Gary Wilkerson mit R.S.B. Sawyer
David Wilkerson
Dieser Titel wurde in Übereinkunft mit der Zondervan Corporation L.L.C, einer Tochtergesellschaft von HarperCollins Christian Publishing, Inc., herausgegeben. © Copyright 2014 by World Challenge Inc. All rights reserved. © Copyright der deutschen Ausgabe 2015 by Asaph-Verlag 1. Auflage 2015 Titel der amerikanischen Originalausgabe: David Wilkerson Aus dem Englischen übersetzt von Dorothea Appel Bibelzitate wurden der Luther-Übersetzung entnommen: Luther 1984 © 1984 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart Umschlaggestaltung: Brand Navigation mit einem Foto von Jeff Calenberg Satz/DTP: Jens Wirth Druck: cpibooks Printed in the EU ISBN 978-3-940188-96-0 Bestellnummer 147496
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Dieses Buch zeigt, was Gott durch einen Mann mit unerschütterlichem Glauben wirkte. Ich widme es denen, deren Glauben gerade beginnt, auf den Verlauf einer Geschichte Einfluss zu nehmen, die noch in der Zukunft liegt: den Unbekannten, von niemand Besungenen in dieser radikalen, jungen Generation, die mit ihrem Leben Antwort geben auf die Frage Jesu: „Werde ich Glauben finden auf Erden, wenn ich wiederkomme?“
Nicht die offiziell anerkannten „Wunder“ charakterisieren dieses Leben, sondern das, was mit genau dem Begriff akkurat beschrieben werden kann und muss. Als Fiktion wäre es nicht glaubwürdig, doch ist es glaubwürdig, weil es eine Tatsache und wirklich geschehen ist. John McCandlish Phillips, Reporter, New York Times
Inhalt
Vorwort von Jim Cymbala...................................................................9 Der Mann, der glaubte ......................................................................13
Teil 1– Vision................................................................... 31 1. Auf den beiden Seiten eines Hügels.........................................33 2. Verantwortung...........................................................................57 3. Ein Weg für einen Beter............................................................71
Teil 2 – Erweckung......................................................... 87 4. „Du musst auf unserer Seite sein“............................................89 5. Heraus aus den eigenen vier Wänden.................................... 103 6. Drei Aussätzige an der Tür.....................................................117
Teil 3 – Menschen erreichen........................................ 135 7. Eine trostlose Jugend............................................................. 137 8. Glaubenstreu und unorthodox............................................... 159
Teil 4 – Gericht.............................................................. 181 9. Ein Prophet............................................................................. 183 10. Seelen..................................................................................... 203
Teil 5 – Im Feuer........................................................... 217 11. „Du wirst leiden“................................................................... 219 12. Was einen Mann Gottes ausmacht......................................... 235
Teil 6 – Buße.................................................................. 257 13. Beenden.................................................................................. 259 14. Das Opfer, das Jesu würdig ist............................................... 275
Teil 7 – Rückkehr.......................................................... 291 15. Ein Überrest in Babylon........................................................ 293 16. Was siehst du?.........................................................................311 Dank ................................................................................................ 347
Vorwort
Es war ein warmer Sommersonntagabend, und unsere Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Heute Abend sollte Nicky Cruz sprechen, der ehemalige Anführer der Mau-Mau-Gang, der Jahrzehnte zuvor genau hier, mitten in Brooklyn, sein Unwesen getrieben hatte. Nicky und ich waren schon seit ein paar Jahren befreundet. Seine dramatische Bekehrungsgeschichte war durch die überwältigende Popularität von David Wilkersons Buch Das Kreuz und die Messerhelden fast schon legendär geworden. Das Buch war um die Welt gegangen und in Dutzende Sprachen übersetzt worden. Es erzählte die Geschichte eines jungen Landpredigers aus West-Pennsylvania, der sich gedrungen fühlte, nach New York zu ziehen, um unter problembeladenen jungen Männern und Frauen, die damals die gewalttätige Gang-Subkultur bildeten, die Botschaft von Gottes Liebe zu verbreiten. David Wilkersons Mut und seine Predigt hatten sogar Nicky Cruz erreicht, den scheinbar Hoffnungslosesten von ihnen allen. In wenigen Minuten würde ich Nicky vorstellen müssen, der ein weiteres Mal sein unglaubliches Zeugnis erzählen sollte. Während der Chor meiner Frau sang, kam ein Ordner zur Bühne und flüsterte mir ins Ohr: „David Wilkerson und seine Frau sind gerade angekommen, sie sitzen auf der Empore.“ Und das war der Anfang meiner langen, wertvollen Freundschaft mit dem Autor von Das Kreuz und die Messerhelden und Gründer der Organisation Teen Challenge, in der Drogensüchtigen weltweit so effektiv geholfen wird. 9
David Wilkerson
Aber David Wilkerson war viel mehr als das. Er war ein Mann, den Gott zum erfolgreichen Evangelisten sowohl in Amerika als auch im Ausland gemacht hat. Er ist Autor von Büchern, die Menschen inspirierten, sich ernsthaft mit ihrer Beziehung zu Christus zu befassen. Seine Großzügigkeit in finanzieller Hinsicht reichte um den Erdball, er gab Obdachlosen Häuser und unterhielt Ernährungsprogramme für die Hungernden. Später gründete er als Pastor die Times Square Church. Er war auch in gewisser Hinsicht eine prophetische Stimme für seine Generation, sprach gottlose Trends innerhalb der Gemeinde Christi an und warnte die auf der Kanzel wie die in den Bänken gleichermaßen, ohne sich Gedanken zu machen, ob seine Botschaft gern gehört werden würde oder nicht. David Wilkersons herausragender Charakterzug war seine Leidenschaft für Gott. Er sehnte sich nach Nähe zu Christus mehr als nach irgendetwas sonst. Sein Anliegen war es, Gott tiefer zu erfahren, nicht nur, die Lehren des Christentums zu verstehen. Seine Abhängigkeit von der Stärkung und Leitung des Heiligen Geistes mitzuerleben war oft atemberaubend. Am liebsten wollte Brother Dave von Gott geführt werden, unabhängig von den Konsequenzen. Lauwarmes, nicht ernst gemeintes, mechanisches Christsein tat ihm in der Seele weh. Es ist interessant, dass ausgerechnet ich die Ehre und das Privileg habe, das Vorwort zu dieser Biografie zu schreiben. David Wilkerson sprach unzählige Male im Brooklyn Tabernacle, und unsere Freundschaft wurde im Verlauf der Jahre immer tiefer, obwohl er sein ganzes Leben lang ein bisschen ein einsamer Wolf blieb. Wir reisten zusammen, arbeiteten zusammen für das Evangelium und sprachen oft über geistliche Dinge. Eines Tages gingen wir die Flatbush Avenue in Brooklyn zum Pros pect Park hinunter, wo unsere Gemeinde eine Straßenversammlung organisiert hatte; Brother Dave war der Redner. Er eröffnete mir, dass er neulich etwas falsch beurteilt habe, und sprach über einige geistliche Kämpfe, die er gerade durchlebte. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen und meinte: „Jim, stell dir mal vor! Eines Tages werde ich sterben, und wahrscheinlich wird jemand ein Buch über mein Leben schreiben. Sie werden ein Bild von irgend so einem übergeistlichen 10
Vorwort
