CHRISTIAN HARTUNG
LESEPRO
BE
EIN KIRCHENKRIMI
Dieses Buch wurde auf FSC®-zertifiziertem Papier gedruckt. FSC® (Forest Stewardship Council) ist eine nichtstaatliche, gemeinnützige Organisation, die sich für eine ökologische und sozialverantwortliche Nutzung der Wälder unserer Erde einsetzt.
Leseprobe © 2014 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Andreas Sonnhüter, Düsseldorf, unter Verwendung der Bilder von © FCG/shutterstock, Piotr Krzeslak/shutterstock, Andre Bonn/shutterstock Lektorat: Daniela Wagner DTP: Breklumer Print-Service, Breklum Verwendete Schriften: Futura Light, Adobe Garamond Pro Gesamtherstellung: cpi books, Ebner & Spiegel, Ulm Printed in Germany ISBN 978-3-7615-6096-9 Print ISBN 978-3-7615-6097-6 E-Book www.neukirchener-verlage.de
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Am Sonntag Judika des Jahres 1983 brach der geachtete Rechtsanwalt Dr. Arno Schenkendorf während des Orgelnachspiels in der evangelischen Kirche in Haan zusammen, als er sich mit den anderen Gottesdienstbesuchern auf dem Weg zum Ausgang befand. Der Vierundsiebzigjährige war ein regelmäßiger Kirchgänger und seit vielen Jahren im Presbyterium der Kirchengemeinde. Die Organistin – meine Großmutter Elisabeth Breuning in einem ihrer letzten Vertretungsdienste – hatte Mendelssohns Präludium in cMoll ausgewählt. Selbst als unten vom Mittelgang Schreie zu hören waren, spielte sie weiter: auch die Fuge, die Schenkendorf jedoch nicht mehr hörte. Wer ihm zielsicher ein Stilett zwischen die fünfte und sechste Rippe eingeführt hatte, konnte nie ermittelt werden. Der Verstorbene wurde unter großer Anteilnahme beigesetzt. Mehrere Besucher des Trauergottesdienstes wollten bemerkt haben, dass die Organistin (es war wieder Elisabeth Breuning) ein paar Takte des Horst-Wessel-Liedes in ihr Spiel eingeflochten habe, freilich spöttisch verfremdet und verzerrt; andere meinten dagegen Motive aus der Internationalen entdeckt zu haben. Doch warum hätte meine Großmutter diese Stücke spielen sollen?
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Sie wurde am 1. August 1914 geboren, am Tag, an dem der Erste Weltkrieg ausbrach. Als Europa und die Welt zum zweiten Mal im Krieg versanken, waren ihr Unschuld und Glück längst abhanden gekommen. Dafür hatte sie einen kleinen Sohn, besaß aber nichts, um ihn großzuziehen. Jeder empfand es als glückliche Fügung, dass gerade die Stelle des Organisten vakant wurde. Warum sollte sie es anders empfinden? Ihr Vater war einer der beiden Gemeindepfarrer. Dank seiner Vermittlung konnte sie den Posten zunächst vertretungshalber übernehmen. Damit war doch für sie und das Kind gesorgt. Gewiss waren es Dankbarkeit und eine dem Leben gegenüber neu gewonnene Bescheidenheit, die sie auch später nichts anderes suchen ließen. Das Presbyterium gab seinen anfänglichen Widerstand schließlich auf – und nach dem Krieg war man froh, dass man sie hatte. Inzwischen stellte sie keine Ansprüche mehr. Nur manchmal blitzte in ihrem Spiel etwas völlig Unerwartetes auf. Dann schien zugleich die Ahnung von einem Leben durch, das sie unter anderen Umständen vielleicht hätte führen können. Als Rentnerin half sie häufig aus, hörte damit jedoch nach der Beisetzung Arno Schenkendorfs plötzlich auf. Als die alte Orgel wenige Jahre später abgebaut und durch eine neue ersetzt wurde, wollte sie nicht einmal eine Pfeife zur Erinnerung haben. Die ihr verbleibenden dreißig Lebensjahre widmete sie anderen Tätigkeiten und Interessen. Der Tod fand sie bereit und, wie mir schien, gleichermaßen voll wehmütigen Bedauerns wie neugieriger Sehnsucht. Ich wusste, wen sie wiederzusehen hoffte. In ihren letzten Augenblicken wurde ihr Gesicht wieder ganz jung. Ich kannte sie als zierliche und kleine Frau von stiller Freundlichkeit, die gerne für sich blieb. Jedes besondere Interesse an ihrer 11
