Christa Parrish
Reise ans Licht Roman
Christa Parrish
Reise ans Licht Roman 336 Seiten, gebunden, 14 x 21 cm Erscheinungsdatum: 7.2.2012 ISBN: 978-3-7655-1182-0 Bestell-Nr. 191182 EUR: 17,99 (D) / SFr 26,90 / 18,50 (A)
Titel der englischen Originalausgabe: Watch over me Copyright © 2009 Christa Parrish Erschienen bei Bethany House, a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, USA. Alle Rechte vorbehalten. Ins Deutsche übersetzt von Evelyn Reuter
© 2012 Brunnen Verlag Gießen www.brunnen-verlag.de Lektorat: Eva-Maria Busch Umschlagfoto: Corbis Umschlaggestaltung: Sabine Schweda Satz: DTP Brunnen Herstellung: CPI – Ebner und Spiegel, Ulm
1 Mit hängenden Schultern lehnten die Jugendlichen an der Motorhaube des Streifenwagens, ängstlich die Nähe des anderen suchend. Ihre Körperhaltung war angespannt, die Hände in den Taschen zu Fäusten geballt, brauner Staub klebte an ihren abgewetzten Turnschuhen. Benjamin Patil wusste, warum. Unter dem Staub verbarg sich verkrustetes Blut. „Ihr habt also das Handtuch durch die Gegend gekickt?“ „Ich bin darübergefallen“, verteidigte sich der Junge. „Ich wusste nicht, was es war.“ „Kriegen wir jetzt Ärger?“, fragte das Mädchen. Kinder. Sie mochten fünfzehn, vielleicht sechzehn Jahre alt sein. Er selbst war bloß zehn Jahre älter. Was waren schon zehn Jahre. Wann war er so alt geworden? „Ihr habt das Gelände widerrechtlich betreten“, stellte Benjamin fest. Er nahm den Fotoapparat aus dem Auto und machte ein paar Aufnahmen von dem blutigen Handtuch und den Blutflecken im Gras. Er hörte das Zirpen des Auslösers, das Knistern der Halme unter seinen Schuhen und das Flattern und Zwitschern der Vögel in den Bäumen. „Wollt ihr mir verraten, was ihr hier zu suchen habt?“ Die beiden Teenager traten verlegen von einem Bein aufs andere. „Ganz wie ihr wollt.“ Er zog einen Gummihandschuh über, öffnete einen durchsichtigen Plastikbeutel und griff nach dem zusammengeknüllten Handtuch. Es klaffte auseinander und eine graue, blutige Masse rutschte heraus.
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„O Mann – ist das ein Gehirn?“ Entsetzen spiegelte sich im Gesicht des Jungen. „Nein“, antwortete Benjamin. „Und jetzt steigt bitte in den Wagen, alle beide.“ „Aber was …“ „Wird’s bald!“ Er manövrierte das Handtuch und die Plazenta in den Beutel und ließ ihn durchs geöffnete Wagenfenster auf den Beifahrersitz seines Dienstwagens fallen, eines neun Jahre alten Dodge Durango. Die Augen auf den Boden geheftet, folgte er der Blutspur, die immer dünner und spärlicher wurde und ihn zu einem schmalen, von der Hitze fast vollständig ausgetrockneten Bachlauf führte, der in einen sumpfigen Tümpel mündete. Etwas Gelbes leuchtete am Ufer aus dem Gras. Er hielt darauf zu, Kletten und Dornen zerrten an seiner Hose, als versuchten sie, ihn zurückzuhalten. Und dann stand er dort, am Rand des Tümpels, und starrte auf die gelb-weiße Plastiktüte