Die sollen was Sinnvolles tun. Die Fabrikbesitzer klagen, dass die Leut nichts leisten und nur gescheit arbeiten, wenn die Aufseher mit der Peitsche danebenstehen und auf sie einschlagen.“ „Mägerlein“, der Kommandant klopfte dem Stellvertreter kameradschaftlich auf die Schulter. „Gerade deswegen müssen wir sie erziehen. Weißt, die vom Osten sind grundsätzlich faul. Die brauchen das, die wollen ‚tanzen‘, und dann geht die Arbeit wie von selbst, wie geschmiert geht sie dann.“ Der Stellvertreter verzog keine Miene und setzte seinen Fuß auf die oberste Stufe. „Wie lange sollen sie tanzen?“, fragte er, ohne sich umzudrehen. Bär grinste. „Bis sie’s können, Mägerlein, bis sie’s können.“ Dann schloss er die Tür. Schweigend stieg der Kriminalsekretär die Treppe hinab und kramte die schwarze Trillerpfeife aus der Hosentasche. Kommandant Bär legte gemächlich den Uniformrock an und korrigierte seine Haltung. Entspannt blickte er in den Blechspiegel, der über der weißen Waschschüssel hing. Er lächelte und schien zufrieden mit sich und dem, was um ihn herum passierte. Im Innenbereich scharte Mägerlein die Hundeführer und Kapos um sich. Seine Ansprache war kurz. „Heil Hitler!“, befahl er. „Lasst sie tanzen vor der Mahlzeit, damit sie Appetit kriegen. Danach an die Arbeit.“ Routiniert folgten die Aufseher der Anweisung. Sie schwärmten in die dreigeteilten Lagerblöcke und wunderten 14
sich, dass sich ihnen der stellvertretende Lagerkommandant und die deutschen Hundeführer anschlossen. Den fünfzig weiblichen Gefangenen, die in der westlichen Baracke eingepfercht waren, wurden die Hundeführer Wagner und Weber als Aufsicht zugeteilt, unterstützt von Nastasia und zwei weiteren Ostarbeiterinnen, die der Kommandant getreu seinem Leitspruch als Kapos ausgewählt hatte: „Es ist viel leichter, schlechte Menschen zu finden, als gute. In meinem Betrieb brauche ich die schlechtesten und härtesten für diese Aufgabe.“ Als die ersten Sonnenstrahlen über das flache Dach der Männerbaracke blitzten, blendeten sie die aufgereihten Häftlinge. Reglos standen die Frauen vor ihren Peinigern und warteten auf ein Zeichen. Es war nie vorhersehbar, was folgte. Es gab keine Regeln. Lagerkommandant Bär erschien unerwartet am Tor und ging mit der Dogge an der Leine über den Platz zu den Hundeführern, gefolgt von Mägerlein, der sich unweit von Bär postierte. Mit einem schwarzen zugeknöpften Ledermantel, der weit über die Knie reichte und die Uniform verdeckte, platzierte sich Bär reglos mit am Rücken verschränkten Händen vor den erstarrten Gefangenen, die mit zerrissener, notdürftig geflickter Kleidung vor ihm standen, die Augen auf den Boden gerichtet. Der Kommandant ging zwei Schritte vor, schlug die Hacken zusammen und streckte den rechten Arm von sich. „Heil Hitler.“ Unverzüglich erwiderte die Wachmannschaft den Gruß, ebenso die Sträflinge. Mit dem Oberkörper leicht nach vorn gebeugt, begann der Kommandant, die Reihe zu inspizieren. Schritt für Schritt ging er von Frau zu Frau, hielt an, ging weiter und blickte einer nach der anderen ins Gesicht. Keine wagte aufzusehen. 15
Vor einer zierlichen Ukrainerin blieb er stehen. Sie trug eine geflickte graue Strickjacke, zugeknöpft bis zum Hals, über einem schmutzigen Rock. Die bis zu den Knien reichenden braunen Wollstrümpfe steckten in tadellosen Halbschuhen. Sie wirkte trotz ihrer kurz geschnittenen, dunklen Haare nicht so verwahrlost wie die anderen. Die junge Frau rührte sich keinen Zentimeter, als der Kommandant vor ihr verweilte. Verkrampft blickte sie auf den Boden. Nur sein rasselnder Atem war zu hören, wenn ihm die Luft aus den Nasenflügeln strömte. Plötzlich sah sie auf. Neugierig wie ein kleines Kind blickte sie ihm in die Augen und ließ nicht mehr los. Bär räusperte sich. Die Frau sah zur Seite, doch er kam immer näher. Sie spürte seinen Atem auf ihrer Haut. Der Dunst aus Schnaps und verbrauchter Luft schwappte ihr entgegen. Steif stand sie vor ihm und rührte sich nicht. Bär trat zwei Schritte zurück, nahm seine Hand aus der Hosentasche, richtete die Schirmmütze und sagte mit dröhnender Stimme: „Arbeiterinnen! Freut euch. Ihr habt die Ehre, unserem deutschen Vaterland zu dienen. Erst durch Müh und Arbeit für das Reich bekommt euer Leben einen Sinn, seid dankbar dafür.“ Eine kleine Geste reichte. Nastasia und die beiden anderen Aufseherinnen zogen ihre Knüppel aus den Schlaufen und trieben die Frauen zu einem Kreis. Nastasia gab das Kommando: „Laufen! Halt! Liegestütze, damit ihr wach werdet! Und nun Kniebeugen und wieder laufen! Schneller! Noch schneller! Halt! Und zwanzig Liegestütze und spurten!“ Die ersten wankten. Peitschen knallten. „Los, schneller! Noch schneller! Halt! Und jetzt rückwärts und schneller!“ Einige Frauen begannen zu stolpern und rissen die anderen mit sich. 16