Person wehrte sie ab, wie man geduldig Fliegen verscheucht, denen man ihr Tun zwar nicht verübelt, die man aber doch umso bestimmter fernhält von allem, woran Fliegen nun einmal Interesse zeigen. Nur noch Ausgewählten gegenüber erlaubte sie ihren Augen, zu leuchten wie in der kurzen Zeit ihres unbeschwerten Glücks, und wusste im Übrigen gut zu verbergen, was sie damals wirklich empfunden hatte. Bis ich als unbedarfter Gymnasiast zum ersten Mal daran rührte und unbeabsichtigterweise ihre geheime Asservatenkammer öffnete. Stephan Delbrück und ich sollten im Geschichte-Leistungskurs ein Referat über die Ereignisse in Haan während der Machtergreifung Hitlers halten. Berlin wäre weit genug fort gewesen, das hätte hier niemanden gestört. Doch ich möchte Herrn Krauss zugutehalten, dass er vermutlich nicht ahnte, was er mit dieser Aufgabe bei uns auslösen würde. Ich hatte seinen Kurs eher aus Verlegenheit gewählt und bereute dies bereits. Vielleicht wäre das anders gewesen, wenn wir uns mehr mit den alten Römern oder dem finsteren Mittelalter beschäftigt hätten als mit Zeiten, die noch nahe genug waren, um Unheil anzurichten. Ich verfügte über eine lebendige Fantasie, welche mir die Unterrichtsgegenstände näher rückte, als mir lieb war. Sie verfilmte sie mir ungefragt mit ausführlichen Tagträumen, die mich zeitweise vergessen ließen, dass wir bereits 1983 schrieben und nicht 1933. Ich geriet in die Kämpfe von Nazis und Kommunisten, wurde schreckensstarr zum Zeugen äußerst brutaler Szenen, rannte durch Haans Straßen und Gassen, floh im Ittertal die Hänge hoch und in die Büsche, wurde wechselweise von den einen oder den anderen gestellt, für einen ihrer Gegner gehalten und entsprechend behandelt. Welche Heldentaten ich auch versuchte – am Ende fand ich mich zwischen allen Stühlen, verfolgt und gehetzt und ohne Zuflucht. Da mir zur gleichen Zeit die mühsam bewahrten Reste eines halb verschütteten Kinderglaubens abhanden kamen, fühlte ich mich zunehmend ungeborgen. Wenn ich mich noch einmal in unsere Kirche verirrte, sah ich im mittleren Chorfenster den segnenden Christus von einer anderen Welt hereinschauen und unbeteiligt dort schweben – unerreichbar und ohne sich im Mindesten 12
darum zu bemühen, näherzukommen und sich irgendwo, vielleicht gar neben mir, niederzulassen. Mein Blick glitt immer wieder von ihm fort zur Stirnwand neben dem Chorbogen, zu den dort links oben gemalten Tafeln der Zehn Gebote und dem Satz: „Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit.“ Damals verstand ich noch nicht, dass es besser sein kann, die Wahrheit nicht zu kennen.
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„Herr Breuning, Herr Delbrück, von Ihnen hätte ich gerne ein Referat zu den Geschehnissen um Hitlers Machtergreifung. Den Geschehnissen hier in Haan. Wie hat sich dieses Ereignis in unserem Städtchen niedergeschlagen? Was passierte in den Wochen davor? Was danach? – Sie müssen das aber erst Ende des Monats vortragen. Zum Beispiel in der Woche vor dem dreißigsten Januar?“ So gemütlich zurückgelehnt, geradezu augenzwinkernd, wie Herr Krauss gleich nach den Weihnachtsferien seine Aufgabe stellte, blieb leider auch mir der darin liegende Sprengstoff verborgen. Ich weiß nicht, wie weit Stephan ahnte, in was wir da verwickelt wurden. Im Hinausgehen schlug er mir vor, uns in den nächsten Tagen zu treffen, „um den Stoff zu sichten“. Ich nickte bloß. Die anschließende Mathematikstunde nahm meine Gedanken mehr in Anspruch. Erst als ich mich nach der Schule aufs Rad schwang, dachte ich wieder an die Aufgabe. Ich fuhr an den schmutzigen Resten des ersten Schnees dieses Jahres vorbei. In der Tasche auf dem Gepäckträger befanden sich nicht meine Schulbücher, sondern ein großer Stapel kommunistischer Flugblätter. Und dort vorne am