Glaubensriesen malen, der nie mit Sünde und dem Satan zu kämpfen hatte wie alle anderen. Wie lächerlich!“ Hier war der berühmte David Wilkerson und erinnerte einen jungen Pastor, dass er ohne die Gnade Jesu jeden Moment, wie jeder andere auch, zusammenbrechen würde. Das war der echte David Wilkerson – schlicht und aufrichtig, mit dem demütigen Bekenntnis, dass er stets und ständig von Gottes Hilfe abhängig war. Schließlich kamen wir zur Konzertmuschel im Park, wo sich, angezogen von der Gospelmusik, Leute gesammelt hatten. David Wilkerson, der damals in Texas wohnte, war wieder in seinem Element – ein Straßenprediger, der Menschen von der Liebe Jesu erzählt. An jenem Nachmittag brach David beim Reden aus irgendeinem Grund in Tränen aus. Er schien einige ältere chronisch Drogenabhängige in der Menge wiederzuerkennen. „Wie oft wirst du noch die Chance haben, zu Jesus zu kommen?“, fragte er. „Was kann ich dir noch sagen über Christus und seine Liebe? Du hast es alles schon gehört. Du hast heute noch Zeit. Sage nicht: ‚Morgen‘ – komm jetzt zu ihm!“ Als er das Evangelium predigte, war deutlich zu spüren, wie der Heilige Geist die Menschen von ihrer Sünde überführte. David bat die, die Christus empfangen wollten, zu einer kleinen Bühne vorzukommen. Dutzende setzten sich schweigend in Bewegung, und die Konzertmuschel wurde zum Freilufttempel für Gott. David forderte die Leute auf, das Sündergebet zu wiederholen, und hielt sogleich einem puertoricanischen Mann, der wie ein Baby weinte, das Mikrofon vor die Nase. „Sprich mir nach“, wies er ihn an, „aber sage es von Herzen!“ Was nun folgte, war wahrscheinlich das merkwürdigste Sündergebet in den Annalen der Christenheit. David Wilkerson leitete ihn und die anderen an: „Gott, vergib mir meine Sünde.“ „Ich brauche dich, Jesus.“ „Ich bin mein Leben leid.“ „Ich setze mein Vertrauen auf Jesus.“ Das waren die Sätze, die mein Freund Dave Wilkerson sprach, aber als der verzweifelte Mann sie wiederholte, durch das Mikrofon, sodass sie im ganzen Park zu hören waren, fügte er jedem Satz alle möglichen unanständigen Adjektive hinzu. Unter Tränen der Reue schien er sich so verzweifelt nach Gott zu sehnen, dass er in die stärksten Kraftausdrücke und in die „eindeutig zweideutigste“ Wortwahl zurückfiel, die er kannte. Plötzlich war der Park erfüllt von einem Mix aus unanständigen 11
David Wilkerson
Schimpfwörtern und dem Schrei nach Gottes Befreiung und Erlösung! David nahm ihm das Mikrofon keineswegs weg. Es hörte sich falsch an, dennoch war es irgendwie genau richtig, weil dies die einzige Sprache war, die der Mann kannte. Während dieses Gebets öffnete ich die Augen und hörte, wie andere mitsprachen. Dave Wilkerson, dem die Tränen über das Gesicht liefen, hielt das Mikrofon vor einen Mann, der sich seinen Weg ins Reich Gottes wie mit der Machete durch Urwalddickicht hieb. Einen wie David Wilkerson wird es so bald wohl nicht mehr geben. Jim Cymbala, The Brooklyn Tabernacle
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Der Mann, der glaubte
„Was siehst du?“, fragte mein Vater. Diese Frage hatte er mir mehrmals im Leben gestellt. Diesmal standen wir schwitzend Seite an Seite mitten in einem der größten Slums der Welt. Diese Frage – die Frage nach etwas genau Wahrnehmbaren – war für ihn immer zentral gewesen, egal, wo er stand. Mit unseren verdreckten Anzugschuhen wichen wir einem unkrautüberwucherten Lehmfleck in Nairobis dampfender Hitze aus. Ein Kleinbus hatte uns eine halbe Meile vorher aussteigen lassen, nachdem er uns so weit gefahren hatte wie möglich. Wir waren den Rest des Weges hierher gelaufen, enge Lehmpfade entlang, an endlosen Reihen von Lehmhütten und Unterständen vorbei. Unsere Gruppe wurde teilnahmslos begafft von den Ärmsten Kenias, deren winzige notdürftige Unterschlüpfe sich ineinander drängten, so weit wir sehen konnten. Manche der Hütten bestanden aus Kanthölzern als Eckpfosten und einem Stück Segeltuch oder Blech als Wänden. Manche waren mit Plastikplanen oder Pappe gedeckt. Dies waren die einzigen Behausungen für Massen von Menschen, die in dem Slum lebten und starben, ohne ihn je zu verlassen. Wir waren mit einer Delegation kenianischer Pastoren hierhergekommen, auf Bitten meines Vaters. Ein Stück des Wegs mussten wir alle mit gespreizten Beinen über einer langgezogenen Latrine gehen, die Block für Block zwischen den Hütten verlief. Im Slum gab es kein Abwassersystem, deshalb hatten die Leute von ihren Häusern weg Ab13
David Wilkerson
flüsse gegraben. Die Rinnsale liefen alle in einen vermüllten Bach, der zwischen den Hüttenreihen floss. Wir kamen an eine Stelle, wo man weder links noch rechts der Latrine gehen konnte, also spreizten wir die Beine über das Bächlein und gingen im Watschelgang weiter, den linken Fuß auf der einen, den rechten Fuß auf der anderen Seite. Das mag unwürdig ausgesehen haben für eine Gruppe von Männern im Sonntagsanzug, besonders für meinen Vater, eine schlanke Erscheinung mit Brille, inzwischen in den Siebzigern und wie immer ordentlich angezogen. Aber es störte ihn nicht. Augenscheinlich hatte er ein Ziel. Manchmal mussten wir über ein Kabel steigen, das dann plötzlich verstohlen in eine Hütte verschwand. Die meisten Leute im Slum hatten keinen Strom, deshalb zapften ein paar Mutige irgendeine Hauptleitung in einer Nachbarstraße an. Wenn sie erwischt wurden, setzte es nicht nur Strafgebühren, sondern schwere Bußen oder beachtliche Bestechungsgelder, die sie sich niemals würden leisten können. Ich bewunderte ihre Cleverness, ganz zu schweigen von ihrem Mut um des Überlebens willen. So ist das Leben in jedem Slum. Mit einer derartigen Verzweiflung war mein Vater sein ganzes Leben lang vertraut gewesen, und er hatte sich nie davon abgewandt. Tatsächlich war Dad sogar ein Experte darin, genau diese Art von „Kabeln“ zu entdecken – Anzeichen menschlicher Verzweiflung, die ihn direkt in die notvollsten Bereiche der Welt leiteten. Er schien von ihnen wie von einem Magneten angezogen zu werden. Schließlich waren wir am Ziel, einem kleinen freien Platz. Dad trat zur Seite, weg von der Gruppe der Pastoren, und bedeutete mir, zu ihm auf das ausgedörrte, mit Unkraut gesprenkelte Stück Land zu kommen. Ich warf ihm einen Blick zu und versuchte herauszufinden, worüber er mir gerade eine Frage gestellt hatte. Was ich sah? – Eine Vision der menschlichen Hölle. Der riesige Mathare Valley Slum ist das Zuhause von 600.000 Menschen. Er liegt im Schatten der Innenstadt von Nairobi – ausgerechnet von den reichen Gebieten der Hauptstadt nicht weit entfernt. Je tiefer man in den Slum eindringt, desto ärmer wird er, nach seinen eigenen Abstufungen von Armut. Ganz in der Mitte, rund um die Stelle mit dem Unkraut, wo wir gerade standen, ist eine Stadt in einer Stadt in einer Stadt. Jedes Gebiet im Slum hat eigene Schulen, Kirchen und Ge14