mit dem Smiley-Gesicht, in deren Tragegriffen sich zwei winzige Füßchen verfangen hatten. „Mein Gott …“ Er fiel auf die Knie, krallte seine Hände in die Plastikhaut, die sich unter seinen Fingern spannte. Als die Tüte riss, gab sie für den Bruchteil einer Sekunde den Blick auf menschliches Fleisch frei, bevor ihm eine Wolke von Stechmücken die Sicht nahm. Mit hastigen Bewegungen verscheuchte er die Blutsauger. Ein Insekt landete auf seiner schweißbedeckten Stirn und stach zu. Er zerquetschte es mit dem Handrücken, griff dann mit derselben fließenden Bewegung in die Tüte und zog ein Neugeborenes hervor. Geblendet durch das plötzliche Licht verzog der Säugling das Gesicht und begann zu wimmern, mit den kleinen Fäusten um sich schlagend wie ein Preisboxer. Es war ein Mädchen. Ihre Knöchel waren bläulichgrau und von einem schmierigen Film überzogen. Das Ende der ausgefransten Nabelschnur war mit einem schmutzigen Schnürsenkel abgebunden. Benjamin legte das Baby auf seine Knie, öffnete hastig die beiden oberen Knöpfe seines Polizeihem-
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des und zog es sich mit einem Ruck über den Kopf. Er wickelte das Neugeborene darin ein und rannte, so rasch er konnte, zurück zum Auto. „Schnell! Setz dich hierher!“, herrschte er das Mädchen an. „Das ist ja ein … ein …“ „Mach schon! Auf den Beifahrersitz! Und schnall dich an.“ Das Mädchen gehorchte, und Benjamin reichte ihr das Baby. „Halt sie gut fest, hörst du?“ Das Mädchen nickte und schlang die Arme um das kleine Bündel. Benjamin schaltete die Sirene ein. Die Ärzte schätzten sie auf höchstens drei oder vier Stunden. Ein, zwei Stunden länger draußen in der Junihitze wäre ihr Tod gewesen. Benjamin sah sie in ihrem Inkubator liegen, die zarte Babyhaut übersät von zahlreichen fünfcentstückgroßen Quaddeln. Mücken und Stechfliegen, nicht zu vergessen die Ameisen. An ihrem Körper klebten Schläuche und Drähte, Kabel und Pflaster. Und sie war allein. Während die anderen Babys, die in den vergangenen achtundvierzig Stunden zur Welt gekommen waren – sieben an der Zahl, hatte man ihm gesagt –, friedlich bei ihren Müttern im Zimmer schliefen. Ihr kleiner Brustkorb hob und senkte sich im Takt mit dem Piepsen des Herzmonitors. Er steckte seine Hand durch die Öffnung in der Plexiglaswand und strich ihr mit zwei Fingern sanft über den Arm, einmal, zweimal, fühlte ihre Zerbrechlichkeit unter dem zarten Flaumhaar. Sie zuckte zusammen. Seine Hände waren kalt. Wie immer in letzter Zeit. So etwas passiert nicht bei uns in Beck County. Solche Frauen, die ihre Kinder aussetzten, gab es nur an Orten, die weit weg waren, von denen man nur in den Nachrichten hörte und wo man niemals hinfahren würde. In den Slums von New York. In den Reisfeldern Chinas. Aber nicht auf der Wiese hinter Hopstons Rinderfarm. Nicht solche und andere schreckliche Dinge, die ihm nachts den Schlaf raubten.
