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Ein erschĂźtternder Moment

Marcia Mitchell

Geliebter Verlorener Sohn

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Geliebter verlorener Sohn


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Geliebter Verlorener Sohn

WIE SIE ZU IHREM UNGERATENEN SPRÖSSLING HALTEN KÖNNEN, OHNE DABEI SELBST VOR DIE HUNDE ZU GEHEN

Marcia Mitchell

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Geliebter verlorener Sohn

Titel der amerikanischen Originalausgabe: SURVIVING THE PRODIGAL YEARS Copyright © 1995 by Marcia Mitchell Die amerikanische Originalausgabe ist erschienen bei Emerald Books, Lynnwood, Washington. All rights reserved. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Dorothea Appel Copyright © der deutschen Ausgabe: 1996 ASAPH-Verlag, D-Lüdenscheid Umschlaggestaltung: IMAGE GRAFIK-DESIGN, D-Landsberg Satz: Verlagsagentur H. OTTO, D-Monheim Druck: BREKLUMER DRUCKEREI MANFRED SIEGEL KG ISBN: 3-931025-10-1 Best.-Nr.: 147510

Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an Büchern, Musik etc. schreiben Sie bitte an:

ASAPH D-58478 Lüdenscheid


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Für meinen Dad William (Bill) Dummler Danke, daß Du so ein wunderbarer Vater bist. Ich liebe Dich, Dad!

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ANMERKUNG Eine sehr aussagekräftige Doppelbedeutung im Originaltext ist leider bei der Übersetzung verlorengegangen: Marcia Mitchell verwendet häufig den Begriff »prodigal« (»prodigal children«, »prodigal years«) und stellt uns damit jedesmal den Verlorenen Sohn aus dem Gleichnis Jesu vor Augen. Der heißt nämlich im Englischen »The Prodigal Son«. Nun läßt sich dieses Wort nicht einfach so übernehmen, denn »prodigal« bedeutet »verschwenderisch«, und »verloren« (nach dem »Verlorenen Sohn«) wollte ich auch nicht einsetzen. In den meisten Fällen habe ich also mit »schwierig« übersetzt, weil das ausdrückt, was gemeint ist: Jugendliche, die sich auflehnen und rebellieren, sind schwierige Kinder, und die Zeiten, in denen die Familien das durchleben, sind schwierige Jahre. Es ist nur sehr schade, daß dieser im englischen Originaltext jedesmal mit anklingende Bezug zum Gleichnis vom Verlorenen Sohn dem deutschen Leser vorenthalten bleibt. Die Übersetzerin


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INHALT Kapitel 1

EIN ERSCHÜTTERNDER MOMENT . . . . . . . . . . . . . . Seite 009 Schock – Erstes Erkennen: ‘Hier stimmt etwas nicht’ Erster Kontakt mit der Polizei Christus, unser Ruhepol in der Krise

Kapitel 2

DAS FALSCHE KIND. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 021 Leugnung – Ungläubigkeit der Eltern Leugnung – Lügen des Kindes Manipulationsversuche gegenüber dem Gesetz Gottes

Kapitel 3

JUGENDLICHEN ZUHÖREN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 031 Wer ist warum gefährdet Interviews mit schwierigen Kindern Was wir von ihnen lernen können

Kapitel 4

DIE SCHULD AUF ANDERE SCHIEBEN . . . . . . . . . . . Seite 049 Wenn das Kind von zuhause ausreißt: Die Panik Die Schuld auf andere schieben: Gesellschaft, Krankheit, ... Die Wut der Eltern Der Verlorene Sohn – Lukas 15,11-32

Kapitel 5

ZWEITE CHANCE – VOM VERSAGEN ZUM GLAUBEN . Seite 060 Schulprobleme – Abbruch Einen eckigen Klotz in ein rundes Loch stecken Der Versuch, allein damit fertigzuwerden Gottes Stärke in unserem Versagen

Kapitel 6

WAS HABE ICH NUR FALSCH GEMACHT? . . . . . . . . . Seite 071 Elterliche/familiäre Depression Schuld – alles liegt an mir

Kapitel 7

VERSCHÄMTES VERBERGEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 082 Die gesellschaftliche Schande Der Glaubwürdigkeitsverlust in der Gemeinde Christi Beispiel folgen


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Kapitel 8

HILFE! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 091 Professionelle Beratung suchen Medizinischer Beistand Geistliche Leitung Heim

Kapitel 9

MIT ABLEHNUNG UMGEHEN . . . . . . . . . . . . . . . Seite 100 Mit Schuld und Ablehnung umgehen Der Wirklichkeit ins Gesicht sehen – Kinderzimmer umräumen usw. Der Anfang persönlicher Annahme Wie Christus mit Ablehnung umging (Markusevangelium) Frustration – Unfähigkeit, die Situation zu ändern Loslassen – eine wichtige Entscheidung Herr, verändere mich; Gottes Bereitschaft, in uns zu arbeiten

Kapitel 10

ERHOLUNG SCHRITT FÜR SCHRITT . . . . . . . . . . Seite 112 Erneuerung und Wiederherstellung: geistig, körperlich, ... Neuorientierung: neue persönliche Ziele setzen Selbstwertgefühl wiedererlangen Gott erlauben zu leiten

Kapitel 11

ES IST NIE VORÜBER . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 126 Planung der kommenden Jahre Gewöhnung an eine neue Sicht des schwierigen Kindes Annahme des Kindes, wie es ist – ohne Änderungsversuch Gottes Gnade – Annahme unserer selbst, so wie wir sind

Kapitel 12

DIE ZERBROCHENE BEZIEHUNG HEILEN . . . . . . . Seite 140 Wenn Ihr Kind auf Sie zukommt Liebe, Annahme und Vergebung säen Arbeiten Sie an der Beziehung (Zeit und Mühe für den Wiederaufbau) Erlauben Sie Gott, in seiner Liebe die Kontrolle zu übernehmen