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schäfte, ein Minimum an Infrastruktur, für Besucher kaum erkennbar. Im Herzen des Mathare-Tals, eine halbe Meile hinter uns – mitten im schlimmsten Elend, unter den furchtbarsten Bedingungen auf Erden – hatten wir geholfen, eine Grundschule für die Kinder dort zu bauen. Wir hatten die Delegation der Pastoren in der Schule getroffen, eine Gruppe, zu denen auch ein kenianischer Bischof gehörte. Kaum hatten wir das abgeschlossene Gelände betreten, wurde unsere Gruppe auf der Veranda aus Lehm und Schmutz von den strahlenden Mitarbeitern der Schule begrüßt. „Die Kinder haben Ihnen diese Plakette gemacht“, sagte der Schulleiter und trat vor, um sie mit einem Blumenstrauß zu überreichen. Sie wollten uns durch die Schule führen, die wir täglich mit Mittagessen für die vierhundert Schüler versorgen. Mein Vater war sehr interessiert zu sehen, wo das Essen, für diese Kinder die einzige gesunde Mahlzeit am Tag, hergestellt und ausgegeben wurde. Man führte uns in die Küche, die im Wesentlichen eine Grube im Boden war, eine Feuerstelle sowie ein riesiger Topf, in dem große Mengen Fleisch oder Gemüse gekocht werden konnten. Hinter einer Ecke traten wir in einen kleinen Hof und wurden von einem vierhundertstimmigen Chor begrüßt: Die Kinder standen in den hellen Schuluniformen da, die unsere Organisation bezahlt hatte. „Wir lieben dich, Jesus!“, riefen sie in ihrem Lied, das einer von ihnen extra für diese Gelegenheit geschrieben hatte. Ein Vers in dem Lied lautete: „Wir danken dir, David Wilkerson!“ Dad lächelte darüber. Doch ich wusste, dass seine Gedanken nicht bei der Sache waren. Das überraschte mich nicht. Als sich die Kinder in einer Reihe anstellten, um ihr Mittagessen zu bekommen, wandte sich mein Vater an den Bischof, um etwas zu besprechen. Wenn die Kinder ihren Teller gefüllt hatten, drängelten sie sich in einen kleinen, eingemauerten Bereich, wo sie sich auf festgestampften Dreck hinhockten und aßen. Es gab keine Stühle oder Tische, weil der Bereich außerdem auch als Spielplatz diente. Nach dem Essen kickten immer mehr von ihnen einen Fußball, aber bald war es so voll, dass das Spiel ziemlich wild wurde. Ich machte mit und warf mich zwischen den Kindern hin. Sofort stürzten sie sich auf mich. Da bemerkte ich, 15
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dass mein Vater mit dem Bischof und den Pastoren wartete. Dad hatte keine Ruhe, er wollte weiter. Er hatte gesehen, was er sehen musste. Jetzt, am Rande des unkrautbewachsenen Fleckchens Erde, wo wir standen, sollte ich erfahren, was das war. „Also, was siehst du?“, fragte mein Vater. In dünnen Wellen stieg die Hitze von der Erde auf. „Ein leeres Stück Land, Dad?“, wollte ich scherzen. Wir standen im Epizentrum der Verzweiflung der Welt. Hier gab es für das bloße Auge nichts zu sehen als blanke Not auf Leben oder Tod. Von dem ausgebleichten Boden war auch noch die letzte Glasscherbe aufgelesen worden, die sich vielleicht als Schrott verkaufen lassen könnte. Der Eindruck der Trostlosigkeit wurde vom Gestank verstärkt – eine Mischung aus den Dünsten des Öls, das die Menschen in ihren Hütten als Brennmaterial verwendeten, und des Urins und der Fäkalien aus ihren unterernährten Körpern. Doch ich wusste genau, was mein Vater dachte. Da stand er, trotz der drückenden Hitze im Anzug, die Schuhe schmutzig. Er zog sich immer gut an, denen zu Ehren, die wir besuchten, welche ihrerseits auch ihre beste Kleidung trugen, um uns gute Gastgeber zu sein. Jetzt zeigte er auf das Stück Land. „Ich sehe Folgendes“, sagte er und legte eine detaillierte Vision für das neue Schulgelände dar. „Der Esssaal – hier“, sagte er. „Der Schulhof – genau da.“ Jede Geste wies auf eine bestimmte Stelle. Jede bedeutete eine genau beschriebene Verbesserung. Ich konnte es alles sehen. Sein Gesicht leuchtete vor Freude. Er war in seinem Element: Dies war mein Vater in Höchstform. Die Not, die er in der überfüllten Schule wahrgenommen hatte, war ihm in dem Moment, wo er alles sah, klar geworden, und sofort hatte sich eine Vision gebildet. Diese Kinder hatten ein Gebäude mit Klassenräumen, jetzt brauchten sie einen Platz zum Spielen und Essen, und ihre Lehrer brauchten Hilfe. Bevor wir an jenem Nachmittag den Slum im Mathare-Tal verließen, machte Dad per Handy einen Anruf und gab die Pläne, die er im Kopf hatte, durch, sodass sie gezeichnet werden könnten.
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Es war nicht das erste Mal, dass mein Vater mir zeigte, was er träumte. Im Jahr 1973, als ich Teenager war und unsere Familie in Dallas wohnte, nahm mich Dad dann und wann auf seine Wochenendfahrten Richtung Osten mit, wo in der Nähe von Tyler die texanischen Kiefernwälder beginnen. Diese Fahrten waren für ihn erholsame Pausen zwischen seinen Predigtreisen, langen Touren, die ihn kreuz und quer durch das Land führten, von Großstadtstadien zu kleinen Landkirchen, auf denen er vor zehntausend oder nur ein paar Dutzend Zuhörern predigte; Reisen ins Ausland, wo er in Fußballstadien riesengroße Menschenmengen und in selbstgebauten Slumkirchen kleine Versammlungen ansprach. An einer bestimmten Stelle verließ er die Interstate 20 Richtung Norden und folgte einer kurvigen Landstraße meilenweit durch Eichen- und Magnolienwäldchen. In einer Kurve bog er rechts auf einen kurzen Schotterweg ab und folgte einem Lehmpfad, der ein ausgedehntes Grundstück teilte. In den holperigen Spuren, die ein Pickup hinterlassen hatte, lenkte er den Wagen zum größten Hügel weit und breit. Schließlich parkte er an der höchsten Stelle und stieg aus. Auf dem Weg zum Rand des Hügels achtete Dad darauf, dass ich aufmerksam zuhörte, hob den Arm, zeigte auf etwas und sagte: „Ich sage dir, was ich sehe.“ Bei jenen Ausflügen nach Osttexas stellte er sich eine Leiterakademie für diejenigen vor, die das Teen-Challenge-Programm erfolgreich durchlaufen hatten. Dieses Drogenrehabilitationsprogramm hatte er dreizehn Jahre zuvor gegründet. Von einer solchen Art Rehabilitation hatte man bis dahin noch nicht gehört gehabt. Es gab nur zwei Zentren in den USA, die Abhängige behandelten – eines war Teil einer Psychiatrie, das andere ein Flügel in einem Bundesgefängnis. Das zeigt deutlich, wie die Welt damals über Abhängige dachte. Teen Challenge nahm der Sucht nicht nur das Stigma, Teen Challenge wurde auch bekannt für seine Heilungsrate von 86 Prozent: die weltweit mit Abstand erfolgreichste. Der Einfluss von Teen Challenge hatte sich auf andere Kontinente ausgedehnt, sogar in kommunistische Nationen, deren Drogenprobleme zur gesellschaftlichen Seuche geworden waren. Regimeführer wollten das Programm unbedingt einführen, obwohl ihnen bewusst war, dass es seine Kraft aus dem Glauben an die Macht Christi bezog, Menschen an Leib und Seele zu befreien. 17
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„Die Wirksamkeit seiner Predigten in Polen grenzte an ein Wunder“, schrieb McCandlish Phillips, ein berühmter Reporter der New York Times. Er spielt auf die historische Reise meines Vaters im Jahr 1986 an, als die Bürgerproteste in dem kommunistischen Land auf dem Höhepunkt waren. „David sprach sehr schlicht, direkt aus der Heiligen Schrift – in Hallen, Auditorien und Arenen vor jungen Leuten, die mit Bussen dorthin gebracht wurden. Die Kraft seiner Predigt war atemberaubend. Darüber musste einfach berichtet werden!“ Phillips selbst, ein bekannter Mann in der Redaktion der Times, wurde von seinesgleichen wie Pete Hamill, Gay Talese und David Halberstam geschätzt. Zehn Jahre lang schickte dieser engagierte Christ seinen Redaktionsleitern Memos, bis ihm schließlich gestattet wurde, einen Artikel über den erstaunlichen Erfolg des glaubensbasierten Drogenausstiegsprogramms zu schreiben, das „ein weitreichendes Phänomen geworden war“. Phillips wusste, dass dieses Phänomen von nichts anderem abhing als der Kraft der Liebe Gottes, die sich den unlösbarsten Problemen der Welt zuwandte. Die Visionen meines Vaters hatten nicht nur mit der Erschließung und Veränderung von Grundstücken zu tun. Er malte sich aus, wie Menschenleben verändert wurden. Auf diese Vision ließ er sich in einer Weise ein, die heute schwer nachvollziehbar ist: Er, ein naiver, in Gesellschaft eher gehemmter, weißer Pfingstprediger aus einer Kleinstadt, wagte sich in den späten 1950er-Jahren allein auf das Territorium der Gangs in der New Yorker Innenstadt. Doch mein Vater war der Überzeugung: Wenn Gottes Liebe keine unmöglichen Orte erreichen und nichts Unmögliches tun konnte – wie real war sie dann? Es gab Tausende Gemeinden in New York, als mein Vater dort eintraf. Viele dieser Kirchen hatten Angst, in ihre eigene Nachbarschaft zu gehen, weil sie um die Sicherheit ihrer Leute fürchteten. „In einem Sommer haben wir vierzig junge Leute an Bandenkriege verloren“, sagt Dick Simmons, der heute Direktor der Men4Nations ist, damals jedoch Pastor in Brooklyn war. Was mein Vater auf jenen gefährlichen Straßen tat, hatte einen transformierenden Effekt auf die Kirche als gesellschaftliche Kraft. „Seine Aktionen waren extrem prophetisch, sie waren am Puls der Zeit“, sagt der Kirchenhistoriker Vinson Synan. Diese Aktionen 18