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Als er aus Afghanistan zurückgekehrt war, hatte er nicht gedacht, dass ihn seine Albträume auch hier in South Dakota einholen würden. Doch hier waren sie; sie schienen ihn zu verfolgen wie ein göttliches Strafgericht. Eine Krankenschwester betrat das Zimmer. Ihre lila Gummiclogs quietschten bei jedem Schritt. Sie kontrollierte die Tropfinfusion, die durch die Kopfhaut des Mädchens gelegt worden war. „Wie geht es ihr?“, fragte Benjamin. „Ziemlich stabil, würde ich sagen.“ „Der Arzt sagte, dass sie in eine andere Klinik verlegt werden soll.“ Die Schwester nickte. „Nach Sioux Falls. Dort haben sie eine Intensivstation für Neugeborene.“ Benjamin berührte die Handfläche des Babys und es schloss die winzigen Finger um seinen Zeigefinger. Er sah die schimmernden rosa Fingernägel, so klein und so vollkommen. Er dachte an Abbi und daran, wie oft er ihre Hände betrachtet hatte, ihre blasse schottisch-irische Hand in seiner, die von dunkler, indischer Hautfarbe war. Plötzlich sehnte er sich danach, ihre Stimme zu hören – und das überraschte ihn beinahe genauso wie der Fund des Babys. „Ich komme morgen wieder“, sagte er und wandte sich zum Gehen. Die Schwester nickte, dabei hatte er das Baby gemeint. Unten in der Eingangshalle telefonierte er. Es klingelte einmal, zweimal, dreimal, dann hörte er Abbis Stimme auf dem Anrufbeantworter: „Hallo, wir sind leider nicht zu Hause, aber Sie können gern eine Nachricht hinterlassen.“ Sekundenlang presste er den Hörer gegen seine Schläfe, bevor er schließlich auflegte. Er musste zurück nach Temple, wegen der Pressekonferenz. Durch ein Gewirr von Lastwagen, Kameraleuten, Reportern und Schaulustigen bahnte er sich den Weg zum Gerichtsgebäude, in der Hand die Tüte mit den Beweisstücken. Im Büro des Sheriffs schien es noch heißer als draußen. Benjamin machte eine Bemerkung über die Temperatur.
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„Die Klimaanlage hat heute Morgen den Geist aufgegeben.“ Sein Kollege, Al Holbach, musterte ihn von oben bis unten. „Du hast doch nicht etwa vor, in dem Aufzug vor der Presse zu erscheinen?“ Benjamin trug noch immer sein schmutz- und blutverschmiertes Unterhemd, an den Achselhöhlen verschwitzt und gelblich verfärbt. Eines dieser gerippten Baumwollträgerhemden, die Abbi so sehr hasste. Sie sagte, solche Hemden erinnerten sie an eine bestimmte Sorte von Männern, ungehobelte Proletarier, die den ganzen Tag im Unterhemd herumlaufen, ihre Frauen verprügeln und im Vorgarten ihre Kinder anschreien. Seine Unterhemden gehörten zur langen Liste der Dinge, die sie an ihm auszusetzen hatte. „Muss diese Pressekonferenz überhaupt sein? Können wir nicht einfach eine kurze Pressemeldung rausgeben?“ „Ich glaube nicht, dass die Aasgeier da draußen sich damit zufriedengeben werden“, entgegnete Holbach. „Ich hätte ein Reservehemd für dich, wenn du willst. Auch wenn es vielleicht ein bisschen groß ist.“ „Danke, ich habe noch eins.“ Benjamin zog die unterste Schreibtischschublade auf und nahm ein Unterhemd, ein sauberes Polizeihemd und seinen schwarzen Lederkulturbeutel heraus. Im Waschraum zog er sich das schmutzige Hemd über den Kopf und hielt es in den kalten Wasserstrahl, wrang es aus und rieb sich damit Oberkörper und Hals ab. Das frische Hemd fühlte sich steif und fremd an. Er wusch sich das Gesicht mit eiskaltem Wasser und trug dick Deodorant auf. Das blutverschmierte Unterhemd entsorgte er im Abfalleimer. „Wo sind Wesley und der Boss?“, fragte er, während er das Namensschild an seinem Hemd befestigte. „Zum Tatort rausgefahren. Sollten jeden Augenblick zurück sein.“ „Haben sie die Tüte gefunden?“ „Die war noch da. Genau da, wo du beschrieben hast.“ Benjamin rieb sich die Stirn, wünschte, seine Frisur wäre lang
