Skip to main content

189286

Page 1

Arno Backhaus Visnja Lauer / Dr. Just Lauer

Ach du Schreck! ADS


Arno Backhaus Visnja Lauer / Dr. Just Lauer

Ach du Schreck! ADS Vom Chaoskind zum LebenskĂźnstler


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-86506-286-4 © 2009 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers Titelfotos: Colourbox; Arno Backhaus Satz: Satzstudio Winkens, Wegberg Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck Printed in Germany www.brendow-verlag.de


Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein ganz normaler Tag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

I

AD(H)S: KEIN SCHRECKGESPENST DR. JUST LAUER / ARNO BACKHAUS

11

Was sich hinter AD(H)S verbirgt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ursachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auswirkungen auf das Leben Betroffener . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Behandlungsmöglichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Persönliche Erfahrungswerte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Worterklärungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

1

11 16 18 23 29 35

EINE KINDHEIT MIT AD(H)S ARNO BACKHAUS

37

Immer in Bewegung, ständig „auf Schuss“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von der Schule geflogen, sitzen geblieben, geklaut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Familienalltag: Streit und Schläge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine kriminelle Karriere im Kleinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

2

7 9

37 40 50 60

DIE GROSSE WENDE ARNO BACKHAUS

70

Entscheidung für ein Leben mit Jesus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ehe mit Hanna . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Neuanfang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . »Arno & Andreas« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vergebung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gemeindegründung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

I N H A LT

70 76 78 85 90 92

5


3

EIN KIND MIT AD(H)S ARNO BACKHAUS

95

Der Wunsch nach einem Kind (Hanna Backhaus) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Unser Sohn Fabian: Diagnose AD(H)S . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 Die Familien-Konferenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Die Herausforderung annehmen (Hanna Backhaus) . . . . . . . . . . . . . . . . . 110

4

LEBEN MIT AD(H)S ARNO BACKHAUS

Die Erkenntnis: Ich habe AD(H)S . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Interview mit Hanna und Arno . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die ihre Hoffnung auf den Herrn setzen, bekommen neue Kraft . . . . . . . Menschen mit AD(H)S in der Bibel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Stärken stärken, die Schwächen schwächen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kann es sein, dass ich AD(H)S habe? (Dr. Just Lauer/Visnja Lauer) . . . . .

II

113 114 124 132 134 141 150

AD(H)S: DIE EIGENE »FUNKTIONSWEISE« VERSTEHEN VISNJA LAUER

152

Aktivierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die exekutiven Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die unbewusste Verarbeitung von Informationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was ist durch AD(H)S bedingtes, was erworbenes Verhalten? . . . . . . . . . . Identität und Selbstwert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Familiensituation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . AD(H)S – Kreativität oder Störung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

152 154 159 163 167 169 170

Das Leben geht weiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Quellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturempfehlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Danksagungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

172 174 175 176

6

I N H A LT


Vorwort Dieses Buch soll weder eine Selbstdarstellung noch eine Abrechnung mit meiner Familie sein, sondern Menschen ermutigen, die an ihrem eigenen AD(H)S leiden oder an dem ihrer Kinder, Ehepartner, Nachbarn, Arbeitskollegen oder anderer Personen aus ihrem Umfeld. Während ich über die ersten 15 Jahre meines Lebens schrieb, wurde mir bewusst, dass so eigentlich eine kriminelle Karriere im Kleinen beginnt. Was wäre aus meinem Leben geworden, wenn ich nicht Menschen getroffen hätte, die mein Leben auf den Kopf gestellt haben? Mit meinen Erfahrungen will ich Hoffnung wecken und anderen Mut machen. Aus einem chaotischen Leben und einer tragischen Geschichte kann etwas werden, wenn ein Mensch bedingungslos geliebt wird. Es lohnt sich, in Menschen zu investieren und sie zu lieben, wie sie sind! Aber wer liebt

dich schon so, wie du »biest«? Ich bin kein Theoretiker, sondern ein Autodidakt, ich fahre mit meinem Auto viel in Deutschland herum, halte Vorträge, gebe Konzerte und mache viele Er-fahr-ungen. Ich lebe, experimentiere, versage, lerne aus dem Versagen und lebe wieder, versage, lerne wieder daraus und lebe. In diesem Buch berichte ich über meine Erfahrungen im Umgang mit meinem AD(H)S und dem unseres Sohnes. Ich könnte mir vorstellen, als Gott die Menschen schuf, fiel ihm auf, dass noch »das Salz in der Suppe« fehlte, und so ließ er sich AD(H)S einfallen. Was wäre die Welt ohne diese besondere, merkwürdige (des Merkens würdige), außergewöhnliche Spezies Mensch? AD(H)Sler sind wirklich wie Diamanten! Man muss sie mit Fassung tragen. Arno Backhaus

V O RW O RT

7


Ein ganz normaler Tag Ich beschließe, das Auto zu waschen. Als ich zur Tür gehe, sehe ich, dass die Post auf dem Tisch liegt. Na gut, bevor ich das Auto wasche, werde ich schauen, wer mir geschrieben hat. Ich lasse die Schlüssel auf dem Schreibtisch liegen, schmeiße die Post weg, die mich nicht interessiert, und stelle fest, dass der Mülleimer voll ist. Ich werde die Rechnungen und Kontoauszüge im Schreibtisch verstauen und den Mülleimer ausleeren. Aber wo die Schublade des Schreibtisches schon mal offen ist, könnte ich doch eigentlich gleich die Schecks ausstellen, um die Rechnungen zu bezahlen. Wo ist das Scheckheft? Auweia! Es ist nur noch ein Scheck drin. Mein Vorrat an Schecks ist in der zweiten Schublade des Schreibtisches. Ah, da auf dem Tisch ist ja das Glas mit Saft, den ich vorhin gerade trinken wollte. Ich werde die anderen Schecks suchen – aber zuerst muss ich das Glas wegstellen; es steht zu nah am Computer. Ach, dann kann ich ja den Saft auch gleich wieder in den Kühlschrank stellen, er ist schon ganz lauwarm.

