Edition Lichtstrahlen
Michael Diener (Hrsg.)
Leuchtstoff 3
Die anderen Psalmen 52 Andachten
BORN-VERLAG Ev. Allianz in Deutschland | Gnadauer Verlag
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Der Herausgeber Dr. Michael Diener, Jahrgang 1962, wohnt in Kassel, ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Er ist Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz.
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Gedruckt auf FSC-zertifiziertem Papier. ISBN 978-3-87092-533-8 Bestellnr. 182.533
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Die Psalmen Ohne die biblischen Psalmen kann ich mir mein Leben gar nicht vorstellen. Seit Tausenden von Jahren rühren diese Gebets-und Liedworte Menschen an – ganz besonders Menschen jüdischen und christlichen Glaubens. Seit Jahrtausenden sind Psalmen Brückenbauer, weil sie menschliche Urerfahrungen beschreiben und mit dem lebendigen Gott in Verbindung bringen. Seit Jahrtausenden wurden die Psalmen übersetzt, übertragen, umformuliert – in viele Sprachen und unzählig oft in die ganz persönlichen Sprachen unserer Herzen und Gedanken. In diesen „Segensfluss“ der Psalmen möchte sich Leuchtstoff 3 einreihen. Wie klingen vertraute Psalmtexte in der Sprache unserer Zeit? Obwohl ich persönlich ganz eng mit den Luthertexten verbunden bin, ist es absolut notwendig und wichtig, dass die biblischen Texte zu Menschen sprechen, die aus ihrer Geschichte eben nicht über diese Traditionsprägung verfügen. Die Übersetzung BasisBibel Psalmen der Deutschen Bibelgesellschaft widmet sich genau dieser anspruchsvollen Aufgabe. Und zugleich werden 52 bekanntere und unbekanntere Psalmtexte nun von ganz unterschiedlichen Christinnen und Christen in diesem Buch ausgelegt. Psalmen als Brückenbauer in der großen christlichen Familie und in die Sprachwelt unserer Zeit. Ich bin sehr dankbar, dass ich an diesem wunderbaren Projekt Anteil haben darf, und ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, dass diese „heiligen Texte“ ganz neu zu uns sprechen und Eingang finden in die Sprache und den Alltag unseres Lebens.
Dr. Michael Diener Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz, Kassel 3
Psalm 1,1-2 Glücklich ist der Mensch, der in dieser Weise lebt: Er folgt nicht dem Vorbild der Frevler und er betritt nicht den Weg der Sünder. Mit Leuten, die über andere lästern, setzt er sich nicht an einen Tisch. Vielmehr macht es ihm Freude in der Heiligen Schrift zu lesen. Tag und Nacht denkt er darüber nach und sagt Gottes Wort laut vor sich hin. Was ist Glück? Darauf geben Menschen ganz unterschiedliche und vollkommen individuelle Antworten. Interessanterweise zeigen diverse Studien und Umfragen, dass deutlich mehr Menschen in Entwicklungsländern sich als „glücklich“ bezeichnen als in unseren hoch entwickelten Industriestaaten. Entscheidend ist, was wir zum Glücklichsein brauchen und mit wem oder mit was wir uns dabei vergleichen ... Wenn wir die besondere Bedeutung des ersten Psalmes für die Auslegung der Psalmen ernst nehmen, dann dürfen wir die Psalmen getrost auch als Anleitung zum Glücklichsein lesen: „Glücklich ist der Mensch ...“ So beginnt der erste Psalm und markiert damit einen klaren Ausgangspunkt. Im Folgenden wird nicht über Glück spekuliert oder vage Vermutungen angestellt. Ohne vorsichtiges Abwägen und mit null Toleranz wird klargestellt, wie „Glücklichsein“ verfehlt und wie es gefunden werden kann. Für fast alles im Leben gibt es Gebrauchsanweisungen und wir wissen, wie wichtig es sein kann, dabei auf die jeweiligen Hersteller zu hören. Jeder einzelne Psalm ist durchdrungen von der Überzeugung, dass die Gebrauchsanweisung für das Leben mit dem Schöpfer des Lebens zu tun hat. Wo Gott ist, ist Leben. Wo ich auf seine Stimme, seine Worte höre, finde ich das Leben und „mein Glück“. 6
Das Wort „Glück“ leitet sich von „gelucke“ ab und bedeutet „wie etwas endet, etwas ausgeht“. Unsere Sprache weiß noch etwas davon, wie unglaublich kurz die Halbwertzeit von „Glück“ sein kann und wie wichtig es ist, dabei nicht „zu kurz“ zu springen. Was kann dann hilfreicher sein, als mit dem unfassbar kreativen Genie, das Leben erschaffen hat, im Gespräch zu sein? Und auch da ist unser Psalmöffner ganz eindeutig: Es geht nicht darum, auch mal an der biblischen Weisheit Gottes zu nippen. Es geht darum, Tag für Tag sich davon „be-stimmen“ zu lassen, diese Stimme Gottes zu hören, laut in sich aufzunehmen, sie wie eine Silberkugel im Flippergehäuse an den Reflexbändern des eigenen Lebens und jedes einzelnen Tages auf- und abprallen zu lassen. Und es ist doch wirklich nur folgerichtig, dass – so von Gottes Wort beglückt – dann bestimmte Glücksversprechen eher als Anleitungen zum Unglücklichsein erscheinen. Die Psalmen sind keine Hirnblähungen für Schreibtischtäter, sie wollen vom Herz ins Leben. Lebensentwürfe, die sich an Gott, den Mitmenschen oder an sich selbst vergreifen, sind dann eben nicht „stimmig“, sondern un-glücklich. In der biblischen Perspektive geht es weniger darum, „sein Glück zu machen“ oder „Glück zu haben“, als vielmehr darum, sich be-glücken zu lassen. Und das gerade auch dann, wenn auch ich ver-un-glückt bin. Mein Glück im Unglück ist der lebendige Gott, davon sprechen, schreien, singen die Psalmen. In ihnen finden sich alle Höhen und Tiefen des Lebens. Was mit „Glücklich ist ...“ beginnt, endet im 150. Psalm mit „Halleluja!“ Das trägt! Zum Glück! Auch heute!