Güterbahnhof wartete ein Trupp der Hitlerjugend auf mich. Auch hinter mir – ein rascher Blick zurück über die Schulter bestätigte meine böse Ahnung. Die ganze Umgebung sah feindlich aus – so, wie ich sie mir um 1933 vorstellte. Was sollte ich tun? Der HJ in die Hände zu fallen, wollte ich gerne vermeiden; dass meine Flugblätter ihnen in die Hände fielen, galt es unter allen Umständen zu vermeiden. Doch meine Lage war aussichtslos. Ich war allein, und die anderen waren viele. Sie brauchten sich nicht zu beeilen. Zur Linken versperrten mir die Lagerhallen einen möglichen Fluchtweg und zur Rechten der Gleiskörper. Und dort bemerkte ich jetzt die 15
motorisierte Draisine. Die Arbeiter auf dem Fahrzeug, das auf meiner Höhe angekommen war, winkten und riefen mir zu und zeigten auf meine Tasche. Ich lenkte das Fahrrad in die Brennnesseln und Disteln, ließ es dort fallen, riss die Tasche vom Gepäckträger und stolperte hastig auf die Gleise, warf die Tasche auf die Draisine und wollte mich gerade hinterherziehen, als mich jemand von hinten packte. Ich versuchte, mich freizukämpfen und zugleich das Fahrzeug nicht loszulassen, doch ich hatte keine Chance. Da hörte ich hinter mir einen lauten Schrei, der Griff, der mich gefangen hielt, lockerte sich plötzlich, andere Hände griffen von der Draisine nach mir und zogen mich hoch. Ich sah einen der Arbeiter mit einem schweren Schraubenschlüssel in der Hand da stehen – und am Rand der Gleise einen der Hitlerjungen in verkrümmter Position in einer Blutlache liegen … Unwillig schüttelte ich den Kopf und fuhr wieder an, als die Ampel an der Bahnhofstraße auf Grün sprang. Ich schämte mich plötzlich und meinte, man müsse mir meine Träumereien ansehen – auch wenn mich niemand weiter zu beachten schien: einen unscheinbaren, blassen Oberschüler im grünen Parka, wie sie ihn damals fast alle trugen; und mein Schnurrbart war noch zu frisch, um wirklich ernst genommen zu werden. Immerhin konnte ich meine Fantasien jederzeit wieder abstellen wie einen Fernseher. Diesen Gefallen würde mir die Realität leider nicht tun. Ich fuhr zu meiner Großmutter. Das tat ich immer noch oft, nachdem ich mehr oder weniger bei ihr aufgewachsen war. Meine Mutter und meine große Schwester arbeiteten bis nachmittags und ich mochte es einfach nicht, in eine leere Wohnung zu kommen. Aus dem alten, verwinkelten bergischen Häuschen meiner Großmutter war meistens Musik zu hören. So auch an jenem Tag. Sie hatte die Terrassentür, durch die ich in der Regel eintrat, angelehnt stehen und übte auf ihrem alten Klavier, das sich nicht mehr richtig stimmen ließ und dennoch willig ihren Fingern überallhin folgte. Leise setzte ich mich auf das mit Noten, Büchern und Zeitungen überladene Sofa, wofür ich Charles-Marie Widor (nicht den Komponisten, sondern den alten Kater meiner Großmutter) anheben musste, der auf dem einzig freien Platz sein Mittagsschläfchen hielt und es auf meinen Beinen fortsetzte. Ich kraulte Monsieur Widor sanft hinter den 16
Ohren, er schnurrte kaum hörbar, und meine Großmutter spielte ihr Stück in Ruhe zu Ende, bevor sie sich halb auf dem Klavierhocker nach mir umdrehte und mich lächelnd willkommen hieß. „Felix.“ „Großmutter.“ Unsere übliche Begrüßung. Wir brauchten nicht viele Worte. Daher verstand sie auch ohne Worte, dass mich eigentlich etwas beschäftigte, auch wenn ich es inzwischen schon halb wieder vergessen hatte. „Du siehst nachdenklich aus.“ „Hm.“ Ich kraulte, Monsieur Widor schnurrte und meine Großmutter lächelte behutsam. Es war dieses Lächeln, das ich so besonders an ihr mochte. Es ließ sie immer viel jünger aussehen. Ich fand, dass sie trotz ihrer achtundsechzig Jahre eine schöne Frau war. Eine unprätentiöse Art von Schönheit, die viel mit diesem Lächeln zu tun hatte, das einerseits einladend und herzlich war und andererseits manche Geheimnisse zu bergen schien. „Ich könnte uns Pfannkuchen machen. Und du könntest erzählen, was dich beschäftigt. Wenn du magst.