Ich gehe Richtung Küche und sehe, dass die Pflanzen Wasser brauchen. Ich stelle das Glas Saft auf das Tischchen neben der Küche und – juhuuuuuuuu!, da ist sie ja, die Brille, die ich schon den ganzen Morgen gesucht habe! Die sollte ich besser sofort verstauen. Dann fülle ich eine Kanne mit Wasser und nähere mich meinen durstigen Pflanzen. Ahhhhhh! Jemand hat die Fernbedienung in der Küche gelassen und ich habe mich halb tot gesucht, als ich fernsehen wollte. Am besten bringe ich sie gleich dahin zurück, wo sie hingehört. Ich gieße meine Pflanzen ein wenig – ein bisschen gieße ich auch den Boden, den werde ich aber bestimmt gleich sauber machen –, werfe die Fernbedienung auf die Couch und gehe auf die Haustür zu, die ganze Zeit mit dem Gedanken beschäftigt: Was war es doch gleich, das ich die ganze Zeit machen wollte? Am Ende des Tages ist das Auto nach wie vor schmutzig, die Rechnungen sind unbezahlt, das Glas Saft steht auf dem Tischchen neben der

E I N G A N Z N O R M A L E R TA G

9


Küche, meine Pflanzen haben nicht genug Wasser, um überleben zu können, im Scheckheft ist nach wie vor nur ein Scheck und ich kann beim besten Willen die Autoschlüssel nicht finden! Als mir klar wird, dass ich den ganzen Tag überhaupt nichts zu Ende gebracht habe, bin ich über-

10

ACH DU SCHRECK! ADS

rascht, denn eigentlich war ich die ganze Zeit beschäftigt. Ich muss feststellen, dass AD(H)S eine sehr ernste und schwerwiegende Störung ist. Am besten versuche ich mal, was über das Internet rauszufinden. Aber erst mal schauen, ob mir irgendjemand eine E-Mail geschickt hat …1


AD(H)S: kein Schreckgespenst DR. JUST LAUER / ARNO BACKHAUS

Was sich hinter AD(H)S verbirgt Gleich zu Beginn, lieber Leser, möchte ich Sie etwas verwirren. Die Begriffe ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Störung) bzw. ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung) sind mir persönlich unsympathisch, steht das »S« darin doch für »Störung« und weist damit unmittelbar auf Probleme, Defizite, Fehlfunktionen, kurz, auf eine Krankheit hin. Von einer solchen Vorstellung ausgehend werden die nicht selten genialen Fähigkeiten der Betroffenen, die sie zu besonders interessanten Menschen machen können, automatisch in den Hintergrund gedrängt. Die oft bewundernswerte Genialität von AD(H)Slern in bestimmten Teilbereichen des Lebens hat – genau wie die Verhaltensweisen, die an anderen Stellen Probleme bereiten und die Wurzel für die vielfältigsten Fehlentwicklungen sein können – ihre Ursache in speziellen Funktionsweisen des Gehirns. Arno Backhaus wird die

besonderen Befähigungen dieser Menschen an späterer Stelle ausführlich beschreiben. Meine Ausführungen dagegen befassen sich beinahe ausschließlich mit den ungünstigen Aspekten und Auswirkungen dieser speziellen Art »zu ticken«. Sehen Sie mir das nach! Ich bin Mediziner und wir werden für gewöhnlich immer dann aufgesucht, wenn irgendetwas beim Menschen nicht so funktioniert, wie es sollte, und Beeinträchtigungen auftreten. Genau die sind es ja auch, die AD(H)S-Betroffenen das Leben schwer machen und uns dann von einer Störung sprechen lassen. In meinen Ausführungen muss ich mich leider auf einige wenige Aspekte zu dem riesigen Thema AD(H)S beschränken – sonst wäre ein eigenständiges Buch entstanden. Für umfassendere Informationen weise ich auf die Literaturempfehlungen hin. AD(H)S: Differenziertes Wissen tut not In der Vergangenheit war es oft mühsam, Menschen von der Exis-

AD(H)S: KEIN SCHRECKGESPENST

11


Bei AD(H)S handelt es sich um eine der häufigsten, wenn nicht sogar die häufigste psychische Störung im Kindes- und Jugendalter, die zunehmend als chronische Störung angesehen wird, da sie sich in der Mehrzahl der Fälle auch im Erwachsenenalter nicht verliert.

tenz, geschweige denn der Bedeutung von AD(H)S überzeugen zu wollen. Heute bestehen die Schwierigkeiten eher darin, dass viele das Wesentliche schon zu wissen meinen. Es wird dann nicht selten alles in einen Topf geworfen: die typischen Verhaltensweisen von AD(H)Slern, die daraus erwachsenden Probleme und individuellen Verarbeitungsmechanismen, die sehr stark von den Lebensumständen abhängen, in denen der einzelne Betroffene sich befindet bzw. aufgewachsen ist, und mögliche Begleitstörungen. Zudem wird die enorme Bedeutung der Störung meines Erachtens immer noch unterschätzt. Differenziertes Wissen tut not! Handelt es sich doch bei AD(H)S um eine der häufigsten, wenn nicht sogar die häufigste psychische Störung im Kindes- und Jugendalter, die zunehmend als chronische Störung angesehen wird, da sie sich in der Mehrzahl der Fälle auch im Erwachsenenalter nicht verliert. Schätzungen zufolge soll AD(H)S bei 3– 6% aller Kinder und Jugendlichen und 2– 4% aller Erwachsenen vorliegen. AD(H)S im Erwachsenenalter ist in Deutsch-

