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Genelle Guzman-McMillan / Willliam Croyle
Engel gibt’s wirklich Ich war 27 Stunden verschüttet Eine wahre Geschichte 192 Seiten, gebunden, mit zahlreichen Fotos, 14 x 21 cm Erscheinungsdatum: 8.6.2012 ISBN: 978-3-7655-1221-6, Best-Nr.: 191221 EUR 14.,99 (D) / SFr *13,50 / 15,50 (A) Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel „Angel in the Rubble – The miraculous rescue of 9/11’s last survivor“ bei Howard Books, a Division of Simon & Schuster, Inc, 1230 Avenue of the Americas, New York, NY 10020 Copyright © 2011 by Genelle Guzman-McMillan Alle Rechte vorbehalten. Veröffentlicht durch Vereinbarung mit dem Originalverlag, Howard Books, a Division of Simon & Schuster, Inc. Deutsch von Dr. Friedemann Lux
© der deutschen Ausgabe: Brunnen Verlag Gießen 2012 www.brunnen-verlag.de Umschlagfoto: Getty Images Umschlaggestaltung: Ralf Simon Satz: DTP Brunnen Druck: GGP, Pößneck
Genelle Guzman-McMillan / William Croyle
Engel gibt’s wirklich Ich war 27 Stunden verschüttet Eine wahre Geschichte
Verlag Giessen . Basel
Für Roger, meinen Mann, unsere vier wunderbaren Kinder und alle meine Verwandten und Freunde. Dieses Buch wäre nicht möglich gewesen ohne eure stetige Liebe und Unterstützung.
Für die Familien der Opfer des 11. Septembers 2001. Eure Lieben werden nie vergessen sein. Mögt ihr immer Gottes liebende Arme mit Frieden und Trost spüren. Für euch Helden, die ihr damals selbstlos, bedingungslos und mit ganzer Hingabe eure Zeit, Fähigkeiten und Mittel geopfert habt, für eure Mitmenschen, die euch brauchten. Wir stehen für immer in eurer Schuld.
Inhalt Prolog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 11. September 2001 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Bleiben oder gehen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 Terror! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 „Wir müssen hier raus“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 Auf dem Weg nach unten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 Lebendig begraben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Mein Kind . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 Späte Klarheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 Hölle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 Wunder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Reue . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 Kein Traum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 Die Retter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 Paul . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 Wieder im Licht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 Rückhalt in der Not . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Heilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 Ein neues Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 Suche nach Paul . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 Dankbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 Geschichten vom 11. September . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 Warum ich? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 Anhang Was ich gelernt habe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Terroristen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Epilog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Danke! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Prolog Ich war die letzte Überlebende, die nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 unter den Trümmern des World Trade Centers gefunden wurde. Meine Bergung kam 27 Stunden, nachdem der Nordturm auf mich gestürzt war. Es wurden damals noch etliche andere gerettet. Aber wir leben in einer Welt, in der Zahlen und Platzierungen wichtig sind. Der Erste sein, der Hundertste, der Tausendste, der Millionste, der Letzte – es scheint bedeutsam zu sein für die Menschen. Für mich war die Bezeichnung „letzte Überlebende“ immer bittersüß. Jedes Mal, wenn ich das höre, muss ich daran denken, dass nach mir keine Überlebenden mehr geborgen wurden. Die mutigen Retter – Feuerwehrleute, Polizisten und ganz normale Bürger aus New York, aus