Kapitel 13

AUF ANDERE ZUGEHEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 153 Den Schmerz der Wahrheit riskieren Mit anderen leidenden Eltern in Kontakt kommen Bei Gott ist unser Leiden nie umsonst Anderen Familienmitgliedern dienen


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KAPITEL 1

Ein erschütternder Moment EINE TÜR

FÄLLT LAUT INS

SCHLOSS, das Telefon klingelt:

im Bruchteil einer Sekunde kann Ihr Leben auseinanderbrechen. Eben noch kreisten ihre Gedanken nur um unbedeutende Alltagsbelange, die Familie, das Leben allgemein, – und jäh wird Ihre Welt erschüttert. Eine Flutwelle der Emotionen reißt Sie hinaus auf die tobende See – Ihre Tochter, Ihr Sohn ist von der Riesenkrake geschnappt worden, die Rebellion, Drogen, Prostitution oder Verbrechen heißt, oder Ihr Kind ist von zuhause ausgerissen. Zum Thema Kinder- und Teenagererziehung und liebevolle Elternschaft wurden Bücher über Bücher geschrieben. Als aber meine halbwüchsige Tochter von zuhause ausriß und die Familie in den Strudel ihrer Rebellion riß, konnte ich weder Trost noch Hilfe finden. In einem einzigen tragischen Augenblick wurde mein Leben zerstört. In einem Moment wurden die Träume, die ich für meine Tochter gehabt hatte, zunichte gemacht. Alle Eltern hoffen, daß ihre Kinder eines Tages zur Unabhängigkeit von ihnen heranreifen. Sie nähren, formen und erziehen ihre Kinder so, daß diese eines Tages selbständige und leistungsfähige Erwachsene sein können. Gesunde Eltern würden nie anstreben, daß ihre Kinder ewig von ihnen abhängig bleiben. Aber manchmal kommt der Bruch zu früh. Kinder winden sich aus der Aufsicht ihrer Eltern heraus, stürzen sich vielleicht sogar aus dem Nest, lehnen die Anweisungen ihrer Eltern ab und rebellieren gegen ihre Erziehung. Das unabhängige Kind sagt: „Ich habe von euch gelernt, und jetzt bin ich stark genug, um allein zu gehen“, das re-


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bellische Kind hingegen: „Ich will eure Erziehung nicht, und obwohl ich vielleicht noch nicht in der Lage bin, allein zu gehen, will ich die Möglichkeiten, die sich mir bieten, ohne euch wahrnehmen.“ Auf jedes rebellierende Kind kommt das Leben eines, meistens jedoch mindestens zwei weiterer Menschen (der Eltern und der Familie), das erschüttert wird. Christliche Eltern werden sich in der Konfrontation an Gott wenden und Antworten auf geistliche Fragen fordern. Ich bin gerade selbst dabei, mich zu erholen, und als Betroffene will ich anderen betroffenen Eltern einige der Hilfen weitergeben, die Gott mir für die geistlichen Dilemmas gab, denen wir alle während der schwierigen Jahre unserer Kinder gegenüberstehen.

DER SCHOCK, WENN WIR DIE WAHRHEIT ERFAHREN. Ich will ehrlich sein. Ich glaubte tatsächlich alles im Griff zu haben. Wirklich! Ich wußte immer, wo meine Kinder waren und was sie taten (dachte ich zumindest). Ich gehörte zur Schulpflegschaft, besuchte die Veranstaltungen der Schulen und hielt meine Kinder an, ihre Hausaufgaben zu machen. Sie gingen jede Woche mit mir zur Kirche. Im Sommer fuhren sie zur Gemeindefreizeit, und sie lernten treu ihre Bibelverse auswendig. Ich lebte in einer rosaroten Seifenblase; ich glaubte, meinen Kindern könne nichts passieren, weil ich alles richtig machte, – jedenfalls nicht diese furchtbaren Dinge, die man in den Zeitungen liest. „Betrunkener Jugendlicher fährt in Lastwagen, zwei Tote!“ „Drogen-Razzia in Teenager-Wohnung“ „Prostitutionsring an Gymnasium aufgedeckt“ Das sind anderer Leute Kinder. Meine würden so etwas niemals tun. Sie würden noch nicht einmal daran denken. Meine Arbeit am Jugendgericht hatte mir zwar die Augen für eine Welt geöffnet, von deren Existenz ich bis dahin nichts gewußt hatte, aber selbst das hatte mich nicht vorbereitet. Es waren echte