“ Ich setzte Charles-Marie Widor wieder auf seinem angestammten Platz ab und folgte ihr in die kleine Küche. Dort nahm ich mir einen wackeligen Holzhocker und schaute meiner Großmutter zu, wie sie Pfannkuchenteig anrührte. Dabei erzählte ich, ohne lange darüber nachzudenken, von der Aufgabe, die Stephan und ich bekommen hatten. Einmal dabei, erzählte ich auch von meinen Tagträumen und den wirren Fantasien, die mich verfolgten. Irgendwann brach ich ab. Bestürzt nahm ich wahr, dass meine Großmutter, die mir zuerst interessiert und dann ernst und konzentriert zugehört hatte, plötzlich ganz verloren aussah. Sie schien alles um sich herum vergessen zu haben, mich und den Teig eingeschlossen. So hatte ich sie noch nie gesehen. Auf einmal wirkte sie viel älter, als sie tatsächlich war. Und zugleich wie ein verlassenes Kind. Ein Mädchen, dem man Leid zugefügt und das man dann damit alleingelassen hatte. Ich schwieg und biss mir auf die Lippe. Da fing sie sich wieder. Doch das schöne Lächeln war verschwunden. Ihre Miene hatte 17
etwas Hartes, Abwehrendes bekommen. Ich verstand, dass es nicht mir galt. Doch ich hatte es ausgelöst und hätte das gerne ungeschehen gemacht. „Lass uns von was anderem reden, Großmutter. Das Thema bringt‘s echt nicht. – Ich bin nur froh, dass ich nicht wirklich damals gelebt hab!“ Kaum hatte ich diesen Satz gesagt, bereute ich ihn. „Du kannst ja nichts dafür, Felix“, murmelte sie. „Vielleicht verstehst du es irgendwann einmal …“ Dann gab sie sich einen Ruck und zwang sich zu etwas, das für einen Fremden notdürftig als Lächeln durchgehen konnte. „Holst du mir ’ne Pfanne und machst ’n bisschen Butter heiß? Der Teig wäre so weit!“ Ich kramte eine Pfanne hervor, erhitzte ein Stück Butter und schaute zu, wie meine Großmutter eine Schöpfkelle des Teigs in der Pfanne verteilte, nun wieder ganz bei der Sache. Scheu blickte ich sie von der Seite an, was in meinem Fall auch bedeutete, etwas auf sie herunterzuschauen, denn sie reichte mir nur bis zur Schulter. Ich hätte sie gerne in den Arm genommen, ihr einen Kuss gegeben, doch trotz meiner Länge, meiner achtzehn Jahre und meines noch recht neuen Schnäuzers fühlte ich mich wie ein hilfloser kleiner Junge. Als ich nun auch noch glaubte, es in ihren Augen glänzen zu sehen, verlor ich endgültig die Fassung und wartete stumm ab, wie die Dinge sich entwickeln würden. Ich hatte sie schon vor Freude und Glück weinen gesehen, auch bei einem anrührenden Film brauchte sie ein oder mehrere Taschentücher – aber das hier war etwas Neues. Zwar verstand ich nicht, worum es genau ging, doch begriff ich sehr gut, dass es etwas mit dem Vortrag zu tun hatte, den Herr Krauss von Stephan und mir verlangte. Es gelang uns tatsächlich, über andere Dinge zu sprechen. Doch der Mittag war verdorben. Er hatte alles verloren, was diese Mittage bei meiner Großmutter sonst auszeichnete: die Leichtigkeit, das liebevolle, herzliche Willkommen, die Musik in der Luft. Meine Großmutter war völlig verstört, wenn sie sich auch alle Mühe gab, es mich nicht merken zu lassen. Und ich wagte nicht, nachzufragen. Bald sollte ich verstehen, dass ich in aller Unschuld das Bollwerk zerstört hatte, das sie über Jahrzehnte hinweg um unbetretbare 18