den USA und aus der ganzen Welt – haben damals tagelang geschuftet, um so viele Überlebende zu finden, wie sie konnten. Immer wieder hofften sie darauf, noch einen zu finden. Und noch einen. Aber einer musste der Letzte sein. Nach so langer Zeit noch ausgegraben zu werden, war ein echtes Wunder, die Frucht der Mühen und Opfer zahlloser Fremder. Ich werde ewig dankbar sein für das zweite Leben, das sie mir schenkten. Ihnen und der Gnade Gottes verdanke ich es, dass ich der Welt heute meine Geschichte erzählen kann. Ich hoffe und bete, dass diese Geschichte denen Hoffnung bringt, die am meisten Hoffnung brauchen. Genelle Guzman-McMillan
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11. September 2001 Ich öffnete langsam die Augen, langte nach dem Wecker und drückte die Schlummertaste. Es war wenige Minuten vor sechs. Draußen, vor den Fenstern meiner Wohnung in East Brooklyn, war es noch stockdunkel, aber der Tagesanbruch war nicht mehr fern, vielleicht noch eine halbe Stunde. Mit einem Lächeln streckte ich meine Arme über den Kopf und schob die Bettdecke mit den Füßen beiseite. Ich fühlte mich putzmunter; so tief und gut hatte ich schon lange nicht mehr geschlafen. Es war ein frischer, klarer Morgen. Durch das Fliegengitter meines offenen Schlafzimmerfensters kam eine kühle Brise. Die Wettervorhersage versprach einen herrlichen, warmen Spätsommertag. In der Mittagspause würde ich mit einer Kollegin die endgültigen Pläne für unseren lang ersehnten gemeinsamen Florida-Urlaub in Miami im Oktober machen. Mein Freund Roger und ich waren wieder ein glückliches Paar. Vor zwei Wochen hatte ein hässlicher Streit unsere Beziehung fast ruiniert, aber am Wochenende hatten wir uns wieder versöhnt. Wir waren richtig aufgeregt, denn diese Versöhnung hatte unsere sechs Monate alte Liebesbeziehung nicht nur gerettet, sondern ihr eine neue Leidenschaft gegeben. Wir waren gewisser denn je, dass wir zusammengehörten. Am Morgen des 11. Septembers 2001 hätte ich die Welt umarmen können. Das Leben war schön! Echt. Zuerst gönnte ich mir eine kurze, aber warme und entspannende Dusche, dann putzte ich rasch die Zähne und durchsuchte meinen Kleiderschrank nach einem Outfit, das zu meiner aufgekratzten Stimmung passte. Ich zog eine zartlila Bluse, meinen schwarzen Lieblingsrock und Stöckelschuhe an. Seit meiner Kindheit auf der Insel Trinidad in der Karibik zog ich mich gerne schön an. Egal, ob ich zur Kirche ging oder mit meinen Freunden draußen spielte – es war mir immer wichtig, dass ich gut aussah. 11
Ich legte letzte Hand an Make-up und Frisur an, dann holte ich tief Luft und blieb ein paar Minuten vor dem Spiegel stehen. Sah ich so aus, wie ich mich fühlte – schön, zuversichtlich, voller Energie? Ich lächelte. Jawohl, ich war bereit für den Tag. Ich legte meine Armbanduhr an, knipste das Badezimmerlicht aus und lief in die Küche, wo meine Schlüssel, die Handtasche und die Sonnenbrille auf dem Tisch lagen. Ich setzte die Brille fest auf und sauste zur Tür hinaus. Im hellen Morgensonnenschein ging ich die Fulton Street hinunter den kurzen Weg zur U-Bahn-Station, wo ich gerade noch rechtzeitig die 7-Uhr-Bahn nach Manhattan erwischte. Es war ein ziemlich typischer Dienstagmorgen, außer dass Roger, der normalerweise mit mir fuhr, bereits in der City war; er war um einiges vor mir gefahren, um früher mit irgendeiner Extraarbeit anzufangen, die in seinem Büro wartete. Ansonsten war die Zugfahrt so wie immer, mit den gleichen nichtssagenden Gesichtern um mich herum, die ich jeden Tag sah. Der Zug hielt an den üblichen Haltestellen – Chambers Street, dann Broadway-Nassau, wo ich gegen 7.50 Uhr ausstieg. Die Station lag etwa einen Block entfernt vom World Trade Center, einem Komplex aus sieben Gebäuden in Lower Manhattan. Ich arbeitete in der Hafenbehörde der US-Bundesstaaten New York und New Jersey, im 63. Stock des 110-stöckigen Nordturms, der auch unter dem Namen Tower One (Turm 1) bekannt war. Er war einer jener Riesenwolkenkratzer, bei denen einem schwindlig wird, wenn man davorsteht und gerade nach oben schaut. Ich musste zwei der mehrere Dutzend Aufzüge nehmen, um meine Etage zu erreichen. Dann trat ich aus dem Lift in den Flur des 63. Stocks, ging durch eine der vier Glastüren und steuerte auf meinen Schreibtisch zu. Dort ließ ich meine Handtasche auf meinen Stuhl fallen und schaute auf meine Armbanduhr. 8.05 Uhr. Mist! Fünf Minuten zu spät, und ich hatte mich noch gar nicht zum Dienst eingecheckt. So schnell meine nicht zum Laufen gedachten Pfennigabsätze 12