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Jugendliche, die in echte Schwierigkeiten gerieten und dann solche Schlagzeilen machten. Aber ich kam nie auf den Gedanken, daß eins meiner eigenen Kinder jemals so sein könnte. Die zwei Welten – meine rosarote Seifenblase zuhause und die Wirklichkeit der Teenager in Schwierigkeiten – waren in meinem Kopf völlig voneinander getrennt. Ich hätte vorbereitet sein müssen … aber ich war es nicht! Ich hätte die Zeichen erkennen müssen … aber ich erkannte sie nicht! Ich wußte nicht, daß meine Welt dabei war auseinanderzufallen. Ich wußte nicht, daß unter der Oberfläche des „normalen“ Lebens die Rebellion brodelte und nur darauf wartete durchzubrechen. Als der Schock dann kam, war er umfassend und vernichtend. An einem ganz normalen Tag verschwand meine Tochter ohne jede Vorwarnung – sie ging einfach aus der Schule weg und löste sich scheinbar in Nichts auf! Plötzlich und heftig wie ein Vulkanausbruch zerplatzte meine rosarote Seifenblase, und auf einmal befand ich mich geistlich auf sehr unsicherem Boden. Wo war Gott, wenn so etwas passierte? Wo war er jetzt, da meine Welt zusammengestürzt war? Ich fühlte mich verraten von dem Einen, der selbst verraten worden war. Ich weiß, daß ich nicht der einzige bin, der in das Chaos der Rebellion eines Kindes geschleudert wurde. Ich bin nicht der erste, der das durchmacht, und sicherlich nicht der letzte. Aber wenn es kommt (beachten Sie, daß ich »wenn« sage, nicht »falls«), wie übersteht man es? Ohne Narben werden wir nicht daraus hervorgehen, aber mit Jesu Hilfe können wir überleben. Das Leben mit einem rebellischen Teenager erinnert an den alten Film The Perils of Pauline. Jede Woche kann man eine neue Extremsituation erwarten! Meine Freundin Donna erfuhr das nur zu gut. Donna ist eine Christin, die mit Gott per du ist und als einer der geistlichen Leiter unserer Gemeinde tiefes Vertrauen genießt. Wie meine Geschichte begann auch ihre mit einem einzigen erschütternden Moment. Als mitten in der Nacht das Telefon klin-


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gelte, hatte sie keine Ahnung, daß ihre Welt bereits zusammengebrochen war. „Ich erinnere mich, daß die roten Leuchtziffern meines Weckers 2.02 Uhr anzeigten“, erzählte sie mir. „Hätte ich nicht den Hörer in meiner Hand gehalten, ich hätte das alles für einen Alptraum gehalten!“ Als ihr Auto zum Krankenhaus raste, dachte Donna nur an ihre Tochter Helen. Wie schwer war sie verletzt? Was war passiert? Lebte sie noch? Die Polizei hatte ihr ohne weitere Erklärung gesagt, sie solle zur Unfallstation kommen. Im Krankenhaus erfuhr Donna dann, daß Helen bei einer Party in einem zwielichtigen Lokal eine Überdosis Drogen genommen hatte. „Ihr Leben hing am seidenen Faden“, sagte Donna, „und ich wußte noch nicht einmal, wie es passiert war. Sie wollte die Nacht bei einer Freundin verbringen. Da ich sowohl dieses Mädchen als auch deren Familie gut kannte, hatte ich nicht nachgehakt. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, daß Helen vielleicht nicht die Wahrheit sagte.“ Helen überlebte diese Nacht, das war eine Antwort auf Gebet, aber Donna war nie wieder die alte. Ihre Seifenblase der Sicherheit war geplatzt, und nichts konnte sie je wieder herstellen. In den kommenden Jahren mußte Donna immer wieder nachts zu dieser Unfallstation rasen. Jedesmal, wenn sie dem Tatütata des Krankenwagens ins Hospital folgte, betete sie: „Gott, halte sie am Leben. Laß sie nur leben. Laß es mich noch einmal versuchen.“

FRIEDEN

MITTEN IM

STURM. Wie wir alle mit Problemkin-

dern fand auch Donna ihre größte Kraftquelle in den stillen Momenten, in denen sie betete und ihr Leben Gott auslieferte. Wenn wir schreien: „Warum ich? Warum so etwas? Wo bist du, Gott? Warum hast du das zugelassen?“, können wir nur in den stillen Momenten allein mit ihm eine Antwort hören. Der Alptraum der Sucht hat in Donnas Familie tiefe Narben hinterlassen. Seien es nun Drogen oder sonst etwas: Rebellion zieht


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eine Spur der Verwüstung im Leben aller, die damit zu tun haben, nach sich. Die Narben sind tief, die Nacht ist finster, und wir kommen uns vor, als hätten wir den Weg verloren. Aber in den Tiefen des Wortes Gottes lassen sich Beispiele finden, an denen wir uns orientieren können, wenn unser eigener Weg so im Dunkel liegt, daß wir uns darauf nicht mehr zurechtfinden. Dort lesen wir Verheißungen, die wir in Anspruch nehmen können, wenn unsere Hoffnung verloren ist, stärkende und tröstende Worte für Dürrezeiten und Warnungen, die uns auf den rechten Weg leiten, wenn wir abzuirren drohen. Mitten in der Krise kann uns manchmal nur die Heilige Schrift den Weg erhellen. Im Leben Jesu begab es sich einmal, daß er sich entschloß, den See zu überqueren, und seine Jünger bat, mit ihm zu kommen. „Laßt uns zum jenseitigen Ufer übersetzen“, sagte er. Beachten Sie den Ausdruck „Laßt uns übersetzen“. Er wollte, daß seine Jünger ihn begleiteten. Da Jesus alles wußte, war ihm auch klar, was bald bevorstand. Und doch entschied er sich zu fahren, und doch lud er seine Jünger ein mitzukommen. Die Jünger, die keine Ahnung von den bevorstehenden Ereignissen hatten und deren junger Glaube noch nicht versucht worden war, sprangen geradewegs ins Boot und hielten auf das ferne Ufer zu. Sie ließen die Menschenmengen hinter sich und nahmen ihn mit, so wie er war, und ich nehme an, auch sie selbst fuhren gerade so, wie sie waren. Da wurde nicht viel Theater um Vorbereitungen gemacht, Jesus hielt keine tiefschürfende Ansprache über all das, was vielleicht vor ihnen liegen könnte. Völlig unwissend schoben die Jünger das Boot ins Wasser, und ein paar andere Boote begleiteten sie. Genauso startete ich in die Elternschaft – blind, voller Vertrauen, daß alles bestens laufen würde. Da ich keine eigenen Kinder bekommen konnte, adoptierten wir zwei kostbare kleine Mädchen als Babys in unsere Familie. Jene ersten Jahre verliefen ganz nach meinem Plan. „Siehst du“, zwinkerte ich Gott zu, „wenn jeder nach christlichen Prinzipien erziehen würde, wäre alles in Ordnung.“ Diese Selbstzufriedenheit war die Flaute vor dem Sturm.