Regionen ihres Herzens errichtet hatte wie eine hohe Mauer um einen alten Garten. Ich kannte sie nur in ihrem Häuschen mit ihren Noten, Büchern und Schallplatten, ihrem Klavier und ihrem alten Kater. Von ihrer Jugend ahnte ich nichts, daher hatte ich auch nie danach gefragt. Nun hatte ich diese Schutzmauern zum Einsturz gebracht. Sie merkte, dass ich im Geiste durchlebte, was sie in Wirklichkeit hatte durchstehen müssen. Mehrmals schien sie anzusetzen, mir etwas zu erzählen, beließ es jedoch dabei. *** Am Abend dieses Tages kehrte ich noch einmal zu ihr zurück. Diesmal erklang kein Klavierspiel durch die trotz der Abendkälte wieder angelehnt stehende Terrassentür, sondern Zigarettenqualm bahnte sich einen Weg nach draußen. Ich hatte meine Großmutter kaum je rauchen gesehen – und wenn, dann nur eine einzige Zigarette in einem Augenblick völliger Entspanntheit. Es passte gar nicht zu ihr, zu rauchen, um sich von innerem Druck zu befreien. Jetzt war es nicht einmal die erste Zigarette, wie ihr Aschenbecher zeigte. Sie hatte die Stapel auf ihrem Couchtisch beiseitegeschoben und so Platz geschaffen für alte Fotos, die sie aus einer verbogenen Zigarrenkiste holte und auf der Tischplatte vor sich ausbreitete. Bei dieser Tätigkeit überraschte ich sie und fühlte mich sofort als unwillkommener Eindringling. Beschämt senkte ich den Blick. Unerwartet warm und freundlich meinte sie: „Komm, Felix. Setz dich neben mich. Du darfst auch gucken.“ Es mochten an die fünfzig Bilder sein – alte Schwarz-Weiß-Fotos, überwiegend in privaten Dunkelkammern abgezogen. Das, welches sie gerade in der Hand hielt, war ein Schnappschuss – doch der eines wahren Könners; so viel erkannte ich, auch wenn ich damals noch nicht viel von Fotografie verstand. Ein hinreißend hübsches Mädchen hatte sich übermütig bei einem jungen Mann eingehängt und lachte unbeschwert in die Kamera. Ich pfiff unwillkürlich: „Mann, Großmutter, du warst ja echt ’n heißer Feger!“ Lächelnd nahm sie das Kompliment hin, antwortete jedoch nicht. 19
Dann schaute ich mir den Jungen genauer an. Er hatte eine Schiebermütze lässig etwas zur Seite geschoben und eine Zigarette im Mundwinkel. Irgendetwas in seinem Gesicht erinnerte mich an jemanden, den ich meinte, kennen zu müssen. „Wer ist das?“ Sie zuckte mit den Schultern und antwortete ausweichend: „Leo Bronski. Sein Bruder Robert hat uns fotografiert.“ Es war, als werfe sie mir diese Bröckchen hin, damit ich nicht nach dem fragte, was sie mir verschwieg. Eine Frage drängte sich mir gleichwohl auf: „Was ist aus ihnen geworden?“ „Sie sind beide schon lange tot“, erwiderte sie leichthin und doch fast widerwillig. Ich verstand, dass ich hier nicht weiterfragen sollte. Jedenfalls noch nicht. Also schwieg ich. Während ich wartete, ob vielleicht doch noch etwas kommen würde, betrachtete ich die anderen Fotos. Immer wieder dieser Leo Bronski und meine Großmutter, mal zu zweit, mal einzeln, mal mit anderen Personen. Viele der Aufnahmen eindeutig von demselben ausgezeichneten Fotografen. „Der konnte wirklich fotografieren!“ Mit einem leisen bitteren Lachen erwiderte sie: „Er war immer mit seiner Kamera unterwegs. Bestimmt wäre er ein ganz großer Fotograf geworden! Sie haben ihm erst die Kamera zerschlagen – und dann ihn selbst.“ Es gab eine natürliche Erklärung dafür, dass mir eiskalt wurde. Es war Januar und bereits dunkel – und die Tür zum Garten stand immer noch halb offen. Ich hatte sie nicht hinter mir geschlossen. Und es gab die andere Erklärung. Meine Tagträume waren in der Wirklichkeit angekommen. „Wer hat das getan? Die Nazis? War er Kommunist? Und Leo auch? War Leo dein Freund?“ Sie räumte die Fotos energisch zusammen. Ich wusste, dass ich an diesem Abend keine weitere Erklärung mehr bekommen würde. *** Ich saß auf meinem Bett, die Knie angezogen, und schaute ins Leere. 20