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genug, um sich die Haare zu raufen. „Das Ganze ist so …“ Er ließ den Kulturbeutel in die Schublade fallen und schob sie mit einem Fußtritt zu. Er seufzte. „Ich kann es einfach nicht fassen.“ „Niemand kann es“, pflichtete Holbach ihm bei. Für die Pressekonferenz waren zwanzig Minuten angesetzt – drei Minuten für ihre vorbereitete Presseerklärung und der Rest für Fragen aus dem Publikum, die von der Polizei mit stereotypen Sätzen wie „Dazu können wir im Moment noch nichts sagen“ oder „Darüber können wir zurzeit leider noch keine Angaben machen“ beantwortet wurden. Unbefriedigt traten die Reporter den Rückzug an. Benjamin kannte das Gefühl. In seinem Büro griff er nach dem schwarzen Marker, zog mit den Zähnen die Kappe ab und malte ein Diagramm an die Weißwandtafel, eine zerquetschte Spinne mit einem unregelmäßigen Kreis als Körper und acht Beinen, die sich in acht verschiedene Richtungen ausstreckten. Sheriff Eli Roubideau befestigte ein Stück doppelseitiges Klebeband auf der Rückseite eines Polaroid-Fotos und klebte es in die Mitte der Spinne. Die zerrissene Plastiktüte. „Wir sollten die Jugendlichen noch mal befragen.“ Roubideau nahm seine Dienstmütze ab und tupfte sich mit einem Taschentuch die Stirn. „Jemand sollte morgen zur Schule rüberfahren.“ „Ich mache das“, meldete sich Holbach. „Gleich als Erstes morgen früh.“ Benjamin schrieb Schule und A. H. neben eine der leeren Linien. Das Telefon läutete pausenlos, schon seit Stunden, doch sie ließen es klingeln, nachdem die Sekretärin nach Hause gegangen war. Jedes Mal, wenn der Anrufbeantworter ansprang, hörten sie Stimmen von Reportern oder das Besetztzeichen, wenn die Anrufer gleich wieder aufgelegt hatten. „Die Plastiktüte. Im Supermarkt haben sie solche Tüten, im Food Mart zum Beispiel“, bemerkte Raymond Wesley. „Und in zig anderen Lebensmittelgeschäften auch“, entgegnete Holbach.
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„Trotzdem, ich würde gern die Angestellten des Food Mart befragen. Vielleicht erinnert sich jemand an eine hochschwangere Frau, die vor Kurzem dort eingekauft hat.“ „Und ich gehe von Tür zu Tür.“ Benjamin ergänzte das Diagramm durch Wesleys und seine eigenen Initialen. „Es wird eine Weile dauern, bis wir den ganzen Distrikt durchgekämmt haben. Aber viel mehr können wir im Moment nicht tun.“ „Leider nicht.“ Roubideau seufzte. „Und jetzt ab nach Hause, alle Mann.“ Die Kollegen machten Feierabend. Alle, außer Benjamin. Er fuhr zwanzig Minuten durch die Gegend und dann zurück zur Dienststelle. In der Ausnüchterungszelle stand ein doppelstöckiges Bett. Er zog Schuhe und Strümpfe aus, sein Hemd, seinen Gürtel, legte sich auf die untere Matratze und stellte den Weckalarm seiner Uhr auf 4:30 Uhr. Der Sheriff kam gewöhnlich erst kurz vor sechs.
2 Sie war seit einem halben Jahr nicht mehr beim Friseur gewesen. Am Horizont nahm sie ein schwaches Aufflackern wahr. Wetterleuchten. Abbi blieb stehen, trank die feuchtwarme Luft, die nach Regen schmeckte, nach Moos und nach Unterholz. Links und rechts stand unbeweglich der Winterweizen, die Feuchtigkeit erstickte jeden Luftzug im Keim. Noch knapp vier Wochen, dann würde schon die Ernte beginnen. Warum sie in Gedanken plötzlich bei ihrer Frisur gelandet war, wusste sie auch nicht mehr. Es war nicht selten, dass so etwas passierte, wenn sie versuchte, beim Laufen zu beten. Auch wenn ihre Füße bußfertig und in gleichmäßigem Rhythmus den steinigen Untergrund bearbeiteten und sie ihre Bitten in jedem Atemzug zum
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