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Die Jünger waren ebenso blind, ebenso eingelullt wie ich. Als sie dachten, alles verliefe bestens (immerhin schlief Jesus, nicht wahr?), brach ihre Welt auseinander. Plötzlich erhob sich eine gewaltige Böe, der Wind peitschte das Wasser auf, hohe Wellen schlugen über Bord und drohten das Schiff zum Kentern zu bringen. Ich kann mir die Jünger vorstellen: durchnäßt und wie die Wilden Wasser schöpfend. Durch den Regen und heulenden Sturm schreien sie einander zu, schneller zu schöpfen, da fällt ihnen auf einmal auf, daß etwas fehlt. Wo ist ihr Anführer in diesem ganzen Ungestüm – derjenige, der sie in diesen Sturm hereingebracht hatte? Unglaublich, er liegt fest schlafend auf einem Kissen hinten im Boot. Auf den Gesichtern der Jünger muß sich ungläubiges Erstaunen abgezeichnet haben. War es möglich, daß irgendwer bei einem solchen Sturm schlief? Voller Panik riefen sie ihn um Hilfe an. „Lehrer“, so weckten sie ihn, „kümmert es dich nicht, daß wir umkommen?“ Wie nur Christus das tun konnte, erhob er sich und bedrohte den Sturm. Mitten in dessen wütendes Angesicht sprach er die goldenen Worte: „Schweig, verstumme!“ Der Wind und die Wellen reagierten auf die Stimme des Schöpfers und kehrten plötzlich und völlig in die Grenzen zurück, die der Meister ihnen zugemessen hatte (Markus 4,35-39). Ich kann es nicht fassen, daß Jesus die Jünger in diesen Sturm eingeladen hatte! Er wußte, was kommen würde, und doch führte er sie da hinein. Er wußte, daß die Jünger keine Ahnung hatten, was sie erwartete. Es scheint fast grausam zu sein, wie eine Strafe, aber sie hatten ja nichts falsch gemacht. Tatsächlich hatten sie sich sogar richtig verhalten. Warum also bestand er darauf, daß sie durch diesen Sturm gingen? Hätte er das nicht vermeiden können? Er scheint das Erlebnis dieses Sturms eigens für sie gewählt zu haben, weil er wußte, daß ihr Glauben wachsen mußte. Was hat das alles mit Drogen zu tun und mit nächtlichen Anrufen der Polizei? Sehen Sie, Rebellion ist ganz ähnlich. Wie ein Hurrikan schlägt sie zu und trifft das Boot der Familie. Manchmal fühle


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ich mich wie mitten in jenem Sturm. An der Seite der Jünger wie verrückt das Wasser schöpfend, finde ich Jesus, der in meinem Boot ruhig schläft! Ich weiß noch nicht einmal, woher der Sturm kommt. Aber da bin ich, segle friedlich auf ruhiger See dahin, denke über die letzte geistliche Botschaft nach … und dann … WAMM! Plötzlich, ohne Vorwarnung, bricht der Sturm in aller Stärke los, und ich sinke schnell. Voller Panik schreie ich: „Gott, kümmert es dich nicht, daß ich umkomme?“ Ich wünschte nur, seine Antwort für mich käme so schnell und einfach wie damals die für die Jünger. Wenn das Telefon mitten in der Nacht klingelt, ist das ein ziemlich sicheres Zeichen, daß Sie bereits sinken – und Sie wußten noch nicht einmal, daß sich ein Sturm zusammengebraut hatte. Wenn unsere Kinder in Schwierigkeiten stecken, kommen die Stürme nie langsam ansteigend und sanft, sondern plötzlich und vernichtend. Jeder durchlebt seinen ganz besonderen Sturm. Keiner von uns macht genau dieselben Erfahrungen. Donnas Sturm war der Kampf um das Leben ihrer Tochter im Krankenhaus. Andere wie Arthur kämpfen in einer Schlacht, die jeden Tag neu stattfindet. Arthurs Sohn kam immer irgendwann in der Nacht nach Hause – high, nur um am nächsten Tag völlig zusammenzubrechen. Egal, was Arthur als Vater unternahm, er konnte seinen Sohn nicht mit der Wahrheit über das, was er sich selbst antat, erreichen – daß er sich buchstäblich den Verstand zerstörte! Wir durchleben unvergleichliche Qualen, wenn wir voller Angst dastehen und mitansehen müssen, wie sich jemand, den wir sehr lieben, ganz bewußt selbst zerstört. „Jesus, wo bist du?“ war der Schrei meines Herzens, als ich den Hörer nach meinem ersten vernichtenden Telefonat auflegte. „Jesus, schläfst du? Meine Welt bricht über mir zusammen, und ich kann dich nicht finden!“ Wie die Jünger fing ich an, Wasser zu schöpfen, ich verwendete alle Techniken, die ich kannte, aber das war alles aus meiner eigenen Kraft. Ich rief meine Bekannten bei der Polizei an und bat um Informationen und Hilfe. Meine früheren Mitarbeiter beim Ju-


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gendgericht konnten nur Rat geben; es gab nichts, was sie zur Stillung des Sturms hätten beitragen können. Warum versuchen wir so oft, die Krise selbst in den Griff zu bekommen, statt direkt zu Gott zu gehen? Ich brauchte sehr lange, bis ich schließlich wirklich die Leitung, die Gott für mich hatte, suchte. Erst dann erfuhr ich inneren Frieden.