Leo Bronski. Meine Großmutter war also in einen jungen Kommunisten verliebt gewesen. Und seinen Bruder Robert hatten sie umgebracht – so viel hatte ich von ihr erfahren. „Sie“ – das waren offenbar die Nazis. Wie in meinen Tagträumen. Es hatte eine Schlägerei gegeben. Robert war mit seiner Kamera dabei gewesen, hatte vielleicht das Ganze dokumentieren wollen. Da hatten sie ihm die Kamera entrissen und kaputt geschlagen; und dann ihn selbst. Ich hatte keine Ahnung, wo das gewesen sein sollte. Doch da meine letzte Fantasieschlägerei vor der Bruchermühle stattgefunden hatte, siedelte ich auch diese dort an. War es ein geplantes Zusammentreffen und Robert deshalb mit der Kamera dabei – oder hatten sie etwas anderes vorgehabt und waren in den Hinterhalt eines Schlägertrupps der SA geraten? Ich tippte auf Letzteres. „Passt auf! Die Braunen!“ Robert, der das Treffen der kleinen Gruppe festgehalten hatte, wirbelte herum, riss die Kamera hoch und drückte ab, alles fast in einer Bewegung. Mit dem heiser gebrüllten Ruf „Nehmt das für Karl Paas, ihr roten Schweine!“ stürzten sich mehrere Braunhemden auf einen seiner Kameraden. Paas war ein Parteigenosse aus Solingen-Gräfrath gewesen, den die Nazis als Märtyrer stilisierten. Er war vor gut zwei Jahren vom Lastwagen gefallen und an seinen Verletzungen gestorben – nach dem eigentlichen Handgemenge auf der Straße. Dass die Kommunisten damit etwas zu tun gehabt hätten, war nie bewiesen worden, doch Paas war seitdem ein Held, ein „Gefallener der Bewegung“, für die NSDAP ein gefundenes Fressen. Nach der Beerdigung hatten ihre Schläger zu Hunderten von LKWs herab im roten Haan randaliert. Robert drückte wieder auf den Auslöser, im gleichen Moment, als sein Kamerad zu Boden ging. Blitzschnell stellte sich ein anderer schützend vor ihn und raunte ihm zu: „Hau ab damit und sieh zu, dass die Fotografie was wird!“ Die Nazis waren in der erdrückenden Überzahl, die Kommunisten dagegen nur eine Handvoll und nicht auf den Angriff vorbereitet. Robert verstand, dass er nur mit seinen Aufnahmen helfen konnte, und trat vorsichtig den Rückzug an, nicht ohne noch ein paar der mit schweren Knüppeln, Steinen und Brettern bewaffne21
ten prügelnden Braunhemden auf seinem Film festzuhalten. Diese Schlacht hier war verloren, kaum dass sie begonnen hatte. Doch die Fotos waren Gold wert! Unbemerkt gelang es ihm, in die Itter zu steigen und im Schutz des Buschwerks am Ufer ein Stück voranzukommen. Doch bald wurde er entdeckt. Einige der Gegner sprangen vor ihm in den Bach – hinter ihm war das Gefecht ohnehin im Gange. Rasch war er umzingelt. Die ersten Hiebe galten der Kamera, die Knüppel sausten auf seinen schützend darübergelegten Arm und zerbrachen ihm die Hand. Er wurde umgerissen und ins Wasser gestoßen, ein schwerer Stiefel zertrat die Kamera und dann seine Nase. Einer seiner letzten Gedanken war, dass sie nun doch von ihm ablassen würden, sie hatten ja alles erreicht, der Film war zerstört und er hatte seine Abreibung bekommen. Da drückten ihn die Stiefel wieder unter Wasser, das längst mit seinem Blut vermischt war ... Mein Herz schlug heftig. Ich hasste diese Geschichten! Ich wollte sie mir nicht ausdenken, wollte nicht von ihnen überwältigt und bis in die Träume verfolgt werden! Und was wusste ich denn darüber, wie es wirklich gewesen war! Ich saß hier in meinem warmen Bett und dachte mir Schauermärchen aus. Als ich mich wieder beruhigt hatte, konnte ich der durchaus nüchternen inneren Stimme Gehör schenken, die lediglich einwandte, dass ich der Wirklichkeit vermutlich eben sehr nahe gekommen war. So oder so ähnlich musste es sich zugetragen haben. Ich wusste von Robert Bronski fast nichts. Er war Kommunist – das waren damals in Haan viele. Höchstwahrscheinlich war er Arbeiter in einer der umliegenden Fabriken. Jedenfalls war er ein begnadeter Fotograf und zusammen mit seiner Kamera umgebracht worden. Irgendwann nachdem er die Fotos von seinem Bruder und dessen Freundin aufgenommen hatte. Ungefähr in der Zeit, die Stephan und ich recherchieren sollten. Damals war meine Großmutter achtzehn Jahre alt, Leo Bronski höchstens geringfügig älter. Das Foto war im Winter aufgenommen, auf der Kaiserstraße, die Bäume waren kahl. Es konnte Januar gewesen sein.