12

ACH DU SCHRECK! ADS

land spätestens seit 2003 anerkannt. Nach Ergebnissen der sogenannten Milwaukee-Studie, auf die wir noch zurückkommen werden, bildet sich die Störung lediglich bei 14–35%2 der betroffenen Kinder zurück, je nachdem, welche Kriterien für eine Gesundung angelegt werden. »Die Medien sind voll von Meldungen über AD(H)S-Kinder: kleine Chaoten, Zappelphilippe, Problemkinder. Was wird aus diesen Kindern eigentlich, wenn sie erwachsen sind? Aus Kindern mit AD(H)S werden, mit einiger Wahrscheinlichkeit, Erwachsene mit AD(H)S. Nur haben diese sich meist sehr unterschiedlich mit dieser Tatsache arrangiert. Ohne zu wissen, dass es AD(H)S gibt, geschweige denn, dass sie davon betroffen sind, schaffen sich AD(H)Sler ihre persönlichen Überlebensstrategien. Der ›Aha-Effekt‹ kommt vielfach erst, wenn sie selbst Kinder haben, die ›auffällig‹ sind. Wird bei ihrem Kind die Diagnose AD(H)S gestellt, erfahren sie, dass diese Veran-


lagung familiär gehäuft auftritt. Fragt man sie dann nach Erlebnissen aus der eigenen Kindheit, macht es ›klick‹.« ARNO BACKHAUS

Die Diagnose AD(H)S Die Diagnose AD(H)S wird gestellt, wenn Betroffene unaufmerksames und impulsives Verhalten mit oder ohne Hyperaktivität (motorische Unruhe) zeigen, das nicht ihrem Alter oder sonstigen Entwicklungsstand entspricht und zu deutlichen Beeinträchtigungen in verschiedenen Lebensbereichen führt. Die Diagnosestellung fordert auch, dass die Auffälligkeiten länger als sechs Monate bestehen, Krankheitszeichen bereits vor dem Alter von sieben Jahren erkennbar waren und die Symptome nicht besser durch eine andere Störung erklärt werden können. Die Aufmerksamkeitsproblematik bleibt bei Fortbestehen der Störung im Erwachsenenalter von zentraler Bedeutung. Für die beiden anderen Leit- oder Kernsymptome, Impulsivität und besonders Hyperaktivität, gilt das nicht in diesem Maße. Letztere ist bei betroffenen Erwachsenen kaum noch oder nur sehr abge-

schwächt vorhanden und wird mehr als eine innere Ruhelosigkeit empfunden. Es existieren mehrere verschiedene Formen von Aufmerksamkeit, die im Gehirn über unterschiedliche Nervenzellennetzwerke gesteuert werden. Aufmerksamkeit im Sinne von Wachheit meint einen Zustand des Organismus, der von hellwach bis tief schlafend reicht. Bei der selektiven Aufmerksamkeit geht es um die Zuwendung zu bestimmten Sachverhalten und das Ausblenden anderer Ereignisse, vergleichbar dem Lichtkegel eines Scheinwerfers. Am deutlichsten ausgeprägt scheinen die Schwierigkeiten bei der Daueraufmerksamkeit zu sein. Darunter versteht man die Fähigkeit, Handlungen zu planen und bis zum Erreichen des Zieles konzentriert weiterzuführen. »Für AD(H)S-Betroffene kann eine simple Unterhaltung auf einer Party eine ungemein anstrengende Sache sein. Je mehr visuelle und akustische Eindrücke sie wahrnehmen, desto schwieriger wird es für sie, sich auf eine Sache zu kon-

AD(H)S: KEIN SCHRECKGESPENST

13

Die Diagnose AD(H)S wird gestellt, wenn Betroffene unaufmerksames und impulsives Verhalten mit oder ohne Hyperaktivität zeigen, das zu deutlichen Beeinträchtigungen in verschiedenen Lebensbereichen führt.


zentrieren. So schwierig, dass sie manchmal wirklich nicht mehr zu normaler Kommunikation fähig sind! So paradox es klingen mag, manche AD(H)Sler können ihre Konzentrationsschwierigkeiten beheben, indem sie während der Arbeit ein Radio oder einen Fernseher laufen lassen. Die dezente Geräuschkulisse verhindert dann, dass sie andere Ablenkungen registrieren.« ARNO BACKHAUS

Die Forschung beschäftigt sich intensiv mit den hinter diesen Symptomen steckenden Besonderheiten und Beeinträchtigungen der Hirnfunktion.

Besonderheiten der Hirnfunktion Noch ist es verbreitet, von verschiedenen Formen von ADS zu sprechen: dem hyperaktiv-impulsiven, dem unaufmerksamen oder dem kombinierten Subtyp, je nach Ausprägung der drei Leitsymptome. Bei dieser Einteilung stehen die Kernsymptome ganz im Vordergrund. Die aktuelle Forschung beschäftigt sich intensiv mit den hinter diesen Symptomen steckenden Besonderheiten und Beeinträchtigungen der Hirnfunktion und hat dazu verschiedene neuropsychologische Erklärungsmodelle entwickelt. Im Mittelpunkt