FREUT

EUCH! Am Anfang der schwierigen Jahre meiner Toch-

ter, bevor ich den Mut hatte, meine Last anderen mitzuteilen, mußte ich manchmal die Zähne zusammenbeißen, wenn ich wohlmeinende Christen hörte, die jemandem auf den Rücken klopften und sagten: „Na, trotzdem: Preis dem Herrn!“, oder wenn über Philipper 4,4 gepredigt wurde: „Freut euch im Herrn allezeit! Wiederum will ich sagen: Freut euch!“ Wie kann man Gott loben, wenn man kurz davor ist, unter der Last zusammenzubrechen? Was gibt es zu preisen, wenn man sich fragt, ob sein Kind beim nächsten Mal, wenn man es sieht, bei klarem Verstand ist oder nicht? Gewiß erwartet Gott nicht, daß wir in ein Freudenlied ausbrechen, wenn unser Kind sich um vier Uhr morgens, nach Haschisch stinkend und mit glasigen Augen, ins Haus schleppt und die Treppe hochstolpert. Und doch, wie gehen wir mit dieser Schriftstelle um? Ignorieren wir sie einfach? Statt seine Wahrheit für mich anzunehmen, ging zum Beispiel ich davon aus, daß sich dieser Vers auf alle die strahlend glücklichen Christen bezog, die ich jede Woche in der Kirche sah. Aber der Heilige Geist ließ das nicht zu. Er zwang mich, diese Stelle genau anzusehen. Er ließ mir keine Wahl. Er gab mir einen Befehl! Tue es! Freue dich! Nicht nur falls und wenn du das möchtest, sondern immer! Nun ist es etwas schwierig, einen Befehl zu ignorieren, besonders, wenn er vom Heiligen Geist kommt. Wenn Gott gebietet, daß wir etwas tun sollen, wagen wir dann, ungehorsam zu sein? Glauben Sie mir, ich mochte diesen Gedankengang, den der Heilige Geist


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verfolgte, um nichts lieber als Sie das jetzt wahrscheinlich tun. Heißt das, daß ich Gott nicht gehorchte, weil ich ihn nicht lobte? Irgendwie klang der Satz: „Danke, Gott, daß mein Sohn oder meine Tochter Drogen nimmt“ nicht wahrhaftig. Und selbst wenn ich mich gezwungen hätte, diese Worte auszusprechen, – nie und nimmer hätte ich sie ehrlich gemeint! Was machen wir also mit einem Gebot, das zu befolgen unmöglich scheint? „Gott muß etwas anderes im Sinn haben,“ murmelte ich und blätterte auf der Suche nach einer Verweisstelle durch die Bibel. „Er kann unmöglich meinen, wir sollten ihn in solchen Umständen preisen.“ Meine Finger verweilten bei Jakobus 1,2-3: „Haltet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet, indem ihr erkennt, daß die Bewährung eures Glaubens Ausharren bewirkt.“ Sobald ich diesen Vers gelesen hatte, wollte ich ihn am liebsten in die Kategorie „Ignorieren“ zurückstecken. Aber dann fiel mir ein kleines Wort ins Auge. „Wenn“, nicht „falls“, „wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet“. Mit anderen Worten, Gott weiß, daß wir Versuchungen haben werden. Wir haben sie zu erwarten, und hier sagt er uns, wie wir uns verhalten müssen, wenn sie eintreten. Sofort fiel mir die Geschichte von Jesus und den Jüngern im Boot auf dem stürmischen See ein. Jesus wußte, daß ein Sturm aufziehen würde, und die Jünger hätten wissen müssen, daß diese Möglichkeit bestand. Jesus hat uns nicht zu einem einfachen Leben berufen. Aber im Wissen, daß Schwierigkeiten kommen werden, zeigt er uns, wie wir uns verhalten müssen, wenn die Stürme zuschlagen. Auf einmal sah ich vor meinem geistigen Auge, wie die Jünger wie die Wilden Wasser schöpften, aber statt sich voller Panik gegenseitig anzuschreien und den Wind zu übertönen zu versuchen, schöpften sie das Wasser im Rhythmus der schwungvollen Melodie eines Halleluja-Chorusses! (Ich weiß schon, daß Gott Humor hat, wenn er erlaubt, daß solch ein Bild meine Gedanken kreuzt!) Etwas ernsthafter gab ich mir mehr Mühe, diese zwei Verse auf mein


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Leben anzuwenden. Wenn Gott weiß, daß wir Schwierigkeiten haben werden, und wenn wir mit Schwierigkeiten rechnen sollten, dann schließt sein Gebot „Freut euch allezeit“ unsere Stürme offenbar ein. Die Jünger werden sich nicht über den Sturm gefreut haben; aber ich glaube, sie erfuhren Frieden, als sie Jesus erlaubten, den Sturm unter Kontrolle zu bekommen. Und Frieden ist etwas, für das wir Gott immer preisen können. Je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, daß ich, wie die Jünger, mitten in meinem Sturm Jesus nahe bei mir hatte. Er wartete nur darauf, daß ich ihn anrief. Er wollte Frieden und Ruhe in meinen Sturm bringen. Langsam und gehorsam brachte ich die Worte heraus, die diese Verse geboten. „Danke, Jesus, daß du mit mir in meinem Sturm bist.“ Je mehr sich seine Ruhe auf mich auswirkte, desto mehr fügte der Heilige Geist hinzu, so, als setze er Bausteine aufeinander: „Danke, daß die Situation nicht schlimmer ist. Danke, daß sie nicht tot ist. Danke für die Heilige Schrift, die mir Hoffnung gibt.“ Und dann hörte ich voll Befremden meine eigene Stimme weitersprechen: „Danke für diese Situation, durch die meine Beziehung zu dir inniger wird.“ War ich das wirklich? Ich konnte ihm nicht für den Schmerz und das Leid des Sturms danken, aber ich konnte sagen: „Ich freue mich an meiner neu gefundenen Beziehung zu Jesus.“ Das war genau die Antwort, die ich gesucht hatte. Der Heilige Geist hatte mich mit sanfter Führung gelehrt, wie ich mich immer freuen konnte.