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Ich hatte ihr schwören müssen, Stephans Großvater nicht darauf anzusprechen. Das war sicher besser so. Was hätte ich sagen sollen? „Hallo Nazi?“ Oder gleich: „Hallo Mörder?“ Ich war noch nicht in dem Alter, in dem man so etwas für sich behält. Meine Großmutter war nicht bereit, mehr zu verraten. Doch die Andeutungen reichten mir. Ich sah in dem gepflegten, eleganten älteren Herrn, der mit übereinander geschlagenen Beinen (Bügelfalte, teure Schuhe) in Stephans Wohnzimmer saß, nicht mehr den freundlichen, interessanten Großvater meines Schulkameraden, sondern den Mörder meines Großvaters. Aber ich wusste immer noch so gut wie nichts und hatte meiner Großmutter hoch und heilig versprochen, den Mund zu halten. „Du bist also Felix. Stephan hat mir von dir erzählt! – Nein, entschuldige, eigentlich sollte ich ja ‚Sie‘ sagen!“ „Ist schon okay …“, murmelte ich, denn das erwartete er doch anscheinend und ich wollte ihm keinen Angriffspunkt bieten. „Wie du willst! – Ja, vielmehr, von dem Referat, das ihr beide aufbekommen habt, hat er mir erzählt. Und mich gebeten, ihm ein wenig über die Zeit damals zu berichten. Nun, ehrlich gesagt: Ich glaube, die Heldengeschichten so eines alten Knochens sind wahrscheinlich das Letzte, was euch interessieren dürfte!“ Er lachte kurz und ich lächelte höflich. Seine Augen lachten nicht. „Ich war damals nicht viel älter als ihr jetzt. Da nimmt man Dinge anders wahr, lässt sich auch viel bereitwilliger in manches hineinziehen. Nun, es war keine leichte Zeit und die Dinge entwickelten sich dann rasch in eine Richtung, die … – nun, sagen wir: Das hat man nicht gleich so vorhergesehen und am Ende war man froh, dass man heil wieder draußen war. Eine sehr heftige Zeit und – ich will es mal so sagen: Wir hatten einfach noch keine funktionierende Demokratie; und 39
die Probleme unseres Landes hätten auch viel stabilere Nationen auf eine harte Probe gestellt. Das breitete sich ja wie ein Flächenbrand in Europa aus.“ Und so ging es noch eine ganze Weile weiter. Er sprach, ohne etwas zu sagen. Schwieg mit vielen Worten – die meisten davon nichtssagende Phrasen. Heldengeschichten bekamen wir tatsächlich keine zu hören. Doch in dem Nebel, den er verbreitete, verschwammen alle Konturen. Als er sich endlich freundlich lächelnd erkundigte, ob wir noch etwas Bestimmtes von ihm wissen wollten, hätte ich hunderte Fragen an ihn gehabt und wahrscheinlich nicht mehr an das strikte Verbot meiner Großmutter gedacht. Aber auch ohne weitere Wortnebel wusste ich jetzt schon, wie es lief, und hätte mir seine Antworten genauso gut selber geben können. Ich fühlte mich unterlegen und ausgeliefert. Zugleich wusste ich, dass ich nicht eher ruhen würde, bis ich die ganze Wahrheit aus wem auch immer herausgepresst hatte. „Danke, Opa, ich glaube, das hilft uns schon viel weiter“, meinte Stephan und ich nickte vage. „Ich denke, wir fangen jetzt einfach mal an und gucken, wie weit wir kommen.“ „Sehr vernünftig! Und wenn ihr mich braucht, dann meldet euch!“ *** „Hat uns das jetzt wirklich weitergeholfen?“ Stephan war wenigstens ehrlich. Doch ich blieb höflich. „Direkt für die einzelnen Ereignisse wahrscheinlich nicht. Aber war schon ganz interessant, jemanden, der dabei war, mal so die Stimmung beschreiben zu hören.“ Er lächelte resigniert. „Danke, dass du‘s so aufnimmst! Mein Opa ist sonst echt ’n prima Kerl, aber ich glaub, es war ’n Fehler, ihn auf die Geschichte hier anzusprechen. Dann wollte er aber unbedingt jetzt da sein und uns was erzählen. Was er ja dann eigentlich gar nicht getan hat …“ „Wahrscheinlich wollte er mich mal kennenlernen …“, murmelte ich mit gesenktem Blick. Erst als Stephan eine Weile nicht antwortete, schaute ich rasch zu ihm hinüber und dann beschämt wieder fort, nachdem ich sein fragendes Gesicht gesehen hatte. Ich 40