14

ACH DU SCHRECK! ADS

der Betrachtung stehen die sogenannten exekutiven (ausführenden) Funktionen, wobei es sich um eine Vielzahl von komplexen Prozessen in unserem Gehirn handelt, die entscheidend für ein zweckmäßiges, zielgerichtetes und selbstregulierendes Verhalten sind. Bei AD(H)S scheinen viele der exekutiven Funktionen beeinträchtigt zu sein. Auch das Arbeitsgedächtnis ist betroffen. Es ist von Bedeutung für die Speicherung und Nutzung von Informationen, die für die Planung und Organisation von Handlungsabläufen wichtig sind. AD(H)SBetroffene haben Probleme bei der zeitlichen Organisation ihrer Handlungen und können Zeiträume und -verläufe nur schwer einschätzen. Es gelingt ihnen schlechter, die Konsequenzen ihres eigenen Handelns vorauszusehen, aus Erfahrungen zu lernen und entsprechend dieser Erfahrungen in Gegenwart und Zukunft angemessen und effektiv zu handeln. »Viele AD(H)Sler haben große Schwierigkeiten mit Zeitabläufen. Sie haben ein anderes Zeitgefühl und tun sich aus-


aller Munde ist, häufiger diagnostiziert wird und eine Modekrankheit zu sein scheint. Besonders kritische Geister vermuten ja, sie sei eine Erfindung der Pharmaindustrie und einiger findiger Ärzte! Aber diese Störung gab es schon immer. In der Literatur werden seit Jahrhunderten Menschen mit AD(H)S beschrieben. Besaß nicht schon Petrus die Eigenschaften eines AD(H)Slers (s. S. 141)?

gesprochen schwer, realistisch zu planen. Für ihre Mitmenschen bedeutet das: Sie sind oft unpünktlich, unzuverlässig und schwer zu fassen. Aber auch AD(H)S-Betroffene können an ihrem Zeitmanagement arbeiten! Jeder kann selbst entscheiden, welche Hilfsmittel ihm sympathisch sind: Timer, Zeitpläne, piepsende Uhren, bunte Erinnerungszettel …« ARNO BACKHAUS

AD(H)S: Ein Phänomen moderner Gesellschaften? AD(H)S-Betroffene haben das zentrale Problem, sich angemessen zu organisieren und aufgabenangepasst zu verhalten, wodurch die Entwicklung von Selbstständigkeit in allen Bereichen des täglichen Lebens mehr oder weniger beeinträchtigt wird. In einem Gesellschaftsgefüge, das sich durch zunehmende Komplexität auszeichnet und wachsende Anforderungen an die Fähigkeit des Einzelnen stellt, zu lernen und sich selbst zu organisieren, wirken sich diese Beeinträchtigungen nachteiliger aus. Das ist ein wesentlicher Grund, warum AD(H)S heute in

»AD(H)Sler leben oft im Chaos. Jegliche Routinearbeiten sind ihnen verhasst, und dazu gehört häufig auch das Aufräumen. Hat sich dann erst einmal eine größere Unordnung entwickelt, sind sie nicht mehr in der Lage, diesen ›Berg‹ zu bewältigen. In den letzten Jahren gab es viele Buchveröffentlichungen über ›Messies‹, Menschen, die ihren Haushalt oder Arbeitsplatz einfach nicht in den Griff bekommen und schier im Chaos untergehen. Es gibt bereits einige Messie-Selbsthilfegruppen und in den USA wurde sogar ein 12-Schritte-Programm entwickelt, mit dessen Hilfe man Herr über das Chaos werden

AD(H)S: KEIN SCHRECKGESPENST

15

AD(H)S ist heute in aller Munde, wird häufiger diagnostiziert und scheint eine Modekrankheit zu sein. Aber diese Störung gab es schon immer.


kann. Alle diese Tipps eignen sich auch für AD(H)S-Betroffene, die übermäßige Schwierigkeiten mit Ordnung haben.« ARNO BACKHAUS

Der hitzig diskutierte Gegensatz von Vererbung und Umwelteinflüssen ist durch die neuere Forschung aufgelöst worden und das Zusammenwirken beider Ursachen wird immer besser verstanden.

Veränderte Lebensbedingungen lassen aber eine wachsende Zahl Betroffener auffällig werden, »durchs Raster fallen«, weil die erhöhten Anforderungen an eine angemessene Selbststeuerung und Selbstorganisation des Verhaltens nicht mehr erbracht werden können. Die Gesellschaft wird sich in absehbarer Zeit sicher nicht in eine Richtung verändern, die AD(H)SBetroffenen das Leben leichter macht. Im Gegenteil, aller Voraussicht nach werden die Anforderungen an die menschliche Lernund Anpassungsfähigkeit noch weiter steigen. »Als ›Gegenpart‹ zum Messie gibt es aber auch überdurchschnittlich viele zwanghafte AD(H)Sler. Die Entwicklung der Zwanghaftigkeit kann dabei als Überlebensstrategie verstanden werden. Zwanghafte

16

ACH DU SCHRECK! ADS

AD(H)Sler sind gewissenhaft, perfektionistisch, überordentlich, halten Regeln penibel ein, reden nur dann, wenn sie sicher sind, dass es auch ›stimmt‹, was sie sagen. Ihre Zwanghaftigkeit äußert sich als ein unangemessenes Kontrollbedürfnis in vielen Lebensbereichen. Diese AD(H)S-Betroffenen werden häufig nicht als solche erkannt.« VISNJA LAUER

Ursachen Was sind die Ursachen von AD(H)S? Eine spannende Frage. Der in der Vergangenheit oft hitzig diskutierte Gegensatz von Vererbung und Umwelteinflüssen ist durch die neuere Forschung aufgelöst worden und das Zusammenwirken beider Ursachen wird immer besser verstanden. Die Entstehung der Kernsymptome wird durch vielfältige Faktoren beeinflusst. Der Einfluss der Gene bei der Entwicklung von AD(H)S wird mit deutlich über 50% angegeben; in Veröffentlichungen ist