DER REALITÄT

INS AUGE SEHEN UND GOTTES VERHEISSUNGEN BEANSPRUCHEN. Wie ich meine Ansicht über

das, was ich für das Leben meiner Tochter hielt, verändern mußte, so mußte auch Donna in den Monaten, die Helens Überdosis folgten, einigen Wahrheiten ins Auge sehen. Das kostbare Kind, das sie einst geherzt und gestillt hatte, war einer halbwüchsigen Fremden gewichen. Donna erfuhr, daß ihre Tochter ein völlig anderes


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Leben gelebt hatte, wenn sie nicht zuhause war. Wie viele unserer Kinder hatte Helen dem Druck ihrer Altersgruppe nicht standgehalten und sich in Lebensumstände hineinbegeben, die die meisten Leute nur vage aus den Nachrichten kennen. Über die Monate suchte und fand Donna eine innere Stärke, die ihr erlaubte, selbst in diesem Sturm Gott zu loben. Nur Donna und der Heilige Geist kannten alle Schritte, die sie gehen mußte, um zu diesem Punkt zu kommen. Donna wurde wie uns anderen klar, daß Jesus seiner ganzen Schöpfung Frieden bringen kann, genauso, wie er dem Wind und den Wellen Frieden brachte. Obwohl wir nicht immer den Grund erkennen, warum etwas passiert, können wir doch versuchen, unsere Situation seiner Herrschaft zu unterordnen. Wenn wir ihn lassen, wird er unsere Stürme zügeln und nie zulassen, daß sie heftiger werden, als wir ertragen könnten. Kein Sturm ist zu stark für seine Herrschaft oder zu wütend, um seiner beruhigenden Stimme zu widerstehen. Alles was wir tun müssen, ist ihn anrufen, die Verheißungen in Anspruch nehmen, die in der ganzen Bibel so reichlich vermittelt werden. Wenn Gottes Wort wahr ist – und ich glaube das –, dann steht uns logischerweise jede Verheißung der Bibel zur Verfügung. Unser Gehorsam liegt darin, die Verheißungen zu suchen (die Bibel zu lesen und zu beten). Dann müssen wir diese Verheißungen in Anspruch nehmen – in unserem Leben ausleben. Wie auch immer Sie Ihren Sturm gerade erleben, wagen Sie zu erkennen, daß Jesus Sie in ihn eingeladen hat, wie er die Jünger einlud, mit ihm in den Sturm hineinzufahren. Setzen Sie seine Kraft frei, indem Sie ihn anrufen. Das Leben des Königs David war reich an Stürmen. Aus tiefer Qual schrie er zu Gott und flehte um Befreiung und Frieden. Seine schmerzhaften Erfahrungen ließen ihn den Segen schreiben, der im zweiten Vers von Psalm 20 wiederholt wird: „Der Herr erhöre dich am Tag der Drangsal.“ Jeder von uns wird viele Verheißungen in der Bibel finden, die sehr persönlich auf unsere jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten


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sind. Am Ende jeden Kapitels werde ich Fragen zum Nachdenken anbieten, ein Gebet zum Beten und eine Verheißung, die Sie in Anspruch nehmen können. Nehmen Sie sich die Zeit, durch die Kraft des Heiligen Geistes herauszufinden, was die Verheißung für Sie persönlich bedeutet, und lassen Sie diese Verheißung einen Schritt zu einer engeren Verbindung zwischen Ihnen und Gott werden.

*** 1. Welchen Sturm erleben Sie momentan? 2. Wie reagieren Sie? 3. Was planen Sie zu tun, um Jesus zu erlauben, Ihnen inmitten Ihres Sturms Frieden und Ruhe zu bringen?

GEBET Himmlischer Vater, der du deine Kinder sogar in ihrer Rebellion liebst, wiege jetzt mein eigenes rebellisches Kind in deinen Armen. Jetzt, wo dieser Sturm in meinem Leben wütet, komm und sei meine Ruhe. Hilf mir, nicht zu vergessen, daß du mich nicht verlassen hast, sondern daß du mir sogar jetzt zur Seite stehst. Hilf mir, nicht zu vergessen, daß du auch mein Kind nicht verlassen hast. Dein Frieden durchdringe mein Heim, meine Familie und am allermeisten mein Herz. Amen.

VERHEISSUNG „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage …“ (Matthäus 28,20)


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KAPITEL 2

Das falsche Kind „SIE MÜSSEN SICH IRREN“, beteuerte Hannah dem Polizeibeamten an der Haustür. „Mein Sohn würde so etwas nicht tun. Unser Familienname kommt sehr häufig vor, Sie haben uns bestimmt mit jemandem verwechselt.“ „Aber Ihr Sohn heißt doch John, nicht wahr?“ fragte der Polizist geduldig noch einmal. Sie nickte, und er fuhr fort: „Und treffen dieses Geburtsdatum und die Beschreibung auf ihn zu?“ Er hielt das Formular hoch. „Ja“, bestätigte Hannah wieder. „Wer hat Ihnen sein Geburtsdatum gegeben?“ „Er selbst“, – der Beamte klang freundlich und ausgeglichen, während er abwartete, daß die Wahrheit zu Hannah durchdrang – „bei seiner Verhaftung.“ „Aber … Einbruch? Das ist einfach nicht möglich!“ „Tut mir leid.“ Der Beamte war entschlossen, nicht zu argumentieren. „Ihr Sohn ist jetzt auf dem Polizeirevier. Würden Sie mir bitte folgen und ihn dort abholen?“ „Er ist … Johnny ist auf dem Polizeirevier? Jetzt?“ Hannah stand stocksteif da. „Warum? Ich habe Ihnen doch eben gesagt, er würde so etwas nicht tun. Mein Johnny ist ein guter Junge.“ Hannah holte schnell ihre Handtasche und eilte dem Polizisten nach. „Sie haben den Falschen,“ murmelte sie in den Rückspiegel ihres Autos. „Mein Sohn würde nie stehlen. Dafür habe ich ihn zu gut erzogen. Außerdem geht er immer zur Kirche.“