sollte auch ihm nichts von dem erzählen, was ich von meiner Großmutter erfahren hatte. Außerdem wusste ich nichts Bestimmtes. Eigentlich nur, dass Stephans Großvater eine örtliche SA-Größe gewesen war und möglicherweise irgendwie seine Hand dabei im Spiel gehabt hatte, dass mein Großvater in diesem KZ ums Leben kam. Ich wusste jetzt, wie Schenkendorf lachte – so hatte er sicher auch gelacht, als er seinen Kameraden in der SA zum Beispiel Folgendes gesagt hatte: „Dieser Bronski hier, der braucht nicht mehr lebendig rauszukommen. Aber lasst euch ruhig ein bisschen Zeit. Der Kerl ist zäh – und ihr wollt doch länger was davon haben! Macht ihn so ’n paar Wochen lang mürbe und erschießt ihn dann bei einem Fluchtversuch oder lasst ihn Selbstmord begehen – na, euch wird schon was Nettes einfallen, Jungs!“ „Felix?“ Ich zuckte zusammen. „Du bist in letzter Zeit total abwesend und wirkst richtig bedrückt …“ „Ach, ist schon okay …“ Damit gab er sich nicht lange zufrieden. „Du weißt was von deiner Großmutter.“ Was nun? Ich setzte schon an zu sagen: Weißt du, Stephan, es ist besser für uns beide, wenn ich dir das nicht weitersage. Doch dann kam mir eine bessere Idee. „Ja. Sie hat mir von ihren Eltern erzählt. Die waren offenbar ziemlich stramme Nazis. Und dabei war mein Urgroßvater Pfarrer! Das passt eigentlich gar nicht zusammen. Aber damals offenbar schon. Und meine Urgroßmutter war sogar schon vor dreiunddreißig bei der NS-Frauenschaft und hat ihre Tochter mitgenommen. Irgendwie ’n komisches Gefühl, plötzlich zu wissen, dass deine Leute Nazis waren …“ Stephan machte große Augen. Dann zuckte er die Schultern. „Ich weiß gar nicht, wie das bei meinem Großvater war. Ob der in der Partei war oder so. Ich glaub, der hat sich da nicht so für interessiert.“ Nun – um eines von Arno Schenkendorfs Lieblingsworten zu benutzen – nun, das wusste ich besser! Doch es war nicht meine Angelegenheit, Stephan aufzuklären. 41
„Komm, lass uns anfangen, dass wir ’s hinter uns bringen! Ich würd mich gern mal wieder mit was Angenehmerem beschäftigen!“ Er stimmte mir zu. Die Ablenkung war gelungen. Doch ich wusste, dass ich mich sehr lange nicht „mit Angenehmerem beschäftigen“ würde. „Mann, und dann macht die mit ’nem Kommunisten rum! Ganz schön mutig! Aber in deren Haut möchte ich dann nicht gesteckt haben …“ Ich nickte abwesend. Zurzeit mochte ich nicht einmal gerne in meiner eigenen Haut stecken.
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Die Leseprobe ist entnommen aus:
Christian Hartung Orgelnachspiel
Ein Kirchenkrimi kartoniert, 13 × 20,5 cm, 189 Seiten, ca. € 9,99 (D) / € 10,30 (A) / sFr 14,90 ISBN 978-3-7615-6096-9 Best.-Nr. 156 096 Erscheint voraussichtlich im Januar 2014
Kirchenkriminalistisches Gespür paart sich mit Vergangenheitsbewältigung: packend, spannend und aufrüttelnd
Die Stadt Haan im Januar 1983 – Die 18-jährigen Schüler Felix Breuning und Stephan Delbrück werden im Geschichtsunterricht beauftragt, ein Referat über die Vorgänge in ihrer Heimatstadt im Januar 1933 zu halten. In ihren Recherchearbeiten befragen sie Ihre Großeltern. Felix’ Großmutter, die Organistin der evangelischen Kirchengemeinde Haan, erzählt von ihrer tragischen Liebe zu einem jungen Kommunisten, der im Konzentrationslager ums Leben gekommen ist. In Stephans Großvater erkennen die beiden Jungen den ehemaligen Anführer der SA. Je weiter sie in ihren Nachforschungen voranschreiten, desto mehr dunkle Geheimnisse der Kirchengemeinde decken sie auf. Doch nicht alle Gemeindemitglieder haben ein Interesse daran, die Wahrheit der Vergangenheit ans Licht gelangen zu lassen und die jungen Männer geraten in große Gefahr …
Christian Hartung, geb. 1963, wuchs im Rheinland auf und arbeitet als evangelischer Gemeindepfarrer und Autor in Kirchberg/ Hunsrück. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.