überwiegend von 60– 80% die Rede. Daneben können vor, bei und nach der Geburt erworbene Schädigungen des zentralen Nervensystems Symptome auslösen; sie sind aber insgesamt eher von geringerer Bedeutung. Solche Schädigungen entstehen beispielsweise durch Nikotin- und Alkoholkonsum während der Schwangerschaft, durch Frühgeburtlichkeit mit niedrigem Geburtsgewicht, insbesondere wenn gleichzeitig Hirnblutungen aufgetreten sind, Sauerstoffmangel im Gehirn oder Infektionen. Genetische Ursachen Auf die besondere Bedeutung genetischer Einflüsse wurde zunächst aus Familienstudien geschlossen. Dort zeigte sich eine mit dem Verwandtschaftsgrad zunehmende Erkrankungswahrscheinlichkeit. Bei erstgradig Verwandten von Kindern mit AD(H)S ist das Risiko für die Entwicklung von AD(H)S zwei- bis achtfach erhöht. Kinder betroffener Erwachsener sind sogar in 40– 60% der Fälle selbst betroffen. Adoptionsstudien zeigen eine deutlich höhere Übereinstimmung der Ausprägung von AD(H)S bei getrennt lebenden biologischen Geschwistern als bei

zusammen aufwachsenden Halbgeschwistern, sodass die familiäre Häufung nicht durch Erziehungsfaktoren, sondern nur durch genetische Faktoren zu erklären ist. Aktuell werden ca. 18 Genveränderungen mit AD(H)S in Verbindung gebracht. Diese betreffen vor allem Gene, die sich auf die Verfügbarkeit und Funktion bestimmter Hirnbotenstoffe auswirken. Das sind chemische Substanzen, die für die Weitergabe von Informationen zwischen den Hirnnervenzellen zuständig sind. Die bei AD(H)S auf mehreren Genen und an verschiedenen Genorten gefundenen Veränderungen wirken sich in bevorzugter Weise auf den Botenstoff Dopamin aus und gehen einher mit Funktionsstörungen von Regelkreisen in bestimmten Hirnregionen. Jede einzelne Genveränderung für sich genommen hat nur geringfügige Effekte auf die Entwicklung von AD(H)S. Je mehr verschiedene Genorte aber bei einer einzelnen Person verändert sind, desto wahrscheinlicher wird die Entwicklung von AD(H)S. Treten zusätzlich die oben erwähnten Schädigungen vor, bei und nach der Geburt ein, erhöht sich diese Wahrscheinlich-

AD(H)S: KEIN SCHRECKGESPENST

17

Die bei AD(H)S auf mehreren Genen und an verschiedenen Genorten gefundenen Veränderungen wirken sich in bevorzugter Weise auf den Botenstoff Dopamin aus.


keit. Je mehr Faktoren also im Einzelfall zusammenkommen, desto wahrscheinlicher wird es, dass die dadurch ausgelösten Veränderungen bestimmter hirnbiologischer Abläufe zusammengenommen ein solches Ausmaß annehmen, dass daraus Krankheitssymptome entstehen. Zusammengefasst legen die bisherigen Untersuchungen nahe, dass AD(H)S einen komplexen Erbgang aufweist und durch das Zusammenwirken verschiedener Genveränderungen untereinander und mit Umweltrisiken bedingt ist.

Günstige psychosoziale Faktoren können das Auftreten von Symptomen oder eine Verschlechterung verhindern.

Umwelteinflüsse Auch das Umfeld, in dem ein Kind aufwächst, hat Einfluss auf die Entwicklung von AD(H)S. Während ungünstige psychosoziale Faktoren – wie emotionale und körperliche Vernachlässigung in der frühen Kindheit – das Auftreten der Störung wahrscheinlicher machen, können günstige psychosoziale Faktoren – wie eine intakte, unterstützende und psychisch gesunde Familie – das Auftreten von Symptomen oder eine Verschlechterung verhindern. Bildlich gesprochen vermag eine förderliche Umgebung das Überlaufen

18

ACH DU SCHRECK! ADS

des vollen Fasses zu verhindern, während hinderliche es sogar noch füllen und mehr oder weniger schnell überlaufen lassen. Die Forschung erweitert fortlaufend unsere Kenntnisse über die Einflüsse von Umwelt und sozialer Interaktion auf das menschliche Gehirn. Eigentlich war ja immer schon klar, dass Umgebungseinflüsse sich irgendwie auf Menschen auswirken. Heute können wir solche Auswirkungen teilweise sogar sichtbar machen und konkrete organische (materielle) und funktionelle Veränderungen des Gehirns benennen. Halten wir das noch einmal nachdrücklich fest: Umwelterfahrungen beeinflussen die Struktur und die Funktionsweise unseres Gehirns, und das auch im Hinblick auf AD(H)S und die Schwere der AD(H)S-Symptomatik.

Auswirkungen auf das Leben Betroffener Was wissen wir über die Auswirkungen von AD(H)S auf das Leben Betroffener? Die Antwort muss lauten: beinahe täglich mehr. Die Infor-


mationsflut zu diesem Thema ist enorm und kann deshalb an dieser Stelle nur in Auszügen wiedergegeben werden. Vergessen Sie dabei bitte nicht, dass es sich im Folgenden um statistische Aussagen und Tendenzen handelt, um die Darstellung erhöhter Risiken, nicht um zwangsläufig eintretende Ereignisse im Leben von Betroffenen. Gerade die Lebensgeschichte von Arno Backhaus zeigt, dass und wie das Leben eines erheblich von AD(H)S Betroffenen gelingen kann. Das war auch für meine Frau und mich ein starkes Motiv, an diesem Buch mitzuwirken. Wir wollen AD(H)SBetroffenen Hoffnung geben. So ist es mein Wunsch, dass die folgenden Aussagen immer im Blick auf diese Hoffnung gelesen werden. Begleitstörungen Etwa 70%3 der Kinder mit der Diagnose AD(H)S und 80% der betroffenen Erwachsenen weisen mindestens eine weitere psychische Störung auf, haben Lernstörungen und Teilleistungsschwächen oder Beeinträchtigungen in umschriebenen Bereichen ihrer Entwicklung, beispielsweise der Sprache. Die häufigsten psychischen Begleitstörun-