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Und wieder schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß nicht, wen sie auf diesem Polizeirevier festhalten, aber es ist ganz bestimmt nicht mein Johnny.“ Die Fahrt durch die kleine Stadt dauerte nur ein paar Minuten. Auf der Wache folgte Hannah dem Beamten ein paar Stufen hinunter in einen steril wirkenden Raum. Auf einem kräftigen Eichenstuhl hinter dem Schreibtisch eines anderen Polizisten saß ihr Sohn. „Mein Junge!“ Hannah hielt inne. „Du bist es wirklich! Ich war sicher, man hätte dich mit jemandem verwechselt.“ „Nehmen Sie bitte Platz.“ Der Beamte deutete auf einen anderen Stuhl. „Ich würde diese Formulare gern mit Ihnen und Ihrem Sohn gemeinsam ausfüllen, nur um sicherzustellen, daß Sie verstehen, was vorgeht.“ „Ich bin davon überzeugt, daß hier ein Irrtum vorliegt.“ Zögernd legte sie eine Hand auf die Stuhllehne. „Bitte setzen Sie sich.“ Er nickte zum Stuhl hin. „Wir haben einiges zu besprechen.“ Eine Stunde später verließ Hannah zusammen mit ihrem Sohn die Polizeiwache. Als sie allein im Auto saßen, redete sie endlich. „Johnny, sag mir, was wirklich passiert ist. Ich weiß nicht, wie du in diese Sache hineingeraten bist, aber ich weiß, daß du niemals etwas nehmen würdest, was dir nicht gehört.“ Langsam bewegten sie sich durch den Verkehr, aber Hannahs Aufmerksamkeit war ganz auf ihren Sohn gerichtet. Wenn er nicht sofort eine Antwort gab, half sie nach: „Sohn?“ „Äh, du hast recht, Mutti.“ Er rutschte auf dem Sitz hin und her. Seine Worte stieß er in einem Atemzug hervor, sie purzelten förmlich durcheinander. ”Ich hab’s nicht getan. Ich stand nur da und redete mit Keith, als der Polizist kam. Weißt du, Keith hatte so einen Kopfkissenbezug im Fahrradkorb. Ich weiß nicht, woher er das Zeug hatte, aber weil ich dabeistand, hat mich der Polizist auch verhaftet.“ „Natürlich, Liebling.“ Hannah seufzte erleichtert auf. „Übrigens, warst du denn nicht beim Sport, als das alles passiert sein soll?“ „Äh … ja, klar.“ John sah nicht zu ihr hin, er schien gerade etwas


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Interessantes am Straßenrand entdeckt zu haben. „Na, mach dir mal keine Sorgen.“ Hannah bog in die Einfahrt ein. „Wir werden das sofort klären. Aber bis dahin hältst du dich von diesem Keith fern. Verstanden, junger Mann?“ „Klar, Mutti. Äh, können wir heute abend Hamburger essen gehen?“

VOM LEUGNEN … Blindes Leugnen ist häufig unsere erste Reaktion, wenn wir mit der Rebellion unseres Kindes konfrontiert werden. Wir alle wollen annehmen, daß es unschuldig ist, besonders, wenn wir zum ersten Mal mit dem Gesetz zu tun bekommen. Wir können einfach nicht glauben, daß unsere Kinder in der Lage wären, etwas Falsches zu tun. Natürlich nehmen wir ihnen alles ab, was sie uns mit ihrem unschuldigen Hundeblick sagen. Ganz fix folgen sie dann unserer Führung: Wir leugnen die Wahrheit, und sie sagen uns, was wir hören wollen. Viel später, wenn wir die wirklichen Zusammenhänge erkannt haben, wird aus unserem Vertrauen in diese schönen Unschuldsaugen zynischer Unglaube. Schließlich sinken wir so tief, daß wir ohne Beweise gar nichts mehr glauben, was aus dem Mund unseres Kindes kommt, und selbst dann nur sehr zögerlich. Aber irgendwo zwischen Vertrauen und Mißtrauen, Glauben und Unglauben müssen die meisten von uns an den Stationen Leugnung und Manipulation vorbei.

… ZUR MANIPULATION DES RECHTS … Das war das erste, was ich bei unserem Zusammenstoß mit dem Gesetz unternahm: ich manipulierte die Situation. Ich rief meine Freunde bei der Polizei an, um alles so weit wie möglich herunterzuspielen. Ich entschuldigte den Vorfall, indem ich vorgab, es sei eine einmalige Sache gewesen. Ich glaubte, was meine Tochter mir erzählte. Sehr schnell lernte sie, daß ich alles schlucken würde, wenn sie nur ihre Gesichtszüge unter Kontrolle hielt und mit ihren großen Augen klimperte. Spä-


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Geliebter Verlorener Sohn

ter, als ich meine Fehler erkannte, schämte ich mich für meine Leichtgläubigkeit. Zum Teil rührte mein Problem daher, daß ich als Christ sehr naiv war. Schließlich war ich doch eine betende Mutter und dachte, Gott würde nicht zulassen, daß mein Kind etwas Falsches tat, nicht, nachdem ich all diese Stunden im Gebet für sie zugebracht hatte … oder?