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brachten hervor, was Billy Graham eine der herausragendsten Bekehrungen des zwanzigsten Jahrhunderts nannte. Er spricht von Nicky Cruz, dem Bandenführer, dessen Begegnung mit Jesus durch den Besteller Das Kreuz und die Messerhelden Generationen ins Gedächtnis gebrannt ist. Nicky war unter den New Yorker Polizeireportern bekannt gewesen. Seine Wandlung demonstrierte Millionen Lesern, was man aus Dads anhaltend erfolgreichem Buch erfährt: Gott kann jeden verändern. Gott kann jeden gebrauchen. Und Gott will Sie. Den Blick fest auf die osttexanische Landschaft geheftet, beschrieb mir mein Vater detailliert, was er sah: ein Graduiertenprogramm für „wiederhergestellte“ junge Männer und Frauen, die Führungsqualitäten aufwiesen. Er dachte nicht nur an Leiter für Teen-Challenge-Zentren. Er stellte sich alle möglichen Arten von Diensten vor – Stadtmission, Übersee-Mission, Innenstadtgemeinden – mit jungen Leitern, die aus den ganzen Vereinigten Staaten stammten und in die bedürftigsten Gebiete der Welt gesandt würden. Er wies auf ein Wäldchen und sagte: „Dort werden wir Heime für die Mitarbeiter bauen, die als Ausbilder kommen. Die Hauptbüros werden wir da drüben hinstellen. Dort soll eine Sporthalle hin. Das Lagerhaus für die Bücher des Dienstes wird an der Straße liegen, damit Lastwagen rückwärts anfahren können.“ Innerhalb von drei Jahren war genau das, was mir mein Vater bei solchen Wochenendtouren beschrieben hatte, Wirklichkeit geworden – und exakt so, wie er es vor sich gesehen hatte. Die Gebäude stehen heute so da, wie er sie beschrieben hatte. Doch das wirklich Erstaunliche daran: Er sah alles schon vor sich, bevor ihm auch nur das Land gehörte. So etwas passierte immer wieder. Über ein Jahrzehnt später machte er eine legendäre Familie von Broadway-Regisseuren neugierig, als er ihr Vorzeige-Theater am Times Square als Kirchengebäude kaufen wollte. Vor ihnen stand ein Pfingstprediger, der seit Jahren in Texas auf dem Lande gewohnt hatte. Eineinhalb Jahre später überschrieben genau die Regisseure mit ungläubigem Kopfschütteln das Mark-Hellinger-Theater, das nun die Times Square Church beherbergen sollte, eine Gemeinde, in der sich die Armuts-Gerüche der Obdachlosen mit den vornehmen Parfüms von Hedgefonds-Managern mischten, wo Tony-prämierte Schauspieler im Gebet die Hände von Crack-Süchtigen 19
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halten. „The Church That Love Is Building“, steht über dem Eingang, etwa: „Die Kirche, die aus Liebe gebaut wird“. „David machte Sachen, die niemand anderer machen konnte oder die niemand anderem auch nur eingefallen wären“, sagte McCandlish Phillips. Er war mit meinem Vater befreundet und wusste, dass Dad die dreifältige Gabe eines Visionärs besaß: Er konnte vor seinem inneren Auge sehen, was nur wenige andere, wenn überhaupt jemand, sehen konnten. Er hatte den festen Glauben, dass zustande kommen würde, was er sich vorstellte. Und er besaß die Fähigkeit, den Antrieb und das Gottvertrauen, es zu initiieren. Wie mein Onkel Jerry, Dads jüngerer Bruder, sagt: „Er konnte etwas ins Auge fassen und sehen, was es in fünf Jahren sein würde.“ Auch in Menschenleben konnte er das sehen.
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Dad und ich waren nach einer Pastorenkonferenz, die sein Werk World Challenge in Nairobi veranstaltete, in den Slum ins Mathare-Tal gefahren. Nach einer Konferenz nahm Dad sich immer Zeit, um die Dienste zu besuchen, die wir vor Ort unterstützten. Die Konferenzen selbst sind darauf ausgerichtet, Pastoren in ihrer schwierigen Arbeit zu ermutigen, besonders in ihrem Dienst an den Armen. Die Veranstaltungen sind immer kostenfrei, weil die Pastoren oft selbst arm sind. Wir geben vielen zu essen; manche kommen von weit her, um teilzunehmen. Dad begann, diese Konferenzen zu veranstalten, nachdem er selbst mehrere Jahre Pastor gewesen war. Er hatte seine Mitarbeiter in der Times Square Church instruiert: „Ich weiß, dass es in den Slums in aller Welt Pastoren gibt, die in großer Not sind und Ermutigung brauchen. Geht und sucht sie.“ In seinem letzten großen Projekt praktischer Evangeliumsarbeit reiste er nun um den Globus, um ihnen persönlich zu dienen. In einem Zeitraum von fünf Jahren besuchte er sechzig Länder. Am letzten Tag der Konferenz sahen wir einen prachtvollen Volkstanz von den Massaikriegern Kenias, die für ihre erstaunlichen Sprungfähigkeiten berühmt sind. Sie hatten ihren Tanz auf Bitte des Vizepräsidenten Kenias aufgeführt, der an jenem Tag mit uns im Ballsaal des Hotels auf der Bühne war. Als die Massai ihren Tanz beendet hatten, machte ich Dad auf jemanden in der Menge aufmerksam, deren 20
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Geschichte ich gerade gehört hatte. „Sie ist eine Missionarin, die ein Waisenhaus führt“, sagte ich ihm und wies auf eine Frau, die einen Dreijährigen im Arm hielt. „Diesen Jungen hat sie aus einer Mülltonne gerettet.“ Der kleine Samuel, so hatte man mir gesagt, war als Baby zum Sterben ausgesetzt worden. Augenblicke später war mein Vater auf dem Podium. „Bevor wir beginnen: Hier gibt es einige Würdenträger, die Sie kennenlernen möchten“, sagte er. „Es sind wahre Weltveränderer, Menschen, von denen man noch hören wird.“ Aller Augen wandten sich dem Vizepräsidenten des Landes und den Bischöfen der Kirche zu. Doch Dad sagte: „Ich möchte Ihnen Samuel vorstellen.“ Er bedeutete der Missionarin, den Jungen zur Bühne zu bringen, und nahm das Kind in die Arme. „Dies ist Samuel“, sagte er lächelnd. „Gott rettete ihn aus einem Müllhaufen. Er wird ein großer Mann Gottes in Ihrem Land werden.“ Einer nach dem anderen standen die Pastoren auf und der Lobpreis brach aus ihnen hervor. Ich warf einen Blick auf Kenias Vizepräsidenten. Tränen rollten ihm über die Wangen. Ich konnte seine Gedanken lesen: „Genau das muss unser Land hören. Ja, dies ist ein Sohn Kenias!“ Mein Vater hatte eben gegen das Protokoll verstoßen. Es hätte sich gehört, die gesellschaftlichen Würdenträger anzuerkennen, doch keiner im Raum dachte so, auch nicht der Vizepräsident. Gottes Realität war hereingebrochen. Der Blickwinkel Christi hatte alles in ein anderes Licht gerückt. Es war derselbe Blickwinkel, in dem mein Dad Nicky Cruz zum ersten Mal gesehen hatte, mit einer Vision dessen, was aus seinem elendig kaputten Leben werden könnte. Was mein Vater in jenem Moment tat, war für ihn nichts Ungewöhnliches. Es passte zu dem, wie er immer gelebt hatte. Aus Gründen, die er nur selber kennt, lehnte er jede Einladung eines US-Präsidenten ins Weiße Haus ab, aber er fuhr während einer Evangelisationstour Hunderte von Meilen Umwege, um eine unbekannte Ordensfrau zu treffen, die etwas über Jesus geschrieben hatte, was ihn bewegte. Immer sah er die Welt und seine Mitmenschen im Blickwinkel der Ewigkeit.