mich trugen, sauste ich, Kollegen ausweichend, ans andere Ende der Etage zum Einchecken. Die Hafenbehörde ist seit ungefähr 1921 für einen Gutteil der Verkehrsinfrastruktur zuständig, wie Brücken, Verladehäfen, Busbahnhöfe und Flughäfen. Ihre Aufgabe besteht kurz gesagt darin, „die Region zu bewegen“. Schätzungsweise 70 oder 80 der über 1000 Angestellten der Behörde, die im World Trade Center tätig waren, arbeiteten auf meinem Stockwerk, darunter Topmanager, Architekten und Techniker. Ich war administrative Assistentin und hatte meine Stelle zu Beginn des Jahres als Mitarbeiterin einer Zeitarbeitsfirma bekommen. Dies mag nicht nach einem aufregenden Job klingen, aber ich war sehr stolz auf meine Arbeit, ob es nun darum ging, wichtige Dokumente zu schreiben, Konferenzen von Topleuten vorzubereiten, Telefonate entgegenzunehmen, Botengänge zu machen oder gleichzeitig für zwei Chefs zu arbeiten. Mein Schreibtisch stand in einer der vielen Einzelkabinen in der Mitte der weitläufigen Etage, die durch triste, graue Trennwände voneinander abgeteilt waren. Bis auf die kleine persönliche Note, die ich ihm mit ein paar Familienfotos (darunter ein Bild von meiner Tochter Kimberly) und ein, zwei kleinen Topfpflanzen zu geben versuchte, war mein Arbeitstisch nichts Besonderes, aber er erfüllte seinen Zweck. Die eleganten, richtig abgeteilten Büros an den Rändern des Stockwerks mit ihren Panoramafenstern, die einen fantastischen Blick auf die Stadt boten, waren den leitenden Angestellten vorbehalten. Nach dem Einchecken pilgerte ich zurück zu meinem Schreibtisch und startete meinen Computer. Da das Hochfahren einige Minuten dauerte, nutzte ich die Zeit, um zurück in den Lift zu steigen und hinunter zur Cafeteria im 43. Stock zu fahren. Obwohl ich so fit war, dass ich den Großteil des Tages hätte durcharbeiten können, knurrte mein Magen ungeduldig und verlangte nach seinem üblichen Frischkäse-Bagel und heißer Schokolade. Ich sagte ein paar 13
Kolleginnen, die an den Tischen saßen und frühstückten, lächelnd Hallo; für einen Plausch reichte meine Zeit nicht. Dann kehrte ich an meinen Schreibtisch zurück und hatte gerade einen kleinen Bissen von meinem Bagel und einen winzigen Schluck von der Schokolade – mein tägliches Frühstück – zu mir genommen, als das übliche Büro-Hamsterrad sich zu drehen begann und in null Komma nichts sein volles Tempo erreichte. Mehrere Telefone klingelten gleichzeitig. Jemand warf einen Stapel Briefe, dicker als mein Bagel, zum Sortieren auf meinen Schreibtisch. Vom vorigen Abend hatte ich noch für den einen meiner Chefs einen Brief aufzusetzen. Es war ein System, das wie geschmiert lief, und ich hatte selten Zeit zum Däumchendrehen. Ich mochte dieses ständige Beschäftigtsein – und die Menschen, mit denen ich arbeitete. Kurz nach halb neun kam Susan Miszkowicz vorbei. Susan arbeitete als Bauingenieurin zwei Schreibtische weiter und war für mich eine liebe Freundin geworden. Sie war Ende dreißig, ledig und wohnte bei ihrer Mutter in Brooklyn. Meistens war sie eine eher ruhige Frau, mit atemberaubend blauen Augen und einem tollen Kurzhaarschnitt, den ich immer wieder bewunderte. Sie war in ihrem Beruf sehr engagiert. Bis vor einiger Zeit war sie Mitglied der „Society of Women Engineers“ (Bauingenieurinnen-Vereinigung; d. Übers.) gewesen, für die sie zeitweise die Sektion New York geleitet hatte. Susan war eine sehr nette, intelligente und schöne Frau. Halb an meinen Schreibtisch gelehnt, halb auf ihm sitzend und mit beiden Händen (als könnte er ihr sonst entwischen) einen großen, dampfenden Kaffeebecher haltend, fragte sie mich, wie es mir ging. Eigentlich war sie gekommen, um etwas Dampf über ihren Frust mit ihrem Chef abzulassen. Nichts Dramatisches, nur der übliche Alltagsstress, den wir manchmal mit den Menschen haben, für die wir arbeiten. Sie wusste, dass ich zu tun hatte, aber so wie sie immer ein Ohr für mich hatte, wenn ich sie brauchte, hörte ich ihr jetzt 14