…

ZUR

MANIPULATION GOTTES … Der nächste Schritt ist

der Versuch, Gott zu manipulieren. Warum, oh warum denken wir, Gott sei ein schwaches Wesen, das sich ganz nach unseren Launen richtet? Wenn die Zeichen ein bißchen auf Sturm stehen, fangen wir an zu manipulieren. „Bitte, Gott, laß das vorübergehen. Ich verspreche, ich werde dafür sorgen, daß mein Kind keine Schwierigkeiten mehr macht. Ich werde der Kirche mehr Geld spenden, werde zusätzliche Gebetszeiten für die Missionare einrichten …“, und die Liste verliert jede Proportion. Warum denken wir, wir müßten nur die richtigen Worte murmeln, und Gott spränge durch den Reifen, den wir ihm hinhalten? Das sollte uns klar sein: Wer etwas wirklich Dummes tut, kann darauf zählen, daß er mit der Wahrheit konfrontiert wird. Warum wir denken, wir könnten davonkommen, wenn wir versuchen, Gott zu manipulieren, das werde ich nie verstehen … ich weiß nur, daß wir alle es irgendwann im Leben einmal probieren. Manipulation funktioniert nie. Gott wird für niemanden zur Marionette, nicht für einen König und nicht für verzweifelte Eltern. Auch wenn wir einen Moment lang denken, daß Gott täte, was wir wollen: die Stunde der Wahrheit wird kommen. Rechnen Sie damit.

GOTTES WILLEN SUCHEN. Statt zu versuchen, Gott zu manipulieren, sollen wir seinem Gebot folgen, um seinen Willen für unser Leben herauszufinden. Das Grundgebet, das Jesus seinen Jüngern als Richtschnur gab, beinhaltet den Satz:


Das falsche Kind

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„Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf Erden!“ (Matthäus 6,10) Der Wille des Vaters hat vor allem anderen Vorrang.Weiter sagt Jesus: „Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit! Und dies alles wird euch hinzugefügt werden.“ (Matthäus 6,33) Dieser Vers spricht unsere Tendenz an, sich über Details Sorgen zu machen, aber er schließt auch das gleiche Grundprinzip ein: Gottes Willen über den unseren stellen. Jesus selbst betete im Garten Gethsemane nach diesem Prinzip: „Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber! Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Matthäus 26,39) Selbst der Sohn Gottes versuchte nicht, den Vater zu manipulieren. Statt dessen war er ehrlich bezüglich seiner Gefühle und Wünsche, ordnete sie aber willig dem Plan des Vaters unter. Nun, das heißt natürlich nicht, daß wir Gott nicht bitten könnten, uns zu helfen oder in unserem Leben zu wirken. Jesus hat sein Leben lang versucht, uns beizubringen, wieviel Gott sich um uns kümmert und in uns wirken will. Die Heilige Schrift ist voll von Gottes Verheißungen als Zuspruch und Antwort auf unsere Gebete. Aber zuerst muß eine Bedingung erfüllt werden. Der Schreiber des ersten Johannesbriefes bestätigt Gottes Bereitschaft, um unseretwillen zu handeln. „Und dies ist die Zuversicht, die wir zu ihm haben, daß er uns hört, wenn wir etwas nach seinem Willen bitten. Und wenn wir wissen, daß er uns hört, was wir auch bitten, so wissen wir, daß wir das Erbetene haben, das wir von ihm erbeten haben.“ (1. Johannes 5,14-15)


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Geliebter Verlorener Sohn

Ist Ihnen die Bedingung aufgefallen? Schwarz auf weiß steht da: Wenn wir gemäß seinem Willen bitten. Diese Worte müßten in Großbuchstaben gedruckt, zumindest aber unterstrichen werden! Wir können bitten, aber es muß für etwas sein, das Gott in unserer Situation tun wollen würde. Das ist manchmal eine ziemlich harte Anordnung. Wenn wir uns im Zustand panischer Angst oder einer sehr verzweifelten Situation befinden, fällt uns oft nichts anderes zu sagen ein als: „Gott, hol mich hier raus – SOFORT!“ Wenn wir zum ersten Mal durch das Labyrinth eines Jugendgefängnisses gehen, fällt es nicht leicht, innezuhalten und zu fragen: „Okay, Gott, was ist dein Wille für mich?“ Aber wir haben tatsächlich keine andere Wahl. Gott hat nicht gesagt, wir sollten nach seinem Willen bitten, wenn wir uns so fühlen. Er sagte, dies sei der einzige Weg, auf dem wir sicher sein können, daß er uns hört. Wie können wir also unser Beten verändern?

GEBEN SIE ES GOTT. Es ist besser, unsere Probleme in Gottes Hände zu legen, als es selbst mit der Lösung zu versuchen. Wenn wir uns selbst überlassen bleiben, machen wir im allgemeinen alles nur schlimmer. Wahrscheinlich lesen Sie dieses Buch, weil Sie im Moment in einer sehr schwierigen Situation mit einem rebellischen Kind stecken. Wenn Sie versucht haben, die Dinge selbst zu regeln, Gott, Menschen oder die Rechtsprechung zu manipulieren, dann wissen Sie, wie schnell man wirklich alles verderben kann. Nur Gott vermag alles zum Besten wirken zu lassen. Zunächst einmal: Sie wissen wirklich nicht völlig Bescheid. Oh, vielleicht denken Sie das. Aber die Wahrheit ist, daß Sie wahrscheinlich nie alles wissen werden. Jede Entscheidung, die Ihr Kind auf dem Weg zu der Situation, in der Sie jetzt alle stecken, getroffen hat, wurde von einem Dutzend unterschiedlicher Quellen beeinflußt. Da Sie diese auf keinen Fall alle kennen können, gründet sich Ihr Urteil auf Teilinformationen.


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