Dr. Michael Diener Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz, Kassel 7
Psalm 4,5 Euer Zorn soll jetzt nicht dazu führen, dass ihr noch mehr Schuld auf euch ladet! Denkt besser noch einmal darüber nach, wenn ihr zu Bett geht, und schweigt! SELA! Diese Aussage von König David entstammt wohl einem Abendgebet und hat eine Menge mit unseren Alltagserfahrungen zu tun. Zorn, zornig werden, noch zorniger werden und mit dem Zorn einschlafen müssen, das ist schon sehr nahe dran am Leben. König David ist in einer Position, die mit Verantwortung zu tun hat. Leiten und Führen von Menschen gehört dazu. Die Umstände politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen im Blick behalten und steuern. Die Unzufriedenheit der Menschen ernst nehmen und auf alles weise reagieren. Dabei immer auch angewiesen auf die Mitarbeit von Untergebenen, die oft sehr engagiert bei der Sache sind, aber manche eben auch nur Dienst nach Vorschrift machen. Vieles läuft genau so, wie der König es sich vorgestellt und überlegt hat, aber manches auch ganz anders und schließlich schief. Allerdings, die Verantwortung für das, was misslingt und richtig danebengeht, bleibt bei ihm. Dann hat er es schlecht überwacht, dann hat er sich für die falschen Mitarbeiter entschieden, dann hat er schlecht delegiert und dirigiert. Er kann die besten Absichten gehabt, die klarsten Anweisungen gegeben haben und trotzdem ging es daneben. Es hagelt Vorwürfe! Gründe genug, um zornig zu werden, noch zorniger zu werden und zornig einschlafen zu müssen. „Ja, es stimmt, man kann sich den ganzen Tag ärgern, aber man ist nicht dazu verpflichtet.“ Dieser Spruch gefällt mir, aber wie schwer ist er umzusetzen! Dem Zorn einfach die Tür zuschlagen, wenn das so einfach wäre! Er hat nun mal eine Dynamik, die sich wie ein Feuer weiterfressen will, und je mehr Nahrung ich ihm, dem Zornfeuer, gebe, umso stärker lodert es. 8
Ich kenne das. Mit dem aufsteigenden Zorn über jemanden gerät das, was derjenige gut gemacht hat, in den Hintergrund. Plötzlich tauchen viele ärgerliche Umstände und Erinnerungen auf, die mit dieser Person zu tun haben, und dann fallen so seltsame Sprüche wie: • „Auf dich hat man sich noch nie verlassen können!“ • „Immer muss ich mich um alles kümmern!“ • „Wenn du doch wenigstens einmal einfach das machen würdest, was man dir gesagt hat!“ • „Noch nie hat mit dir mal irgendwas geklappt!“ Ohne Zorn würde ich zu solchen Verallgemeinerungen nicht kommen, die ohne Wut betrachtet, in Ruhe analysiert, niemals stimmen würden. Die Kraft des Zorns reißt eine Menge ein und zerstört so vieles. Wer im Zorn handelt, entscheidet, redet und sich verteidigt, ist blind vor Wut und damit blind für die Wahrheit und die richtige Reaktion. Was hält den Zorn auf? David sagt: Denk nach, wenn du zu Bett gehst. Schlaf erstmal drüber. Bei der Bundeswehr gab es zu meiner Zeit noch die Regel: Vor einer Beschwerdeabgabe an den nächsthöheren Vorgesetzten muss eine Nacht gelegen haben. Ob die Regelmacher der Bundeswehr Psalm 4,5 gekannt haben? Keine Ahnung. Aber es stimmt: Ich brauche Abstand. Distanz. Zeit zum Überlegen. Wie war das noch? Warum habe ich mich so aufgeregt? Ist es wirklich so schlimm? Lässt sich das nicht mehr reparieren? Bewahre dich selbst vor der ersten Zornreaktion. Gönne dir den Abstand. Gib dir die Chance für eine gute und angemessene Reaktion. Und: Versuche, den Zorn vor Gott zu bringen. Ich bete: „Herr, mache mich ruhig und hilf mir bitte, das, was mich so zornig gemacht hat, mal aus deiner Perspektive zu sehen!“ Und manchmal ist es tatsächlich passiert: Der hochrote Zorneskopf wurde heller und ein kleines verstecktes Lächeln war zu erkennen. Gott sei Dank! Pastor Burkhard Theis Bundessekretär im Bund Freier ev. Gemeinden, Dietzhölztal 9