gen bei Kindern und Jugendlichen sind Störungen des Sozialverhaltens (um die 50%), depressive Störungen und Ängste. Zu den häufigsten psychischen Begleiterkrankungen bei Erwachsenen gehören Depressionen (bis zu 60%), Angststörungen (20– 60%), Suchterkrankungen (bis zu 60%) und Persönlichkeitsstörungen (10– 20%). Während beim hyperaktiv-impulsiven AD(H)S-Subtyp vermehrt Störungen des Sozialverhaltens auftreten, sind beim unaufmerksamen Subtyp, der insbesondere bei Mädchen und Frauen vorkommt, häufiger Depressionen, Ängste und Lernstörungen zu finden. Der Begriff Begleitstörungen will ausdrücklich nicht nahelegen, dass es sich bei diesen Störungen um Folgen von AD(H)S handelt, sondern lediglich beschreiben, dass die Störungen gleichzeitig bestehen. Dennoch scheint die Entwicklung einiger wesentlicher Begleitstörungen durch eine ausgeprägte AD(H)S-Symptomatik mehr oder weniger stark begünstigt zu werden. Das gilt besonders für Störungen des Sozialverhaltens. Laut Prof. Russell A. Barkley, einem der führenden Experten zum Thema AD(H)S in

AD(H)S: KEIN SCHRECKGESPENST

19


Art und Ausmaß der Begleitstörungen entscheiden in hohem Maße über die Langzeitprognose des Betroffenen.

den USA, ist das Risiko für die Entwicklung von oppositionellem Verhalten bei Kindern mit AD(H)S elffach höher als bei Altersgenossen ohne. Prof. Dr. med. Gerd Lehmkuhl und Prof. Dr. Manfred Döpfner von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Universität Köln berichten von etwa zehn Mal häufigerem dissozialen oder aggressiven Verhalten. Die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Begleitstörungen bei Kindern mit AD(H)S steigt, wenn deren Eltern auch psychische Störungen aufweisen – etwa AD(H)S, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen. Sie scheinen auch vermehrt aufzutreten in Familien, die über ein vergleichsweise geringes Einkommen verfügen, nicht intakt sind und lediglich ein eingeschränktes Interesse an der Entwicklung ihrer Kinder zeigen. Art und Ausmaß der bestehenden Begleitstörungen entscheiden in hohem Maße über die Langzeitprognose des einzelnen Betroffenen. So haben beispielsweise Kinder und Jugendliche mit AD(H)S und einer begleitenden, besonders früh einsetzenden, ausgeprägten Störung

20

ACH DU SCHRECK! ADS

des Sozialverhaltens ein deutlich höheres Risiko für spätere Straffälligkeit, Drogensucht und die Entwicklung einer antisozialen Persönlichkeitsstörung. »AD(H)S bedeutet für die Betroffenen, dass sie oft nicht das auf die Reihe kriegen, was sie sich vornehmen oder gerne schaffen würden. Das geht jedem von uns einmal so. Aber wenn das Scheitern zum Lebensmotto wird, hat das schwerwiegende Folgen. AD(H)Sler haben meist ein schlechtes Selbstbewusstsein. Infolge der zahlreichen Fehlschläge in ihrem Leben trauen sie sich nichts mehr zu. Manche AD(H)Sler werden zu Außenseitern und Einzelgängern, manche leben auch eine Art Doppelleben, nur um die chaotische Seite ihres Alltags zu verbergen. Aus dieser Spannung heraus kommt es häufig zur Abhängigkeit von Alkohol, Zigaretten, Tabletten, Drogen, dem Glücksspiel, dem Internet etc.« ARNO BACKHAUS


Andere Negativentwicklungen Zur systematischen Aufklärung der Folgen von AD(H)S für ein Leben wurde in der bereits erwähnten Milwaukee-Studie untersucht, wie sich eine in der Kindheit diagnostizierte Störung bis zum 27. Lebensjahr entwickelt. Bei AD(H)S-Betroffenen fanden sich im Vergleich zu Gesunden unter anderem häufiger Arbeitsplatzwechsel, finanzielle Probleme, Partnerschaftskrisen, seelische Krisen, Suizidversuche, Krankenhausaufenthalte und Vorstrafen. Darüber hinaus müssen in diesem Zusammenhang auch noch eine erhöhte Unfallgefährdung, Beeinträchtigungen der Fahrsicherheit und vermehrte Probleme im Bereich der Sexualität erwähnt werden. So ist es nicht verwunderlich, wenn die Lebenszufriedenheit betroffener Erwachsener in den Bereichen Familienleben, Partnerschaft, soziales Leben, Berufsleben und Erreichen von Zielen statistisch auffallend nach unten abweicht. »So schwer AD(H)S für die Betroffenen zu ertragen ist, so schwer ist es auch für die Menschen in ihrer Umgebung. Einen

Menschen mit AD(H)S in der Familie zu haben fordert extrem viel von allen Beteiligten. Mit einem AD(H)Sler verheiratet zu sein ist eine außergewöhnliche Herausforderung! Banale Dinge wie miteinander reden oder planen sind eben plötzlich nicht mehr so banal. Viele Ehepartner berichten, dass sie sich nach einiger Zeit einfach nicht mehr geliebt fühlen, weil der AD(H)SBetroffene ständig unzuverlässig ist und wichtige Termine oder Erledigungen vergisst. Die daraus entstehenden zwischenmenschlichen Verletzungen können erheblich sein.« ARNO BACKHAUS

Auswirkungen von AD(H)S in Schule und Berufsleben Sehr starke negative Auswirkungen hat AD(H)S in der Schule. Dieser Lebensbereich stellt besondere Anforderungen an die Lern- und Selbstregulationsfähigkeit des Einzelnen. Die Schulleistungen von AD(H)S-Kindern sind durchschnittlich schlechter und ihre Produktivität ist geringer. Spezielle Lernstörungen, wie eine Lese- und Recht-

