3 Copyright Brunnen Verlag GieĂ&#x;en 2011
Brunnen Verlag Gießen
Lothar von Seltmann
Wir nannten Sie Mutter Eva Das bewegende Leben der Eva von Tiele Winckler 240 Seiten, Gebunden, 14 x 21 cm Erscheinungsdatum: 08.08.2011 ISBN: 978-3-7655-1134-9, Bestell-Nr.: 191134 EUR 12,99 (D) / SFr *20,70 / 13,30 (A) Bibelzitate sind wiedergegeben nach: Lutherbibel 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart © Brunnen Verlag Gießen 2011 www.brunnen-verlag.de Umschlagfotos: Bridgeman Berlin Umschlaggestaltung: Ralf Simon Satz: DTP Brunnen Druck: CPI – Ebner und Spiegel, Ulm
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Inhalt Die Schlossmauer
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Glückliches Geburtstagskind
28
Die große Familie
49
Weg durch Nacht und Licht
59
Berliner Kaminstunden
68
Schlimmer Abschied
77
Lebenswende
90
Warten, warten …
107
Die Türe öffnet sich
129
Ein eigenes Haus
150
Arbeit, Arbeit, Arbeit
174
Gemeinschaft der Friedensschwestern
194
Heimat für Heimatlose
208
Myrthen und Rosen
226
Quellennachweis
233
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Die Schlossmauer
V
aleska! Meine kleine Valeska, Kind, was machst du da?!“ Laut schallte der strenge Ruf des Vaters vom Waldrand herüber zur Schlossmauer, auf der ein kleines Mädchen im bunten Spielkleidchen mit ausgebreiteten Armen offenbar recht unbekümmert herumturnte. Mit raschen Schritten eilte der Mann im grünen Lodenanzug und mit Jagdgewehr auf dem Rücken hinüber zu der Stelle, wo er dem waghalsigen Spielen des viereinhalbjährigen Mädchens näher war. Dennoch war der Ort für ihn unerreichbar, denn Vater und Tochter trennte ein schwarzer, morastiger Wasser- und Sumpfgraben. Vielleicht war er von der Mauer herunter zu überspringen, nicht aber umgekehrt. „Das siehst du doch, Papa“, kam die fröhlich-selbstbewusste Antwort der Kleinen im bunten Kleid. „Ich spaziere hier entlang und schaue mir die Welt von oben an. Von so oben ist alles viel schöner, und ich kann viel mehr sehen.“ „Pass auf, dass du nicht herunterfällst und unsanft im Graben landest!“, rief der Vater besorgt beim Näherkommen. „Hast du denn keine Angst so weit oben auf der schmalen Mauer?“ „Ich bin doch nicht das erste Mal hier oben, Papa“, entgegnete Valeska, „und ich bin noch nie heruntergefallen. Schau, ich kann sogar auf einem Bein stehen.“ Kaum ausgesprochen, hob Valeska ihr linkes Bein und posierte auf ihrem erhöhten Platz wie eine Ballerina, die sich anschickte, eine Pirouette zu drehen. „Lass das bitte sein, Kind. Das ist zu gefährlich“, mahnte Hubert von Tiele-Winckler seine Zweitjüngste in 7 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011
strengem Ton. „Lass bitte beide Füße auf der Mauer und bleib ganz ruhig stehen!“ Der achtundvierzigjährige Schlossherr von Miechowitz war inzwischen gegenüber seiner Tochter angekommen, schaute ernst zu ihr hinauf und dachte für einen Moment darüber nach, wie er die Kleine dazu bewegen konnte, ihren gefährlichen Spielplatz unbeschadet zu verlassen. Dann hatte er seinen Vorschlag bereit. In einem versöhnlicheren Ton fragte er: „Wie willst du von dort oben wieder herunterkommen, ohne abzustürzen und dir ein Bein zu brechen oder in den Graben zu fallen, meine mutige kleine Valeska?“ „Ich springe zurück in den Garten, Papa, wie immer“, war die selbstverständliche Antwort des Kindes. „Springen wie immer?“, wiederholte Hubert von Tiele-Winckler die Worte seiner Tochter. „Nun gut, dann spring, mein Kind“, forderte er sie auf. „Aber bitte nicht in den Garten, sondern zu mir herüber.“ „Über den Graben, Papa?“, kam die erstaunte und doch nun eher besorgt klingende Antwort. „Dahin bin ich noch nie gesprungen, Papa.“ „Dann tust du es heute zum ersten Mal, kleine Valeska. Spring einfach zu mir herüber“, forderte der Vater seine Tochter auf. Die aber zögerte, schaute mit ängstlichen Augen zu ihrem Vater auf der anderen Seite des Grabens und rief ängstlich hinüber: „Aber Papa, der Graben ist zu breit und zu tief und voll mit schwarzem Schlamm, und zu dir springen geht tiefer als in den Garten.“ „Was macht das schon, kleine Valeska? Mach’s wie König David. Der hat gesagt: ‚Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen‘? Du kennst das Psalmlied. Und du 8 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011
sollst nicht drĂźberspringen, sondern nur herunter. Also spring!“ „Ich bin aber nicht der KĂśnig David, Papa“, zĂśgerte das Mädchen weiter und stand jetzt doch ein wenig verkrampft auf ihrem erhĂśhten Platz. „Nein, bist du nicht, mein Kind. Du bist meine geliebte Tochter Valeska Anna Catharina Adelheid Maria Elisabeth Eva von Tiele-Winckler, die jetzt ihrem Vater gehorsam ist.“ Das klang streng und lieĂ&#x; keinen weiteren Widerspruch zu. Die kleine Valeska kannte ihren Vater. Wenn der einmal alle ihre Namen hintereinander nannte und dabei in diesem Ton sprach, dann ‌ Wie von Ferne hĂśrte das Mädchen die erneute Aufforderung: „Wirf einfach dein Herz zu mir herĂźber und spring ihm nach. Nun tu schon, was ich dir sage! Wirf und spring!“ Valeska zĂśgerte noch einen kleinen Moment, dann „warf“ sie ihr Herz hinĂźber, sprang ihm mutig nach und landete sicher auf dem festen Boden vor ihrem geliebten Vater. Der legte sein Gewehr beiseite, hockte sich sofort vor sein Kind, nahm es in seine groĂ&#x;en Arme und hob es vom Waldboden auf. „Das hast du gut gemacht, meine liebe kleine Valeska. Das war sehr mutig von dir.“ Valeska schlang ihre Arme um den Hals des Vaters und schmiegte sich an ihn. Diese Nähe zu dem starken Mann tat ihr nach den aufregenden vergangenen Minuten gut. „Du hast mir das Springen befohlen, und ich habe gehorcht, Papa“, sagte sie leise, und es schien, als versuchte sie, den Rest der Spannung dieser Momente gänzlich loszuwerden. „Du warst wirklich sehr mutig, Valeska-Kind“, wiederholte der Vater. „Aber in Zukunft brauchst du das fĂźr ein solches Abenteuer nicht mehr zu sein.“ 9 Copyright Brunnen Verlag GieĂ&#x;en 2011