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Mein Dad sah nicht nur, was viele von uns nicht sehen können. Er disziplinierte sich, zu sehen, was die meisten von uns nicht sehen wollen. Er zwang sich, zu Heroin-Fixertreffs zu gehen, um Zeuge dessen zu sein, wovor die Welt die Augen verschloss: geknechtete junge Leute, die sich sehenden Auges selbst umbrachten. Jahre bevor säkulare Kommentatoren den Wandel in der Gesellschaft erkannten, sah er voraus, dass dieselben tödlichen Drogen in die Mittelklasse-Vororte eindringen würden. Er sah voraus, wie das Leben einer gelangweilten Generation, die ihnen erlag, in fünf Jahren aussehen würde, und war wieder zu Tränen bewegt. Er rief die David Wilkerson Youth Crusades ins Leben, um diese Generation mit Gottes Liebe zu erreichen, bevor Verzweiflung, Sucht und Selbstmord ihrer habhaft wurden. Diese tödliche Entwicklung hatte er schon in den Ghettos der Städte mitangesehen. Man vergisst leicht, welche Kultur in jener Zeit herrschte, wie misstrauisch junge Leute beäugt wurden. Damals hieß es: „America: Love it or leave it.“ Jeder Junge, dessen Haar bis über die Ohren reichte, wurde als rebellisch angesehen. Dasselbe galt für Mädchen im Minirock. Dad kümmerte sich um alle, ebenso wie er Gangmitgliedern und Drogensüchtigen nachgegangen war – nicht nur, um sie zu retten, sondern weil er in ihnen Gottes beste Evangelisten sah. Sein Glaube half ihnen, ihr Selbstbild zu verändern – dass sie sich als Objekt der ewigen Liebe und nicht Objekt der Verachtung sahen. Dads Vision für Menschen weckte auch ihren Glauben. Er predigte, dass durch unvollkommene Menschen Übernatürliches geschehen könnte, wenn sie sich Gott zur Verfügung stellten. Im Verlauf von zwei Jahrzehnten bewegte diese Botschaft ungezählte Mengen an Menschen, ihr Leben Jesus anzuvertrauen. Während der klassischen Ära der evangelistischen Großveranstaltungen nahmen viele Amerikaner Jesus als ihren Retter an. Bei den Crusades meines Dads wurden sie zu mehr bewegt: nicht nur, Gott ein gläubiges Herz zu opfern, sondern zu einem Leben im aufopfernden Dienst. „Er war immer weit voraus“, sagt Dallas Holm, der bekannte Musiker und Songwriter, der über zehn Jahre lang vollzeitlich mit meinem Dad unterwegs war. „Ich glaube nicht, dass er wusste, wie progressiv er 22
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war. Seine Botschaften in den Crusades behandelten immer etwas sehr Relevantes in Bezug auf die Kultur, ein spezifisches, einzigartiges Thema, das jeder vor Augen hatte – Drogen, Selbstmord, Musik, aktuelle Themen. Ich habe erlebt, wie Pastoren relevant sein wollen – man weiß ja, wie das geht –, er aber hatte wirklich Autorität. Es gibt Menschen, die gewichtig wirken, weil sie alle Informationen lesen. Aber Brother Dave lebte mitten drin. In Kalifornien passierte so viel – die größten Gottesdienste, all die Hippies, die sich bekehrten –, dass er mit uns allen, seinem gesamten Werk, von New York nach Kalifornien umzog. Er sagte: ‚Wir müssen dabei sein. Dort ist der Dienst, den Gott für uns hat.‘ Deshalb war er so relevant – er las nicht nur darüber, er ging hin.“ Fünf Jahre lang hatte mein Vater großen Einfluss auf die Jesusbewegung, indem er bei einer Reihe einflussreicher Jugendrallyes von Ralph Wilkerson (keine Verwandtschaft) in Südkalifornien predigte. „Melodyland Theatre fasste 3.200 Leute, und bei den Gottesdiensten war es voll“, bemerkt David Patterson, der erste vollzeitliche CrusadeDirektor meines Dads. „Gottes Überführung war in diesen Versammlungen so stark, dass die Jugendlichen nicht aufstehen konnten, wenn sie auf die Einladung von Brother Dave, nach vorn zu kommen, reagieren wollten. Sie waren wie an ihren Sitz gefesselt. Die Ordner mussten sie hochnehmen und zum Altar tragen. Es war die erstaunlichste Veranstaltungsreihe, die ich je gesehen habe. Hunderte und Aberhunderte von Jugendlichen wurden gerettet. Alle drei Monate fand die Rallye im Anaheim Convention Center statt, das achttausend Plätze hatte, und auch das war bei den Versammlungen voll besetzt. Nirgends in Amerika geschah etwas Vergleichbares. Manch einer der frühen Pioniere ist der Meinung, dass diese Versammlungen den wesentlichen Impuls für die Geburt der späteren Jesusbewegung gaben.“ Ein Relikt aus dieser Ära berührt mich. Mein Dad hatte ein Buch geschrieben, Purple Violet Squish. „Purple violet squish“, purpurviolette Matsche, war die Vorstellung, die ein Jugendlicher im Drogenrausch von Gott hatte. Ein Exemplar trug auf der ersten Seite den Namen der Besitzerin, „Mrs. Powell“. Sicher handelte es sich um eine Mutter, die ihr Kind verstehen wollte. Dad war nicht nur ein Fürsprecher für junge Leute, er war auch ein treuer Übersetzer ihrer Erfahrungen für 23
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ihre besorgten Eltern. Er sah, welche Sorgen sich die Menschen wegen der Probleme ihrer Kinder machten, und er war ihnen ein mitfühlender Freund. Er forderte sie auch heraus, so wie er ihre Kinder herausforderte, dass Gott in allem zu trauen war. Seine Direktheit gewann das Vertrauen beider Generationen. Das ist eine weitere häufig übersehene Rolle meines Dads: Er war ein wissbegieriger Reporter. Immer wenn er an die Front ging, berichtete er ehrlich von dem, was er gesehen hatte. Und er beschönigte nichts; er sagte geradeheraus, wie es war. Im Jahr 1959 nahm er seinen jüngsten Bruder, Don, zu einem Heroin-Fixertreff mit, um die süchtigen Teenager zu filmen. Dad war überzeugt: „Die Gemeinden werden uns nicht glauben, wenn wir ihnen nicht zeigen, was geschieht.“ Er hatte recht. Als sie Teenage Drug Addiction auf die Leinwand brachten, den Film, in dem gezeigt wird, wie Süchtige Nadeln in ihre vernarbten, fleckigen Arme stechen, fielen Zuschauer in Ohnmacht.