AD(H)S: KEIN SCHRECKGESPENST

21


schreibschwäche, treten gehäuft auf. Probleme beim Einhalten von Regeln und negative Beziehungen zu den Klassenkameraden sind leider keine Ausnahme, sondern eher der Normalfall. »AD(H)S-Kinder langweilen sich im Unterricht sehr schnell, wenn sie nicht unmittelbar am Geschehen beteiligt sind. Sie versuchen dann, ihre eigene Aufmerksamkeit zu erhöhen, indem sie herumhampeln, mit den Beinen wippen, andere Kinder ärgern oder anderen kreativen Selbstbeschäftigungen nachgehen. Damit stören sie den normalen Unterricht. Deshalb ist es wichtig, dass der Unterricht interessant und abwechslungsreich gestaltet ist. Die Aufmerksamkeit von AD(H)S-Kindern wird durch alles erhöht, was ihre Emotionen anspricht. Hilfreich ist auch, wenn sie möglichst nah am Lehrer sitzen (sofern es ihnen nicht wie eine Bestrafung erscheint, ruhig auch an einem Einzeltisch), sodass der Lehrer öfter Blickkontakt zu ihnen auf nehmen kann.

22

ACH DU SCHRECK! ADS

Sitzen AD(H)S-Kinder in den hinteren Reihen, besteht die Gefahr, dass sie ständig abgelenkt werden von dem, was sich direkt vor ihnen abspielt.« ARNO BACKHAUS

Von Gleichaltrigen wird das Verhalten von Kindern mit AD(H)S als störend oder unangemessen empfunden. Folglich haben die Betroffenen weniger Freunde, werden weniger wertgeschätzt und öfter abgewiesen, besonders von Kindern mit hohem Ansehen in der Gruppe. Es ist erschreckend, wie schnell AD(H)S-Kinder auffallen und in der Gefahr stehen, ausgeschlossen zu werden! Bei Untersuchungen in einem Sommercamp erfuhren sie schon am Ende des ersten Tages verstärkt Ablehnung. Ein anderes Mal beklagten sich Gruppenmitglieder bereits nach wenigen Minuten über das Verhalten eines neu hinzugekommenen AD(H)S-Kindes. »Da AD(H)S-Kindern oft Ablehnung entgegengebracht wird, machen sie sehr früh die Erfahrung: Ich bin anders! Das wirkt sich auf ihr Selbst-


wertgefühl aus, verursacht ein negativ geprägtes Selbstbild und macht es für sie besonders anstrengend, in Gemeinschaft zu leben. Diese Anstrengung führt bei ihnen schnell zu seelischer und körperlicher Erschöpfung.«

weilig oder besonders schwierig wird oder Daueraufmerksamkeit gefordert wird – aussteigen und träumen, nicht stören, sondern ihren eigenen Gedanken nachhängen. Sie fallen oft erst in der späteren Schulzeit auf, wenn sie mit ihren Leistungen weit unter ihrem Intelligenzniveau bleiben oder wenn sie zu Hause und im Leben einfach nicht vorankommen.«

ARNO BACKHAUS

Stichwort: Identität und Selbstwert (S. 167)

VISNJA LAUER

Lernschwierigkeiten und Verhaltensund Sozialprobleme von AD(H)SKindern sind in der Regel dicht miteinander verwoben. Zusammen erklären sie die negativen Folgen: gehäuftes Wiederholen einer Klasse, seltenere Schul- und Universitätsabschlüsse, ein insgesamt niedrigeres Ausbildungsniveau und Berufe mit geringerem sozialen Status. Im Berufsleben geht es dann oft weiter mit höheren Entlassungsraten und häufigerem Stellenwechsel. »Neben den hyperaktiven gibt es allerdings auch die stilleren AD(H)S-Kinder. Das sind Kinder, die – wenn der Unterricht lang-

Behandlungsmöglichkeiten Wenden wir uns nun den Behandlungsmöglichkeiten von AD(H)S zu. Insbesondere die medikamentöse Behandlung der Störung ist immer wieder Gegenstand hitziger Debatten. Medikamentöse Therapien Prof. Russell A. Barkley zufolge gibt es derzeit keine Störung in der Psychiatrie, die so gut behandelbar ist wie AD(H)S. Das liegt vor allem an der sehr guten Wirksamkeit der eingesetzten Medikamente. Es werden in erster Linie Psychostimulanzien verabreicht, die den Dopamin-

AD(H)S: KEIN SCHRECKGESPENST

23

Derzeit gibt es keine Störung in der Psychiatrie, die so gut behandelbar ist wie AD(H)S. Das liegt vor allem an der sehr guten Wirksamkeit der Medikamente.


stoffwechsel im Gehirn beeinflussen. Sie verbessern die Verfügbarkeit dieses Botenstoffs für die Informationsweiterleitung von Nervenzelle zu Nervenzelle und gleichen damit den relativen Mangel an Dopamin in den betroffenen Regelkreisen aus. Zu diesen Wirkstoffen gehören Methylphenidat (MPH), vielen als Ritalin bekannt, und D-L-Amphetamin, die beide seit Mitte des letzten Jahrhunderts verwendet werden. Bei optimaler Dosierung profitieren etwa 85% der behandelten Kinder von diesen Medikamenten. MPH stellt dabei das Mittel der ersten Wahl für die medikamentöse Behandlung dar. Die Wirksamkeit medikamentöser und nichtmedikamentöser Therapien im Vergleich Die wichtigste von Barkley und anderen durchgeführte MTA-Studie ist hier aufschlussreich: Dort wurde eine auffallende Überlegenheit der Wirkung einer medikamentösen Behandlung mit MPH auf die AD(H)S-Symptomatik und auf oppositionell-aggressives Verhalten festgestellt. Selbst die Ergänzung der MPH-Therapie durch eine Verhaltenstherapie brachte keinen