auch zu. Nach acht Monaten bei der Hafenbehörde war ich sowieso eine kleine Expertin im Multitasking. Ein kleiner Plausch, diverse Telefonate, ein Brief, der geschrieben werden musste, Post sortieren, einen Bagel essen und das alles gleichzeitig – kein Problem. Susan machte also Kaffee trinkend ihrem Herzen Luft. Je mehr Frust sie ablud, um so heller wurde ihre Miene. Wir unterhielten uns vielleicht zehn Minuten und Susan wollte gerade zurück an ihren Schreibtisch, als sie mitten im Satz anhielt, während meine Finger, die wie von alleine den Brief für meinen Chef tippten, in der Luft erstarrten. Mein Telefon klingelte wieder. Ich überließ den Anruf dem Anrufbeantworter, meine Ohren auf ein anderes Geräusch gespitzt, das plötzlich von irgendwoher kam. „Hast du das gehört?“, fragte Susan. „Ja.“ Es war ein kurzes, aber starkes Geräusch gewesen. Es klang wie – ja, wie klang es? Irgendwie bekannt und doch … Ich hatte außer im Kino und Fernsehen noch nie einen Schuss gehört, aber nein, ein Schuss war es nicht. Eher wie zerbrechendes Glas. Ja, genau – etwas wie ein Schlag, der etwas zerschmetterte. Aber die ganze Fassade unseres Hochhauses bestand aus Fenstern. Der Knall konnte von oben oder von unten gekommen sein. Vielleicht war es auch gar nicht unser Gebäude, sondern eine Explosion in einem der anderen Gebäude des Komplexes. Der Südturm, der Zwilling unseres Nordturms, stand gleich nebenan. Susans Gesicht war genauso ein Fragezeichen, wie meines es sein musste. „Was war …?“ Es waren die einzigen beiden Worte, die Susan hervorbrachte, bevor sie wieder verstummte. Diesmal hörten wir etwas wie ein verhaltenes, dumpfes Brummen, ein grollendes Zittern, das durch den Fußboden, die Decke und die Wände ging, ein pulsierender Bass, der vom einen Ende des Raumes zum anderen ging. Bumbumbumbumbumbumbumbumbum … 15
Ich packte instinktiv mit beiden Händen meine Schreibtischplatte, Daumen oben, Finger unten, während ich die Füße auf den vibrierenden Fußboden stützte. Susan stellte ihren Kaffeebecher auf meinen Schreibtisch und hielt sich an der Trennwand zum Nachbarbüro fest. Ich hörte, wie mehrere Kollegen kurz schrien oder aufkeuchten; vielleicht waren es noch mehr, die aber in dem dumpfen Geräusch untergingen. Möbel und Menschen wurden durchgeschüttelt, dass es uns eine halbe Handbreit in die Luft hob. Es war, als ob eine gigantische Welle einmal quer durch das Gebäude rollte. Doch das war erst der Anfang. In dem Augenblick, als das Zittern aufhörte, begann der ganze Büroturm, von oben nach unten zu schwanken. „Oh Gott!“ Susans Stimme zitterte vor Angst. Sie hielt weiter die Trennwand mit den Armen umklammert. 110 Stockwerke aus solidem Stahl und Beton, in denen Tausende von Menschen waren, schwankten sachte – hin und her, hin und her, wie eine Baumkrone in einem leichten Wind. Es war nicht stark genug, um uns durch die Gegend zu schleudern oder stürzen zu lassen, aber es reichte, um uns in Angst und Schrecken zu versetzen. Man hörte wieder Schreie. Das Ganze, von dem krachenden Geräusch über das grollende Vibrieren bis zu dem Schwanken, dauerte vielleicht 15 bis 20 Sekunden, aber es fühlte sich viel, viel länger an. Als das Schwanken aufhörte und der Turm wieder gerade stand, erhob ich mich vorsichtig. Eine Hand weiter um die Tischplatte gepresst, falls noch mehr Überraschungen kamen, schaute ich mich ängstlich um. Über mehrere der Zwischenwände erschienen perplexe Gesichter. Niemand schien verletzt zu sein, und so weit ich ausmachen konnte, standen alle Möbel an ihrem Platz. Doch das hielt einige der Kollegen nicht davon ab, instinktiv ihre Sachen zusammenzupacken und zu den Ausgängen zu gehen. Es war keine Panik, alle waren relativ ruhig. 16
Man sah halt 端berall verdutzte Gesichter und forschende Blicke; viele unterhielten sich halblaut dar端ber, was das gerade gewesen sein mochte. Mein so vielversprechender Morgen hatte einen gr端ndlichen D辰mpfer bekommen. Wolkenkratzer durften sich nicht bewegen.
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