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Auch in anderer Hinsicht sah er die Christen „in Ohnmacht fallen“: Er sah, wie die Kirche daran zugrunde ging, dass sie nicht treu zu Grundlehren des Evangeliums stand. Eine „fett werdende“ Kirche rief er mutig zur Rechenschaft – nicht urteilend, sondern weil er sich die Schönheit der Braut Christi vorstellte, wie sie Gerechtigkeit für die Armen erwirkt. Wieder und wieder schrieb er über diese Braut und war selbst ein Vorbild im Einsatz für Gerechtigkeit. Lange vor dem Kabelfernsehen sah er kleine schwarze Boxen auf Fernsehgeräten voraus, durch die Pornografie in die Wohnzimmer eindringen würde. Im Jahr 1973 veröffentlichte er diese Voraussage in seinem kontrovers aufgenommenen Buch Die Vision. Heute, wo geschätzt fast die Hälfte aller Pastoren online Pornografie konsumieren, und zwar durch kleine schwarze Boxen, die Signale aus dem Internet ausgeben, ist es schwer zu verstehen, warum er je abqualifiziert wurde. Um ehrlich zu sein, ich fühlte mich mit der prophetischen Rolle meines Dads nie so ganz wohl. Ihm ging es genauso. Ich bin in vieler Hinsicht ganz anders als mein Vater – in Bezug auf Temperament, Be24
Der Mann, der glaubte
gabungen und Persönlichkeit –, aber die prophetische Rolle, die mein Dad spielte, ist eine, die ich respektieren gelernt habe. Er selbst wollte nie ein Prophet sein. „Das will keiner, der es wirklich ist“, sagt der Kirchenhistoriker Stanley Burgess, der meinem Dad in den frühesten Tagen seines Diensts begegnet ist. Wenn mein Vater Böses in der Welt sah, dann stellte er nie die Frage, warum das Böse existierte, sondern er unternahm etwas dagegen. „Ihr könnt nicht alles tun“, sagte er uns immer, „aber ihr könnt etwas tun.“ Er tat mehr als seinen Anteil. Er ging in jedes Krisengebiet, in das er gehen konnte – Ghettos, Gefängnisse, arme Länder, die nur wenige Evangelisten besuchten – und startete dort Hilfsprogramme. „Halte Ausschau nach den Armen“, empfahl er jedem jungen Pastor, der seinen Rat suchte. „Hilf denen, die nichts für dich tun können. Und dann erlebe, wie Gott dich segnet.“ Durch seine Schriften war er ferner Pastor für Millionen. Er hat über vierzig Bücher geschrieben, jedes mit einer dringlichen Botschaft – über Leid, über Selbstmord, über ein Christentum ohne das Kreuz. Seine monatlichen Rundbrief-Botschaften waren für Christen in einer der schwierigsten Zeiten für die Kirche – und für Amerika – ein Rettungsseil. Irgendwann erreichten seine Rundbriefe über eine Million Adressen von seiner Liste, mit einer geschätzten tatsächlichen Leserschaft weit drüber. Doch nicht nur Bücher und Rundbriefe schrieb er. Mit seinen Antworten an Menschen in großen Schwierigkeiten, die ihm schrieben, leistete er Bedeutendes. Er diktierte im Lauf der Jahre Tausende Briefe – an Gefangene, Einsame, Witwen, Geisteskranke, besorgte Eltern und Kinder mit Problemen. Er schrieb so, als würde er sie kennen und wäre direkt bei ihnen, mitten in ihrem Schmerz. Ich vermag unmöglich zu sagen, wie viele Menschen mir begegnet sind, denen Dad geschrieben und denen er persönlich ein spezifisches Wort gegeben hatte, das ihr Leben veränderte. Doch in allem, was er nach Das Kreuz und die Messerhelden veröffentlichte, erzählte Dad nie viel über sich selbst. In seinen letzten Jahren unternahm meine Tante Ruth, die selbst Autorin ist, alles ihr Mögliche, 25
David Wilkerson
um ihn dazu zu drängen, über sein Leben nachzudenken. Sie schenkte ihm einen Stapel Briefblöcke, die so liniert waren, wie er es besonders mochte, so, wie er sie für seine liebsten Schreibaufgaben – Predigten – verwendete, aber er rührte sie nicht an. Mein Vater fühlte sich wohl in seiner Haut, behaglich in dem, wer er war, aber seinem eigenen Leben schien er nicht viel Aufmerksamkeit zu widmen. Auf dem Heimflug von Nairobi wunderte ich mich, dass er ein Exemplar von Das Kreuz und die Messerhelden aus der Tasche zog. Er bemerkte mein Erstaunen. „Das habe ich vor Kurzem gelesen“, witzelte er. „Mann, war ich ein toller Typ.“ Er selbst fand in dem Buch nicht den jungen, enthaltsamen Prediger, der das erste erfolgreiche Drogenrehabilitationsprogramm der Welt gegründet hatte. Doch die Geschichte sah in meinem Dad ganz deutlich einen mutigen, fortschrittlichen und unerschrockenen Sprecher für Gott. „Er war ein Visionär“, sagt Stanley Burgess, „ein Mann nach dem Herzen Gottes, der dem Geist direkt folgte und ein Wiederaufleben des sozialen Bewusstseins auslöste.“ Vinson Synan fügt hinzu: „Er war eine der Persönlichkeiten in der pfingstlichen und charismatischen Geschichte, die am meisten Veränderung bewirkt haben.“ Dennoch fragte Dad irgendwann seine vertrauten Freunde: „Die Leute sagen, ich wäre berühmt. Denkt ihr, dass ich berühmt bin?“ Täuschen Sie sich nicht, mein Vater wusste ganz genau von seinem Ruf. Doch er meinte seine Frage ernst. Was er eigentlich kommunizierte, war: „Ich bin unsicher, wie Gott mich sieht.“ Zu seinen verletzlichsten Zeiten fragte sich mein Vater, ob er überhaupt von Gott geliebt war. Er stellte nicht die Güte des Herrn infrage. Er hatte keine Schwierigkeiten mit der Frage, warum es das Böse gab. Er fragte sich nicht, warum es Leid gibt. (Und seine Familie litt so viel wie jede andere. Aufgrund einer genetischen Anomalie erkrankten sowohl meine Mutter als auch meine beiden Schwestern, eine Nichte und jetzt auch ein Neffe schwer an Krebs.) Mein Vater fragte sich ganz einfach sein Leben lang, ob Gott ihn liebte. Es war eine Frage, die er zumeist für sich behielt. In Kindheit und Jugend hatte er traumatisierende Aspekte einer Theologie mitbekommen, die zu Werkgerechtigkeit, Gesetzlichkeit und manchmal Angst neigte. Auch wenn sein Verstand von der 26
Der Mann, der glaubte
Freiheit in Christus wusste, war etwas in ihm, was ihm dennoch das Gefühl gab, er müsste schwer arbeiten – nichts, was er tat, reichte, es wäre mehr erforderlich, um auszufüllen, was seiner Gerechtigkeit in Christus fehlte. Mein Onkel Don, der jahrelang an Dads Seite gearbeitet hat, beobachtete: „David hatte viel Gnade für andere Menschen, aber für sich selbst konnte er sie nicht immer annehmen.“ Anders als manche anderen Väter, die Pastoren sind und auf diesem Gebiet zu kämpfen haben, legte mein Dad diese Bürde nie auf uns, seine Familie; er trug sie ganz selbst. Doch indem er diese Schlacht allein kämpfte, hielt mein Dad einen wichtigen Teil seiner selbst von uns fern. Es war ein Teil, den wir dringend gebraucht hätten, wie im Rückblick klar wird. Deshalb trauern meine Geschwister und ich immer noch, über zwei Jahre nach seinem Tod, über den Verlust und wünschen immer noch, wir hätten einen Teil von ihm, den er lieber von uns fernhalten wollte. (Ich nehme mir nicht heraus, hier für meine Geschwister zu sprechen. Ihre Beiträge in diesem Buch haben sie selber beigesteuert. Wie Kinder von anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens müssen auch wir dafür Sorge tragen, dass wir das von unserem Vater behalten, was uns allein zusteht. Die Söhne und Töchter von Bürgerrechtlern äußern sich ähnlich. Sie verstehen, was ihr Vater tat und warum es wichtig war und dass sie ihn im Grunde mit der Welt teilen mussten. Aber trotz dieses Verständnisses sagen manche, sie hätten immer noch das Gefühl, etwas Grundlegendes sei ihnen weggenommen worden, und wenn sie die Wahl hätten, würden sie es nicht wieder hergeben.) Viele waren sehr erstaunt, als sie von der lebenslangen Schwierigkeit meines Vaters erfuhren. „Ich predige heute viel über die Liebe Gottes“, sagt Bob Phillips, der mit meinem Vater gemeinsam Pastor in der Times Square Church war. „Die Grundlage dafür ist das, was ich in seinen Jahren als Pastor von ihm gelernt habe, nicht nur von seinen Predigten, sondern von dem, wie er glaubte und lebte.“ Wie so viele andere, die eng mit ihm zusammengearbeitet haben, wäre Bob nie darauf gekommen, dass ganz tief in meinem Vater dieser Kampf stattfand. Von außen würden die, die verstehen, wie die Jugend meines Dads war, sagen, er hätte keine Chance, diesen Kampf zu gewinnen. Doch es ist bezeichnend für meinen Vater, dass er sich vor Jahren selber 27
David Wilkerson
auf den Weg gemacht hat, Dinge in seinem Inneren zu korrigieren. Damals, in den Achtzigern, reiste er noch häufig als Evangelist in der Welt umher. Doch seine eigene Seele war trocken; er war es müde geworden, immer dieselben Botschaften vor den Zuhörern auf Crusades zu predigen. Zwischen den Veranstaltungen begann er einen Stapel Bücher zu lesen, die ihm ein aufmerksamer und verständiger Freund gegeben hatte, der Autor und Prediger Leonard Ravenhill. Es handelte sich um Klassiker, die die Jahrhunderte überdauert hatten, die meisten von Puritanern verfasst, deren Namen viele von uns nie gehört haben. Als mein Vater sich nun tiefer in diese Schätze einarbeitete, öffnete sich sein Herz für eine neue Offenbarung Christi. Die Gnade erwachte in ihm und wurde lebendig, wie er es noch nie erfahren hatte. Die alten Bücher bewegten ihn, die Heilige Schrift noch einmal von Anfang bis Ende zu lesen, diesmal mit einem neuen Verständnis des Evangeliums. Als er die Fülle des vollendeten Werkes Christi erforschte, erfuhr er Freude. Gegen Ende seines Lebens vertraute mir mein Vater an, dass er immer noch Schwierigkeiten habe, wirklich zu wissen, ob er geliebt war. Er konnte die emotionalen Spinnweben nicht völlig abstreifen, begriff aber das Werk, das Jesus für ihn vollbracht hatte, immer mehr. In meinem letzten Gespräch mit ihm erzählte er mir, wie tief er nachgeforscht habe, wie er jede Seite in jeder Schrift, die er über das herrliche Thema der Bundesgnade Gottes finden konnte, suchend durchgelesen habe. Und dennoch konnte ich in seinen Augen sehen, dass er sich nach mehr sehnte. Noch immer gab es Dinge, die er wissen wollte über die Tiefe und Breite des vollendeten Werkes Christi. Damals drängte er mich, in meiner eigenen Suche zu dem Thema tiefer zu graben, nicht zufrieden zu sein, sondern weiter zu gehen. Es war, als würde er sagen: „Ich war ein Spätzünder. Ich möchte, dass es dir besser geht. Ich möchte, dass es meinen Enkeln besser geht. Ignoriere diese Wahrheit nicht. Wenn du sie jetzt begreifst, kann es dir Jahre ersparen. Siehst du, mein Sohn?“ Einige Wochen nach der Beerdigung meines Vaters schickte mir mein Schwager das letzte Buch, das Dad auf seinem Schreibtisch aufgeschlagen liegen gelassen hatte. Es war ein Klassiker von Thomas Brooks. Fast jede Seite war unterstrichen und markiert, und jedes freie Stück Rand war mit Kommentaren vollgeschrieben. Das war mein Va28
Der Mann, der glaubte
ter, fast achtzig Jahre alt – nach fünfundsechzig Jahren im geistlichen Dienst: immer noch voller Sehnsucht, immer noch voller Staunen über das herrliche, schöne Evangelium Christi, das nicht müde wird zu bezeugen, wie sicher wir sind in Christus. In dieser Hinsicht war mein Vater wie Paulus. Je mehr er erreichte, desto geringer schätzte er sich selbst ein. Anfangs ging Paulus von Stärke zu Stärke in seinen Erfolgen für das Evangelium. Im Jahr 55 schrieb er der Gemeinde in Korinth, er sei nicht geringer als alle anderen Apostel. Zwei Jahre später klang das in seinem Brief an die Epheser schon ganz anders: „Ich bin der geringste von allen Heiligen“. Und in seinem letzten bekannten Brief schrieb Paulus schließlich: „Ich bin der erste der Sünder.“ Das war mein Vater. Im Anfang seines Dienstes war David Wilkerson ein junger Enthusiast mit einer Mission, der für Christus großen Eindruck in der Welt machte. Später, als er seine eigene Zerbrochenheit genau sah, erkannte er: „Ich bin in allem von Gott abhängig“, und war anderen in ihrem Leid eine echte Ermutigung. Am Ende seines Lebens, mitten in seinem qualvollen Bemühen, die Liebe zu erkennen, behauptete er: „Ich kann nichts tun. Er macht es alles. ‚Es ist vollbracht.‘“ Und da begann Gott in meinem Vater zu wirken. Ich will Ihnen erzählen, was ich sehe.
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Teil 1
Vision David Wilkerson erkannte einmal: „Es geht nicht um mein Wissen oder meine Erfahrung. Wenn wir alle Gott vertrauen, kann alles Mögliche passieren.“ Und das ist ja auch geschehen. Was in Das Kreuz und die Messerhelden erzählt wird, ist keine Fantasy. Es ist die Geschichte eines realen Mannes, der eine Zeitschrift aufschlug, fühlte, dass Gott ihn um einiger Teenager willen, die des Mordes angeklagt waren, in ein New Yorker Gericht leitete und über den man sich schließlich mit seinem Foto in der Zeitung lustig machte. Das hätte sich niemand so ausdenken können außer Gott. Es ist beinahe komisch. Es ist, als wolle uns der Herr eine illustrierte Predigt halten: „Bringen wir diesen schmächtigen Weißen nach Harlem. Lassen wir diesen Autodidakten zu einem prophetischen Intellekt werden. Machen wir aus diesem Kerl, der aus armen Verhältnissen stammt und sich in Gesellschaft unwohl fühlt, jemanden, der Multimillionen-Dollar-Immobiliengeschäfte verhandelt, und zwar ganz allein, ohne hochkarätige Anwaltskanzleien im Rücken. Wir wollen sehen, wie anders ich ihn machen kann als die, denen man Erfolge zutrauen würde.“ In all diesen Dingen hatte David Wilkerson nichts, was für ihn sprach. Er wollte nur handeln, wenn er spürte, dass Gott ihm etwas sagte. Seine Furchtlosigkeit stand in direktem Verhältnis zu seinem Gottvertrauen. Dallas Holm
1 Auf den beiden Seiten eines Hügels
Irgendwer aus der Familie müsste noch irgendwo ein altes Tonband aus dem Jahr 1958 in der Garage haben. Es ist die Aufnahme meines Großvaters, der in seiner kleinen Assemblies-of-God-Gemeinde in Turtle Creek in Pennsylvania predigt, einer sehr kleinen Stadt in dem bergigen Kohlerevier südöstlich von Pittsburgh. Als ich Teenager war, spielte mir mein Vater dieses Tonband vor. Durch die blechernen Nebengeräusche hörte ich meinen Großvater, wie er sich auf den Beginn seiner Predigt vorbereitete. „Bevor wir anfangen“, ruft er, „würde ich gerne meinen Sohn Dave und seine Familie mit ihrem neusten Familienzuwachs willkommen heißen. Voller Stolz präsentiere ich Ihnen meinen Enkel, Gary Randall Wilkerson.“ Meinem Vater machte es Freude, mir dieses Tonband vorzuspielen. Es war seine Art, eine Verbindung zwischen den Generationen herzustellen. Ich habe meinen Großvater Kenneth nie kennengelernt, er starb, bevor ich zwei Jahre alt war. Und was seine eigene Familie anging, war mein Dad kein großer Erzähler. Er redete nicht mit uns über seine Beziehungen zu seinen Eltern oder Geschwistern, zum Teil deshalb, weil es eigentlich weiter keine Familiengeschichten gab – das heißt, keine, die sich nicht um die Gemeinde oder ihre Verpflichtungen drehte. Es gab einen weiteren Grund, weshalb mein Vater nicht so viel über seine Kindheit redete. Er blickte einfach nicht sehr oft zurück. In den 33
Vision
meisten unserer Gespräche sah er stets nach vorn. Unsere Gespräche drehten sich mehr um seine Ansichten und wie er Veränderungen bewirken könnte. „Hast du bemerkt, was hier gerade in der Welt geschieht?“ „Was denkst du über diese Bewegung in der Kirche?“ „Wir werden das und das tun, dafür haben wir Glauben.“ Wenn Dad aber doch einmal über meinen Großvater Kenneth sprach, geschah das immer mit Ehrerbietung und Respekt. Er beschrieb seinen Vater – einen hochgewachsenen, dunkelhaarigen, beeindruckenden Mann, der überzeugend predigte – als weichherzig und als einen Mann der leisen Töne. Aber ich weiß, dass mein Großvater auch streng und ernst war. Diese Charakterzüge passten zu seinem Temperament, sie waren jedoch durch seine Ausbildung bei der US-Marine noch verstärkt worden. Doch sie führten auch zu einer gewissen Gesetzlichkeit – einer Betonung des äußeren Verhaltens, um Gottes Heiligkeit widerzuspiegeln –, die Teil und Last des pfingstlerischen Heiligkeitsglaubens war, dem er und meine Großmutter anhingen. Darin waren sie nicht allein. Die 1940er Jahre – in denen mein Vater Teenager war – waren generell eine strengere Zeit, und das hatte mehrere Gründe. Es herrschte Krieg und den Leuten stand der Sinn nicht nach Frivolitäten. Diese Generation hatte auch eben erst zehn qualvolle Jahre der Großen Depression durchlitten. Eine Zeitlang waren meine Großeltern auf die Güte eines Nachbarn angewiesen, um ihre Kindern zu ernähren. Doch darüber hinaus galten „geistliche“ Verbote von Weltlichem – und das waren nicht nur Filme oder Sportveranstaltungen, sondern für Leute mit der Überzeugung meiner Großeltern sogar der Besitz einer Waschmaschine. „In der Kirche hatte man Freude“, bestätigt mein Onkel Don, das Baby der Familie. Das war sicherlich wahr für seine Eltern. Wenn sie auf die Bankreihen blickten, sahen sie alle ihre fünf Kinder dort sitzen. Die Kirche war es, worauf Kenneth und Ann Wilkerson, beide emotional äußerst gehemmt, alle ihre Energien lenkten. Sie feierten zwei Sonntagsgottesdienste – mit einer Predigt am Morgen, zur Auferbauung des Leibes Christi, und einer evangelistischen Botschaft am Abend. Wenn der Tag zu Ende ging, atmete die Familie spürbar auf. „Vater und Mutter waren entspannt und locker, und alle in der 34
Auf den beiden Seiten eines Hügels
Familie sprachen aus, was sie im Sinn hatten“, sagt Onkel Don. Diese freien und unbeschwerten Abende müssen wahre Sabbate gewesen sein. Mein Onkel nennt sie im Rückblick liebevoll „die Wilkerson Jam Sessions“. „Nach einem Sonntagabendgottesdienst kamen wir alle in Pas Büro zusammen“, erinnert er sich. „Da war David mit seiner Freundin und Jerry mit seiner Freundin. Ich war damals erst ein Kind, aber diese Zeiten gehören zu den glücklichsten, an die ich mich in unserer Familie erinnern kann. Alle redeten einfach. Dann beschwerten sie sich, weil es einen Plan gab, wer den Abwasch machen und wer abtrocknen sollte. Und sie kauften sich voneinander frei. ‚Ich gebe dir einen Vierteldollar, wenn du für mich abwäschst.‘ Es war eine gute Familienzeit.“ Jeder Sohn möchte die Anerkennung seines Vaters haben, und es war kein Geheimnis, dass mein Dad, der älteste Sohn, die seines Vaters wollte. Er hätte nie irgendetwas getan, was seinen Vater enttäuschte, geschweige denn, sich je mit ihm überworfen. Aber die übergroßen Ambitionen meines Vaters für ein Leben im Dienst mussten unausweichlich mit denen seines Vaters kollidieren – und das taten sie auch. Nur einmal erblickte ich ein wenig von den tieferen Gefühlen, die mein Dad über seinen eigenen Vater gehegt haben mochte. Ich erinnere mich, dass er einmal sagte: „Er war ein Mann der Denomination.“ Damit wollte er beschreiben, nicht urteilen; Dad hätte nie schlecht von seinem Vater gesprochen. Aber ich weiß genau, welchem Winkel seines Herzens dieser Kommentar entschlüpfte – eine pochende Kammer brennender Vision und Ruhelosigkeit. Alle Träume meines Dads hatten mit dem Dienst für Gott zu tun, und diese Träume reichten so weit, wie es seine Fantasie zuließ. Was ich bis jetzt aufgeschrieben habe, ist fast alles, was mein Vater mir über seine Kindheit erzählt hat. Außerdem erzählte er noch, dass er Basketball geliebt und gemeint habe, darin recht gut zu sein. Mehr nicht. Die Vergangenheit kümmerte ihn einfach nicht. Dafür gibt es Gründe, die er für sich behielt, und andere, über die er sich meiner Meinung nach nicht ganz im Klaren war. Er wusste einfach, dass es 35
Vision
in seiner Zukunft nur darum gehen würde, Gott zu gefallen. Und er vertraute darauf, dass Gott Dinge möglich machen würde, die in der Kirchenwelt unmöglich waren.
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Die Albert Street, in der mein Vater, David Ray Wilkerson, heranwuchs, ist nicht sehr lang. Aber sie zieht sich über die Länge des Plateaus auf einem steilen Hügel oberhalb des Ortskerns von Turtle Creek hin. Oben auf jenem Hügel, in der Mitte der Albert Street, stand der Lebensmittelladen, ein kleines, schmales Gebäude, das ein einziges Eckgrundstück besetzte. Sonntags durfte man dort keine Zeitung kaufen. Aber vor dem Laden stand eine Telefonzelle, wo Männer tagsüber diskrete Gespräche führten. Mein Onkel Don war damals noch ein Schuljunge. Kam er zufällig gerade vorbei, wenn das Telefon klingelte, sagte ihm der Ladenbesitzer, er solle drangehen und die Zahlenreihe, die ihm durch die Leitung zugeflüstert wurde, laut ausrufen. Mein Onkel hatte keine Ahnung, dass er bei illegalen Wetten mitmachte. In der Nähe des Lebensmittelladens stand die Packard-Werkstatt, wo mein Vater und seine jüngeren Brüder sich die schicken Autos ansahen, wenn sie auf ihrem Weg zum Basketballfeld im Schulhof vorbeiliefen. Auch ihr Pa hatte durchaus Spaß an guten Autos, aber mit seinem Pastorengehalt konnte sich Reverend Kenneth Wilkerson nur einen Hudson leisten. Packards waren die Cadillacs ihrer Zeit. Einen Häuserblock vom Autohaus entfernt lag die Bar, an der mein Dad und seine Brüder natürlich auch vorbeigingen. Als Predigerkinder erkannten sie kaum je irgendwen, der durch diese Türen ein- und ausging. Aber eines Nachmittags überraschte sie der Anblick ihres Onkels. Frank, der Bruder ihrer Mutter aus Cleveland, kam in seiner Marineuniform aus der Bar heraus. Er war auf dem Weg, sie zu besuchen. Alle Straßen von Turtle Creek waren schmutzig, alle Fensterläden schmierig. Der Dreck kam von den verschiedenen Industrien: der Westinghouse-Fabrik, in der so viele Einwohner der Stadt arbeiteten; dem Kraftwerk unten am Fluss in der Nähe der Eisenbahngleise, den Kohlenbergwerken im nahe gelegenen Forest Hills, einem Städtchen, das ein Stück die Straße hinunter gelegen war. 36
David als Kind mit seinen Geschwistern
Gwen als Teenager
Frisch verheiratet (Pennsylvania)
Die Gemeinde in Philipsburg
Nicky und Israel von den Mau-Maus tauschen Baseballschläger gegen Bibeln
Nicky, David und Israel
Der Artikel im „Life Magazine“, der David veranlasste, nach New York zu gehen
Bibelschüler und Ehrenamtliche beim ersten „Teen Challenge“ in Brooklyn
Das Café in Greenwich Village
Erste Drogenabhängige bei Teen Challenge
David und Gwen waren fast sechzig Jahre verheiratet
Die Times Square Church am Broadway/Ecke 51. in New York
Predigt auf dem Times Square
Nicky und David gemeinsam auf der Kanzel
David predigt in der Times Square Church