24

ACH DU SCHRECK! ADS

zusätzlichen Effekt! Bei allem Psychotherapie-Optimismus kann und darf man dieses Ergebnis nicht vom Tisch wischen. Nebenwirkungen treten bei der Behandlung mit MPH im normalen Dosisbereich nur selten und überwiegend in der Einstellungsphase auf. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören: Appetitminderung, Schlafstörungen, Kopf- und Bauchschmerzen, Missstimmung, Weinerlichkeit oder, seltener, das Auftreten oder die Verschlechterung von Tics. Diskutiert wird, ob und in welchem Ausmaß MPH das Längenwachstum beeinträchtigt. Im Widerspruch zu zahlreichen Medienberichten in den letzten Jahren konnten in Langzeitstudien bisher keine negativen psychischen oder körperlichen Auswirkungen durch die Therapie mit Stimulanzien festgestellt werden. »Jede AD(H)S-Symptomatik hat ihr eigenes Gesicht und ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Sie muss deshalb durch qualifizierte Fachärzte sehr genau diagnostiziert werden. Da bei AD(H)S ein relativer Mangel


an Dopamin in bestimmten Regionen des Gehirns besteht, kann man mit Medikamenten einiges erreichen. Vielen AD(H)S-Betroffenen können Medikamente helfen, sich zu konzentrieren, das Wirrwarr im Kopf zu ordnen und endlich zur Ruhe zu kommen, und sie kommen gut damit zurecht. Man sollte aber unbedingt einen kompetenten Facharzt für die Behandlung mit entsprechenden Medikamenten aufsuchen. Der Arzt muss diese sehr genau, gemäß seinen Untersuchungen, auf den Patienten einstellen und abstimmen. Grundsätzlich gilt: Medikamente können helfen, aber die biologische Ursache nicht heilen.« ARNO BACKHAUS

Stimulanzien und Suchtentwicklung Die Verordnung der Psychostimulanzien erfolgt auf einem BTMRezept, da sie den Bestimmungen der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung unterliegt. Das mag einige schockieren, hat aber mehr historische Gründe. Die Gabe

von Stimulanzien galt lange als Risiko für eine spätere Suchtentwicklung. In Studien wurde jedoch gezeigt, dass die Einnahme von MPH nicht zu einer Abhängigkeitsentwicklung führt oder beiträgt. Vielmehr scheint sie das Risiko für eine frühzeitige Nikotin-, Alkoholoder Drogenabhängigkeit sogar zu vermindern. Auch bei Erwachsenen stellt der Einsatz von MPH nach deutschen Leitlinien die medikamentöse Behandlung der ersten Wahl dar. Untersuchungen belegen eine gute Wirksamkeit. Allerdings ist MPH noch nicht für die Behandlung ab 18 Jahren zugelassen; das entsprechende Genehmigungsverfahren läuft zurzeit. Die Verschreibung ist aber dennoch erlaubt. Man spricht dann von Off-Label-Use. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten in der Regel nicht. Atomoxetin Seit 2005 wird in Deutschland auch der Wirkstoff Atomoxetin eingesetzt, der sich in Studien ebenfalls als effektiv erwiesen hat. Atomoxetin wirkt im Gegensatz zu MPH über 24 Stunden. Dafür tritt die volle Wirkung erst einige Wochen nach

AD(H)S: KEIN SCHRECKGESPENST

25

In Studien wurde gezeigt, dass die Gabe von MPH nicht zu einer Abhängigkeitsentwicklung führt oder beiträgt. Vielmehr scheint sie das Risiko für eine frühzeitige Nikotin-, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit zu vermindern.


Einnahmebeginn ein. Als Nebenwirkung soll besonders auf das Auftreten von Suizidgedanken und Leberwerterhöhungen geachtet werden. Die Wirkstärke von Atomoxetin ist nicht so hoch wie die von MPH. Aber unter bestimmten Umständen, beispielsweise wenn eine 24-Stunden-Wirkung dringend erforderlich erscheint oder bei begleitender Ticoder Angststörung, kommt es als Wirkstoff der ersten Wahl infrage. Für den Einsatz bei Erwachsenen ist Atomoxetin nur dann zugelassen, wenn die Behandlung vor dem 18. Geburtstag begonnen wurde. Die Verschreibung kann aber als OffLabel-Use dennoch erfolgen, wenn diese Bedingung nicht erfüllt wird. Andere Wirkstoffe Auf weitere Medikamente soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Sie werden nur bei einem wesentlich kleineren Prozentsatz der Betroffenen eingesetzt, bei denen die beschriebenen Wirkstoffe nicht den gewünschten Effekt haben, nicht angewendet werden dürfen oder bei denen Begleiterkrankungen bestehen. Vorzugsweise bei Erwachsenen werden zum Beispiel spezielle Antidepressiva verordnet.

26

ACH DU SCHRECK! ADS

»Es gibt Menschen, die Hanna und mir gesagt haben, dass sie ihrem Kind nie mehr Ritalin geben werden. ›Da will ich lieber einen Zappelphilipp als einen so vor sich hin träumenden Jungen, den ich gar nicht mehr wiedererkenne.‹ Bei anderen hat nach der Einnahme von Medikamenten das Leben wieder Einzug gehalten. Ob eine medikamentöse Behandlung notwendig ist, richtet sich vor allem nach dem Leidensdruck des Patienten und seiner Umwelt. Kommt ein Patient gut damit zurecht, kann es ihm ein ganz neues Lebensgefühl vermitteln. Es hat mal jemand gesagt, die Wirkung der Medikation könne etwa so dramatisch sein wie ›eine Brille bei einem Kurzsichtigen‹. ARNO BACKHAUS

Die multimodale Therapie Ich habe nun so viel über Medikamente geschrieben, dass ein falscher Eindruck entstehen könnte. Natürlich wäre es wünschens- und erstrebenswert, ohne jegliche »Chemie« auszukommen. Dennoch lässt sich die Gabe von Medikamenten durch


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook